[ Rezension ] Kai-Uwe Kohlschmidt „Detzman Walking“

Detzman Walking – Oder die Verwandlung des Hermann Detzner

„Wer ist Hermann Detzner? Die Frage sollte besser lauten: Wer war Hermann Detzner? Haben Sie je von diesem Mann gehört? Ich auch nicht. Und wäre nicht Kai-Uwe Kohlschmidt (siehe „Outscapes“-Magazin #8) einst über das Buch „Vier Jahre unter Kannibalen“ gestolpert, würde dieser Name gewordene Teil deutscher Geschichte noch immer vom Staub der Vergangenheit be- ja … -verdeckt sein und wohl auch bleiben.

Der Regisseur, Autor, Musiker und zur Künstlergruppe „Mangan25“ gehörende Sandow-Frontmann aber las dieses Buch und wurde neugierig. Und wenn Kohlschmidt neugierig ist, wird nicht selten aus Neugier ein Projekt.

„Detzman Walking“, erschienen im Majorlabel, ist denn auch das Ergebnis einer anfänglichen Neugier. Gut, ich sollte vielleicht den gesamten Titel des Hörspiels nennen: „Detzman Walking – Oder die Verwandlung des Hermann Detzner“.

Der Hauptitel klang für mich zunächst wie die schlechte Adaption eines Hollywoodklassikers, der dem gleichnamigen Tatsachen-Roman „Dead Man Walking“ der Ordensschwester Helen Prejean entlehnt ist. Wenn man aber weiß, von wem dieses Hörspiel ist, weiß man auch, dass eine schlechte Titelkopie de facto nicht infrage kommt, denn Kai Uwe Kohlschmidt ist ja nicht irgendwer. Dies ist nicht sein erstes Hörspiel, mitnichten. Und es wird auch nicht sein letztes sein, so viel steht fest.

Aber kommen wir zum Eigentlichen.

„Detzman Walking“ ist mehr als ein Hörspiel. Ein Themen überspannendes Werk, das eigentlich eines längeren Textes bedarf, es zu rezensieren. Ja, man könnte eine Arbeit darüber schreiben.

Da wird der erste Weltkrieg ebenso gestreift wie die Kolonialisierung, die deutsche Missionsgeschichte, die Kaiserzeit, Mystik und Religion und fast nebenbei erfährt man (auch) noch etwas über Papua-Neuguinea, wennschon dieses „etwas über“ fast schon fehl am Platze ist, ist doch der geografische Dreh- und Angelpunkt genau dieser drittgrößte Inselstaat im Pazifik.

Und doch ist dieses Werk – und ja, diesen Namen verdient das Hörstück – nicht überladen, sondern reiht sich trotz seiner Themenvielfalt sinnvoll aneinander. Mehr noch: man wird neugierig und spätestens nach dem ersten Hören greift man direkt zum aufwändig gestalteten Booklet, um mehr zu erfahren. Doch die Informationen hier reichen trotz ihres überraschenden Umfangs nicht wirklich aus. Also nutzt man wie von selbst die Suchfunktion seines Browsers, um mehr zu erfahren. Mehr von diesem ebenso seltsam schrägen, wie später eher tragischen Typen Hermann Detzner, mehr von diesem Christian Keyßer, mehr von Kolonialzeit und überhaupt: der erste Weltkrieg trug sich auch in Ozeanien zu?

In einer parallelen Struktur greift das Stück einerseits die Expedition der Künstlergruppe „Mangan25“ nach Papua-Neuguinea auf, in der es auf Spurensuche nach Hermann Detzner und Christian Keyßer ging, andererseits in Monologen aus Tagebucheinträgen und Dialogen aus der Zeit, der die Protagonisten das deutsche Kaiserreich in damals noch Deutsch Neuguinea zu verteidigen glaubten. Letztere sind freilich größtenteils erfunden oder besser gesagt: „konstruiert“.

Uns so ist „Detzman Walking“ kein gewöhnliches Hörspiel, sondern bewegt sich irgendwo zwischen Reportage, Feature und dann doch klassischen Hörspielelementen, wie man sie von Kai-Uwe Kohlschmidt kennt. Die Soundteppiche, die exakt die Stimmungen des jeweils Erzählten unterstreichen, bewegen sich zwischen sphärischen Klängen und teils surrealen Effekten bis hin zu altem deutschen Liedgut aus der Kaiserzeit.

Im Beginn nimmt uns Detzner, gesprochen von Alexander Scheer, mit in seine Zeit, in dem er einen Auszug aus seinem Tagebuch liest. Die typische Geräuschkulisse des Urwaldes impliziert unterstreichend: Wir sind in der Wildnis Ozeaniens, irgendwann zu Zeiten des ersten Weltkrieges. Und plötzlich spaltet sich die Struktur, eine zweite, nun weibliche Stimme, gesprochen von der Schauspielerin und Ärztin Arta Adler, verschiebt die Sicht und zunächst ist unklar, wohin. Es entsteht eine ungewisse Zweidimensionalität, die durch die Soundkollagen sehr mystisch wirkt. Der sprechende Kakadu, namens Pfefflein, wie man später erfährt, nährt diesen Eindruck eindrücklich und erinnert irgendwie auch an Kult-Hörspielreihe „ Die Drei ???“.

Die Reise beginnt. Nicht nur für mich als Zuhörer, sondern auch für die Expeditionsgruppe „Mangan25“, denn nun stellt sich heraus, dass jene weibliche Stimme die Autorenstimme ist und in einer Art Parallelerzählung vom Trip der Gruppe auf den Spuren des Protagonisten berichtet. Abgewechselt bzw. ergänzt durch Einschübe von Original-Mitschnitten, Aufnahmen und Interviews, erfahre ich nun mehr von der Reise, der Gruppe, den Menschen die man trifft und befragt. Jenen Menschen, die Angst zu haben scheinen. Angst davor, etwas zu erzählen, denn Detzmann, so sagt man, sei noch dort, gegenwärtig, ja justament zugegen.

So tritt der deutsche Landvermesser und Militarist, der sich vier Jahre in Neuguinea vor den Australiern versteckte, die in den ersten Weltkrieg ebenso involviert waren, wie Russen, Franzosen, Engländer und so fort, als Vertreter seiner Zeit, in den Dialog mit Vertretern unserer, der Jetztzeit. Klug kombinierte Sprachspiele in Form von monologischen Ansagen Detzners, antworten auf Gesagtes von Papua-Neuguineern, die im Interview nicht recht wissen, ob sie reden sollten oder nicht. „Ihr seid des Todes, wenn ihr mit jemanden darüber sprecht!“ muss Christian Keyßer, der deutsche Missionar gesagt haben, der einige Jahre vor Hermann Detzner hier her kam und ein Wegbegleiter Detzners gewesen ist. Und da die „Eingeborenen“, als sie zum ersten Mal weiße Menschen sahen, meinten, dass dies die Rückkehr ihrer Urahnen sei, schwebte von Beginn an eine gewisse Ehrfurcht mit, die bis heute anhält. Die Fragenden müssen bohren, um ihre Neugier stillen, um Spuren der Deutschen finden zu können.

In wen oder was verwandelt sich Hermann Detzner? Welche Rolle spielt der Missionar Christian Keyser? Was erlebt die Expeditionsgruppe „Mangan25“? Und: zu welchem Ergebnis kommt sie, will sie kommen?

All diese Fragen will ich offen lassen, denn Sie sollten, dies ist (m)eine absolute Empfehlung, sich dieses Meisterstück des Hörspiels auf keinen Fall entgehen lassen. Ein Versprechen: Sie werden reicher an Wissen, erfahren von geschichtlichen Hintergründen ebenso, wie vom Leben auf dem drittgrößten Inselstaat im Pazifik gestern und heute. Und das alles in einer Gesamtkomposition die Sie von der ersten bis zur letzten Minute nicht los lassen wird. Auch thematisch nicht, denn wie eingangs bereits erwähnt, habe ich persönlich anschließend noch einige Stunden im Netz zugebracht, um mehr zu erfahren. Und ich bin durchaus dankbar, dieses Stück wirklich unbekannter deutscher Geschichte erfahren zu haben.“

Bildnachweis: Majorlabel / Roberto Schirdewahn

Die Rezension verfasste M. Kruppe. Zum Hörbuch „Detzman Walking“ folgen Sie bitte diesem Link.
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