„Es ist der Wunsch, die Straßen zu bereisen, die vom Sichtbaren zum Unsichtbaren führen“ – Kai Grehn im Interview

In unserem Arbeitsfeld begegnen wir immer wieder Menschen, die eine scheinbar unfassbare Energie aufbringen, um zu tun, wofür sie brennen. Kai Grehn ist solch ein Menschentyp. 69er Baujahr, Studium am Regieinstitut der Berliner Schauspielschule „Ernst Busch“, schreibt und übersetzt er Prosa und Theatertexte, inszeniert Hörspiele und Theaterstücke, initiiert und verantwortet Lesungen. Eine Auswahl seiner Hörspiele, von Walt Whitman über William S. Burroughs und Henry David Thoreau bis hin zu beispielsweise Charles Baudelaire, sind in unserem Verlagsshop erhältlich. Die Zeit, mit Kai zu sprechen, scheint uns mehr als reif.

Lieber Kai, danke für Deine Einwilligung zu diesem Interview. Wenn man sich mit Deinem Schaffen beschäftigt, bietet sich unweigerlich der Eindruck an, dass Du alles andere als oberflächliche Werke produzierst. Du vertonst und inszenierst Kōbō Abe, produzierst Hörspiele wie Henry David Thoreaus „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegenüber dem Staat“, schreibst berührend schöne Prosa wie beispielsweise „FUNKEN“. Um nur diese wenigen Beispiele zu nennen. Was treibt Dich an und in welchem Alter hast Du bereits das Interesse für solche Themen und deren künstlerische Umsetzung entwickelt?

Ich glaube, es ist der Wunsch, die Straßen zu bereisen, die vom Sichtbaren zum Unsichtbaren führen, der Wunsch, mit den Sternen am Firmament zu spielen wie ein Kind mit Kieselsteinen, wie ich im „FUNKEN“-Buch bereits geschrieben habe… Mir kam kürzlich eine Begebenheit wieder in den Sinn, in der fragt ein sechzehnjähriger Junge seine vierjährige Schwester: „Bitte erzähle mir etwas über den Ort, von dem wir alle hierher gekommen sind. Ich habe bereits vergessen, wie er aussieht, habe vergessen, weshalb ich hier bin…“

Ich glaube, diese kurze Geschichte enthält die Antwort auf Deine Frage, auch die nach dem Alter.

Du verarbeitest ja die unterschiedlichsten Themen, misst die (künstlerische) Sinnfindung des Lebens am Nanga Parbat, vertonst Liebesbriefe „traurigster Heiterkeit“ über Boxkämpfe, Orchesterkonzerte und das Lagerbordell von Auschwitz, begibst Dich auf eine lyrische Reise durch die Landschaft von Irrenanstalten, das Dickicht der Wüste und durch den Regenwald. Wie grenzenlos bist Du als Künstler? Wo bekommst Du Deine Inspirationen?

Grenzenlos ist die Welt der Imagination und ihre Türen stehen jedem von uns offen.

In der Realität des Alltags sieht es aber oft so aus, dass ich mir die Türen zu dieser Welt selber zumülle oder mir zumüllen lasse. Inspiration bedeutet für mich daher vor allem eins: Müllabfuhr, um die Welt der Imagination wieder betreten zu können.

Henry David Thoreau im Verlagsshop: Bitte Cover anklicken.

Wie schafft man es bei einem so weitläufigen Universum an Themen und Produktionen, bei der Sache zu bleiben, strukturiert zu arbeiten und ein Privatleben mit Familie zu führen?

Ich glaube nicht, dass es einen Unterschied macht, ob man sich in seiner Arbeit thematisch in einem Gebirge oder in einem Sandkorn verliert. Beides ist gleich weitläufig und die Herausforderungen sind gleich groß, gleich klein… Aber ob Gebirge oder Sandkorn, von dem, was ich gerne tun und unternehmen würde, privat und in meiner Arbeit, ist es bestenfalls nur die Hälfte, die ich schaffe. Wenn es das also gibt, einen Weg, um alles in eine große und perfekte Balance zu bekommen – ich wäre der erste, der das lernen möchte!

Wie viel Zeit steckst Du in eine Hörspielproduktion oder ein Theaterstück?

Wie viel Zeit in einem Projekt steckt? Das ganze bisherige Leben, immer.

Und was Arbeitstempo und –zeit dabei betrifft: Ich bin unsäglich langsam, vor allem beim Schreiben. Ich kann einen oder mehrere Tage mit einem Satz verbringen, um ihn am Ende dann doch zu löschen. Aber es ist wie es ist, weshalb ich versuche, die Dinge ins Heitere zu verkehren und mir ein Haiku des japanischen Dichters Isso zum Motto erhoben haben:

Ja, Schnecke,
besteige den Fuji, aber
langsam, langsam!

Ob musikalisch alva noto, Tarwater, Sandow oder Anne Clark oder literarisch Henry David Thoreau, William S. Burroughs oder William Blake: Du scheinst Dich in Deinen Stoffen und Kooperationen gern neben dem Mainstream zu bewegen. Sind das Deine musikalischen und literarischen Wurzeln? Brauchst Du die Tiefe?

Offen gestanden fällt es mir schwer, in den Kategorien von Mainstream – Independence zu denken, INN – OFF, E – U, Literaturbetrieb – Underground etc.. Vom französischen Komponisten Camille Saint-Saëns stammt der, wie ich finde, sehr treffende Ausspruch: „Es gibt gute und es gibt schlechte Musik; der Rest ist eine Frage der Mode oder der Konvention, nichts weiter.“ In diesem Sinne gefragt: Aber ja, ich brauche und bin beständig auf der Suche nach guter Musik, guten Büchern. Und häufig werde ich an den Rändern des Weges dabei fündig, bei sogenannten Randfiguren.

Walt Whitman im Verlagsshop: Bitte Cover anklicken.

Wie bekommst Du die Zusammenarbeit mit einem Iggy Pop oder einer Anne Clark organisiert?

Die Antwort ist sehr simpel: Ich frage.

Und ich habe das Glück, dass ich in den Hörspielredaktionen der ARD zwei, drei Redakteure und Redakteurinnen habe, die mir ihr Vertrauen aussprechen und bereit sind, diese oft langwierigeren und komplizierteren Wege (beispielsweise was Rechte- und Vertragsfragen betrifft) mit mir gemeinsam zu beschreiten.

Du hast nun schon einige Preise gewonnen, beispielsweise den Gold-Radio-Award des New York Festivals, auch tauchte Dein Buch „Funken oder So glücklich wie wir ist kein Mensch unter der Sonne“ auf der Longlist der „Schönsten Deutschen Bücher 2018“ auf. Was ist das wichtigste Ziel in Deinem Leben? Was würdest Du gern noch erreichen?

Am Ende eines jeden Tages sagen können: Für diesen Tag brauche ich mich nicht zu schämen, denn es war ein Tag gelebtes Leben.

An welchen Projekten arbeitest Du derzeit?

Ich stecke mitten in der laufenden Produktion für ein Hörspiel mit Texten von Fernando Pessoa: „Tape-Recordings eines metaphysischen Ingenieurs“, und ich versuche, mich an das Finale eines neuen Theaterstücks heranzupirschen – langsam, langsam, versteht sich.

Welchen gesellschaftlichen Mehrwert siehst Du in Kunst und Kultur, gerade, wenn sie von den Hauptwegen abweicht?

Von William Blake stammt der schöne Satz: In the universe, there are things that are known, and things that are unknown, and in between, there are doors. Ich glaube, Kunst zählt zu diesen Türen, von denen Blake da spricht.

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Wie wichtig ist aus Deiner Sicht Kulturförderung, auch und insbesondere für kleinere Institutionen und Projekte?

Welchen Wert misst die Gesellschaft, messen wir Kunst und Kultur bei, wenn dieser Wert sich nicht in Aktienkursen und Gewinnmaximierung widerspiegeln lässt? Lass mich die Begrifflichkeiten kurz wechseln: Wenn ich erkannt habe, dass sich der Wert eines Baumes nicht in Holzklaftern bemisst, und ich werde gewahr, dass die Platane in meinem Hinterhof nicht mehr in der Lage ist, bei den aktuellen Temperaturen ohne meine Hilfe zu überleben, dann muss ich sie gießen. Ansonsten erwartet mich früher oder später ein leerer Hinterhof: keine Platane und kein Rauschen des Windes in ihren Blättern; keine Turteltauben, die sich jedes Jahr in ihren Ästen ein neues Nest bauen; keine Nachtigallen, die auf den Zweigen ihre Lieder singen; kein kühlender Schatten im Sommer; niemand, der die verbrauchte Luft, die ich ausatme, einatmen und wieder zurück verwandeln wird…

Welchen Rat würdest Du NachwuchskünstlerInnen geben, die für Kunst, Musik oder Literatur brennen?

Das wäre vermessen, Ratschläge zu erteilen… Aber eine Zeile Franz Kafkas könnte ich benennen, die über meinem Schreibtisch hängt und die ich selber als Rat zu beherzigen versuche, auch wenn es nicht immer gelingt: Verbringe nicht die Zeit mit der Suche nach einem Hindernis. Vielleicht ist keines da.

Lieber Kai, ich danke Dir für das Gespräch.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweise: Thorsten Eichhorst, Majorlabel _____________________________________________________________________________________