Mark Jischinski (adakia Verlag) | Literaturleidenschaft an Single Malt

markNach vielen Jahrens parallelen Lebens und Wirkens in unserer Geburtsstadt führen mich meine Wege mit dem Geraer Verleger und Autoren Mark Jischinski in einem Café in meinem Kiez zusammen. Die Folge: ein angeregtes Gespräch über Verlagserfahrungen, Einsichten in die Denkweise diverser Veranstalter wie auch Befindlichkeiten im Leben als Autor und Literaturnetzwerker.

Hallo Mark, schön Dich persönlich kennenzulernen. Welcher Teufel hat Dich geritten, vom Kolumnisten zum Buchautoren zu werden und dann auch noch den Sprung ins Verlagswesen zu wagen? Was war und ist Dein Antrieb dahinter?

Die pure Einsicht und Abbitte. Wenn man als Autor schon keinen Erfolg hat, will man den wenigstens als Verleger durch die Ergüsse der richtigen Autoren haben. Im Wege einer symbiotischen Verbindung mit jemandem, der es kann gewissermaßen. Und die Verlagsgründung ist die einzig logische Steigerungsform der eigenen Schwachsinnigkeit als Bibliomane. Wenn der Markt die perfekten Bücher nicht bieten kann, drucke ich die eben selbst und das auch noch mit unglaublich sympathischen Autoren, die ich alle sehr mag.

Du hast ja mittlerweile eine recht ansehnliche Liste an Veröffentlichungen vorrangig (ost)thüringischer Autoren. Nach welchen Kriterien entscheidest Du pro oder contra Veröffentlichung? Was hebt den adakia-Verlag von anderen Verlagen ab?

Bei uns geht es natürlich primär ums Aussehen. Nicht wenige Autorenfotos legen den Verdacht nahe, dass der einzige Broterwerb des Abgelichteten die Möglichkeit ist, in einer dunklen Kammer Seiten voller literarischer Schätze abzusondern und ansonsten das Tageslicht zu meiden. Aus purer Rücksicht vor dem Leser. Oft werden für die Autorenfotos Ghostfacer genommen, die grenzdebil in die Kamera schauen. Die Autoren des adakia Verlages und dabei vor allem die Autorinnen der adakia Verlagin sehen samt und sonders gut aus. Aber sie sind deshalb keine abgehobenen Selfie-Egomanen, sondern können auch noch wunderbar schreiben. Ganz nebenbei erfolgt die Vorauswahl von eingesandten Texten durch eine Professionelle. Also eine echte Lektorin, die einen hohen Anspruch an Literatur hat und unsere Autoren regelmäßig in Sinnkrisen stürzt. Was uns vor allem auch am Herzen liegt ist, dass die Cover der Bücher ausdrucksstark und ästhetisch sind. Wie die Autoren eben.

Was würdest Du rückblickend anders machen? Und was wird von Dir, vom adakia-Verlag, in Zukunft noch an Plänen und Projekten zu erwarten sein?

Ich hätte „Harry Potter“ nicht ablehnen dürfen. Aber, machen wir uns nichts vor, wir haben Ophelia Hansen, Jana Huster, Irmela Nau, Petra Rassmann, Kathrin Eipert und Dana Schwarz-Haderek. Was sollte ich mit der Rowling machen? Ich muss eine klare Linie fahren. Dazu gehört auch, dass wir in Zukunft ganz sicher mit unseren eigenen Verlagsautoren deren Projekte verwirklichen. Im nächsten Jahr wird es neue Veröffentlichungen von MKruppe, Dana und Jana geben. Ophelia ist auch am Schreiben und ich hatte neulich eine Manuskriptlesung aus „Geradewegs ins Paradies“, einem Roman über Gera, der vom Verlust der Amtskette, der Entführung der Oberbürgermeisterin und dem Brand des Milchhofs handelt. Allerdings kämpft die oben genannte Lektorin in heftigsten Auseinandersetzungen mit mir um die Deutungshoheit hinsichtlich Plot, Szenen, Figuren und Dramaturgie. Wir sind im Moment in Runde zehn von zwölf und sie liegt nach Punkten vorn, aber ich hoffe auf einen Lucky Punch. Mit all diesen Büchern haben wir in 2017 sicher eine Menge zu tun. Wenn dazu dann Frau Joanne K. Rowling oder Robert Galbraith anklopften, würde ich sicher eine Ausnahme machen. Käme aufs Foto an.

Blick nach außen: wo siehst Du Defizite im deutschen Verlagswesen, wo sollten sich unabhängige Verlage besser organisieren?

Ich glaube nicht, dass es ganz vordringliche Probleme im Verlagswesen gibt, nach deren Behebung alle Autoren über Nacht berühmt, schön und gescheit sind. Es gibt ganz simple Herausforderungen. In jedem Jahr erscheinen etwa 20.000 Bücher im Bereich Belletristik. Das sind über fünfzig Bücher am Tag. Auch sonntags. Jeder Deutsche liest im Jahr im Durchschnitt neun bis zwölf Bücher, also nur 0,03 pro Tag. Die Wahrnehmungsdifferenz ist schlicht und ergreifend zu groß. Sicher liest von diesen Deutschen nicht jeder dieselben zwölf Bücher im Jahr. Aber wenn wir jetzt noch die 16 Millionen lieferbare Titel hinzunehmen, die Klassiker, die es bereits seit Jahren gibt und den größten Unsinn, der einfach nur gut vermarktet wird, dann ist die Aufmerksamkeitsoption für die kleinen, unabhängigen Verlage äußerst klein. Um nicht zu sagen winzig. Die bessere Variante für künftigen Erfolg der Independentverlage wäre, dass sich alle kleinen Verlage gemeinsam organisieren, die Mehrheit an Buchdruckereien erwerben und nur noch die eigenen Sachen drucken, während den großen Verlagen eine hohe Auslastung vorgegaukelt wird. Wenn uns das nicht gelingt, wird es sehr schwer, auch richtig gute Bücher von kleinen Verlagen einem größeren Kreis zugänglich zu machen. Da hilft nur richtig gutes Marketing. Wir fangen jetzt mit einer Innovation an und schauen, was der Markt sagt: Lesezeichen. Später fahren wir scharfe Geschütze auf: Vielleicht schaffen wir es als adakia Verlag für das Jahr 2018 einen Aktkalender mit den Autorinnen anzubieten. Das könnte sicher helfen. Aber bis jetzt kommen wir halt nur bis Juni. Obwohl. Wenn ich die Lektorin und das scharfe Gerät im Marketing mal frage, sind wir bereits beim August. Und wenn dann MKruppe und ich … ach, lassen wir das.

Blick nach innen: meines Wissens bist Du (wie ich) ein Liebhaber guten Whiskys. Welchen Stoff kannst Du unserer lesenden Genießerschaft besonders empfehlen? Welches Land produziert Deiner Meinung nach den besten Whisky und warum?

Ich schreibe eigentlich immer unter Alkoholeinfluss. Das merkt der Leser, das merkt auch die Lektorin. Sie fragt mich inzwischen gereizt, bei welchen Stellen ich nüchtern war, aber in der Regel sind da bereits rote Striche dran. Sie hat‘s eben drauf. Das heutige Interview wird unterstützt von West Cork Black Cask, einem kräftigen irischen Blend. Tagsüber mag ich eher die milden Iren, aber am Abend darf es auch ein rauchiger Schotte sein. Zu einem Talisker, einem Laphroig oder Bowmore sage ich nicht nein. Auch Caol Ila, Glen Elgin und Lagavulin finden meine Zustimmung. An besonders traurigen Abenden, also nach Besuchen bei meiner Lektorin, ramme ich mir gern einen „Rusty Nail“ ins Gehirn, was den Druck im Kopf durchaus homöopathisch nimmt. Wenn ich auf die Auswahl schaue, könnte man mich für eine billige Alk-Prostituierte halten, die alles nimmt, aber es gibt Destillate, die ich nicht konsumiere. Die schicken schottischen Sachen aus den Discountern. Oder Johnny Walker Red Label. Ballantines. Ja und zum Frühstück gibt es natürlich einen Irish Mist, der Honig unter den alkoholischen Brotaufstrichen. Und wer macht nun den besten Whisk(e)y? Darauf muss jeder individuell antworten. Der eine mag es rauchig, der andere eher mild. Es soll sogar Menschen geben, die Jim Beam trinken. Ohne Cola. Aber es gibt auch Menschen, die lesen keine Bücher. Oder Frauentanzkreise auf der Suche nach dem inneren Licht. Wir müssen nicht alles verstehen.

Zuguterletzt: welche (kulturelle) Bresche magst Du für die vielgescholtene und –verkannte Stadt Gera schlagen?

Es gibt in dieser Stadt eine ganze Menge waghalsiger Irrer, die in verschiedenen Bereichen der Kultur jeden Tag aufs Neue aufstehen und mit Anlauf gegen Mauern rennen. Ob es Musik, Kleinkunst, Konzerte, Kabarett, Programmkino, Literatur oder Theater und Schauspiel sind, wir haben alles zu bieten. Aber meine Wahrnehmung ist die, dass es noch viel zu vielen Menschen hier zum Glück gereicht, im Globus eine Semmel mit Leberkäse oder eine Roster für einen Euro zu konsumieren, missmutig in die Welt zu glotzen und am Abend mit dem Rollator zu den Spastelruther Katzen zu fahren oder bei „Bauer sucht Frau“ auf dem Sofa einen fahren zu lassen. Ich achte jeden, der hier für Kultur brennt und etwas unternimmt, der für seine Passion Opfer bringt und nicht müde wird, jeden Morgen wieder gegen die Mauer zu rennen. Aber ich würde mir wünschen, dass die Menschen hier aktiver werden und den Enthusiasten die Mauern nehmen. Aber die größten Mauern stehen nun mal in Köpfen.

Lieber Mark, herzlichen Dank für dieses Gespräch.

Das gekürzte Interview und vieles mehr: in unserer Printausgabe Nr. 2 vom Dezember 2016.
Verfasser:
Tristan Rosenkranz.
Bildnachweis: adakia Verlag.

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