„Inklusiv bedeutet ja nur, die Vielfalt und Heterogenität unserer Gesellschaft als grundlegend wahrzunehmen.“ – Benjamin Schmidt im Interview zu „Schon immer ein Krüppel“

Unlängst erschien in der „Edition Outbird“ mit Buch #33 Benjamin Schmidts neuaufgelegter, aktualisierter Roman „Schon immer ein Krüppel“ (aktuell im Verlagsshop mit gratis Postkartenset erhältlich). Wie der Titel erahnen lässt, handelt es sich um Benjamins ureigene Auseinandersetzung mit dem Tag Null, ab dem er vor der Herausforderung stand, sich als nunmehr Querschnittsgelähmter in dieser Welt zurecht zu finden. In einer Welt, in der plötzlich jede Menge – innere wie äußere – Barrieren auftauchten, von der man als gesunder Mensch oftmals nichts mitbekommt. Möglicherweise, weil man sie ausblendet.

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Benjamin, was war damals der Grund, überhaupt dieses Buch zu schreiben? Ein Ventil? Sensibilisierung?

Während meiner Rehabilitation hatte ich das Gefühl, dass Selbstbetrug für viele eine anerkannte Methode zur Verarbeitung einer Behinderung darstellt. Ich schreibe, wenn ich eine Geschichte habe, und Geschichten hatte ich damals viele. Zu erleben, was ich während dieser Zeit erlebt habe, hat ja nun nicht gerade jeder das Vergnügen. Außerdem war ich oft einsam, hatte viel Zeit zum Nachdenken … besondere Lebensumstände, Einsamkeit und Raum für die eigene Gedankenwelt, wann wäre der Zeitpunkt besser, ein Buch zu schreiben? Warum es gerade dieses Buch werden sollte? Meine Methode, diese besonderen Umstände zu verarbeiten war Selbstreflexion. Ich habe meine Gedanken dazu in dieser Geschichte ein Stück weit offengelegt und nachvollziehbar gemacht. Ich wollte nichts mehr schönreden, dabei aber die Schönheit nicht außer Acht lassen.

„Schon immer ein Krüppel“ in der aktuellen Ausgabe ist ja eine Neuauflage. Was war der Grund, das Buch neuauflegen zu wollen, was hat sich – nicht zuletzt inhaltlich – geändert?

Ich war zur Zeit der Erstveröffentlichung wahnsinnig ambitioniert, aber leider fehlte es mir doch an schriftstellerischer Erfahrung. Ein Lektorat hatte es ja nie gegeben, Self-Publishing eben ohne finanzielle Mittel. Dennoch war das Buch recht erfolgreich und ich habe viel Lob dafür erfahren. Deshalb habe ich das Buch auch nie aufgegeben, obwohl ich es schriftstellerisch über die Jahre eher mit einem milden Lächeln hinnehmen musste. Ich habe viele irrelevante und unnötig in die Länge gezogene Passagen gekürzt oder ganz und gar entfernt, wohingegen ich anderen viel mehr Raum gegeben habe, die in der Erstauflage einfach zu kurz gekommen sind. Viele Kapitel wurden regelrecht neu geschrieben und einfach besser ausgeführt, auf den Punkt gebracht. Viel stärker und tiefer vorhanden sind einfach die Einblicke in das Gefühlsleben des Protagonisten. Es ist ein ganz neues Buch, finde ich, auch wenn der rote Faden der Story an sich natürlich gleich geblieben ist. Und dann sind da natürlich noch die charmanten Verbildlichungen von Franziska Appel.

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„Schon immer ein Krüppel“ hat mich durch seine schonungslose Wiedergabe Deiner Erlebenswelt berührt und lässt erahnen, welche innere Spannungen Du zumindest damals in Dir trugst. Wie kam es zu Deiner inkompletten Querschnittslähmung?

Durch einen versuchten Suizid. Ich finde das Buch auch nicht wirklich schonungslos, es ist einfach ehrlich. Der Humor ist vielleicht manchmal etwas dunkelschwarz, aber in intimen Momenten kann das auch sehr einfühlsam sein. Mich selbst schone ich dabei ja am wenigsten. Meinen Lesern muss ich aber nicht alles in Großbuchstaben entgegenschmettern. Wenn sie also wie du bestimmte Dinge nur erahnen, ist das völlig in Ordnung.

Was genau bedeutet „Inkomplette Querschnittslähmung“? Und hat es einen besonderen Grund, dass das Thema Suizid im Buch gar nicht thematisiert wird?

Wird das Rückenmark „nur“ zum Teil durchtrennt, spricht man von einer inkompletten Querschnittslähmung. Was das nun genau bedeutet, ist sehr unterschiedlich und würde jetzt zu weit führen. Dass das Thema Suizid im Buch gar nicht thematisiert wird, stimmt auch „nur“ in Teilen. Oft kann man das Thema „nur“ schonungslos erahnen, vielmehr geht es um das Leben und was es lebenswert macht. Gerade das kommt in der Neuauflage besser zur Geltung. Der Grund ist aber einfach der, dass ich mich nicht so brutal auf Begriffe wie Behinderung oder Suizid stürzen will. Viel wichtiger ist mir die Auseinandersetzung mit dem Leben, mit sich selbst, natürlich im Kontext eines heranwachsenden jungen Mannes, für den diese Begriffe situationsbedingt verstärkt eine Rolle spielen. Interessant ist ja bei näherer Betrachtung des Inhalts, dass diese Begriffe in fast jedem Leben eine Rolle spielen, je nachdem, wie sie interpretiert werden.

Wie wichtig ist mit Deinem heutigen Erfahrungsschatz Suizidprävention?

Selbstverständlich ungeheuer wichtig. Das Problem ist aber, dass es noch immer ein Tabuthema ist, vor allem, da es in der Wahrnehmung geradezu mit Schuld und Schande beladen wird, und weil es ähnlich wie bei Verkehrsunfällen jeden treffen kann. Das schieben wir oft von uns weg, aber im Grunde ist jeder potentiell gefährdet. Unser System lässt es zu, aber wir alle sind Teil dieses Systems.

Es gab und gibt verschiedene (Buch)Projekte, in die Du involviert warst und bist, neben Franziska Appel auch mit Jennifer Sonntag, die ihrerseits hochengagiert unter anderem immer wieder auf Themen wie Mobbing, Depression und Krisenbewältigung zu sprechen kommt. Wie wichtig ist aus Deiner Sicht inklusive Belletristik? Und wie ist es in dieser Hinsicht um den Buchmarkt bestellt?

Aus meiner Sicht so wichtig wie selbstverständlich. Ich meine, inklusiv bedeutet am Ende ja nur, die Vielfalt und Heterogenität unserer Gesellschaft als ganz natürlich und grundlegend wahrzunehmen, also je nachdem wie du die Frage meinst, dass beispielsweise eben behinderte Autoren oder literarische Figuren mit einer Behinderung keine Abnormität darstellen. Die Erlebniswelt eines Behinderten zu beschreiben, ist ohne Behinderung sicher schwierig und nicht immer glaubwürdig, ich kann aber auch Sichtweisen von „außen“ anerkennen. Es geht ja um Unterhaltungsliteratur, die keine 100%ige Realität abbilden muss, auch gar nicht soll. Genauso befremdlich wäre es, wenn es verpflichtend wäre, diese Hererogenität unserer Gesellschaft in jedem Roman 100%ig abzubilden, oder die Vorstellung, man dürfte als Frau nur noch weibliche und als Mann nur noch männliche Protagonisten erfinden. Also wie war die Frage? Ja, Inklusion, eine gute Sache, auch in der Literatur. Im Hinblick auf den Buchmarkt, denke ich, gäbe es zum Thema Behinderung in seiner Vielfalt aber noch einiges zu erfahren. Belletristik könnte da durchaus geeignet sein, um manche Themenbereiche charmant und unverkrampft ins Geschehen einfließen zu lassen.

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Ich habe mir eines Abends vorzustellen versucht, wie (m)eine Welt aussähe, in der eine wichtige körperliche Funktion abhanden gekommen ist – das Augenlicht oder die uneingeschränkte Bewegungsfähigkeit. Es gelang mir nicht. Wie kann man neu leben lernen nach einem so einschneidenden Schicksalsschlag wie einer Querschnittslähmung, wer hilft einem, an welche Institutionen kann man sich wenden?

Du fühlst dich in der Tat uneingeschränkt bewegungsfähig, in deinem Alter? Kleiner Scherz am Rande… Ach, ich denke, jeder trägt das Päckchen, das er kennt, am liebsten. Ich kannte einen Mann, der sagte mir, er könne sich einfach nicht vorstellen, im Rollstuhl zu sitzen, das wäre furchtbar für ihn. Der Mann war blind. Und ich dachte mir, zum Glück sitze ich nur im Rollstuhl und habe mein Augenlicht noch. Wenn man leben will, arrangiert man sich recht schnell mit den unterschiedlichsten Umständen. Aber um zu deiner Frage zurückzukommen: Mir hat die Bekanntschaft zu Menschen geholfen, die ähnliche Veränderungen durchmachen mussten. Wenn sich die Welt verändert, verändert sie dich. Wenn du dich veränderst, veränderst du die Welt. Philosophie kann sehr hilfreich sein, inspirierende Menschen oder Literatur. Mir hat Kunst ja oft im Leben neue Perspektiven ermöglicht. Der fehlende wirtschaftliche Druck war äußerst heilsam, also nicht immer dieser ständige Gedanke ums Geldverdienen. Aber natürlich spielen auch Freunde und Familie eine große Rolle, einfach Menschen, von denen man sich geliebt und vor allem verstanden und nicht allein gelassen fühlt. Wenn es diesen sozialen Anker nicht gibt, kann therapeutische Hilfe sehr hilfreich und wichtig sein.

Welche Hürden gilt es gesellschaftlich noch zu überwinden hinsichtlich Menschen mit Behinderung? Wie steht es um die Barrieren in unseren Köpfen?

Das ist eine so umfangreiche Frage. Behinderungen fallen so unterschiedlich aus, daher bin ich der Meinung, dass Vorurteile ganz und gar unangebracht sind. Vor allem die Vorurteile um den Wert des Lebens. Zu glauben, das Leben sei weniger wert, weil man als Querschnittsgelähmter nicht mehr alles machen kann, ist wie zu glauben, das Leben als Frau sei weniger wert, weil sich da berufliche Nachteile ergeben und man als Mann eh mehr verdient. Da bemerkt man schnell, das generelle Problem ist einfach die Gleichberechtigung, die Möglichkeit für jeden Menschen, sein Leben selbstbestimmt zu leben, ohne Nachteile, die auf Geschlecht, Hautfarbe, Behinderung oder was weiß ich beruhen. Darauf sollten wir hinarbeiten und wenn diese Arbeit nur an unserer inneren Einstellung und Überzeugung stattfindet, so ist selbst das von Bedeutung. Bei dieser Diskussion sollte es auch kein „Ja-Aber“ geben. Es wird verdammt nochmal Zeit.

Hast Du das Gefühl, dass Bücher wie „Fuck[dis]Ability“ oder „Schon immer ein Krüppel“ etwas bewirken? Bekommst Du entsprechende Feedbacks, beispielsweise von LeserInnen?

Oh ja, das glaube ich schon. Gerade zu den beiden genannten Büchern bekomme ich unglaublich viel positives Feedback – das ist wunderbar und berührend. Erst kürzlich war eine Frau mit Behinderung von unserem Buch „Fuck[dis]Ability“ so gerührt, sie hatte extra ihre Deutschkenntnisse aufgefrischt, um es zu lesen, und fühlte sich dabei so wahrgenommen und bestätigt. Ein großes Lob für Franziska und mich. Und das ist ja nur ein Beispiel. Ich finde, lesen ist nur eine von vielen Möglichkeiten, ein Stück Welt zu entdecken, und manchmal entdecken wir ein Stück uns selbst dabei. Bei „Schon immer ein Krüppel“ und auch „Fuck[dis]Ability“ gab es einige, die diese Erfahrung gemacht und etwas Positives daraus mitgenommen haben. Mehr kann ich mir als Autor nicht wünschen.

Du bist ja in diverse Projekte involviert. Was treibst Du noch und was wird in Zukunft von Dir zu erwarten sein?

Eine gefährliche Frage! Da muss man als Künstler immer vorsichtig sein, da ja sowieso immer alles ganz anders kommt. Aber natürlich schreibe ich an einem neuen Roman, der für nächstes Jahr geplant ist. Auch habe ich noch ein, zwei literarische Liebhaberprojekte, die soweit abgeschlossen sind, wo aber noch unklar ist, auf welchem Wege ich sie veröffentlichen werde. Vor allem, da sie eigentlich Literatur, Musik und Grafik in sich vereinen. Ich arbeite mit Brita an neuen Songs für die „Gruftschlampen“, wir sehnen uns so sehr nach dem Bühnenleben, es ist die Hölle. Vielleicht wird es musikalisch auch noch ein paar Solo-Sachen geben. Ich beschäftige mich gerade wirklich sehr viel mit meiner Kunst, da habe ich einiges aus meinen Schubladen abgestaubt und auf den Weg der Fertigstellung gebracht. Damit bin ich sehr zufrieden, ich war lange nicht mehr so produktiv. Und sobald es wieder möglich ist: Live-Auftritte, unbedingt! Sollte es nicht so bald möglich sein… puh, ich bin offen für Vorschläge. Vielleicht melde ich meine Lesungen dann als Demonstrationen bei den zuständigen örtlichen Behörden an.

Lieber Benjamin, vielen Dank für das Gespräch.

Ich danke dir, lieber Tristan. Bleib tapfer!

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweise: Benjamin Schmidt, Emily Schmidt, Edition Outbird
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