„Ich habe eine Schwäche für düstere, gespaltene Charaktere.“ – Pia Lüddecke im Interview zu „Geister“

Pia Lüddecke, eigentlich 1981 das Licht der Welt erblickende Ruhrpottlerin mit schwerer Neigung zur dunklen Romantik, rechnet in mancher Vita mal eben einhundert Jahre drauf. Was auch wesentlich stimmiger ist angesichts der schauerromantischen Einfärbung ihrer Romane „Der schwarze Teufel“ und, unlängst bei „Edition Outbird“ erschienen, „Geister“. Während ich sie nach einem Treffen in Dortmund im Frühling dieses Jahres leichtfertig als Frohnatur einstufte, trat ihrerseits ein gewisses Veto zutage. Und ja, wie soll eine Frohnatur eine derart reichhaltige dunkle Fantasie hegen? Diesen und anderen Fragen soll vorliegendes Interview auf den Grund gehen.

Pia, eigenen Angaben zufolge bist zu derzeit 138 Jahre alt. Als junges Mädchen schon brachtest Du aus den wilden Wäldern hinter Eurem Wohnhaus allerlei schaurige Geschichten mit. Wo liegen Deiner Einschätzung nach die Wurzeln Deiner dunklen Fantasie? Bei einem schwarzen Baron im Familienstammbaum? Oder einfach bei einem angeborenen Hunger nach mäandernden Erzählungen?

Wieso „Fantasie“? Alle tun immer so, als hätte ich mir das nur ausgedacht, aber Westfalen war damals echt ein wildes Pflaster. Ich habe mehrfach Werwölfe im Wald gesehen. An manchen Tagen färbte sich der Hellbach blutrot.
Von einem Baron weiß ich nichts, aber meine Mutter behauptet seit Jahren steif und fest, sie sei mit Albert Schweitzer verwandt. Der soll ja auch viel in der Wildnis unterwegs gewesen sein, so schließt sich der Kreis.

Es scheint angesichts Deiner Geschichten nur konsequent, dass Fechtsport Deine Passion ist. Was brachte Dich zum Fechten? Alte Piratengeschichten wie „Die Schatzinsel“ oder „Peter Pan“?

In der Tat 🙂 Schon als Kind habe ich mit Peter Pan und Jim Hawkins gegen die Piraten gekämpft. Zum Sportfechten kam ich dann über eine AG an meiner Schule. Wobei das irgendwie anders war, als ich es mir vorgestellt hatte. Bevor wir ein Florett halten durften, wurden wir monatelang zur Beinarbeit gedrillt. Ich glaube, ich war zuerst geschockt. Aber dann verstand ich, dass man uns lediglich optimal auf die drohende Invasion der Zombie-Piraten vorbereiten wollte!

Blutende Flüsse, Werwölfe, Zombie-Piraten: War das nicht schrecklich gruselig?

Absolut! Aber ich wusste mich ja zu verteidigen. Irgendwann während meiner wilden Jugend – das muss so in den 1890er-Jahren gewesen sein – fing ich sogar damit an, mich absichtlich zu gruseln. Ich war wahnsinnig neugierig, probierte alles aus: Nachtwanderungen über Friedhöfe, Geisterbeschwörung, Gläserrücken, die ganze Palette.
Einmal habe ich beim Übernachtungsbesuch bei einer Freundin alle Kreuze im Haus umgedreht, weil ich testen wollte, ob es stimmt, dass man dann um Mitternacht den Teufel im Spiegel sehen kann (ich verrate nicht, was passiert ist, weil das die Leute beunruhigen könnte …).

Das klassische Rollenklischee weiß von reihenweise gieksenden Mädchen zu raunen, die bei der kleinsten Spinne in Hysterie verfallen, Du jedoch warst schon sehr früh ein Junkie des gepflegten Grusels. Empfandest Du Dich als junges Mädchen als „anders als die Anderen“?

Was soll das denn heißen? Willst du damit sagen, ich bin nicht normal oder was? 🙂 Scherz beiseite. Es stimmt schon, dass ich als junges Mädchen oft die Durchgeknallte war. Das ist heute immer noch so. Nur kenne ich inzwischen mehr Leute, die ähnlich durchgeknallt sind.

Was begeistert Dich an der Schauerromantik?

Ich habe eine Schwäche für düstere, gespaltene Charaktere. Und ich liebe es, wenn die Atmosphäre dir einen kalten Schauer über den Rücken jagt, obwohl auf der Handlungsebene noch gar nicht viel passiert ist: Alte Herrenhäuser und neblige Wälder, bei denen man nicht weiß, was sich in ihnen verbirgt, das Knarren einer Tür oder der Flügelschlag einer Krähe … In solche Welten einzutauchen, ist besser als jeder Drogenrausch.
Das ist übrigens auch ein Running Gag, der sich durch mein neues Buch „Geister“ zieht: Die beiden Protagonisten Tom und Juri werden von ihrem Umfeld ständig verdächtigt, dass sie in ihrer Freizeit heimlich Alkohol trinken und Drogen nehmen, während sie sich in Wirklichkeit Schauergeschichten erzählen und in einem von Bergbauschäden durchlöcherten Waldgebiet (in dem echt unheimliche Dinge vor sich gehen) nach einem mysteriösen Schatz suchen (man kann darüber streiten, welche Freizeitbeschäftigung risikobehafteter ist …).

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In „Geister“ geht es neben der Freundschaft Toms zu dem mysteriösen Juri, wohnhaft in einer verfallenen Villa, um eine nur alle sieben Jahre blühende blaue Blume und das mit ihr in Verbindung stehende Gerücht eines Goldschatzes. Wie kommst Du zu solchen Stoffen oder wie kommen solche Stoffe vielmehr zu Dir? Wo holst Du Dir Deine Inspirationen?

Nun ja, wenn man Literatur studiert, stolpert man früher oder später zwangsläufig über das Motiv der „blauen Blume“. Außerdem treibe ich mich für meine Arbeit als Redakteurin häufiger in Stadtarchiven herum. In einer Schrift stieß ich auf eine alte Ruhrgebietslegende, nach der eine seltene blaue Blume auf einen Goldschatz hinweisen soll. Drittens sieht Jonathan Harker auf seiner Fahrt zum Dracula-Schloss eine geisterhafte blaue Flamme am Wegesrand aufleuchten. Dann habe ich auch noch geträumt, dass sich meine Haare blau verfärbt hätten. Es passte alles zusammen!
Davon abgesehen inspirieren mich sehr oft auch gemalte Bilder oder Momente in der Natur, die in mir eine bestimmte starke Stimmung auslösen.

Mittlerweile gehörst Du ja zum Kreise derjenigen, deren Cover die grafische Handschrift eines Holger Much tragen, jenes überaus angenehm verrückten Künstlers, der da in vielerlei Hinsicht in dunkle Projekte involviert ist. Wie kam es dazu?

Als ich in den Schwarzen Salon aufgenommen wurde, habe ich Holger geschrieben: Ich liebe deine Bilder! Das war nicht übertrieben: Diese Bilder erzählen ihre eigenen Geschichten. Und man fragt sich automatisch, wie es weitergeht, was hinter dem Bildrand passiert. Das ist wirklich überaus inspirierend!
Wie es zur Zusammenarbeit kam? Wenn ich mich richtig erinnere, hast du ihn angehauen, ob er das Cover zu „Geister“ gestalten möchte. Und ich habe Luftsprünge gemacht, als ich davon hörte (ja, in solchen Momenten kommt meine „Frohnatur“ doch mal zum Vorschein)! Übrigens war Holgers erste Bemerkung bei unserem Telefonat (ich hatte den Inhalt des Buches gerade in drei Sätzen zusammengefasst, das Stichwort „Treppenabsatz“ war gefallen): „Mit einem hohen gotischen Fenster, durch das der Vollmond herein scheint? Die Geister schemenhaft im Hintergrund?« Seitdem glaube ich, der Mensch kann auch Gedanken gelesen.

Ganz augenscheinlich gewinnt die Zeit mit jedem verronnenen Lebensjahr an Tempo hinzu. Siehst Du in Deinen Romanen manchmal noch eine andere Auswirkung als die Beflügelung der Fantasie Deiner LeserInnen, beispielsweise Entschleunigung und ein „aus der Zeit fallen“?

Hmmm. Nee. Ich glaube / hoffe, meine Texte sind so aufregend, dass man nicht zum Entschleunigen kommt.

Du bist, scheint´s, beständig in Bewegung, hast fortlaufend neue Ideen. Klar kann man klassische „Glas Wasser“-Leseformate anbieten, Du aber trittst mit Deinem Partner auf, einem begnadeten Gitarristen, bringst Deine Stoffe auf Hörspiele, fertigst Trailer an und und und… Was treibt Dich an? Wie koordinierst Du all dieses viele Kleinklein, das dahintersteckt?

Pia Lüddeckes Romandebüt.

Was mich antreibt: Ehrgeiz. Das ist eigentlich ganz schlimm. Aber ich muss immer alles hundertzwanzigprozentig machen und damit treibe ich einige Leute in den Wahnsinn. Andererseits: Wenn wir mal ehrlich sind, kommt man mit einer normalen „Wasserglas-Lesung“ heutzutage nicht gegen Netflix an, außer man ist total berühmt. Und das ist sehr schade, weil es auch abseits des Mainstream so viele wunderbare Geschichten gibt. Also muss man sich was einfallen lassen.
Natürlich ist das viel Arbeit. Alleine könnte ich das neben dem Vollzeitjob nicht stemmen. Zum Glück habe ich viele wunderbare Menschen, die mich mit ihrem Know-how und ihrer Kreativität unterstützten, allen voran Benjamin alias „Ernest“ (dem ich das Kompliment „begnadeter Gitarrist“ gerne weiterleite), aber auch Freunde und Kollegen. Beispielsweise haben alle Schauspieler, die auf meinem Hörspiel zu hören sind, komplett ehrenamtlich gearbeitet, ebenso die beiden Tontechniker. Das gleiche gilt für Jaana Redflower, die momentan den Trailer für die „Geister“ zusammenbastelt. Daher an dieser Stelle noch mal an euch alle: Danke!

Zwei letzte Fragen noch: Was ist Dein sehnlichster Wunsch als Autorin? Und wo siehst Du Dich in zehn, fünfzehn Jahren?

Dann wäre ich so circa 150 Jahre alt. Mal überlegen … Ich sehe mich auf der Veranda eines alten Spukhauses sitzend, mit Blick auf einen grünen See, den Laptop und ein kaltes „Fiege Bernstein“ vor mir auf dem Tisch, an meinem vierundzwanzigsten Roman feilend, weil ich jetzt nämlich hauptberuflich Schriftstellerin und dazu sehr wohlhabend bin und endlich die Zeit habe, die vielen Geschichten, die mir im Kopf herumschwirren, auf Papier zu bringen, ohne durch so nervige Sachen wie „Putzen“ oder „Geld verdienen“ davon abgehalten zu werden…
Ja, ich weiß. Man wird ja wohl noch ein bisschen träumen dürfen. 🙂

Vielen lieben Dank für das Interview!

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweise: Eberhard Kamm, Edition Outbird, Ventura Verlag