[ Rezension ] Yeah But No „Yeah But No“

Der Postmann bringt mir den edlen Schotten einer langjährigen Freundin, der – eigentlich für Heiligabend bestimmt – gerade leise meine Kehle hinunterbrennt. Heute fühlt ich alles anders an, so frei von Energie, als müsse sich der Energiehaushalt zu Weihnachten und Jahreswechsel hin erst reorganisieren. Zwei zu kurze Nächte, eine davon fast restlos verfeiert. Und ich sitze an der liegengebliebenen Rezension zum emotionalen Flugteppich namens „Yeah But No“ mit ihrem unfassbaren gleichnamigen Album.

Es gibt ja keine Zufälle, sonst hätte ich mit „es ist einem Zufall geschuldet“ begonnen, den Weg von Yeah But No in meine Gehörgänge zu rekonstruieren. Mario Willms´ alias Douglas Greed´s Lebensweg läuft schon seit vielen Jahren parallel zu mir oder meiner Wahrnehmung, was mit Wurzeln in der gleichen Heimatstadt und teilweise Szene nicht ausbleibt. Irgendwann vor wenigen Monaten wurde ich auf ein Video aufmerksam, was der seit Langem zum Musiker herangereifte Willms postete, und kam seitdem nicht mehr runter davon.

Yeah But No frisst sich in den eigenen emotionalen Resonanzkörper, setzt sich fest in Form massiver Gänsehaut und lässt einen übermütig dazu neigen, alles Schwerwiegende loszulassen. Weiche, sanfte, logische Klangläufe, die jede Disharmonie vermissen lassen. Elektronisch schwingende Minimalismen, die bei aller Reduktion eine Dichte beim Hörer erzeugen, dass es ein Leichtes ist, zum – man verzeihe mir dieses abgetragene Wort – Dauerbrenner zu mutieren.

In meinem Autoradio lief die Scheibe rauf und runter, meine Tochter und Freunde waren flugs angefixt. Und sahen sich bemüßigt, Mario Willms und Fabian Kuss´ Popprojekt mit „heute leider nicht mehr möglichen Depeche Mode“ zu beschreiben, als Musik auch, die Erinnerungen wachruft. Mir fallen Referenzen wie Fever Ray ein, mitunter auch Burial und irgendwo im Hintergrund Massive Attack. Und ich merke beim Schreiben, dass dieser Sound alles andere als Rotweinmusik ist und klar zu gutem Single Malt passt.

Unfassbar, was Fabian Kuss vor diesem soundarchitektonischen Background da als Gesangspart liefert. Mit einer festen, weichen Stimme, die  zwischen Fragilität und dem Verlust von Raum-Zeit-Strukturen changiert und Unterschiede zwischen Fragen und Antworten vergessen lässt.

Problematisch nur: man sollte solche Musik nicht hören, wenn man verliebt ist (doch, sollte man, und zwar genau dann!), weil man sie verliert, sollte man seine Liebe verlieren. Man kommt nicht mehr ran, und vielleicht ist genau das der Grund, warum ich heute Whisky trinke – um die Rezension zu diesem Ausnahmeprojekt zu schreiben.

Yeah But No ist Leichtigkeit, ist tiefe Liebe, ist Zerbrechlichkeit und Angst, ist Sanftheit und ein weiter, weiter Weg durchs Leben. Den ebenjene beiden Musiker da auch auf brillante Weise widerspiegeln. Mit Yeah But No ist es wie mit einer tiefen Liebe oder einem edlen Whisky: so etwas findet einen, wenn man Jahre weit gelaufen ist…
__

Die Rezension verfasste Tristan Rosenkranz; in der Dezember-Ausgabe unseres „Outscapes“-Magazins finden Sie im Printformat Teil 1 des Interviews mit Yeah But No, online unter diesem Link Teil 2.

Anna K. O.
_____________________________________________________________________________________

[ Rezension ] Dirk Bernemann „Ich hab die Unschuld kotzen sehen IV“

[Im Zusammenhang mit nachfolgender Rezension verweisen wir gern auf die Verlosung seines handsignierten aktuellen Buches. Informationen dazu gibt es unter diesem Link.]

Dirk Bernemann sucht kleine Wunden und reißt sie brutal auf

Es ist nichts Neues, wenn Attribute wie „melancholisch“, „düster“, zuweilen sogar „pessimistisch“, aber auf jeden Fall auch „humorvoll“ und der Name Dirk Bernemann in einem Satz genannt werden. Bernemann ist kein Unbekannter Autor (mehr) und jene Attribute könnte man als Markenzeichen bezeichnen, wenn da nicht eine Art Lot durch seine Texte ginge, das die Tiefen des in Berlin lebenden Schreibers eindeutig als authentisch ausmachen würde. Was wir in den Büchern Bernemanns lesen, ist keine aufgesetzte Masche, ist kein Haschen nach Aufmerksamkeit und schon gar nicht der krampfhafte Versuch, Pointen zu verfolgen, sie künstlich zu installieren um der „literarischen“ Mode unserer Zeit gerecht zu werden. Dirk Bernemann ist echt, ist ein Mensch mit einem scharfen Blick in einer unscharfen Zeit. Und seine, man muss tatsächlich sagen: depressive Erscheinung zeigt, dass da keine Maske vor einem doch oftmals traurigen Gesicht liegt.

So auch in dem nunmehr vierten Teil des ersten Bestsellers „Ich hab die Unschuld kotzen sehen“.

In seinen Storys beleuchtet er einmal mehr die negativen Seiten des Seins, erzählt vom Suizid eines Teenagers, spricht von einer Beziehung die keine ist und die mehr als unschön endet und von der Veränderung einer anderen Beziehung durch einen wirklich tragischen Schicksalsschlag. Und spätestens hier hatte er mich, wie er mich auch in seinen anderen Büchern bekam.

Allerdings geschah bei Lesen eben dieser erwähnten Story etwas, das mir noch nie beim Lesen einer Story passiert ist. Die Kombination von Sprache in dem für Bernemann so typischen Stil, die Nichtvorhersehbarkeit des Verlaufs und am Ende die Tatsache der Eigentlichkeit, der Wendung der Handlung bauten mir erst einen Kloß in den Hals. Das aber reicht dem Autor nicht. Er will den Schmerz ganz ausdehnen so scheints und reißt die gestochene Wunde ganz langsam, beinahe sorgfältig und doch mit einer derartigen Wucht auf, dass ich ernsthaft heulen musste. Und wie gesagt, das ist mir noch nie beim Lesen eines Buches so gegangen. Und ich wage zu behaupten, dass er sich selbst beim Schreiben dieser Story ein bisschen quälen wollte.

Mit dem für ihn so bekannten schwarzen Humor macht er auch keinen Halt vor Menschen mit Behinderungen, ohne dabei aber beleidigend zu werden, der von oben herab zu wirken. Er nennt das Kind, das in seinen Geschichten oft schon längst in den Brunnen gefallen ist, beim Namen, ja, er ruft hinterher, um zu erfahren, ob es noch lebt. Und wenn es noch lebt, wirft er Steine hinterher, damit es sich im Todeskampf nicht quälen muss. Man könnte auch den Rettungsdienst rufen, aber Dirk Bernemann ist nur Beobachter…

„Ich hab die Unschuld kotzen sehen IV“ ist ein Muss für jeden Optimisten, der einmal die andere Seite der so viel genannten Medaille sehen will, eine absolute Empfehlung für jeden Pessimisten, der sich bestätigt sehen will und eine nicht weniger dringende Empfehlung für alle Anderen, irgendwo zwischendrin, die keinen Bock haben auf die „Friede-Freude-Eierkuchen-Welt“ fernab aller Deutlichkeit.
__

Die Rezension verfasste M. Kruppe; in der Dezember-Ausgabe unseres „Outscapes“-Magazins finden Sie im Printformat Teil 1 des Interviews mit Dirk Bernemann, online unter diesem Link Teil 2.

Dirk Bernemann in unserem Onlinestore: Bitte hier entlang.

Bildnachweis: Sophia Vogel
_____________________________________________________________________________________

[ Short Story ] Jenz Dieckmann „Das, was du willst“

Meine Fresse. Dieser Abend tobte sich an mir aus.
Er riss an mir herum, wie ein Rudel Piranhas im Zustand der schwärmenden Selbstzerfleischung.
Die Kneipe war voll, ich war es noch nicht, was aber mehr Ursache, als Teil des Problems darstellte und auch als einziges leicht zu lösen schien.
Um mich herum Spaß, Frohsinn, Geilheit, Rausch, Freundschaft, Lust, Anmache, Angebertum, Leidenschaft und Hass.
Blanker Hass. Der Menschheit. Auf mich. Jedenfalls.
Vielleicht erwartete ich aber auch zu viel.
Das mir die gesamte egozentrierte Kackplage an Hirnträgern mal quer über den Arsch lecken konnte, ist nicht nett, interessierte Gottes Erschöpfung aber auch nicht wirklich.
Also redeten sie einfach weiter.
Schnell, laut und ungefragt.
Durcheinander.
Die Fetzen der Gespräche wirbelten mir um den Schädel, wie die Glasscherben des Geisterfahrers beim Frontalaufprall. Da wurden in einer unermüdlichen Dauerschleife Hände geschüttelt, Schultern geklopft, Witzchen gemacht, Nacken genickt, dass es nur so krachte.
Ich dagegen gab mir Mühe. Wirklich. Kurz.
Langsamer trinken, das nette Mädchen mit den kurzen Haaren anlächeln, über die Lage reden.
Gesprächsapps. Bausteine.
Aber ich machte denen nichts vor. Sie durchschauten es. Alle.
Meine Stirn war aus Glas.
Mein Hirn im Schatten.
All diese Menschen prallten an mir ab, wie Eisberge am Bug der Titanic, und hinterließen nur lächerliche Dellen im Schutzschirm meiner überrosteten Selbstlosigkeit. Mehr gaben, mehr gönnten sie mir nicht.
Und ich saß nur da, trank wieder schneller und sehnte mich verzweifelt nach dem einen finalen Einschlag. Endlich etwas, das mich wirklich berührte, das in mich eindringt und mich zu Fall bringen würde.
In den leerenden Abgrund unter mir.
Alles zwecklos. Ich würde ihnen nicht entkommen. Ich versuchte mich zu ducken, hinter ihren aufrechten Rücken, hinter monumentalen Zahnreihen, hinter Muskeln, Titten, Ärschen, Mündern. Ich trieb zu dem tiefsten Punkt jeder Kneipe, der Theke. Neben dem abgekackten Säufer. Dem, den sie nicht mal mehr hassten. Als mich.
Ich bestellte zwei Schnaps. „Hier Mann, trink was …“ Sein Gesicht kam zurück aus der stumpfen, zermürbenden Tiefsee, in der er seit Stunden versank. Unendlich müde, eingefallen. Seine Augen waren durchsichtig. „Kein Geld, Mann …“
Ich schob eins der Gläser zu ihm rüber: „Scheiß drauf Mann, ich mag dich …“ Obwohl er schon am Ende war, zögerte er keine Sekunde und griff schwankend aber entschlossen nach dem Glas.
Unverfälschte Gier. Endlich. Jemand da.
Ich schloss die Augen und kippte meinen Schädel in den Nacken und mit ihm meinen Schnaps ins Gedärm. Als das silberne Brennen im Magen ankam, hörte ich seine Stimme ganz nah an meinem Ohr, wie sie mit geschwollener Zunge flüsterte: „Ist es das, was du willst?!“
Irritiert öffnete ich die Augen und sah in sein schwarzes Gesicht. Es war dasselbe verschwommene Trinkergesicht, nur war es jetzt pechschwarz. Wie stumpfer Asphalt. In der Kneipe war es still. Wie erstarrt. Die Menschen um uns herum hatten sich aufgebrochen. Sie hatten sich die Kleider, die Haut, das Fleisch von den Knochen gerissen. Ihre gekrampften Hände gruben in den Töpfen voller Eingeweide, ihre Gesichter waren in einhelligem Irrsinn gefaltet.
Ich zuckte zusammen. Panik, Angst, Gefühl.
Ganz nah.
Rausch.
Ich knallte das Schnapsglas auf den Tresen und alle um mich herum redeten weiter. Als wäre nichts gewesen.
Die Bedienung hinter dem Tresen stoppte kurz damit, die Gläser zu waschen und starrte mich an: „Alles klar bei dir?!“ Der Säufer neben mir hatte seinen Kopf auf den Unterarmen abgelegt. Das Schnapsglas noch in der Hand.
„Dein Schnaps ist böse.“ Die Bedienung hörte mir längst nicht mehr zu. Sie war weitergezogen. Ich stand noch da und sagte es leise zu mir selbst. Trotz des Lärms konnte ich mich flüstern hören. „Geh.“
Meine Füße tanzten durch die endlosen Wälder von gelenklosen Beinen. Mein vom vielen Bier aufgeblähter Oberkörper taumelte umher, wie eine zu kurz angekettete Boje in einem Sturmtief südlich der Antarktis. Ich versuchte, es nicht wie eine Flucht aussehen zu lassen. Mehr wie ein geordneter Abgang nach einem geglückten Fallschirmabsturz. Doch ihre Augenwinkel hatten mich im Blick. Zu der Gewissheit der Isolation gesellte sich jetzt das Gefühl, ein unentrinnbarer Mittelpunkt zu sein.
Ich fühlte mich ertappt. Ich fühlte Konspiration. Irgendetwas verband sie, was ich niemals fühlen würde.
Als ich durch das Blickfeld des netten Mädchens mit den kurzen Haaren schrammte, leuchteten ihre Augen plötzlich auf. Eine abgrundfreie Freude ließ ihre Wangen erröten, so als wenn sie tiefen und lebenswichtigen Erfahrungen folgen müsste. Sie teilte die wogende Menge an menschlicher Verschwörung zwischen ihr und mir und nahm mich vorsichtig in den Arm. Ich spürte die Wärme ihres Bluts in meinen Adern. Die Weichheit ihres Körpers in meinen verhärteten Knochen. Ich hörte ihre Gedanken knistern. Sie legte ihre Hand hinter meinen Kopf, wie bei einem Baby, das vom Wickeltisch zu fallen droht, und flüsterte mir ins Ohr: „Verlasse niemals einen schönen Ort mit traurigem Herzen, sonst findest du ihn nie wieder …“
Das finstere Kabinett des Daseins ist ein Königreich des Irrtums.
Nicht die Welt war Scheiße. Ich war es.
Die Welt konnte ich nicht verändern.
Aber die Welt würde mich verändern.
Draußen regnete es.
Ich nahm ihre Hand und wir liefen mit eingeschlagenen Köpfen in die Dunkelheit.

__

„Das, was du willst“ erschien neben anderer/n Short Stories und Lyrik unlängst in Jenz Dieckmanns Buch „Die totale Verkommenheit“ bei „Rodneys Underground Press“. Bildnachweis: Marcela Bolívar.
_____________________________________________________________________________________

„Outscapes“-Magazin – eine (Selbst)Kritik

Das „Outscapes“-Magazin bekommt viel Zuspruch und positive Resonanz, was uns sehr erfreut. Ebenso wichtig sind uns kritische Feedbacks, die allesamt in unsere Überlegungen und redaktionellen Planungen einfließen und für die wir ebenso dankbar sind. Drei gilt es in aller Kürze an dieser Stelle zu erwähnen und unsererseits zu kommentieren:

  • Lesbarkeit: Es ist richtig, dass das derzeitige Magazin mit einem Layout aufwartet, das die Lesbarkeit in indirektem oder schummrigen Licht erschwert. Da wir aber mit jedem Magazin unser Layout weiterentwickeln, versichern wir, dass dies in der nächsten Ausgabe nicht mehr der Fall sein wird.
  • Stichwort „Gothic-Magazin“: Nein wir waren nie ein Gothicmagazin und wir werden nie eins sein. Es greift aus unserer Sicht zu kurz, von Layout und Grafik auf Inhalte abzuzielen. Weder Peter Wawerzinek noch Frau Kopf noch Luci van Org noch David Gray noch Yeah But No noch Anne Liebenau noch Kathy Kahner noch das Majorlabel noch Emma Wolff noch Hauke von Grimm noch Ralf Bruggmann noch Tobias Gellscheid noch das Drecksack-Magazin oder Bulbash-Wodka (um nur diese Beispiele zu nennen) haben mit der Gothicszene etwas zu tun.
  • „Verfolgungswahn“ im rechten Umfeld aktiv? Natürlich sind wir dankbar für Magazinbesprechungen wie die in der Dezemberausgabe (Nr. 187) des „Trust“-Magazins, uns aber wegen der Werbeanzeige der Oi-Punkband „Verfolgungswahn“, deren Grafiker unser Layouter ist, mit Bands der rechten Szene in Verbindung zu bringen und eine ganze Region in Verruf zu bringen („Ich weiß selbst, das auf dem Land die Grenzen zwischen rechts und nicht-rechts oft fließend sind, aber das ist auch einer der Gründe, warum ich da nicht mehr wohne.“) ist nicht nur stark polemisiert, es ist auch genau einer der Gründe, warum die vielen spannenden und richtigen Ansätze der linken Diskussionskultur immer weniger Gehör finden. Und liebe Musiker von „Verfolgungswahn“, vielleicht schaut ihr in Zukunft genauer auf die Setlist von Konzerten.

Vielen Dank und herzliche Grüße.
_____________________________________________________________________________________

Hauke von Grimm „Seemannsgarn“ [Interview Teil 2] | Outscapes #6

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #6 [Edition Outbird] erschienen.]

Die Buch- und eBook-Verkäufe erodieren, immer mehr Menschen gehen den sozialen Medien und Streamingangeboten auf den Leim, „verlernen“ quasi das Lesen. Wie kann man Deiner Meinung nach das Interesse am Buch wieder zum kulturellen und Bildungsgrundgebot in der Gesellschaft machen?

Die Welt ist im Wandel. Das Rad dreht sich. Wir sind nur ein Teil der Geschichte. Sprache verändert sich und die Art wie Erzählungen zu den Menschen kommen auch. Die mündliche Überlieferung wurde durch die Schrift abgelöst, dann kam die Druckkunst und das Buch begann seinen Siegeszug. Wir werden das alles nicht aufhalten. Was bleibt ist, dass die Menschen unterhalten werden wollen. Wir bieten eine Möglichkeit. Und Leser wird es noch eine ganze Weile geben. Mit den PoetrySlams und den LeseBühnen erleben wir seit einiger Zeit eine Art von dem Bedürfnis Kurzweile durch Geschichten zu erfahren. Und noch lesen genug Leute. Was sie allerdings konsumieren finde ich eher bedenklich. Aber ich ticke eh anders als die Andern. Wir können unsere Angebote nach unseren Möglichkeiten anbieten. Wir können Menschen durch unsere Art überzeugen und auf uns aufmerksam machen. Ändern können wir den Lauf der Zeit oder die Menschen nicht.
Vielleicht können wir unsere Angebote ändern. Hörbücher oder Kurzfilme aus unseren Texten machen. Und dann sollen sie Streamen, wenn es sie glücklich macht.

Was macht gute Literatur aus?

Sie muss eine gewisse Stimmung erzeugen, und sie muss fesseln. Wenn man den ganzen Tag an ein Buch denkt wie an eine Geliebte. Aber sie muss auch unterhalten. Mich unterhält auch die Sprache, nicht jeder kann alles gleich gut beschreiben. Ein gutes Buch ist, wie einem Freund zuzuhören. Man muss nicht immer seiner Meinung sein, aber wenn es schön gesagt wird, beglückt mich das auch.

Was sind Deine persönlichen Favoriten der Welt- und Untergrundliteratur?

Ich mag gern die Kollegen aus meinem Dunstkreis. Wie sie mit mir reden, so schreiben sie. Schweßinger, Tanner, Kruppe, HC Roth und die Lesebühnen-Kolleg/innen. Aber ich mag auch die alten Piraten- und Seebärengeschichten und mal einen guten Western. Ich lese gern historische Geschichten. Wenn sie nicht zu sehr in die Romanzen abdriften. Wenn mich ein Thema packt, versuche ich mich dem über die Literatur zu nähern. Bernard Cornwells „Waterloo“ war gut. Fakten, spannen und nicht zu sachlich erzählt. Ansonsten hab ich noch etwas für Christian Kracht übrig. Und ich lese viel Lyrik.

(Zur Buchbestellung bitte Cover anklicken)

Letzte Frage: welchen Whisky (zum Buch oder unter Freunden) empfiehlst Du ganz besonders?

Das ist sehr schwer. Wer Whisky trinkt weiß was für ihn am besten ist. Was in meinen Flaschen drin ist, mag nicht jedem munden. Ob Rotwein, IPA oder Eierlikör. Zu meinen Geschichten passt alles. Der Leser soll sich wohl fühlen und das geht wohl am besten wenn er in seinem Element ist. Ich stopfe meine Pfeife mit „Kentucky Bird“ Tabak und würde mir etwas rauchiges aus den Norden von Schottland ins Glas schütten. Und kann nur jedem sagen, dass mir das gut gefällt. Dazu Musik von Sigur Ros oder Mogwai oder Nils Fram. Aber auch Pink Floyd und ein Grau Burgunder passt hervorragend. Oder ein dunkles Bier zu Mahler oder Bruckner vom Plattenspieler. Je nach Wetterlage oder Gemütszustand. Ich kann auch mit Tee im ICE lesen. Aber solange kein Cola im Whisky ist, seid ihr auf dem richtigen Weg.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz. Teil 1 des Interviews und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #6 [Edition Outbird].

Hauke von Grimm in unserem Webstore: bitte hier entlang.

Bildnachweis: ToniK Picturesque
_____________________________________________________________________________________

Frau Kopf „Brachialromantik für Hochsensible“ [Interview Teil 2] | Outscapes #6

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #6 [Edition Outbird] erschienen. In diesem Zusammenhang verweisen wir gern auch auf die Verlosung ihres neuen, handsignierten Buches „Brachialromantik“ unter Neu-AbonnentInnen.]

(Zur Buchbestellung bitte Cover anklicken)

„… In wenigen Worten: worum geht es in Deinem aktuellen Buch und warum sollte mensch es unbedingt lesen und weiterempfehlen?

Es geht um die Dinge, die jeder ist, fühlt, mag, hasst und kann. Menschliches. Abgründiges. Trauriges. Zuversicht. Irgendwas mit Sex und Rausch und zwischendurch Aufwachen.
Warum Mensch es lesen sollte? Um sich in den Worten zu finden und sich ein bisschen vor sich selbst zu fürchten und zu schämen. Danach kann man dann stolz auf sich und sein Gemensche sein, egal wie schmutzig, traurig oder eben bemerkenswert man ist.

Letzte Frage (n): Was ist Dein größter Wunsch? Und wo siehst Du Dich in zehn Jahren?

Kühlschrank voll, die Liebe im Bett und ein Wohlgefühl, wenn ich morgens aufwache.“


Das Interview führte Tristan Rosenkranz. Teil 1 des Interviews und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #6 [Edition Outbird].

Frau Kopf in unserem Webstore: bitte hier entlang.

Bildnachweis: Marco Fechner
_____________________________________________________________________________________

Yeah But No „Melancholisches Rauschmittel“ [Interview Teil 2] | Outscapes #6

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #6 [Edition Outbird] erschienen.]

Antwortteil 2 zur vorangegangenen Frage:

„… Ich war fasziniert davon welche Tiefe die Produktionen hatten und das ich manchmal selbst nach dem tausendsten mal Hören noch Kleinigkeiten im Sounddesign entdecken konnte. Wahrscheinlich fing damals meine ProduzentenLeidenschaft an.

Wenn man Yeah But No hört und sich an den puren Schalk Mario Willms da draußen in der Realität erinnert, meint man fast, Du habest Deinen Humor verloren. Ist Yeah But No musikalisches Gegengewicht zu Deinem Wesen?

M: Das geht ja immer alles zusammen. Ohne Humor könnte man manchen Dinge nicht ertragen und manche Dinge sind so tragisch das sie schon wieder lustig sind. Wenn es um Musik geht dann sind meine favorisierten Klangfarben allerdings immer dunkel, immer melancholisch. Melancholie ist meine Batterie. Wenn ich lustige oder fröhliche Musik höre bekomme ich Kopfschmerzen und schlechte Laune. Läuft Radiohead dann geht die Sonne auf.

Fabian, warum diese fast schmerzliche Schönheit? Wieviel Schmerz verbirgt sich in Yeah But No?

F: In jeder Schönheit liegt auch ein Schmerz. Ohne Schmerz kein geschlossenes, ausgewogenes Emotionsbild. Bei der ganzen happy clappy Musik im deutschen Popradio sehnt es uns nach Fragilität und Zerbrechlichkeit. Das Melancholische bei Seite: In jedem Schmerz und in jeder Vergänglichkeit liegt ja auch wieder etwas Neues, ein Neuanfang oder eine schmerzliche Erfahrung, die man machen musste, um Dinge wieder positiver zu sehen.

Was hebt Yeah But No von der Popwelt ab? Und was markiert Eure musikalische Heimat beim Berliner Label Sinnbus?

F: Wir haben keine musikalischen Rahmen, wir schreiben und schrauben so lange bis es sich für uns gut anfühlt. Bei uns muss der Refrain nicht nach einer Minute kommen und wenn es keinen Refrain gibt, auch ok. Das Dreiergespann Sinnbus macht einen fabelhaften Job. Wir hatten schon beim ersten Treffen das Gefühl, dass wir bei Sinnbus an der richtigen Adresse sind.

Zu einem derart kreativen Output gehört immer eine Portion Wahnsinn. Welche Farbe hat der Eure?

Ein dunkles Blau.

Nach Gera kommt Jena kommt Berlin… Letzte, und zwar unvermeidliche Fragen: was ist Gera für Dich (geblieben)? Was spricht für diese unterschätzte Stadt? Welche Nahrung braucht sie?

M: Die Stadt ist natürlich immer noch irgendwie Heimat. Ich freue mich darauf meine Eltern zu besuchen und die süß-saure Erinnerung an meine Teenagertage einatmen zu können. Es ist aber auch sehr schade zu sehen wie die Stadt nahezu zerbrochen ist. Aber die Kindheitserinnerungen trösten darüber hinweg.“

Das Interview führte Tristan Rosenkranz (Rezension folgt nach). Teil 1 des Interviews und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #6 [Edition Outbird].

Bildnachweis: Anna K. O.
_____________________________________________________________________________________

Dirk Bernemann „Irgendwo ist da ständig was, was raus will“ [Interview Teil 2] | Outscapes #6

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #6 [Edition Outbird] erschienen. In diesem Zusammenhang verweisen wir gern auch auf die Verlosung seines neuen, handsignierten Buches „Ich hab die Unschuld kotzen sehen – 4“ unter Neu-AbonnentInnen.]

„… Du bist ja auch viel auf den (Lese-)Bühnen des Landes unterwegs. Was ist dir wichtiger, das Schreiben selbst, die Veröffentlichung, oder die Bühne? Und warum ist das so?

Mittlerweile mag ich beides. Früher hab ich mich auf der Bühne geschämt, weil meine Texte eher laut waren und ich persönlich eher ein leiser Mensch, da war es schwierig, die Texte ohne eine gewissen Peinlichkeit zu performen. Das wurde dann im Laufe der Zeit kongrunenter. Einfach durch Übung und Erfahrung. Mittlerweile geht das ganz gut auf der Bühne. Ich versuche mich proffessionell zu verhalten und nicht zu dumm zu wirken. Aber die Arbeit am Schreibtisch zuhause, alleine, die ist das Wesentlichste meiner Arbeit. Da sprudelt alles, da kommt alles zusammen, da knallen die Ideen aufeinander. Bin so eine Art Literaturmessie, ich hebe alles auf, habe 30 Notizbücher und versuche alles auf einmal zu nutzen, wenn ich im Prozeß bin.

(Zur Buchbestellung bitte Cover anklicken)

Gibt es andere künstlerische Ausdrucksformen, an denen du dich probierst bzw. die du verfolgst? Musik zum Beispiel, Malerei, Theater?

Ja, habe schon ein Theaterstück geschrieben, dass 2015 auch in München Premiere hatte. Bella Noir – 2 Zigaretten Demut hieß das und es ging um deutschen Schlager und seine scheiternden Protagonisten. Ansonsten, ja Musik in verschiedene Konstellationen, Improtheater und ich versuche ein bisschen zu zeichnen, was aber über Einbildcomics nicht hinauskommt. Aber immerhin, irgendwo ist da ständig was, was raus will.

Wie kam es, dass Philipp Boa deine Arbeit honorierte?

Ich bin schon ewig Fan von ihm und hab auch immer kleinere Passagen als Hommage in meinen Texten und Büchern gehabt. Irgendwie hat er das mitbekommen und hat sich ein bisschen mit meinem Zeug beschäftigt, er hat ja in seinen Texten auch immer viele Literaturbezüge. Dann haben wir uns mal getroffen und dann hab ich sogar zweimal vor Konzerten von ihm, eine Hommage, bzw. die Ansage machen dürfen. Das war wunderschön.

Wer und/oder was inspiriert dich?

Menschen. Spazierengehen. Lesen. Musikhören. Ich glaube, ich hole mir alles, was ich brauche aus dem Alltag und aus meiner Person. Da liegt genug rum für Literatur bis zu meinem Ableben.

Wie wichtig ist dir Kunst im Allgemeinen? Bist du „privat“ an Kunst interessiert?

Mega wichtig. Die Ausdrucksformen anderer Leute interessieren mich total. Wie die alle so mit der Welt umgehen, ohne sich umzubringen. Aber da begegnen mir auch immer wieder so Honks, die Kunst eher behaupten als machen. Die sind aber schnell zu entlarven. Aber es ist nicht in meinem Interesse, irgendwen zu entlarven, ich bin ganz glücklich in meinem eigenen Universum.

Gibt es für dich alternative Kunst und Kultur oder gehört alles, was Kunst ist, in einen Topf?

Komische Frage. Da muss man halt genauer definieren. Vereinfacht gesagt, ist Kunst eher die Befähigung zur Tätigkeit, irgendwas zu erschaffen und Kultur eher das Umfeld, in dem so etwas stattfindet. Bin kein Wissenschaftler, aber ich glaube, das stimmt trotzdem.

Last but not least interessiert natürlich, ob du derzeit an Neuem arbeitest. Wenn ja, kannst du schon einen kleinen Ausblick geben worum es gehen wird und ob es schon einen vagen VÖ Termin gibt?

Oh ja, ich schreibe gerade ein Buch mit zwei sehr lieben Kollegen zusammen, es geht im weitesten Sinne um Liebe und um deren negative Auswüchse und in meinem Beitrag auch um Theater, Gewalt und Jazz. Wahrscheinlich ist das alles Frühjahr 2018 spruchreif.

Ich bedanke mich…

Ich danke Dir!“

Das Interview führte M. Kruppe (Rezension folgt nach). Teil 1 des Interviews und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #6 [Edition Outbird].

Dirk Bernemann in unserem Webstore: bitte hier entlang.

Bildnachweis: Sophia Vogel
_____________________________________________________________________________________