„Staunen und die Neugier sind bei mir weitaus stärker als Ängste“ – Michael Schweßinger im Interview zu „In Buxtehude ist noch Platz“

Michael Schweßinger hat´s wieder getan. In diesen Tagen erscheint in der „Edition Outbird“ sein Erzählband „In Buxtehude ist noch Platz“, mit dem grafischen Herzblut von Benjamin Schmidt verfeinert und liebevoll lektoriert von Isa Theobald. Spätestens mit diesem Buchtitel dürfte der letzte Zweifel darüber verschwinden, dass Schweßinger charaktervollen, bisweilen gut abgehangenen Humor hat. Dieses Buch ist eine Sammlung von Momentaufnahmen, die auf seinen Reisen und Aufenthalten weit verstreut auf und um diese(r) Erde entstanden. Und so fühlt sich der Lesegenuss auch an: Mal ist sein Erzählsound weich und fließend und beinahe poetisch, mal schimmert da was Holpriges durch, als würde man mit ihm auf irgendeinem klapprigen Bike irgendwo in der Pampa die Mentalität der Umgebung erkunden, mal kommt da die Ahnung auf, dass die ein oder andere Erzählung irgendwo zwischen Suff, Kater und exotischen Dialogen entstanden ist.

Hallo Michael, „In Buxtehude ist noch Platz“ ist ein Buch, dass sich regelrecht entfalten durfte, nirgends hetzte da ein Zeitplan, und nun ist es da. Was hat diesen Erzählband entstehen lassen? Aufräumarbeiten liegengebliebener Texte auf der Festplatte? Pure Lust auf einen erzählerischen Blick in die Ferne? Oder dringend notwendiges Korrektiv zu dieser zunehmenden Kleingeistigkeit besorgter Bürger, diese Welt könne zu groß sein? Was hast Du damit zu sagen?

Ich muss sagen, ich bin nicht der strukturierteste Mensch, wenn es ums Schreiben geht. Manchmal habe ich Lust zwei Tage durchzuschreiben, dann fliegt das wieder in die Ecke, weil die Welt um mich herum gerade spannender ist. Jostein Gaarder prägte in einem seiner unbekannteren Bücher über Aurelius Augustinus mal den Satz: Wir müssen erst leben, dann können wir philosophieren. Also bei mir steht das Erleben immer an erster Stelle und es geht einher mit dieser Neugier auf die Welt, dann schreib ich das irgendwann auf. Der Ursprung der Philosophie ist das Staunen, sagte Aristoteles, wenn ich mich recht entsinne. Auch ein wunderbarer Satz in seiner Einfachheit, weil uns das leicht abhanden kommt, dieses Staunen. Und dieses Staunen und die Neugier sind bei mir weitaus stärker als irgendwelche Ängste, jemand könnte mir etwas Böses wollen. Die Texte für „Buxtehude“ sind in den letzten fünf Jahren entstanden und irgendwo in Europa aufgeschrieben worden, also war mein Anliegen diese Texte zu publizieren, dann weiß ich erstens, wo ich sie finde – denn normalerweise türmen sie sich sonst zu unübersichtlichen Stapeln – und zweitens, dass sie mir egal sein können. So handhabe ich es immer. Was publiziert ist, geht mich als Künstler nix mehr an. Korrektiv? Nun ja, wem die Welt zu groß ist, der wird durch meine Texte auch nicht davon ablassen sie als Bedrohung zu empfinden, da mach ich mir gerade nicht so viele Illusionen, aber wenn einige Menschen ein wenig Freude daran haben, dann ist das doch schon ne schöne Sache.

Dein Erzählsound ist mal weich und fließend, mal Punk, mal verstiegener Humor, und immer schimmert da eine umfangreiche Datenbank an gesammeltem Wissen durch. Wenn Du Dich als Schriftsteller auf dieser literarischen Welt verorten solltest – mit welchen Worten würdest Du Dich beschreiben?

Also Selbstbeschreibung und Verortung ist nicht meine Stärke. Da gibt es nur wieder Zank und Eifersüchteleien zwischen meinen Selbsten. Hat wohl keiner besser beschrieben als Pessoa und deshalb lasse ich ihm hier den Vortritt: „Jeder von uns ist mehrere, ist viele, ist ein Übermaß an Selbsten. Deshalb ist, wer die Umgebung verachtet, nicht derselbe, der sich an ihr erfreut oder unter ihr leidet. In der weitläufigen Kolonie unseres Seins gibt es Leute von mancherlei Art, die auf unterschiedliche Weise denken und fühlen.“

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Verlierst Du ob der vielen Reisen manchmal den Überblick über die Struktur der Welt und über Deine Bestimmung? Manchmal glaubt man, Du bist Globetrotter und Wissenssammler, meistens Bäcker, manchmal hilfst Du Menschen bei Behördenwegen und neben Deinen ethnologischen Wurzeln könnte man Dich für einen Sozialarbeiter halten.

Überblick über die Struktur der Welt und Bestimmung habe ich nicht, braucht es auch nicht. Das ist mir zu statisch und zu kompliziert. Da braucht es eine Menge Baugerüst im Hirn für. Ich liebe es da eher in Assoziationen zu denken, also wie alles aufeinander reagiert, ineinander überfließt, entsteht und vergeht. Die Tage bin ich zufällig auf den Mardalsfossen gestoßen, das ist ein Wasserfall, der stürzt 297 Meter tief ins Tal Eikesdalen und ist der vierthöchste Wasserfall der Welt. Ich fuhr einfach ein wenig durch die Fjorde und dann sieht man diese Urgewalt und denkt sich, da laufe ich jetzt mal hin, das ist ja irre schön, wie der seine eigenen Regenbögen erzeugt. Grundsätzlich mache ich auf meinen Reisen die Erfahrung, dass die wenigsten Menschen, denen ich begegne, mir negativ gesonnen sind. Also gehe ich einfach nach der Maxime: Ach da warst du noch nicht, da gehste jetzt mal hin. Es gibt ja überall was zu entdecken. Und mein Unwissen ist mir immer eine ausgezeichnete Motivation. Ich halt es da mit Paul Bowles: „Jede einzelne Stunde, die er mit offenen Augen verbracht hat, wird ihn ein Stückchen auf dem Weg zu einem Verständnis der Welt weitergebracht haben, und das ist schließlich der wahrhaftigste Gradmesser für Kultur, den wir bisher gefunden haben.“

Welche Länder entdeckt und durchquert Mensch mit Deinem Buch?

Ach das sind jetzt so viele, die mag jetzt gar nicht alle aufzählen, irgendwo zwischen Irland, La Gomera, Rumänien, Finnland, ich glaube es sind ein gutes Dutzend, aber Benjamin Schmidt, der das Buch wunderbar gestaltet hat, hat da so ne tolle Europakarte reingebastelt und ich hab mir die GPS-Daten zu den Entstehungsorten der Geschichten rausgesucht und dann haben wir das verortet, eigentlich weil ich wissen wollte, ob eine bestimmte Gegend einen bestimmten Sound beim Schreiben erzeugt, aber hab das noch nicht weiter verfolgt, weil wieder mal die Welt spannender war.

Dein Buch offenbart recht schnell Deinen Sinn für Humor. Du schreibst über einen Kotzexpress, das Sammeln exotischer Dialoge, die Stunde der Mittagsdämonen, aber auch mit spürbarem Genuss über die bahnbrechende Schweigsamkeit eines Müllers irgendwo kurz vor Lappland. Gerade die Skizzen von Menschen und Szenerien sind pures Herzblut. Haben Dein Wissensdurst und Dein Schreiberhirn irgendwann auch mal Pause?

Ja, wenn ich Brot backe, komme ich ziemlich gut runter. Das ist fast ne meditative Tätigkeit und entspannt die Birne ungemein.

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Wie „verwaltet“ Dein Wertesystem menschliche Begegnungen, derer Du ja ganz offenbar viele hast? Lässt Du nach der Abreise wieder los? Bleiben Freundschaften auf Distanz?

Ach, ich lass das einfach fließen. Hab da kein festes System. Man bleibt sich natürlich verbunden durch die gemeinsame Erfahrung, auch wenn man nicht ständig miteinander kommuniziert. Ich sags mal so, wenn ich in Lettland ne Autopanne hätte, wüsste ich, dass mich jemand abholen würde und was den größeren Rahmen betrifft, wir sind ja alle nur Gast auf Erden.

Wenn man Dich und Deine Bücher kennenlernt, weiß man um zwei beständige Begleitthemen: das Trinken und der Zustand dieser Welt, in der eine Menge konsumgesättigte, hassgeladene Menschen herumlaufen. Dein Kind fragt Dich in Gedanken, warum Menschen ertrinken, Du selbst siehst Europa als ein Kontinent, der seine Würde verloren hat. Wie siehst Du die derzeitige politische Lage? Warum kann Konsum ganz offensichtlich nicht glücklich machen?

Konsum kann aus dem einfachen Grund nicht glücklich machen, weil die Menschen in unseren Breiten schon längst glücklich wären, sind sie aber anscheinend nicht. Die Fragen an die Welt verändern sich natürlich mit Kind. Es ist nicht schön, einen moralischen Schrottplatz für die nächste Generation zu hinterlassen. Was wollen wir weitergeben? Was macht uns als Menschen denn aus? Die Anhäufung von materiellen Dingen? Je mehr ich unterwegs bin, desto unwichtiger wird mir das alles. Was bleibt, ist ja nicht das Materielle, sondern das Lebendige. Begegnungen mit Menschen und Landschaften. Frag mich nach einem Film oder gekauften Gegenstand aus dem Jahre 2015, keine Ahnung, aber ich weiß wahrscheinlich bis ans Ende meiner Tage, wie wunderbar es ist, wenn man auf der Burg Montségur steht und plötzlich der Himmel aufreißt und den Blick freigibt auf die verschneiten Pyrenäengipfel.

Welche Auswege bieten sich Menschen, die einfach nur noch Frieden und Stille wollen – weglaufen? Ist es damit getan oder wäre das nicht feige?

Keine Ahnung, da fragst du den Falschen. Also bei Frieden und Stille kenn ich mich nicht so gut aus. Wenn du die Antwort kennst, wäre ich auch daran interessiert. Grundsätzlich nimmt man sich immer mit, egal wie weit man reist. Jeder Mensch hat vermutlich seine Form von Eskapismus. Was dem einen die Gartenlaube, ist dem anderen die Ferne. Ich komme ganz gut mit mir klar, wenn mich die Welt vielfach und unterschiedlich spiegelt und mir nicht diese eine Identität aufzwingt. Unterwegs zu sein, heißt sich immer wieder neu erschaffen. Neue Seiten an sich entdecken, sich auf neue Umgebungen und Kulturen einzulassen. Das scheint mir das Gegenteil von feige zu sein. Da muss aber jeder seinen Weg finden. Was dem einen Heilmittel, ist dem anderen Gift.

Thema Trinken. Kaum einer, den ich kenne, der nicht gerne einen trinkt. Selbst, wenn Du die sich beständig wiederholende Steigerungsform Kaffee-Bier-Whiskey in einem abgeranzten Pub irgendwo in der Peripherie Irlands beschreibst, bekommt man Lust, umgehend dort anzudocken. Bist Du mit Leib und Seele Trinker? Und – Frage für Einsteiger – was definiert den Begriff „Trinkermelancholie“?

Trinken ist ein gutes Schmiermittel, manchmal auch um einer lahmen Story auf die Beine zu helfen. In dieser Story, die irgendwo in Kerry spielt, war es aber schon ne recht heftige Trinkerei. Also ich trinke schon gerne. Aber mit Leib und Seele? Also jetzt bin ich gerade in Norwegen und meine grob überschlagene Alkoholdosis liegt wegen der puritanischen Preise für Alkoholika bei 0,1 Liter Bier am Tag und ich bin nach zwei Monaten noch am Leben und beschäftige mich mit anderen angenehmen Sachen, wie Mountain-Biken oder Bergwandern, das habe ich schon Ewigkeiten nicht mehr gemacht und das ist einfach auch super, sich mal den eigenen Gewohnheiten zu verweigern und die Spurrinne zu wechseln. Und natürlich ein gutes Gefühl, hin und wieder König Alkohol eins in die Fresse zu geben, bevor er zu aufdringlich wird.
Trinkermelancholie, hmmh, wenn irgendwann beim Trinken plötzlich der Kanaldeckel aufgeht und du die „Unknown Pleasures“ als zu fröhlich empfindest, dann bist du in der Trinkermelancholie, würde ich sagen, oftmals natürlich dadurch auch viel Erkenntnisgewinn. Erkenntnis kommt ja meistens von den Rändern, nicht von der Mitte. Der Schweizer Schriftsteller Ludwig Hohl, der diesen Erkenntnisgewinn auf vier Stunden nach dem Vollrausch datiert hat, hat das mal so schön pathetisch ausgedrückt: „Dieses Zwischenreich, worin Psychologie und Alchemie, Metamorphose und Transsubstantation, Vergiftung und Leere, Nacht und Tag, Traum und Schrift, Grablegung und Auferstehung sich überlagern und manchmal komprimieren zu jenem herrlichen Moment unseres Lebens, wenn unser Denken vom Subjektiven ins Objektive umschlägt – Moment des überwundenen Todes.“

Irgendwo in Deinem Buch klingt durch, dass Du nach all den Jahren gar keine Lust mehr auf Brot backen hast, dennoch machst Du es, scheint´s, mit ganzem Herzen. Ist das einer Deiner ureigenen Widersprüche?

Ohne meinen Job könnte ich nicht reisen und ohne zu reisen, könnte ich nicht schreiben. Das ist so ein Grundparameter, dass ich nur aus der Entfremdung heraus die Dinge klarer sehe, so eine Art teilnehmende Beobachtung der Welt. Ein Schreibtisch ist mir null Inspiration, ich brauche da das Lebendige um mich herum und auch die Distanz. Manchmal hat man mehr Freude beim Backen, manchmal ist es einfach nur ein Job, da geht es mir grundsätzlich nicht anders als anderen Menschen. Wenn man gerade in einer kreativen oder philosophischen Phase ist, muss man schauen, dass man die Welten nicht zu sehr durcheinander bringt. Nicht jeder interessiert sich morgens in einer Backstube für die existentiellen Fragen der Welt, ebenso wenig wie ich mich dann für Alltagsthemen interessiere und für die Brotqualität ist abstraktes Denken auch selten von Vorteil. Das ist dann ein wenig Clash of Culture. Vor einigen Wochen beschäftigte ich mich mit der Chaostheorie und da gibt es dieses berühmte Beispiel der Baker-Transformation. Dabei wird ein Teig auf die doppelte Länge gezogen und dann zusammengefaltet. Diese Prozedur wiederholt sich, bis eine gute Vermischung entstanden ist. Zwei Rosinen im Teig, die ursprünglich nahe beisammen waren, sind nach mehrfacher Anwendung weit voneinander entfernt. Parallelwelten sozusagen. Das ist sehr faszinierend in seiner Einfachheit, um chaotische Strukturen zu erklären, allerdings nur für mich, nicht für meine beiden Kollegen in der Backstube, die mich ob meiner Erklärungen nur etwas rätselhaft anschauten und wir gingen dann auch zu anderen Themen über und buken unser Tagwerk an Brot und Zimtschnecken. Aber manchmal denke ich mir dann schon: Mann eh, wie kann euch das jetzt nicht interessieren? Trotzdem erscheint es mir meistens als eine recht angenehme Möglichkeit, die Welt zu entdecken, ohne von irgendwelchen Mäzenen abhängig zu sein oder jemanden nach dem Maul schreiben zu müssen.

Welche Frage (samt Antwort) fehlt diesem Interview aus Deiner Sicht noch?

Das waren doch schon recht viele Fragen. Ich denke, es ist gut.

Letzte Frage: Warum sollte und muss man Dein Buch unbedingt haben?

Muss man nicht. Das Leben geht auch so weiter.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz. Das Interview zu seinem Vorgängerbuch „Robinsonaden vom 40. Breitengrad“ entnehmen Sie bitte diesem Link.

Bildnachweise: Susanne Stoll, Christian Haubold, Edition Outbird _____________________________________________________________________________________