Luci van Org „Kunst inspiriert mich, wenn ich sie fühle“ [Interview Teil 2] | Outscapes #5

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #5 [Edition Outbird] erschienen. In diesem Zusammenhang verweisen wir gern auch auf die Verlosung ihres neuen, handsignierten Buches „Die Geschichten von Yggdrasil – das kleine Familienbuch der nordischen Sagen“ unter Neu-AbonnentInnen.]

Antwortteil 2 zu Frage 1:

„… Auch hinter dem ersten Lucilectric- Album stehe ich bis heute voll und ganz. Wir waren in Deutschland immerhin die erste Band, die Technobeats mit Punkrock kombiniert hat. Auf unseren Konzerten wurde Pogo getanzt. Und „Mädchen“ musste erst in Holland ein Hit werden, bis deutsche Radios sich getraut haben, es zu spielen, weil der Song – so albern das heute klingt – zu „schräg“ und zu „rebellisch“ war. Am Anfang waren Lucilectric wundervoller, lustiger Krawall, ganz nach meinem Geschmack. Dann aber hat die Plattenfirma uns durch jede noch so blöde Mainstream-TV-Show gejagt, übel in unserem 2. Album herumgepfuscht und mit heftigsten Vertragsstrafen gedroht, wenn wir uns nicht fügen. Da wurde es kurz mal schlimm. Heute würde ich in solchen Situationen nur den Mittelfinger zeigen, aber mit Anfang 20 habe ich mich von sowas leider noch beeindrucken lassen.

Immerhin haben wir es dann geschafft, die Firma zu wechseln. und mit dem dritten Lucilectric- Album „Tiefer“, von dem es ein Song damals sogar schon auf einen Gothic-Sampler geschafft hat, begann dann eigentlich bereits die Rückkehr zur Ursuppe. Allerdings erstmal ohne dass ich es gemerkt hätte. Bis zum Debütalbum von „Das Haus von Luci“, dem ersten Album, das ich komplett allein produziert habe. Da wollte ich einfach nur ein richtig tolles Album machen. Wollte der Welt und mir selbst zeigen wie ich mich anhöre, wenn ich keine Kompromisse machen muss, und ich selbst fand das Album sehr fröhlich und poppig. Für Radio, Presse und die Booker der großen Festivals war es aber „schräg“ und „düster“; und das erste Festival, auf dem „Das Haus von Luci“ dann schließlich gespielt haben, war das WGT 2004… Soviel zu dem, was aus mir rauskommt, wenn ich keine Kompromisse machen muss. Die Begeisterung und Offenheit, mit der mich das Publikum damals in der Moritzbastei empfangen hat, hat mich dann komplett überwältigt. Das war ein echtes Nach-Hause-Kommen.“

Interview Teil 2

„… Erst Ende der Neunziger hat mich ein sehr netter Journalist ermutigt, es mal mit dem Kolumnenschreiben zu versuchen, was dann so gut geklappt hat, dass ich nicht mehr aufhören konnte zu schreiben.

Was macht mehr Spaß, das Schreiben oder die Musik (fiese Frage 😉)?

Bei Fleißarbeiten macht immer das am meisten Spaß, was ich gerade nicht tue. Beim Gitarre üben oder beim Spuren editieren im Studio würde ich viel lieber was schreiben; wenn ich Romankapitel oder Drehbücher überarbeiten muss, würde ich gern viel lieber Musik machen. Aber wenn´s einfach läuft, gibt es keinen Unterschied. Dann bin ich einfach nur glücklich mit dem, was ich mache.

Was unterscheidet „Üebermutter“ von Deinem Elektroprojekt „Meystersinger“?

Viel weniger, als es zunächst scheint. Beide Projekte sind unterschiedliche Pole desselben Planeten. In beiden geht es – oft ziemlich politisch – mit ganz viel ehrlichen Emotionen um Zwischenmenschliches. Bei Üebermutter speisen sich diese Emotionen aber vor allem aus Wut und bei Meystersinger aus Mitgefühl und dem Willen zur Versöhnung. Diese beiden Extreme, zwischen denen ich in meinem Leben ständig hin- und herpendele, in einem musikalischen Kosmos zu vereinen, habe ich bisher noch nicht geschafft. Da braucht es einfach zwei Bands – mindestens…

Liegt dir eins der Projekte mehr am Herzen und wenn ja warum?

Immer das Projekt, an dem ich gerade arbeite, ist mein wichtigstes Projekt und liegt mir am meisten am Herzen. Das kann morgens ein anderes sein als mittags und nachmittags wieder ein anderes.

Kunst ist Ausdruck des Ichs…. Ganz klar. Was Kunst für dich persönlich aus der Schöpferinnensicht bedeutet, liegt bei der Fülle an Projekten die du da am Laufen hast, auf der Hand. Gibt es auch Luci van Org die Konsumentin von Kunst? Was gefällt dir persönlich, was inspiriert dich und warum?

Kunst inspiriert mich immer dann, wenn ich echte Emotion spüre. Wenn ich das Gefühl habe, dass jemand nicht nur mit irgendeiner Masche, Mode, Form oder einem vermeintlichen Gefühl kokettiert, sondern wirklich den Drang hat, mir etwas mitzuteilen. So, wie zum Beispiel bei Trey Parker, dem Schöpfer von Southpark. In so gut wie allem, was er macht, und sei es noch so schwarzhumorig, ist der gnadenlos ehrliche Wunsch nach einer besseren Welt, nach einem besseren, liebevolleren menschlichen Dasein zu spüren. Wenn ich das irgendwann mal auch nur halb so überzeugend hinkriege, führe ich ein Tänzchen auf.

Seit wann ist Kunst und Kultur (so) wichtig für dich? Wie hast du entdeckt, dass du ein Faible für Kunst und Kultur hast?

Ich habe kein Faible für Kunst ins Kultur. Ich kann einfach nichts anderes, und nichts anderes würde mich glücklich machen.

Du nutzt Namen, Erfolge und Kontakte unter anderem auch als Schirmfrau des „Bundesverbandes verwaiste Eltern und trauernde Geschwister in Deutschland e.V. (VEID.e.V.)“. Welchen Bezug hast Du zu diesem Thema?

Den der Empathie und den der Einsicht, dass es Dinge gibt, die so entsetzlich und so grausam sind, dass ich sie nicht nachempfinden kann, wenn ich sie nicht selbst erlebt habe.

Ich kann Eltern, die den Tod ihres Kindes erleiden müssen, aber zumindest ein klein wenig beim Überleben helfen, und das versuche ich. Indem ich mich, wo immer es geht, darum bemühe, die Öffentlichkeit für die Wichtigkeit der Vereinsarbeit zu sensibilisieren und – ganz profan – auch Menschen davon zu überzeugen, Geld zu spenden. Am Wichtigsten ist mir aber, Berührungsängste gegenüber betroffenen Eltern abzubauen. Zu zeigen, dass im VEID trotz – oder sogar gerade wegen – der allgegenwärtigen Trauer auch gelacht und geliebt und gefeiert und geschimpft und sich gestritten wird. Davon zu erzählen, was für bewundernswerten Menschen mit oft übermenschlichen Kräften ich dort immer wieder begegne und wie viel ich von ihnen lerne. Genau dieser Kontakt mit den Betroffenen ist auch meine größte Motivation. Ich bin so dankbar für alles, was ich von ihnen schon lernen durfte und für das große Vertrauen, das mir entgegengebracht wird.“

Das Interview führten M. Kruppe und Tristan Rosenkranz. Teil 1 des Interviews und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #5 [Edition Outbird].

Luci van Org in unserem Webstore: bitte hier entlang.

Bildnachweise: Axel Hildebrand