Tomas Jungbluth „Hochentzündliche Grenzgänge“ [Interview Teil 2] | Outscapes #9

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #9 erschienen. In diesem Zusammenhang verweisen wir gern auf die Rezension zu seinem aktuell in der „Edition Outbird“ erscheinenden Buch „Kammerflimmern“ in unserem Onlinestore (siehe auch nachfolgendes Coverfoto).]

„… Es lehnt sich also schon an real Erlebtes an, ist aber, wenn ich dich richtig verstehe, ein Puzzle aus vielem? Oder gibt es hier eine konkrete Beziehung aus deiner Vergangenheit, die hier Modell stand? Hast du eigene Erfahrungen in Sachen „Grenzverletzung“?

Ich selbst habe eine sehr fordernde Beziehungserfahrung hinter mir, wovon sich einige Verhaltensmuster meiner Partnerin deutlich im Spannungsfeld Narzissmus bewegten. Grenzverletzungen, mangelndes Abgrenzungsvermögen und Projektion gingen Hand in Hand. Insofern war das Thema für mich schon auch Kernthema der letzten Jahre. Nicht zuletzt, um mich selbst zu fragen nach meinen destruktiven Anteilen oder, warum ich solche Charaktere angezogen habe.

Und mein Protagonist, dessen innere Welt sich tatsächlich aus verschiedenen Schicksalen zu einem ganzen, fiktiven, eigenen zusammensetzte, sagt dazu: Dieselbe Frau, die mich in der Beziehung immer wieder wegstieß, konnte mich nach ihrer Trennung nicht gehen lassen. Grenzen wurden beständig überschritten. Und in dem Zustand eines noch voller Liebe steckenden Trennungsschmerzes meldete sich die Frau monatlich immer wieder unter verschiedensten Gründen, obwohl ich um Stille bat und darunter litt, weil es einem dauerhaft unerfüllten Versprechen und dem gelegentlichen Abernten meiner Flammen glich. Das klingt genauso, wie es ist bzw. war: eine sehr reiche, komplizierte, kaum zu verarbeitende Bindung unter andauernder emotionaler Ausreizung meiner komplexen Gefühls- und Verletzungsresonanzen.

Meinst du, Künstler brauchen solche Niedergänge? Braucht die Kunst das Absacken in die Keller der Emotionen?

Ja, Kunst braucht meiner Meinung nach mehr noch Schmerz als höchste Höhen, um großartig sein zu können. Unzählige Werke verschiedenster Disziplinen beweisen das sehr eindrucksvoll. Aber ich bin mir nicht sicher, ob „Niedergang“ und „Absacken“ die passendsten Worte sind. Ich bin ein sehr tiefer und in der Liebe mitunter auch sehr hochfühlender Mensch, der ebenfalls fiktive Charakter meiner Ex-Partnerin, mit der ich im Buch ja einen Monolog führe, sprach im Trennungsgespräch von ihrem Wunsch nach Leichtigkeit und ihrer Sucht nach Tiefe, an der sie scheiterte. Das Buch zu schreiben lässt sich mit dem Trennungsgefühl des Protagonisten vergleichen, nur eben „geliehen“ und komprimiert: ich war unter Wasser, wie im Tunnel, durchtauchte meine tiefe Gefühlswelt und schrieb darüber. Und bekam ganz nebenbei eine Ahnung davon, was Schauspieler beim Einnehmen intensiver Rollen aushalten können müssen. Und klar, mit Narzissmus, im Buch abgebildet, haben auch die Begriffe Leichtigkeit und Tiefe im Beziehungs- und Trennungsverlauf ziemlich dunkle Schatten bekommen.

Was heißt das genau?

In der stärksten emotionalen Wachstumskurve der Liebe der beiden, quasi am Anfang noch dazu obendrein zu Weihnachten, geht sie fremd. Ein Muster, was sie bei jeder der drei Liebesbeziehungen ihres bisherigen Lebens bereits frühzeitig vollzog. Und auf dem absoluten Zenit der Beziehung, die beiden haben ihre schönste Zeit und schwingen vollständig synchron, fragt sie ihn in einer der innigsten gemeinsamen Sommernächte bei Rotwein und Gesprächen plötzlich, ob es okay sei, auf Partys andere Männer zu küssen. Zu einer anderen Gelegenheit fährt sie mit ihrem Ex, den sie noch immer liebt, baden, er nackt, weil er keine Badesachen dabei hat. Und zwar an derselben Stelle, an der die beiden kurz vorher ebenfalls nackt badend ihr höchstes Liebesglück genossen haben. Eine stärkere Entweihung ist kaum vorstellbar. Auch gab es diverse Rauswürfe, On/Offs und Erniedrigungen. Solche Dinge werfen dunkle Schatten auf diese von ihr gelebte Leichtigkeit vor dem Hintergrund ihrer enormen Verletzlichkeit und lassen den beständigen Hang zur Grenzverletzung erkennen.

Nun ist „Kammerflimmern“ ja ein für dich insofern untypisches Buch, als dass deine Texte stets eher kurze, wenn auch intensive Abrisse eines Zustandes waren. Hier liegt uns nun ein Monolog von einer recht ausführlichen Länge vor. Wie fühlt es sich an, wenn der letzte Punkt gesetzt ist? Kannst du, nach dem letzten Zeichen direkt aufhören oder modellierst du noch an deinen Sachen herum und wenn ja, wie lange?

Das Schreiben selbst war ein Ventil, ein Verbrennungsprozess und Verstehenwollen sehr intensiv erlebter Borderlinewelten, wenn man so will. Meinem Wesen entsprechend durchdenke ich bis zu einem Ende des Loslassens immer wieder Passagen, Fragmente, Ebenen, Zusammenhänge, fehlende Aussagen. Erst heute sagte mir eine gute Freundin, ihrerseits Therapeutin, dass ich ein ganzes Stück weit der komplexen Art des Erzählers, zu fühlen und zu durchdenken, gleiche: im Grunde sehr weiblich. Es sind ja im Übrigen weit mehr Frauen als Männer von Borderline betroffen, der Protagonist ist da ein untypischer Fall.
Du würdest mich für verrückt erklären, wie oft ich das Skript, nachdem es sein endgültiges Gerüst hatte, gelesen und bearbeitet habe. Heißt, das Schreiben selbst war in einer extrem kurzen Zeit vollendet, der Spannungsbogen und Feinschliff dauerte aber mindestens weitere drei Wochen täglicher Stundenarbeit.

Du bist also so etwas wie ein Perfektionist? Einer, der die Finger einfach nicht still halten kann, weil hier und da immer wieder ein Gedanke einschießt, der das Ganze vielleicht noch besser machen kann?

Ich hab mich als Chaot nie als solcher gesehen, aber ja – Du hast Recht. Ich scheine tatsächlich ein extremer Perfektionist beim Entstehungsprozess des Buches gewesen zu sein. Ich bekam eine Ahnung davon, dass andere Autoren, die ihr Skript lieben, es an manchen Tagen einfach nur grundbeschissen finden und am liebsten entsorgen würden, oder was es für Künstler heißt, irgendwann loslassen zu müssen, weil man sonst beginnt, den Zenit des Werkes zu überschreiten und den Glanz wieder abzutragen, quasi zu dekonstruieren, was man geschaffen hat.

Das impliziert ja, dass du gewissermaßen ein Problem mit dem Loslassen hast?

Nun ja, ich als Autor, der Erzähler in Position des Liebenden definitiv auch, jedenfalls aus herkömmlicher Sicht… er liebt diese Frau ja noch heute, hat ja mehr als ein halbes Jahr gebraucht, um überhaupt klar zu sehen, wie scheiße er sich in der Beziehung über die Maßen lange hat behandeln lassen. Nicht, dass er es nicht schon immer reflektiert hätte… Insofern kam er in seiner tiefen Liebe auch nie los von ihr, die sie sich über Monate immer wieder in seinem (Gefühls-)Leben sichtbar machte, ihn bewusst oder unbewusst immer wieder triggerte. Und natürlich manifestierte sich mit dem Buch die Frage, wie lange ein Verarbeiten und Loslassen denn eigentlich braucht oder maximal brauchen sollte und wer das überhaupt sagen kann. Jeder Mensch liebt ja anders, und Borderliner beziehungsweise Narzissten wahrscheinlich noch einmal ganz anders.
Umso wichtiger empfinde ich Konsequenz, die in jeder Hinsicht wichtig ist: Ich kann nur um etwas kämpfen oder es loslassen, aber zwischen den Polen hin- und herspringen, wie es die Ex-Partnerin im Buch monatelang machte, ist Qual und verhindert beiden, weiterzukommen, zu heilen und sich irgendwann vielleicht gesünder wiederbegegnen zu können, weil es destruktive Reaktionsmuster aufruft. Klar, dass das Buch auch eine erhebliche Ladung an Zerrissenheit in sich birgt.

Und da sind wir auch thematisch bei deinem Buch. Wie war das für dich, dir die Erinnerungen an offenbar schmerzliche Momente deiner Vergangenheit hervorzurufen, sie zu vergegenwärtigen und zu analysieren bzw. einen Charakter zu schaffen, der verschiedene Trennungssituationen vereint? Würdest du die Arbeit daran Kraftakt nennen?

Es war ein enormer Kraftakt, ja. Das Einnehmen eines anderen Charakters zum Einen, das Eintauchen in eine Gefühlswelt, die der meinen nicht unähnlich ist. Man geht mit diesem Gedankenspiel in eine tiefrote Welt des Schmerzes und der Liebe. Leiden, um Schmerzschichten abzuschälen – vielleicht so. Dieses aus dem Buch heraus schimmernde Gefühlsprofil ist ja der stete Tanz von „zu viel“ Liebe und Schmerz in allzu enger Verwandtschaft. Was man liebt, versucht man zu zerstören bzw. man ritualisiert Ablehnung, die man durch das Zufügen von Schmerz dem Anderen gegenüber erreicht. Das Buch hat diese Gefühlswelten komplett nach vorne geholt.

Du sagtest mir vorhin im Vorgespräch, dass du „Kammerflimmern“ in weniger als drei Wochen geschrieben hast. Offenbar nagten Dinge aus deiner Vergangenheit an dir, die du loswerden wolltest. War das eine Art Druck, eine Art Zwang zum Loslassen, um los zu werden?

Ja, ab diesem im Buch erwähnten „Point of no Return“ gab es keine andere Möglichkeit mehr. Ich musste schreiben, ich musste diese in mir gespeicherten Narben abtragen, ich musste den „geliehenen“ Vulkanismus bedienen. Ich rannte tagelang wie Falschgeld rum, wollte immer nur zum Skript zurück, weil der Kopf selbst unterwegs ständig weiterschrieb.

Du sprichst in „Kammerflimmern“ einige Mal das Wort Hochsensibilität in Bezug auf dich, aber auch die Protagonistin, an. Was macht aus Deiner Sicht Hochsensibilität aus?

Ich verstehe es so: Hochsensibilität ist eine Gabe, aber auch eine Last, ein tiefes, inneres Spannungsfeld. Es ist wie mit dem Tanz auf dem Vulkan, einem fast permanenten unter Spannung stehen, einem beständigem Switchen zwischen diversen Wahrnehmungs- und Verständnisebenen vergleichbar und erklärt sich mit einer oftmals oder dauerhaft sehr hohen Wahrnehmung. Vom Erinnerungsvermögen von vor Monaten besprochenen Gesprächsdetails ganz abgesehen. Allerdings: Das normale Leben hat seine Unwuchten, ist aber als Single im Sinne zu verarbeitender Impulse und Energien um Einiges leichter.

Als Mann ist es allerdings tatsächlich schwieriger, in seiner Hochsensibilität und Verletzlichkeit angenommen zu werden. Das öffentliche Bild impliziert den starken, souveränen Macher – ein fast schon „ewiggestriges“ Bild. Und Frauen, die dieses Einfühlsame, Feinempfindende und Verständnisvolle als so wundervoll empfinden, vermissen nicht selten irgendwann, krass formuliert, doch auch wieder einen Alphatypen, der nicht hinterfragt, sondern einfach entscheidet, wo es lang geht. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel. Wir Menschen haben noch jede Menge Spielraum nach oben, um Urmuster in uns zu etwas Größerem, Besserem reifen zu lassen. Und für mich ist eine einfühlsame und „gefühlsehrliche“ Welt definitiv die bessere als diese Maske der Härte und Coolness, die so über die Maßen viele glauben, vor sich hertragen zu müssen.

Ich hatte mit Fertigstellung ja auch einige Telefonate mit Tami Weissenberg, der ja quasi zeitgleich mit seinem Buch „Darjeeling Pur“ in der „Edition Outbird“ erscheint, worin er seine vielen Jahre erfahrener Ehegewalt erzählt. Ich entschuldigte mich fast bei ihm, weil die von mir literarisch gespiegelte Leidenswelt wesentlich geringer gewesen sei. Er sagte „Wer will das entscheiden? Schmerzempfinden ist ja bei jedem anders.“ Und natürlich sprachen wir über weiche, sensible Männer, die wie umgekehrt Frauen in gewissen Beziehungen Herabwürdigung, Respektlosigkeit oder gar Misshandlung erfahren müssen und da nicht herausfinden. Kurz gefasst: es gleicht der Suche nach der Nadel im Heuhaufen und bedarf einer gewissen Reife und feiner Antennen, einem/r gereiften, in sich ruhenden PartnerIn zu begegnen, die / der diese Eigenschaften achtet.

Ich weiß ja auch von dir, dass es zumindest die Verdachts-Diagnose Borderline gibt. Meinst du, es gibt einen Bezug zwischen Hochsensibilität und Borderline?

Das ist eine gute Frage. Erstens: die Diagnose ist mittlerweile widerlegt, die Schnittmenge der Aussagen verschiedener Therapeuten, auch aus dem Freundeskreis und mit entsprechender Nähe zu mir, ist „einfach“, dass ich sehr reichhaltig an Emotionen und Wahrnehmung bin und sich daraus auch beständige Spannungszustände ableiten lassen. Selbst gewisse Reaktionsmuster in einer Liebesbeziehung treffen darauf nicht zu. Vielleicht greift bei dieser Fehldiagnose das noch mangelhafte Fachwissen hochsensibler Männlichkeit.

Zweitens: Hier fehlt mir die Kenntnis, aber vermutlich ist die Schnittmenge sehr hoch, wenn man bedenkt, dass Borderliner in der Regel hochintelligente und sehr sensible Menschen sind. Ich denke, dass die Defizite fehlender Regulierungswerkzeuge der Gefühls- und Spannungswelten sehr ähnlich sind. Manchmal kann man deren Wesenswelten mit Naivität vergleichen: sie wissen einfach nicht, wie man diese massive Menge täglicher Spannungen, Impulse und Energien effizient, gelassen und möglichst schadlos verarbeiten kann, wo die eigenen und anderen Grenzen liegen und wie man seinen Bedarf zum Auftanken und Runterkommen erkennen und organisieren kann. Man will ja auch beständig äußeren Anforderungen und Bedürfnissen gerecht werden.

Freilich ist ein Buch, so steht es im Abspann, fiktiv, aber ein bisschen Wahrheit, das haben wir ja nun festgestellt, als wir vom Puzzle diverser Erlebnisse in deiner Vergangenheit sprachen, ist ja in jedem Werk. Hattest Du Gewissensbisse mit Fertigstellung des Buches?

Ja, weil es hochverletzliche Menschen widerspiegelt und das da draußen tagtäglich vielfach Realität ist. Und weil ich mit dem „Okkupieren“ der Liebesgefühle der Protagonisten ja nicht nur in deren beider Welt eindrang, sondern auch noch mit chirurgischer Präzision all die Fasern und Prozesse aus einer zerbrochenen Liebe sichtbar machte. Dabei will das Buch nur dieses so unbegreiflich Hochverletzliche verstehen und schützen. Ein scheinbarer Widerspruch. Neben der Gefahr, darin nicht die alles tragende einzigartige Liebe, sondern die Risse, Blutungen und Spiegelungen zuvorderst wahrzunehmen, hatte ich auch lange mit dem Punkt der künstlerischen Freiheit zu tun, sprach aus eigenem Interesse auch viel mit meinem Verleger, anderen Autoren, Freunden, einem Dramaturgen.
Oft stellte sich meinem vorhin schon erwähnten Freund in der Zeit seiner Männerarbeit und diesen sich so oft wiederholenden Mustern scheiternder Beziehungen die Frage, wie weit man gehen kann, weil sie alles an einer Borderlinebeziehung in ihrer beständigen Grenzüberschreitung sich und dem Anderen gegenüber ausdrückt. Und klar hab ich auch die Position des Karma hinterfragt, weil ich diese so fragilen wie wundervollen Charaktere schützen will. Für einen Schutz aber braucht es Klarheit, beispielsweise in Form der Offenlegung von Mechanismen, die so einfach ein klares „No Go!“ erkennen lassen, aber in abhängigen Paardynamiken so selten durchbrochen und überwunden werden können. Solche Reflektionen finde ich wichtig.

Zum Schluss interessiert mich noch, ob es aus deiner Sicht ein Konzept gab, was den Sprachstil angeht. Du hättest ja auch wesentlich direkter und klarer schreiben können, nutzt aber eine sehr poetische, ja fast lyrische und an Metaphern reiche Sprache. Woran liegt das?

Darauf gibt es eine für mich einfache Antwort: Ich kann nicht anders. Meine Sprache kann gerade, wenn sie von Emotionen angetrieben wird, sehr bildreich und intensiv sein. Unter dem Antrieb, dieses Buch zu schreiben, bewegten sich viel Liebe und Schmerz aus eigenen früheren Erfahrenswelten. Sicher hat das ganz wesentlich dazu beigetragen.

Ich danke dir für das Interview und wünsch dir viel Erfolg mit deinem Buch…

Das Interview zeichnete Tristan Rosenkranz auf. Neben Teil 1 des Interviews finden Sie vieles mehr im „Outscapes“-Magazin #9 [Edition Outbird].

Bildnachweis: Maud Susann Unger
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