[ Lyrik ] Christoph Liedtke „Phänomene auf Zeit“

Am Rand der Galaxie
steht unser Zelt gebaut.
Wir bündeln hier das Licht zu Pfeilen
gegen Zerfall in Asche und Staub.
Zu zweit, zu dritt, zu viert
bilden wir eine Bastion,
gewinnen wir die Oberhand
nur eine Weltsekunde lang.

In der Wanne versunken,
von Wasser und Wärme
pränatal umschlossen,
tauche ich auf,
durchstreife deine Scham.
Meine Finger wollen wissen:
Woher kommen sie.

Unsere Körper bilden Puzzelteile.
Gemeinsam bilden sie Pangäa:
Meine Leiste an deinem Arsch,
Deine Kniekehlen und meine Knie.

Von der Erde geschnitten
blühst du weiter am Hoffnungsfaden.
Für den Bruchteil eines Momentes
ziehen meine Blicke an dir vorüber,
bitte glaube mir, wenn ich dir sage,
ich sehe dich.

Ich sehe deine Wunde,
bekam eine Ahnung
vom Hunger der Zellen.
Wir sind fein entworfen,
kosmische Phänomene auf Zeit,
Täglich kommen wir neu zur Welt,
Aus dem Schlaf zur Deponie.

Ich rasiere dir den Kopf.
Entdecke deinen Haarwirbel,
das Mal unserer Milchstraße,
Ein Abfluss, der goldenen Schnittes Spiralen zieht.

Buchzitat aus „Symmetrie der Risse“ (erscheint im 2. Quartal 2018 in der „Edition Outbird„)
Aquarell: Christoph Liedtke
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