Interview mit Romina Nikolić zur Arbeit am zweiten „Hannibal“-Sammelband „Ravage“

Romina Nikolic, durch hochwertige Projekte hervorstechende Jenaer Herausgeberin der „Fanthology“-Szene mit schwerem Hang zur TV-Serie „Hannibal“, hatte Mitte 2017 auf sich aufmerksam gemacht, als sie mit der befreundeten Autorin Germaine Bierbaum via Crowdfunding die aufwendige „Hannibal“-Anthologie „Radiance“ realisierte (wir hatten sie im „Outscapes“-Magazin #4 interviewt). Ein großformatiger Hardcover-Band mit zahlreichen Grafiken und Texten, der hier vor mir liegt, eine echte Liebeserklärung an eine ebenso edle wie zutiefst abgründige Serie.
Romina sitzt mit dem Nachfolgeprojekt „Ravage“ aktuell wieder an einem solchen Sammelband und organisiert für dessen Realisierung erneut eine Crowdfunding-Kampagne (bitte hier entlang), was Grund genug ist, ihr einige Fragen mehr zu ihrer Arbeit zu stellen.

Romina, einmal mehr setzt Du Dich dem Irrsinn aus, Deinem Herzblut zu folgen und tief in die künstlerischen Weiten der „Hannibal“-Fanszene einzutauchen und deren Perlenschätze zu heben. Was ist in Zeiten der Serienflut das Besondere an dieser Serie geblieben und wie erklärst Du Deine beinahe obsessive Liebe dazu?

Einmal liegt das natürlich an der Serie selbst, die wirklich großartig gemacht ist. Die Art, wie Bryan Fuller, der Serienmacher, mit dem Ausgangsmaterial aus den „Hannibal“-Büchern von Thomas Harris und den bereits bestehenden Filmen umgegangen ist, und quasi seinen eigenen Remix daraus erstellt hat, spielt dabei eine ganz große Rolle.
Andererseits ist es ja so, dass wir seit dem Absetzen der Serie 2015 eigentlich keinen neuen Content bekommen haben – nach drei Staffeln war leider Schluss –, aber die Fangemeinde hat eben bis heute überlebt. Wir tauschen uns immer noch täglich online aus, schaffen Fanart und Fiction, treffen uns aber auch zu sogenannten MeatUps (haha, Fannibal-Humor) oder Fan-Conventions in London und Toronto, und sind einfach generell auch menschlich ständig füreinander da. Diese Gemeinschaft ist schon etwas ganz besonderes und das hält einen bei der Stange.

Worauf basiert diese Serie und warum soll und wird es ein weiteres edles Fanbook geben? Worin unterscheidet sich das neue Buch von seinem Vorgänger?

Die Serie rückt ja das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Hannibal Lecter, der in der TV-Adaption zunächst noch nicht als Kannibale und Killer geoutet ist, und dem FBI in den Mittelpunkt. Im ersten Buch, „Radiance“, haben wir uns dabei thematisch auf den FBI-Agenten Will Graham konzentriert, der sich im Laufe der Serienhandlung unter dem Einfluss von Dr. Lecter immer mehr selbst zum Mörder und eben auch murder husband, also Gespielen, von Hannibal entwickelt.
Bei „Ravage“ wollten wir den Fokus wieder mehr auf die Figur Hannibal selbst richten und haben die vielen Anspielungen auf Dante Alighieris Dichtung „Inferno“, die sich bei Thomas Harris, in den „Hannibal“-Filmen und der Serie finden, zum Anlass genommen, dieser Schnittstelle zwischen Hannibal und Dante etwas näher nachzugehen. Ich meine, die Dante‘schen Höllenkreise, in denen Todsünden wie Völlerei, Wollust, Gewalt, Verrat, Ketzerei usw. geahndet werden… Das ist ja die perfekte Spielwiese, um einen kannibalistischen Serienkiller zu beleuchten, der seinem High Society-Bekanntenkreis mit einem Lächeln und unter ständigen Kannibalismus-Wortspielen die eigenen Freunde zum Essen vorsetzt.

Nun ist dieser „Irrsinn“, wie ich Deine Arbeit liebevoll nennen mag, ja sicherlich ein Kraftakt. Wie kann man eine Flut von Bewerbungen aus Literatur und Kunst sinnvoll koordinieren und nach welchen Kriterien wählt Ihr die besten Werke aus?

Ein Kraftakt ist es, ja, vor allem bei so vielen Beteiligten. Bei „Ravage“ haben wir ganze 116 Künstler und Autoren.
Wir schauen da ganz objektiv – ist der Beitrag dem Thema angemessen, ist er gut geschrieben/gezeichnet, etc. Also ganz normale editorische Arbeit wie für jeden anderen Sammelband auch. Eine gewisse Bereitschaft, der Autoren, noch am Text zu arbeiten ist natürlich auch vorausgesetzt, sonst wird das Ganze anstrengend und da muss man gegebenenfalls auch aussieben. Aber das hatten wir diesmal nicht. Es ist eine große, aber ganz tolle Truppe, mit der wir diesmal arbeiten durften.

Vielleicht ist das eine klassische Fanfrage, aber wie ist die reale Begegnung mit den Hauptdarstellern Mads Mikkelsen und Hugh Dancy, wie sehr identifizieren sich die beiden mit dem Stoff?

Oh, da kann ich dir nur meinen subjektiven Eindruck schildern… Es ist auf alle Fälle total cool, die Darsteller persönlich zu treffen und bei Frage-Antwort-Panels, wie man sie ja z.B. auch von den größeren Conventions kennt, ein bisschen mehr zu erfahren, wie sie sich mit den Rollen auseinandersetzen. Ich denke schon, dass gerade Hugh und Mads total viel Spaß hatten, an dem Stoff zu arbeiten. Aber in Sachen Identifikation, da hoffe ich doch sehr stark, dass sie die Figuren nicht mit nach Hause genommen haben *lacht*

Das zugrunde liegende Buch „Göttliche Komödie“ von Dante Alighieri wird durch die sogenannten neun Höllenkreise strukturiert. Magst Du uns kurz ausführen, worum es sich handelt und wo der literarische Mehrwert Deines Fanbuchprojekt liegt? Vermittelt der Anspruch an die Beteiligten eine gewisse Literaturförderung?

Ha! Leseförderung, ja! Wir haben auf alle Fälle unsere Mit-Fannibals dazu bewegt, sich etwas intensiver mit dem ersten Teil der „Göttlichen Komödie“ auseinanderzusetzen. Das ist der Teil, in dem Dante und Virgil die Höllenkreise durchschreiten, in denen diverse Sünder bestraft werden. Im Text gibt es, wie vorhin schon angedeutet, sehr viele Motive, Figuren, etc., die sich in „Hannibal“ wiederfinden und als Ausgangspunkt für neue Texte und Bilder genutzt werden können. Wir haben die verschiedenen Höllenbereiche – Tor zur Hölle, Acheron, Vorhölle, Wollust, Völlerei, Gier, Zorn, Ketzerei, Gewalt, Betrug, Verrat, Mittelpunkt der Hölle mit Luzifer im gefrorenen See, und Transzendenz – als Struktur unserem Buch zugrunde gelegt und die einzelnen Beiträgt in den jeweiligen Kapiteln konzentrieren sich eben auf diese Unterthemen. Aber soviel möchte ich gar nicht dazu verraten. Man kann es sich ja in Ungefähr vorstellen, wie ein Kannibale und Völlerei zusammenpassen…

Wie umfangreich wird das Buch werden, welche Maße und gestalterischen Aspekte erwarten uns?

Das Buch wird ein über 400 Seiten starker, Hardcover-Band mit Spot-Lackierung und schwarzem Farbschnitt. Also ein richtig schöner, dicker Gothic-Wälzer 🙂 Auf unserer Kickstarter-Seite kann man sich eine Layout-Seite mal anschauen. Wir hoffen, dass wir es so gestaltet haben, dass uns Hannibal mit seinem Anspruch an Kunst dafür nicht aufessen wollen würde!

Warum soll das Buch ausschließlich in Englisch erscheinen? Ist das nicht ein Wermutstropfen für die deutsche, nicht immer des Englischen mächtige Fangemeinde?

Dadurch, dass es ein internationales Fanprojekt ist, müssen wir die Sprache nutzen, in der wir uns hauptsächlich verständigen, und das ist nunmal Englisch. Aber hey, vielleicht findet sich ja ein fleißiger Hannibal-Fan, der Lust hat, an einer Übersetzung zu arbeiten!
Auf uns kam zum Beispiel ein ganz wunderbarer Fannibal aus New York zu, der sich bereiterklärt hat, ALLE Texte von „Ravage“ als Podfics einzusprechen – die werden dann Teil der digital packs, die man über Kickstarter kaufen kann!
Es besteht also zumindest Hoffnung auf eine Version in Deutsch…

Wie sieht es mit dem Finanzierungsverkauf bisher aus?

Wir hatten das Glück, unser Finanzierungsziel von 20.000€ nicht mal 6 Stunden nach dem Start der Kampagne erreicht zu haben. Momentan gehen wir auf 42.000€ zu. Das zusätzliche Geld nutzen wir, um die Pakete, die unsere Unterstützer bei Kickstarter bekommen, noch etwas auzubauen – jeder, der ein Buch bestellt, bekommt noch ein Postkartenset, ein Poster, ein Sticker-Set, einen Anstecker und einen schicken Stoffbeutel mit unserem Coverdesign zum Einkaufen beim Metzger seines Vertrauens dazu.

Welches Highlight wird dieses ohnehin schon sehr hochwertige Buch auszeichnen und wie kam es dazu?

Wir freuen uns total darüber, dass unser aller Lieblings-Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke sich bereiterklärt hat, uns ein Vorwort zum Band beizusteuern! Er mag die Serie selbst sehr gerne und war von Seiten des Filmverleihs ja auch in den DVD/BluRay-Release der dritten „Hannibal“-Staffel in 2016 eingebunden. Durch euer erstes Interview mit mir wurde er auf „Radiance“ (und vor allem auf die schicken Firefly-Kettenanhänger, die wir von einer russischen Künstlerin limitiert für unseren Kickstarter hatten anfertigen lassen) aufmerksam und seitdem sind wir in Kontakt. Es lag dann nahe – weil er ja definitiv ein Experte in Sachen Tod und Teufel ist! –, ihn zu fragen, ob er für „Ravage“ etwas beitragen möchte. Da haben wir euch von Outbird definitiv eine super schöne Kooperation zu verdanken 🙂
Außerdem haben wir von diversen Hannibal-Darstellern, auf den Conventions, auf denen wir waren, kleine Messages an die Fannibals gesammelt, die sich auch als Zugabe im Buch finden werden. Mads ist auch darunter!

Romina, ich danke Dir für dieses Interview.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweise: LoveCrimeBooks, Starfury Conventions, Julian Pawlowski (Otica).
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