„Du kannst nicht vor 100 Leuten reden, wenn du einen Funken des Selbstzweifels zulässt“ – Hauke von Grimm im Interview zu „WortLand“

Moin Hauke. Irgendwie verbinde ich mit Dir immer so´n Seemannsding – kannst Du Dir das erklären? Liegts am „Obermaat der NVA“ in Deiner Flunkervita oder steckt da vielleicht auch der Seemannsgarn dahinter, der Dir als passioniertem Erzähler ja quasi im Blut liegt?

Du sagst es. Zum Geschichten erzählen gehört eine ordentliche Packung Phantasie und ein gut sortiertes Halbwissen. Alls was ich gern getan hätte, kann ich dir erzählen, wie ich es schon gemacht habe. Ich habe mir immerschon vorgestellt jemand anders zu sein, ohne das JETZT als unbefriedigend zu empfinden. Mein Leben ist OK und was noch fehlt, kann ich mir ja imaginieren. Ich habe keinen Fernseher und brauche ihn auch nicht.

Irgendwie rauscht in meinen Adern der Wunsch nach Brandung und Seegang. Ich sauge alles auf, was mit Ozean zu tun hat. Daher auch mein Output an maritimen Geschichten.

Wie (und vor allem wann) bist Du zum Schreiben gekommen? Elterliche Prägung oder ein einfach aus Dir selbst heraus wachsender, unbändiger Drang? Woraus ziehst Du Deine Inspirationen? In welchem Setting lässt es sich für den Autoren in Dir am Besten arbeiten?

Irgendwann war ein Drang da zu schreiben. Vielleicht am Anfang, weil ich nicht Alles jedem erzählen konnte und wollte, vielleicht ist es einfach so, das Dinge sich von einem tun lassen müssen. Meine Eltern wollten, wohl eher unbewusst, das mein ICH sich entfaltet und haben mich zu nichts gezwungen, so bin ich dem Flötenuntersicht und dem Turnverein entkommen, musste mich aber selber durch die Möglichkeiten wühlen. Schreiben hat mir auch immer zum Kanalisieren meiner Emotionen genutzt. Es war also alles da und wollte raus. Ist auch heute noch so. Die Texte kommen zu mir und beauftragen mich sie zu schreiben. Meine Inspiration ist das Leben. Die Menschen und ihre Arten zu sein. Ich bin neugierig und schaue gern zu. Und dann kommt das „Was wäre wenn“ und ich spinne eine Möglichkeit, eine Geschichte, eine Option, die sie vielleicht nicht sehen oder haben.

Um schreiben zu können brauch ich Zeit und Ruhe. Die hab ich eigentlich nie. Job, Familie, Alltag wollen auch ihren Anteil von mir. Aber irgendwie klappt es dann doch ab und an.

Eine Frage der Selbstbeweihräucherung: warum sollte man ausgerechnet Dein neues Buch „WortLand“ unbedingt haben? Und warum sollte man ausgerechnet Bücher von Edition Outbird haben?

Es klänge bestimmt gut, wenn ich sagen würde, „weil es das Beste ist“. Aber das ist es bestimmt nicht. Es ist nur mein Buch. Nur meine Geschichten. Nur der Kram aus meinem Kopf. Nur ein paar Worte von einem Spinner von Hundert1000. Ich kann irgendwie niemanden dazu überreden mein Zeug gut zu finden. Ich setzt mich einfach hin und erzähle oder lese vor. Das kann ich gut, mehr nicht.

Outbird ist glaub ich die Vogeltränke wo Vögel wie ich gern rumhängen. Und wer nicht bei den langweiligen Wasserstellen mit den langweiligen Vögeln abhängen will, der kommt halt zu uns.

Gleiches Thema, andere Fragestellung: wie weit darf Selbstbewusstsein gehen, wo ist die Grenze zum Narzissmus überschritten?

Das kann dir ein Egomane leider nicht beantworten. Ich muss mich geil finden um auf die Bühne zu gehen und ich muss an meine Geschichten selber glauben um sie zu erzählen. Selbstüberschätzung ist unser Schild, dass uns vor den Stichen der Kritik schützt. Auf der Bühne sind wir nackt. Du kannst nicht vor 10 oder 100 oder 1000 Leuten reden, wenn du einen Funken des Selbstzweifels zulässt. Die Frage ist also genau andersrum. Wie gering muss das Ego sein, damit die Lippen verschlossen bleiben und das Blatt Papier leer. Wie viel großartiger Geschichten fehlen der Welt, weil jemand zu wenig Mut hatte oder zu viele Zweifel. Ja, vor allem muss das Schild gegen die Zweifel halten.

Die Buch- und eBook-Verkäufe erodieren, immer mehr Menschen gehen den sozialen Medien und Streamingangeboten auf den Leim, „verlernen“ quasi das Lesen. Wie kann man Deiner Meinung nach das Interesse am Buch wieder zum kulturellen und Bildungsgrundgebot in der Gesellschaft machen?

Die Welt ist im Wandel. Das Rad dreht sich. Wir sind nur ein Teil der Geschichte. Sprache verändert sich und die Art wie Erzählungen zu den Menschen kommen auch. Die mündliche Überlieferung wurde durch die Schrift abgelöst, dann kam die Druckkunst und das Buch begann seinen Siegeszug. Wir werden das alles nicht aufhalten. Was bleibt ist, dass die Menschen unterhalten werden wollen. Wir bieten eine Möglichkeit. Und Leser wird es noch eine ganze Weile geben. Mit den PoetrySlams und den LeseBühnen erleben wir seit einiger Zeit eine Art von dem Bedürfnis Kurzweile durch Geschichten zu erfahren. Und noch lesen genug Leute. Was sie allerdings konsumieren finde ich eher bedenklich. Aber ich ticke eh anders als die Andern. Wir können unsere Angebote nach unseren Möglichkeiten anbieten. Wir können Menschen durch unsere Art überzeugen und auf uns aufmerksam machen. Ändern können wir den Lauf der Zeit oder die Menschen nicht.
Vielleicht können wir unsere Angebote ändern. Hörbücher oder Kurzfilme aus unseren Texten machen. Und dann sollen sie Streamen, wenn es sie glücklich macht.

Was macht gute Literatur aus?

Sie muss eine gewisse Stimmung erzeugen, und sie muss fesseln. Wenn man den ganzen Tag an ein Buch denkt wie an eine Geliebte. Aber sie muss auch unterhalten. Mich unterhält auch die Sprache, nicht jeder kann alles gleich gut beschreiben. Ein gutes Buch ist, wie einem Freund zuzuhören. Man muss nicht immer seiner Meinung sein, aber wenn es schön gesagt wird, beglückt mich das auch.

Was sind Deine persönlichen Favoriten der Welt- und Untergrundliteratur?

Ich mag gern die Kollegen aus meinem Dunstkreis. Wie sie mit mir reden, so schreiben sie. Schweßinger, Tanner, Kruppe, HC Roth und die Lesebühnen-Kolleg/innen. Aber ich mag auch die alten Piraten- und Seebärengeschichten und mal einen guten Western. Ich lese gern historische Geschichten. Wenn sie nicht zu sehr in die Romanzen abdriften. Wenn mich ein Thema packt, versuche ich mich dem über die Literatur zu nähern. Bernard Cornwells „Waterloo“ war gut. Fakten, spannen und nicht zu sachlich erzählt. Ansonsten hab ich noch etwas für Christian Kracht übrig. Und ich lese viel Lyrik.

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Letzte Frage: welchen Whisky (zum Buch oder unter Freunden) empfiehlst Du ganz besonders?

Das ist sehr schwer. Wer Whisky trinkt weiß was für ihn am besten ist. Was in meinen Flaschen drin ist, mag nicht jedem munden. Ob Rotwein, IPA oder Eierlikör. Zu meinen Geschichten passt alles. Der Leser soll sich wohl fühlen und das geht wohl am besten wenn er in seinem Element ist. Ich stopfe meine Pfeife mit „Kentucky Bird“ Tabak und würde mir etwas rauchiges aus den Norden von Schottland ins Glas schütten. Und kann nur jedem sagen, dass mir das gut gefällt. Dazu Musik von Sigur Ros oder Mogwai oder Nils Fram. Aber auch Pink Floyd und ein Grau Burgunder passt hervorragend. Oder ein dunkles Bier zu Mahler oder Bruckner vom Plattenspieler. Je nach Wetterlage oder Gemütszustand. Ich kann auch mit Tee im ICE lesen. Aber solange kein Cola im Whisky ist, seid ihr auf dem richtigen Weg.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweis: ToniK Picturesque
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