Jörg Mathieu „Im Spannungsfeld von Zeit und Independentkultur“ [Interview] | Outscapes #5

„Jörg, Du bist seit Jahren Herausgeber von Zeitschriften, die Nischen besetzen, bist Kulturschaffender, Veranstalter, Netzwerker und setzt neue Maßstäbe – was treibt Dich an?

Das frage ich mich selbst oft. Am Ende komme ich immer zu dem gleichen Ergebnis. Ich will meine Spuren hinterlassen, wo mir das möglich ist. Das Geld ist es ja nicht, da keine meiner Aktivitäten bisher wirklich Gewinn abwirft, auch wenn das natürlich das Fernziel ist wie wohl bei jedem Selbstständigen. Der Hauptgrund ist aber, dass ich das machen kann was mir Spaß macht und für mich diese Freiheit mehr Gewicht hat als finanzielle Sicherheit, die ja doch vergänglich ist. Schön ist es natürlich auch, Dinge zu schaffen, die andere Menschen begeistern.

Besonderes Merkmal Deiner Herausgebertätigkeit waren und sind Zeitschriften wie das „Papa-Ya-Magazin“ und das „35mm-Retro-Filmmagazin“, die einer enormen Recherche und Fachtiefe bedürfen. Im „Papa-Ya“ waren es Fachthemen zum Familien- und Väterrecht, im „35mm“ wird über den Film noir und Expressionismus im Film sowie das Kino der Weimarer Republik berichtet, auch sind Interviews mit beispielsweise Anke Wilkening, Restauratorin der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, zu finden, die die Rechte an vielen deutschen Stumm- und frühen Tonfilmen besitzt. Wie erschließt man in solchen speziellen Themenkomplexen Kontakte? Wie hoch ist der prozentuale Anteil der Recherche an der Redaktionsarbeit?

Die redaktionelle Tätigkeit ist ja immer gleich, auch die journalistische Recherchearbeit ist immer dieselbe. Egal, ob man nur ein Magazin über Anglerbedarf, über den zweiten Weltkrieg oder eben über das Familienrecht oder ein Filmmagazin zum klassischen Film macht. Die Basics habe ich ja in vielen Jahren im Beruf und in der Ausbildung dazu gelernt. Um da seine eigene Nische – oder nennen wir es Passion – zu finden, muss man ja nur das eigene Wissen zu einem bestimmten Thema abrufen. Und für all das, was man dann zu diesem bestimmten Thema eben nicht weiß, muss man sich Mitstreiter und Experten suchen, die die eigenen Lücken schließen können. Es ist also kein Hexenwerk ein Magazin herauszugeben. Kennt man mich dann auch noch persönlich, dann liegt es auf der Hand, warum es in meinem Fall diese beiden Magazine sind. Ich würde auch gerne noch eine Magazin zur Indie-Kultur und –Musik herausbringen, aber da scheint mir die Konkurrenz zu stark zu sein.

Ist die frühe Filmkultur ein wiederkehrendes Thema, kann man von einem wachsenden Interesse dafür auch bei jüngeren Generationen sprechen? Oder geht es Dir und Deiner Redaktion in erster Linie ums Bewahren?

Beides würde ich sagen. Vor allem junge Filmwissenschaftler lernen schnell, dass es nicht ohne Kenntnisse über das frühe Kino geht, wenn man ernsthaft im Bereich des modernen Films arbeiten möchte. Hier baut alles aufeinander auf, und wiederholt sich auch alle paar Jahrzehnte. Das zeigen ja sowohl offensichtliche Remakes wie auch versteckte Zitate historischer Vorbilder, die die meisten Filmliebhaber leider all zu oft übersehen. Film verstehen heißt also für uns auch, seine Geschichte zu entdecken und zu begreifen. Und letztendlich geht es uns auch um das Filmerbe, dessen Erhalt und dessen Beachtung. Je mehr es uns gelingt hier ein breiteres Bewusstsein zu schaffen, desto mehr wir auch der Markt darauf reagieren, und desto mehr werden auch die Studios und die Label auf die wachsende Nachfrage reagieren.

Wie sieht es bei der Kinolandschaft aus, gibt es eine nennenswerte oder gar wachsende Zahl von Lichtspielhäusern, die alte Filme anbieten?

Ich glaube, dass große Kinosterben ist jetzt an seinem Ende angekommen. Da sich die Sehgewohnheiten und die Zielgruppen verschoben und stark verändert haben, bemerken wir, dass immer mehr Enthusiasten des klassischen Kinos sich selbst kleine Orte – man könnte sie „Schachtelkinos“ nennen – schaffen. Die freie Kulturszene generiert sich zusehends selbst ihre Räume für Kino, wie sie es sich vorstellen. Man will dabei unabhängig und frei entscheiden können, welches Programm gezeigt wird. Das darf man nichts als Konkurrenz zum Mainstream- und Großraumkino sehen, sondern als notwendiges Befriedigen einer vorhandenen Nachfrage nach dem Nischen- und Arthaus-Kino.

Als Veranstalter zeichnest Du in diesem Zusammenhang für das „Cinefonie“-Festival verantwortlich, dass dieses Jahr zum dritten Mal in Deiner Heimatstadt Saarbrücken stattfindet. Was genau kann Mensch sich darunter vorstellen?

Das ist recht einfach zu erklären. „Cine“ kommt von Cinema, und „Fonie“ kommt von Sinfonie. Der Begriff „CINEFONIE“ fasst somit zusammen, was den Besucher auf dem Festival erwartet. Es gibt immer Filme, und es gibt immer Live-Musik. Eine Sinfonie aus Bild und Ton, wenn man so will. Der 3. CINEFONIE-TAG 2017 bietet audiovisuell die Symbiose zwischen früher Filmästhetik und cybermodernen Klangwelten, wie man sie nur selten in der Kulturlandschaft zu sehen bekommt. In diesem Sinne haben wir das LineUp zusammengestellt und die Künstler darum gebeten, ihre Sets speziell für diesen Tag dem Festival anzupassen. Wir werden also einige Premieren und exklusive Auftritte erleben, die es so nur bei uns zu sehen und zu hören geben wird.

Aus wirtschaftlicher, aber auch emotionaler Perspektive gefragt: funktioniert das Festival, wird es gut angenommen? Was nehmen die BesucherInnen mit?

Das kann man nicht pauschal beantworten. Auf emotionaler Ebene ist das Festival für mich als Veranstalter dann ein Erfolg, wenn Künstler und Besucher und auch das Team einen schönen und unvergesslichen Tag hatten, mehr kann man da nicht erwarten. Wirtschaftlich braucht es bei einer Veranstaltungsreihe, viel Geduld und Jahre des beharrlichen Aufbaus. Ich gehe die ersten 4-5 Editionen also nicht mit der Erwartung heran, dass das Festival Gewinn einfährt. Wenn wir am Ende unsere Kosten wieder drin haben, ist auch das für mich bereits ein Erfolg. Dinge die mich finanziell ruinieren würden, würde ich kein zweites Mal machen. Was die Besucher mitnehmen müsste man sie selbst fragen. Da wir das Programm jedes Jahr stark verändern, ist es auch immer ein völlig anderes Publikum. Man kann also nicht abschätzen, ob die Leute kommen, weil es ihnen im Jahr zuvor gut gefallen hat. Da die Besucherzahlen aber jedes Jahr steigen, scheinen wir irgendwas richtig zu machen.

2016 war Schwerpunkt des Festivals eine Vincent-Price-Retrospektive, wer war Vincent Price und was hat es mit der Vincent-Price-Legacy-Familie auf sich, aus der ein weltweites Netzwerk entstehen soll und dessen Deutschlandvertreter Du bist?

Vincent Price war ein amerikanischer Schauspieler, den ich persönlich sehr verehre. 2016 habe ich deshalb seine Tochter Victoria zum 2. CINEFONIE-TAG nach Deutschland eingeladen um das Festival zu bereichern. Sie brachte dann den Vertreter der Vincent-Price-Legacy-England mit nach Saarbrücken. In einem persönlichen Gespräch bat man mich dann das für Deutschland zu übernehmen und 2018 eine erste Veranstaltung dazu zu leiten. Dieses Angebot habe ich angenommen und das Projekt ist in der Planungsphase. Wir werden sehen, wohin sich das noch entwickelt.

Eine deiner Passionen ist eine Veranstaltungsagentur für Independentmusik und im Zuge dessen die Mitgliedschaft im PopRat-Saarland. Verstehst Du Dich in dieser Funktion eher als Botschafter oder vielmehr als Koordinator für Festivals und kleinere Musikveranstaltungen? Was ist und macht der PopRat-Saarland?

Ja, das ist ein ganz frisches Projekt, das noch im Geburtskanal schlummert. Das INDIERA SOUND & ART-FESTIVAL ist eines von insgesamt acht Konzepten, dass ich dem PopRat-Saarland vorgeschlagen habe und über das dieser Ende August entscheiden will. Zu diesem Zweck gibt es dazu die Promotion-Agentur INDIERA PROMO. Auch hier werde ich als Projektleiter und Veranstalter fungieren. Dieses neue Musik- und Kulturfestival im Bereich Indie- und Alternative-Musik soll in seinem jährlichen Modus zu einem Multivenue-/ Multistage-Festival heranwachsen. Der PopRat-Saarland ist ein Verein, indem sich Kulturschaffende, Künstler und andere Akteure der saarländischen Popkultur zusammen geschlossen haben. Seine Aufgabe ist es, das Saarland zum „Home of Pop“ zu machen – das kulturelle Herz Europas könnte man sagen. Ein großes Vorhaben und ich bin sehr stolz, ein Teil dieses Vorhabens zu sein.

Was zeichnet aus alternativkultureller Sicht das Saarland und / oder Saarbrücken aus? Und, aus entfernterer Perspektive gefragt, wie schätzt Du die derzeitigen Chancen und Risiken der insbesondere deutschen Independentmusikkultur ein?

Dem Saarland und seiner Landeshauptstadt kommt eine besondere Rolle zu. Zuerst wäre da die Lage in einem Dreiländereck (Frankreich/Luxemburg/Deutschland) zu nennen. Wir sind also von Haus aus international und vor allem französisch geprägt. Das hat aus meiner Sicht nur Vorteile. So kann in meiner Heimat Kultur entstehen, die sich gleich aus mehreren nationalen und internationalen Einflüssen befruchten kann. Uns unterscheidet natürlich auch die eigenständige Geschichte von anderen Bundesländern. Oder weiß man im Rest der Republik wirklich, dass das Saarland mal ein eigenes Land war, eine Nationalmannschaft hatte, ein eigenes Olympia-Team, eine eigene Flagge und eigenes Geld hatte? Das Saarland und seine Bevölkerung ist also im Grunde schon selbst „alternative Kultur“.

Als Musikfan, der gerade die Independent-Kultur seit den frühen 80er Jahren im Blick hat, habe ich natürlich auch immer die deutsche Szene dazu beobachtet. Leider haben wir heute keine Kaliber wie Kraftwerk oder die Einstürzende Neubauten mehr, die auch international große Reputation erfahren (von Rammstein und den Toten Hosen mal abgesehen). Dennoch sind wir seit vielen Jahren weltweit in der Gothic-Kultur gegenüber anderen Ländern weit vorne. Das zeigen Festivals wie das WGT und Mera Luna, auf die über 20.000 Besucher aus der ganzen Welt kommen. Das ist in der Größenordnung sonst nicht mehr zu finden. Selbst die Briten haben in dieser Szene längst nicht mehr diesen Zulauf. Dafür hängt der Rest von Europa uns aber im Indie-Bereich meilenweit ab. Selbst unsere direkten Nachbarn wie Belgien, Frankreich und Spanien bringen immer wieder neue Bands hervor, die den Zeitgeist einfach besser umsetzen können und unter dem gerade blühenden Hipster-Trend eine schnell wachsende Fanbase aufbauen können. Dieses Glück ist der deutschen Indie-Szene leider nicht beschieden. Selbst wenn der Markt sich auch in Deutschland Richtung Internet verlagert hat, geht es hier nicht ohne GEMA und Masterlabel, wenn man von der Musik auch einigermaßen leben will. Ich habe das Gefühl, dass deutsche Acts, selbst wenn sie sich international aufstellen und englisch singen, es immer noch sehr schwer haben, z.B. auf Festivals im Ausland gebucht zu werden.

Was waren bzw. sind Deine musikalischen Wurzeln?

Zu meinem großen Glück habe ich drei ältere Geschwister, die alle auch in ihrer Jugend völlig unterschiedliche Musik gehört haben. Ich wurde also schon sehr früh mit allem Möglichen aus den 70er-Jahren beschallt, und da blieb einiges hängen. Altersbedingt bin ich natürlich ein NDW-Kind, aber auch schon da waren es eher Bands wie Grauzone, Fehlfarben und DAF als Nena und Markus. Mit 14 war ich dann in meiner kleinen Provinz einer von drei „New Wave“-Vertretern, mit allem was dazu gehörte. Um da auf Gleichgesinnte zu treffen mussten wir schon 20 Kilometer zur nächsten Disco fahren. Besonders geprägt haben mich dann Depeche Mode, The Cure, Bauhaus, The Sisters of Mercy, Nick Cave, aber auch viel, heute völlig vergessene Bands wie Die Erde, Cyan Revue oder einige die schon damals eher Underground waren. Anfang der 90er wurde mir die Szene zu pubertär, oder ich bin einfach raus gewachsen, keine Ahnung. Für die nächsten Jahre war ich dann in der Psychobilly-Szene verwachsen. Heute ist es eher allgemein Indie- und Alternative Musik, die mich begeistert. Zu meinen Helden aus der Jugend gehe ich aber noch heute zu den Konzerten.

Eine letzte Frage: wo nimmst Du die Energie für diese umfassenden Tätigkeiten her? Was verschafft Dir Ruhepol und Ausgleich?

Ich finde es einfach extrem spannend, am Puls der Zeit zu leben und zu beobachten wie sich gegenwärtige Jugendkultur entwickelt. Wenn es mir dann auch noch gelingt sogar weiterhin ein Teil davon zu sein, selbst mit fast 50, dann hält mich das jung und fit, auch wenn mein Körper mir selbst schon längst andere Signale gibt. Ich bleibe dann einfach nicht mehr auf Konzerten bis die Kehrmaschine kommt, und stehe auch nicht mehr mit dem Fotoapparat in der ersten Reihe, und die Lautstärke zu Hause ruft nicht mehr die Nachbarn auf den Plan, aber ich bin musikalisch auf der Höhe und verfolge sehr genau, was gerade angesagt ist, und wohin sich Trends entwickeln. Um ehrlich zu sein, sind es diese Aktivitäten und meine Arbeit, die für mich den Ausgleich bieten – der Ruhepol ist meine Beziehung. Kultur ist für mich eine Insel, eine Oase, Realitätsflucht und Ablenkung. Hätte ich nicht die Kultur, würde mich das Leben völlig überfordern.“

Das Interview führte Tristan Rosenkranz. Es erschien ebenfalls in der Printausgabe des „Outscapes“-Magazins #5 [Edition Outbird].

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Bildnachweise: Alex Wolfanger, Jörg Mathieu