„In Wirklichkeit spiegelt die Kunst den Beschauer, nicht das Leben“ – Michael Haas im Interview zu „Die Augen meiner Tochter“

Im September diesen Jahres erscheint mit „Die Augen meiner Tochter“ Michael Haas´ nunmehr drittes Buch. Mit der düsteren Novelle „Becirct“ debütierte er 2010 in der Wiener „Edition Garamond“, 2017 erschien mit dem episodischen Gesellschaftsroman „50. Licht und Schatten – Männer betrügen Frauen, Frauen betrügen sich selbst“ sein erstes Buch in der „Edition Outbird“, nun folgt mit „Die Augen meiner Tochter“ abermals eine Novelle, die sich als tiefe Liebesbekenntnis zu seiner Tochter (und Frau) wesentlich versöhnlicher mit dem Leben und der damit verbundenen Sinnfindung zeigt. Womit auch schon ein Anriss zu Haas´ schriftstellerischem Handwerk geschaffen wäre: Seinen Werken wohnt eine zutiefst elegante Eloquenz und gleichsam kaum zu bändigende Kraft inne, die in enger Ambivalenz zu einer offenbar ausgeprägten Neigung steht, sich aus all dem bunt maskierten Getöse dieser oftmals unaufrichtigen Gesellschaft zurückzuziehen.

Michael, ich hab‘ Dich das bislang nie gefragt: Wo hat Dein so überaus elegantes Sprachbild seinen Ursprung? Man könnte meinen, Dein Schaffen als Autor sei weniger Ventil wie bei vielen Zeitgenossen, als vielmehr pure Lust am Schaffen von Kunst.

Literatur ist – für mich – die Kunst der Sublimation, nicht der Ventilierung von Gefühlen. Die Griechen haben das schöne Wort „rhapsodieren“ – das singende Sprechen –, und dieses singende Sprechen folgt einer heimlichen Partitur, die unsere Sprache in Poesie verwandelt.
Wenn aus Worten Euphonie – das griechische Wort für Wohllaut – und aus Euphonie ein inspirierendes Klangbild entsteht, bin ich glücklich. Ein fein ziselierter, schön komponierter Satz ist für mich Erfüllung, ein gutes Buch immer auch Ausdruck von Musikalität.
Schöne, einzigartige Bücher folgen einer Diktion, die jedes Wort und jede Metapher mit Sorgfalt wählt, entwickelt und inszeniert. Wer glaubt, gute Bücher seien das Resultat eines impulsiven Gefühls, ist der Wahrheit sehr fern. Romanciers wie Lawrence Durrell, aber auch Rilke, Nietzsche und Heinrich Heine, oder, unter den Zeitgenossen Michael Ondaatje, besitzen die große Gabe, Form und Inhalt in ein Amalgam zu verwandeln. Erst damit wird ein Buch vollendet schön und nahezu unantastbar.

Oftmals ist es notwendig, eine Grenzziehung vorzunehmen, um der Fiktion im Buch den Raum zu lassen, den sie verdient, und LeserInnen aus dem insbesondere näheren Lebensumfeld keine falschen Deutungshoheiten zu überlassen. Ähnlich wie Tomas Jungbluth in „Kammerflimmern“ ziehst auch Du diese Grenze. Hast Du mit früheren Werken dahingehend schlechte Erfahrungen gemacht?

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Mittlerweile sehen sich viele Autoren schon fast genötigt, auf den fiktiven Charakter ihres Buches zu verweisen. Das befremdet mich umso mehr, als jeder Roman, jede Novelle oder Erzählung eine Fiktion und kein autobiographischer Sachbericht ist. Vielleicht resultiert das ständige Beharren auf biographische Bezüge u. a. daraus, dass wir heute in einem Meer von Biographien ertrinken.
Bisweilen scheint mir, als besitze Literatur nur noch eine Legitimation, wenn die soziale Realität sie belegt. Das ist nicht nur ein unseliges Paradox, sondern zerstört, was Literatur ihre Seele und ihr Geheimnis verleiht.
So schreibt Jungbluth nicht etwa Tagebuch, sondern skizziert, mit sensiblem Gespür für Nuancen, was einem Menschen widerfährt, dessen Liebe immer nur Ambivalenz, doch keine Klarheit als Antwort erhält. Jungbluths Wahrheiten sind exemplarisch, nicht selbstbezüglich oder gar allein dem Autor zuzuschreiben und „anzudichten“. Mir persönlich wird heute viel zu oft von „Authentizität“ geredet, als dass ich daran glauben könnte, sie wäre überhaupt zu erreichen oder gar wünschenswert. Tatsächlich interessieren mich die persönlichen Lebensverhältnisse eines Autors nur obgleich und nicht etwa weil sie sein Werk berühren. Es verrät einen Mangel an Vorstellungskraft, die Bücher eines Autors auf sein Leben zu reduzieren. Oder, um an Oscar Wildes charmante Definition von Kunst zu erinnern: „In Wirklichkeit spiegelt die Kunst den Beschauer, nicht das Leben.“ So besehen beanspruche ich weder Deutungshoheiten, noch versuche ich Lesern zu sagen, was der Protagonist eines meiner Bücher meinen könnte.
Der Erzähler meiner Bücher und ich sind nicht identisch. Der Erzähler des Buches ist ein emanzipiertes Subjekt, der sich alle Freiheiten nimmt, zu sagen, was ihm beliebt.
Wie verarmt wäre die menschliche Phantasie, wenn alles wäre, wie es scheint. Wie langweilig wäre Literatur, wenn sie nur autobiographische Erlebnisse resümierte. Was einem Sachbuch gut zu Gesicht stehen mag, ist für einen Roman der Niedergang. Romane belehren nicht, sie bereiten, im Idealfall, Vergnügen und ästhetischen Genuss. Und wenn mich, wie bei „50“, vereinzelt empörte Leserbriefe erreichen, die mir nahelegen, meine Anschauungen zu überdenken, amüsiert mich das eher. Ein Roman ist ein Roman und kein persönliches Manifest. Niemand wäre auf den Gedanken gekommen, Flaubert für Aussagen seiner tragischen Romanheldin Madame Bovary zu maßregeln. Mittlerweile scheint es ein gängiger Standard zu sein, Autoren für die Überzeugungen ihrer fiktiven „Helden“ in Regress zu nehmen. Das ist wirklich bizarr.

Andreas Löhr, Sänger der legendären „Fliehenden Stürme“, sagt über das Buch: „Mit der Novelle ,Die Augen meiner Tochter‘ liefert der Autor Michael Haas ein literarisch-philosophisches Meisterwerk. Über der Schönheit seiner Worte schwebt stets die Bitterkeit der Wahrheiten, deren gewaltige Grausamkeiten mitunter nur schwer zu ertragen und nicht zu akzeptieren sind.“ Kommt es nicht einer Schwächung der tiefen Liebe zur Tochter gleich, dass Deine Novelle die schwere Erkrankung des Protagonisten sowie dessen stark misanthropische Weltwahrnehmung – quasi als dunklen Urgrund einer so überaus positiven Gefühlswelt – beinhaltet?

Mir scheint die Weltwahrnehmung des Protagonisten nicht misanthropisch zu sein, im Gegenteil zelebriert er menschliche Schönheit, wann immer sie ihm begegnet. Er verneigt sich vor jedem Akt humaner Fürsorge, der keiner Verpflichtung, sondern einer wahren Empfindung folgt.
Das Buch ist eine liebevolle Hommage, keine Abrechnung oder traurige Erinnerung an ein Leben am Abgrund. Die Liebe zur Tochter gleicht einer diskreten Melodie, die eine lärmende Welt verstummen lässt. Dieser Vater weiß, nein, er fühlt, dieses Kind ist ein Licht ohne Schatten.
Seine vorbehaltlose Liebe schenkt seiner Tochter Gewissheit, dass sie für immer geborgen ist. Die Liebe, die ihre Eltern verbindet, umschließt und beschützt sie in allem.
Und dennoch hat Andreas fraglos recht: Unser Leben ist fragil, wir alle sind verwundbar, sterblich und jede Krankheit kann unsere letzte sein.

Wenn sich diese Frage überhaupt gestattet: Wie hoch ist die Schnittmenge Deiner Werke mit den Alben Deines Freundes Andreas Löhr und seiner gern mit dem Etikett „Düsterpunk“ versehenen Band „Fliehende Stürme“? Seine Musik trägt ja eine ähnlich kraftvolle Dunkelheit in sich.

Aktuelles Album „Neun Leben“ der „Fliehenden Stürme“

Etiketten sind selten hilfreich und bei Andreas’ Musik wohl eher dem Wunsch vieler Menschen geschuldet, in verbindlichen Kategorien zu denken. Mir ist das eher fremd. Düsterpunk? Punk insofern, als Andreas, wie jeder große Musiker, die Rebellion dem Opportunismus vorzieht. Seine Musik ist, wie Du sagst, kraftvoll – kraftvoll beseelt, oft melancholisch, doch immer dem Leben zugewandt. Und seine Leidenschaft ist, wie jene von Joy Division, eher introvertiert und damit besonders wirksam. Beethoven und Gustav Mahler würden heute vielleicht ähnlich komponieren. Für mich komponiert Andreas ohnehin sinfonische Werke für E-Gitarre, Bass, Schlagzeug und Synthesizer. Seine Musik ist ein Bekenntnis zur Harmonie, insofern sie nach Auflösung seelischer Dissonanzen strebt. „Neun Leben“, sein jüngstes Werk, zählt – für mich – zu den seltenen Alben, die sich jedem Klischee von Punk verweigern und längst ihr eigenes Genre bilden.
Andreas ist seit seiner frühesten Jugend ein passionierter Musiker, dem heute alles gelingt, weil sein Talent immer die richtige Übersetzung findet, auch in seinen Versen, die seiner Musik ein grandioses Libretto schenken.
Um jedoch Deine eigentliche Frage zu beantworten: Andreas und mich verbindet, was uns seit früher Jugend verbindet: Freundschaft, im besten – im poetischen Sinn. „Contra mundum“ – gegen die Welt – in der Welt – zu bestehen, auch wenn es schmerzt. Diese Rebellion war immer ein Teil unserer Existenz, ein Lebensgefühl, das uns seit den 1980er Jahren nie ganz verlassen hat. Manche nennen es Punk, ich nenne es Humanismus der Moderne.

Wie gehst Du damit um, wenn Dein Werk von so unterschiedlichen Größen wie dem österreichischen Verfassungsrichter a. D. Rudolf Müller oder eben Andreas Löhr als „Meisterwerk“ empfunden wird?

Komplimente wunderbarer Menschen hinterfrage ich nie; ich nehme sie lächelnd entgegen, freue mich über das Lob und hoffe, sie gelten meinen Büchern und nicht mir selbst. Letzteres wäre mir peinlich, ersteres jedoch ist mir immer willkommen.

Rudolf Müller beschreibt Dich im Vorwort als einen hoch gebildeten Humanisten mit dem Kopf in den Wolken und einer tiefen Zärtlichkeit für Deine Lieben, nimmt Dich gar als Philanthropen wahr. Ein Widerspruch zur Misanthropie im Buch oder einfach zwei Facetten einer literarischen Erlebenswelt?

Wer, wie ich, die Liebe über das Leben und das Leben über sein Wünschen stellt, verliert sich nie in Misanthropie, auch in seinen Büchern nicht. Was ich liebe, sind beseelte Menschen, was ich fürchte, ist die Ignoranz unserer Spezies und mehr noch die aggressive Verleugnung der Wahrheit durch meine Generation. Die 50-jährigen sitzen privilegiert auf dem Oberdeck der Titanic, genießen das milde „Klima“, derweil unter Deck ihre Kinder mit dem Ertrinken ringen. Hemingways Generationenurteil übernehme ich gern: „Ich habe eine große Zärtlichkeit und Bewunderung für die Erde und keine Spur davon für meine Generation.“

Sigmund Freud

Du arbeitest derzeit auch an einem umfassenden Werk über Sigmund Freuds Schaffen, hast eine enge Verbindung zu Wien. Woher rühren diese Liebe zum Urvater der Psychoanalyse und zur Stadt Wien?

Freud war ein furioser Redner, blendender Autor, Essayist und Homme de lettres. Er ist einer der letzten Universalgelehrten, die in jeder Disziplin brillieren und deren Repertoire an Metaphern und Allegorien unerschöpflich scheint. Die Psychoanalyse erzählt uns eine faszinierende Geschichte, bei der es m. E. nicht wirklich entscheidend ist, ob sie, wie einer seiner Kritiker süffisant bemerkte, „ein wissenschaftliches Märchen ist“ oder nicht. Der Vater der Psychoanalyse ist eine phantasiebegabte Ausnahmepersönlichkeit, wie sie in jedem Jahrhundert nur einmal in Erscheinung tritt. Wie Montaigne beschreibt er die Prosa des Alltags mit poetischer Meisterschaft. Sein Blick auf den modernen Menschen – seine Psyche und seelische Konstitution – gewährt uns tiefe Einblicke in unsere Kultur- und Zivilisationsgeschichte. Wer wie ich viele Jahre seines Lebens darauf verwendet, Sigmund Freuds Werk zu studieren, kommt nicht umhin, ihn zu bewundern.
Freud und das Fin de Siècle sind ohne Wien schwer vorstellbar. Bis heute ist Wien eine Stadt für Flaneure und streitbare Geister mit Liebe zur Literatur, und als junger Doktorand habe ich es unglaublich genossen, in Wiens grandioser Kulisse zu leben und wissenschaftlich zu arbeiten. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Mit meiner heutigen Arbeit zu Freud erlaube ich mir den Luxus, ihn im Spiegel der Literatur seiner Epoche zu betrachten und seine Epoche findet in Wien ihren Kulminationspunkt.

Michael, eine letzte Frage: Warum sollte man Dein Buch unbedingt lesen?

Weil es schön ist.

Vielen Dank für Dein Interview und viel Erfolg!

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweise: Privat, Edition Outbird, Majorlabel/Fliehende Stürme, Max Halberstadt.
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„Das Spannende an „Whisky & Sounds“ ist, einen komplett anderen Sinneseindruck zu konvertieren“ – Martin Plütsch im Interview

Martin Plütsch, junger Geraer Gitarrenvirtuose und seit einer Weile Mitglied des „Genuss & Kultur“-Künstlernetzwerkes der Agentur Outbird, wird am 29. 06. 2019 im Salon West in Annaberg-Buchholz handverlesene Single Malts aus vier Regionen dieser Erde in Form seiner musikalischen Interpretationen vorstellen. Ein paar Fragen an Martin:

Hallo Martin, magst Du Dich kurz vorstellen? Wie alt bist Du, was hat Dich zur Musik getrieben, was hat Dich inspiriert?

Sehr gerne. Ich bin der Martin Plütsch, noch 27 Jahre jung. Und zur Musik hat mich gebracht, dass ich noch ganz jung, als 12-, 13-jähriger mit einem sehr guten Freund eine Punkband gründen wollte. Wir hatten zufälligerweise eine Gitarre zuhause rumstehen, weil meine Mutter damals dachte, irgendwer hat vielleicht das Talent, darauf spielen zu lernen. Dadurch hatte ich dann Zugriff aus Instrumente und meine Spielleidenschaft war erwacht.

Welche Stile bevorzugst Du? Spielst Du Klassik, spielst Du Flamenco? Welche Musiker und Komponisten liebst Du?

Ja, vom Stil her triffts das schon ganz gut: hauptsächlich klassische Musik, dann taste ich mich auch an Flamenco und auch Blues ran. Zu meinen Lieblingskomponisten zählen ganz klar Bach, auch Domenico Scarlatti; das sind alles Komponisten, die an der Orgel und am Cembalo großgeworden sind. Ansonsten die typischen Gitarrenkomponisten, populäre Rockmusiker, wenn man so will…

Und wo siehst Du die Verbindung von Deiner Musik zu Whisky, was ist das Spannende für Dich daran? Was ist das Neue an diesem Spielfeld?

Das Spannende daran ist, einen komplett anderen Sinneseindruck zu konvertieren und zum Ausdruck zu bringen. Einen Geschmack, ein Aroma, quasi den Charakter eines Whiskys wahrzunehmen und herauszufinden, welches Musikstück das am Besten ausdrücken könnte.

Salon West

Das heißt, Du interpretierst Whiskys musikalisch bei den „Genuss & Kultur“-Abenden?

Ja genau, so kann man das in Kurzform sagen.

Was war Dein bislang wichtigster oder „größter“ Auftritt?

Da spielte ich im Geraer Rathaus zur Eröffnung der Höhlerbiennale vor versammelter Mannschaft: dem Ministerpräsidenten, der Oberbürgermeisterin und vielen weiteren hochrangigen EntscheidungsträgerInnen.

Letzte Frage: Was hat Dich zu Outbird gebracht, warum bist Du Teil unseres Künstlernetzwerkes?

Über Freunde und Bekannte, die selber meine Auftritte verfolgt haben und mich an Dich weiterempfohlen haben, ja selbst die Kontakte schon geknüpft haben. Das ging dann relativ schnell bis zu unserem ersten Kennenlerngespräch und gemeinsamen Ideen zu Veranstaltungskonzepten.

Vielen Dank für das Gespräch, lieber Martin.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweise: Adelheid Garschke, Privat.
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„Den einen oder anderen dazu bringen, Flüchtlinge als Menschen zu sehen“ – Mona Krassu im Interview zu „Freitagsfische“

Von Mona Krassu, Geraer Schriftstellerin und Romanautorin, ist dieser Tage bei Edition Outbird ihr zweiter Roman „Freitagsfische“ erschienen. Ein Roman, der den Leser schnell glauben lässt, in die Nachkriegszeit versetzt worden zu sein, so authentisch und genau ist Monas Blick.
Merkwürdiger Name, denkt man, bevor man auf den Klappentext schaut und neben Feridun Zaimoglus unbedingter Leseempfehlung das Thema erfasst: Flucht aus Breslau in die Sowjetische Besatzungszone und damit in ein schweres Leben voller Feindseligkeiten und Schwierigkeiten mit dem System.

Mona, was hat Dich bewogen, dieses Buch zu schreiben? Worum geht es darin?

Schon in frühester Kindheit lauschte ich den Gesprächen zwischen meiner Mutter und ihrer Schwester. Da hieß es immer: „Unsere Mutti hat es so schwer gehabt. Da hat sie Tag und Nacht genäht und wir lebten trotzdem von der Hand in den Mund.“ Nähere Erklärungen dazu gab es nicht. Ich wollte aber wissen, warum und wieso das so war. Die Mutter meiner Mutter, also meine Oma, war aber schon tot, als ich noch nicht mal auf der Welt war. Sie konnte ich also nicht fragen. Mutter und Tante antworteten ausweichend.
Um diesen Roman zu schreiben, befragte ich andere Zeitzeugen. Zu Flucht und Vertreibung, zu Anfeindungen in der neuen Heimat und so weiter. Wie im Roman üblich ist einiges, das hier erzählt wird, fiktiv. Es ging mir darum, diese Zeit für mich selbst begreifbar zu machen und auch darum, meiner Oma ein Literarisches Denkmal zu setzen und damit auch all den anderen Frauen, die in jener Zeit ihre Kinder allein satt kriegen mussten.

Das Buch weist deutliche Parallelen in die Gegenwart auf, Stichwort Flüchtlingspolitik. Ist und war das Deine Absicht, angesichts der seit Jahren laufenden Einwanderungsdebatte einen Rückblick zu gestatten? Welche (gesellschaftliche) Aufgabe siehst Du in Deinem Roman?

Ehrlich gesagt nein. Als ich mit der Arbeit an diesem Roman begann, war dieses Thema noch nicht so präsent. Die Parallelen sind mir erst, während wir zusammen lektorierten, bewusst geworden. Aber ich muss zugeben, es würde mich freuen, wenn dieser Roman den einen oder anderen (möglichst viele Menschen 🙂 ) dazu bringen würde, Flüchtlinge als Menschen wie du und ich zu sehen. Da steht ein Mensch vor mir, ich betone das Wort Mensch. Und dieser Mensch hat Schreckliches erlebt, Kriege, Tod, Armut usw.. Wir, denen es so gut geht, vergessen manchmal, dass es das Geburtsrecht eines jeden Menschen ist, ein Leben in Gesundheit und Freude zu leben. Das könnte also Aufgabe des Romans sein, wenn man in der Literatur überhaupt von Aufgaben sprechen kann. Ein anderes Lesegeschenk, dass der Roman machen kann, ist hauptsächlich an die jüngere Generation gerichtet. Was wissen junge Menschen heute über diese Zeit? Es ist sehr ernüchternd, wenn man manchen 16- bis 25-jährigen diese Frage stellt.

Wenn man sich mit Dir unterhält, merkt man rasch, dass Du das Schreiben sehr ernst nimmst. Wie sieht bei Dir der Schaffensprozess des Schreibens aus?

Ja, das Schreiben hat sich den ersten Rang in meinem Leben erobert. Die Themen finden mich, ich suche nicht nach ihnen. Sie entstehen durch intensives Beobachten der Welt, in der ich lebe oder mir erzählt jemand direkt etwas aus seinem Leben. Es ist, als würde ein Hund mich beißen, meist weiß ich sofort, das ist aber ein packendes Thema. Wenn ich also auf diese Art infiziert bin, mache ich mir Notizen. Ich kann dann genau sagen, wie meine Hauptfigur aussieht, wie alt sie ist, was sie will. Mehr aber nicht. Ich entwickle Romane von Szene zu Szene. Das heißt, die Figuren entwickeln den Roman weiter. Ich kann vorher kein Handlungsgerüst erstellen. Das habe ich versucht. Aber das waren dann keine Menschen, sondern Figuren, die auf Stelzen daher kamen und schnell umkippten. Geschrieben wird möglichst jeden Tag nach dem Brotjob. Das heißt auch an Feiertagen und im Urlaub.

Wie kamst Du zum Schreiben?

Schon als Kind las ich lieber, als draußen zu spielen. Die Bibliothek in Weida war nicht gerade groß, die Auswahl nicht so umfangreich, wie man das heute kennt. Schon im Alter von 13 Jahren hatte ich da alles gelesen, was mich mehr oder weniger interessierte.
Meine Mutter gab mir das Buch „Christa“ von Jurij Brèzan. Das war mein erstes großes Leseerlebnis, weil ich mit Christa fühlte, und wie sie aus Liebeskummer weinte. Mit ihr litt ich, als sie erkannte, was für ein Mensch ihr leiblicher Vater wirklich war. Auch später dachte ich hin und wieder an Christa. Jurij Brèzan hatte es also geschafft, dass Christa eine reale Person für mich wurde. Es dauerte trotzdem noch viele Jahre, bis mich das Schreiben fand. Meine erste Leidenschaft war nämlich die Musik. Meine Kindheit war geprägt durch das Singen im Chor. Singen machte mir Freude und ich kam mit dem Chor viel rum.
Und als ich mein Idol fand, Udo Lindenberg, da träumte ich, zu sein wie er, zu leben wie er, Lieder zu singen wie er, mit den gleichen Inhalten, was natürlich in der DDR unmöglich war. Der Traum platzte, als ich mich kurz nach der Wende bei einer Band als Sängerin bewarb. Ich erschrak selbst darüber, wie schräg mein Gesang beim Vorsingen klang. Ganz zu schweigen von dem Versuch, das Gitarrespielen zu erlernen.
Ich war unzufrieden mit dem öden Leben, als 22-jährige zur Arbeit zu gehen, nach Hause zu kommen, zu putzen, fernzusehen. Das konnte nicht alles sein. Durch die Kölschrock-Gruppe BAP wurde ich auf Heinrich Böll aufmerksam. Als ich „Wo warst du Adam“ und „Und sagte kein einziges Wort“ las, war es endgültig mit mir passiert. Ich wollte schreiben lernen und zwar so großartig wie Heinrich Böll.

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Was sind Deine Träume als Autorin und Mensch?

Natürlich träume ich wie jeder Schreiber davon, vom Verkauf der Romane leben zu können. Außerdem lese ich sehr gerne vor Publikum, auch wenn ich dann kurz vor einer Lesung immer denke: Warum tust du dir das an? Es ist einfach bewegend zu erleben, wie der Text auf die Zuhörer wirkt, wie sie ihn in eigenes Erleben umwandeln. Man wohnt dann einer Metamorphose bei, selbst wenn die Reaktionen negativ ausfallen sollten. Mir wurde ja schon mehr als einmal gesagt, dass meine Texte düster seien. Dazu stehe ich, weil es ein Ansinnen und somit auch ein Traum von mir ist, die Leser für Mitmenschen zu sensibilisieren, denen es nicht so gut geht. In einer Welt, wo Geld und Konsum bei vielen (vielleicht unbewusst) an erster Stelle stehen, finde ich es wichtig, dass wir uns wieder auf die eigentlichen Werte besinnen. Die liegen meiner Meinung nach im Miteinander, im gegenseitigen Austausch, im Ausdruck des Selbst, im Entdecken der Natur und im Weitergeben an nachfolgende Generationen. Amen. Große Worte, und ich zeige dabei auch auf mich, denn ich lebe selbst nicht immer nach diesen Werten. Aber ich bemühe mich.

Wie schätzt Du den Buchmarkt der (nahen) Zukunft ein? Welche Risiken und Chancen siehst Du?

Es wird viel gejammert über rückläufige Verkaufszahlen. Ich aber sage, Totgesagte leben länger. In Büchern steckt ja so viel mehr, als eine Geschichte. Obwohl alle dasselbe Buch lesen, liest doch jeder etwas anderes, weil der Leser eben sich selbst beim Lesen mit einbringt, seine Phantasie, seine Erfahrungen. Lesen kann Anregung oder Entspannung sein, es kann Nachdenken sein und Erkennen. So ein Medium stirbt nicht aus. Die Zahl der Leser wird wieder steigen. Was mich oft ärgert, ist die Vielzahl der Bücher, die auf den Markt geworfen werden. Weil das kein Mehrwert ist, sondern nur der Profitgier großer Verlagsgesellschaften geschuldet ist. Du bist da zum Glück eine positive Ausnahme.

Nicht selten sind kreative Geister sehr selbstkritisch und streng zu sich selbst. Was glaubst Du, woher das rührt? Was rätst Du solchen Skeptikern?

Jetzt hast Du mich aber voll erwischt. Ich bin auch so ein Schreiber. Ich finde immer wieder Textstellen wo ich denke: „mein Gott, was hast Du da bloß für Mist geschrieben?“. Aber ein paar Tage später ist dieselbe Textstelle dann wieder richtig gut.
An Tagen, an denen ich vor Beklemmung und Angst gar nicht schreiben kann, zwinge ich mich, an meinem Schreibtisch sitzen zu bleiben und trotzdem zu schreiben. Man kann es ja notfalls wegwerfen oder löschen, aber man ist in Gedanken in der Geschichte geblieben, das ist wichtig. Mein Rat also: „Sitzen bleiben!“

Horst Sakulowski, Thüringer Künstler (entwarf die Covergrafik)

Eine letzte Frage: Was wird in naher Zukunft von Dir zu erwarten sein? Wo wirst Du lesen, welcher Romanstoff wird auf „Freitagsfische“ folgen?

Lesen möchte ich gern überall. Feste Termine für den Roman Freitagsfische gibt es bisher in Suhl am 22. 8. in der Kulturbaustelle, in Weida am 8. 9. im Rahmen des Tages des offenen Denkmals in der Lohgerberei (bereits ab 11 Uhr), in Gera am 10. 9. in der Stadtbibliothek, am 3. 10. im Clown-Museum Leipzig und in Saalfeld am 2. 11. um 17 Uhr in der Saalegalerie (die fehlenden Uhrzeiten bitte erfragen, d. Red.).
Der nächste Roman ist in der Rohfassung schon fertig. Er spielt wieder in der ehemaligen DDR. Anhand der Hauptfigur, einem Mädchen, 1966 geboren, wird für den Leser sowohl geistig als auch körperlich erfahrbar, wie es war, in einer Diktatur aufzuwachsen. Das wurde schon in einigen Nachwenderomanen erzählt, ich weiß. Aber hier geht es um die Disziplinierung durch Medizin. Ein Thema, dass bisher nur in einem Sachbuch aufgearbeitet wurde. Die Opfer kämpfen noch heute um Entschädigung.
Es wird aber auch weitere Kurzgeschichten und Gedichte geben. Und mich hat schon wieder ein Thema für einen Roman gebissen. 🙂

Liebe Mona, ich wünsch Dir viel Erfolg. Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweis: Privat.
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„Ich sehne mich nach Gesprächen, die tiefer gehen“ – Frank Hildebrandt im Interview zu „Gedankenspiele“

Kurz vor der Leipziger Buchmesse 2019 erschien von Frank Hildebrandt in der „Edition Outbird“ sein Buch „Gedankenspiele“, eine Sammlung aus Gesprächen, Gedanken und Aphorismen. Ähnlich wie in Tomas JungbluthsKammerflimmern“ finden sich auch hier Elemente einer Gesprächsführung, die die Aussagen und Antworten des Gegenübers im Dunklen oder bestenfalls erahnen lässt. Fast könnte man vermuten, „Gedankenspiele“ würde auf moderne Art christliche Werte und Sünden auf den Prüfstand stellen, ohne sich mit religiösen Lebensentwürfen jedoch gemein zu machen. In unaufdringlicher, leichter Sprache stößt Hildebrandt zu Themen wie „Neid“, „Schuld“, „Verlust“, „Schubladendenken“ oder „Schwächen der anderen“ Antworten an, die wir selbst mitnehmen oder für uns finden können.

Frank, mit „Gedankenspiele“ ist es Dir gelungen, Philosophie als etwas Leichtes greifbar zu machen, etwas, dass es uns fernab von elitär-akademischem Theorien ermöglicht, viele Fragen des Lebens zu betrachten und Antworten darauf zu finden. Fast scheint es manchmal, als lösten Deine kurzen Betrachtungen zu verschiedenen Themen deren Schwere auf, die uns so oft in Medien und gesellschaftlichen Debatten glauben gemacht wird. Woher nimmt ein eigenen Aussagen zufolge so tiefer Mensch diese Leichtigkeit?

Ich denke, wer sich einmal mutig auf die Komplexität der Themen des Lebens eingelassen hat, ohne deren Schwere zu verdrängen, der trägt weniger Ballast.

In manchen Deiner Texte, beispielsweise „Das Gute“, reißt Du es als quasi Allgemeingut an, dass wir Menschen in ständiger Auseinandersetzung mit dem Destruktiven in uns stünden. Eine Aussage, die ich so nicht teilen kann. Mir sind immer wieder auch Menschen begegnet, die ihr Inneres bei aller Destruktivität in einer solchen Klarheit und damit mit der Gewissheit, nicht nur perfekt, gut und schön zu sein, nicht ertragen können, es vielmehr ausblenden, verdrängen oder projizieren. Folgt „Gedankenspiele“ mitunter einer Utopie, einem Wunschdenken für ein besseres menschliches Miteinander?

Ja, ich sehne mich nach Gesprächen, die tiefer gehen, die die Auseinandersetzung mit dem Destruktiven, den Mustern in uns, nicht scheuen. Ich gehe davon aus, dass jeder Mensch eine Vorstellung von dem hat, was er leben will. Kommt er darüber mit sich und mit anderen nicht ins Gespräch, in den Dialog, bleibt sein Wert auf der Strecke, d.h. sein Entwicklungsprozess stagniert. Und die Utopie verhilft dem Wert wieder auf die Sprünge.

Wenn man Dir begegnet, begegnet man einem angenehm unaufdringlichen, beinahe stillen Menschen, dessen Worte und Beobachtungen nicht erahnen lassen, dass Du in früheren Lebensjahren sehr politisch warst und dafür auch Unannehmlichkeiten in Kauf zu nehmen hattest. Willst Du uns etwas über Dein Engagement sagen und wie es dazu kam?

Ich war schon in der DDR ein politisch denkender Mensch, der seiner inneren Stimme, dem moralischen Gewissen folgen wollte. Ich setzte mich damals für die Einhaltung von Menschenrechten ein, dafür riskierte ich Gefängnis. Auch heute, in unserer Vorstellung von Demokratie, gilt es, etwas dem Zeitgeist entgegen zu-setzen und für Gerechtigkeit zu kämpfen.

Glaubst Du, dass wir Menschen, wir einzelnen Individuen etwas an einem ungerechten System ändern können? Was ist in Zeiten des Hasses und der Spaltung das Gebot der Stunde, worin liegt Deiner Meinung nach die größte Not für uns alle, zu handeln? Und vor allem: Wie können wir Konsumenten und Wähler und angesichts der alles durchdringenden Manipulation durch Politik und Werbung eine eigene, klare Meinung bilden? Kann „Gedankenspiele“ da nicht ein wichtiger Baustein sein?

Ich bin davon überzeugt, dass jeder Mensch etwas gegen den Hass und die Spaltung tun kann. Je bewusster wir uns der eigenen Stärke sind, je gründlicher wir die Analyse unseres Selbst und der gesellschaftlichen Situation betreiben, je besser werden wir in der Lage sein, uns und die Gesellschaft zu verändern. Gewiss, es kommt auf die kleinen Schritte an. Wir haben mehr Einfluss, als wir denken.

Ich hatte vorhin den Vergleich zur Narzissmus-Novelle „Kammerflimmern“ gezogen, deren Lektüre Dich im vergangenen Jahr sehr berührt hat. Auf der Buchmesse hatten wir das Gespräch, in dem klar wurde, dass diese (Un)Tiefe und bisweilen empfindsame Schwere Jungbluths auch in Dir angelegt ist. Wie kann man aus Deiner Sicht ohne Selbstzensur vermeiden, zu viel davon in engste Beziehungen einzubringen, quasi das Gegenüber zu überlasten?

Du kannst mit deiner Art zu sein, andere belasten. Trotzdem ist man so, wie man ist, ein Teil der Gesellschaft. Man trägt Verantwortung, für sich und für den Umgang mit anderen. Wenn man den anderen Menschen sieht, wer er ist, lässt sich möglicherweise ein Ausgleich finden.

Du sprichst so viele Themen an, die ich immer wieder als „Druckerzeuger“ wahrnehme – Gutmenschen zum Beispiel (in einer neuen, unbelasteten Definition), Schuld (ein sehr schweres Wort, wie ich finde) oder einer moralischen Instanz. Für mich gibt es in dieser Gesellschaft(sdebatte) nur noch die Möglichkeit, sich dem Sturm an Meinungen, Manipulationen, Negativität und Angsterzeugung zu entziehen (beispielsweise durch Vermeidung von Nachrichten) oder sich mit voller Kraft für eine bessere Utopie zu engagieren. Viele Menschen gehen ja in die innere Migration – sie verdrängen, schalten den Kopf ab, berauschen sich, folgen der frustrierten Masse, Stichwort AfD. War „Gedankenspiele“ für Dich eine Art Ventil, eine Art Notwendigkeit zum Druckausgleich?

Sicherlich war „Gedankenspiele“ eine Art Therapie. Etwas aufzuschreiben bedeutet für mich, etwas loszulassen. Und mit dieser Art Notwendigkeit, wie Du es sagst, suchte ich meinen Weg. Ich denke, andere könnten sich auch durch meine Themen mitgenommen fühlen.

Mitunter taucht in mir die Frage auf, wieso Du bisher so wenig veröffentlicht hast. Gibt es dahingehend Zukunftspläne? Was hast Du mit dem frisch erschienenen Buch „Gedankenspiele“ vor?

Jetzt war die Zeit reif dazu, dieses Buch zu schreiben. Ich wünsche mir, mit dem Leser, in Cafe’s, in philosophischen Runden, auch in Schulen vielleicht, in einen anregenden Gedankenaustausch zu kommen, über das Leben, wie es sein könnte. Gegenseitiges Lernen sehe ich als Voraussetzung dafür.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweis: Ingo Heine.
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„Vertrauen und Ehrlichkeit ohne Schnörkel zeigen diese Texte“ – Corina Gutmann im Interview zu „Kopfkino“

Corina Gutmann, Leiterin der Stadtbibliothek Greiz, ist seit vielen Jahren hochengagiert in Sachen kulturelle Vielfalt in der Region wie auch in der Gefängnisarbeit. Sie arbeitet in der JVA Hohenleuben mit Häftlingen, gibt beispielsweise Schreibworkshops. Aus diesen Workshops ist im vergangenen Jahr die unlängst in der „Edition Outbird“ erschienene Anthologie „Kopfkino“ entstanden, die Lyrik, Prosa, Kurzgeschichten, aber auch einen Songtext beinhaltet und die Workshoparbeit in zahlreichen Fotografien abbildet.

Corina, was war Deine ursprüngliche Motivation, Dich ausgerechnet in der Gefängnisarbeit zu engagieren?

Das passierte eher zufällig, damals zu Zeiten ohne Smartphone etc. kamen die Freigänger in die Greizer Bibliothek und nutzten die Internet-Arbeitsplätze. Na und mit der JVA-Beamtin Anke Hartmann arbeitete ich schon länger zusammen. Und wenn zwei Kreative die Köpfe zusammen stecken, entsteht etwas… Zwei Wochen später führten wir im Knast einen Vorlesewettbewerb durch und bald folgte Poetry Slam. Tja, und wenn man einmal dabei ist…

Du kommst im Rahmen dieser Arbeit sicher mit den verschiedensten Menschen zusammen, ist es angesichts dessen und der Bedingungen leicht, eine kreativ schöpferische Arbeit zu koordinieren?

Das ist eine Parallelwelt und doch ist es genauso wie „draußen“. Der Anstaltsleiter (mittlerweile der dritte) muss hinter dieser Arbeit stehen. Und man braucht in der Einrichtung einen Partner, mit dem man vertrauensvoll und auf Augenhöhe arbeiten kann. Das ist Anke Hartmann, einfach unglaublich gut, wie wir zusammen funktionieren. Und dann bin ich immer auf Sponsoren- und Künstlersuche für die Projekte. Das gleicht der Polarisierung in der öffentlichen Wahrnehmung, Begeisterung pur oder totale Ablehnung. Die Koordinierung ist im Knast natürlich immer aufwendiger, da geht es zum Beispiel um Sicherheit.

Wie kann man sich eine solche Workshoparbeit vorstellen?

Es geht um erwachsene Menschen, die Basis ist Freiwilligkeit. Also für mich ist das genau so wie „draußen“, man stellt sich vor und tastet sich heran und man weiß genau, wenn es nicht passt, kommt keiner mehr. Anders ist im Knast die Intensität. Es gibt keine Ablenkung zwecks Telefone oder Internet, da wird schon intensiver gearbeitet. Und bitteschön, das sind erwachsene Männer, „draußen“ arbeite ich doch eher mit Jugendlichen. Vertrauen und Respekt sind ganz wichtig.

Die Menschen, mit denen Du arbeitest, sitzen wegen ganz unterschiedlichen Fällen im Gefängnis. Kann man das differenzieren? Wieviele sind beispielsweise unverbesserlich, wieviele „mitgehangen und reingerutscht“, wie hoch ist schätzungsweise der Prozentsatz derer, die ihre Fehler bereuen und sich fest vornehmen, sich in der Zukunft ein anderes und besseres Leben aufzubauen?

Dazu bin ich nicht aussagefähig. Die Gefangenen erzählen mir während der Projekte oder als Justizhelferin von ihren Straftaten – oder nicht. Und fest steht auch, nicht jeder wird bei solchen Projekten mitmachen. Also ehrlich, all die, die ich kennengelernt habe und die sich mir anvertraut haben, waren nicht stolz auf ihre Straftaten und wollen draußen ihr Leben führen.

Du sagtest unlängst, dass Du aufgrund dieser Arbeit auch Ablehnung und Vorurteile erfährst. Wo liegen die Ursachen dafür?

Na sicher polarisiert diese Arbeit im Gefängnis. Da sind wir schon wieder beim „Kopfkino“, Bibliothekarin und Knast, das passt nicht zusammen. Man darf auch nie die Opfer vergessen, zu oft werden sie allein gelassen oder sie müssen sich rechtfertigen. Das verstehe ich sehr. Aber einfach wegsperren, wie es oft heißt „bei Wasser und Brot“, ich glaube nicht, dass das der bessere Weg wäre. Ursachen der Ablehnung für diese Projekte liegen gewiss auch in Unkenntnis, das Thema ist emotional. Ich bin gewiss keine Sozialromantikerin, aber was ich sehe an Resozialisierung in der JVA Hohenleuben macht Hoffnung. Da gibt es beispielsweise die Suchtberatung, Sozialarbeiter, Schul- und Berufsausbildung, so wird ein eigenverantwortliches Leben nach dem Knast gut vorbereitet. Und unsere Projekte passen da gut rein.

Wie unterscheidet sich aus Deiner Sicht das gesellschaftliche Miteinander im Gefängnis von dem in Freiheit?

Es ist eine Welt in sich, eben hinter dicken Mauern, alle müssen miteinander leben und auskommen. Ich werde immer sehr anständig behandelt und gehe mit allen normal und selbstverständlich um.

Deine Arbeit kommt nicht ohne starke Partner zustande, Du erfährst enge Unterstützung vom Leiter der Haftanstalt Jürgen Frank und der Freizeitbeamtin Anke Hartmann. Wie sieht so eine Kooperation aus?

Die ist eben genau wie alle anderen Kooperationen. Das ist sehr schön, dass der Anstaltsleiter die Kooperation so positiv unterstützt, sonst könnte diese überhaupt nicht stattfinden. Vertrauen und Augenhöhe sind wichtig. Anke Hartmann, die Freizeitbeamtin ist im Agieren meine Ansprechpartnerin. Ohne sie gäbe es diese Kooperation gar nicht. Das ist ein richtig gutes Zusammenarbeiten, also so ein bisschen verrückt sind wir beide, da entstehen eben auch außergewöhnliche Projekte.

Wie würdest Du „Kopfkino“ beschreiben, was bedeutet dieses Buch für Dich, was macht es aus und was spiegelt es wider?

Also ich bin so glücklich, das Buch macht mich froh. Und stolz bin ich, dass sie alle mitgemacht haben und dann auch ihre Texte unbedingt im Buch wollten. „Kopfkino“ – der Weg war das Eigentliche, was da miteinander beim Schreiben passiert. Wir haben ja um die 50 Stunden zusammen geschrieben, über das Geschriebene gesprochen und selbstverständlich auch über andere Dinge geredet, fotografiert, das macht etwas mit einem. Da wird Vertrauen aufgebaut und natürlich habe ich hinsichtlich der Veröffentlichung alles getan, um niemanden zu enttäuschen. Das wäre desaströs. Dieses Vertrauen und die Ehrlichkeit ohne Schnörkel zeigen diese Texte. Ja, da schenkst du jedem das gedruckte Buch und siehst in den Gesichtern den Stolz, die Freude?!

Hast Du einen Wunsch hinsichtlich des gesellschaftlichen Umgangs mit diesem Thema?

Joachim Fritzsche, Anstaltsleiter a.D., sagte immer, es gibt ein Leben nach dem Knast. Genau nach ein paar Jahren leben sie wieder unter uns. Das soll doch gut werden!

Vielen Dank für das Gespräch, liebe Corina.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweise: Frank Gutmann, Edition Outbird, Corina Gutmann.
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„Ich bin ein höriger Diener meiner Ideen und immer wieder gespannt, wohin die mich führen“ – Interview mit Andreas Hähle zu „Wahnsignale“

Andreas Hähle, Autor, Songtexter und Redner und 51 Jahre alt, veröffentlichte bei Edition Outbird Ende des vergangenen Jahres den verstörenden Roman „Wahnsignale“. Verstörend, weil er einen Lesesog entfaltet, der seiner Leserschaft keine Alternative des Entrinnens aus der zunehmend wahnhaften Welt des Protagonisten gewährt, die ihn mit den Wendejahren innerlich zerreißt. Andreas, der seit geraumer Zeit mit und gegen Krebs anzukämpfen hat, sprach mit uns über sein Buch und sein derzeitiges Leben.

Andreas, wann entstand „Wahnsignale“? Und war das Buch neben einem Rückblick auf die Verwerfungen der Wendezeit vielleicht auch ein unbemerktes Gleichnis, eine Ahnung auf das auf Dich Zukommende?

Die Idee zu dem Projekt „Wahnsignale“ kam mir bereits Anfang der 90er Jahre. Ich lebte damals noch in Stralsund und war tagtäglich mit den Verwerfungen und Traumata dieser Jahre bei den DDR-Bürgern konfrontiert. Es begann ja mit einer unglaublich wärmenden Kraft des Aufbruchs und des Neubeginns und da war auch ein riesiger Sog an Gestaltungswillen ganz unterschiedlicher Art und Intentionen. Die Menschen begannen Ideen zu entwickeln und zu entfalten. Plötzlich wurde alles umgedreht, die Ideen und Aktivitäten hatten keinen Wert mehr, sie passten nicht zu dem neuen Land, in welches die Menschen eingesogen wurden. Es sollte ursprünglich eine Kurzgeschichte werden, aber sie wurde länger und länger. Ich fand in meinem Kopf immer mehr Material dazu und die Handlung wollte sich weiter entwickeln. Irgendwann habe ich die Arbeit dann unterbrochen, weil ich mit dem Sujet nicht mehr weiterkam, aber auch, weil ich natürlich sehr viele andere Dinge im Kopf hatte und nicht wirklich eine Möglichkeit gesehen habe, bei einer eventuellen Fertigstellung dieses Projekts auch eine Veröffentlichung herbeiführen zu können. Irgendwann fand ich auf der Suche nach einer anderen Materialsammlung für ein anderes Projekt diesen Text wieder, las und stellte ihn fertig. Er wurde dann ganz anders als gedacht, aber so fand ich ihn gut. Eine Ahnung ist vielleicht immer da, von dem was kommt, was kommen könnte, was sein könnte, jedenfalls immer dann, wenn man sehr in die Tiefe schaut. Und bei diesem Roman habe ich sehr in die Tiefe geschaut. Der Protagonist bin ja nicht ich, das ist ein Konglomerat aus anderen Menschen, denen ich begegnet bin und auch ein Resultat aus vielen Gesprächen mit Freunden.

Wie würdest Du mit wenigen Worten „Wahnsignale“ beschreiben und wie erklärst Du Dir seinen Erfolg?

Erfolg? Nun, wenn der Roman ein Erfolg ist, kann ich ihn mir nicht erklären. Ich finde, es ist das schwerste Stück Literatur, welches ich je geschrieben habe. Schwer für mich beim Schreiben und ich dachte, er wäre auch sehr schwer zu lesen. Einige haben mir das auch bestätigt, wiederum andere kamen sehr gut damit zurecht und empfanden es eher als ein leicht zu konsumierendes und nachzuvollziehendes Werk. Vielleicht trifft es einfach den Zeitgeist, den Stand der derzeitigen Aufarbeitung der eigenen persönlichen Erlebnisse aus den 90er Jahren und der Erkenntnisse, zu denen man dabei gelangt. Und es werden viele tiefgehende Gedanken in Selbstmonologen des Protagonisten geäußert, die vielleicht doch für viele leichter nachvollziehbar sind als ich es beim Schreiben annahm. Ein bisschen kann es auch an der Sprache liegen, derer ich mich bediene. Diese und die Stilistik ist meine ureigene. Ich erzähle schon anders als andere Autoren. Nicht um mich abheben zu wollen, ich erzähle einfach so. Ich liebe Metaphern und Allegorien und Gedankenspiele sehr.

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Welche Bedeutung, welche Umbrüche brachten für Dich die Wendejahre? Wie nahmst Du diesen gravierenden, für viele entwurzelnden Umbruch wahr?

Für mich persönlich war die Wendezeit erst einmal das Ende meines Kabarettkollektivs „Die Wunderkinder“. Die Ereignisse überstürzten sich, ich schrieb jeden Morgen neue Texte, die dann am Abend der Aufführung bereits überholt waren. Also verordnete ich meinen Mitstreitern 1991 ein Jahr Zwangspause, um die Entwicklungen abzuwarten. Diese Pause dauert bis heute an. Erst vor einigen Tagen fragte mich zufällig ein Mitstreiter erstmalig nach dieser langen Zeit, ob wir nicht wieder zusammen auftreten mögen. So lange ging die Pause vorerst.

Aus meiner Sicht allerdings gab es keine eine Wende, es gab mehrere davon. Das eine war der Wille zum Aufbruch in ein humanistisches Land, „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ war das Label. Doch dann folgte die Gewalt der rein materiell interessierten Masse. Mit der hatte ich nicht gerechnet. Mit der konnte ich auch überhaupt nichts anfangen. Die überrannte – quasi konterrevolutionär – den aufkeimenden Humanismus und konterkarierte ihn sogar und spätestens mit der Einheit wurde der Humanismus durch den Turobokapitalismus in sein Gegenteil verkehrt. Die DDR wurde zum Ramschladen. Das kann man sich vorstellen wie früher Kolonialisten mit Insulanern gehandelt haben. Sie tauschten ihren Müll gegen Gold, das sie dann einfach verramschten. Die DDR wurde ausgeschlachtet und die Biographien entwertet. Es blieb nichts mehr übrig und der Humanismus, die Freiheit blieben dabei vergessen auf der Strecke.

Würdest Du der kursierenden Theorie zustimmen, die die Ursache des vornehmlich im Osten vorherrschenden Problems faschistischer Strömungen und Aktivitäten in dieser Entwurzelung und Herabwürdigung alldessen sieht, was einst die DDR ausmachte?

Ich stimme ja schon gar nicht zu, dass faschistische Strömungen kein gesamtdeutsches Problem sind. Mittlerweile sind sie eher sogar ein europäisches Problem. Die Ursachen liegen nicht nur in der Entwurzelung, wenn man in den Osten schaut, aber sicher auch. Man darf doch nicht vergessen, dass das Staatsgebilde DDR bis zum November 1989 ein sehr nationalistisches war und teilweise, in der staatlichen Doktrin, auffällig faschistoid. Mit Sozialismus hatte das ja schon gar nichts mehr zu tun. Nein, was da kaputt gemacht wurde, auch im Zusammenhang mit der Überbewertung des militärischen Aspekts, das haben diejenigen schon im vierzigjährigen Kopfbürgerkrieg hinbekommen, die den Sozialismus verwalten sollten. Im Westen wiederum gab es nie eine ernsthafte Aufarbeitung des Faschismus. Viele können Nazismus und Faschismus nicht einmal voneinander unterscheiden. Da fängt es ja schon an. Ich neige eher zu der sehr pessimistischen Einschätzung, dass der Faschismus des deutschen Michels alltägliches Grundempfinden ist. Das ist noch lange nicht weg. Man kann nur hoffen, dass der gerade aufkeimende Hypernationalismus schnell in einen im Vergleich dazu wesentlich intelligenteren Regionalismus strömt. Die Tendenzen dazu sind deutlich absehbar, das wäre schon gesamtgesellschaftlich beruhigender. Daraus könnte man etwas Neues gestalten, aber vom Humanismus sind wir leider noch weiter entfernt als Anfang der 90er, spätestens seit Schröder mit seiner Arbeitsmarktpolitik Deutschland zurück in die Feudalgesellschaft katapultiert hat.

Die Zöllner

Du hast in Deinen Schaffensjahren nicht nur als Redner gearbeitet, sondern auch zahlreiche Songtexte verfasst, beispielsweise für Die Zöllner, Transit und viele andere Bands und Musiker. Du warst als Produzent tätig, als Dramaturg, Redakteur, Kolumnist und auch im Comedy-Bereich. Woher kommt Deine Energie? Wo ziehst Du Deine Grenzen?

Meine Grenzen sind da sehr eindeutig und resultieren aus mittlerweile über vierzig Jahren Schaffens- und Lebenserfahrung. Ich mache nichts, aber auch gar nichts, was ich nicht kann. Ich habe vieles lernen und mir aneignen können, aber dabei auch gelernt, dass ich zu manchem nicht befähigt bin, was ich vielleicht auch mal machen wollte. Das habe ich sein lassen. Ansonsten bin ich ein höriger Diener meiner Ideen und bin selbst immer wieder gespannt, wohin die mich führen.

Wie ergab sich Deine Zusammenarbeit mit so vielen verschiedenen Musikern?

So seltsam es klingt: meist ergab es sich von selbst. Ich war ja bereits als Jugendlicher, so mit 16/17 Jahren kein unbeschriebenes Blatt in der sogenannten „Szene“. Ich wurde von Musikern angesprochen und sehr häufig sprach ich selbst Musiker und Bands an. Mit manchen wurde ich absichtlich bekannt gemacht. Zudem bin ich sehr viel unterwegs gewesen, auf Konzerten und man darf auch die eigenen Radio- und TV-Sendungen nicht vergessen, die ich gemacht habe. Auch dabei kam es zu vielen interessanten neuen Kontakten und Zusammenarbeiten. Und da ich kein Stubenhocker war, traf man sich auch außerhalb von Konzerten und ähnlichen Anlässen sehr viel. Und immer mal kommt jemand mit einer Idee zu mir oder ich habe eine. Man darf bei all dem allerdings nicht unerwähnt lassen, dass wohl über die Hälfte der anvisierten Projekte aus ganz unterschiedlichen Gründen doch nicht funktionierte. Was man dann am Ende sieht, ist immer nur so etwas wie die Spitze des Eisberges der ganzen Arbeit, die man miteinander leistet.

Du machst kein Geheimnis daraus, sprichst vielmehr immer wieder in längeren Postings in einer sehr einfühlsamen und klaren Sprache aus, wie es Dir mit Deiner nunmehr zweiten Krebserkrankung geht. Aus der Situation, nach einer Genesung wenige Monate später wieder erkrankt zu sein, entwickelte sich nicht zuletzt wegen der ausbleibenden Einnahmen als freier Künstler eine ziemlich große Spendenresonanz: Menschen rücken zusammen, Geld wird gesammelt, Die Zöllner und Die Seilschaft verkaufen Deine Bücher auf ihren Konzerten, Benefizkonzerte finden statt, eine Buchversteigerung des legendären ehemaligen Leipziger Szeneverlags Edition PaperONE steht bevor. Wie gehst Du damit um, was bedeutet dieses so starke Feedback?

Ich bin diesbezüglich sprachlos. Ich habe mit solchen Aktionen nicht gerechnet, erst recht nicht mit so vielen und mit so viel Resonanz dazu. Mir kommen täglich die Tränen der Rührung, wenn ich davon mal wieder etwas Neues mitbekomme und richtig fassen kann ich es noch immer nicht. Ich bin so unendlich dankbar und ja, auch glücklich. Vor allem das Zusammenrücken sagt mir sehr zu, da sind wir ja wieder beim Humanismus. Das gibt mir Hoffnung, nicht für mich alleine, die Krankheit geht ihren eigenen Weg und hat ihre eigenen Gesetze, aber gesamtgesellschaftlich erkenne ich zutiefst beeindruckt, dass es möglich ist, dass die Menschen sich an den Händen nehmen und sich Wärme, Liebe und Zuversicht spenden können, beieinander stehen, füreinander stehen. Das ist eine Wende nach meinem Geschmack und möge diese Haltung noch sehr sehr vielen anderen Menschen zugute kommen. Vor kurzem schrieb mir eine der Initiatorinnen, Grit Maroske, dass es allen Helfenden selber sehr gut tut, diese Kommunikation untereinander, diese Kreativität und vor allem: die Liebe, diese Liebe. Das ist es, was ich als Demut bezeichne. In manchen Momenten in jüngster Zeit aufgrund dieser ganzen Bewegung möchte ich die ganze Welt umarmen. Ich verneige mich zutiefst davor. Es gibt mir auch Kraft und Positivismus. Die Psyche spielt ja auch eine ganz große Rolle bei so einem täglichen Überlebenskampf.

Tumorzelle

Gestatte mir die Frage: Was bedeutet Krebs für Dich und für die Gegenwart? Selbst für mich nehmen die Fälle im direkten Umfeld zu; mitunter bekommt man den Anschein, dass die Krebserkrankungen rapide zugenommen haben. Teilst Du diese Ansicht? Kann und muss sich etwas in unserem Lebenswandel, in unserem Umgang mit Konflikten und Ernährung ändern?

Ich bin mir sicher, dass Krebserkrankungen massiv zugenommen haben. Eine medizinische Erklärung habe ich dafür nicht. Bestenfalls eine gesamtgesellschaftliche. Wir beuten uns alle zu stark selber aus, weil wir dazu gezwungen werden. Das Arbeitsklima, das menschliche Miteinander in diesem Turbokapitalismus ist krank und muss krank werden lasssen. Ernährung spielt da sicherlich auch eine große Rolle. Aber vielleicht ist Krebs tatsächlich eine Art spirituelle Metapher für das System, in welchem wir Menschen leben und leiden und auch andere leiden lasssen. Da muss sich etwas ändern. Ich halte Krebs nicht für ein rein medizinisches Problem, er ist auch eine psychische Seuche. Wir sind alle zu gestresst und zu wenig glücklich.

Es ist leicht vorstellbar, dass man viel Kraft braucht in einer solchen Situation – Du wie auch Deine Ehefrau Lika. Verändern sich damit die Träume und Pläne von einer Zukunft? Wird man sachlicher, minimaler oder vielmehr noch stärker?

Die Träume und Pläne haben sich tatsächlich maßgeblich verändert. Nicht so sehr wie es sich am Anfang anfühlte, als es erst einmal von ärztlicher Seite hieß: „Rien ne va plus“. Aber von einem Tag auf den anderen war alles anders. Sachlicher sind sie nicht geworden, ich bin nicht so materiell eingestellt, aber auch nicht wirklich minimaler. Da ich mich in Richtung Verrentung und Pflegestufe bewege, geht so manches nicht mehr. Vor allem der Hauptbrötchenerwerb, meine Rednertätigkeit, wird nicht mehr möglich sein. Es ist eine sehr schöne, aber unglaublich kräftezehrende Arbeit. Vor der Erstdiagnose wollten wir ja Landflucht begehen, also raus ins Grüne ziehen, auf unserem Grundstück im Leipziger Umland ein Haus bauen. So zum Leben an den Abenden im Frieden, als Kreativ- und Rückzugsraum. Meine Frau und ich wünschten uns dort einen kleinen Salon, wo sich unsere Freunde treffen und auch künstlerisch arbeiten können, auch miteinander. Einen Raum für weite Gedanken und natürlich, um sich gegenseitig kennenzulernen und kreative Netzwerke zu spannen. Daraus wird wohl nichts werden. Wir laborieren gerade mit Ach und Krach an der ganz schmalen Variante, unser kleines Häuschen winterfest zu machen und ein bisschen zu vergrößern, aber auch das wird wohl nicht bezahlbar sein. Wir werden wohl eher in eine kleine Neubauwohnung umziehen müssen. Was die künstlerischen Pläne betrifft, da weiß ich nur, dass ich nicht mehr so schnell und intensiv wie vorher arbeiten kann, dafür reicht die Kraft nicht aus. Dennoch will ich an der Kunst bis zum letzten Atemzug festhalten. Ich werde mit Sicherheit nicht vor meinem Tod in ein starres Schweigen verfallen. Aber ich habe auch nicht das Gefühl, dass ich mich beeilen muss, um noch dies und das und jenes zu bewerkstelligen. Was ich hinkriegen werde, kriege ich hin. Ich habe ja so viel Material, das würde selbst bei Büchern für zehn Jahre posthumes Veröffentlichen einmal pro Jahr reichen.

Du sagtest unlängst, dass Du Deine Termine weiterhin wahrnehmen wirst, nicht zuletzt bist Du am 21. 3. im Leipziger Clownmuseum, am 22. 3. beim Literarischen (Messe)Salon in der Leipziger Kunstgalerie Raum 16, am 17. 4. gemeinsam mit dem „Stern Meißen“-Sänger Manuel Schmid in der Geraer Stadtbibliothek und am 17. 5. in der Kulturbaustelle Suhl zu hören und zu erleben. Was wird von Dir literarisch in naher Zukunft zu erwarten sein? Arbeitest Du bereits an neuen Manuskripten?

Tatsächlich arbeite ich weiter. Ich habe bereits vor der Krebsdiagnose einen Satireroman begonnen, an dem ich weiter schreibe und neue Anfragen nach Liedtexten gibt es auch, denen nachzugehen ich bereits zugesagt habe. Ja, da kommt noch einiges. Das Schaffen ist mein Lebenselixier. Ohne könnte ich nicht sein. Gerade jetzt ist es für mich sogar wichtiger denn je. Und Ideen habe ich glücklicherweise noch sehr sehr viele.

Lieber Andreas, vielen Dank für das Interview.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweise: Volly Tanner, Edition Outbird, Detlef Liedmann, Wellcome Images
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„Ich kann nur um etwas kämpfen oder loslassen, aber hin- und herspringen verhindert, zu heilen“ – Tomas Jungbluth im Interview zu „Kammerflimmern“

Mit „Kammerflimmern“ legt Tomas Jungbluth ein Buch vor, das von seiner Sprachgewalt einerseits, seiner Thematik – einer schmerzhaften Trennung nach einer sehr anspruchsvollen Borderlinebeziehung – andererseits vor allem durch eine Art Seelen–Exhibitionismus geprägt und in gewisser Weise einzigartig ist. Der lange Monolog eines verarbeitenden Protagonisten, der einem Brief gleicht, zeigt Spuren von schmutziger Vertrunkenheit und bewegt sich doch in Sphären einer extrem sensiblen Persönlichkeit. Das mag zunächst widersprüchlich klingen, ergänzt sich aber im Gesamtwerk so wunderbar, dass ich beim Lesen feststellen musste, kein anderes Buch zu kennen, das diesem gleicht. „Kammerflimmern“ ist eines jener Sorte Bücher, die man nicht weglegen kann und, wenn es dem Ende zugeht, immer langsamer liest, weil es nicht zu Ende gehen soll.

Mehr als ein Grund, Tomas Jungbluth zu treffen und ihm einige Fragen zu stellen:

Hallo Tomas, ich freue mich, dass wir uns endlich mal wieder persönlich treffen. Grund dafür ist dein neues Buch „Kammerflimmern“. Wie kam es, dass du dich nach Jahren der Schreib-Abstinenz entschieden hast, wieder ein Buch zu machen?

Hallo Kruppe, die Freude ist ganz auf meiner Seite. Ganz untätig war ich ja nicht, im Frühjahr gab ich mit meinen Autorenfreunden Jenz Dieckmann und Ron Miller das Buch „Apokalyptischer Alltag“ heraus, ein dunkler, fatalistischer Rausch literarischer Abgesänge.
„Kammerflimmern“ selbst ist aus einem anwachsenden, inneren Drang heraus entstanden, der der Erlebenswelt eines engen Freundes entsprang. Besagter Freund hat sich zehn Jahre lang in der Männerarbeit engagiert und sprach oft in unseren Gesprächen vom Wohl und Leid sensibler, „zu“ weicher Männer. Ich bin selbst ein sehr sensibler Mann, mich interessiert das Thema Hochsensibilität und Abgrenzung in Partnerschaften schon seit Jahren. Als Grundgerüst für das Buch diente eine hochintensive Beziehung, die auf emotional voller Fahrt beendet wurde. Der Plot: Du steckst noch voller Liebe, alles ist zu Ende, Du wirst von der Ex-Partnerin immer wieder getriggert und in Dir läuft ein enormer Fluss ungespiegelter Gedanken und Gefühle ewig lange weiter. Das erzeugte einen enormen Rededruck, einen enormen Druck des Verarbeitens. Unter dem vorgenannten Druck reichten dem Protagonisten oder Erzähler ein besonderes Buch und zwei Schlüsselgespräche, um sich zu öffnen und dem folgenden Strom hinzugeben.

Welches Buch meinst du damit?

„Kleine Lichter“, das Debüt von Roger Willemsen. Dort führt er in der Rolle der Liebenden ebenso einen Monolog, bespricht Tonbänder für ihren im Koma liegenden Mann. Wenngleich auf Grundlage einer ganz anderen Geschichte, zeigt das Buch doch in einem unfassbaren Sprachreichtum, hohem Einfühlungsvermögen in die weibliche Seele und einer vielfältigen Sensibilität, was Liebe ausmacht, wie ich sie auch verstehe: Man bekommt nicht genug voneinander, man will wachsen und sich selbst bei innigster Nähe immer noch näher kommen. Mir wurde mit diesem einzigen Buch, dass ich zweimal nacheinander las, klar: wie Du empfindest, ist nicht unnormal oder „Borderline“, so IST Liebe.

Willemsen, ja, großer Mann, einer von denen, die leider viel zu früh gehen mussten. Ich will dennoch an dieser Stelle nachhaken, auch, wenn es ja im Grunde eindeutig in „Kammerflimmern“ geschrieben steht: Es handelt sich bei der Story um eine fiktive Beziehung?

Ja, absolut. Das Buch zu schreiben, hieß für mich, ähnlich einem Schauspieler eine andere Rolle einzunehmen, meine Grenzen zu sprengen und mich auf eine emotionale Reise in ein anderes Ich einzulassen. Und so setzt sich dieser Monolog oder sehr substantielle Liebesbrief aus Lebenserfahrungen im Spannungsfeld von Hochsensiblen und Borderlinern zusammen. Insofern ist das „Ich“ also mit künstlerischer Distanz zu betrachten, wenn ich hier nachfolgend aus dem fiktiven Standpunkt des Erzählers heraus antworte. Nicht zuletzt, um es nachvollziehbarer nicht nur für mich, sondern auch die LeserInnen zu machen.

Es lehnt sich also schon an real Erlebtes an, ist aber, wenn ich dich richtig verstehe, ein Puzzle aus vielem? Oder gibt es hier eine konkrete Beziehung aus deiner Vergangenheit, die hier Modell stand? Hast du eigene Erfahrungen in Sachen „Grenzverletzung“?

Ich selbst habe eine sehr fordernde Beziehungserfahrung hinter mir, wovon sich zahlreiche Verhaltensmuster meiner Partnerin deutlich im Spannungsfeld Narzissmus bewegten. Grenzverletzungen, mangelndes Abgrenzungsvermögen und Projektion gingen Hand in Hand. Insofern war das Thema für mich schon auch Kernthema der letzten Jahre. Nicht zuletzt, um mich selbst zu fragen nach meinen destruktiven Anteilen oder, warum ich solche Charaktere angezogen habe.

Und mein Protagonist, dessen innere Welt sich tatsächlich aus verschiedenen Schicksalen zu einem ganzen, fiktiven, eigenen zusammensetzte, sagt dazu: Dieselbe Frau, die mich in der Beziehung immer wieder wegstieß, konnte mich nach ihrer Trennung nicht gehen lassen. Grenzen wurden beständig überschritten. Und in dem Zustand eines noch voller Liebe steckenden Trennungsschmerzes meldete sich die Frau monatlich immer wieder unter verschiedensten Gründen, obwohl ich um Stille bat und darunter litt, weil es einem dauerhaft unerfüllten Versprechen und dem gelegentlichen Abernten meiner Flammen glich. Das klingt genauso, wie es ist bzw. war: eine sehr reiche, komplizierte, kaum zu verarbeitende Bindung unter andauernder emotionaler Ausreizung meiner komplexen Gefühls- und Verletzungsresonanzen.

Meinst du, Künstler brauchen solche Niedergänge? Braucht die Kunst das Absacken in die Keller der Emotionen?

Ja, Kunst braucht meiner Meinung nach mehr noch Schmerz als höchste Höhen, um großartig sein zu können. Unzählige Werke verschiedenster Disziplinen beweisen das sehr eindrucksvoll. Aber ich bin mir nicht sicher, ob „Niedergang“ und „Absacken“ die passendsten Worte sind. Ich bin ein sehr tiefer und in der Liebe mitunter auch sehr hochfühlender Mensch, der ebenfalls fiktive Charakter meiner Ex-Partnerin, mit der ich im Buch ja einen Monolog führe, sprach im Trennungsgespräch von ihrem Wunsch nach Leichtigkeit und ihrer Sucht nach Tiefe, an der sie scheiterte. Das Buch zu schreiben lässt sich mit dem Trennungsgefühl des Protagonisten vergleichen, nur eben „geliehen“ und komprimiert: ich war unter Wasser, wie im Tunnel, durchtauchte meine tiefe Gefühlswelt und schrieb darüber. Und bekam ganz nebenbei eine Ahnung davon, was Schauspieler beim Einnehmen intensiver Rollen aushalten können müssen. Und klar, mit Narzissmus, im Buch abgebildet, haben auch die Begriffe Leichtigkeit und Tiefe im Beziehungs- und Trennungsverlauf ziemlich dunkle Schatten bekommen.

Was heißt das genau?

In der stärksten emotionalen Wachstumskurve der Liebe der beiden, quasi am Anfang noch dazu obendrein zu Weihnachten, geht sie fremd. Ein Muster, was sie bei jeder der drei Liebesbeziehungen ihres bisherigen Lebens bereits frühzeitig vollzog. Und auf dem absoluten Zenit der Beziehung, die beiden haben ihre schönste Zeit und schwingen vollständig synchron, fragt sie ihn in einer der innigsten gemeinsamen Sommernächte bei Rotwein und Gesprächen plötzlich, ob es okay sei, auf Partys andere Männer zu küssen. Zu einer anderen Gelegenheit fährt sie mit ihrem Ex, den sie noch immer liebt, baden, er nackt, weil er keine Badesachen dabei hat. Und zwar an derselben Stelle, an der die beiden kurz vorher ebenfalls nackt badend ihr höchstes Liebesglück genossen haben. Eine stärkere Entweihung ist kaum vorstellbar. Auch gab es diverse Rauswürfe, On/Offs und Erniedrigungen. Solche narzisstischen Handlungsweisen werfen dunkle Schatten auf diese von ihr gelebte Leichtigkeit vor dem Hintergrund ihrer enormen Verletzlichkeit und lassen den beständigen Hang zur Grenzverletzung erkennen.

Nun ist „Kammerflimmern“ ja ein für dich insofern untypisches Buch, als dass deine Texte stets eher kurze, wenn auch intensive Abrisse eines Zustandes waren. Hier liegt uns nun ein Monolog von einer recht ausführlichen Länge vor. Wie fühlt es sich an, wenn der letzte Punkt gesetzt ist? Kannst du, nach dem letzten Zeichen direkt aufhören oder modellierst du noch an deinen Sachen herum und wenn ja, wie lange?

Das Schreiben selbst war ein Ventil, ein Verbrennungsprozess und Verstehenwollen sehr intensiv erlebter Gfühlswelten, wenn man so will. Meinem Wesen entsprechend durchdenke ich bis zu einem Ende des Loslassens immer wieder Passagen, Fragmente, Ebenen, Zusammenhänge, fehlende Aussagen. Erst heute sagte mir eine gute Freundin, ihrerseits Therapeutin, dass ich ein ganzes Stück weit der komplexen Art des Erzählers, zu fühlen und zu durchdenken, gleiche: im Grunde sehr weiblich.
Du würdest mich für verrückt erklären, wie oft ich das Skript, nachdem es sein endgültiges Gerüst hatte, gelesen und bearbeitet habe. Heißt, das Schreiben selbst war in einer extrem kurzen Zeit vollendet, der Spannungsbogen und Feinschliff dauerte aber mindestens weitere drei Wochen täglicher Stundenarbeit.

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Du bist also so etwas wie ein Perfektionist? Einer, der die Finger einfach nicht still halten kann, weil hier und da immer wieder ein Gedanke einschießt, der das Ganze vielleicht noch besser machen kann?

Ich hab mich als Chaot nie als solcher gesehen, aber ja – Du hast Recht. Ich scheine tatsächlich ein extremer Perfektionist beim Entstehungsprozess des Buches gewesen zu sein. Ich bekam eine Ahnung davon, dass andere Autoren, die ihr Skript lieben, es an manchen Tagen einfach nur grundbeschissen finden und am liebsten entsorgen würden, oder was es für Künstler heißt, irgendwann loslassen zu müssen, weil man sonst beginnt, den Zenit des Werkes zu überschreiten und den Glanz wieder abzutragen, quasi zu dekonstruieren, was man geschaffen hat.

Das impliziert ja, dass du gewissermaßen ein Problem mit dem Loslassen hast?

Nun ja, ich als Autor, der Erzähler in Position des Liebenden definitiv auch, jedenfalls aus herkömmlicher Sicht… er liebt diese Frau ja noch heute, hat ja mehr als ein halbes Jahr gebraucht, um überhaupt klar zu sehen, wie scheiße er sich in der Beziehung über die Maßen lange hat behandeln lassen. Nicht, dass er es nicht schon immer reflektiert hätte… Insofern kam er in seiner tiefen Liebe auch nie los von ihr, die sie sich über Monate immer wieder in seinem (Gefühls-)Leben sichtbar machte, ihn bewusst oder unbewusst immer wieder triggerte. Und natürlich manifestierte sich mit dem Buch die Frage, wie lange ein Verarbeiten und Loslassen denn eigentlich braucht oder maximal brauchen sollte und wer das überhaupt sagen kann. Jeder Mensch liebt ja anders, und Borderliner beziehungsweise Narzissten wahrscheinlich noch einmal ganz anders.
Umso wichtiger empfinde ich Konsequenz, die in jeder Hinsicht wichtig ist: Ich kann nur um etwas kämpfen oder es loslassen, aber zwischen den Polen hin- und herspringen, wie es die Ex-Partnerin im Buch monatelang machte, ist Qual und verhindert beiden, weiterzukommen, zu heilen und sich irgendwann vielleicht gesünder wiederbegegnen zu können, weil es destruktive Reaktionsmuster aufruft. Klar, dass das Buch auch eine erhebliche Ladung an Zerrissenheit in sich birgt.

Und da sind wir auch thematisch bei deinem Buch. Wie war das für dich, dir die Erinnerungen an offenbar schmerzliche Momente deiner Vergangenheit hervorzurufen, sie zu vergegenwärtigen und zu analysieren bzw. einen Charakter zu schaffen, der verschiedene Trennungssituationen vereint? Würdest du die Arbeit daran Kraftakt nennen?

Es war ein enormer Kraftakt, ja. Das Einnehmen eines anderen Charakters zum Einen, das Eintauchen in eine Gefühlswelt, die der meinen nicht unähnlich ist. Man geht mit diesem Gedankenspiel in eine tiefrote Welt des Schmerzes und der Liebe. Leiden, um Schmerzschichten abzuschälen – vielleicht so. Dieses aus dem Buch heraus schimmernde Gefühlsprofil ist ja der stete Tanz von „zu viel“ Liebe und Schmerz in allzu enger Verwandtschaft. Was man liebt, versucht man zu zerstören bzw. man ritualisiert Ablehnung, die man durch das Zufügen von Schmerz dem Anderen gegenüber erreicht. Das Buch hat diese Gefühlswelten komplett nach vorne geholt.

Du sagtest mir vorhin im Vorgespräch, dass du „Kammerflimmern“ in weniger als drei Wochen geschrieben hast. Offenbar nagten Dinge aus deiner Vergangenheit an dir, die du loswerden wolltest. War das eine Art Druck, eine Art Zwang zum Loslassen, um los zu werden?

Ja, ab diesem im Buch erwähnten „Point of no Return“ gab es keine andere Möglichkeit mehr. Ich musste schreiben, ich musste diese in mir gespeicherten Narben abtragen, ich musste den „geliehenen“ Vulkanismus bedienen. Ich rannte tagelang wie Falschgeld rum, wollte immer nur zum Skript zurück, weil der Kopf selbst unterwegs ständig weiterschrieb.

Du sprichst in „Kammerflimmern“ einige Mal das Wort Hochsensibilität in Bezug auf dich, aber auch die Protagonistin, an. Was macht aus Deiner Sicht Hochsensibilität aus?

Ich verstehe es so: Hochsensibilität ist eine Gabe, aber auch eine Last, ein tiefes, inneres Spannungsfeld. Es ist wie mit dem Tanz auf dem Vulkan, einem fast permanenten unter Spannung stehen, einem beständigem Switchen zwischen diversen Wahrnehmungs- und Verständnisebenen vergleichbar und erklärt sich mit einer oftmals oder dauerhaft sehr hohen Wahrnehmung. Vom Erinnerungsvermögen von vor Monaten besprochenen Gesprächsdetails ganz abgesehen. Allerdings: Das normale Leben hat seine Unwuchten, ist aber als Single im Sinne zu verarbeitender Impulse und Energien um Einiges leichter.

Als Mann ist es allerdings tatsächlich schwieriger, in seiner Hochsensibilität und Verletzlichkeit angenommen zu werden. Das öffentliche Bild impliziert den starken, souveränen Macher – ein fast schon „ewiggestriges“ Bild. Und Frauen, die dieses Einfühlsame, Feinempfindende und Verständnisvolle als so wundervoll empfinden, vermissen nicht selten irgendwann, krass formuliert, doch auch wieder einen Alphatypen, der nicht hinterfragt, sondern einfach entscheidet, wo es lang geht. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel. Wir Menschen haben noch jede Menge Spielraum nach oben, um Urmuster in uns zu etwas Größerem, Besserem reifen zu lassen. Und für mich ist eine einfühlsame und „gefühlsehrliche“ Welt definitiv die bessere als diese Maske der Härte und Coolness, die so über die Maßen viele glauben, vor sich hertragen zu müssen.

Ich hatte mit Fertigstellung ja auch einige Telefonate mit Tami Weissenberg, der ja quasi zeitgleich mit seinem Buch „Darjeeling Pur“ in der „Edition Outbird“ erscheint, worin er seine vielen Jahre erfahrener Ehegewalt erzählt. Ich entschuldigte mich fast bei ihm, weil die von mir literarisch gespiegelte Leidenswelt wesentlich geringer gewesen sei. Er sagte „Wer will das entscheiden? Schmerzempfinden ist ja bei jedem anders.“ Und natürlich sprachen wir über weiche, sensible Männer, die wie umgekehrt Frauen in gewissen Beziehungen Herabwürdigung, Respektlosigkeit oder gar Misshandlung erfahren müssen und da nicht herausfinden. Kurz gefasst: Es gleicht der Suche nach der Nadel im Heuhaufen und bedarf einer gewissen Reife und feiner Antennen, einem/r gereiften, in sich ruhenden PartnerIn zu begegnen, die / der diese Eigenschaften achtet.

Ich weiß ja auch von dir, dass es zumindest die Verdachts-Diagnose Borderline gibt. Meinst du, es gibt einen Bezug zwischen Hochsensibilität und Borderline?

Das ist eine gute Frage. Erstens: Die Diagnose ist mittlerweile widerlegt, die Schnittmenge der Aussagen verschiedener Therapeuten, auch aus dem Freundeskreis und mit entsprechender Nähe zu mir, ist „einfach“, dass ich sehr reichhaltig an Emotionen und Wahrnehmung bin und sich daraus auch beständige Spannungszustände ableiten lassen. Selbst gewisse Reaktionsmuster in einer Liebesbeziehung treffen darauf nicht zu. Vielleicht greift bei dieser Fehldiagnose das noch mangelhafte Fachwissen hochsensibler Männlichkeit.

Zweitens: Hier fehlt mir die Kenntnis, aber vermutlich ist die Schnittmenge sehr hoch, wenn man bedenkt, dass Borderliner in der Regel hochintelligente und sehr sensible Menschen sind. Ich denke, dass die Defizite fehlender Regulierungswerkzeuge der Gefühls- und Spannungswelten sehr ähnlich sind. Manchmal kann man deren Wesenswelten mit Naivität vergleichen: sie wissen einfach nicht, wie man diese massive Menge täglicher Spannungen, Impulse und Energien effizient, gelassen und möglichst schadlos verarbeiten kann, wo die eigenen und anderen Grenzen liegen und wie man seinen Bedarf zum Auftanken und Runterkommen erkennen und organisieren kann. Man will ja auch beständig äußeren Anforderungen und Bedürfnissen gerecht werden.

Freilich ist ein Buch, so steht es im Abspann, fiktiv, aber ein bisschen Wahrheit, das haben wir ja nun festgestellt, als wir vom Puzzle diverser Erlebnisse in deiner Vergangenheit sprachen, ist ja in jedem Werk. Hattest Du Gewissensbisse mit Fertigstellung des Buches?

Ja, weil es hochverletzliche Menschen widerspiegelt und das da draußen tagtäglich vielfach Realität ist. Und weil ich mit dem „Okkupieren“ der Liebesgefühle der Protagonisten ja nicht nur in deren beider Welt eindrang, sondern auch noch mit chirurgischer Präzision all die Fasern und Prozesse aus einer zerbrechenden bzw. zerbrochenen Liebe sichtbar machte. Dabei will das Buch nur dieses so unbegreiflich Hochverletzliche verstehen und schützen. Ein scheinbarer Widerspruch. Neben der Gefahr, darin nicht die alles tragende einzigartige Liebe, sondern die Risse, Blutungen und Spiegelungen zuvorderst wahrzunehmen, hatte ich auch lange mit dem Punkt der künstlerischen Freiheit zu tun, sprach aus eigenem Interesse auch viel mit meinem Verleger, anderen Autoren, Freunden, einem Dramaturgen.
Oft stellte sich meinem vorhin schon erwähnten Freund in der Zeit seiner Männerarbeit und diesen sich so oft wiederholenden Mustern scheiternder Beziehungen die Frage, wie weit man gehen kann, weil sie alles an einer toxischen Beziehung in ihrer beständigen Grenzüberschreitung sich und dem Anderen gegenüber ausdrückt. Und klar hab ich auch die Position des Karma hinterfragt, weil ich diese so fragilen wie wundervollen Charaktere schützen will. Für einen Schutz aber braucht es Klarheit, beispielsweise in Form der Offenlegung von Mechanismen, die so einfach ein klares „No Go!“ erkennen lassen, aber in abhängigen Paardynamiken so selten durchbrochen und überwunden werden können. Solche Reflektionen finde ich wichtig.

Zum Schluss interessiert mich noch, ob es aus deiner Sicht ein Konzept gab, was den Sprachstil angeht. Du hättest ja auch wesentlich direkter und klarer schreiben können, nutzt aber eine sehr poetische, ja fast lyrische und an Metaphern reiche Sprache. Woran liegt das?

Darauf gibt es eine für mich einfache Antwort: Ich kann nicht anders. Meine Sprache kann gerade, wenn sie von Emotionen angetrieben wird, sehr bildreich und intensiv sein. Unter dem Antrieb, dieses Buch zu schreiben, bewegten sich viel Liebe und Schmerz aus eigenen früheren Erfahrenswelten. Sicher hat das ganz wesentlich dazu beigetragen.

Ich danke dir für das Interview und wünsch dir viel Erfolg mit deinem Buch…

Das Interview zeichnete K. Kruppe auf.

Bildnachweis: Privat
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„Ich habe das Buch in einer Zeit geschrieben, als Okkultismus & Poesie mein täglich Brot waren“ – Susanne Agnes Fauser im Interview zu „Lilian“

Susanne Agnes Fauser, Schamanin und Schatten/Lichtarbeiterin, legt mit ihrem Debütroman „Lilian“ eine prachtvolle dunkle Perle vor, deren Plot sich der Unergründlichkeit des verhängnisvoll symbiotischen Liebespaares Lilian und Nat annähert und erst allmählich und unter Hochspannung Antworten auf die zahlreichen Fragen Aschmedays liefert.

Nun sind ja beide, Lilian mehr noch als Nat, fesselnde Figuren mit einer dunklen Aura, die gesellschaftliche Konventionen ablehnen und ihr Anderssein kompromisslos leben. Bitte beschreib die beiden doch mit wenigen Worten.

Lilian ist Poetin durch und durch. Tief. Tough. Sie weiß, wer sie ist und was sie will. Ihre dunkle Aura lässt durchaus Licht zu.

Natürlich hat sie Schmerz, Verlust und Ungerechtigkeiten erlebt, aber sie ist unbeugsam. Das schätze ich sehr an ihr. Ich empfinde sie als sehr liebevoll, als jemand, der zwar vorsichtig und misstrauisch ist, aber doch voller Hingabe. Lebensbejahend.

Nat ist ebenso vielschichtig. Poetisch, düster, gebildet und von etlichen inneren Dämonen gejagt.

Den Tod am Ende zu wählen, wenngleich es auch kein Suizid ist, denke ich, ist ziemlich einleuchtend. Er scheint alles gesagt zu haben. Alles erlebt zu haben. Es gab nichts mehr, was noch interessant genug war, um dafür weiterzuleben. Manche Leben, manche Menschen sind so. Nicht aus irgendeinem Jammern heraus, sondern als klare Entscheidung.

Wieviel steckt in „Lilian“ von Dir drin?

Ziemlich viel, würde ich sagen. Ich habe Lilian immer als eine Art Alter Ego betrachtet.

Vielleicht bin ich mittlerweile „heller“. Fröhlicher. Aber ich muss sagen, ich liebe Lilian sehr. Was mich auch beeindruckt hat, war Holgers Arbeit. Er hatte ihr Portrait ursprünglich ganz anders geplant, doch SIE wollte es anders. Dass Holger gleich so einen Zugang gefunden hat, das fand ich sehr schön. Aber so ist er eben (lacht). Großartig!

Du sagtest einst, dass dieses Buch quasi aus einer anderen Welt durch Dich hindurch zu Papier kam. Warst Du beim Schreiben offline gegenüber der normalen Alltäglichkeit?

Wahrscheinlich kann man es so beschreiben, ja. Ich habe das Buch in einer Zeit geschrieben, als ich ausschließlich Nick Cave (den ich heute noch immer sehr liebe!!!) und Dead Can Dance gehört habe und Okkultismus und Poesie mein täglich Brot waren.

Die Geschichte von Nat und Lilan kam zu mir, als ich Idiot Prayer hörte. Das ist für mich DER Song, der diese Geschichte überhaupt erst möglich machte. Ich glaube absolut daran, dass all die Geschichten dann in die Welt entlassen werden. Das mag nicht für alles gelten, das ist klar, aber die Art von Kunst. die es vermag, die Herzen und die Seelen der Menschen zu berühren, Kunst, die durch Schmerz oder Freude, tiefe Emotionen entsteht, die hat immer auch etwas Transzendentales, etwas Magisches . Nicht umsonst zum Beispiel waren in alten Zeiten Poeten und Magiere ein und dasselbe.

Was bedeutet dieses Buch für Dich und wie hat sich seine emotionale Bedeutung beim Ersinnen, beim Schreiben und jetzt, mit seiner Veröffentlichung, für Dich verändert?

Dieses Buch zu schreiben war so eine Art Katharsis. Andere Geschichte – dieselbe Farbe der Emotion.

Es ist wirklich mit Herzblut geschrieben und ich denke, dass es Menschen gibt, die dieselbe Tiefe besitzen, die empfinden was ich empfand beim Schreiben. Im Grunde ist diese Art der Liebe noch immer das, was ich für mich selbst als Liebe definiere.

Ich habe einen Skorpion-Aszendenten, da langweilen Oberflächlichkeiten schnell. Menschen, die Angst vor ihren eigenen Abgründen und inneren Dämonen haben und davonlaufen, anstatt sich ihnen zu stellen, interessieren mich nicht. Da findet keine Entwicklung statt. Stehende Gewässer sozusagen.

Ich kann das Buch heute lesen und mag es noch immer sehr. Dass ich es nun veröffentliche, darüber freue ich mich natürlich total! Ich hoffe Nat und Lilian werden ihre Anhänger finden, die sie ebenso sehr schätzen, wie ich das tue. Das Interessante ist ja, dass man seine Protagonisten sehr genau kennenlernt im Laufe der Zeit. Sie wachsen einem ans Herz und man will, dass sie gut behandelt werden.

Du arbeitest als Schamanin und erwähntest in einem unserer Gespräche, dass Du damit den Weg Deiner Urgroßmutter und Großmutter fortführst. Welche Zündfunken und Impulse haben Dich Schamanin werden lassen? Welche Schule bist Du durchlaufen?

Ich hatte schon als Kind so diese Gabe mehr zu sehen als Andere. Mitfühlender zu sein. Im wahrsten Sinne des Wortes. Es hat viele Jahre gedauert, bis ich dahinter gekommen bin, dass vieles von dem, was ich so fühlte, gar nicht meine eigenen Emotionen waren. Ich war immer wie so ein Schwamm. Und mittlerweile achte ich auch sehr darauf, mich nur noch mit solchen Menschen zu umgeben, die mir gut tun. Ich bin sehr klar und ziehe auch sehr klare Grenzen.

Ein weiteres Talent, das ich schon immer hatte, war, hinter die Masken der Leute zu schauen, das macht einen natürlich nicht immer beliebt (lacht). Auch wenn ich meistens gar nichts dazu sage. Ich konnte mich noch nie anpassen, mich noch nie „unterordnen“, was meine Eltern zum Wahnsinn getrieben hat, was ich heute sogar ein bisschen verstehen kann (kichert). Ich war sehr rebellisch.

Alles, was einengt, was Monotonie, Ignoranz, Desinteresse ist, die groben Töne, das ertrage ich bis heute nicht. Und will es auch nicht!

Meine Mutter sagte mal, für sie wäre es sehr schwer gewesen, unheimlich, eine Tochter wie mich zu haben. Ich war da immer wie so ein Fremdkörper in dieser bürgerlichen Welt. Meine Werte waren und sind andere.

Und ich hatte schon immer das Bedürfnis meine Grenzen auszuloten. Alles selbst zu erleben, zu erfahren, zu wissen. Das sogenannte „normale“ Leben hat mich nie interessiert. Ich brauche Inspiration, Intensität, Tiefe. Loyalität ist mir wahnsinnig wichtig.

Immer neue Erfahrungen zu machen und mich immer wieder selbst neu zu erfinden, das ist für mich ein Lebenselixier. Ich wäre geradezu tödlich gelangweilt, wenn alles immer vorhersehbar und geplant wäre.

Dieses Schamanische, das habe ich viele Jahre einfach gemacht, ohne dafür überhaupt einen Namen zu haben. Das wurde mir im Grunde erst klar, als ich vor 15 Jahren bei Clemens Kuby Seminare besucht habe.

So richtig ernsthaft damit begonnen habe ich, als der Vater meiner Tochter an AIDS erkrankt ist. Wir waren damals schon kein Paar mehr, aber ich habe ihn gepflegt bis zu seinem Tod und in dieser Zeit und den 15 darauffolgenden Jahren, in denen beinahe mein gesamter damaliger Freundeskreis starb, war ich quasi gezwungen, mich mit diesen Themen zu befassen. Tod. Krankheit. Sinnfragen. Alles, was man ja eigentlich von sich fernhalten will oder erst in einem hohen Alter beginnt, sich damit auseinander zu setzen, wenn überhaupt, das brach in mein Leben schon sehr frühzeitig ein. Doch durch all den Schmerz, all die Verluste traten mit einem Mal aber auch Fähigkeiten in mir zutage und Connections zu, ich sage mal, anderen Wesenheiten, nenn es Lehrer, nenn es Spirits, die mich sehr viel gelehrt haben und es immer noch tun.

Manchmal durch Träume, manchmal durch Begegnungen mit Tieren und Pflanzen, manchmal durch Stimmen, die mir irgendetwas erklären oder innere Bilder… das ist für mich alles miteinander verwoben.

Ich war schon immer eine Gefühls-Synästhetikerin. Das heißt, ich habe zu allem, was geschieht, zu allem, was ich wahrnehme, Bilder, manchmal regelrechte Filme.

Um dem Ganzen aber auch einen rechtlichen Rahmen zu geben, habe ich eine Ausbildung als psychotherapeutische Heilpraktikerin gemacht. Mich hat auch die schulmedizinische Sicht interessiert.

Davor habe ich bei Wolfgang Döbereiner in München 9 Jahre lang Astrologie studiert.

Wie muss man sich die Arbeit einer Schamanin vorstellen, welche Arbeitsfelder gibt es?

Ich sehe mich als moderne Schamanin. Ich brauche das ganze Brimborium drum herum nicht. Und ich bin auch nicht der Typ Frau, der sich in Felle hüllt oder sowas. Das sind ja nur Äußerlichkeiten. Und wir leben in der heutigen Zeit.

Die Leute, die zu mir kommen, haben ganz unterschiedliche Anliegen. Die einen haben regelrechte Odyseen hinter sich an Psychotherapien, die ihnen nicht helfen konnten, andere wiederum haben schwere Erkrankungen, wieder andere haben geliebte Menschen verloren oder haben andere schwere Lebenskrisen. Depressionen, Ängste, spirituelle Krisen… da ist alles dabei.

Ich arbeite mit jedem Klienten, jeder Klientin anders. Es ist immer ganz individuell. Was ich sagen kann, ist, dass ich mich leiten lasse von meinen Helfern, nennen wir das mal so. „Sie“ wissen dann immer, besser als ich es täte, was zu tun ist.

Wie ich arbeite… je nachdem, was die bestmögliche individuelle Methode ist. Ich bringe Klienten dazu, sich an die längst vergessene Situation zu erinnern, die ihrer Symptomatik oder ihres Problems zugrunde liegt. Das ist wie ein Film, dessen Drehbuch man dann schlussendlich umschreibt. Die Gehirnforschung hat ja längst bewiesen, dass Gefühle IMMER echt sind und wirken, selbst wenn wir im Kino sind und wissen, dass es nur ein Film ist.

Buch im Verlagsshop: bitte Cover anklicken.

Wenn jemand erkrankt ist oder unter Mobbing leidet oder was auch immer, liegt dem Ganzen stets eine bestimmte Situation zugrunde, die man zumeist verdrängt hat. Doch dieses Gefühl, das man dabei hatte, das erlebt man wieder und wieder in den unterschiedlichsten Begebenheiten.

Ich lese das morphogenetische Feld aus und kann dort sehen, was los ist. Und was man tun kann, um eine Veränderung herbeizuführen. Manchmal ist es auch besser, schamanisch zu reisen, um mit den Spirits zu verhandeln. Zu erfahren, was man tun kann, was nötig ist. Das kann manchmal auch eine Entschuldigung sein, die vor langer Zeit getanes Unrecht wiedergutmacht.

Also wie Du siehst, gibt es da sehr viele Möglichkeiten. Und jedes Symptom, jeder Mensch und auch jeder Weg zur Heilung ist da ganz individuell.

Gestatte mir eine Doppelfrage: Worin unterscheidest Du Dich von anderen SchamanInnen und wie kann ein spiritueller, Antwort suchender Mensch einen guten Geistarbeiter von einem Scharlatan unterscheiden?

Das ist eine gute Frage! Heutzutage ist es sehr „in“, sich „Schamane“ oder wie auch immer zu nennen. Ich kann nur sagen, dass die Menschen, die ich kennenlernen durfte, die wirklich etwas können, nie laut sind. Es sind immer Menschen, die selbst sehr viel Schweres erlebt haben und Ausstrahlung, Charisma besitzen. Bescheidenheit. Und doch sehr klar sind.

Ich denke Vorsicht ist immer geboten bei Leuten, die anderen ihre Ideologie verkaufen wollen oder solchen, die so wahnsinnig „erleuchtet“ daherkommen. Da bin ich immer ganz schnell weg ^^

„Lilian“ spiegelt zu einem Gutteil Deine Lebensgeschichte wieder. Gibt es schon Ideen für weiteren Romanstoff?

Ja! Eine neue Geschichte voller Farben… und Morbidität ^^

Und eine Sammlung von Kurzgeschichten, die darauf warten, geschrieben zu werden.

Susanne, ich danke Dir für das Gespräch.

Das Interview zeichnete Tristan Rosenkranz auf.

Bildnachweis: Maud Susann Unger
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[ Rezension ] Tomas Jungbluth „Kammerflimmern“

[Rezension Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #9 erschienen. In diesem Zusammenhang verweisen wir gern auf das Interview mit ihm sowie sein aktuell in der „Edition Outbird“ erschienenes Buch „Kammerflimmern“ in unserem Onlinestore (siehe auch nachfolgendes Coverfoto).]

„… Mutig ist dieses Buch also ebenso, wie es emotional ist und das Thema Trennung auch aus einer gewissen Entfernung beleuchtet.

Aber nicht nur die Thematik selbst wirkt wie eine Fessel, die den Leser / die Leserin an das Buch bindet und sich erst dann löst, wenn das letzte Wort der letzten Seite gelesen ist. Es ist auch das Sprachbild, das sich zwischen Poesie und Lyrik, Prosa und analytischem Essay bewegt. Es sind die Bilder, die Jungbluth zeichnet, die nicht Kontinente, nicht Welten, die beinahe Universen sind. So schiebt er sein durchaus hartes Thema in eine sprachliche Weichheit, die ihre Vergleiche sucht.

Diese reich bebilderte Sprache fasziniert ebenso, wie der unübersehbare innere Trieb, das Faktische in Metaphern auszudrücken. Oftmals ist eine an Metaphern reiche Sprache aufdringlich, wirkt gekünstelt und ist nicht selten nervig. Nicht so bei Tomas Jungbluth. Der schafft es tatsächlich, seine Gefühle sprachlich dicht zu bebildern, ohne dass man irgendwann übervoll ist und das Buch weglegt. Es sind gerade auch jene Bildwelten, die der Autor zeichnet, die eine Art Zwang bilden, weiter und immer weiter zu lesen. Ein Zwang, der in keiner Minute, in keiner Zeile unschön wirkt.

Zum Ende hin wird es stiller, das Licht seiner Schreibtischlampe scheint dunkler geworden zu sein. Ein Hauch von Alkohol und Zigarettenrauch scheint durch die Stube zu wabern und irgendwie ist da dieses Bedürfnis, ihm auf die Schulter zu klopfen und zu sagen: „Well done Brother! We all now this feeling! Come on… your nose need the smell of heaven!“

Die Rezension verfasste M. Kruppe. Neben Teil 1 der Rezension finden Sie vieles mehr im „Outscapes“-Magazin #9 [Edition Outbird].
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[ Rezension ] Susanne Agnes Fauser „Lilian“

[Rezension Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #9 erschienen. In diesem Zusammenhang verweisen wir gern auf das Interview mit ihr sowie ihr aktuell in der „Edition Outbird“ erscheinendes Buch „Lilian“ in unserem Onlinestore (siehe auch nachfolgendes Coverfoto).]

„… Ich entdeckte Frühlingslaub darin und eine Sonne, welche gesprenkeltes Licht auf das Grün eines Waldes warf. Eine Melodie, keine Worte. Zuletzt sah ich Liebe. Golden glitzerndes Blutrot, marmorierte Flügel der Engel. Das zarte und blasse Silber der Furcht.“

Leichthändig umreißt sie mit dem Vertiefen der Geschichte die Lebenswelt der beiden, die sie in einer Kommune leben und damit die Aufmerksamkeit der ganzen Stadt gewiss haben. Einer Aufmerksamkeit, der letztlich religiöser Hass entspringt. Hier allerdings mehr zu verraten, würde die Leserschaft spoilern. Insofern: dieses Buch lohnt sich, es ist atemlos, verursacht Gänsehaut und bringt so einige Male das eigene tiefe Rätsel und Empfinden der Liebe in innere Resonanz. Danke für dieses Werk!“

Die Rezension verfasste Marius Grün. Neben Teil 1 der Rezension finden Sie vieles mehr im „Outscapes“-Magazin #9 [Edition Outbird].
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