[ Short Story ] Jenz Dieckmann „Das, was du willst“

Meine Fresse. Dieser Abend tobte sich an mir aus.
Er riss an mir herum, wie ein Rudel Piranhas im Zustand der schwärmenden Selbstzerfleischung.
Die Kneipe war voll, ich war es noch nicht, was aber mehr Ursache, als Teil des Problems darstellte und auch als einziges leicht zu lösen schien.
Um mich herum Spaß, Frohsinn, Geilheit, Rausch, Freundschaft, Lust, Anmache, Angebertum, Leidenschaft und Hass.
Blanker Hass. Der Menschheit. Auf mich. Jedenfalls.
Vielleicht erwartete ich aber auch zu viel.
Das mir die gesamte egozentrierte Kackplage an Hirnträgern mal quer über den Arsch lecken konnte, ist nicht nett, interessierte Gottes Erschöpfung aber auch nicht wirklich.
Also redeten sie einfach weiter.
Schnell, laut und ungefragt.
Durcheinander.
Die Fetzen der Gespräche wirbelten mir um den Schädel, wie die Glasscherben des Geisterfahrers beim Frontalaufprall. Da wurden in einer unermüdlichen Dauerschleife Hände geschüttelt, Schultern geklopft, Witzchen gemacht, Nacken genickt, dass es nur so krachte.
Ich dagegen gab mir Mühe. Wirklich. Kurz.
Langsamer trinken, das nette Mädchen mit den kurzen Haaren anlächeln, über die Lage reden.
Gesprächsapps. Bausteine.
Aber ich machte denen nichts vor. Sie durchschauten es. Alle.
Meine Stirn war aus Glas.
Mein Hirn im Schatten.
All diese Menschen prallten an mir ab, wie Eisberge am Bug der Titanic, und hinterließen nur lächerliche Dellen im Schutzschirm meiner überrosteten Selbstlosigkeit. Mehr gaben, mehr gönnten sie mir nicht.
Und ich saß nur da, trank wieder schneller und sehnte mich verzweifelt nach dem einen finalen Einschlag. Endlich etwas, das mich wirklich berührte, das in mich eindringt und mich zu Fall bringen würde.
In den leerenden Abgrund unter mir.
Alles zwecklos. Ich würde ihnen nicht entkommen. Ich versuchte mich zu ducken, hinter ihren aufrechten Rücken, hinter monumentalen Zahnreihen, hinter Muskeln, Titten, Ärschen, Mündern. Ich trieb zu dem tiefsten Punkt jeder Kneipe, der Theke. Neben dem abgekackten Säufer. Dem, den sie nicht mal mehr hassten. Als mich.
Ich bestellte zwei Schnaps. „Hier Mann, trink was …“ Sein Gesicht kam zurück aus der stumpfen, zermürbenden Tiefsee, in der er seit Stunden versank. Unendlich müde, eingefallen. Seine Augen waren durchsichtig. „Kein Geld, Mann …“
Ich schob eins der Gläser zu ihm rüber: „Scheiß drauf Mann, ich mag dich …“ Obwohl er schon am Ende war, zögerte er keine Sekunde und griff schwankend aber entschlossen nach dem Glas.
Unverfälschte Gier. Endlich. Jemand da.
Ich schloss die Augen und kippte meinen Schädel in den Nacken und mit ihm meinen Schnaps ins Gedärm. Als das silberne Brennen im Magen ankam, hörte ich seine Stimme ganz nah an meinem Ohr, wie sie mit geschwollener Zunge flüsterte: „Ist es das, was du willst?!“
Irritiert öffnete ich die Augen und sah in sein schwarzes Gesicht. Es war dasselbe verschwommene Trinkergesicht, nur war es jetzt pechschwarz. Wie stumpfer Asphalt. In der Kneipe war es still. Wie erstarrt. Die Menschen um uns herum hatten sich aufgebrochen. Sie hatten sich die Kleider, die Haut, das Fleisch von den Knochen gerissen. Ihre gekrampften Hände gruben in den Töpfen voller Eingeweide, ihre Gesichter waren in einhelligem Irrsinn gefaltet.
Ich zuckte zusammen. Panik, Angst, Gefühl.
Ganz nah.
Rausch.
Ich knallte das Schnapsglas auf den Tresen und alle um mich herum redeten weiter. Als wäre nichts gewesen.
Die Bedienung hinter dem Tresen stoppte kurz damit, die Gläser zu waschen und starrte mich an: „Alles klar bei dir?!“ Der Säufer neben mir hatte seinen Kopf auf den Unterarmen abgelegt. Das Schnapsglas noch in der Hand.
„Dein Schnaps ist böse.“ Die Bedienung hörte mir längst nicht mehr zu. Sie war weitergezogen. Ich stand noch da und sagte es leise zu mir selbst. Trotz des Lärms konnte ich mich flüstern hören. „Geh.“
Meine Füße tanzten durch die endlosen Wälder von gelenklosen Beinen. Mein vom vielen Bier aufgeblähter Oberkörper taumelte umher, wie eine zu kurz angekettete Boje in einem Sturmtief südlich der Antarktis. Ich versuchte, es nicht wie eine Flucht aussehen zu lassen. Mehr wie ein geordneter Abgang nach einem geglückten Fallschirmabsturz. Doch ihre Augenwinkel hatten mich im Blick. Zu der Gewissheit der Isolation gesellte sich jetzt das Gefühl, ein unentrinnbarer Mittelpunkt zu sein.
Ich fühlte mich ertappt. Ich fühlte Konspiration. Irgendetwas verband sie, was ich niemals fühlen würde.
Als ich durch das Blickfeld des netten Mädchens mit den kurzen Haaren schrammte, leuchteten ihre Augen plötzlich auf. Eine abgrundfreie Freude ließ ihre Wangen erröten, so als wenn sie tiefen und lebenswichtigen Erfahrungen folgen müsste. Sie teilte die wogende Menge an menschlicher Verschwörung zwischen ihr und mir und nahm mich vorsichtig in den Arm. Ich spürte die Wärme ihres Bluts in meinen Adern. Die Weichheit ihres Körpers in meinen verhärteten Knochen. Ich hörte ihre Gedanken knistern. Sie legte ihre Hand hinter meinen Kopf, wie bei einem Baby, das vom Wickeltisch zu fallen droht, und flüsterte mir ins Ohr: „Verlasse niemals einen schönen Ort mit traurigem Herzen, sonst findest du ihn nie wieder …“
Das finstere Kabinett des Daseins ist ein Königreich des Irrtums.
Nicht die Welt war Scheiße. Ich war es.
Die Welt konnte ich nicht verändern.
Aber die Welt würde mich verändern.
Draußen regnete es.
Ich nahm ihre Hand und wir liefen mit eingeschlagenen Köpfen in die Dunkelheit.

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„Das, was du willst“ erschien neben anderer/n Short Stories und Lyrik unlängst in Jenz Dieckmanns Buch „Die totale Verkommenheit“ bei „Rodneys Underground Press“. Bildnachweis: Marcela Bolívar.
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