„Ich bin ein höriger Diener meiner Ideen und immer wieder gespannt, wohin die mich führen“ – Interview mit Andreas Hähle zu „Wahnsignale“

Andreas Hähle, Autor, Songtexter und Redner und 51 Jahre alt, veröffentlichte bei Edition Outbird Ende des vergangenen Jahres den verstörenden Roman „Wahnsignale“. Verstörend, weil er einen Lesesog entfaltet, der seiner Leserschaft keine Alternative des Entrinnens aus der zunehmend wahnhaften Welt des Protagonisten gewährt, die ihn mit den Wendejahren innerlich zerreißt. Andreas, der seit geraumer Zeit mit und gegen Krebs anzukämpfen hat, sprach mit uns über sein Buch und sein derzeitiges Leben.

Andreas, wann entstand „Wahnsignale“? Und war das Buch neben einem Rückblick auf die Verwerfungen der Wendezeit vielleicht auch ein unbemerktes Gleichnis, eine Ahnung auf das auf Dich Zukommende?

Die Idee zu dem Projekt „Wahnsignale“ kam mir bereits Anfang der 90er Jahre. Ich lebte damals noch in Stralsund und war tagtäglich mit den Verwerfungen und Traumata dieser Jahre bei den DDR-Bürgern konfrontiert. Es begann ja mit einer unglaublich wärmenden Kraft des Aufbruchs und des Neubeginns und da war auch ein riesiger Sog an Gestaltungswillen ganz unterschiedlicher Art und Intentionen. Die Menschen begannen Ideen zu entwickeln und zu entfalten. Plötzlich wurde alles umgedreht, die Ideen und Aktivitäten hatten keinen Wert mehr, sie passten nicht zu dem neuen Land, in welches die Menschen eingesogen wurden. Es sollte ursprünglich eine Kurzgeschichte werden, aber sie wurde länger und länger. Ich fand in meinem Kopf immer mehr Material dazu und die Handlung wollte sich weiter entwickeln. Irgendwann habe ich die Arbeit dann unterbrochen, weil ich mit dem Sujet nicht mehr weiterkam, aber auch, weil ich natürlich sehr viele andere Dinge im Kopf hatte und nicht wirklich eine Möglichkeit gesehen habe, bei einer eventuellen Fertigstellung dieses Projekts auch eine Veröffentlichung herbeiführen zu können. Irgendwann fand ich auf der Suche nach einer anderen Materialsammlung für ein anderes Projekt diesen Text wieder, las und stellte ihn fertig. Er wurde dann ganz anders als gedacht, aber so fand ich ihn gut. Eine Ahnung ist vielleicht immer da, von dem was kommt, was kommen könnte, was sein könnte, jedenfalls immer dann, wenn man sehr in die Tiefe schaut. Und bei diesem Roman habe ich sehr in die Tiefe geschaut. Der Protagonist bin ja nicht ich, das ist ein Konglomerat aus anderen Menschen, denen ich begegnet bin und auch ein Resultat aus vielen Gesprächen mit Freunden.

Wie würdest Du mit wenigen Worten „Wahnsignale“ beschreiben und wie erklärst Du Dir seinen Erfolg?

Erfolg? Nun, wenn der Roman ein Erfolg ist, kann ich ihn mir nicht erklären. Ich finde, es ist das schwerste Stück Literatur, welches ich je geschrieben habe. Schwer für mich beim Schreiben und ich dachte, er wäre auch sehr schwer zu lesen. Einige haben mir das auch bestätigt, wiederum andere kamen sehr gut damit zurecht und empfanden es eher als ein leicht zu konsumierendes und nachzuvollziehendes Werk. Vielleicht trifft es einfach den Zeitgeist, den Stand der derzeitigen Aufarbeitung der eigenen persönlichen Erlebnisse aus den 90er Jahren und der Erkenntnisse, zu denen man dabei gelangt. Und es werden viele tiefgehende Gedanken in Selbstmonologen des Protagonisten geäußert, die vielleicht doch für viele leichter nachvollziehbar sind als ich es beim Schreiben annahm. Ein bisschen kann es auch an der Sprache liegen, derer ich mich bediene. Diese und die Stilistik ist meine ureigene. Ich erzähle schon anders als andere Autoren. Nicht um mich abheben zu wollen, ich erzähle einfach so. Ich liebe Metaphern und Allegorien und Gedankenspiele sehr.

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Welche Bedeutung, welche Umbrüche brachten für Dich die Wendejahre? Wie nahmst Du diesen gravierenden, für viele entwurzelnden Umbruch wahr?

Für mich persönlich war die Wendezeit erst einmal das Ende meines Kabarettkollektivs „Die Wunderkinder“. Die Ereignisse überstürzten sich, ich schrieb jeden Morgen neue Texte, die dann am Abend der Aufführung bereits überholt waren. Also verordnete ich meinen Mitstreitern 1991 ein Jahr Zwangspause, um die Entwicklungen abzuwarten. Diese Pause dauert bis heute an. Erst vor einigen Tagen fragte mich zufällig ein Mitstreiter erstmalig nach dieser langen Zeit, ob wir nicht wieder zusammen auftreten mögen. So lange ging die Pause vorerst.

Aus meiner Sicht allerdings gab es keine eine Wende, es gab mehrere davon. Das eine war der Wille zum Aufbruch in ein humanistisches Land, „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ war das Label. Doch dann folgte die Gewalt der rein materiell interessierten Masse. Mit der hatte ich nicht gerechnet. Mit der konnte ich auch überhaupt nichts anfangen. Die überrannte – quasi konterrevolutionär – den aufkeimenden Humanismus und konterkarierte ihn sogar und spätestens mit der Einheit wurde der Humanismus durch den Turobokapitalismus in sein Gegenteil verkehrt. Die DDR wurde zum Ramschladen. Das kann man sich vorstellen wie früher Kolonialisten mit Insulanern gehandelt haben. Sie tauschten ihren Müll gegen Gold, das sie dann einfach verramschten. Die DDR wurde ausgeschlachtet und die Biographien entwertet. Es blieb nichts mehr übrig und der Humanismus, die Freiheit blieben dabei vergessen auf der Strecke.

Würdest Du der kursierenden Theorie zustimmen, die die Ursache des vornehmlich im Osten vorherrschenden Problems faschistischer Strömungen und Aktivitäten in dieser Entwurzelung und Herabwürdigung alldessen sieht, was einst die DDR ausmachte?

Ich stimme ja schon gar nicht zu, dass faschistische Strömungen kein gesamtdeutsches Problem sind. Mittlerweile sind sie eher sogar ein europäisches Problem. Die Ursachen liegen nicht nur in der Entwurzelung, wenn man in den Osten schaut, aber sicher auch. Man darf doch nicht vergessen, dass das Staatsgebilde DDR bis zum November 1989 ein sehr nationalistisches war und teilweise, in der staatlichen Doktrin, auffällig faschistoid. Mit Sozialismus hatte das ja schon gar nichts mehr zu tun. Nein, was da kaputt gemacht wurde, auch im Zusammenhang mit der Überbewertung des militärischen Aspekts, das haben diejenigen schon im vierzigjährigen Kopfbürgerkrieg hinbekommen, die den Sozialismus verwalten sollten. Im Westen wiederum gab es nie eine ernsthafte Aufarbeitung des Faschismus. Viele können Nazismus und Faschismus nicht einmal voneinander unterscheiden. Da fängt es ja schon an. Ich neige eher zu der sehr pessimistischen Einschätzung, dass der Faschismus des deutschen Michels alltägliches Grundempfinden ist. Das ist noch lange nicht weg. Man kann nur hoffen, dass der gerade aufkeimende Hypernationalismus schnell in einen im Vergleich dazu wesentlich intelligenteren Regionalismus strömt. Die Tendenzen dazu sind deutlich absehbar, das wäre schon gesamtgesellschaftlich beruhigender. Daraus könnte man etwas Neues gestalten, aber vom Humanismus sind wir leider noch weiter entfernt als Anfang der 90er, spätestens seit Schröder mit seiner Arbeitsmarktpolitik Deutschland zurück in die Feudalgesellschaft katapultiert hat.

Die Zöllner

Du hast in Deinen Schaffensjahren nicht nur als Redner gearbeitet, sondern auch zahlreiche Songtexte verfasst, beispielsweise für Die Zöllner, Transit und viele andere Bands und Musiker. Du warst als Produzent tätig, als Dramaturg, Redakteur, Kolumnist und auch im Comedy-Bereich. Woher kommt Deine Energie? Wo ziehst Du Deine Grenzen?

Meine Grenzen sind da sehr eindeutig und resultieren aus mittlerweile über vierzig Jahren Schaffens- und Lebenserfahrung. Ich mache nichts, aber auch gar nichts, was ich nicht kann. Ich habe vieles lernen und mir aneignen können, aber dabei auch gelernt, dass ich zu manchem nicht befähigt bin, was ich vielleicht auch mal machen wollte. Das habe ich sein lassen. Ansonsten bin ich ein höriger Diener meiner Ideen und bin selbst immer wieder gespannt, wohin die mich führen.

Wie ergab sich Deine Zusammenarbeit mit so vielen verschiedenen Musikern?

So seltsam es klingt: meist ergab es sich von selbst. Ich war ja bereits als Jugendlicher, so mit 16/17 Jahren kein unbeschriebenes Blatt in der sogenannten „Szene“. Ich wurde von Musikern angesprochen und sehr häufig sprach ich selbst Musiker und Bands an. Mit manchen wurde ich absichtlich bekannt gemacht. Zudem bin ich sehr viel unterwegs gewesen, auf Konzerten und man darf auch die eigenen Radio- und TV-Sendungen nicht vergessen, die ich gemacht habe. Auch dabei kam es zu vielen interessanten neuen Kontakten und Zusammenarbeiten. Und da ich kein Stubenhocker war, traf man sich auch außerhalb von Konzerten und ähnlichen Anlässen sehr viel. Und immer mal kommt jemand mit einer Idee zu mir oder ich habe eine. Man darf bei all dem allerdings nicht unerwähnt lassen, dass wohl über die Hälfte der anvisierten Projekte aus ganz unterschiedlichen Gründen doch nicht funktionierte. Was man dann am Ende sieht, ist immer nur so etwas wie die Spitze des Eisberges der ganzen Arbeit, die man miteinander leistet.

Du machst kein Geheimnis daraus, sprichst vielmehr immer wieder in längeren Postings in einer sehr einfühlsamen und klaren Sprache aus, wie es Dir mit Deiner nunmehr zweiten Krebserkrankung geht. Aus der Situation, nach einer Genesung wenige Monate später wieder erkrankt zu sein, entwickelte sich nicht zuletzt wegen der ausbleibenden Einnahmen als freier Künstler eine ziemlich große Spendenresonanz: Menschen rücken zusammen, Geld wird gesammelt, Die Zöllner und Die Seilschaft verkaufen Deine Bücher auf ihren Konzerten, Benefizkonzerte finden statt, eine Buchversteigerung des legendären ehemaligen Leipziger Szeneverlags Edition PaperONE steht bevor. Wie gehst Du damit um, was bedeutet dieses so starke Feedback?

Ich bin diesbezüglich sprachlos. Ich habe mit solchen Aktionen nicht gerechnet, erst recht nicht mit so vielen und mit so viel Resonanz dazu. Mir kommen täglich die Tränen der Rührung, wenn ich davon mal wieder etwas Neues mitbekomme und richtig fassen kann ich es noch immer nicht. Ich bin so unendlich dankbar und ja, auch glücklich. Vor allem das Zusammenrücken sagt mir sehr zu, da sind wir ja wieder beim Humanismus. Das gibt mir Hoffnung, nicht für mich alleine, die Krankheit geht ihren eigenen Weg und hat ihre eigenen Gesetze, aber gesamtgesellschaftlich erkenne ich zutiefst beeindruckt, dass es möglich ist, dass die Menschen sich an den Händen nehmen und sich Wärme, Liebe und Zuversicht spenden können, beieinander stehen, füreinander stehen. Das ist eine Wende nach meinem Geschmack und möge diese Haltung noch sehr sehr vielen anderen Menschen zugute kommen. Vor kurzem schrieb mir eine der Initiatorinnen, Grit Maroske, dass es allen Helfenden selber sehr gut tut, diese Kommunikation untereinander, diese Kreativität und vor allem: die Liebe, diese Liebe. Das ist es, was ich als Demut bezeichne. In manchen Momenten in jüngster Zeit aufgrund dieser ganzen Bewegung möchte ich die ganze Welt umarmen. Ich verneige mich zutiefst davor. Es gibt mir auch Kraft und Positivismus. Die Psyche spielt ja auch eine ganz große Rolle bei so einem täglichen Überlebenskampf.

Tumorzelle

Gestatte mir die Frage: Was bedeutet Krebs für Dich und für die Gegenwart? Selbst für mich nehmen die Fälle im direkten Umfeld zu; mitunter bekommt man den Anschein, dass die Krebserkrankungen rapide zugenommen haben. Teilst Du diese Ansicht? Kann und muss sich etwas in unserem Lebenswandel, in unserem Umgang mit Konflikten und Ernährung ändern?

Ich bin mir sicher, dass Krebserkrankungen massiv zugenommen haben. Eine medizinische Erklärung habe ich dafür nicht. Bestenfalls eine gesamtgesellschaftliche. Wir beuten uns alle zu stark selber aus, weil wir dazu gezwungen werden. Das Arbeitsklima, das menschliche Miteinander in diesem Turbokapitalismus ist krank und muss krank werden lasssen. Ernährung spielt da sicherlich auch eine große Rolle. Aber vielleicht ist Krebs tatsächlich eine Art spirituelle Metapher für das System, in welchem wir Menschen leben und leiden und auch andere leiden lasssen. Da muss sich etwas ändern. Ich halte Krebs nicht für ein rein medizinisches Problem, er ist auch eine psychische Seuche. Wir sind alle zu gestresst und zu wenig glücklich.

Es ist leicht vorstellbar, dass man viel Kraft braucht in einer solchen Situation – Du wie auch Deine Ehefrau Lika. Verändern sich damit die Träume und Pläne von einer Zukunft? Wird man sachlicher, minimaler oder vielmehr noch stärker?

Die Träume und Pläne haben sich tatsächlich maßgeblich verändert. Nicht so sehr wie es sich am Anfang anfühlte, als es erst einmal von ärztlicher Seite hieß: „Rien ne va plus“. Aber von einem Tag auf den anderen war alles anders. Sachlicher sind sie nicht geworden, ich bin nicht so materiell eingestellt, aber auch nicht wirklich minimaler. Da ich mich in Richtung Verrentung und Pflegestufe bewege, geht so manches nicht mehr. Vor allem der Hauptbrötchenerwerb, meine Rednertätigkeit, wird nicht mehr möglich sein. Es ist eine sehr schöne, aber unglaublich kräftezehrende Arbeit. Vor der Erstdiagnose wollten wir ja Landflucht begehen, also raus ins Grüne ziehen, auf unserem Grundstück im Leipziger Umland ein Haus bauen. So zum Leben an den Abenden im Frieden, als Kreativ- und Rückzugsraum. Meine Frau und ich wünschten uns dort einen kleinen Salon, wo sich unsere Freunde treffen und auch künstlerisch arbeiten können, auch miteinander. Einen Raum für weite Gedanken und natürlich, um sich gegenseitig kennenzulernen und kreative Netzwerke zu spannen. Daraus wird wohl nichts werden. Wir laborieren gerade mit Ach und Krach an der ganz schmalen Variante, unser kleines Häuschen winterfest zu machen und ein bisschen zu vergrößern, aber auch das wird wohl nicht bezahlbar sein. Wir werden wohl eher in eine kleine Neubauwohnung umziehen müssen. Was die künstlerischen Pläne betrifft, da weiß ich nur, dass ich nicht mehr so schnell und intensiv wie vorher arbeiten kann, dafür reicht die Kraft nicht aus. Dennoch will ich an der Kunst bis zum letzten Atemzug festhalten. Ich werde mit Sicherheit nicht vor meinem Tod in ein starres Schweigen verfallen. Aber ich habe auch nicht das Gefühl, dass ich mich beeilen muss, um noch dies und das und jenes zu bewerkstelligen. Was ich hinkriegen werde, kriege ich hin. Ich habe ja so viel Material, das würde selbst bei Büchern für zehn Jahre posthumes Veröffentlichen einmal pro Jahr reichen.

Du sagtest unlängst, dass Du Deine Termine weiterhin wahrnehmen wirst, nicht zuletzt bist Du am 21. 3. im Leipziger Clownmuseum, am 22. 3. beim Literarischen (Messe)Salon in der Leipziger Kunstgalerie Raum 16, am 17. 4. gemeinsam mit dem „Stern Meißen“-Sänger Manuel Schmid in der Geraer Stadtbibliothek und am 17. 5. in der Kulturbaustelle Suhl zu hören und zu erleben. Was wird von Dir literarisch in naher Zukunft zu erwarten sein? Arbeitest Du bereits an neuen Manuskripten?

Tatsächlich arbeite ich weiter. Ich habe bereits vor der Krebsdiagnose einen Satireroman begonnen, an dem ich weiter schreibe und neue Anfragen nach Liedtexten gibt es auch, denen nachzugehen ich bereits zugesagt habe. Ja, da kommt noch einiges. Das Schaffen ist mein Lebenselixier. Ohne könnte ich nicht sein. Gerade jetzt ist es für mich sogar wichtiger denn je. Und Ideen habe ich glücklicherweise noch sehr sehr viele.

Lieber Andreas, vielen Dank für das Interview.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweise: Volly Tanner, Edition Outbird, Detlef Liedmann, Wellcome Images
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