„Dunkle Kunst als Bewusstseinsquelle“ – Steve Bauer im Interview

Steve Bauer, Inhaber das „Sinnträger“-Tattoostudios hinter dem Leipziger „Werk2“ und damit Veranstaltungspartner für unsere Literarischen Salons zur Leipziger Buchmesse, macht auch als Künstler auf sich aufmerksam. Seine Bilder sprechen eine weitgehend dunkle, tiefgehende Sprache. So nimmt es nicht wunder, dass seine Vernissage zum vergangenen „Wave- und Gotik-Treffen“ in Leipzig dem ein oder anderen Besucher so nahe ging, dass er im Gespräch mit Beatrice, Steves Partnerin, danach erst einmal Erdung finden musste und konnte.

Steve, Deine Bilder gehen unter die Haut und docken direkt ans Schmerzzentrum im Bauch an. Du selbst sprichst von „Ehrlichkeit“ und „Themengenauigkeit“. Welche Themen bearbeitest Du als Künstler?

Ich bediene mich eigentlich jeglicher Themen. Ich mache dabei keine Ausnahmen, ob Alltägliches , Vergangenes oder Themen des Werdens (Zukünftigen). Dabei reagiere ich oft auf Eindrücke meines Alltags und meiner eigenen Erfahrungen. Viele Themen sind nah am Menschen und der Gesellschaft, in der er sich bewegt. Die Fehlerhaftigkeit oder die Entwicklung des menschlichen Individuums liegen dabei stark im Fokus. Ich versuche mich mit dem Werte- und Normenkomplex der Situation auseinander zu setzen, um bildhaft eine individuelle Veränderung herbei zu rufen. Oft mit sehr für vielen düsteren Beschreibungen, welche für mich die Ehrlichkeiten erzeugen.

Welche Aufgabe hat Deiner Meinung nach Kunst?

Für mich hat Kunst die Aufgabe, Bewusstsein zu schaffen.

Welche Techniken und Einflüsse wirken auf Deine Arbeiten ein?

Meine Haupttechniken sind die Arbeit mit Acryl und Öl. Wobei es schon einen Grundauftrag mit Pinsel und Airbrush gibt. Für jedes Bild entscheide ich individuell, wie ich bestehende Techniken einsetze oder neue hinzufüge. Die Einflüsse hole ich mir dabei in der klassischen Malerei und adaptiere verschiedene Produkte und Techniken in meine Bilder. Aber nur soweit, wie es das Bild verlangt. Bei nichtkünstlerischen Einflüssen würde ich Philosophie, Gesellschaftslehre und meine eigene Sichtweise auf ein gutes Leben nennen (lacht).

Wer Ausstellungen wie „Überstunden über Stunden“ besucht, bekommt nicht einfach nur Bilder zu sehen, er wird in eine Gesamtkomposition regelrecht „reingezogen“ und sensibel geführt. Sensibilisierung durch „Lichtluminanzen“ und absolut abgedunkeltem Ausstellungsraum. Magst Du das erläutern?

Die klassische Sichtweise einer Ausstellung war mir zu wenig und zu langweilig. Als Erstes wollte ich Sekt und sinnlose Gespräche abschaffen (lacht wieder). Es gibt für mich nichts Schlimmeres als sinnfreie, gekünstelte Gespräche, denen ich nicht ausweichen kann. Man verliert damit den Kern der Veranstaltung. Der Kern meiner Ausstellung sollte der Eindruck der Bildsituation sein. Durch Abschottung des Raums (Dunkelheit) und Führung (Verlust der Eigenständigkeit) kann ich jeden neutralisieren und in meinem selbstgewählten Zeitfenster mit meiner Thematik bespielen, ohne dass ich lange erklären und führen muss. Kunst steht bei mir für Eigeninterpretation. Ich liefere lediglich die Basis, das Setting. Diese Basis wähle ich durch Bildmittel (meine Malerei), Licht und eigens für jedes Bild geschaffene Musik. Ich reiße durch mein Konzept den Besucher aus seiner Normalität, führe Ihn durch meine Sichtweise jeglicher Themen. Wobei sich der Betrachter damit identifiziert, sensibilisiert wird und gegebenenfalls adaptiert. Danach schicke ich Ihn in seine Welt zurück und versuche seine Probleme zu relativieren oder neue Fragen zu implizieren. Das klappt nicht bei jedem, ist aber auch nicht immer nötig.

Deine Bilder wurden jeweils mit einem Soundtrack untermalt, man wurde von Dir, komplett und quasi gesichtslos in Schwarz gehüllt, wortlos von Werk zu Werk geführt. Wer hat den Soundtrack zu Deinen Arbeiten entworfen und wie sah Eure Zusammenarbeit aus?

Die musikalische Leitung übernahm René Klimaczewski. Er erhielt dabei lediglich alle Bildteile und setzte seine Interpetation für jedes Bild fest. Ich vertraue ihm dabei sehr. Sein künstlerisches und technisches Handwerk sind für mich einzigartig und natürlich ein Stück weit unverständlich (lacht). Er ersetzt dabei den fehlenden Teil meiner Interpretation. Musik spielt für mich im Schaffensprozess eine sehr große Rolle und war somit auch für meine Ausstellung unumgänglich.

Ich wollte eine emotionale Basis schaffen, welche ohne neuronale Verknüpfung durch Musik nicht möglich gewesen wäre. René füllte diese Lücke und schaffte zugleich auch bei mir andere Sichtweisen.

Du verortest Deine Wurzeln in der Subkultur. In welcher Szene verbrachtest Du Deine früheren Jahre?

Ich komme aus den Subkulturen der frühen 90er Jahre. Graffiti und der gesamte Weg darum schafften meine Basis. Ich beschäftigte mich mit vielen Musikgruppen, deren Philosophien und Sichtweisen auf Gesellschaften, lernte autonome Entwicklungsweisen und führte diese dann durch eigene Sichtweisen unbewusst in mein jetziges Leben ein. Ich habe dabei immer stark an meinen eigenen Idealen festgehalten. Zum Leid vieler, aber zum Vorteil meiner selbst.

Deine Partnerin Beatrice und Du sind ein wunderbares Team, auch Deine MitarbeiterInnen strahlen Wärme und Sympathie aus. Ist das ein menschliches Zusammenfinden oder wählst Du Deine MitarbeiterInnen intuitiv aus?

Würde ich rational und analytisch auswählen, wäre ich nicht Kunstschaffender. Dies beißt sich meiner Meinung nach. „Intuition ist die Trophäe der Gerechtigkeit„ – diesen Satz formte ich einst für mich. Somit ist sie eine große Triebfeder meines Schaffens und meiner Entscheidungen. Ich habe ein wunderbares Team, welches mir über die Zeit zugetragen wurde. Ich habe keinen gesucht – es gab immer eine überirdische Verknüpfung (großes Gelächter im Raum) und Zusammenführung. Jeder ist für mich von großer Wichtigkeit. Nur durch viel Hilfe kann ich meiner eigentlichen Bestimmung nachgehen. Und das ist wichtig!! Entwicklung heißt ent-wickeln. Meine Frau hat meine Garnrolle sozusagen komplett abgewickelt und neu aufgewickelt. Ich bin ihr sehr dankbar für ihre Geduld und Sichtweise.

Beatrice als Fotografin scheint sehr innig mit Deiner Kunst in Resonanz zu stehen. Wie wirkt Ihr als Künstler aufeinander ein, wie würdest Du ihre Handschrift beschreiben?

Sie bildet einen ähnlichen Part wie meine Helfer. Nur ist ihrer um Weiten grösser und ausgeprägter. Sie inspiriert und sensibilisiert mich jeden Tag. Ich bewundere ihre Geduld, das Gute zu sehen, zu schaffen oder zu halten. Ihre Bilder wirken immer ehrlich und ungestellt auf mich. Sehr nahe am Detail. Wir geben uns oft Tipps, helfen uns in allen Bereichen und treten uns auch oft in den Arsch. Jeder Kreativschaffende kennt die Löcher des Alltags. Wenn jedoch jemand Bretter über diese Löcher legt, ist es einfacher, darüber hinweg zu schreiten. Darauf kommt es immer an! Kraft zu sparen und gezielt einzusetzen.

„Der denkende Mensch“

Eine letzte Frage noch: Was wird in naher Zukunft von Dir zu erwarten sein? Was planst Du, woran arbeitest Du?

Uh, da weiß ich nicht genau, wo ich anfangen soll. Ich habe zu viele Ideen. Die nächsten Projekte liegen im Ausland. Kleinere Ausstellungen, um meine Sachen auch Anderen nahe zu bringen . London im September steht fest. Andere Galerien sind angefragt. Ich hoffe noch etwas mehr in Deutschland ausstellen zu können. Im Frühjahr 2019 möchte ich mein zweites Kunstbuch veröffentlichen. Und für 2020 ist die nächste große Ausstellung mit neuen Werken geplant. Dafür investiere ich gerade die meiste Zeit. Alles, was dazwischen kommt, ist ungewiss. Ich finde spontane Sachen immer interessant. Ob Events oder Kooperationen – ich habe Spaß an allem.

Steve, wir danken Dir für das Gespräch.

Ich danke Euch für die Möglichkeit!

Das Interview zeichnete Tristan Rosenkranz auf.

Bildnachweis: Beatrice Bauer
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