„Ohne Liebe kein Leben und ohne Leben keine Liebe“ – Frau Kopf im Interview zu „Brachialromantik“

Frau Kopf, 34 Jahre alt, nimmt kein Blatt vor den Mund. Sie ist direkt, laut, und viele ihrer oftmals polarisierenden Texte greifen die Lethargie unserem ausblutenden Planeten gegenüber, die weit verbreitete Intoleranz, oftmals aber auch intime Innenwelten wie die eigene, wie sie es einst nannte, „Schmerzgeilheit“ als Licht und Schatten eines kaum zu stillenden Lebens- und Liebeshungers auf. Bemerkenswert an Frau Kopf ist neben einer umfangreichen Fangemeinde und einem ihr vorauseilenden Ruf auch die Tatsache, dass sie sich einerseits nicht nehmen lässt, ihre Weiblichkeit vorzuzeigen, andererseits jeden zur Rede stellt, der sie allein an optischen Merkmalen festzumachen Schrägstrich zu bewerten versucht.

Frau Kopf hat im November in unserer „Edition Outbird“ ihr zweites Buch „Brachialromantik“ veröffentlicht. Anlass genug, sie per Interview näher vorzustellen.

Frau Kopf, wer bist Du, wie würdest Du Dich selbst beschreiben?

Definitiv eine Frau und manchmal eine mit Kopf. Selbstbeschreibungen liegen mir nicht, aber ich wohl irgendwas zwischen hell und dunkel, Großstadt und Provinz, Laut und leise, Liebe und Hass.

Wie überlebt ein hochsensibler Mensch wie Du in einer Stadt wie Berlin, ohne sich zu verlieren?

Ich verliere mich ja eigentlich täglich. Das Gute ist, dass ich die Wege kenne, sie manchmal ablaufe und mich wieder einsammle.

Was bedeutet Leben, was bedeutet Liebe für Dich?

Ohne Liebe kein Leben und ohne Leben keine Liebe. Liebe ist, so abgeschmackt es auch klingen mag, mein Antrieb. Ich kann Liebe eigentlich am besten.

Wer Dir in sozialen Netzwerken folgt, spielt unweigerlich mit Schubladen wie „Hedonismus“, „Sinnsuche“, aber auch „Promiskuität“. Welche Assoziationen wecken Worte wie „Beziehung“ und „Bindungsfähigkeit“ in Dir?

Dass diese Begriffe und damit einhergehenden Gefühle, Ansprüche und Erwartungen dehnbar sind.

Sie erzeugen in mir ein wohliges Gefühl.

Ich empfinde Beziehungen und die Fähigkeit, das Wollen sich zu binden, als eine Art des sich selbst Schenkens.

Welchen Sinn hat das Leben?

Manche sagen 42, andere behaupten, es wäre das Leben und ich kann diese Frage nicht beantworten.

Ich würde mich in Faselei verlieren und so lässt sich auch keine Antwort finden.

Ich gebe Laut, wenn ich eine Antwort habe.

Buch im Verlagsshop: bitte Cover anklicken.

Das Ego ist ein gefräßiges Tier; Du selbst sagst, Du bist eine Egosau. Steht das nicht im Widerspruch zu Deiner Stimme für die Ausgegrenzten, Abgewerteten, Gemobbten dieser Welt? Welche Funktion hat Dein Ego aus Deiner Sicht?

Mein Ego ist für den Selbstschutz zuständig. Egosau sein schließt meines Erachtens nicht aus, sich für jene einzusetzen, die aufs Maul bekommen. Im Gegenteil. Da ich selbst zu den Gemobbten und Abgewerteten gehörte, hat sich das Ego ausgesucht, das anders anzugehen und laut zu werden.

Du beschäftigst Dich bis heute mit einer Lebensphase des Leides, in der Du Mobbingopfer warst. Was konntest Du – aus heutiger Sicht – aus dieser Zeit mitnehmen? Wie lässt sich Mobbing bekämpfen oder überwinden?

Es stärkt und schwächt zu gleichen Teilen. Es animierte mich, mich aufzustellen, zu hinterfragen und zu wachsen. Ich habe keine Patentlösung, um Mobbing zu bekämpfen.

Hätte ich auch nur den Ansatz einer funktionierenden Idee, hätte ich das bereits verfasst.

Du sagtest einst, Du seist schmerzgeil. Hat Schreiben, hat diese unglaubliche Tiefe Deiner Texte mit dieser vehement mitschwingenden Verletzbarkeit eine befreiende Funktion für Dich? Was ist Deine Motivation, warum schreibst Du?

Ja, es ist tatsächlich eine Art Therapie und eine Intensivierung dessen, was man sieht, fühlt und fürchtet. Die geschriebenen Worte leben all das ein zweites Mal. Das ist heilsam. Meine Motivation variiert. Heilung, Ventil, Weiterentwicklung, Anerkennung.

„…“ ist Dein zweites Buch, Dein Debut „Kopf Schweine Sterben“ erschien 2014. Warum diesmal „Edition Outbird“?

Weil ich so charmant gefragt wurde und weil da jemand am anderen Ende der Leitung sitzt, der versteht, wer ich bin und was ich sagen möchte.

In wenigen Worten: worum geht es in Deinem aktuellen Buch und warum sollte mensch es unbedingt lesen und weiterempfehlen?

Es geht um die Dinge, die jeder ist, fühlt, mag, hasst und kann. Menschliches. Abgründiges. Trauriges. Zuversicht. Irgendwas mit Sex und Rausch und zwischendurch Aufwachen.
Warum Mensch es lesen sollte? Um sich in den Worten zu finden und sich ein bisschen vor sich selbst zu fürchten und zu schämen. Danach kann man dann stolz auf sich und sein Gemensche sein, egal wie schmutzig, traurig oder eben bemerkenswert man ist.

Letzte Frage (n): Was ist Dein größter Wunsch? Und wo siehst Du Dich in zehn Jahren?

Kühlschrank voll, die Liebe im Bett und ein Wohlgefühl, wenn ich morgens aufwache.“


Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweis: Marco Fechner
_____________________________________________________________________________________

Dieser Beitrag wurde unter Video abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.