„Es sind jene, die in den Schatten hausen, die mich schon immer faszinieren“ – Holger Much im Interview

Holger Much ist einer dieser hochkreativen Vielkanalkommunikatoren, die sich in unserem Netzwerk bewegen. Als sympathischer Typ mit durchaus erträglichem schwäbischem Akzent, der er ist, hinterlässt der Maler, Grafiker, Illustrator und Musiker Much zahlreiche Spuren in den Werken befreundeter KünstlerInnen und den Gemütern seiner wachsenden Liebhaberschaft. H. R. Giger, Luci van Org, Asp Spreng, Faun, Letzte Instanz, Illuminate, Christian von Aster und viele andere Namen tauchen auf, wenn man sich mit Holgers Schaffen auseinander setzt.

Bei Edition Outbird debütierte Holger Much im Sommer 2018 mit der Covergrafik zu Susanne Agnes Fausers Roman „Lilian“, im September 2019 folgte die Covergestaltung zu Pia Lüddeckes Werk der Schauerromantik „Geister“. Und nun endlich auch Zeit, mit Holger über sein Werk zu reden.Holger, Dich umgibt ein ziemlich breitgefächertes Kaleidoskop vorwiegend dunkler Künste, die Liste Deiner Kooperationen und künstlerischen Gemeinschaftsprojekte wird kontinuierlich länger. Was ist das Geheimnis Deines Erfolgs? Sympathie und Bescheidenheit? Lebenshunger? Die Schönheit menschlichen Miteinanders?

Lieber Tristan, zunächst einem herzlichen Dank für Dein Interesse an dem „sympathischer Typ mit durchaus erträglichem schwäbischem Akzent“ – ach ist das herrlich.

Setz Dich, nimm Dir einen Kaffee. Zucker? 🙂

Habe ich Erfolg? Diese Frage stelle ich mir immer wieder. Und ertappe mich ständig dabei, dass ich jedes „erfolgreich“ abgeschlossene Projekt, sei es ein Buch, eine Ausstellung oder Lesung oder ein musikalisches Projekt, mit den Gedanken „Ach, das war doch nur wieder Glück…“ begleite. Abgesehen davon hast Du schon sehr viele sicher wichtige Punkte genannt: Sympathie – den beeindruckenden Künstlerpersönlichkeiten gegenüber, mit denen ich nun zusammenarbeiten darf. Und ja, Bescheidenheit vielleicht – hoffentlich, denn ich fühle bei jedem neuen Projekt diese warme Mischung aus tiefer Dankbarkeit und leiser Verwunderung.

Lebenshunger!? Auf jeden Fall! Ich musste und durfte im Laufe meines mäandernden Lebens immer wieder feststellen, dass es das Realisieren von kreativen Träumen das Erschaffen von Welten ist, was mich antreibt und dem Sein einen Sinn gibt. Und bei all dem – es klang vorher schon an – ist es die Schönheit menschlichen Miteinanders, die die Schönheit dessen, was ich tun darf, noch vervollkommnet. Ich liebe all diese herrlichen, klugen, teils komplizierten und extrem schöpferischen Geister, die mir auf die ein oder andere Weise gestatten, an ihrem Lebenswerk ein Stückchen mitzugestalten. Und das ist, bedenkt man es, ein großes Geschenk.

Susanne Agnes Fausers „Lilian“: Zum Verlagsshop bitte Cover anklicken.

Ganz zum Schluß, so hoffe ich zumindest, kommt dann vielleicht doch auch ein klein wenig künstlerisches Können und Handwerk dazu und, wie ich von Herrn von Aster gelernt habe, „Magie“!

Wie würdest Du Deine künstlerische Handschrift beschreiben? Mit welchen Techniken und Materialien arbeitest Du?

Hmmm … den ersten Teil der Frage sollten vielleicht besser andere beurteilen als ich selbst. Aber soweit es mir möglich ist, es zu beurteilen, würde ich meinen Stil als düster-märchenhaft beschreiben. Mich interessiert selten bis nie das grelle Licht, das keine Geheimnisse offenlässt, noch das wirkliche absolute Dunkel – es sind jene, die in den Schatten hausen, die mich schon immer faszinieren. Dabei versuche ich den unmöglichen Spagat zu schaffen, das Schattenhaft-Nebelhafte mit meiner Liebe für klitzekleinste Details zu vereinen. Zudem ist es mir wichtig, mich vom Stil her nicht allzu sehr an Bestehendes, Beliebtes anzulehnen – sei es die typische Optik der Fantasy-Illustrationen oder der typische Strich von großen Helden wie Brian Froud, John Bauer, Theodor Kitteln oder John Howe.

Ich arbeite chaotisch. Da kommt alles drauf und rein was passt! Aquarell, Tempera, Acryl, Bleistift, Farbstifte, farbige Tuschen, Ölfarben. Dadurch entstehen die tiefen Oberflächenstrukturen, die ich so mag. Alles lebt und vibriert und wuselt. In den vergangenen Jahren habe ich diesen Stil auf das digitale Zeichnen übertragen.

Du arbeitest als Grafiker und Illustrator, aber auch als Musiker. Was sind Deine künstlerischen Wurzeln, was Deine hervorstechendsten Werke und welche Ziele hast Du noch?

Oh, so viele Fragen auf einmal. 🙂 Ich denke, meine künstlerischen Wurzeln liegen in der ambivalenten Faszination der Natur, von der es bei uns auf der Schwäbischen Alb genug zu erleben gilt. Schon immer „lebte“ dort für mich alles. Dazu kamen einschneidende Erlebnisse wie Tolkiens „Herr der Ringe“, der Film Ralph Bakshis dazu (später dann natürlich Jacksons Verfilmung), „Der dunkle Kristall“ oder die leider völlig verkannten Muminbücher von Tove Jansson. Diese Kostbarkeiten skurriler stiller Schönheit sind nur jedem zu empfehlen, egal welchen Alters.

Meine künstlerischen Heroen – von Froud bis Kittelsen – habe ich schon genannt. Und in der Musik waren es die Klänge von Jethro Tull, Andreas Vollenweider, Clannad oder Kate Bush, die meine frühe Jugend und damit mich bis zum heutigen Tag prägen … Klänge, in denen man die Natur hören kann, voller Magie, skurriler Schönheit – und Melancholie…

Die Frage nach meinen hervorstechendsten Werken ist fast unmöglich zu beantworten, sind es doch mittlerweile so viele. Und ich liebe jedes meiner „Kinder“. Aber vielleicht darf ich die Bücher mit Asp sowie Christian von Aster nennen, das Cover für Ally Storchs Album „Up“, musikalisch den „Koboldtanz“, den es im Buch „Das Koboltikum“ zu hören gibt. Die Sonderedition des Stückes ist komplett vergriffen. Und mein Kelpy-Album „Tanz in den Tod“, auf den so viele wunderbare Menschen mitgewirkt haben … auch hier wieder: Magie! 🙂

PiaLüddeckes „Geister“: Zum Verlagsshop bitte Cover anklicken.

Du kannst auf die einzigartige Erfahrung zurückblicken, mit H. R. Giger zusammengearbeitet zu haben. Wie kam es zu dieser Symbiose und wie gestaltete sich Eure Zusammenarbeit?

Damals hatte ich wirklich die Hosen gestrichen voll. Ich arbeitete mit Achim Schnorrer zusammen (Schwermetall, Comic-Salon-Erlangen), und er wiederum gab ein kleines edles Werk heraus, die „Giger Mini Galerie“. Für die Sonderedition jedes Buches sollte eine Radierung – ein Blatt im Ätz-Tiefdruckverfahren – beigelegt werden, signiert vom Meister. Und da Giger selbst die Technik der Radierung nicht beherrschte, kam ich ins Spiel. Er schickte – meist mitten in der Nacht, wenn alles außer ihm schlief – Skizzen und Motive per Fax (ja, sowas gab es damals noch), und am nächsten Abend telefonierten wir dann und besprachen, was er sich vorstellte. Meine Aufgabe war es dann, seine Motive mittels Kupferplatte, Radiernadel, Asphaltlack und Säure – und Druckerpresse natürlich – zu vervielfältigen. Ich war starr vor Ehrfurcht. Und bin stolz bis heute, dass ich mit ihm zusammenarbeiten durfte. Und ein wenig ungläubig…

Wesentliches Merkmal Deiner Arbeit sind magische, fantastische, dunkle Spielarten, Du gestaltest Cover für Edition Roter Drache, den Leseratten-Verlag, Periplaneta und Edition Outbird und bist mittlerweile eine feste Größe auf dem jährlichen WGT. Immer wieder auch begegnet Deine Arbeit den Werken von Magiern wie Kenneth Grant als Schüler Aleister Crowleys oder der Schamanin Susanne Agnes Fauser. Man kommt um die Vermutung nicht drumherum, dass Magie ein wesentliches Element Deines Wesens ist – ist dem so?

Hm. Da ich aktuell am Cover eines weiteren magischen Buches arbeite – hihi – und das Wort Magie bereits mehrfach fiel, ohne dass ich wusste, dass Du diese Frage stellen würdest, kann ich es schlecht verneinen. Wobei ich nicht zu jenen Menschen gehöre, die nachts an Feuern magische Rituale vollziehen. Zudem könnte man natürlich Bücher darüber füllen, was „Magie“ denn bitteschön ist. Wie bereits vorher gesagt: die Dinge hinter den Dingen. Für mich spielt sie eine mittlerweile immer größere Rolle im Leben, aber eher in dem Sinn, dass ich versuche, einen Zustand zu erreichen, in dem man auf den Wogen von … etwas … treibt, das einen trägt und lenkt – und das durchaus in eine Richtung, die man ansteuert. Ein Flow, den ich auch beim Zeichnen erreiche … vielleicht ist Zeichnen eines meiner Rituale, um jene Mächte oder Götter zu beschwören, die mich beflügeln… (und ja, Kaffee ist die einzige „Droge“, die mich hierbei unterstützt…)

In und seit den letzten Jahren gab und gibt es zahlreiche Entwicklungen, Vernetzungen und Veröffentlichungen, die ihre Wurzeln in der Gothic- oder Fantastik-Kultur verorten und in eine gedeihliche Verlags- und Literaturlandschaft mündeten. Wie schätzt Du diese einzigartige Kultur ein, welche Mängel, Erfolge und Ziele siehst Du?

Das zu beurteilen möchte ich mir als jemand, der sich dennoch eher als Randfigur sieht und definitiv nicht als Fachmann, eher nicht zumuten. Was ich ganz persönlich sagen kann ist, dass ich in dieser Szene und bei diesen Leuten einfach jene Bereitschaft sehe, Träume zu leben, für die Kunst zu leben und Kreativität den ihr gebührenden Raum zu geben. Es sind Idealisten. Es sind – im BESTEN Sinne – Träumer, Zauberer, Macher – und alle, so unterschiedlich sie auch sein mögen, mit Herz. Eine kleine – nun erlaube ich mir, etwas sentimental zu werden – Familie. Und dies erleben zu dürfen, tut mir, und sei es nur aus der Ferne, unheimlich gut. Es wäre schön, wenn all dies möglichst lang erhalten bliebe und nicht zu sehr in reines – ich verwende hier nun bewusst die englische Formulierung – „Business“ abrutschen würde.

Holger Muchs „Kelpy“: Zu Amazon bitte Cover anklicken.

Deine Arbeiten müssen ein Fest für (nicht nur) Synästheten sein, die Buchmesse Saar schreibt: „Es wispert und raunt in seinen Bildern, Blätter rascheln und grüne Augen glimmen in den Schatten.“ Manchmal flattert ein traurig dreinblickender Flummel, manchmal gleitet ein prächtiger Tintenphönix vorbei. Woher nimmst Du Deine Inspirationen?

Ja, das haben sie wirklich schön geschrieben, die Saar-Buchmesse-Leute. Inspiration ist in mir. Jeden Tag. Jede Sekunde. Oft werde ich regelrecht davon überflutet, so dass ich, während ich mit all diesen Wesen und Dingen kommuniziere, nach außen wohl oft etwas abwesend – manche sagten auch schon „arrogant“ – wirke. Und je mehr ich arbeite, desto mehr kommt … von irgendwo … nach … der Flow eben, die Magie…

Blick ins Nähkästchen und zugleich letzte Frage: Was wird in der nächsten Zeit von Dir zu erwarten sein?

Ohhhhkay ;-), nun, wie gesagt, da ist ein wunderbares High-Fantasy-Werk mit einem ebensolchen Cover von mir bei der Edition Roter Drache in der Pipeline, ein herrliches Stück Schauerliteratur von Frau Lüddecke, dann ein magisches Werk eines wunderbaren Herrn, das wohl auch bei Euch erscheinen soll. Und dann ist im Hintergrund mein musikalisches Projekt „Kelpy“ aktiv, dort werden Klänge gewebt mit wunderbaren Menschen, Videos erschaffen, man darf bespannt sein. Und dann bin ich an etwas, in jeder freien Sekunde meiner Zeit, über das ich noch nicht sprechen darf…

Lieber Holger, vielen Dank für das Gespräch.

Lieber Tristan, ich danke Dir! 🙂

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweise: Frank Luger, Holger Much, Edition Outbird