[ Rezension ] Johannes Berthold & Holger Much „Narrenturm“

„Ich war mir nicht sicher, was ich zuerst auf mich wirken lassen sollte: das Buch selbst oder die beiliegende CD. Dass ich mich für die CD entschied, schien konsequent, bekam ich nur wenige Minuten später im sommerlichen Garten eine Gänsehaut, die mich ins Buch, nein ins Gesamtkonzept mitnehmen sollte. Unheil- und verheißungsvolle Klangläufe, die tragschwer wie romantisch ins Gemüt fahren, um den Weg eines aus der Bahn Geratenen durch die Wiener Irrenanstalt „Narrenturm“ nachzuzeichnen.

Eindrückliche, suchende, die Dunkelheit des Wahns bis hin zur (vermeintlichen?) Heilung fassbar machende Klangcollagen des Masterminds der Dark Wave-Band „Illuminate“, Johannes Berthold, die sich in ihrer lyrischen Tiefe und Zeitverlorenheit, in ihrem Wechsel zwischen kraftvollen Lyrics und Chorälen hervorragend für einen zweisamen Abend bei Rotwein und Kerzenlicht eignen.

Genug Kerzenlicht aber, um das vom Fantastikillustrator Holger Much in dunkles Grün getauchte Buch auf sich wirken zu lassen. Bebilderte Songtexte, die die enge Verwandtschaft von Wahnsinn und abgründigen Fabelreichen (der Tiefsee? des endlosen Waldes? surrealer Räume?) in weiche, schwungvolle, fast leichthändige Welten legen, um so die ins tausendfache Nichts führenden Raumverschiebungen, die Verlorenheit, Angst, endlose Suche und rebellische Ablehnung der vermeintlich normalen Welt greifbar zu machen.

Den beiden Köpfen des Projektes, Johannes Berthold und Holger Much, ist hier zum 15jährigen Jubiläum des Tonträgers ein kleiner Sammlerschatz gelungen, der Vergleiche missen lässt. Eine edel gestaltete Sonderausgabe in Hardcover als eine CD umfassende Welt poetischer Tiefe, hoffende, sehnende, klagende Zeilen, schicksalhafte Klänge als Projekt verschiedener Disziplinen, das man mit Abstand zur Welt genießen sollte: jenseits immer bereiter sozialer Medien in der Stille des Abends. All die umgebenden Dinge abschalten, drauf einlassen und nachfühlen – die Zeit eines vergangenen Jahrhunderts und den Bruch eines liebenden Wesens.

Begleitend zur künstlerischen Weite führt das Buch den Leser in die dunkle und schreckliche Welt der Irrenanstalt „Narrenturm“ ein und stellt beide Macher, Johannes Berthold und Holger Much, ergiebig vor. Man möchte am Ende des Hör- und Lesegenusses „Mehr!“ rufen und bleibt mit der Hoffnung auf weitere Schätze dieses Formates allein. Ein Alleinsein, das dem Erlebten nachspürt.

„Der Narrenturm“ ist eine Empfehlung von und für sensible Herzen und eine mehr als nur gute Idee, sollte jemand nach passenden Geburtstags- oder schon jetzt Weihnachtsgeschenken für geneigte Herzen suchen. Tipp!“

Die Rezension verfasste Tristan Rosenkranz. Zur Jubiläumsausgabe „Narrenturm“ folgen Sie bitte diesem Link.
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