Kai-Uwe Kohlschmidt „Kunst im Hauptberuf“ [Interview Teil 2] | Outscapes #8

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #8 erschienen. In diesem Zusammenhang verweisen wir gern auf seine Hörbücher in unserem Onlinestore (siehe auch nachfolgendes Coverfoto)]

„… Und das war dann eher so der Sound, den wir uns reinzogen. Da gab es dann auch dementsprechend schräges Personal. Und in der Boheme der Künstler, der Maler wuchsen wir dann eben ohnehin in einem Denken auf, dass die Künste sich überschneiden, dass es Crossings gibt. So kamen wir dazu, schon 1988 auch Performances zu machen. Das war dann eben so eine Art Labor, in dem wir dann Sachen ausprobierten, die später bei Sandow auch zum Tragen kamen. Wir haben dann Instrumentarien ausprobiert, Sprache untersucht und so war das immer eine permanente Entwicklung. Ebenfalls 1988 kam dann Theater dazu. 1991 habe ich schon die erste Filmmusik geschrieben, damals noch für einen Studentenfilm. Und so kommt es mit der Zeit, dass auch Leute an dich herantreten und dich fragen, ob du dir vorstellen kannst, mit ihnen zu arbeiten. Auf diese Weise entsteht ein Kontinuum, und nicht wirklich etwas, das man sich ausgedacht hat, unter dem Motto: „Ich werde ab jetzt …“. Der Kreis von Leuten, die mit dir etwas machen wollen, wird immer größer.

Ich hatte auch immer wieder Heurekas. Zum Beispiel 2004 am Nanga Parbat. Da wollte ich ja „die Sinfonie der Todeszone“ schreiben (http://www.alpinclub.com/pdf/kunstexp.pdf), mit Sounds rund um die Bergsteiger und solchen, die ich selbst in 4500 m Höhe aufnehmen kann. Dann wurde das aber ein Hörspiel, weil sehr dramatische Dinge passiert sind und plötzlich erinnerte ich mich auch wieder, dass mir das ja liegt, also, das Schreiben. Ich hatte das schon länger nicht mehr gemacht. Ich hatte zu dem Zeitpunkt seit fast zehn Jahren nicht mehr geschrieben. Freilich Songtexte, aber nicht Dramatik und dann war das irgendwie eine Entdeckung. Auch die Entdeckung, sich fortzubewegen in schwerem, kompliziertem Habitat, in der Wildnis. Dieses Wachsein, diese Befreiung von Routine und diesem routinierten Denken, das war eine recht maßgebliche Entdeckung.

Was bedeutet Kunst bzw. künstlerische Arbeit für dich? Würdest du das, was du tust, jetzt mal unabhängig von der Bezahlung, als Job, als harten Beruf bezeichnen, oder macht dir alles Spaß und wird somit eher zu einer unvermeidlichen Sache … gewissermaßen einer Passion, die den positiven Nebeneffekt hat, davon leben zu können?

Wie Bukowski sagte: „Du kannst dich nicht dafür entscheiden. Wenn überhaupt wird es sich für dich entscheiden.“ Die ersten 15 Jahre sind verdammt trocken. Trocken in Sachen Geld verdienen meine ich. Das ist schon recht hart, weil du lange überhaupt kein Geld verdienst. Manchmal verdienst du etwas und dann reicht das auch mal ein halbes Jahr. Aber dann ist es auch wieder vorbei und was machst du dann? Auf die Baustelle willst du auf keinen Fall zurück und dann gibt es eben all die Künstler-Jobs. In diesen 15 Jahren entscheidet sich das dann eben, aber es ist auch wahnsinnig viel Arbeit. Es ist also keine Sache des Daran – Glaubens, keiner tut sich so etwas freiwillig an, viel zu schreiben und keiner liest es, oder viel Musik zu machen und keiner kommt zu deinen Konzerten, und das in Verbindung mit dem immensen Arbeitsaufwand.

Ich selbst bin jetzt in der Lage, dass ich ein sehr reiches und ausgefülltes künstlerisches Leben habe, mit immer wieder neuen und abwechslungsreichen Projekten. Das wäre vor 20 Jahren undenkbar gewesen und ich hätte es mir auch so nicht ausdenken können, weil manche Dinge ja erst entstehen, indem du dich mal ordentlich ins Gebüsch schmeißt, weil da kein Weg ist. Und plötzlich entsteht da ein Weg.

Also könnte man sagen, dass du dich mit deiner Kunst und deine Kunst sich mit dir entwickelt hat?

Das ist bestimmt richtig, ja. Ich hatte ein Stück weit auch großes Glück, denn es betrifft ja nicht nur Fleiß oder Talent. Es betrifft ja die Tatsache, dass man die richtigen Leute trifft und man manchmal die falschen Leute auch wieder abstößt und sich auch mal durchsetzt in Momenten, in denen man lieber sterben als leben möchte. Nicht unwichtig ist auch, dass man sich nahezu von Allem inspirieren lassen kann. Und das muss nicht immer nur Kunst sein. Das kann zum Beispiel auch eine Landschaft sein.

Wer oder was inspiriert dich noch, also mal abgesehen von Landschaften und Reisen? Gibt es so etwas wie Hauptinspirationspunkte für dich? Welches war zum Beispiel dein zuletzt gekauftes Buch, deine zuletzt gekauftes Album?

Ich habe zuletzt von Jörg Friedrich „Der Brand“ gelesen, ein Buch über den Bombenkrieg, vor allem den alliierten Bombenkrieg und das in einer Sprache, die wahrscheinlich seit Golo Mann kein Historiker mehr hervorbrachte. Er zeigt auf, was dieser Bombenkrieg für Konsequenzen hatte und das ist dann so ein Moment, wo ich länger darüber nachdenke, weil es mir keiner vorher so erzählt hat. Und manchmal schlägt sich so etwas dann auch in Dingen nieder, die ich tue. Das kann auch mal zehn Jahre dauern, denn es geht auch darum, Muster zu erkennen in einer recht chaotischen Welt und manchmal dauert es eben, das jeweilige Muster zu erkennen und das dann auch abzugleichen. Ich bestehe immer auch auf eigenen Erfahrungen. Alles, was so auf dem Bildschirm gesehen werden kann, ist zwar auch Futter, aber vieles wirklich selbst gesehen zu haben, ist wesentlich elementarer.

Du spielst ja neben den vielen anderen künstlerischen Arbeiten und Sandow in zwei weiteren Bands. Bei allem, was du tust, gibt es ein einzelnes Projekt, das dir besonders am Herzen liegt?

Ich glaube das sind immer die Tage, an denen man sich mit Inspiration betankt. Wenn ich auf einer Mangan25-Reise (siehe unten) bin zum Beispiel, dann wird daraus ja nicht nur ein Hörspiel. Da fließt vielleicht was zu Sandow rüber, manches geht komplett in den Kompott-Keller oder ins geistige Archiv und wartet dort auf Verwendung. Und da ich immer mit einer Thematik reise, ist das eigentlich immer das Spannendste. Was ich auch sehr mag ist, wenn Arbeiten sich finalisieren, wenn die Mischung kurz vorm Ende steht, wenn der Rohschnitt also steht und man das Werk zu spüren beginnt und alles, was man zum Beispiel zwei Jahre zuvor begonnen hat allmählich seinen Charakter entblößt. Das ist eben wie der Stein an dem man meißelt, oder ein anderes Material… das Material bringt ja auch ein eigenes Leben mit und deswegen ist es immer auch wieder überraschend, wenn dann alles zusammenkommt.

Gibt es bei dieser Fülle an Arbeit eigentlich auch den Privatmann Kai-Uwe Kohlschmidt, der sich Auszeiten nimmt, in denen er nicht über Projekte, Band, Musik, Texte, Features und so weiter nachdenkt? Hast du überhaupt Zeit für Auszeiten? Kannst du „abschalten“ wie man sagt und wenn ja, wie sieht das aus?

Das brauche ich eigentlich kaum. Das letzte Mal im Urlaub war ich, glaube ich, 1990 oder `93. Hin und wieder sind wir auch mal mit den Kindern verreist, dann aber auch meist nur ins Waldhaus meiner Eltern, um mit den Kindern Ferien zu machen. Wenn ich abschalte, mache ich etwas auf der Hazienda hier zu Haus, hacke Holz oder so was… (lacht).

Also gibt es schon so Tage, an denen du nichts machst, an denen du sagst „Heute lege ich mal die Füße hoch“?

Es ist immer gut, wenn man am Tag öfters mal für eine halbe, dreiviertel Stunde etwas anderes macht, das hilft schon. Wir wohnen hier an einem See, quasi wie im Urlaub und hin und wieder gehe ich ne Runde segeln oder treffe Freunde.

Kommen wir noch kurz zum Thema Reisen. Das scheint ja eine deiner Passionen zu sein. Du warst in den letzten 14 Jahren unter Anderem in Schottland, 2016 Papua Neuguinea, 2015 Maputo (Mosambik), 2014 Gotland / Christians Oe, 2013 Grenzland (Neisse), 2012 Namibwüste / Naukluft (Namibia), 2012 Grenzland (Oder), 2011 Rub-Al-Chaly (Vereinte Arabische Emirate), 2010 Anden / Regenwald (Venezuela), 2009 Spitzbergen (Arktis), 2008 Simpson Wüste (Australien), 2004 Nanga Parbat (Pakistan) … Bei vielen deiner Trips entstanden Radio-Features oder Hörspiele. Waren das Aufträge oder hast du hier das Nützliche mit dem Wesentlichen verbunden?

Es gibt schon auch Reisen, bei denen ich vorher keinen Sender hatte und ich mir sagte: „Das mache ich trotzdem, das wird schon.“ Das war zum Beispiel so, als ich nach Venezuela ging. Und diesen Stoff habe ich bis heute noch nicht verkauft. Ich müsste die Zeit finden, ihn nochmal neu anzugehen. Natürlich war die Reise nicht umsonst. Da ist ja zum Beispiel auch ein Text für Sandow entstanden. Vielleicht mache ich auch ein Theaterstück draus. Man muss einfach die richtigen Leute dafür finden.

Also das passiert durchaus. Aber dann gibt es eben sehr erfolgreiche Arbeiten, die finanzieren dann solche Ausfälle mit. Im günstigsten Fall, und das ist in zwei von drei Fällen so, habe ich einen Sender, der mir sein Vertrauen ausspricht und sagt „Das machen wir.“

In der Anfangszeit war das natürlich wesentlich schwieriger als heute. Es wird zunehmend gedeckter.

Bist du damals an die Sender herangetreten?

Ja na klar. Am Anfang hast du da erst mal niemanden, du weißt noch nicht mal, wo die Tür ist, geschweige wie derjenige heißt, zu dem du willst. Und selbst wenn, bist du dann auch nur jemand auf einem gigantischen Stapel.

Ihr habt 2004 die Künstlergruppe Mangan25 gegründet, die „bereisbare Erfahrungsräume aufsucht und ungewöhnliche Landschaften, schwer zugängliche Habitate und Expeditionen im Grenzbereich in ihren Fokus stellt“, wie der Webseite zu entnehmen ist. Ist diese Gruppe eigens ein Produkt deiner Reiselust oder entstand dieses Kollektiv quasi „nebenbei“?

Wir hießen erst recht umständlich und unglücklich „Deutsche Künstlerexpedition“, als wir 2004 zum Nanga Parbat fuhren. Danach haben wir eine gemeinsame Performance gemacht und hatten, auch in anderen Sparten, recht viele Arbeitsergebnisse. Und so dachten wir, dass wir nun einen richtigen Künstlergruppennamen brauchen und haben dann Mangan25 als Namen erwählt. Das ist aber auch eine eher lockere Vereinigung, also, wir kein sind Kunst-Verein mit Reise-Abo. Das hängt immer am Thema, wer fährt.

Was ist deine Intention in Sachen Reisen? Würdest du sagen, dass du eine Art Fernweh hast? Was zieht dich weg und wie wählst du deine Ziele aus?

Mich interessieren einfach immer bestimmte Themen und nach 14 Expeditionen kann man sagen, dass es da eine Tendenz zu historischen Themen gibt. Mein Vater ist ja auch Historiker, vielleicht gibt’s da auch eine erbliche Bestimmung.

Manchmal sind das Stoffe, die ich eher zufällig entdecke, manchmal aber suche ich auch direkt danach. Manchmal interessiert mich auch eine Landschaft und ich schau dann, ob es einen Stoff in der Gegend gibt. Und man kriegt inzwischen auch im Freundes- und Bekanntenkreis richtig viele Tipps und Anregungen.

Ich bin jedenfalls kein Geschichten-Nacherzähler. Das muss dann schon auch etwas mit mir zu tun haben. Es muss da eine Konfliktlinie geben, die ich sehen will, die auch mit Heute zu tun hat, selbst wenn die Geschichte 300 Jahre früher spielt. Und so habe ich etwa 10-15 Reiseideen, die vor sich hin gären, die aber noch nicht ausgereift, angereichert sind.

Gibt es denn konkret schon ein nächstes Ziel?

Ja, wir werden dieses Jahr nach Amerika gehen, also in die Vereinigten Staaten. Das sind zwei sehr schöne Geschichten, die ich jetzt aber nicht erzähle. In der Branche wird man auch mal abgeschöpft.

„Reisen fördert die Kreativität“, würdest du diesen Satz bestätigen?

Fürst Hermann von Pückler hat einmal gesagt: „Es geht nicht ums Reisen, es geht ums gereist zu haben.“ Er meint damit vor allen Dingen, dass Reisen sehr lange in einem nachwirkt. Papua-Neuguinea ist nun schon eine ganze Weile her, aber das hat so ein langes Echo in mir nach wie vor. Oder auch, wenn du am Nanga Parbat bist.

Es geht nicht darum, dass so innere Postkarten immer wieder hochfahren, sondern darum, dass man da echte Erkenntnisse erlangt hat und zwar die Eigenen und manche sind dann freilich auch mit Mühsal verbunden und mache auch mit Gefahren, auch, wenn wir die nie bewusst suchen. Und genau das kann man auch nur in eben dieser Form erleben. Das hilft, Muster zu erkennen. Wenn man beispielsweise im Fernsehen etwas über Schiiten und Sunniten sieht und hört, dass die sich da aufs Dach hauen… also ich war bei Schiiten, ich war aber auch bei Sunniten und zwar in Pakistan, wo es auch echt richtig gekracht hat und man hat plötzlich eine ganz klare Vorstellung und nicht diese Abziehbilder. Man weiß, dass die ja letztendlich auch eine Kultur verteidigen müssen. Eine komplett eigene Kultur, mit ganz eigenen Linien und Strukturen. So was kann dir kein schlaues Buch erzählen.

Was wünschst du dir für die Zukunft, vielleicht auch für dich ganz persönlich?

(überlegt) … Wünschen ist halt immer so etwas Profanes. (Lacht) Man wünscht sich, dass alles gut ist im Leben und dass man noch viele Entdeckungen vor sich hat. Das Meiste muss man sich erarbeiten.“

Das Interview führte M. Kruppe. Teil 1 des Interviews und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #8 [Edition Outbird]. Bildnachweis: Roberto Schirdewahn.
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