Tami Weissenberg „Gewalt und neue Wege“ [Interview Teil 2] | Outscapes #8

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #8 erschienen. In diesem Zusammenhang verweisen wir auf Tami Weissenbergs in Kürze in unserer „Edition Outbird“ erscheinende Buch „Darjeeling pur“.]

„… Bekommt sie nicht was sie will oder spielt das Umfeld nicht mit, wie sie will, wird sich das Geforderte erzwungen – mit Gewalt. Sie hat schnell erkannt, dass sich Menschen mit Gewalt, Kontrolle und Unterdrückung perfekt kontrollieren und benutzen lassen – und ihr damit jeden Wunsch erfüllen. Wieso sie die Eigenart entwickelte am Höhepunkt ihrer Gewaltexzesse stets ein Abreagieren in Form von Sex mit fremden Männern zu suchen kann ich bis heute nicht erklären. Diese Methode kommunizierte sie jedoch stets sehr offen und lebte dies als völlige Normalität.

War eine körperliche Gegenwehr nie Thema für Dich?

Körperliche Gegenwehr war nie ein Thema für mich. Ich verachte bis heute jegliche Form von Gewalt. Ich lebe streng nach der Annahme, dass sich jegliche Konflikte gewaltfrei lösen lassen. Sie gab mir auch jederzeit unmissverständlich zu verstehen, dass sie – sollte ich mich wehren – mich jederzeit wegen Ausübung häuslicher Gewalt anzeigen würde. Zu oft verletzte sie sich vor meinen Augen selbst, fotografierte dies, und sagte dann das dies ein Beweis wäre das ich sie misshandle, sofern ich mich trauen würde mich zu wehren oder ihre Übergriffe zur Anzeige zu bringen.

Wie bist Du der Situation letztlich entkommen? Welche Hilfe wurde Dir zuteil und wie wirksam sind Therapien in Fällen wie deinem?

Welcher Impuls mich letztendlich hat gehen lassen ist mir bis heute unbekannt. Ich kann nur sagen, dass ich an einem Tag starke Halsschmerzen hatte. Ich war so unendlich sauer, dass ich mir es nicht mal erlauben kann Medizin dagegen zu kaufen (da jede Sekunde meines Tages kontrolliert wurde), dass ich aus einem mir bis heute unbekannten Impuls das Handy ausschaltete und nicht nach Hause fuhr. Ich fuhr in die Apotheke und kaufte Halstabletten, kaufte mir danach ein paar Unterhosen und fuhr ab diesem Moment nie wieder zu dieser Frau zurück.

Meine größte Hilfe war damals, dass ich all meine Erlebnisse aufschrieb und mich Tag für Tag bewusst mit dem Erlebten auseinandersetzte. Eine Männerschutzwohnung oder gar ein Männerhilfsnetzwerk gab es damals noch nicht. Mit Freunden, Bekannten oder gar meiner Familie redete ich nicht darüber, da ich schnell merkte, dass in der Gesellschaft eine gewisse Ablehnung beim Thema „Häusliche Gewalt gegen Männer“ besteht. Eine kurzzeitige Hilfe erhielt ich damals von meiner Arbeitskollegin und deren Mann, welcher Pfarrer ist. Ihnen konnte ich in Bruchteilen erzählen was mir widerfahren ist und ich fand Unterkunft im Pfarrhaus. Ein weiterer wichtiger Hilfsaspekt war eine gezielte Psychotherapie um das Erlebte aufzuarbeiten. Das Niederschreiben meiner Erlebnisse und die gezielte Psychotherapie waren im nachhinein betrachtet eine für mich sehr gute Verarbeitungshilfe. Das bewusste Auseinandersetzen mit meinen Erlebnissen – und dass ich mich im Nachhinein nicht als Opfer sehe – war mir die beste Basis. Ohne die hätte ich es nie geschafft ein eigenes Hilfsnetzwerk zu gründen.

Wie ist die statistische Opferquote zwischen Männern und Frauen aufgeteilt?

Anbei ein paar Zahlen aus dem ‚Lagebild Häusliche Gewalt‘ des LKA Sachsen an. Dort gab es im Jahr 2016 1804 männliche und 4277 weibliche Opfer über 18 Jahre. Im Durchschnitt der Jahre 2010 bis 2016 beträgt die männliche Betroffenheitsquote 25,7%. Überproportional häufig mit 43% werden Männer Opfer in der Kategorie „schwere Körperverletzung“. Um Missverständnissen vorzubeugen sei aber darauf hingewiesen, dass Männer auch etwa 78% aller Tatverdächtigen ausmachen.

Bundesweit lag die Zahl der zur Anzeige gebrachten Übergriffe auf Männer im Jahr 2012 bei ca. 20.000, 2015 lag diese bei ca. 23.000. Sachsenweit wurden letztes Jahr ca. 1.700 Fälle zur Anzeige gebracht, 3 davon endeten tödlich. Auf die Polizeidirektion Zwickau herunter gebrochen gab es 86 Fälle, 61 davon fanden im Vogtland statt.

Im Januar 2018 wurde im Freistaat Thüringen eine Statistik veröffentlicht, aus welcher hervorging, dass in Thüringen mehr Männer als Frauen Opfer von häuslicher Gewalt geworden sind. Die Studie zog sich über den Zeitraum von 2011 bis 2016 und wurde vom Innenministerium sowie der Polizei geführt. Bei den aufgelisteten Fällen handelte es sich u.A.um versuchte und vollendete Tötungsdelikte im sozialen Nahraum (Quelle: www.inSüdthüringen.de ).

Wie schätzt Du die derzeitige Situation in Deutschland, spezielle Mitteldeutschland und Sachsen ein, was Gewalt- und Opferschutz sowie Interventionsarbeit betrifft? Wie weit sind wir diesbezüglich in Sachen Gleichstellung?

Hier muss man eingangs sagen, dass man hier wirklich noch recht am Anfang steht. Sachsen zeigt sich stark engagiert, da es nunmehr seit Ende 2016 ein Pilotprojekt „Männerschutzwohnungen in Sachsen“ gibt, welches vom Freistaat Sachsen finanziert wird. Es existieren zwei Männerschutzwohnungen sowie dazugehörige Trägervereine. Die Landesfachstelle Männerarbeit Sachsen begleitet das Pilotprojekt fachlich und zusätzlich durch die Kampagne „Mann, gib dich nicht geschlagen.“ (www.gib-dich-nicht-geschlagen.de). Grundsätzlich können von Gewalt betroffene Männer jede Anlaufstelle aufsuchen die auch Frauen aufsuchen, wie z.B. die Interventions- und Koordinierungsstellen, die es in verschiedenen Bundesländern gibt, sowie die Beratungsstellen der Opferhilfe und des Weißen Rings. Jedoch existiert hier eine große Scham seitens der betroffenen Männer, sich zum einen erst einmal zu outen und zum anderen, sich an eine Stelle zu wenden, welche Gewalt mehr oder weniger im „Allgemeinen“ behandelt.
In Sachen Gewaltschutz sollte es zuerst eine einheitliche Regelung in allen Bundesländern sowie deutschlandweit geben, denn ohne diese Grundlage wird man keine wirkliche Gleichberechtigung schaffen. Sachsen z. B. verfolgt das Thema intensiv. Das Pilotprojekt Männerschutzwohnungen wird 2019/2020 für zwei weitere Jahre gefördert, um noch mehr Erfahrungen für den Betrieb von Männerschutzprojekten zu sammeln. Thüringen als benachbartes Bundesland hat zwar in den letzten Jahren große Versprechungen seitens der Politik gemacht – aber es wurde weder eingehalten noch umgesetzt. Somit musste der Thüringer Männerschutz, welcher in Gera einen sehr guten Anfang nahm und mit einem durchdachten Konzept eine Gewaltschutzwohnung umsetzte, nach nur kurzer Lebensdauer wieder eingestellt werden.

Gerade in Anbetracht der erst im Januar 2018 veröffentlichen Studie, dass in Thüringen mehr Männer als Frauen Opfer von häuslicher Gewalt im sozialen Nahfeld waren, ist dies nicht nachzuvollziehen. Hier herrscht, neben der allgemein fehlenden Lobby für dieses Thema, ein massives Ungleichgewicht, was die Wichtigkeit des Themas angeht.

Warum haben wir dieses extreme Ungleichgewicht? Abgesehen von der absolut indiskutablen AfD und in Teilen der FDP fahren ja alle Parteien ausschließlich frauenrechtliche Programme – wie kann daraus ein humanistisches Hilfesystem ohne diskriminierende Geschlechtergrenzen entstehen?

Dies ist eine Frage die mich sehr beschäftigt, auf die ich aber keine Antwort parat habe. Ich grüble momentan auch nicht über diese Frage nach, denn sonst wäre die Arbeit die wir leisten nicht machbar – sondern würde mich und uns nur resignieren lassen. Ich denke jedoch das es hier ein grundsätzliches Problem gibt von welchem alles ausgeht: der Mann ist jeher das stärkere Geschlecht. Er ist groß und stark und zeitlebens der Beschützer und Macher in der Entwicklung der Menschheit. Das auch dieser vermeintlich starke Mensch Hilfe benötigt und in Angst, Gewalt und Hilflosigkeit leben kann, ist in weiten Teilen der Gesellschaft praktisch nicht existent – in den Köpfen wie auch im wahren Leben. Dies gilt es zu allererst zu überwinden – es mangelt an Aufklärung.

Symbolfoto

Welche Akteure arbeiten in Deutschland derzeit am und für den Männerschutz? Wie viele Männerschutzwohnungen gibt es bei wie vielen Frauenhäusern?

In Oldenburg (Niedersachsen) engagieren sich Männer über den Männerwohnhilfe e.V. seit 2002 und bieten seitdem eine Zufluchtsstätte für gewaltbetroffene Männer an. Eine Zeitlang wurde das durch eine Beratungsstelle flankiert, die leider derzeit nicht mehr gefördert wird. In Sachsen betreiben der LEMANN e.V. in Leipzig sowie das Männernetzwerk Dresden e.V. Männerschutzwohnungen für jeweils 3 Männer und bei Bedarf auch ihre Kinder. In Plauen habe ich im Januar 2018 ebenso einen Verein zum Männerschutz gegründet – welcher auch eine Schutzwohnung betreibt. Seit Sommer 2018 existiert eine weitere Männerschutzwohung in Stuttgart, die durch die Sozialberatung Stuttgart betrieben wird. In Berlin und Ketzin (Brandenburg) werden Schutzprojekte ehrenamtlich ohne Förderung betrieben. Die Männerschutzwohnungen in Osterode am Harz und in Gera mussten leider inzwischen aufgrund mangelnder Rahmenbedingungen wieder geschlossen werden. Zum Vergleich: In Deutschland gibt es rund 353 Frauenschutzhäuser mit insgesamt über 6.000 Plätze. Hinzu kommen ca. 750 Fachberatungsstellen bei Gewalt gegen Frauen. In Deutschland existiert ein sehr dichtes Netz an Unterstützungseinrichtungen für gewaltbetroffene Frauen und ihre Kinder. Den 5 Männerschutzprojekten stehen somit bundesweit 353 Frauenschutzprojekte gegenüber. Politisch und fachlich werden derzeit 3 – 5 Männerschutzprojekte für jedes Bundesland gefordert.

Seit 2016 tauschen sich die existierenden Projekte sporadisch in bundesweiten Netzwerktreffen aus.

Du selbst hast in Plauen den Weissenberg e. V. initiiert, in dem zahlreiche hochrangige Fachleute sitzen bzw. ein kompetentes Netzwerk besteht – vom Fachanwalt über Therapeuten bis hin zu Ärzten und Leuten aus Politik und Medien. Darüber hinaus interessieren sich seit geraumer Zeit Leitmedien wie ZDF info, der Spiegel oder MDR Kultur für Deine Geschichte. Wie erklärst Du Dir diesen Zuspruch und dieses Vertrauen?

Ich gehe sehr offen mit meinem Erlebten um, berichte darüber und zeige mich als einen Mensch der daran nicht zerbrochen ist. Ich sehe mich nicht mehr als Opfer – sondern als einen ehemaligen Betroffenen, der noch auf beiden Beinen steht und sein Erlebtes nutzt um anderen Betroffenen zu helfen. Ich glaube, dass diese offene und selbstbewusste Art, die ich zu diesem Thema habe, dem ganzen ein Gesicht gibt – bzw. anfängt, dem ein Gesicht zu geben.

Dieser offene Umgang scheint ein Signal gesetzt zu haben. Ein Signal, was da heißt „dies ist kein Tabuthema“. Und gerade weil es bisher so ein Tabuthema ist, wird es als sehr willkommen gesehen das hier jemand so offen und selbstverständlich damit umgeht. Dies ist der erste Schritt dem Thema ein Gesicht zu geben und eine Lobby zu schaffen. Die Mitglieder und Unterstützer meines Vereines kennen mich als lebensfrohen, witzigen und stets offenen und hilfsbereiten Menschen. Dass auch ich viele Jahre von häuslicher Gewalt und Misshandlung betroffen war zeigt vielen Menschen die Gegensätzlichkeit und Unfassbarkeit auf – besonders im Hinblick darauf, dass es weder einen bestimmten Typ Mensch noch eine gewisse soziale Struktur bedarf, um von Gewalt betroffen zu sein.

Welche Ziele hast du dir über die Errichtung der Gewaltschutzwohnung und das nun erschienene Buch hinaus gesetzt?

Das wichtigste Ziel ist für mich, dass ich durch Offenheit und durch selbstbewusstes Umgehen mit dem Thema „Häusliche Gewalt gegen Männer“ eine Lobby und ein Gesicht für dieses Thema schaffe. Kein Wegschauen mehr, keine Scham, kein Belächeln – sondern volle Akzeptanz, Gleichberechtigung und vollen Respekt. Jedes Lebewesen auf der Erde hat das Recht auf körperliche und seelische Unversehrtheit !

Tami, wir bedanken uns für das Gespräch und dein Vertrauen.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz. Teil 1 des Interviews und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #8 [Edition Outbird]. Bildnachweis: Privat / Stockbroker.
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