Andrea Cochius „Empfindsamkeit und Träumerei als Vision“ [Interview Teil 2] | Outscapes #9

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #9 erschienen.]

„… Als bekennende Realitätsverweigerin träumst Du oft und gerne. Du selbst sagst, diese Verweigerung sei kraftaufwendig. Worin liegt abgesehen von monetären Zwängen dieser Kraftaufwand?

Ich muss ständigen Widerstand betreiben: Ich stelle der Realität meine Fantasie gegenüber. Manchmal streiten sie heftig miteinander, manchmal scheint die Realität über meine Fantasie höhnisch zu grinsen. Das ist natürlich anstrengender, als die Dinge so hinzunehmen wie sie sind und Fantasie und Wirklichkeit klar voneinander zu trennen. Ich werde die beiden jedoch so lange gemeinsam in einem Raum lassen, bis sie sich vertragen. Ich kreiere eine Welt – zunächst in meiner Einbildung, dann in der Realität. Letzteres ist nur möglich, wenn ich konsequent bemüht bin, diese Welt in meiner Vorstellung lebendig aufrecht zu erhalten.

Oftmals leben Menschen äußerlich falsche Werte und Mechanismen, weil sie sich damit zu schützen glauben. Wie lebt es sich Deiner Meinung nach in einer Welt so weit verbreitet falscher Werte, ohne daran (noch mehr) Schaden zu nehmen?

Nicht gut genug. Daher tue ich vieles, um dies zu ändern. Ich als Einzelperson – als Mensch und mit meiner Kunst – aber auch innerhalb einer Gemeinschaft, innerhalb des Vereins „Arbeit an Europa“ (arbeitaneuropa.com), in dem sich junge, engagierte Zeitgenossen für ein Europa einsetzen, welches positiv konnotiert werden kann. Es ist wichtig, sich in Gemeinschaften zusammenzuschließen – besonders als empfindsamer Mensch.

Du sagst, für eine positive Welt muss man die Dinge sehen, wie sie sein könnten anstatt wie sie sind. Heißt, man sollte alles träumerisch weiterspinnen, was man sieht? Mir persönlich sind die hinter dem Sichtbaren liegenden Ebenen offen gestanden nicht immer die besseren…

Das Gute an Tagträumen ist, dass man sie im Gegensatz zu denen im Schlaf aktiv steuern kann. Ich bin ihnen nicht ausgeliefert. Ich erträume mir ganz bewusst eine Welt, in der es sich in meinen Augen zu leben lohnt. Anschließend denke ich ganz pragmatisch darüber nach, wie ich jene umsetzen kann und tue es dann auch Schritt für Schritt. Ich nehme das Träumen als Handlungsaufforderung und nicht als Realitätsflucht und halte diese Methode für die einzig richtige, aktiv und optimistisch am Leben teilzunehmen.

Was macht Deine Kunst einzigartig? Wie würdest Du Dich als Künstlerin beschreiben? Wie erkennt man die künstlerische Handschrift einer Andrea Cochius?

Meine Aufgabe sehe ich darin, Werte, von denen ich weiß, dass sie Menschen glücklich machen, zu vermitteln. Das tue ich dadurch, dass ich versuche ein Vorbild zu sein und selbst diese Werte zu leben. Und durch meine Kunst, deren Ziel es ist, ein Werk zu schaffen, welches uns daran erinnert, was Schönheit bedeutet und in diesem Sinne ein Gefühl der Erhabenheit erzeugt. Ich denke an meinem Stil lässt sich erkennen, dass ich ein Freundin von Schönheit sowie eine Optimistin bin. Es lässt sich sagen, dass meine Bilder „Vorbilder“ sind und ich sehe für mich keinen Grund, etwas nicht Erstrebenswertes abzubilden. Man erkennt dies etwa an der Farbwahl – ich kombiniere Farben ausschließlich auf eine Weise, die angenehm für das Auge ist. Zudem stelle ich Menschen nicht in einem ungünstigen, sondern in ihrem besten Licht da.

Ich würde übrigens niemals einen Beruf annehmen, der mir nicht entspricht. Daher bin ich Künstlerin. Ich habe ein starkes Bewusstsein für das Grundrecht auf Freiheit und Selbstverwirklichung.

Wie bekommst Du Deine Fähigkeiten und Interessen zwischen Malerei, Grafik, Fotografie, Film und Digitalkunst koordiniert?

Ich bin der Ansicht, dass die Kunst frei ist und dass ich somit als Künstlerin die Freiheit habe unterschiedliche Medien zu verwenden. Das Wesentliche, was mich als Expertin ausmacht, ist mein Sinn für Ästhetik. Dieser kann sich in der Schrift, in der Musik, im Film zeigen und auch in der Malerei oder Zeichnung. Ich sehe, höre, lese, fühle, schmecke und rieche Qualität und lasse nicht eher nach, bevor ich diese in meinen Arbeiten erkenne. Das kann mitunter lange dauern, gerade weil ich mich in so unterschiedlichen Bereichen bewege und das Handwerk der jeweiligen Disziplin natürlich auch erst erlernt werden will. Die Mühe aber lohnt sich: Ich lerne unheimlich viel, langweile mich nie und schule permanent eine Form ganzheitlichen Schönheitssinns. Abgesehen von der Freiheit, die ich mir damit erkämpfe. Wobei man ja auch sehen muss, dass es einem heute durch Benutzerfreundlichkeit in vielen Bereichen leichter gemacht wird, Experte auf unterschiedlichen Gebieten zu sein als noch vor 100 Jahren.

Wo geht Dein Weg hin? Welche Projekte sind von Dir zu erwarten? Wo siehst Du Dich in fünf oder zehn Jahren?

Von dem Indien-Projekt 2012 an bis zu meinem heutigen künstlerischen Konzept hat mich das Bedürfnis, in die Herzen der Menschen zu sehen und ihnen beim Träumen zu helfen, zum Glück nicht verlassen. Ich möchte diesbezüglich z. B. eine Umfrage starten, in der ich Menschen bitte, ein Kunstwerk nach ihren Wünschen zu beschreiben. Es gibt dabei die Vorgabe, dass dieses Fantasieprodukt weder durch finanzielle noch materielle noch sonst irgendwelche Grenzen in seiner Entfaltung behindert werden soll. Zunächst werde ich diese Ideen skizzieren und in einem Buch veröffentlichen. Langfristig gesehen wäre es natürlich wunderbar, wenn man The Artworks of Other People tatsächlich realisieren und in einer Ausstellung zeigen könnte.“

Das Interview zeichnete Tristan Rosenkranz auf. Neben Teil 1 des Interviews finden Sie vieles mehr im „Outscapes“-Magazin #9 [Edition Outbird].

Bildnachweis: Bruce Jessop
_____________________________________________________________________________________