„Es ist kein Konzert, keine Lesung, keine Ausstellung, sondern ein schwarz-romantischer Kunstsalon.“ – Marina Schreckling im Interview zum „Darkerkant“-Festival

Am 16. und 17. Oktober 2020 findet auf dem Hamburger Museumsschiff „Cap San Diego“ zum nunmehr vierten Mal das „Darkerkant“-Festival statt, ein Fest der dunklen Künste zwischen Musik, Kunst und Literatur. Die Tatsache, dass mit Peter und Klaus Märkert, M. Kruppe und Edek Rose dieses Jahr auch Autoren aus unserem Verlag(sumfeld) teilnehmen, ist Grund genug, die Organisatorin und Veranstalterin Marina Schreckling näher vorzustellen. Für das nachfolgende, von uns aktualisierte Interview bedanken wir uns beim „BadBlack-Unicorn“-Magazin.

Kannst du einige Worte zu deiner Person sagen? Was fasziniert dich an der Darkerkant? Seit wann gibt es dieses Event? Wie aufwändig ist es, eine solche Veranstaltung zu organisieren?

Dann stell ich mich gerne vor, mein Name ist Marina Schreckling, ich komme selber aus der bildenden Kunst und male. Der Fokus meiner Arbeiten ist auf den Mensch gerichtet und den Abgründen der menschlichen Seele, nicht unbedingt mit dem verfeinerten Ästhetizismus, der sich bei Dark Art abbildet, eher mit ironischen Anspielungen. Aber Dark Art ist ein Genre, das mich persönlich sehr anspricht.
Mich selbst fasziniert an der Darkerkant die Zusammenkunft von Künstlern, die sich darauf verstehen, die dunkelsten Gedanken auszudrücken, die provozieren, deren Werke genauso erzählerisch poetisch wie bösartig sind. Darüber hinaus ist es für mich eine sehr spannende und interessante Erfahrung, mit einer Vielzahl von unterschiedlichen und großartigen Künstlern zusammen zu arbeiten.
Darkerkant fand erstmalig 2017 statt und jährt sich jetzt zum vierten Mal.
Hinter die Kulissen geschaut, ist eine Veranstaltung zu organisieren tatsächlich aufwendiger als es scheint. Es geht schon zu Anfang des Jahres los, Musiker und bildende Künstler ins „Boot“ zu holen und über eine öffentliche Ausschreibung die Autoren zu finden. Werbung muss platziert werden, Einladungen verschickt, ect. Es ist immer etwas zu tun, bis Ende August die heiße Phase beginnt und die ankommenden Werke für die Ausstellung vorbereitet werden müssen.

Kannst du kurz das Konzept von Darkerkant beschreiben? Wie bist du darauf gekommen, so ein Event zu organisieren? Wie bist du auf den Gedanken gekommen, Literatur, bildende Kunst und Musik zu verbinden? Haben diese drei Elemente etwas Verbindenes? Hast du vorher schon ähnliche Veranstaltungen als Kuratorin geleitet?

Dazu muss ich etwas ausholen. Die Epoche der Romantik vom Ende des 18. bis ins späte 19. Jahrhundert fand im Schaurigen, im Fantastischen, im dargestellten Unbewussten, der Individualität Motive, die die Grenzen des Verstandes überschritten und einen Kontrapunkt gegen das bloße Nützlichkeitsdenken der Industrialisierung und vermeintlich aufgeklärten Moderne bildeten. Heute in Zeiten der Digitalisierung, Statistiken, Algorithmen, Rankings, des auf die Summe seiner Daten reduzierten Menschen, scheint mir die Romantik sehr aktuell zur Neuaneignung unseres Welt- und Selbstverständnisses zu sein und wird konsequent weitergeführt, aus meiner Sicht, in der Dark Art, die andere, dunkle, uns fremde Seiten beleuchtet.
Die zuvor dagewesene simple Idee, auf einem Schiff eine Ausstellung machen zu wollen, wenn man schon in Hamburg wohnt, entwickelte eine eigene Dynamik, als die Cap San Diego als Ausstellungsort gefunden war. Sie selbst erwies sich als inspirierend und es war klar, dass im Inneren des Schiffsbauches nicht irgendeine, sondern eine Dark Art Ausstellung die einzige zur Magie des Schiffes passende war.
Noch einmal zurückblickend wird als Romantik eine Epoche der Kunstgeschichte bezeichnet, die sich in der Literatur, gefolgt von der bildenden Kunst und in der Musik niederschlug. Sich als grenzüberschreitend verstand, bis hin zur Verschmelzung und Niederlegung der Grenzen zwischen den Künsten und zur Sakralisierung des Werks. Angelehnt an einen aus der Epoche stammenden (schwarz)romantischen Kunstsalon, wird diese „romantische“ Idee aufgegriffen und die Kunstformen stehen auf der Darkerkant gleichberechtigt nebeneinander.
Als Kuratorin hab ich mich selbst nie gesehen, obgleich ich in dieser Funktion eine erste Ausstellung 2016 in Hamburg in der Gallery Mytoro mit dem Titel „Kommunikation“ organisierte.

Cap San Diego im Nebel.

Welche Bedeutung hat der Name Darkerkant?

Es ist ein Wortspiel aus Dark (Art) und Waterkant.

Wie rekrutierst du die KünstlerInnen? Nach welchen Kriterien gehst du da vor?

Bei den bildenden Künstlern sind es diejenigen, deren Arbeiten eine dunkle Stimmung ausdrücken und mich persönlich besonders faszinierten, sei es bei Ausstellungen, an denen ich selbst beteiligt war oder die ich besuchte, sei es durch soziale Medien. Mit diesen Künstlern versuch ich in Kontakt zu kommen, um sie einzuladen. So verhält es sich auch mit den beteiligten Bands. Für die Autoren gab es bislang eine öffentliche Ausschreibung für die Genres Mystery Thriller, Horror und Fantasy.
Kannst du folgenden Satz aus einer vorherigen Infoschrift kurz erörtern? „Einsamkeit, Resignation, Tod, das Surreale bis hin zur Faszination des Bösen wird in pittoresker Manier übersteigert dargestellt, so dass unweigerlich beim Betrachter der Eindruck vom Schaurig-Schönen bleibt.
Einsamkeit, Resignation, Tod, das Böse, alles Begriffe, die nicht für die angenehmen Aspekte des Seins stehen, doch die Totalität der ästhetischen Form lässt den Betrachter Schönheit erkennen, selbst da, wo sie die Darstellung frustrierendster Not gelingend in Szene setzt. Je trauriger und schmerzlicher die Schönheit sich offenbart; um so schaurig–schöner wird das Werk empfunden.

Impression vom 2017er Darkerkant-Festival.

Im Infomaterial stand: „Dark Art ist für ihr Empfinden eine Fortführung der Romantik, genauer gesagt, der dunklen Seite der Romantik.“ Kannst du diese Aussage ein wenig ausführen?

Ich denke, dies lässt sich am besten im direkten Vergleich einiger Merkmale der Romantik mit den Arbeiten der Künstler der Darkerkant anschaulich ausführen. Kennzeichnend für das romantische Weltbild war es u. a., die innersten Beweggründe, die Seinserfahrung von ihrer Bindung an eine zeitlich begrenzte Epoche zu lösen. Diese Aufhebung realer Zeitlichkeit findet man auch in den Arbeiten des aus England stammenden Dark Art Künstlers Roberto Segate. Seine Arbeiten sind selten makellos. Sie sind rauh, einschließlich schmutziger, ungeordneter Elemente und Texturen. Dadurch werden sie in Bezug auf Zeit mehrdeutig und mystisch.
Oder die Tendenz zur Entmaterialisierung, Entrückung, daraus folgend die Sublimierung. Eine experimentelle Verschmelzung von persönlichen gnostischen Idealen, eine Suche nach vergangenem spirituellem Wissen, das eine Vielfalt von Theologien und Ideologien verschmelzen lässt und umfassen kann, wie es in den Werken des amerikanischen Künstlers Shawn Slowburn, Nihil aus Norwegen und Gabriel Vorace Portela aus Frankreich vorzufinden ist.
Ferner sind folgende Kriterien zu nennen, wenn ich auf wenige eigene Werke verweise, die mit ausgestellt sind, Emphase und Gebrochenheit, Tendenz zur Subjektivierung jeglicher Erfahrung, so dass jede künstlerische Aussage als Reflex eines Erlebnisses auf das Subjekt anmutet.

Welche KünstlerInnen sind dieses Jahr noch zu erwarten, wo liegt der Schwerpunkt, welches „Thema“ hat die diesjährige „Darkerkant“?

Das Thema der diesjährigen Darkerkant ist angelehnt an „Dante´s Inferno“. Die Trostlosigkeit der Hölle wird atmosphärisch eingefangen. Isolation und Einsamkeit, möglicherweise eine Form der Vorhölle, die einige durch Covid-19 gerade hautnah erleben, wird besonders in den ausgestellten Werken und der Musik von Fatal Casualties aus Schweden und der Hamburger Band OHcy-êspé verdichtet. Die Entwertung des menschlichen Seins und des Lebens an sich, die Verzerrung des Banalen ins Groteske soll in diesem Jahr zeigen, nichts ist so dark wie die Realität und verweist nicht mit einem ausschließlichen, aber deutlichen Fokus auf Photo- und Digital Art bei den ausgestellten Exponaten z. B. des amerikanischen Photografen Brett J. Lawrence, der Berliner Digital-Art-Künstlerin Jaya Suberg und Gemälden von Werk Lichtgrau aus Lübeck, die auch, wie die gesamten ausgestellten Werke, käuflich zu erwerben sind. Ich möchte an der Stelle einmal sagen, es hat eine etwas größere Realitätsnähe als bei den vorherigen Dark Art Events. Ein Realitätsbezug wird auch in den Texten der Hamburger Band Oberer Totpunkt, die mit an Bord ist, deutlich, sowie in der Rock-Gothic Lesung von Darian Dawn, den literarischen Werken von Valesko Reon und besonders der Autoren der Outbird – Agentur + Verlag für alternative Kultur M. Kruppe, Peter und Klaus Märkert sowie Edek Rose, der bei seiner lyrischen Lesung von dem Hamburger Saxophonisten Kurt Buschmann begleitet wird. Eine Tarkowski-artige irreale Zone erschafft die Filderstädter Künstlerin MaMuk mit ihrer 3D-Installation aus realen Fundstücken.
Um den Geist eines schwarz-romantischen Kunstsalons einzufangen, braucht es natürlich auch eine Prise Romantik, dafür sorgen die Autorin K. M. Parker aus Oldenburg, ein Hauch Steampunk mit der Band Jaana Redflower und der Norddeutsche Maker Horatius Steam mit seinen absolut phantastischen Werken, die wunderbar mit den Zeichnungen des Hamburger Künstlers Ralph G. Kretschmann korrespondieren, sowie die musikalische Einbettung des Events in den Dark-Ambient-Sound des Occult Projects Corona Barathri.

Was kommt beim Publikum am besten an: Literatur, bildende Kunst oder Musik? Oder haben alle Bereiche die gleiche Resonanz?

Bisher hatten die Bereiche die gleiche Resonanz. Oder anders ausgedrückt, durch die drei gleichwertigen Bereiche hatte die Darkerkant eine gute Resonanz. Wie es diesmal sein wird!?! Das kann ich dann im Oktober beantworten…:-D

Warum lohnt es sich auf die Darkerkant zu gehen?

Ich wünschte meine eigene Begeisterung, die ich bzgl. der Künstlerauswahl habe könnte überschwappen. Ich habe die Werke der bildenden Künstler, sowie auszugsweise der Autoren und Bands ja schon gehört und gesehen und kann nur sagen: Es kommt was Großes auf uns zu! Die Werke der Visual Artists haben mich persönlich schon bei der Vorauswahl als jpg´s geflasht, umso mehr freue ich mich, die Originale in Empfang zu nehmen und euch zeigen zu dürfen. Das gleiche gilt für Musiker und Autoren. Ich freu mich sehr drauf. Das besonders lohnenswerte ist natürlich die Atmosphäre des Dark Art-Events. Es ist kein Konzert, keine Lesung, keine Ausstellung, sondern ein schwarz-romantischer Kunstsalon bei dem die Grenzen zwischen Publikum und Künstlern eher fließend sind und ein reger Austausch erwünscht ist. Also … ich finde, man muss es mal erlebt haben…:-D

Möchtest du zum Schluß etwas sagen?

Ich bedanke mich recht herzlich für das Interview und hoffe sehr, dass die Corona – Lockerungen bis zum 16. Und 17. Oktober soweit fortgeschritten sind, dass das Event wie gewohnt stattfinden kann. Bitte ganz fest Däumchen drücken … und dann vorbei kommen! Wir alle freuen uns auf euch!

Vielen Dank für das Interview.

Das Ursprungs-Interview führte Roman Golub vom „BadBlack-Unicorn“-Magazin (aktualisiert durch Tristan Rosenkranz), wir danken ihm für die Freigabe zum/r Abdruck / Wiederverwendung.

Bildnachweise: Privat
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