„In Deutschland tut man sich mit Lyrik besonders schwer.“ – Christopher Sappok im Interview zu „Bunker“

Christopher Sappok, Ende der Sechzigerjahre geboren, ist Dozent für Sprachwissenschaften an der Universität Köln. Bei der Lektüre seines unlängst in der Edition Outbird erschienenen Buches „Bunker“ sieht man sich unweigerlich mit der Frage konfrontiert, was für ein Typ Mensch so ein Uni-Dozent für Sprachwissenschaften ist und welche Ambitionen hinter diesem…ja, was eigentlich?…steckt.

Buch im Verlagsshop: Bitte Cover anklicken.

Christopher, es ist schön, Dich und dieses illustre Werk „Bunker“ in unserem Verlag beheimatet zu wissen. Obwohl (oder weil?) es Fragen aufwirft. Aber zunächst einmal die ein oder andere Frage zu Deinem Forschungsfeld. Wie lässt sich die Notwendigkeit der Forschung an der Kommasetzung dem Normalbürger erklären? Was ist der Unterschied zwischen Literatur- und Sprachwissenschaften? Und welcher Weg hat Dich in dieses Wirkungsfeld gebracht?

Ach Tristan, lass mich bloß mit der Kommasetzung in Ruhe (lacht). Das war das Thema meiner Doktorarbeit, kommen wir vielleicht später noch drauf. „Bunker“ war das Gegenprogramm dazu. Der Titel bezieht sich übrigens nicht auf ein Gebäude, sondern auf eine Person, die so hieß.

Du bezeichnest „Bunker“ als „Anti-Doktorarbeit“, die über lange Jahre heranreifte. Als bloße Lyrik ist es zu sehr Bühnenstück, als Roman ist es zu sehr Versform, vor allem aber scheint die schnoddrige Sprache vor dem Hintergrund einer abgedreht-psychedelischen Freundschaft zwischen allen Stühlen irgendwelcher Subkulturen zu sitzen. Was also genau ist „Bunker“? Und weshalb „Anti-Doktorarbeit“?

Ich geb’ es zu: In Wirklichkeit ist es in erster Linie ein Bühnenstück. Ich würde mich ja totfreuen, wenn es mal irgendwo uraufgeführt würde. Aber zu deiner eigentlichen Frage:

Ich erinner‘ mich, in den Achtzigern gab es mal einen Song von men at work, der hieß Dr. Heckyll and Mr. Jive. Das bringt es super auf den Punkt. Dr. Heckyll ist Doktorarbeit, Mr. Jive ist Anti-Doktorarbeit. An „Bunker“ habe ich eigentlich immer nur nachts gearbeitet.

Was dabei rausgekommen ist? Nun, am meisten Arbeit waren die Rhymes: 200 Strophen abababcc, immer schön clean. Das soll mir mal einer nachmachen! Ist ne Challenge zum Beispiel an all die Songwriter da draußen, und damit mein ich auch und vor allem die Millionäre unter ihnen (lacht).

Nee, jetzt mal im Ernst: Ich wollte, eigentlich wie jeder, einfach mal was Neues machen. Und das ist dabei herausgekommen.

Die Sache mit der Freundschaft, die du ansprichst, das ist ne lustige Geschichte: Ich fand ja immer Günter Netzer und Gerhard Delling so toll, wie der ganze Fußball in den Hintergrund trat und die eigentliche Gaudi dieses mehr oder weniger subtile Anpflaumen bei den beiden war. Das war es, was ich versucht habe aufzugreifen in der Art und Weise, wie meine Hauptfiguren Artie B. und der Nerd miteinander umgehen. Das ist wahrscheinlich auch das, was du mit „schnoddriger Sprache“ meinst.

War und ist das Buch eine persönliche Spielwiese, ein Experiment? Und was genau war oder ist Deine Intention mit dem im Dezember erschienenen Buch?

Das war die ursprüngliche Intention: Krieg ich das hin, mal wieder einen echten Versroman zu schreiben, nach all den wirklich vielen Jahren, die es das auf Deutsch nicht mehr gegeben hat? Damit fing es an. Dazu kam dann das Experiment, das nur mit Dialog zu machen. Rhymes und Dialog, das sollte unter einen Hut gebracht werden und unter die Haut gehen! Die Story war erstmal nur Nebensache.

Thema Verkäuflichkeit. Hauke von Grimm brachte mir vor zahlreichen Jahren mal das geflügelte Wort „Lyrik ist schwyrig“ entgegen, manch ein Sprachforscher hingegen meint die heilende Wirkung von Gedichten auf Körper, Geist und Seele nachgewiesen zu haben. In meiner Schulzeit wurden die schönsten Stücke bis zum Erbrechen in ihre Moleküle zerlegt, dennoch ist sie bis heute ein besonderes, ein auf eigene Art tragendes Element der Literatur. Was ist Lyrik für Dich?

Stimmt schon. In Deutschland tut man sich mit Lyrik besonders schwer. Da gibt’s einmal etwas, das ich mit der gebotenen Vorsicht mal als bildungsbürgerliche Salonlyrik bezeichnen würde. Und halt auch noch das, was wir mal Underground- oder Alternative-Lyrik nennen wollen. Und beide sind sich irgendwie einig, dass Reimen irgendwie nicht high-end ist, irgendwie unzeitgemäß. Das ist wirklich so! Und dann gibt’s da halt auch noch Hiphop und überhaupt die ganze Songtextkultur. Da spielen Rhymes eine Riesenrolle, aber das ist hierzulande irgendwie entkoppelt vom Lyrikbegriff.

Bei „Bunker“ hatte ich immer schon die Befürchtung, dass ich zwischen den Stühlen landen würde. Den Salons sind die Dialoge zu krass, zu sehr lässt da der Tatort grüßen, dem Underground sind Versmaß und Reime suspekt, zu sehr lässt da der Deutschunterricht grüßen. Aber ich hab meinen Frieden damit gemacht. Das ist alles nur Ballast, von dem man sich freimachen muss.

Was ist, in Kürze, die Message des Buches? Und was hat das alles mit Dir zu tun? 😉

Nun ja, inhaltlich hab ich mir keinen Zwang angetan. Ich bin jetzt mal ehrlich: Reim-dich-oder-ich-fress-dich. Dieses ganze Reimformat ist immer auch irgendwie sowas wie so eine Art Rohrschachtest. Du holst da aus deinem mehr oder weniger bewussten Geschichtenschatz einfach das Beste von dem raus, was sich anbietet, während du da so tüftelst. Das kann manchmal ganz schön witzig werden, wenn ich das mal versprechen darf. Message gibt es natürlich auch, aber das will ich hier echt nich’ so einfach spoilern. Wie der Titel schon sagt, es geht um die Dunkle Seite der Siebziger, das ist es, was mich umgetrieben hat…

Ansonsten soll da jeder rauslesen, was er will. Was die Rolle der Drogen angeht oder die Rolle des Surfens oder die Rolle der Hölle, wenn ich das noch kurz zur Sprache bringen darf: Was manchen Leuten womöglich irgendwie falsch aufstoßen wird, ist dass es da auf den ersten Blick andauernd nur um Surfermachismo zu gehen scheint und Drogen und um den Teufel und seine Spießgesellen… Hallo!? Sex, Drugs, Gangstershit. Ich mein, darum geht es doch andauernd, und das nicht erst seit gestern.

Und wer bist Du – abgesehen von LSD und Surfcracks in „Bunker“ – sonst noch?

Jenseits von meiner „Literatur“, meinst du? In erster Linie Familienvater, muss ich mal sagen. Meine vier Kinder sind aktuell 21, 19, 12 und 9 Jahre alt. Das ist zusammen mehr, als ich Jahre zähle (lacht).

Und sonst? Brauche ich es, unterwegs zu sein. Das war schon immer so. Für mein nächstes Buch knöpfe ich mir vielleicht mal meine Aufzeichnungen wieder vor, die ich bei einer Reise nach Afghanistan im Jahr 2002 gemacht habe. Das war schon nicht ohne Grund, dass ich damals da hingefahren bin.

… was schon wieder nach Stoff für ein Folgeinterview klingt… Vielen Dank für das Interview.

Danke auch!

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweis: Edition Outbird, Anton Sappok
_____________________________________________________________________________________