M. Kruppe „Ein Abend im Frühling“

Die Idee zum jüngst (nebst unserer Printmagazine) im Eigenverlag „Edition Outbird“ erschienenen Buch „Von Sein und Zeit“ des Pößnecker Autoren und (Literatur)Veranstalters M. Kruppe sowie des Saalfelder Künstlers Stefan Jüttner erwuchs aus langen Vorplanungen M. Kruppes zu seinem nächsten Manuskript. Entstanden ist anstelle des bisher unveröffentlichten „Vom Kaff der guten Hoffnungen“ das erste Buch unter unserem Eigenlabel, und damit ein kleines, feines Konvolut mit naturalistischen, philosophischen, ebenso nachdenklichen und emotionalen wie auch gelösten Texten, die in ihrer Skepsis und stoischen Lebensbejahung zwangsläufig eine Einheit mit Stefan Jüttners surrealistisch zeitlosen, morbide suchenden oder einfach nur stillstehenden Arbeiten eingehen musste.

Einen Einblick erhalten Interessenten dieses kleinen Leseschatzes mit vorliegendem Video, in dem M. Kruppe mit „Ein Abend im Frühling“ einen seiner gelungensten Texte vorträgt. Wir wünschen viel Vergnügen!

Mozart (Umbra et Imago) | Alles, was ist – ein Frühstücksgespräch

mozart-4Bereits im September war ich mit meinem Kollegen Benjamin Schmidt und unserem Programm Sex & Drugs & LiteraTour auf Tour. Station und krönender Abschluss war dabei die Villa Oppidum Licentia, was soviel heißt wie „Stadt der Freiheit“ wie mir der virtuelle Übersetzer sagt. Gibt man die Begriffe einzeln ein, erhält man das Ergebnis „Verlassene Stadt“. Kein Geringerer als Umbra et Imago-Frontmann Mozart ist hier Herr des Hauses, das er zusammen mit der Künstlerin Madeleine Le Roy bewohnt. Im Keller der Villa veranstalten die beiden so manches und wenn man sich die tiefdüstre Einrichtung betrachtet, ist es nicht schwer zu erahnen, dass Fetisch- und SM-Partys einen Hauptaspekt bilden. Die „Gerätschaften“ allerdings waren an diesem Abend weitestgehend beiseite geräumt, ein Buffet war aufgebaut und die kleine Bühne war Podium der Lesung.

Um diese soll es aber nicht gehen an dieser Stelle, denn vielmehr darum, Mozart selbst zu Wort kommen zu lassen, denn natürlich habe ich die Gunst der Stunde genutzt, am Morgen danach, zwischen Kaffee und Brötchen, Mozart ins Kreuzverhör zu nehmen. Aus einem geplanten Interview von höchstens zehn Minuten wurde eine spannende Unterhaltung, die fast eine Stunde dauerte. Mozart, der gesprächige und intelligent-witzige Hühne plauderte, hob Schätze aus dem Boden der Erinnerung, sprach von aktuellen gesellschaftlichen Themen, von der Bedeutung von Kunst und Kultur und der Wichtigkeit, subkulturelle Bestrebungen, das, was wir den „Underground“ nennen, zu fördern und zu fordern. Zumal der Underground am Ende das ist, was die Kulturszene im Mainstream beeinflusst. Die wahre Avantgarde quasi…

Es ist ein herrlicher Septembermorgen. Wir sitzen im Gold der frühen Sonne, an einer Rehraufe, die inmitten eines parkähnlich angelegten Garten steht, nicht so groß wie Park, aber begrünt von Gesträuch, bestückt mit morbiden Skulpturen und einigen Umbra et Imago-Devotionalien.
Es duftet nach Spätsommer und Kaffee, nach Zigarettenrauch und frisch aufgebackenen Brötchen. Der Altweibersommer heizt die Atmosphäre, es ist warm und nichts erinnert daran, dass der Herbst im Anmarsch ist.
Ein bisschen zerknittert von der letzten Nacht sitzen wir also und ich stelle Mozart ein paar Fragen und lasse das Diktiergerät mitlaufen.

Moin Mozart… die Nacht war lang, aber ich habe trotzdem ein paar Fragen, auch, wenn der Tag noch jung ist. Zunächst einmal, denn das interessiert mich grundsätzlich bei Künstlern, wie bist du zur Kunst und zur Musik gekommen, wer hat dich beeinflusst?

Bei mir war das komisch. Es gibt so Menschen, die fragst du „was willst denn du mal werden?“ und dann heißt es Lokführer… Pilot und so. Ich habe von Anfang an gewusst, was ich werden wollte und hatte nur Widerständ (lacht). In der Schule hat man uns gefragt, was wir werden wollen und alle nannten ihre Traumberufe und ich sagte Sänger. Da haben alle gelacht. Das fand ich komisch, dass die meinen Beruf auslachen, bis ich eines Tages begriffen habe, dass man das nicht so ernst nimmt. Als es dann soweit war, habe ich überlegt, was ich nun machen sollte und entschied mich, Schauspieler zu werden. Ich bewarb mich in Köln an einer frisch eröffneten Schauspielschule und bekam einen Platz, aber mein Vater verhinderte das, weil er wollte, dass ich einen gescheiten Beruf erlerne. Daran scheiterte schon einmal dieser Entschluss.

Dann versuchte ich, Musik zu studieren, hatte aber auch da recht wenig Lust, also ging ich weiter nach Hamburg zu einer Musical-Schule, um da mal reinzuschnuppern. Das war das Grauen. Hauptfach Tanz und so. Und mit Musicals kann ich eigentlich sowieso nichts anfangen. Aber das war die einzige Chance, ein Musikstudium zu machen, wo du quasi in moderne Gefilde gehen kannst. So richtig ist da aber auch nichts draus geworden, ich hatte immer Kohle-Probleme. Eines Tages sagte der Jörg Eisel von Love Like Blood, der ja damals der schlaue Kopf hinter Lacrimosa und ein sehr schlauer Mensch war, zu mir: Mozart… bei deiner kranken Mucke musst du ein Label gründen. Schau mal, wenn du hier bleibst, dauert es sechs Semester, drei Jahre. Überleg mal, was du dann kannst. Nix! Du kannst weder komponieren noch dirigieren, aber hast sechs Semester studiert. Was willste denn dann machen? In die Oper gehen? Und das hat mich überzeugt.

Ich hatte damals schon mit vielen Berufsmusikern zu tun, die immer Klinken geputzt haben und irgendwann einfach verzweifelten, obwahl das richtig geniale Musker waren. Und es ist ja auch so, dass sich mit Berufsmusikern nie richtige Freundschaften entwickeln, weil du mit denen arbeitest und die arbeiten auch nur mit dir, wenn du sie bezahlst. Das war das Problem bei meinem ersten Projekt The Electric Avantgard. Wir waren eben alle Berufsmusiker, die sind fit aber das war halt alles sehr steril und das merkst du auch an den Kompositionen, die waren komplett schräg, auch, wenn das natürlich eine gewisse Professionalität hat, denn das sind ja Berufsmusker und das merkst du auch. Deswegen habe ich dann recht schnell mit Autodidakten Umbra et Imago gegründet. Das war jetzt mal wirklich sehr kurz umschrieben (lacht).

Was hat dich denn beeinflusst, gerade diese musikalische Schiene zu befahren? Welche Künstler und Bands haben dich denn auf eben diesen Weg gebracht, den du mit Umbra seit nunmehr 20 Jahren gehst?

Also die ersten Eindrücke damals zu Teenie-Zeiten, die mich geprägt haben, waren Bay City Rollers und Sweet. Ich war absoluter Sweet-Fan und kann mich nicht erinnern, dass ich später noch einmal ein Fan von etwas war. Ich habe mich auch endlich getraut, auf der neuen Platte mit Ballroom Blitz, ein Cover zu veröffentlichen. Von der Persönlichkeit her hat mich Bob Marley beeinruckt, obwohl mir Reggae anfangs gar nicht gefallen hat. Aber die Biografie hat mich sehr beeindruckt. Ich habe gemerkt, dass ich, wenn ich etwas lese, auch etwas lernen und erfahren kann über die Persönlichkeit eines Künstlers, ohne das Genre das er vertritt im eigentlichen zu mögen.

Dann haben mich natürlich die Punk- und NewWave-Zeiten geprägt, bis dann der Gothic kam. Und weil ich das gerade so erzähle: Ganz wichtig sind auch The Doors, die mich sehr geprägt haben, denn ich habe schon damals gedacht, dass das eigentlich weniger Blues, als eher Gothic ist.

Es gibt da so eine Geschichte… ich erzähl sie einfach. Damals gab es das WOM (World of Music) noch, der Laden, wo diese Kopfhörer hingen, wo du in die Alben reinhören konntest, die angeboten wurden. Gothic-Zeugs hast du damals noch eher selten gekriegt, Sisters, Cure, klar, auf Bestellung, aber ansonsten gabs da eher nichts. Ich geh so durch und sehe eine Platte von Fields of the Nephilim. Wegen des kranken Covers wurde ich darauf aufmerksam. Ich setz den Kopfhörer also auf und habe ihn nicht wieder runtergekriegt. Ich saß da, zwei oder drei Stunden komplett versunken und war völlig fasziniert, bis der Verkäufer kam und dachte, ich sei so ein Vollarschloch, das sich nur die Mucke anhört, aber nichts kauft. Er tippt mich von hinten an und pustet mich voll zu. Ich habe seinen Schwall bis zum Ende ertragen und dann völlig baff gesagt: „Ich möchte alles von dieser Band!“ (lachen). Der Typ guckt mich fassungslos an und sagt „Wirklich alles?“ Und ich so: „alles, alles!“ Dann durfte ich mit in sein Büro, er hat mir sogar die EPs noch mit bestellt und war völlig beschämt, dass er mich so angemacht hat. Alles was ich noch sagen konnte war: „Ich hatte soeben ein Schlüsselerlebnis!“ Dann habe ich mir wirklich alles von den Fields bestellt, was ich kriegen konnte und ich fand, DAS war meine Mucke. Diese Schichtmusik, wo man nicht durchhüpft, sondern durchfliegen kann. Und dann dieser Pathos-Gesang… alles was ich geliebt habe, war in dieser Mucke drin, dieses Orchestrale, dieses Bombastische, aber dann auch wieder dieses Zurückgenommene.
Das war wirklich die GANZ kurze Fassung dessen, was mich beeinflusst und geprägt hat (lacht).

Auch auf die Gefahr hin, dass die nächste Frage wieder zu einem sehr ausführlichen Exkurs führt (lachen) werde ich sie stellen. Ihr feiert ja in diesem Jahr euer 20 jähriges Jubiläum mit Umbra et Imago. Wenn du zurückblickst, Mozart, kannst du mir einen guten, wirklich herausragenden Moment der Band und einen wirklich beschissenen Moment nennen?

Nun ja, es gibt wirklich sehr viele Momente, die gut und die nicht gut waren. So richtig kann ichs nicht differenzieren. Ich kann vielleicht für mich so persönliche Höhepunkte heraus ziehen. Negativ war zum Beispiel ein Moment in der „Alten Spinnerei“ in Glauchau. Wir hatten unseren Aufbau mit Flaschenzug und die Rowdies hatten nicht richtig aufgepasst. Unser Hauptrowdy hängt sich also an den Flaschenzug, der andere zieht ihn hoch. Der am Flaschenzug schrie, weil er Höhenangst hatte, lies los und fiel zu Boden. Das Ergebnis war ein offener Bruch. Das war ziemlich scheiße. Der Knochen hing raus, er hat geblutet wie wild und alle sind auseinander gerannt. Ich dachte damals, ich kann mit Blut nicht umgehen, aber unser Drummer und ich haben ihm dann geholfen, denn zum Glück war unser Drummer ausgebildeter Sanitäter. Der Rowdy hat geschrien wie am Spieß, das muss echt höllisch weh getan haben. Na ja und am Abend stehst du dann auf der Bühne und musst spielen, das ist schon sehr, sehr unangenehm. Wir sind nach dem Gig direkt ins Krankenhaus gefahren. Das war wohl ein sehr komplizierter Bruch, denn der Typ hatte dann ein Jahr lang noch Probleme. Am Ende war es dann so, dass die Zwei sich auch noch zu streiten angefangen haben. Die Schuldfrage und so und du stehst halt irgendwie dazwischen.

mozart-2Positiv sind so Auftritte, wenn du unterwegs bist und bist total knülle und du sitzt im Tourbus. Hier passieren so viele Geschichten. Ein Bandkollege hatte die Angewohnheit, wenn er total breit war, hat er mit dir geredet, so wie ich gerade mit dir rede und hat plötzlich mitten im Satz aufgehört und dann knickte der Kopf ab und er war eingeschlafen. Es verging dann so eine halbe oder eine Stunde, wir haben ihn alle ausgelacht. Der Hammer ist, er wacht dann irgendwann wieder auf, wir sind schon zwei Stunden bei einem ganz anderen Thema und er sagt den Satz genau an der Stelle fertig, den er vor zwei Stunden einschlafend abgebrochen hat. Anfangs haben wir gar nicht begriffen, was er sagt, doch dann ist das öfter passiert. Wir haben uns dann ein Spaß draus gemacht, ihn schön breit zu machen, weil wir das immer wieder erleben wollten.

Was auch sehr schön war, in Glauchau, das ist mir auf jeden Fall in Erinnerung geblieben. Wir hatten ein neues LineUp und während der Proben mit den neuen Menschen kriegen die ja gar nicht so mit, was wir eigentlich für eine Bühnenshow haben, Und dann stehen die da und kriegen das mit. Das verarbeitet nicht jeder gleich (lacht). Und da hatte ich so eine Truppe gehabt, die sind irgendwann vulgär geworden. Es ging immer nur ums Ficken und die Sprache war extrem … vulgär eben und das hat mich total angekotzt, dass ich mir dachte, da musst du was machen. Ich hatte damals ein Model, eine Dame, die ab und zu für mich gearbeitet hat und ziemlich unerschrocken war. Die hab ich mir zur Seite genommen, das war ein Gig in Glauchau wie gesagt, und ich fragte sie, ob sie mitmachen würde, die Jungs mal so richtig vorzuführen. Ich schlug ihr vor, sich im Tourbus komplett nackt auf den Tisch zu setzen, die Beine auseinander und anzufangen zu masturbieren mit dem Satz. „Los fickt mich alle“. Sie sagt erst, dass sie das nicht bringen könne, doch weil ich wusste, was passieren würde, sagte ich, dass es hier nur um den pädagogischen Wert ginge, es würde sie keiner anfassen. Und dann hat sie das echt gemacht. Es war so still im Bus auf einmal. Einer von uns drehte sich damals immer Zigaretten. Er sieht das, ihm schläft das Gesicht ein, der ganze Tabak krümelt zu Boden (lacht)… es war eine Totenstille und plötzlich sind alle aus dem Bus raus (lacht).

Ich hab mich bei ihr bedankt, bin raus und hab meine Jungs zusammen gerufen und sagte: Ey, ihr habt euch so blamiert und ihr habt mich blamiert und ihr habt genau das gemacht, was die Arschlöcher da draußen erwarten. Ihr habt mir voll in die Fresse gehauen. Und jetzt kommt da eine Frau rein und ihr seid nicht mal fähig, danke zu sagen und haut ab wie die Volltrottel. Ich möchte kein Wort mehr hören über so ne Scheiße, außer, es ist ernst gemeint, sonst passiert echt was. Seitdem war Ruhe.

Die Sache ist, dass du im Mittelpunkt stehst, gerade, wenn du solche Shows machst und die meisten Leute gar nicht verstehen, was du da machst. Wir werden so oft kritisiert. Ich habe überhaupt nichts gegen Kritik, denn Kritik kann dich eigentlich nur vorwärtsbringen, aber ich habe keine Lust, mir Kritiken so auf Bildzeitungsniveau anhören zu müssen so von Menschen, die überhaupt keine Ahnung haben von dem, was ich überhaupt mache und sich dann noch zu erdreisten, mir erzählen zu wollen, was ich zu tun habe. „Wie tief steckt Regina Halmich im SM-Sumpf“ war so eine Schlagzeile Ende der Neunziger (wegen einer musikalischen Kooperation mit der Ex-Boxerin, Anm. d. Verf.). Und dann kommen diese Schlagworte… „SM-Sumpf“ und so oder „Swinger-Flittchen“, das geht mir auf den Sack.

Nachvollziehbar. Es sind ja oft die Unwissenden, die am lautesten schreien. Eine Frage, die für unser Magazin auch von sehr eigenem Interesse ist lautet, welchen Stellenwert denn die Literatur bei dir hat. Hat sie denn einen Stellenwert?

Ich hatte nie gedacht, dass ich überhaupt schreibe. Das war ein Prozess, der ziemlich schnell ging. Ich bin nicht einer von den Typen, die noch im Alter mit Leggins und nacktem Oberkörper auf die Bühne müssen. Das habe ich alles gemacht, aber meine Meinung ist, dass man sich mit dem Alter auch künstlerisch verändern sollte ohne seinen roten Faden zu verlieren, und trotzdem seine Würde noch zu zeigen. Auf der Bühne, das hat ja alles was mit Würde zu tun, deswegen mache ich Kunst. Du kannst auch würdevoll über Sexualität erzählen, du kannst würdevoll über Gewalt berichten, du kannst im Grunde alles würdevoll machen. Das ist für mich wichtig. Ich habe einen ästhetischen Anspruch und bin ein stolzer Mensch. Und das ist elementar. Aber gleichzeitig ist es auch wichtig, sich nicht reinlabern zu lassen (überlegt sehr lange). Ich glaube als Künstler arbeitet man in einem Beruf, bzw hat eine Berufung, die unterschwellig immer so schwelt und die da ist. Irgendwann habe ich gemerkt, ich kann mich mit meinen Songtexten nicht so deutlich ausdrücken. Die Jungs sagen immer, kürz mal da etwas weg, und lass mal dort deinen literarischen Anspruch weg, und ich habe festgestellt, dass ich das, was ich sagen will, nicht so richtig in den Text packen kann. Und deshalb habe ich angefangen mit so philosophischen Texten, weil zuerst, das ist ja immer so, kommt die Philosophie dann kommt die Politik und dann kommt die Exekutive. Wir leben zum Beispiel noch immer in der Scholastik, die Kriche spielt noch immer eine Rolle. Das war der Ursprünglich aber war ich auch damals, als ich diese Erkenntnis hatte, noch immer nicht richtig überzeugt davon, dass ich schreiben müsste. Was sollte ich berichten?

Und dann habe ich gemerkt, nachdem ich sehr viele Biografien von Kollegen gelesen habe, unter Anderem von den Rolling Stones, dass in den wenigsten wirklich was drin steht. Wie zum beispiel die Deals ablaufen, wie sie bei dem oder dem Ding so viel Glück gehabt habem wie das eigentlich alle sso war im Hintergrund, wie das mit den Hells Angels und dem Toten war, aber sowas stand da nicht drin, nur heile Welt… Bei Lemmy Kilmister wars recht lustig, aber er hatte wiederum das Hauptaugenmerk darauf, wie ihn die Plattenfirmen alle abgezockt haben und wie er sich so durchgeschlängelt hat. Aber eigentlich stand nirgends so richtig das drin, was mich persönlich interessiert hat. Und dann habe ich Kai Hawai gelesen, von Extrabreit. Und das hat mich beeindruckt, Das war so knallhart offen und ehrlich. Der Umgang mit seiner Sucht zum Beispiel, also wirklich … knallhart und das war etwas, was mich wirklich beeindruckt, hat, etwas, wovon ich dachte, dass ich das auch könnte. Also nicht nur stur und ernst, sondern auch ein bisschen… weißt du, das ganze Leben ist sarkastisch, das war ein gewisser Sarkasmus, aber auch eine befreiende Ehrlichkeit, weil du bist nicht angreifbar. Wie soll dich jemand angreifen, wenn du absolut ehrlich bist?

Als ich mein Buch geschrieben habe, sagte meine Frau immer „das kannste nicht bringen, jeder Depp der was im Hirn hat, erkennt dich darin“, woraufhin ich sagte: „Ja, aber genau das ist ja mein Schutz.“ Mir ist das doch scheißegal. Wer mich beobachtet, erkennt mich doch auch. Aber zumindest kann ich es so in meinen Worten formulieren und ich kann meine Erlebnisse so nach außen tragen, ohne dass ich jemanden beleidigen muss. Dann ändere ich freilich entsprechende Namen aber eben nur so, dass man trotzdem noch erkennt, um wen es geht. Es gibt eben Menschen, mit denen bist du sehr gut befreundet, ein Herz und Seele quasi und auf einmal geschieht etwas und du bist dir spinnefeind. Aber auch so etwas will ich erzählen. So habe ich eben gemerkt, in längeren Texten, da geht ja was. Da kann ich Gedanken ausdrücken, die die ein bisschen länger sind. Dann habe ich schlechte Lesungen gesehen. Ich hab innerhalb von drei Jahren sechzig Lesungen veranstaltet. Irgendwann lernte ich einen Schauspieler im Rahmen einer dieser Lesungen kennen, der hat mir eine Einzelvorstellung von Faust präsentiert, das hat mich ungehauen. Diese Präsenz und dieses unaufdringliche Können, da waren auch nur 20 Leute da aber ich hatte so Gänsehaut, das war der Hammer. Im Anschluss an die Lesung habe ich ihn dann gefragt, wie er das macht und habe herausgefunden, dass er, wenn er auf Lesungen geht, immer die Sachen nimmt, die er mit seinem jeweiligen Ensemble ohnehin spielt, aber solo interpretiert er sie endlich mal so, wie er das gern möchte. Und das ist der Punkt: er kennt die Texte in- und auswendig und kann so eben aus dem Vollen schöpfen. Und so legt er seinen ganzen Schwerpunkt in die jeweilige Figur, was mir sehr, sehr gut gefallen hat. Und da habe ich mir so gedacht: DAS mache ich auch. Da habe ich angefangen, zu schreiben.

Du machst ja nun auch Lesungen, warst mit deinem Buch auf Tour. Gibt es einen Unterschied zwischen dem Mozart, der auf mit Umbra auf der Bühne steht und dem Mozart, der als Autor vor einem Publikum sitzt?

Aber ganz klar ja. Meine ersten Lesungen habe ich mit acht Leuten auf einer Bühne gemacht. Das waren so Texte mit Inquisitionsstimmung. Die Leute waren alles Profis, das war toll. Danach habe ich dann allein gelesen und habe gemerkt, dass das eine komplett andere Baustelle ist. Du hast keine Musikwand hinter dir. Du hast keine Ablenkung. Die Leute schauen dich an. Du muss unglaublich Wert darauf legen, jeder Versprecher wird deutlich wahr genommen. Als Musiker kannst du sowas auf der Bühne wegnuscheln, da hast du Hall drauf oder so. Aber also Auor ist das komplett anders. Du merkst, wie du Pointen falsch setzt, wie du dich voll zum Trottel machen kannst. Und das hat mich angetörnt! Das fand ich voll geil. Ich hab dann angefangen, in kleinen Locations zu lesen und das hat mich ebenfalls unglaublich geprägt. Von diesen Gigs habe ich auch einiges mit „rübergenommen“ zu Umbra, weil das eine komplett andere Ansprache ist. Man muss eben einfach anders arbeiten, muss sich viel besser vorbereiten. Klar, jeder verliest sich mal, aber schlimm wird es, wenn du da gar nicht mehr raus kommst. Es gibt ja so unmögliche Situationen, da hast du einen Verleser drin, ärgerst dich deshalb über dich selbst und in dem Moment, wo du dich über dich selber ärgerst, kommt dann das volle Chaos. Ich habe in solchen Momenten für mich gelernt, dass du da einfach abbrechen muss und wichtiger noch ist, auch mal über dich selbst lachen zu können, musst komplett aus dem Thema aussteigen, weil klar, du hast es gerade echt versaut. Fazit also, ja, es ist etwas ganz anderes, allein auf einer Bühne zu sitzen, oder eben mit Band da zu stehen.

Ohne zu überlegen Mozart, ganz spontan: Fünf Lieblingsautoren…

Gary Jennings … (überlegt sehr lange), Erich Fromm, Friedrich Nietzsche, Immanuel Kant, lange nicht so musikalisch wie Friedrich Nietzsche, aber trotzdem gut. Im Moment lese ich Schopenhauer und finde ihn gut, weil er nur abkotzt. Nicht zu vergessen Pauline Réage (Dominique Aury), weil ihre Romane mir gezeigt haben, dass es erotisch sein kann, nicht von Pornografie zu erzählen, sondern das Innenleben auszubreiten. Das hat mich fasziniert. Das Innenleben auszubreiten und damit eine andere Art von Lust zu erzeugen, nämlich eine intellektuelle Lust, die unbedingt dazu gehört. Außerdem Sigfried Obermeier, der auch sehr gute historische Romane geschrieben hat.

mozart-3Du hattest gestern erzählt, dass du einen Teil deines Hauses gern ausbauen willst um einen Raum für Kultur zu schaffen. Wie genau sehen deine Pläne aus, und wie wichtig ist es, (Frei-)Räume für Kunst und Kultur zu schaffen?

Ja, ich habe 1994 angefangen, die Kulturruine hier in Karlsruhe zu betreiben. Innerhalb dieses Gebäudes, das waren immerhin knapp 1000 qm, gab es drei Einheiten. Das war einmal ein SM-Club, zum anderen ein Café und eine Disco und das andere war unser Tonstudio. Das habe ich sehr gern gemacht, das hat mich auch sehr geprägt, aber ich habe irgendwann gemerkt, dass es weder mir, noch den Leuten auf Dauer gereicht hat, weil die Zeiten sich verändert haben. Die Idee ist nun, das Ganze verkleinert wiederzubeleben. Das obliegt verschiedenen Beobachtungen. Zum einen werden die Leute älter und wenn sie fort gehen, wollen, brauchen sie ein gewisses Niveau. Außerdem hat das ja auch inzwischen etwas mit gewissen Aufwendungen zu tun. Du brauchst ein Kindermädchen, du musst dir den zeitlichen Freiraum schaffen, du musst meist weit fahren. Früher hast du das gemacht, weil du Leute kennen lernen wolltest, das machst du heute ab einem gewissen Alter nicht mehr.

Kurz: die Zielgruppe, die wir eigentlich erreichen wollen, hockt zu Hause. Außer, du bietest ihnen etwas an, das es lohnt, diese Aufwendungen in Kauf zu nehmen, zum Beipsiel, um Kultur aufzunehmen, was viele ja schon lange nicht mehr gemacht haben. Oder einfach, um mal wieder raus zu kommen, Gespräche zu führen. Auch geht es darum, Künstler selbst zu treffen, einen Gedankenaustausch zu führen, was Künstler ja widerum auch sehr gerne machen, wenn das Publikum intellektuell ist. Das fällt mir eben seit längerem auf und deshalb habe ich hier in der Villa Oppidum Lecentia inzwischen einige kleinere Test-Veranstaltungen gemacht, die recht gut ankamen. Und das ist, was ich will. Es sollte so sein, wie zum Beispiel gestern nach eurer Lesung. Alle, wirklich ausnahmslos alle sind raus und sahen aus, als hätten sie einen Heiligenschein. Es waren alle zufrieden, habt ihr das beobachten können? Sie haben sich bei euch bedankt, sie haben sich bei mir bedankt und es waren wirklich alle total glücklich. Das lag eben daran, dass sie etwas gehört haben, was sie bewegt hat und weil sie im Anschluss einen Austausch führen konnten. Und genau DAS ist es, was uns heute fehlt. Es fehlt eben auch, den Menschen mal wieder zu zeigen, dass Solidarität extrem wichtig ist. Ich meine auch die Solidarität im gemeinsamen Denken und im gemeinsamen Verarbeiten von etwas. Und das kann man – glaube ich – nur bis zu einer Höchstgrenze von 50 Leuten schaffen.

Und dazu ist es wichtig, dass der Rahmen passt. Du musst den Menschen zum Beispiel auch ein Abendessen bieten. Nicht umsonst gab es früher in den Salons unter anderem Tee und Buffet. Schau, allein, wenn ich das Essen abhole, habe ich einen sozialen Kontakt. Übers Essen habe ich einen Gesprächsstoff, ohne dass eine Situation irgendwie peinlich wird und ich muss auch nicht unbedingt auf irgendwen zugehen, sondern ich kann einfach anfangen zu reden. Das heißt, allein über das gemeinsame Essen habe ich eine unglaubliche Hemmschwellenüberwindung. Ich habe dann das Gefühl, wenn das alles stimmt, einen wunderbaren Abend gehabt zu haben. Ich habe gut gegessen, habe Kultur genossen, habe andere Menschen kennen gelernt und ich habe mich obendrein noch super unterhalten. Und wenn, wie gesagt, das alles passt, dann kannst du davon ausgehen, dass die Leute wiederkommen. Ich weiß, dass ich damit nicht meinen Lebensunterhalt verdienen kann, aber ich habe gemerkt, dass ich das selber, ganz für mich schon brauche. Ich habe mich gestern so wohl gefühlt, weil ich endlich mal wieder etwas Vernünftiges gehört habe.

Es gibt auch Lesungen bei denen man eben nicht so ergiebig raus geht. Ich bin auch schon aus Lesungen raus und wusste nicht, was man mir eigentlich sagen wollte. Für mich war das gestern ein Highlight, schon weil ich da in dem Raum saß und froh war, das alles ist, wie es ist. Es war total angenehm, es war gut und ich habe das so genossen, obwohl ich total müde war. Und ich glaube, genau DAS müssen wir schaffen, den Leuten solche Abende zu bieten und das können wir unter anderem über den Schwarzen Salon schaffen. Und man schafft das, indem man sich untereinander Jobs gibt. Das ist das einfachste Mafia System überhaupt (lachen). Ja, das hat schon immer funktioniert. Weißte, mich macht es traurig, dass es mittleweile nicht mehr geht, einfach aus Spaß an der Freude mit anderen Künstlern zusammen zu arbeiten. Heute hat irgendwo die Plattenfirma mitzureden und mit Sicherheit gibt es viele, die gern mit mir zusammen arbeiten wollen würden, sich aber gar nicht trauen, weil ich gar nicht so hohe Verkaufszahlen habe wie sie und es sich für sie eben nicht lohnt, mit mir zu arbeiten und das ist letzlich das, worum sich alles dreht. Es geht heute kaum noch um das, was am Ende als Ergebnis heraus kommt.

Es geht auch darum, Menschen mal eine Plattform zu geben, die große Künstler sind, es aber gar nicht wissen oder solche, die einfach kein Podium haben. Es gibt so viele eher introvertierte Menschen, die es richtig drauf haben, die geniale Gedanken haben, die sich aber oft nicht trauen, vor vielen Leuten zu lesen. Aber genau DAS will ich schaffen, weil ich dann auch an der Kunst selbst dran bleibe und nicht in den Elfenbeinturm gehe. Weißt du, ich habe mich selbst beobachtet und ich bin mir sicher, dass es dir da auch so geht, wenn ich irgendwie weg gehen will, sagen wir, in Stuttgart ist irgend eine Gothic-Party und ich will da hin. So, nun ist am Nachmittag irgendwas passiert, irgendeine Kleinigkeit. Vielleicht hat etwas nicht so geklappt, wie ich das wollte. Ich gehe einfach davon aus, dass sechzig Prozent dann sagen, ach komm, wir fahren doch nicht… Stuttgart ist ja auch ne Ecke weg, dann ist das noch und jenes, wenn wir heim kommen, müssen wir noch Wäsche waschen, lass uns einfach da bleiben. Lass uns ein feines Weinchen trinken… und so weiter. Und ich glaube, das passiert oft. Wenn du jung bist, da willst du raus, da ist echt fast alles egal. Du willst raus, willst eine Frau kennen lernen, willst deine Kumpels treffen, da gibt’s tausend Gründe. Wenn du nun aber älter bist, eine Familie hast, da geht das dann so nicht mehr. Und wenn ich Künstler bin, dann muss ich mir auch solche Gelegenheiten schaffen, um überhaupt mal wieder ins Gerede zu kommen, um mal aufzunehmen, was überhaupt aktuell angesagt ist.

Ich habe zum Beispiel bis gestern nicht gewusst, dass ihr als Sex & Drugs & Literature auch um Themen kümmert wie die EU und diese unglaubliche Tendenz nach Rechts bzw. die Salonfähigkeit rechter Tendenzen. Auf einmal sind alle wieder salonfähig, weil sie einen Scheiß lügen und wenn man die reden hört, dann frierts einem am Arsch, weißte. Und DAS ist etwas, wo ich gar nicht mehr mit Leuten reden kann, weil sie solche Sachen sagen wie „Ja, aber es geht doch so nicht weiter. Wir müssen doch für Recht und Ordnung sorgen, schau mal, da ist schon wieder jemand vergewaltigt worden“ und so. Und ich hasse Männer, die Frauen zwingen, einen Burkini anzuziehen. Ich möchte in keiner Gesellschaft leben, in der ich keine Frau zu Gesicht bekomme. Das heißt, dass ich quasi ein totales Gewissensproblem mit mir selber habe, weil ich irgendwie auch nicht unbedingt für die Araber bin, die Frauen zu irgendwas zwingen, aber ich bin andererseits total dagegen, wie man diese Menschen behandelt, verstehst du, was ich meine?! Das sind Menschen, die Hilfe suchen und dann denke ich, ich bin kein Bundeskanzler oder so was, aber es gibt mit Sicherheit Lösungen, diesen Menschen wirklich zu helfen. Man kann ihnen auch mal über Jahre hinweg kurz helfen. Man kann doch nicht einfach die Grenzen dicht machen?!

mozart1Das beschäftigt mich dermaßen, dass die nächste Platte sich damit beschäftigen wird. Seit dem ich darüber nachdenke, ist meine Musik auch viel aggressiver geworden. Das Album sollte eigentlich einen ganz anderen Titel haben, aber eben weil mich das alles so beschäftigt, wird es „Die Unsterblichen – das zweite Buch“ heißen. Ich hätte es auch gern „Demokratur“ genannt, aber das ist dann zu einseitig, obwohl Demokratur ein so geiles Wort ist. Und so ist es doch auch, das ist, worin wir leben. Sie sagen mir, ich dürfte wählen, aber ich hab doch überhaupt keine Chance. Ich wähle und wähle und wähle und immer kommt die Merkel raus und jetzt sägen sie die Merkel ab für eine Sache, die ich nun wieder gutheißen muss, so dass ich ja jetzt gar nicht gegen sie sein kann. Und dann höre ich so einen Hetzer wie den Seehofer, der einer der Schlimmsten ist, der den ganzen Rechten auch noch den Weg aufmacht und dann merke ich, wie sie jetzt alle rumhecheln, sogar der dumme SPD Fritze schwenkt jetzt um und greift diese Flüchtlingspolitik an. Das geht mir echt auf den Sack. Es ist ein Gelaber um nichts und die Probleme, die wirklich da sind, die werden gar nicht behandelt.

Die Wohnraumprobleme zum Beispiel, die wir schon so lange haben, dass alles verkauft wird, bis hin zu den Wasserwerken, dass sie, dass wir nichts mehr haben außer Schulden, weil die einfach blöd sind. Sie haben uns immer vorgemacht, die Globalisierung sei der Deal. Jeder der denken kann weiß, dass das gar nicht gehen kann, nicht mal nach marktwirtschaftlichen Gesetzen, denn wenn ich Monopolisten habe wird’s nicht billiger, es wird nur zeitweise einen Konkurrenzkampf geben, aber es wird teurer werden. Wir werden abhängig sein von jedem Scheiß und ich glaube, es geht nur weiter, wenn man wieder Nischen baut. Wenn jeder sein eigenes Gemüse anbaut zum Beispiel. Und jeder macht was anderes, eben das, was er kann. Ich geb dem dann eben meine CD und er gibt mir ein Kilo Kartoffeln. Ich glaube, so wird’s kommen. Ich hab schon vor dem Tag Angst, wenn hier mal der Strom ausfällt. Stell dir das mal vor. Wir wären platt. Wir könnten uns nicht mal mehr anrufen. Man schreibt ja auch keine Briefe mehr, wie sollen wir denn kommunizieren?! Mal dir das mal aus, zwei Tage kein Strom! Alles würde zusammenbrechen. Jeder Supermarkt wird überfallen, keiner kann mehr kommunizieren, es wird Psychopathen geben, die ihr Pokemon nicht mehr finden, verfickte Scheiße, die drehen doch alle durch… die würden doch ihre eigene Oma zusammenschlagen, nur weil ihr dämliches Pokemon nicht mehr geht… (lachen). Dieser ganze Mist ist doch wie Tranquilizer. Stell dir mal vor, du nimmst denen das weg?! Was machen die dann?

Letzte Frage, Mozart. Ist Provokation ein Stilmittel und wenn ja, welche Bedeutung hat es?

Unbedingt ja. Provokation gehört zu Kunst. Provokation heißt aber für mich auch, nicht unverschämt zu sein. Provozieren heißt schockieren. Ich glaube, das ist ist ganz wichtig. Weißte, ich habe früher über Show provoziert, aber inzwischen provoziere ich eher über Ansagen und auch, das ist ganz wichtig, über und mit Selbstironie. Und es ist nun einmal so, dass wir als Künstler die Verpflichtung haben, der Spiegel der Gesellschaft zu sein. Ich sehe sonst keinen Sinn drin. Es soll unterhalten, aber es war eben auch schon immer so, dass Spott und Provokation zu etwas geführt haben. Wir haben eben alle auch einen Bildungsauftrag. Ich such den zwar bei Unheilig immer noch, aber im Prinzip ist es so. Und manche Künstler verpassen den auch (lacht).

Ein sehr schönes Schlusswort Mozart. Wenn es nach mir geht, könnten wir jetzt noch Stunden hier sitzen und reden. Aber der Platz im Magazin ist begrenzt und wenn ich daran denke, all das Gesagte demnächst abtippen zu müssen, überlege ich schon jetzt, vielelicht doch wieder Hausmeister zu werden… Ich bedanke mich also für das Interview und freue mich, wenn wir uns im März hier an der selben Stelle wiedersehen.

Das gekürzte Interview und vieles mehr: in unserer Printausgabe Nr. 2 vom Dezember 2016.
Verfasser: M. Kruppe.
Bildnachweis: M. Kruppe.

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Hanna-Linn Hava | Märchenhaft morbide

autorenweltprofilFrau Havas Roman „Schneewittchens Geister“ ist ein sehr vergnügliches Fantasy-Spektakel, in dem sich diverse uns wohlbekannte Märchenfiguren in einer modernen Welt unter anderem mit Auftragsmördern und Gewichtsproblemen herumschlagen müssen.
Widersprüchliche Biografien erklären die Autorin einerseits als Würth-Literaturpreisträgerin, andererseits behaupten sie, dass sie bei einem Biss von einem genmanipulierten Tagpfauenauge mit einem unheilbaren Überschuss an Fantasie infiziert worden sei. In einem Gespräch mit Franziska Dreke äußert sich Hanna-Linn Hava zu diesen schillernden Seiten ihres Lebenslaufes, erklärt, warum Märchen nach wie vor in sind und mit welchen ihrer Charaktere sie gern mal einen Kaffee trinken würde.

„Schneewittchens Geister“ spielt mit den Genres und Klischees, in die man Literatur einordnet und an dem sich Leser ja auch orientieren. Wie würdest Du einem Interessierten helfen, ohne allzuviel von der Geschichte zu verraten?

Wie bestimmt viele Autoren hatte ich die Absicht, ein Buch zu schreiben, welches ich selbst vergnüglich lesen würde. Und da mich nichts mehr langweilt als vorhersehbare Charaktere und allzu einfache Genre-Zuordnungen, vermeide ich diese. Hingegen faszinieren mich abseitige Persönlichkeiten; von denen packe ich deswegen gleich eine ganze Menge in die Geschichte. Und weil die Protagonisten so bunt sind, spielt die Handlung in Dunkelheit und Schnee. Kurz zusammengefasst: Sonderbare Leute (von denen einige keine Leute sind) treffen in düsterer Kulisse aufeinander. Und dann passiert eine ganze Menge.

Kann man dein Buch vielleicht auch als ein modernes Märchen verstehen? Schließlich geht es immer noch um den alten Kampf zwischen Gut und Böse …

Gut und Böse sind in “Schneewittchens Geister” weniger schwarz und weiß gezeichnet, und auch die Protagonisten sind nicht gerade die klassischen Vertreter der dunklen oder hellen Seite. Vor allem die Prinzessinnen müssen sich größtenteils ohne Hilfe der obligatorischen Prinzen herumschlagen – wobei „herumschlagen“ ganz wörtlich gemeint ist. Und wer sagt eigentlich, dass auch das Ur-Schneewittchen nicht ab und zu Selbstmord in Betracht gezogen hat, bei dem schrecklichen Schicksal! Aber so verändern sich eben die Zeiten, und die Märchen verändern sich mit ihnen…

Haben Märchen heutzutage überhaupt noch eine Bedeutung?

Haben sie, eine wichtige Bedeutung sogar. Für Kinder sind die klassischen Märchen mit Sicherheit immer noch eine Bereicherung. Ich habe ihnen früher selbst begeistert gelauscht, wenn sie uns vorgelesen wurden (mein Lieblingsmärchen war „Jorinde und Joringel“), und ich habe sie später nicht minder begeisterten Kindern erzählt. Und anscheinend besteht nach wie vor eine Sehnsucht nach Geschichten – in den letzten Jahren vermehrt nach jenen, in denen Magie und Mythen zum Leben erweckt werden. Vermutlich genau deswegen, weil die Menschen einen Ausgleich zu ihren entzauberten, technikdominierten Leben brauchen. Und sind nicht alle Geschichten irgendwo und irgendwie Märchen?

Wahrscheinlich schon. Was „Schneewittchens Geister“ betrifft: ist das Buch nun eher ein modernes Märchen für Erwachsene oder eine Märchen-Persiflage, die mit den gängigen Weichspülelementen des klassischen Märchens bricht und diese durch explizit blutige Schockmomente ad absurdum führt?

Definitiv: beides! Wobei ich sofort anmerken möchte, dass die alten Volksmärchen selbst recht brutal daherkommen; weichgespült wurden sie ja erst durch diese bekannten Zeichentrickversionen, in denen alle singen. In den Märchenbüchern wird munter Blut vergossen und gestorben, es gibt brachiale Strafen für die Bösen und dramatische Prüfungen für die Guten. Insofern verfolge ich eigentlich nur brav die Tradition, wenn ich nicht zimperlich mit meinen Protagonisten umgehe. Womit ich aber tatsächlich und bewusst breche, ist die oft zu simple Moral. Moral ist inzwischen etwas hochkomplexes; unsere Gesellschaft ist mittlerweile ausgezeichnet informiert und gebildet, was bedeutet, dass wir auch komplexe Lösungen für Konflikte verstehen und verdienen.

gruenerkaefer-1024x724Eine weiße, perfekt gestylte Hexe, ein aalglatter und charismatischer Auftragskiller, ein geistesgestörter Prinz mit einem blutigen Hobby – im „Schneewittchen“ treiben sich eine Menge komischer Gestalten herum. Hast du eine Lieblingsfigur oder eine, in der vielleicht auch etwas von dir selbst steckt?

Möglicherweise ist jede Figur ein kleiner Aspekt meiner Persönlichkeit. Vielleicht bin ich insgeheim so zutiefst sarkastisch wie der Killer, aber zu nett, um das auszuleben. Vielleicht kompensiere ich meine eigenen Anwandlungen von Lebensmüdigkeit über mein suizidales Schneewittchen. Vielleicht auch nicht. Jedenfalls habe ich zu jedem einzelnen Charakter während des Schreibens eine innige Beziehung entwickelt, sogar zu den Ghulen. Aber ich würde mit keinem einzigen von ihnen zusammenleben wollen. Wenn man mich zwingen würde, zu wählen, würde ich sagen: Okay, mit den Prinzessinnen gehe ich gern mal einen Kaffee trinken. Und die weiße Hexe könnte mir Make-Up-Tipps geben. Das nächste Mal engagiere ich weniger kapriziöse Charaktere!

Wie hast du die Arbeit am „Schneewittchen” im Gegensatz zu der an deinem Gedichtband „Trotzigschön“, der im letzten Jahr errschien, empfunden? Gab es da Unterschiede?

Vom Typ her gehöre ich zu den impulsiven Spontankreativen, das heißt, wenn mich die Inspiration ruft, dann folge ich und arbeite völlig versunken stundenlang an was auch immer, bis es eben fertig ist. Das funktioniert mit Zeichnungen, mit Gedichten, ja, sogar mit Kurzgeschichten und Gemälden. Mit einem Roman funktioniert das nicht. „Schneewittchens Geister“ war in vielerlei Hinsicht das anstrengendste, was ich jemals produziert habe. Ich musste eine Handlung konstruieren, an der ich ganze zwei Jahre gefeilt habe. Ich hatte eine Vielzahl von Persönlichkeiten zu managen. Und es gab immer wieder Stellen, an denen ich enorme Probleme hatte, weiterzuschreiben. Bei einem Bild hätte ich alles wieder übermalt und noch mal neu angefangen. Hier musste ich mich durch die Durststrecken quälen. Dieser erste Roman hat mich also einiges an Nerven gekostet und einiges gelehrt: Disziplin, zum Beispiel. Geduld. Die frühen Morgenstunden zu nutzen. Alles Tugenden, die ich früher belächelt hätte.

Neben dem Schreiben malst und synchronsprichst du auch noch – wie vereinbarst du das alles miteinander im Alltag, und was ist eigentlich dein Hauptberuf?

Mein Alltag besteht aus all diesen kreativen Tätigkeiten, wahrscheinlich handelt es sich dabei darum nicht um einen Alltag im herkömmlichen Sinn. So gesehen ist die Kreativität mein Hauptberuf. Wie das so genau funktioniert, weiß ich auch nicht. Manchmal muss ich mir einen Groschen dazuverdienen, indem ich Babysitter für den Nachwuchs der benachbarten Warzengnome spiele. Die gute Bezahlung entschädigt für die Bisswunden, außerdem habe ich oft Zeit, zu schreiben, während die kleinen Biester schlafen.

Apropos Warzengnome: Wie erklärst du dir eigentlich, dass zwei sich völlig widersprechende Biografien von dir existieren? Und wie kamst du nach deinem Wanderzirkus-Leben, dem Züchten von Seegurken und Oxymoronen und dem Café für Geister ausgerechnet auf die Idee, Bücher zu schreiben?

Die eine Biografie ist natürlich frei erfunden, nämlich die, in der ich behaupte, in Stuttgart geboren zu sein und Freie Malerei studiert zu haben. Aber nachdem ich herausfand, dass sowohl die Kunst der Irrlichterjonglage als auch Gespräche mit Yetis im Lebenslauf nur zu irritierten Fragen führen, musste ich mir einen ausdenken, der mehr den gesellschaftlichen Normen entspricht. Nun ist meine wahre Vergangenheit also wieder ans Licht gekommen… Wenn man diese kennt, ist es aber doch nicht verwunderlich, wenn ich mich inzwischen nach etwas Ruhe und Abgeschiedenheit sehne, um aus meinem reichen Erfahrungsschatz schöpfend Geschichten zu Papier zu bringen. Ich kann aber zukünftige Leser beruhigen: Das Kapitel über die Seegurkenzucht werde ich nie einfließen lassen, das ist dann doch zu unappetitlich.

Das lässt zukünftige „Schneewittchen-Fans“ sicherlich beruhigt aufatmen. Planst du weitere literarische Projekte mit Periplaneta, ja sogar vielleicht neue Abenteuer um die Schneewittchen-Clique?

Ich hoffe selbstverständlich, dass dieser Roman nur der erste von vielen sein wird! Ideen hätte ich für mindestens eintausendundeine Geschichte; die praktische Umsetzung ist ein anderes Kapitel. Momentan arbeite ich bereits beinahe ausreichend diszipliniert an einem zweiten Manuskript, das aber mit „Schneewittchen“ so gar nichts zu tun hat. Dafür war ich einfach zu erleichtert, als ich diese ganzen Verrückten endlich alle so weit hatte, sich mit einem abgeschlossenen Ende zufrieden zu geben. Allerdings ist mir natürlich bewusst, dass ich nicht zu allen von ihnen fair war und die eine oder der andere eine Zukunft verdient hat. Tatsächlich besteht bereits schon länger eine grobe Handlung für eine Fortsetzung…

Wie vielversprechend! Liebe Hanna-Linn Hava, vielen Dank für das Interview.

Das gekürzte Interview und vieles mehr: in unserer Printausgabe Nr. 2 vom Dezember 2016 (mit freundlicher Genehmigung des Periplaneta Verlages).
Verfasserin:
Franziska Dreke
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Bildnachweis: Hanna-Linn Hava.

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Tobias Gellscheid | Zwischen Lebenskunst und Popkultur

0-tobias-gellscheidIm September 2016 war ich, zusammen mit meinem Freund und Kollegen Benjamin Schmidt auf Sex & Drugs & LiteraTour. Unser Weg führte uns quer durch die Republik und Halle/Saale war Station Nummer zwei.

Die Lesung selbst organisierte ein in Halle lebender Künstler, den ich seit vielen Jahren kenne, denn wir wuchsen beide in der selben Region Thürigens auf, er hauptsächlich in Neustadt an der Orla, ich in Pößneck, unweit der inoffiziellen Luther- und Cranach-Stadt. Und beide hatten wir Wurzeln im Punkrock zum Einen, in der schwarzen Szene zum Anderen, und also lief man sich irgendwann über den Weg, befreundete sich und verlor sich, auch das war Mitte/Ende der Neunziger nicht anders als jetzt, aus den Augen. Wer etwas aus sich machen wollte, konnte auf keinen Fall in der thüringischen Enklave bleiben. Und Tobias Gellscheid hatte damals schon nicht nur Talent, sondern eine seltsame, innere Unruhe, an der sich auch heute noch nicht viel geändert hat.

Man muss sich anfangs anstrengen, ihm folgen zu können wenn er redet, denn seine Sprachgeschwindigkeit gleicht einem Wettlauf der Worte, die alle auf einmal seinen Kopf verlassen wollen, so scheints, weil in diesem eine so hohe Bewegung herrscht, eine Masse an Ideen und Projekten, an Ausdrucksweisen und Bestrebungen, dass es den Eindruck macht, es läge ein enormer Druck im Gellscheidschen Hirn, dem standzuhalten er selbst einst Schwierigkeiten haben muss. Dem aber ist nicht so, denn abgesehen von eben jener Sprachgeschwindigkeit ist der meist schwarz gekleidete Mittdreißiger ein lässiger Typ. Ein Basecap auf dem Kopf, das sein schütteres Haar bedeckt und an eine dieser Lokführermützen aus längst vergangenen Tagen erinnert, das schwarze Hemd mit der Borde auf der rechten Seite leger aufgeknöpft, so dass man das Amulett an seinem Hals sehen kann. Die engen schwarzen Jeans enden in Halbstiefeln, ähnlich solchen aus den Fünfziger Jahren, die von den jungen wilden Rock’n’Rollern getragen wurden. Im Gesamten also ein typischer Künstler, wie es sie zu Hauf im Westberlin der Achtziger gab. Wüsste man nicht, dass Tobias Gellscheid goldene Hände hat, man könnte ihn für einen Musiker halten, der sich mit psychedelischer Rockmusik ein Zubrot verdient.

5Am Abend unserer Lesung, die der Leipziger Krimi-Autor und ebenfalls Outbirdler David Gray als Special Guest begleitet, sehe ich Tobias seit Langem wieder und freue mich, mit ihm endlich mal wieder ein paar Worte wechseln zu können. Auch hat er uns für den nächsten Tag in sein Atelier eingeladen, denn natürlich will ich die Gelegenheit nutzen, ihn fürs Outscapes-Magazin zu interviewen.

Seit er im Jahr 2000 die Heimat verließ, um in Flensburg eine Ausbildung zum Holzbildhauer zu absolvieren, verloren wir uns ein wenig aus den Augen. Die meisten Kreativen Menschen verließen das neckische Ostthüringen, denn auch, wenn kulturell so manches versucht wurde und wird hier in der Region, so ist es doch stets Kultur für die Alten, was an dieser Stelle zunächst nicht negativ behaftet sein soll, aber es fehlt und fehlte eben an Möglichkeiten, für junge, rebellische und subversive Künstler, sich verwirklichen zu können.
Die Ausbildung schloss Gellscheid 2003 als Landessieger Schleswig Holstein ab. Dann tingelte er durch halb Europa, arbeitete als freier Bildhauer in Tirol, also Restaurator auf einem Schloss in Trockenborn-Wolfersdorf (nahe Jena), bis er 2009 an der renommierten Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle/Saale anerkannt wurde und dort sein Kunststudium begann. Um neben dem Studium Geld zu verdienen, arbeitet der agile Künstler seit 2011 als künstlerischer Mitarbeiter im Landesamt für Denkmalpflege & Archäologie, Halle/Saale. Mit einem Erasmus Stipendium verschlug es ihn dann im Jahr 2013 für ein Semester nach Lettland, wo er an der Art Academy of Latvia in Riga studierte. Im letzten Jahr schloss Gellscheid dann seine Studienzeit mit einem Diplom bei Prof. Thomas Rug, Kunsthochschule Burg Giebichenstein, ab und arbeitet seither als freier Künstler und Mitarbeiter des oben schon erwähnten Landesamtes.

Am Tag nach der Lesung treffen wir uns in einem gemütlichen veganen Café zum Frühstück. Anschließend machen wir uns auf durch den herbstlichen Nieselregen, der vom grauen Himmel eher wie ein feuchter Nebel herabgleitet, hin zum Hallenser Volkspark, einem Veranstaltungsgebäude, das 1906 von der SPD als Vereinshaus errichtet wurde. Hier wurde, berichtet Gellscheid, der so genannte Kleine Trompeter erschossen. Mir klingelt es, ich erinnere mich an die alte DDR-Musikunterricht-Erziehung und an das Lied des kleinen Trompeters. Fritz Weineck hieß er und ich lese später bei Wikipedia, dass er im Tumult um die Auflösung einer Wahlveranstaltung der KPD erschossen wurde. Halle sei, wie auch Bitterfeld, „eine ganz rote Stadt“ gewesen, sagt Gellscheid und glänzt mit einem durchaus respektablen Vortrag zur jüngeren Geschichte der Stadt in Sachsen Anhalt.
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Wir kommen an ein Nebengebäude des Volksparkes im Schleifenweg, das an ein Verwaltungsgebäude aus den Fünfzigern erinnert, ein befensterter Betonklotz, drei Stockwerke, der graubraune Putz blättert in Fetzen von der Fassade. Tobias hält inne, wirkt hektisch bei der Suche nach dem Schlüssel und meint, dass es sein kann, dass wir durchs Fenster einsteigen müssen, er habe den Schlüssel wohl zu Hause liegen lassen. Gut, dass sein Atelier im Parterre liegt und er, vorsorglich und unter Anwendung eines „kleinen Tricks“ wie er sagt, das Fenster oftmals so offen lässt, dass es „zwar zu aussieht, man aber trotzdem reinkommt“. Er lächelt und meint, dass er aber erstmal den normalen Weg versuche. Wir gehen um das Genäude zum Haupteingang, wo glücklicherweise gerade eine Putzfrau zugange ist. Wir kommen also rein ohne die Einbrecher mimen zu müssen.

Drinnen riecht es förmlich nach DDR. Abgestanden, etwas modrig auch, metallisch und schmutzig. Optisch passt sich das Bild dem Geruch an. Wir gehen einen Korridor entlang und stehen vor der Ateliertür. Drinnen Chaos. So stelle ich mir Ateliers vor. Zu unserer Rechten stapeln sich Sessel vor einem Schreibtisch, auf dem allerlei Kleinkram liegt. Farben, Notizen, Tassen, Messer, Stifte… alles, was man eben braucht. Der hintere Teil, der wohl der eigentliche Arbeitsbereich ist, ist abgetrennt von einem schulterhohen Schrank, in welchem sich einige Arbeiten und Probedrucke des Künstlers befinden. Es sieht gemütlich aus, chaotisch unordentlich, aber gemütlich.

Ich setzen uns und ich beginne, Tobias Gellscheid ein paar Fragen zu stellen: Tobias, wie ist das mit dir und der Kunst. Wie und wann kam es dazu, dass du dich auf diesem weg auszudrücken versuchst?

9Kunst war schon immer mein Ding. Schon damals in der Schule hab ich all meine Hefte vollgemalt. Das war halt eher so Saukram. Es kamen sogar Schulfreunde und baten mich, ihnen auch ein paar dieser Titten in ihre Hefte zu zeichnen. Irgendwann hat es mir dann in Thüringen gereicht. Diese trübe Bauarbeitermentalität, die so rabiat und roh ist, hat mich da mehr oder weniger verjagt. Da wirst du, wenn du auch nur bisschen feingeistiger bist, einfach nicht akzeptiert. Durch Kumpels wie den Bildhauer und Weltreisenden Johannes Foetzsch (Anm. d. V.: Outbird wird noch berichten) und einige Andere kam ich dann über Umwege hier her zum Kunststudium.

Was machst du momentan? Woran arbeteites du, womit verdienst du dein Geld?

Naja, wie schon gesagt, bin ich künstlerischer Mitarbeiter des Landesamtes für Denkmalpflege in Halle. Aktuell also arbeite ich im Museum für Vorgeschichte und mache dort Zeichnungen von Exponaten und Funden. Aber ich will schon wieder mehr künstlerisch arbeiten in Zukunft. Natürlich verdiene ich auch hin und wieder Geld mit Verkäufen meiner Arbeiten. Meist auf Ausstellungen.

Was bezahlt man denn für deine Arbeiten so im Schnitt?

Also für Drucke und Holzstiche meiner Beatles-Serie bist du schon mal mit bis zu 550 Euro dabei.

„Beatles-Serie“ sagst du. Was bedeutet das genau?

Die Beatles sind seit langem ein großer Inspirant für mich und meine Arbeit. In meiner Kunst geht es viel um Popkultur und die Beatles sind so ziemlich DER Archetyp dafür. Zum Teil ein bisschen dümmlich naiv und das füttert ja die infantile Fankultur. Das Ganze bricht sich also in manchen Momenten ganz komisch. Hier liegt mein Fokus. In der Wahrnehmung der „Idole“. In der Verherrlichung von Popstars, die zuweilen wie Ikonen verehrt werden.

Gibt es noch andere Einflussgeber, also Künstler, die dich inspirieren bzw ohne die du nicht da sein würdest, wo du jetzt bist?

Klar gibt’s da einige. Zum Einen inspirieren mich meine Kommilitonen. Um ein paar bekannte Namen von großartigen Künstlern zu nennen: Klinger, Böcklin, Kollwitz, Goya und auch Kubin dürfen da nicht fehlen.

Gibt es eine Art Fahrplan für deine Zukunft, hast du Visionen, was deine Arbeit angeht?

(Lacht) Ich glaube, es war Helmut Schmidt, der sagte: Wer Visionen hat, der soll zum Arzt gehen! … Nein im Ernst. Ich willl natürlich weiter Kunst machen. Umsteigen von meinen Arbeiten an der Popkultur und mich mehr auf Landschaften und Stillleben konzentrieren.

Wieviele Stunden am Tag sitzt du eigentlich hier und arbeitest?

Naja, das kommt drauf an, aber im Mindesten vier Stunden täglich. Mehr geht zur Zeit nicht, weil ich ja meinen Brotjob noch habe.

Das gekürzte Feature und vieles mehr: in unserer Printausgabe Nr. 2 vom Dezember 2016.
Verfasser:
M. Kruppe
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Bildnachweis: M. Kruppe.

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Mark Jischinski (adakia Verlag) | Literaturleidenschaft an Single Malt

markNach vielen Jahrens parallelen Lebens und Wirkens in unserer Geburtsstadt führen mich meine Wege mit dem Geraer Verleger und Autoren Mark Jischinski in einem Café in meinem Kiez zusammen. Die Folge: ein angeregtes Gespräch über Verlagserfahrungen, Einsichten in die Denkweise diverser Veranstalter wie auch Befindlichkeiten im Leben als Autor und Literaturnetzwerker.

Hallo Mark, schön Dich persönlich kennenzulernen. Welcher Teufel hat Dich geritten, vom Kolumnisten zum Buchautoren zu werden und dann auch noch den Sprung ins Verlagswesen zu wagen? Was war und ist Dein Antrieb dahinter?

Die pure Einsicht und Abbitte. Wenn man als Autor schon keinen Erfolg hat, will man den wenigstens als Verleger durch die Ergüsse der richtigen Autoren haben. Im Wege einer symbiotischen Verbindung mit jemandem, der es kann gewissermaßen. Und die Verlagsgründung ist die einzig logische Steigerungsform der eigenen Schwachsinnigkeit als Bibliomane. Wenn der Markt die perfekten Bücher nicht bieten kann, drucke ich die eben selbst und das auch noch mit unglaublich sympathischen Autoren, die ich alle sehr mag.

Du hast ja mittlerweile eine recht ansehnliche Liste an Veröffentlichungen vorrangig (ost)thüringischer Autoren. Nach welchen Kriterien entscheidest Du pro oder contra Veröffentlichung? Was hebt den adakia-Verlag von anderen Verlagen ab?

Bei uns geht es natürlich primär ums Aussehen. Nicht wenige Autorenfotos legen den Verdacht nahe, dass der einzige Broterwerb des Abgelichteten die Möglichkeit ist, in einer dunklen Kammer Seiten voller literarischer Schätze abzusondern und ansonsten das Tageslicht zu meiden. Aus purer Rücksicht vor dem Leser. Weiterlesen

„Outscapes“ – Magazin Nr. 2 in Kürze erhältlich

cover

Drei Monate sind seit Erscheinen unserer Debütausgabe mittlerweile verflogen. Nach der Investition von einmal mehr sehr viel Herzblut, Idealismus, Geduld, Kreativität und Hunger darauf, kreative Blüten jenseits der großen Scheinwerfer zu beleuchten, freuen wir uns über eine mit 24 Seiten inhaltlich gewachsene, umfangreichere Ausgabe zum Preis von nur noch 2,50€.

Inhalt:

  • [ Coverfoto ] Tobias Gellscheid
  • [ Editorial ] Tristan Rosenkranz
  • [ Musik ] Mozart (Umbra et Imago) – Alles was ist – ein Frühstücksgespräch mit Mozart // Ansichten einer Gothic-Größe
  • [ Kunst ] Tobias Gellscheid – Zwischen Lebenskunst und Popkultur // Künstlerprofil im Interview
  • [ Verlage ] Mark Jischinski (adakia-Verlag) – Literaturleidenschaft an Single Malt // Verlegerprofil im Interview
  • [ Literatur] Hanna-Linn Hava – Märchenhaft morbide // Autorinnenprofil im Interview
  • [ Kolumne ] Klaus Märkert – „Die Frage aller Fragen“
  • [ Musik ] Abby Engel – Musikalische Träume in Moll // Musikerinprofil im Interview
  • [ Literatur ] Tristan Rosenkranz + Franziska Barth „Schattenspiele“ // Buchrezension
  • [ Symbiose ] Tomas Jungbluth + Katrin Hetzel „Freie Radikale“ // Lyrik und Fotografie

Umfang:

„Outscapes“ erscheint in der „Edition Outbird“ mit der zweiten Ausgabe 24seitig im handlichen A5-Format.

Bestellung:

„Outscapes“ kann im Shop von Outbird.net bestellt werden und darüber hinaus unter diesem Link abonniert werden. Es kostet im Einzelverkauf 2,50€ (zzgl. Versandkosten, ab 5 Heften je 2,50€), im Jahresabonnement 10€ inkl. Versand (bei EU-Versand Porto lt. Liste der Deutschen Post) und im Förderabonnement 30€ inkl. Versand und zzgl. 10€ Gutschein für Outbird.net.

Danksagung:

Unser herzlicher Dank geht neben den Autoren und Künstlern* unseren Anzeigenkunden, dem Geraer „Adakia Verlag„, dem „Acabus-Verlag„, dem „Telescope-Verlag„, dem Autohaus Querengässer und dem Unternehmensberater Thomas Stich sowie nicht zuletzt Dagmar Rabis von der Pößnecker Firma „FR|M Werbung“ für die einmal mehr sehr gute Zusammenarbeit.

Wir bedanken uns im Voraus ganz herzlich für das Interesse unserer Leserschaft, freuen uns über Resonanz, neue Ideen und Menschen, die unser Magazin bestellen oder als Gewerbetreibende zum Verkauf anbieten möchten. Bitte sprechen Sie uns an. Vielen Dank!
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*gemeint sind immer beide Geschlechter