„Ich habe Vertrauen in die menschliche Spezies, weil selbst Monster eine Seele besitzen“ – Edek Rose im Interview zu „Schwanenhalsbrücke“

Edek Rose, Nürnberger Performance-Musiker und Lyriker, veröffentlicht in diesen Tagen sein literarisches Debüt „Schwanenhalsbrücke„. Ein schockierender Abgrund, eine Sprache tiefer Wunden und ein Schrei. Wir wollen genauer wissen, wer und was hinter dieser Urgewalt steckt.

Schön dass du Zeit findest, uns ein Interview zu geben. Du veröffentlichst ja in diesen Tagen bei „Edition Outbird“ dein Buch. Wie würdest du das Werk selbst beschreiben?

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„Schwanenhalsbrücke“ ist mein Leben. Ich bin nur einer der zahllosen Menschen unter dem Joch psychischer Behinderung und habe für mich selbst beschlossen, dass ich in dieser grauenhaften Welt eigentlich gar nicht leben möchte. Um nicht gänzlich verschlungen zu werden, kralle ich mich in meine Menschlichkeit und muss für mich selbst herausfinden wie weit ich diese Künstler-Sache treiben kann, bis ich dann vielleicht mal zufrieden bin und mich neben die Leichen der anderen unglücklichen Deutschen kuscheln werde. Mich überwältigt die Angst vor der Bösartigkeit Fremder und ich verliere mich in den Versuchen, unverzeihliche Schrecken auf ihre unschuldigen atomaren Wurzeln zurück zu verfolgen – vor allem aber ist mein Buch eine massive Sammlung von Hilfeschreien, die jede auf ihre eigene Weise versuchen, meine mich immer weiter isolierenden Gefühle in Worte zu fassen.

Wenn man „Schwanenhalsbrücke“ aufschlägt und zu lesen beginnt, scheint der Stoff – so ging es mir zumindest – wie ein Sog, der dich ad hoc in einen Abgrund reißt, in dem du zunächst weder siehst noch hörst, wo du hingeraten wirst. Einzig ein Gefühl breitet sich aus, dass nicht recht beschreibbar ist. Gibt es etwas, was du mit deinen Texten auslösen willst und wenn ja was?

Ich spreche natürlich nicht für andere Menschen, die in irgendeiner Form mit ihrem Leben abgeschlossen haben. Ich wünsche mir, dass meine Freunde und Familie verstehen können, welche Bilder meine Seele beherrschen, wenn ich mir wünsche nicht mehr zu existieren. Vielleicht kann mein Buch anderen Angehörigen psychisch kranker Menschen die Möglichkeit geben wenigstens mehr Verständnis zu zeigen, anstatt prekäre Situationen durch selbst auferlegte soziale Versagensängste zu verschlimmern. Meine Gedichte stammen aus einer Welt, in welcher charakterschwache Individuen nicht aufhören können, schlechte Entscheidungen zu treffen, weil sie für ihre abartigen Taten so lange belohnt werden bis sie den eigenen Bezug zur Realität verlieren. Tiermetaphern durchziehen mein Werk, die eine sich selbst kannibalisierende Natur zeigen, deren zerrissene Oberflächen alles Lebende verschlingt. Vom unsauber entfernten Fötus bis zum pädophilen Massenmörder: Ihre von der unbarmherzig rasenden Zeit zerfressenen Körper sickern in das exakt selbe Vakuum; in dieser Welt bin ich ausgebeuteter Zeitarbeiter, misshandelte Frau, gewaltsüchtiges Kind und jeder von ihnen teilt einen bestimmten gemeinsamen Weltschmerz, der in meinem Kopf in jedem ruhigen Moment Amok läuft.

Ist Schreiben für dich ein Ausdrucksmittel, um menschliche Abgründe zu transportieren, den Leserinnen und Lesern zu sagen: Seht her, die Welt ist nicht Friede Freude Eierkuchen, hier steht ein Mensch, der die Schwärze lebt?

Ganz im Gegenteil sogar: Denn was mir in meinem Alltag so schwer fällt, führt in meiner Literatur ein richtiges Eigenleben. Ich meine damit eine Weichheit, eine Tapferkeit und den Trost, der überall zwischen den türmenden Brutalitäten wacht und in Momenten der Klarheit eine Glückseligkeit offenbart, die sich genau jenen zeigt, welche die Qualen aller lebenden Dinge auf sich genommen haben und sich trotzdem nicht aufgeben. Ich habe ein wahnsinniges Vertrauen in die menschliche Spezies, weil ich davon ausgehe, dass selbst Monster eine Seele besitzen und selbst Völkermorde irgendwann vergeben werden. So viele Leben nehmen ihren Lauf, ohne dass sie Menschen noch weiter auseinanderdrängen. Wer der Schwärze ins Auge gesehen hat und trotzdem jeden Tag entscheidet seinem Umfeld das Glück zu schenken, was ihm selbst vielleicht unerreichbar ist: Diese Menschen sind mir am liebsten.

Bist du dieser Mensch, der sich diesen Texten zeigt, oder ist „der Schreiber“ eher eine künstlerische Rolle, eine Figur, die du geschaffen hast?

„Schwanenhalsbrücke“ schimmert an der Oberfläche einer so massiven Trümmerschicht kaputt diskutierter intimer Wünsche und völlig aufgeblasener Lügen, dass ich oft selbst nicht mehr nachvollziehen kann, ob ich und der Text, der sich vor meinen eigenen Augen hervorgebracht hat, überhaupt einig miteinander sind. Oft erwache ich aus einem Traum, der mich den ganzen Tag nicht loslässt; dessen Logik frisst sich dann durch meine Sprache. Ich kenne keine pädophilen Priester, Taxifahrer oder Flüchtlinge persönlich: Wenn ich sie in meinem Werk herumschreien lasse, sind das nur Handpuppen mit meiner eigenen Stimme. Dem Leser werden Lügenkonstrukte, wie die Behauptung, dass gebrochene Herzen ein Mythos sind, mit der gleichen Wertigkeit entblößt wie direkt biographische Daten aus meinem Leben. Für ihn braucht es gar nicht um mich gehen. Meine Sprache lebt von ihrer Brüchigkeit. Sie lässt viel Platz für die Gedankenwelt dessen, der sie reflektiert. Ich bin regelmäßig erstaunt über die Vorstellungskraft meiner Freunde, wenn sie mir erklären, bei welchen Gedanken sie angekommen sind, wenn sie einen meiner Texte verfolgen. Ich verlasse das Haus zu wenig – natürlich sind die eigenen Schlüsse, die ich aus meinen Bildern ziehe oft die langweiligsten.

Was spielt für dich im Leben die größte Rolle?

Ich muss kreativ bleiben. Dafür brauche ich Freiheit. Ich könnte nicht schreiben ohne die Unterstützung meiner Frau, meiner Freunde und meiner Familie. Ohne ihre Geduld und Zuneigung wäre ich nicht gesund genug um produktiv zu sein. Ich würde gar nicht die Ambitionen besitzen mein Zeug in ein Buch zu stecken – ehrlich gesagt hätte ich mich gar nicht getraut einen M. Kruppe anzusprechen, wenn meine Freunde mich nicht dazu gedrängt hätten. Ängste sind künstlerisches Gift und ich habe bisher wahnsinnig viel Glück gehabt. Die andere Freiheit ist viel weitläufiger: Ich schreibe direkt aus der Galle. Meine Sprache stammt zu keinem geringen Teil aus deutschen Internetpornos – und gerade in der Post-MeToo-Cancelculture, wie wir sie in der internationalen Unterhaltungsindustrie erleben, kann ich Plattformen künstlerischer Freiheit nicht für selbstverständlich nehmen. Die „Edition Outbird“ bot mir die Plattform für meine Stimme ohne Vorhaben, mich zensieren zu wollen. Größere Konzerne begeben sich mit jedem nicht vollständig ausformulierten politischen Content auf ein millionenschweres moralisches Minenfeld. Warum sollte ich auch zensiert werden? Meine Texte richten sich gegen Fremdenfeinde, Kinderficker und Terroristen. Ich stamme eigentlich aus dem Theater, wo die politische Korrektheit Christoph Schlingensiefs genauso wie die Rohheit Hermann Nitschs deutlich mehr Verehrung genießen darf als in anderen künstlerischen Disziplinen. Mein Buch ist nicht ekelerregender als die meisten deutschen Google-Suchen.

Wann hast du begonnen zu schreiben und warum?

Als Kind zeichnete ich Comics, um lustig zu sein und als Teenager war ich ein Edgelord, der sich selten zu einem Gedicht zwingen konnte; Richtig schreiben kann ich erst seitdem ich gelernt habe meine Versagensängste, aber hauptsächlich meine künstlerische Pedanterie zu unterdrücken. Jeder meiner Freunde könnte ein zehn Mal waghalsigeres Buch schreiben als ich, würden dann aber ihr Lebenswerk mit einem einzigen Satz beginnen, nur um sofort ihre Ambitionen in den Müll zu schmeißen weil sie nicht wie ihr Lieblingsautor klingen. „Schwanenhalsbrücke“ besteht bei Weitem nicht aus meinen ersten Lyrik-Versuchen. Viele meiner schmerzerfülltesten Worte haben mich längst kalt gelassen, weil sie in meinem Kopf schon so vehement durchexerziert wurden. Ich möchte dem Leser keine Gimmicks vorlegen, die mich selbst langweilen. Die Konsequenzen der eigenen Sprache zu jagen, erfordert viel Arbeit aber man muss kein Genie sein um ehrliche Literatur zu produzieren. Ich bin der festen Überzeugung jeder in meiner Situation könnte meine Texte produzieren.

In welchem Zeitraum entstanden die Texte in „Schwanenhalsbrücke“?

Die Abfolge meiner Gedichte in meinem neuen Buch musste für mich rein nach dramaturgischen Aspekten stattfinden. Das heißt, dass ich einen zwei Jahre alten Text nicht anders behandeln wollte als einen, der mich schon seit sieben Jahren verwirrt. Mir ist es natürlich wichtig, dass mich der Leser versteht, ohne ein emotionales Detail auslassen zu müssen, bevor ich ihn durch ein Höllentor aus Säuglingsblut und Sternenstaub schicke. Die Chiffren in „Mein Mund“ sind fast zehn Jahre alt und dienen als Schutzschild für einen traumatisierten Magersüchtigen, der ich seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr bin; „Stellenangebot“ ist das Ergebnis einer bereits vom deutschen Zeitarbeitsgesetz ausgeschissenen Sprachlosigkeit. Gelesen erschließt sich alles zu einer beinahe kohärenten Erzählung: Ich bin Edek Rose, meine Welt befindet sich im Krieg, sexueller Narzissmus gewinnt die Überhand – und wer sich nicht zusammenreißen kann, stürzt sich und andere Menschen in die Hölle. Zum Schluss bleibt die Hoffnung übrig.

Du bist ja nicht nur schreibend künstlerisch tätig sondern auch musikalisch. Gibt es aktuelle Projekte an denen du arbeitest und wie verbindest du Musik mit Literatur?

Eines der treibenden Prinzipien, sowohl in meiner Literatur als auch in jedem künstlerischen Unterfangen was ich mir vornehme ist die Improvisation. Noch viel länger als meine ernsthaften literarischen Versuche begleitet mich mein Freund Matzliach Rose und unser musikalisch- pseudoesoterisches Performanceprojekt „Megacolon“, das sich inzwischen zu einem intermedialen Alptraum entwickelt hat. Unsere Musik strauchelt irgendwo zwischen primitivem Industrial und Schlager, und ist fast ausnahmslos improvisiert. Der Arbeitsvorgang, ein Aufnahmegerät aufzustellen und einfach trashige, rohe, ungefilterte Kunst entstehen zu lassen, wirkt sich seither auf jeden Aspekt meines Lebens aus, aber besonders meiner Literatur. Eine Handvoll der „Schwanenhalsbrücke“-Texte ist in der Badewanne entstanden. Die Badewanne ist für mich ein selten klarer und intuitiver Ort. Diese Texte habe ich besoffen in ein Mikrophon gesprochen, ohne dass vergangene Sätze auch nur die Chance hatten, mich mit ihrer mangelnden Perfektion zu quälen; auch William S. Burroughs´ Cut-Up-Technik habe ich mich bedient um besser zu verstehen, was ich kommunizieren möchte. Mein Gefühl besteht darin, dass Kunst ein Eigenleben führen möchte, an welchem wir nur zu einem unbestimmten Maß Kontrolle behalten dürfen. Sie entsteht aus ihren eigenen Wünschen heraus, eskaliert in ihren innewohnenden Konsequenzen und die fundamentale Verantwortung des Künstlers liegt in der Sinnfindung, wenn er entscheidet, was er mit der Welt teilt und was gerne Müll bleibt.

Werden dich unsere Leser auch mit deinem Buch auf der Bühne sehen, sind Lesungen geplant?

Wirklich gerne. Wie bereits erwähnt, steckt in meinen Texten noch viel mehr drin, wenn man ihnen die Chance gibt, ihre Oberfläche an anderen Lebenserfahrungen aufzubrechen. Ich muss dringend andere Menschen finden, die besser verstehen wovon ich rede, damit ich und mein Werk daran wachsen können. Ich bin schon mal verdammt stolz darauf, in M. Kruppe einen gefunden zu haben, der an mich glaubt. Und natürlich in der „Edition Outbird“. Und wenn mein Glück noch weiter übertreibt, werden wir bald sogar zusammen auf der Bühne stehen. Wie beispielsweise am 12. 2. 2020 im Nürnberger Club „Cult“ mit Dir gemeinsam. Mich hat dieses Interview schon wahnsinnig nervös gemacht – alles was ab hier geschieht übertrifft bereits alle meine Erwartungen. Wir können also alle gespannt sein!

Vielen Dank für das Interview.

Danke auch!

Das Interview führte M. Kruppe.

Bildnachweis: Edition Outbird, Markus Konetzka
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