„Ich habe eine Schwäche für düstere, gespaltene Charaktere.“ – Pia Lüddecke im Interview zu „Geister“

Pia Lüddecke, eigentlich 1981 das Licht der Welt erblickende Ruhrpottlerin mit schwerer Neigung zur dunklen Romantik, rechnet in mancher Vita mal eben einhundert Jahre drauf. Was auch wesentlich stimmiger ist angesichts der schauerromantischen Einfärbung ihrer Romane „Der schwarze Teufel“ und, unlängst bei „Edition Outbird“ erschienen, „Geister“. Während ich sie nach einem Treffen in Dortmund im Frühling dieses Jahres leichtfertig als Frohnatur einstufte, trat ihrerseits ein gewisses Veto zutage. Und ja, wie soll eine Frohnatur eine derart reichhaltige dunkle Fantasie hegen? Diesen und anderen Fragen soll vorliegendes Interview auf den Grund gehen.

Pia, eigenen Angaben zufolge bist zu derzeit 138 Jahre alt. Als junges Mädchen schon brachtest Du aus den wilden Wäldern hinter Eurem Wohnhaus allerlei schaurige Geschichten mit. Wo liegen Deiner Einschätzung nach die Wurzeln Deiner dunklen Fantasie? Bei einem schwarzen Baron im Familienstammbaum? Oder einfach bei einem angeborenen Hunger nach mäandernden Erzählungen?

Wieso „Fantasie“? Alle tun immer so, als hätte ich mir das nur ausgedacht, aber Westfalen war damals echt ein wildes Pflaster. Ich habe mehrfach Werwölfe im Wald gesehen. An manchen Tagen färbte sich der Hellbach blutrot.
Von einem Baron weiß ich nichts, aber meine Mutter behauptet seit Jahren steif und fest, sie sei mit Albert Schweitzer verwandt. Der soll ja auch viel in der Wildnis unterwegs gewesen sein, so schließt sich der Kreis.

Es scheint angesichts Deiner Geschichten nur konsequent, dass Fechtsport Deine Passion ist. Was brachte Dich zum Fechten? Alte Piratengeschichten wie „Die Schatzinsel“ oder „Peter Pan“?

In der Tat 🙂 Schon als Kind habe ich mit Peter Pan und Jim Hawkins gegen die Piraten gekämpft. Zum Sportfechten kam ich dann über eine AG an meiner Schule. Wobei das irgendwie anders war, als ich es mir vorgestellt hatte. Bevor wir ein Florett halten durften, wurden wir monatelang zur Beinarbeit gedrillt. Ich glaube, ich war zuerst geschockt. Aber dann verstand ich, dass man uns lediglich optimal auf die drohende Invasion der Zombie-Piraten vorbereiten wollte!

Blutende Flüsse, Werwölfe, Zombie-Piraten: War das nicht schrecklich gruselig?

Absolut! Aber ich wusste mich ja zu verteidigen. Irgendwann während meiner wilden Jugend – das muss so in den 1890er-Jahren gewesen sein – fing ich sogar damit an, mich absichtlich zu gruseln. Ich war wahnsinnig neugierig, probierte alles aus: Nachtwanderungen über Friedhöfe, Geisterbeschwörung, Gläserrücken, die ganze Palette.
Einmal habe ich beim Übernachtungsbesuch bei einer Freundin alle Kreuze im Haus umgedreht, weil ich testen wollte, ob es stimmt, dass man dann um Mitternacht den Teufel im Spiegel sehen kann (ich verrate nicht, was passiert ist, weil das die Leute beunruhigen könnte …).

Das klassische Rollenklischee weiß von reihenweise gieksenden Mädchen zu raunen, die bei der kleinsten Spinne in Hysterie verfallen, Du jedoch warst schon sehr früh ein Junkie des gepflegten Grusels. Empfandest Du Dich als junges Mädchen als „anders als die Anderen“?

Was soll das denn heißen? Willst du damit sagen, ich bin nicht normal oder was? 🙂 Scherz beiseite. Es stimmt schon, dass ich als junges Mädchen oft die Durchgeknallte war. Das ist heute immer noch so. Nur kenne ich inzwischen mehr Leute, die ähnlich durchgeknallt sind.

Was begeistert Dich an der Schauerromantik?

Ich habe eine Schwäche für düstere, gespaltene Charaktere. Und ich liebe es, wenn die Atmosphäre dir einen kalten Schauer über den Rücken jagt, obwohl auf der Handlungsebene noch gar nicht viel passiert ist: Alte Herrenhäuser und neblige Wälder, bei denen man nicht weiß, was sich in ihnen verbirgt, das Knarren einer Tür oder der Flügelschlag einer Krähe … In solche Welten einzutauchen, ist besser als jeder Drogenrausch.
Das ist übrigens auch ein Running Gag, der sich durch mein neues Buch „Geister“ zieht: Die beiden Protagonisten Tom und Juri werden von ihrem Umfeld ständig verdächtigt, dass sie in ihrer Freizeit heimlich Alkohol trinken und Drogen nehmen, während sie sich in Wirklichkeit Schauergeschichten erzählen und in einem von Bergbauschäden durchlöcherten Waldgebiet (in dem echt unheimliche Dinge vor sich gehen) nach einem mysteriösen Schatz suchen (man kann darüber streiten, welche Freizeitbeschäftigung risikobehafteter ist …).

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In „Geister“ geht es neben der Freundschaft Toms zu dem mysteriösen Juri, wohnhaft in einer verfallenen Villa, um eine nur alle sieben Jahre blühende blaue Blume und das mit ihr in Verbindung stehende Gerücht eines Goldschatzes. Wie kommst Du zu solchen Stoffen oder wie kommen solche Stoffe vielmehr zu Dir? Wo holst Du Dir Deine Inspirationen?

Nun ja, wenn man Literatur studiert, stolpert man früher oder später zwangsläufig über das Motiv der „blauen Blume“. Außerdem treibe ich mich für meine Arbeit als Redakteurin häufiger in Stadtarchiven herum. In einer Schrift stieß ich auf eine alte Ruhrgebietslegende, nach der eine seltene blaue Blume auf einen Goldschatz hinweisen soll. Drittens sieht Jonathan Harker auf seiner Fahrt zum Dracula-Schloss eine geisterhafte blaue Flamme am Wegesrand aufleuchten. Dann habe ich auch noch geträumt, dass sich meine Haare blau verfärbt hätten. Es passte alles zusammen!
Davon abgesehen inspirieren mich sehr oft auch gemalte Bilder oder Momente in der Natur, die in mir eine bestimmte starke Stimmung auslösen.

Mittlerweile gehörst Du ja zum Kreise derjenigen, deren Cover die grafische Handschrift eines Holger Much tragen, jenes überaus angenehm verrückten Künstlers, der da in vielerlei Hinsicht in dunkle Projekte involviert ist. Wie kam es dazu?

Als ich in den Schwarzen Salon aufgenommen wurde, habe ich Holger geschrieben: Ich liebe deine Bilder! Das war nicht übertrieben: Diese Bilder erzählen ihre eigenen Geschichten. Und man fragt sich automatisch, wie es weitergeht, was hinter dem Bildrand passiert. Das ist wirklich überaus inspirierend!
Wie es zur Zusammenarbeit kam? Wenn ich mich richtig erinnere, hast du ihn angehauen, ob er das Cover zu „Geister“ gestalten möchte. Und ich habe Luftsprünge gemacht, als ich davon hörte (ja, in solchen Momenten kommt meine „Frohnatur“ doch mal zum Vorschein)! Übrigens war Holgers erste Bemerkung bei unserem Telefonat (ich hatte den Inhalt des Buches gerade in drei Sätzen zusammengefasst, das Stichwort „Treppenabsatz“ war gefallen): „Mit einem hohen gotischen Fenster, durch das der Vollmond herein scheint? Die Geister schemenhaft im Hintergrund?« Seitdem glaube ich, der Mensch kann auch Gedanken gelesen.

Ganz augenscheinlich gewinnt die Zeit mit jedem verronnenen Lebensjahr an Tempo hinzu. Siehst Du in Deinen Romanen manchmal noch eine andere Auswirkung als die Beflügelung der Fantasie Deiner LeserInnen, beispielsweise Entschleunigung und ein „aus der Zeit fallen“?

Hmmm. Nee. Ich glaube / hoffe, meine Texte sind so aufregend, dass man nicht zum Entschleunigen kommt.

Du bist, scheint´s, beständig in Bewegung, hast fortlaufend neue Ideen. Klar kann man klassische „Glas Wasser“-Leseformate anbieten, Du aber trittst mit Deinem Partner auf, einem begnadeten Gitarristen, bringst Deine Stoffe auf Hörspiele, fertigst Trailer an und und und… Was treibt Dich an? Wie koordinierst Du all dieses viele Kleinklein, das dahintersteckt?

Pia Lüddeckes Romandebüt.

Was mich antreibt: Ehrgeiz. Das ist eigentlich ganz schlimm. Aber ich muss immer alles hundertzwanzigprozentig machen und damit treibe ich einige Leute in den Wahnsinn. Andererseits: Wenn wir mal ehrlich sind, kommt man mit einer normalen „Wasserglas-Lesung“ heutzutage nicht gegen Netflix an, außer man ist total berühmt. Und das ist sehr schade, weil es auch abseits des Mainstream so viele wunderbare Geschichten gibt. Also muss man sich was einfallen lassen.
Natürlich ist das viel Arbeit. Alleine könnte ich das neben dem Vollzeitjob nicht stemmen. Zum Glück habe ich viele wunderbare Menschen, die mich mit ihrem Know-how und ihrer Kreativität unterstützten, allen voran Benjamin alias „Ernest“ (dem ich das Kompliment „begnadeter Gitarrist“ gerne weiterleite), aber auch Freunde und Kollegen. Beispielsweise haben alle Schauspieler, die auf meinem Hörspiel zu hören sind, komplett ehrenamtlich gearbeitet, ebenso die beiden Tontechniker. Das gleiche gilt für Jaana Redflower, die momentan den Trailer für die „Geister“ zusammenbastelt. Daher an dieser Stelle noch mal an euch alle: Danke!

Zwei letzte Fragen noch: Was ist Dein sehnlichster Wunsch als Autorin? Und wo siehst Du Dich in zehn, fünfzehn Jahren?

Dann wäre ich so circa 150 Jahre alt. Mal überlegen … Ich sehe mich auf der Veranda eines alten Spukhauses sitzend, mit Blick auf einen grünen See, den Laptop und ein kaltes „Fiege Bernstein“ vor mir auf dem Tisch, an meinem vierundzwanzigsten Roman feilend, weil ich jetzt nämlich hauptberuflich Schriftstellerin und dazu sehr wohlhabend bin und endlich die Zeit habe, die vielen Geschichten, die mir im Kopf herumschwirren, auf Papier zu bringen, ohne durch so nervige Sachen wie „Putzen“ oder „Geld verdienen“ davon abgehalten zu werden…
Ja, ich weiß. Man wird ja wohl noch ein bisschen träumen dürfen. 🙂

Vielen lieben Dank für das Interview!

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweise: Eberhard Kamm, Edition Outbird, Ventura Verlag

„Es sind jene, die in den Schatten hausen, die mich schon immer faszinieren“ – Holger Much im Interview

Holger Much ist einer dieser hochkreativen Vielkanalkommunikatoren, die sich in unserem Netzwerk bewegen. Als sympathischer Typ mit durchaus erträglichem schwäbischem Akzent, der er ist, hinterlässt der Maler, Grafiker, Illustrator und Musiker Much zahlreiche Spuren in den Werken befreundeter KünstlerInnen und den Gemütern seiner wachsenden Liebhaberschaft. H. R. Giger, Luci van Org, Asp Spreng, Faun, Letzte Instanz, Illuminate, Christian von Aster und viele andere Namen tauchen auf, wenn man sich mit Holgers Schaffen auseinander setzt.

Bei Edition Outbird debütierte Holger Much im Sommer 2018 mit der Covergrafik zu Susanne Agnes Fausers Roman „Lilian“, im September 2019 folgte die Covergestaltung zu Pia Lüddeckes Werk der Schauerromantik „Geister“. Und nun endlich auch Zeit, mit Holger über sein Werk zu reden.Holger, Dich umgibt ein ziemlich breitgefächertes Kaleidoskop vorwiegend dunkler Künste, die Liste Deiner Kooperationen und künstlerischen Gemeinschaftsprojekte wird kontinuierlich länger. Was ist das Geheimnis Deines Erfolgs? Sympathie und Bescheidenheit? Lebenshunger? Die Schönheit menschlichen Miteinanders?

Lieber Tristan, zunächst einem herzlichen Dank für Dein Interesse an dem „sympathischer Typ mit durchaus erträglichem schwäbischem Akzent“ – ach ist das herrlich.

Setz Dich, nimm Dir einen Kaffee. Zucker? 🙂

Habe ich Erfolg? Diese Frage stelle ich mir immer wieder. Und ertappe mich ständig dabei, dass ich jedes „erfolgreich“ abgeschlossene Projekt, sei es ein Buch, eine Ausstellung oder Lesung oder ein musikalisches Projekt, mit den Gedanken „Ach, das war doch nur wieder Glück…“ begleite. Abgesehen davon hast Du schon sehr viele sicher wichtige Punkte genannt: Sympathie – den beeindruckenden Künstlerpersönlichkeiten gegenüber, mit denen ich nun zusammenarbeiten darf. Und ja, Bescheidenheit vielleicht – hoffentlich, denn ich fühle bei jedem neuen Projekt diese warme Mischung aus tiefer Dankbarkeit und leiser Verwunderung.

Lebenshunger!? Auf jeden Fall! Ich musste und durfte im Laufe meines mäandernden Lebens immer wieder feststellen, dass es das Realisieren von kreativen Träumen das Erschaffen von Welten ist, was mich antreibt und dem Sein einen Sinn gibt. Und bei all dem – es klang vorher schon an – ist es die Schönheit menschlichen Miteinanders, die die Schönheit dessen, was ich tun darf, noch vervollkommnet. Ich liebe all diese herrlichen, klugen, teils komplizierten und extrem schöpferischen Geister, die mir auf die ein oder andere Weise gestatten, an ihrem Lebenswerk ein Stückchen mitzugestalten. Und das ist, bedenkt man es, ein großes Geschenk.

Susanne Agnes Fausers „Lilian“: Zum Verlagsshop bitte Cover anklicken.

Ganz zum Schluß, so hoffe ich zumindest, kommt dann vielleicht doch auch ein klein wenig künstlerisches Können und Handwerk dazu und, wie ich von Herrn von Aster gelernt habe, „Magie“!

Wie würdest Du Deine künstlerische Handschrift beschreiben? Mit welchen Techniken und Materialien arbeitest Du?

Hmmm … den ersten Teil der Frage sollten vielleicht besser andere beurteilen als ich selbst. Aber soweit es mir möglich ist, es zu beurteilen, würde ich meinen Stil als düster-märchenhaft beschreiben. Mich interessiert selten bis nie das grelle Licht, das keine Geheimnisse offenlässt, noch das wirkliche absolute Dunkel – es sind jene, die in den Schatten hausen, die mich schon immer faszinieren. Dabei versuche ich den unmöglichen Spagat zu schaffen, das Schattenhaft-Nebelhafte mit meiner Liebe für klitzekleinste Details zu vereinen. Zudem ist es mir wichtig, mich vom Stil her nicht allzu sehr an Bestehendes, Beliebtes anzulehnen – sei es die typische Optik der Fantasy-Illustrationen oder der typische Strich von großen Helden wie Brian Froud, John Bauer, Theodor Kitteln oder John Howe.

Ich arbeite chaotisch. Da kommt alles drauf und rein was passt! Aquarell, Tempera, Acryl, Bleistift, Farbstifte, farbige Tuschen, Ölfarben. Dadurch entstehen die tiefen Oberflächenstrukturen, die ich so mag. Alles lebt und vibriert und wuselt. In den vergangenen Jahren habe ich diesen Stil auf das digitale Zeichnen übertragen.

Du arbeitest als Grafiker und Illustrator, aber auch als Musiker. Was sind Deine künstlerischen Wurzeln, was Deine hervorstechendsten Werke und welche Ziele hast Du noch?

Oh, so viele Fragen auf einmal. 🙂 Ich denke, meine künstlerischen Wurzeln liegen in der ambivalenten Faszination der Natur, von der es bei uns auf der Schwäbischen Alb genug zu erleben gilt. Schon immer „lebte“ dort für mich alles. Dazu kamen einschneidende Erlebnisse wie Tolkiens „Herr der Ringe“, der Film Ralph Bakshis dazu (später dann natürlich Jacksons Verfilmung), „Der dunkle Kristall“ oder die leider völlig verkannten Muminbücher von Tove Jansson. Diese Kostbarkeiten skurriler stiller Schönheit sind nur jedem zu empfehlen, egal welchen Alters.

Meine künstlerischen Heroen – von Froud bis Kittelsen – habe ich schon genannt. Und in der Musik waren es die Klänge von Jethro Tull, Andreas Vollenweider, Clannad oder Kate Bush, die meine frühe Jugend und damit mich bis zum heutigen Tag prägen … Klänge, in denen man die Natur hören kann, voller Magie, skurriler Schönheit – und Melancholie…

Die Frage nach meinen hervorstechendsten Werken ist fast unmöglich zu beantworten, sind es doch mittlerweile so viele. Und ich liebe jedes meiner „Kinder“. Aber vielleicht darf ich die Bücher mit Asp sowie Christian von Aster nennen, das Cover für Ally Storchs Album „Up“, musikalisch den „Koboldtanz“, den es im Buch „Das Koboltikum“ zu hören gibt. Die Sonderedition des Stückes ist komplett vergriffen. Und mein Kelpy-Album „Tanz in den Tod“, auf den so viele wunderbare Menschen mitgewirkt haben … auch hier wieder: Magie! 🙂

PiaLüddeckes „Geister“: Zum Verlagsshop bitte Cover anklicken.

Du kannst auf die einzigartige Erfahrung zurückblicken, mit H. R. Giger zusammengearbeitet zu haben. Wie kam es zu dieser Symbiose und wie gestaltete sich Eure Zusammenarbeit?

Damals hatte ich wirklich die Hosen gestrichen voll. Ich arbeitete mit Achim Schnorrer zusammen (Schwermetall, Comic-Salon-Erlangen), und er wiederum gab ein kleines edles Werk heraus, die „Giger Mini Galerie“. Für die Sonderedition jedes Buches sollte eine Radierung – ein Blatt im Ätz-Tiefdruckverfahren – beigelegt werden, signiert vom Meister. Und da Giger selbst die Technik der Radierung nicht beherrschte, kam ich ins Spiel. Er schickte – meist mitten in der Nacht, wenn alles außer ihm schlief – Skizzen und Motive per Fax (ja, sowas gab es damals noch), und am nächsten Abend telefonierten wir dann und besprachen, was er sich vorstellte. Meine Aufgabe war es dann, seine Motive mittels Kupferplatte, Radiernadel, Asphaltlack und Säure – und Druckerpresse natürlich – zu vervielfältigen. Ich war starr vor Ehrfurcht. Und bin stolz bis heute, dass ich mit ihm zusammenarbeiten durfte. Und ein wenig ungläubig…

Wesentliches Merkmal Deiner Arbeit sind magische, fantastische, dunkle Spielarten, Du gestaltest Cover für Edition Roter Drache, den Leseratten-Verlag, Periplaneta und Edition Outbird und bist mittlerweile eine feste Größe auf dem jährlichen WGT. Immer wieder auch begegnet Deine Arbeit den Werken von Magiern wie Kenneth Grant als Schüler Aleister Crowleys oder der Schamanin Susanne Agnes Fauser. Man kommt um die Vermutung nicht drumherum, dass Magie ein wesentliches Element Deines Wesens ist – ist dem so?

Hm. Da ich aktuell am Cover eines weiteren magischen Buches arbeite – hihi – und das Wort Magie bereits mehrfach fiel, ohne dass ich wusste, dass Du diese Frage stellen würdest, kann ich es schlecht verneinen. Wobei ich nicht zu jenen Menschen gehöre, die nachts an Feuern magische Rituale vollziehen. Zudem könnte man natürlich Bücher darüber füllen, was „Magie“ denn bitteschön ist. Wie bereits vorher gesagt: die Dinge hinter den Dingen. Für mich spielt sie eine mittlerweile immer größere Rolle im Leben, aber eher in dem Sinn, dass ich versuche, einen Zustand zu erreichen, in dem man auf den Wogen von … etwas … treibt, das einen trägt und lenkt – und das durchaus in eine Richtung, die man ansteuert. Ein Flow, den ich auch beim Zeichnen erreiche … vielleicht ist Zeichnen eines meiner Rituale, um jene Mächte oder Götter zu beschwören, die mich beflügeln… (und ja, Kaffee ist die einzige „Droge“, die mich hierbei unterstützt…)

In und seit den letzten Jahren gab und gibt es zahlreiche Entwicklungen, Vernetzungen und Veröffentlichungen, die ihre Wurzeln in der Gothic- oder Fantastik-Kultur verorten und in eine gedeihliche Verlags- und Literaturlandschaft mündeten. Wie schätzt Du diese einzigartige Kultur ein, welche Mängel, Erfolge und Ziele siehst Du?

Das zu beurteilen möchte ich mir als jemand, der sich dennoch eher als Randfigur sieht und definitiv nicht als Fachmann, eher nicht zumuten. Was ich ganz persönlich sagen kann ist, dass ich in dieser Szene und bei diesen Leuten einfach jene Bereitschaft sehe, Träume zu leben, für die Kunst zu leben und Kreativität den ihr gebührenden Raum zu geben. Es sind Idealisten. Es sind – im BESTEN Sinne – Träumer, Zauberer, Macher – und alle, so unterschiedlich sie auch sein mögen, mit Herz. Eine kleine – nun erlaube ich mir, etwas sentimental zu werden – Familie. Und dies erleben zu dürfen, tut mir, und sei es nur aus der Ferne, unheimlich gut. Es wäre schön, wenn all dies möglichst lang erhalten bliebe und nicht zu sehr in reines – ich verwende hier nun bewusst die englische Formulierung – „Business“ abrutschen würde.

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Deine Arbeiten müssen ein Fest für (nicht nur) Synästheten sein, die Buchmesse Saar schreibt: „Es wispert und raunt in seinen Bildern, Blätter rascheln und grüne Augen glimmen in den Schatten.“ Manchmal flattert ein traurig dreinblickender Flummel, manchmal gleitet ein prächtiger Tintenphönix vorbei. Woher nimmst Du Deine Inspirationen?

Ja, das haben sie wirklich schön geschrieben, die Saar-Buchmesse-Leute. Inspiration ist in mir. Jeden Tag. Jede Sekunde. Oft werde ich regelrecht davon überflutet, so dass ich, während ich mit all diesen Wesen und Dingen kommuniziere, nach außen wohl oft etwas abwesend – manche sagten auch schon „arrogant“ – wirke. Und je mehr ich arbeite, desto mehr kommt … von irgendwo … nach … der Flow eben, die Magie…

Blick ins Nähkästchen und zugleich letzte Frage: Was wird in der nächsten Zeit von Dir zu erwarten sein?

Ohhhhkay ;-), nun, wie gesagt, da ist ein wunderbares High-Fantasy-Werk mit einem ebensolchen Cover von mir bei der Edition Roter Drache in der Pipeline, ein herrliches Stück Schauerliteratur von Frau Lüddecke, dann ein magisches Werk eines wunderbaren Herrn, das wohl auch bei Euch erscheinen soll. Und dann ist im Hintergrund mein musikalisches Projekt „Kelpy“ aktiv, dort werden Klänge gewebt mit wunderbaren Menschen, Videos erschaffen, man darf bespannt sein. Und dann bin ich an etwas, in jeder freien Sekunde meiner Zeit, über das ich noch nicht sprechen darf…

Lieber Holger, vielen Dank für das Gespräch.

Lieber Tristan, ich danke Dir! 🙂

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweise: Frank Luger, Holger Much, Edition Outbird

„Staunen und die Neugier sind bei mir weitaus stärker als Ängste“ – Michael Schweßinger im Interview zu „In Buxtehude ist noch Platz“

Michael Schweßinger hat´s wieder getan. In diesen Tagen erscheint in der „Edition Outbird“ sein Erzählband „In Buxtehude ist noch Platz“, mit dem grafischen Herzblut von Benjamin Schmidt verfeinert und liebevoll lektoriert von Isa Theobald. Spätestens mit diesem Buchtitel dürfte der letzte Zweifel darüber verschwinden, dass Schweßinger charaktervollen, bisweilen gut abgehangenen Humor hat. Dieses Buch ist eine Sammlung von Momentaufnahmen, die auf seinen Reisen und Aufenthalten weit verstreut auf und um diese(r) Erde entstanden. Und so fühlt sich der Lesegenuss auch an: Mal ist sein Erzählsound weich und fließend und beinahe poetisch, mal schimmert da was Holpriges durch, als würde man mit ihm auf irgendeinem klapprigen Bike irgendwo in der Pampa die Mentalität der Umgebung erkunden, mal kommt da die Ahnung auf, dass die ein oder andere Erzählung irgendwo zwischen Suff, Kater und exotischen Dialogen entstanden ist.

Hallo Michael, „In Buxtehude ist noch Platz“ ist ein Buch, dass sich regelrecht entfalten durfte, nirgends hetzte da ein Zeitplan, und nun ist es da. Was hat diesen Erzählband entstehen lassen? Aufräumarbeiten liegengebliebener Texte auf der Festplatte? Pure Lust auf einen erzählerischen Blick in die Ferne? Oder dringend notwendiges Korrektiv zu dieser zunehmenden Kleingeistigkeit besorgter Bürger, diese Welt könne zu groß sein? Was hast Du damit zu sagen?

Ich muss sagen, ich bin nicht der strukturierteste Mensch, wenn es ums Schreiben geht. Manchmal habe ich Lust zwei Tage durchzuschreiben, dann fliegt das wieder in die Ecke, weil die Welt um mich herum gerade spannender ist. Jostein Gaarder prägte in einem seiner unbekannteren Bücher über Aurelius Augustinus mal den Satz: Wir müssen erst leben, dann können wir philosophieren. Also bei mir steht das Erleben immer an erster Stelle und es geht einher mit dieser Neugier auf die Welt, dann schreib ich das irgendwann auf. Der Ursprung der Philosophie ist das Staunen, sagte Aristoteles, wenn ich mich recht entsinne. Auch ein wunderbarer Satz in seiner Einfachheit, weil uns das leicht abhanden kommt, dieses Staunen. Und dieses Staunen und die Neugier sind bei mir weitaus stärker als irgendwelche Ängste, jemand könnte mir etwas Böses wollen. Die Texte für „Buxtehude“ sind in den letzten fünf Jahren entstanden und irgendwo in Europa aufgeschrieben worden, also war mein Anliegen diese Texte zu publizieren, dann weiß ich erstens, wo ich sie finde – denn normalerweise türmen sie sich sonst zu unübersichtlichen Stapeln – und zweitens, dass sie mir egal sein können. So handhabe ich es immer. Was publiziert ist, geht mich als Künstler nix mehr an. Korrektiv? Nun ja, wem die Welt zu groß ist, der wird durch meine Texte auch nicht davon ablassen sie als Bedrohung zu empfinden, da mach ich mir gerade nicht so viele Illusionen, aber wenn einige Menschen ein wenig Freude daran haben, dann ist das doch schon ne schöne Sache.

Dein Erzählsound ist mal weich und fließend, mal Punk, mal verstiegener Humor, und immer schimmert da eine umfangreiche Datenbank an gesammeltem Wissen durch. Wenn Du Dich als Schriftsteller auf dieser literarischen Welt verorten solltest – mit welchen Worten würdest Du Dich beschreiben?

Also Selbstbeschreibung und Verortung ist nicht meine Stärke. Da gibt es nur wieder Zank und Eifersüchteleien zwischen meinen Selbsten. Hat wohl keiner besser beschrieben als Pessoa und deshalb lasse ich ihm hier den Vortritt: „Jeder von uns ist mehrere, ist viele, ist ein Übermaß an Selbsten. Deshalb ist, wer die Umgebung verachtet, nicht derselbe, der sich an ihr erfreut oder unter ihr leidet. In der weitläufigen Kolonie unseres Seins gibt es Leute von mancherlei Art, die auf unterschiedliche Weise denken und fühlen.“

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Verlierst Du ob der vielen Reisen manchmal den Überblick über die Struktur der Welt und über Deine Bestimmung? Manchmal glaubt man, Du bist Globetrotter und Wissenssammler, meistens Bäcker, manchmal hilfst Du Menschen bei Behördenwegen und neben Deinen ethnologischen Wurzeln könnte man Dich für einen Sozialarbeiter halten.

Überblick über die Struktur der Welt und Bestimmung habe ich nicht, braucht es auch nicht. Das ist mir zu statisch und zu kompliziert. Da braucht es eine Menge Baugerüst im Hirn für. Ich liebe es da eher in Assoziationen zu denken, also wie alles aufeinander reagiert, ineinander überfließt, entsteht und vergeht. Die Tage bin ich zufällig auf den Mardalsfossen gestoßen, das ist ein Wasserfall, der stürzt 297 Meter tief ins Tal Eikesdalen und ist der vierthöchste Wasserfall der Welt. Ich fuhr einfach ein wenig durch die Fjorde und dann sieht man diese Urgewalt und denkt sich, da laufe ich jetzt mal hin, das ist ja irre schön, wie der seine eigenen Regenbögen erzeugt. Grundsätzlich mache ich auf meinen Reisen die Erfahrung, dass die wenigsten Menschen, denen ich begegne, mir negativ gesonnen sind. Also gehe ich einfach nach der Maxime: Ach da warst du noch nicht, da gehste jetzt mal hin. Es gibt ja überall was zu entdecken. Und mein Unwissen ist mir immer eine ausgezeichnete Motivation. Ich halt es da mit Paul Bowles: „Jede einzelne Stunde, die er mit offenen Augen verbracht hat, wird ihn ein Stückchen auf dem Weg zu einem Verständnis der Welt weitergebracht haben, und das ist schließlich der wahrhaftigste Gradmesser für Kultur, den wir bisher gefunden haben.“

Welche Länder entdeckt und durchquert Mensch mit Deinem Buch?

Ach das sind jetzt so viele, die mag jetzt gar nicht alle aufzählen, irgendwo zwischen Irland, La Gomera, Rumänien, Finnland, ich glaube es sind ein gutes Dutzend, aber Benjamin Schmidt, der das Buch wunderbar gestaltet hat, hat da so ne tolle Europakarte reingebastelt und ich hab mir die GPS-Daten zu den Entstehungsorten der Geschichten rausgesucht und dann haben wir das verortet, eigentlich weil ich wissen wollte, ob eine bestimmte Gegend einen bestimmten Sound beim Schreiben erzeugt, aber hab das noch nicht weiter verfolgt, weil wieder mal die Welt spannender war.

Dein Buch offenbart recht schnell Deinen Sinn für Humor. Du schreibst über einen Kotzexpress, das Sammeln exotischer Dialoge, die Stunde der Mittagsdämonen, aber auch mit spürbarem Genuss über die bahnbrechende Schweigsamkeit eines Müllers irgendwo kurz vor Lappland. Gerade die Skizzen von Menschen und Szenerien sind pures Herzblut. Haben Dein Wissensdurst und Dein Schreiberhirn irgendwann auch mal Pause?

Ja, wenn ich Brot backe, komme ich ziemlich gut runter. Das ist fast ne meditative Tätigkeit und entspannt die Birne ungemein.

Schweßingers Vorgänger „Robinsonaden vom 40. Breitengrad“ bei Edition Outbird: Zum Verlagsshop bitte anklicken.

Wie „verwaltet“ Dein Wertesystem menschliche Begegnungen, derer Du ja ganz offenbar viele hast? Lässt Du nach der Abreise wieder los? Bleiben Freundschaften auf Distanz?

Ach, ich lass das einfach fließen. Hab da kein festes System. Man bleibt sich natürlich verbunden durch die gemeinsame Erfahrung, auch wenn man nicht ständig miteinander kommuniziert. Ich sags mal so, wenn ich in Lettland ne Autopanne hätte, wüsste ich, dass mich jemand abholen würde und was den größeren Rahmen betrifft, wir sind ja alle nur Gast auf Erden.

Wenn man Dich und Deine Bücher kennenlernt, weiß man um zwei beständige Begleitthemen: das Trinken und der Zustand dieser Welt, in der eine Menge konsumgesättigte, hassgeladene Menschen herumlaufen. Dein Kind fragt Dich in Gedanken, warum Menschen ertrinken, Du selbst siehst Europa als ein Kontinent, der seine Würde verloren hat. Wie siehst Du die derzeitige politische Lage? Warum kann Konsum ganz offensichtlich nicht glücklich machen?

Konsum kann aus dem einfachen Grund nicht glücklich machen, weil die Menschen in unseren Breiten schon längst glücklich wären, sind sie aber anscheinend nicht. Die Fragen an die Welt verändern sich natürlich mit Kind. Es ist nicht schön, einen moralischen Schrottplatz für die nächste Generation zu hinterlassen. Was wollen wir weitergeben? Was macht uns als Menschen denn aus? Die Anhäufung von materiellen Dingen? Je mehr ich unterwegs bin, desto unwichtiger wird mir das alles. Was bleibt, ist ja nicht das Materielle, sondern das Lebendige. Begegnungen mit Menschen und Landschaften. Frag mich nach einem Film oder gekauften Gegenstand aus dem Jahre 2015, keine Ahnung, aber ich weiß wahrscheinlich bis ans Ende meiner Tage, wie wunderbar es ist, wenn man auf der Burg Montségur steht und plötzlich der Himmel aufreißt und den Blick freigibt auf die verschneiten Pyrenäengipfel.

Welche Auswege bieten sich Menschen, die einfach nur noch Frieden und Stille wollen – weglaufen? Ist es damit getan oder wäre das nicht feige?

Keine Ahnung, da fragst du den Falschen. Also bei Frieden und Stille kenn ich mich nicht so gut aus. Wenn du die Antwort kennst, wäre ich auch daran interessiert. Grundsätzlich nimmt man sich immer mit, egal wie weit man reist. Jeder Mensch hat vermutlich seine Form von Eskapismus. Was dem einen die Gartenlaube, ist dem anderen die Ferne. Ich komme ganz gut mit mir klar, wenn mich die Welt vielfach und unterschiedlich spiegelt und mir nicht diese eine Identität aufzwingt. Unterwegs zu sein, heißt sich immer wieder neu erschaffen. Neue Seiten an sich entdecken, sich auf neue Umgebungen und Kulturen einzulassen. Das scheint mir das Gegenteil von feige zu sein. Da muss aber jeder seinen Weg finden. Was dem einen Heilmittel, ist dem anderen Gift.

Thema Trinken. Kaum einer, den ich kenne, der nicht gerne einen trinkt. Selbst, wenn Du die sich beständig wiederholende Steigerungsform Kaffee-Bier-Whiskey in einem abgeranzten Pub irgendwo in der Peripherie Irlands beschreibst, bekommt man Lust, umgehend dort anzudocken. Bist Du mit Leib und Seele Trinker? Und – Frage für Einsteiger – was definiert den Begriff „Trinkermelancholie“?

Trinken ist ein gutes Schmiermittel, manchmal auch um einer lahmen Story auf die Beine zu helfen. In dieser Story, die irgendwo in Kerry spielt, war es aber schon ne recht heftige Trinkerei. Also ich trinke schon gerne. Aber mit Leib und Seele? Also jetzt bin ich gerade in Norwegen und meine grob überschlagene Alkoholdosis liegt wegen der puritanischen Preise für Alkoholika bei 0,1 Liter Bier am Tag und ich bin nach zwei Monaten noch am Leben und beschäftige mich mit anderen angenehmen Sachen, wie Mountain-Biken oder Bergwandern, das habe ich schon Ewigkeiten nicht mehr gemacht und das ist einfach auch super, sich mal den eigenen Gewohnheiten zu verweigern und die Spurrinne zu wechseln. Und natürlich ein gutes Gefühl, hin und wieder König Alkohol eins in die Fresse zu geben, bevor er zu aufdringlich wird.
Trinkermelancholie, hmmh, wenn irgendwann beim Trinken plötzlich der Kanaldeckel aufgeht und du die „Unknown Pleasures“ als zu fröhlich empfindest, dann bist du in der Trinkermelancholie, würde ich sagen, oftmals natürlich dadurch auch viel Erkenntnisgewinn. Erkenntnis kommt ja meistens von den Rändern, nicht von der Mitte. Der Schweizer Schriftsteller Ludwig Hohl, der diesen Erkenntnisgewinn auf vier Stunden nach dem Vollrausch datiert hat, hat das mal so schön pathetisch ausgedrückt: „Dieses Zwischenreich, worin Psychologie und Alchemie, Metamorphose und Transsubstantation, Vergiftung und Leere, Nacht und Tag, Traum und Schrift, Grablegung und Auferstehung sich überlagern und manchmal komprimieren zu jenem herrlichen Moment unseres Lebens, wenn unser Denken vom Subjektiven ins Objektive umschlägt – Moment des überwundenen Todes.“

Irgendwo in Deinem Buch klingt durch, dass Du nach all den Jahren gar keine Lust mehr auf Brot backen hast, dennoch machst Du es, scheint´s, mit ganzem Herzen. Ist das einer Deiner ureigenen Widersprüche?

Ohne meinen Job könnte ich nicht reisen und ohne zu reisen, könnte ich nicht schreiben. Das ist so ein Grundparameter, dass ich nur aus der Entfremdung heraus die Dinge klarer sehe, so eine Art teilnehmende Beobachtung der Welt. Ein Schreibtisch ist mir null Inspiration, ich brauche da das Lebendige um mich herum und auch die Distanz. Manchmal hat man mehr Freude beim Backen, manchmal ist es einfach nur ein Job, da geht es mir grundsätzlich nicht anders als anderen Menschen. Wenn man gerade in einer kreativen oder philosophischen Phase ist, muss man schauen, dass man die Welten nicht zu sehr durcheinander bringt. Nicht jeder interessiert sich morgens in einer Backstube für die existentiellen Fragen der Welt, ebenso wenig wie ich mich dann für Alltagsthemen interessiere und für die Brotqualität ist abstraktes Denken auch selten von Vorteil. Das ist dann ein wenig Clash of Culture. Vor einigen Wochen beschäftigte ich mich mit der Chaostheorie und da gibt es dieses berühmte Beispiel der Baker-Transformation. Dabei wird ein Teig auf die doppelte Länge gezogen und dann zusammengefaltet. Diese Prozedur wiederholt sich, bis eine gute Vermischung entstanden ist. Zwei Rosinen im Teig, die ursprünglich nahe beisammen waren, sind nach mehrfacher Anwendung weit voneinander entfernt. Parallelwelten sozusagen. Das ist sehr faszinierend in seiner Einfachheit, um chaotische Strukturen zu erklären, allerdings nur für mich, nicht für meine beiden Kollegen in der Backstube, die mich ob meiner Erklärungen nur etwas rätselhaft anschauten und wir gingen dann auch zu anderen Themen über und buken unser Tagwerk an Brot und Zimtschnecken. Aber manchmal denke ich mir dann schon: Mann eh, wie kann euch das jetzt nicht interessieren? Trotzdem erscheint es mir meistens als eine recht angenehme Möglichkeit, die Welt zu entdecken, ohne von irgendwelchen Mäzenen abhängig zu sein oder jemanden nach dem Maul schreiben zu müssen.

Welche Frage (samt Antwort) fehlt diesem Interview aus Deiner Sicht noch?

Das waren doch schon recht viele Fragen. Ich denke, es ist gut.

Letzte Frage: Warum sollte und muss man Dein Buch unbedingt haben?

Muss man nicht. Das Leben geht auch so weiter.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz. Das Interview zu seinem Vorgängerbuch „Robinsonaden vom 40. Breitengrad“ entnehmen Sie bitte diesem Link.

Bildnachweise: Susanne Stoll, Christian Haubold, Edition Outbird _____________________________________________________________________________________

„Es ist der Wunsch, die Straßen zu bereisen, die vom Sichtbaren zum Unsichtbaren führen“ – Kai Grehn im Interview

In unserem Arbeitsfeld begegnen wir immer wieder Menschen, die eine scheinbar unfassbare Energie aufbringen, um zu tun, wofür sie brennen. Kai Grehn ist solch ein Menschentyp. 69er Baujahr, Studium am Regieinstitut der Berliner Schauspielschule „Ernst Busch“, schreibt und übersetzt er Prosa und Theatertexte, inszeniert Hörspiele und Theaterstücke, initiiert und verantwortet Lesungen. Eine Auswahl seiner Hörspiele, von Walt Whitman über William S. Burroughs und Henry David Thoreau bis hin zu beispielsweise Charles Baudelaire, sind in unserem Verlagsshop erhältlich. Die Zeit, mit Kai zu sprechen, scheint uns mehr als reif.

Lieber Kai, danke für Deine Einwilligung zu diesem Interview. Wenn man sich mit Deinem Schaffen beschäftigt, bietet sich unweigerlich der Eindruck an, dass Du alles andere als oberflächliche Werke produzierst. Du vertonst und inszenierst Kōbō Abe, produzierst Hörspiele wie Henry David Thoreaus „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegenüber dem Staat“, schreibst berührend schöne Prosa wie beispielsweise „FUNKEN“. Um nur diese wenigen Beispiele zu nennen. Was treibt Dich an und in welchem Alter hast Du bereits das Interesse für solche Themen und deren künstlerische Umsetzung entwickelt?

Ich glaube, es ist der Wunsch, die Straßen zu bereisen, die vom Sichtbaren zum Unsichtbaren führen, der Wunsch, mit den Sternen am Firmament zu spielen wie ein Kind mit Kieselsteinen, wie ich im „FUNKEN“-Buch bereits geschrieben habe… Mir kam kürzlich eine Begebenheit wieder in den Sinn, in der fragt ein sechzehnjähriger Junge seine vierjährige Schwester: „Bitte erzähle mir etwas über den Ort, von dem wir alle hierher gekommen sind. Ich habe bereits vergessen, wie er aussieht, habe vergessen, weshalb ich hier bin…“

Ich glaube, diese kurze Geschichte enthält die Antwort auf Deine Frage, auch die nach dem Alter.

Du verarbeitest ja die unterschiedlichsten Themen, misst die (künstlerische) Sinnfindung des Lebens am Nanga Parbat, vertonst Liebesbriefe „traurigster Heiterkeit“ über Boxkämpfe, Orchesterkonzerte und das Lagerbordell von Auschwitz, begibst Dich auf eine lyrische Reise durch die Landschaft von Irrenanstalten, das Dickicht der Wüste und durch den Regenwald. Wie grenzenlos bist Du als Künstler? Wo bekommst Du Deine Inspirationen?

Grenzenlos ist die Welt der Imagination und ihre Türen stehen jedem von uns offen.

In der Realität des Alltags sieht es aber oft so aus, dass ich mir die Türen zu dieser Welt selber zumülle oder mir zumüllen lasse. Inspiration bedeutet für mich daher vor allem eins: Müllabfuhr, um die Welt der Imagination wieder betreten zu können.

Henry David Thoreau im Verlagsshop: Bitte Cover anklicken.

Wie schafft man es bei einem so weitläufigen Universum an Themen und Produktionen, bei der Sache zu bleiben, strukturiert zu arbeiten und ein Privatleben mit Familie zu führen?

Ich glaube nicht, dass es einen Unterschied macht, ob man sich in seiner Arbeit thematisch in einem Gebirge oder in einem Sandkorn verliert. Beides ist gleich weitläufig und die Herausforderungen sind gleich groß, gleich klein… Aber ob Gebirge oder Sandkorn, von dem, was ich gerne tun und unternehmen würde, privat und in meiner Arbeit, ist es bestenfalls nur die Hälfte, die ich schaffe. Wenn es das also gibt, einen Weg, um alles in eine große und perfekte Balance zu bekommen – ich wäre der erste, der das lernen möchte!

Wie viel Zeit steckst Du in eine Hörspielproduktion oder ein Theaterstück?

Wie viel Zeit in einem Projekt steckt? Das ganze bisherige Leben, immer.

Und was Arbeitstempo und –zeit dabei betrifft: Ich bin unsäglich langsam, vor allem beim Schreiben. Ich kann einen oder mehrere Tage mit einem Satz verbringen, um ihn am Ende dann doch zu löschen. Aber es ist wie es ist, weshalb ich versuche, die Dinge ins Heitere zu verkehren und mir ein Haiku des japanischen Dichters Isso zum Motto erhoben haben:

Ja, Schnecke,
besteige den Fuji, aber
langsam, langsam!

Ob musikalisch alva noto, Tarwater, Sandow oder Anne Clark oder literarisch Henry David Thoreau, William S. Burroughs oder William Blake: Du scheinst Dich in Deinen Stoffen und Kooperationen gern neben dem Mainstream zu bewegen. Sind das Deine musikalischen und literarischen Wurzeln? Brauchst Du die Tiefe?

Offen gestanden fällt es mir schwer, in den Kategorien von Mainstream – Independence zu denken, INN – OFF, E – U, Literaturbetrieb – Underground etc.. Vom französischen Komponisten Camille Saint-Saëns stammt der, wie ich finde, sehr treffende Ausspruch: „Es gibt gute und es gibt schlechte Musik; der Rest ist eine Frage der Mode oder der Konvention, nichts weiter.“ In diesem Sinne gefragt: Aber ja, ich brauche und bin beständig auf der Suche nach guter Musik, guten Büchern. Und häufig werde ich an den Rändern des Weges dabei fündig, bei sogenannten Randfiguren.

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Wie bekommst Du die Zusammenarbeit mit einem Iggy Pop oder einer Anne Clark organisiert?

Die Antwort ist sehr simpel: Ich frage.

Und ich habe das Glück, dass ich in den Hörspielredaktionen der ARD zwei, drei Redakteure und Redakteurinnen habe, die mir ihr Vertrauen aussprechen und bereit sind, diese oft langwierigeren und komplizierteren Wege (beispielsweise was Rechte- und Vertragsfragen betrifft) mit mir gemeinsam zu beschreiten.

Du hast nun schon einige Preise gewonnen, beispielsweise den Gold-Radio-Award des New York Festivals, auch tauchte Dein Buch „Funken oder So glücklich wie wir ist kein Mensch unter der Sonne“ auf der Longlist der „Schönsten Deutschen Bücher 2018“ auf. Was ist das wichtigste Ziel in Deinem Leben? Was würdest Du gern noch erreichen?

Am Ende eines jeden Tages sagen können: Für diesen Tag brauche ich mich nicht zu schämen, denn es war ein Tag gelebtes Leben.

An welchen Projekten arbeitest Du derzeit?

Ich stecke mitten in der laufenden Produktion für ein Hörspiel mit Texten von Fernando Pessoa: „Tape-Recordings eines metaphysischen Ingenieurs“, und ich versuche, mich an das Finale eines neuen Theaterstücks heranzupirschen – langsam, langsam, versteht sich.

Welchen gesellschaftlichen Mehrwert siehst Du in Kunst und Kultur, gerade, wenn sie von den Hauptwegen abweicht?

Von William Blake stammt der schöne Satz: In the universe, there are things that are known, and things that are unknown, and in between, there are doors. Ich glaube, Kunst zählt zu diesen Türen, von denen Blake da spricht.

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Wie wichtig ist aus Deiner Sicht Kulturförderung, auch und insbesondere für kleinere Institutionen und Projekte?

Welchen Wert misst die Gesellschaft, messen wir Kunst und Kultur bei, wenn dieser Wert sich nicht in Aktienkursen und Gewinnmaximierung widerspiegeln lässt? Lass mich die Begrifflichkeiten kurz wechseln: Wenn ich erkannt habe, dass sich der Wert eines Baumes nicht in Holzklaftern bemisst, und ich werde gewahr, dass die Platane in meinem Hinterhof nicht mehr in der Lage ist, bei den aktuellen Temperaturen ohne meine Hilfe zu überleben, dann muss ich sie gießen. Ansonsten erwartet mich früher oder später ein leerer Hinterhof: keine Platane und kein Rauschen des Windes in ihren Blättern; keine Turteltauben, die sich jedes Jahr in ihren Ästen ein neues Nest bauen; keine Nachtigallen, die auf den Zweigen ihre Lieder singen; kein kühlender Schatten im Sommer; niemand, der die verbrauchte Luft, die ich ausatme, einatmen und wieder zurück verwandeln wird…

Welchen Rat würdest Du NachwuchskünstlerInnen geben, die für Kunst, Musik oder Literatur brennen?

Das wäre vermessen, Ratschläge zu erteilen… Aber eine Zeile Franz Kafkas könnte ich benennen, die über meinem Schreibtisch hängt und die ich selber als Rat zu beherzigen versuche, auch wenn es nicht immer gelingt: Verbringe nicht die Zeit mit der Suche nach einem Hindernis. Vielleicht ist keines da.

Lieber Kai, ich danke Dir für das Gespräch.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweise: Thorsten Eichhorst, Majorlabel _____________________________________________________________________________________

„In Wirklichkeit spiegelt die Kunst den Beschauer, nicht das Leben“ – Michael Haas im Interview zu „Die Augen meiner Tochter“

Im September diesen Jahres erscheint mit „Die Augen meiner Tochter“ Michael Haas´ nunmehr drittes Buch. Mit der düsteren Novelle „Becirct“ debütierte er 2010 in der Wiener „Edition Garamond“, 2017 erschien mit dem episodischen Gesellschaftsroman „50. Licht und Schatten – Männer betrügen Frauen, Frauen betrügen sich selbst“ sein erstes Buch in der „Edition Outbird“, nun folgt mit „Die Augen meiner Tochter“ abermals eine Novelle, die sich als tiefe Liebesbekenntnis zu seiner Tochter (und Frau) wesentlich versöhnlicher mit dem Leben und der damit verbundenen Sinnfindung zeigt. Womit auch schon ein Anriss zu Haas´ schriftstellerischem Handwerk geschaffen wäre: Seinen Werken wohnt eine zutiefst elegante Eloquenz und gleichsam kaum zu bändigende Kraft inne, die in enger Ambivalenz zu einer offenbar ausgeprägten Neigung steht, sich aus all dem bunt maskierten Getöse dieser oftmals unaufrichtigen Gesellschaft zurückzuziehen.

Michael, ich hab‘ Dich das bislang nie gefragt: Wo hat Dein so überaus elegantes Sprachbild seinen Ursprung? Man könnte meinen, Dein Schaffen als Autor sei weniger Ventil wie bei vielen Zeitgenossen, als vielmehr pure Lust am Schaffen von Kunst.

Literatur ist – für mich – die Kunst der Sublimation, nicht der Ventilierung von Gefühlen. Die Griechen haben das schöne Wort „rhapsodieren“ – das singende Sprechen –, und dieses singende Sprechen folgt einer heimlichen Partitur, die unsere Sprache in Poesie verwandelt.
Wenn aus Worten Euphonie – das griechische Wort für Wohllaut – und aus Euphonie ein inspirierendes Klangbild entsteht, bin ich glücklich. Ein fein ziselierter, schön komponierter Satz ist für mich Erfüllung, ein gutes Buch immer auch Ausdruck von Musikalität.
Schöne, einzigartige Bücher folgen einer Diktion, die jedes Wort und jede Metapher mit Sorgfalt wählt, entwickelt und inszeniert. Wer glaubt, gute Bücher seien das Resultat eines impulsiven Gefühls, ist der Wahrheit sehr fern. Romanciers wie Lawrence Durrell, aber auch Rilke, Nietzsche und Heinrich Heine, oder, unter den Zeitgenossen Michael Ondaatje, besitzen die große Gabe, Form und Inhalt in ein Amalgam zu verwandeln. Erst damit wird ein Buch vollendet schön und nahezu unantastbar.

Oftmals ist es notwendig, eine Grenzziehung vorzunehmen, um der Fiktion im Buch den Raum zu lassen, den sie verdient, und LeserInnen aus dem insbesondere näheren Lebensumfeld keine falschen Deutungshoheiten zu überlassen. Ähnlich wie Tomas Jungbluth in „Kammerflimmern“ ziehst auch Du diese Grenze. Hast Du mit früheren Werken dahingehend schlechte Erfahrungen gemacht?

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Mittlerweile sehen sich viele Autoren schon fast genötigt, auf den fiktiven Charakter ihres Buches zu verweisen. Das befremdet mich umso mehr, als jeder Roman, jede Novelle oder Erzählung eine Fiktion und kein autobiographischer Sachbericht ist. Vielleicht resultiert das ständige Beharren auf biographische Bezüge u. a. daraus, dass wir heute in einem Meer von Biographien ertrinken.
Bisweilen scheint mir, als besitze Literatur nur noch eine Legitimation, wenn die soziale Realität sie belegt. Das ist nicht nur ein unseliges Paradox, sondern zerstört, was Literatur ihre Seele und ihr Geheimnis verleiht.
So schreibt Jungbluth nicht etwa Tagebuch, sondern skizziert, mit sensiblem Gespür für Nuancen, was einem Menschen widerfährt, dessen Liebe immer nur Ambivalenz, doch keine Klarheit als Antwort erhält. Jungbluths Wahrheiten sind exemplarisch, nicht selbstbezüglich oder gar allein dem Autor zuzuschreiben und „anzudichten“. Mir persönlich wird heute viel zu oft von „Authentizität“ geredet, als dass ich daran glauben könnte, sie wäre überhaupt zu erreichen oder gar wünschenswert. Tatsächlich interessieren mich die persönlichen Lebensverhältnisse eines Autors nur obgleich und nicht etwa weil sie sein Werk berühren. Es verrät einen Mangel an Vorstellungskraft, die Bücher eines Autors auf sein Leben zu reduzieren. Oder, um an Oscar Wildes charmante Definition von Kunst zu erinnern: „In Wirklichkeit spiegelt die Kunst den Beschauer, nicht das Leben.“ So besehen beanspruche ich weder Deutungshoheiten, noch versuche ich Lesern zu sagen, was der Protagonist eines meiner Bücher meinen könnte.
Der Erzähler meiner Bücher und ich sind nicht identisch. Der Erzähler des Buches ist ein emanzipiertes Subjekt, der sich alle Freiheiten nimmt, zu sagen, was ihm beliebt.
Wie verarmt wäre die menschliche Phantasie, wenn alles wäre, wie es scheint. Wie langweilig wäre Literatur, wenn sie nur autobiographische Erlebnisse resümierte. Was einem Sachbuch gut zu Gesicht stehen mag, ist für einen Roman der Niedergang. Romane belehren nicht, sie bereiten, im Idealfall, Vergnügen und ästhetischen Genuss. Und wenn mich, wie bei „50“, vereinzelt empörte Leserbriefe erreichen, die mir nahelegen, meine Anschauungen zu überdenken, amüsiert mich das eher. Ein Roman ist ein Roman und kein persönliches Manifest. Niemand wäre auf den Gedanken gekommen, Flaubert für Aussagen seiner tragischen Romanheldin Madame Bovary zu maßregeln. Mittlerweile scheint es ein gängiger Standard zu sein, Autoren für die Überzeugungen ihrer fiktiven „Helden“ in Regress zu nehmen. Das ist wirklich bizarr.

Andreas Löhr, Sänger der legendären „Fliehenden Stürme“, sagt über das Buch: „Mit der Novelle ,Die Augen meiner Tochter‘ liefert der Autor Michael Haas ein literarisch-philosophisches Meisterwerk. Über der Schönheit seiner Worte schwebt stets die Bitterkeit der Wahrheiten, deren gewaltige Grausamkeiten mitunter nur schwer zu ertragen und nicht zu akzeptieren sind.“ Kommt es nicht einer Schwächung der tiefen Liebe zur Tochter gleich, dass Deine Novelle die schwere Erkrankung des Protagonisten sowie dessen stark misanthropische Weltwahrnehmung – quasi als dunklen Urgrund einer so überaus positiven Gefühlswelt – beinhaltet?

Mir scheint die Weltwahrnehmung des Protagonisten nicht misanthropisch zu sein, im Gegenteil zelebriert er menschliche Schönheit, wann immer sie ihm begegnet. Er verneigt sich vor jedem Akt humaner Fürsorge, der keiner Verpflichtung, sondern einer wahren Empfindung folgt.
Das Buch ist eine liebevolle Hommage, keine Abrechnung oder traurige Erinnerung an ein Leben am Abgrund. Die Liebe zur Tochter gleicht einer diskreten Melodie, die eine lärmende Welt verstummen lässt. Dieser Vater weiß, nein, er fühlt, dieses Kind ist ein Licht ohne Schatten.
Seine vorbehaltlose Liebe schenkt seiner Tochter Gewissheit, dass sie für immer geborgen ist. Die Liebe, die ihre Eltern verbindet, umschließt und beschützt sie in allem.
Und dennoch hat Andreas fraglos recht: Unser Leben ist fragil, wir alle sind verwundbar, sterblich und jede Krankheit kann unsere letzte sein.

Wenn sich diese Frage überhaupt gestattet: Wie hoch ist die Schnittmenge Deiner Werke mit den Alben Deines Freundes Andreas Löhr und seiner gern mit dem Etikett „Düsterpunk“ versehenen Band „Fliehende Stürme“? Seine Musik trägt ja eine ähnlich kraftvolle Dunkelheit in sich.

Aktuelles Album „Neun Leben“ der „Fliehenden Stürme“

Etiketten sind selten hilfreich und bei Andreas’ Musik wohl eher dem Wunsch vieler Menschen geschuldet, in verbindlichen Kategorien zu denken. Mir ist das eher fremd. Düsterpunk? Punk insofern, als Andreas, wie jeder große Musiker, die Rebellion dem Opportunismus vorzieht. Seine Musik ist, wie Du sagst, kraftvoll – kraftvoll beseelt, oft melancholisch, doch immer dem Leben zugewandt. Und seine Leidenschaft ist, wie jene von Joy Division, eher introvertiert und damit besonders wirksam. Beethoven und Gustav Mahler würden heute vielleicht ähnlich komponieren. Für mich komponiert Andreas ohnehin sinfonische Werke für E-Gitarre, Bass, Schlagzeug und Synthesizer. Seine Musik ist ein Bekenntnis zur Harmonie, insofern sie nach Auflösung seelischer Dissonanzen strebt. „Neun Leben“, sein jüngstes Werk, zählt – für mich – zu den seltenen Alben, die sich jedem Klischee von Punk verweigern und längst ihr eigenes Genre bilden.
Andreas ist seit seiner frühesten Jugend ein passionierter Musiker, dem heute alles gelingt, weil sein Talent immer die richtige Übersetzung findet, auch in seinen Versen, die seiner Musik ein grandioses Libretto schenken.
Um jedoch Deine eigentliche Frage zu beantworten: Andreas und mich verbindet, was uns seit früher Jugend verbindet: Freundschaft, im besten – im poetischen Sinn. „Contra mundum“ – gegen die Welt – in der Welt – zu bestehen, auch wenn es schmerzt. Diese Rebellion war immer ein Teil unserer Existenz, ein Lebensgefühl, das uns seit den 1980er Jahren nie ganz verlassen hat. Manche nennen es Punk, ich nenne es Humanismus der Moderne.

Wie gehst Du damit um, wenn Dein Werk von so unterschiedlichen Größen wie dem österreichischen Verfassungsrichter a. D. Rudolf Müller oder eben Andreas Löhr als „Meisterwerk“ empfunden wird?

Komplimente wunderbarer Menschen hinterfrage ich nie; ich nehme sie lächelnd entgegen, freue mich über das Lob und hoffe, sie gelten meinen Büchern und nicht mir selbst. Letzteres wäre mir peinlich, ersteres jedoch ist mir immer willkommen.

Rudolf Müller beschreibt Dich im Vorwort als einen hoch gebildeten Humanisten mit dem Kopf in den Wolken und einer tiefen Zärtlichkeit für Deine Lieben, nimmt Dich gar als Philanthropen wahr. Ein Widerspruch zur Misanthropie im Buch oder einfach zwei Facetten einer literarischen Erlebenswelt?

Wer, wie ich, die Liebe über das Leben und das Leben über sein Wünschen stellt, verliert sich nie in Misanthropie, auch in seinen Büchern nicht. Was ich liebe, sind beseelte Menschen, was ich fürchte, ist die Ignoranz unserer Spezies und mehr noch die aggressive Verleugnung der Wahrheit durch meine Generation. Die 50-jährigen sitzen privilegiert auf dem Oberdeck der Titanic, genießen das milde „Klima“, derweil unter Deck ihre Kinder mit dem Ertrinken ringen. Hemingways Generationenurteil übernehme ich gern: „Ich habe eine große Zärtlichkeit und Bewunderung für die Erde und keine Spur davon für meine Generation.“

Sigmund Freud

Du arbeitest derzeit auch an einem umfassenden Werk über Sigmund Freuds Schaffen, hast eine enge Verbindung zu Wien. Woher rühren diese Liebe zum Urvater der Psychoanalyse und zur Stadt Wien?

Freud war ein furioser Redner, blendender Autor, Essayist und Homme de lettres. Er ist einer der letzten Universalgelehrten, die in jeder Disziplin brillieren und deren Repertoire an Metaphern und Allegorien unerschöpflich scheint. Die Psychoanalyse erzählt uns eine faszinierende Geschichte, bei der es m. E. nicht wirklich entscheidend ist, ob sie, wie einer seiner Kritiker süffisant bemerkte, „ein wissenschaftliches Märchen ist“ oder nicht. Der Vater der Psychoanalyse ist eine phantasiebegabte Ausnahmepersönlichkeit, wie sie in jedem Jahrhundert nur einmal in Erscheinung tritt. Wie Montaigne beschreibt er die Prosa des Alltags mit poetischer Meisterschaft. Sein Blick auf den modernen Menschen – seine Psyche und seelische Konstitution – gewährt uns tiefe Einblicke in unsere Kultur- und Zivilisationsgeschichte. Wer wie ich viele Jahre seines Lebens darauf verwendet, Sigmund Freuds Werk zu studieren, kommt nicht umhin, ihn zu bewundern.
Freud und das Fin de Siècle sind ohne Wien schwer vorstellbar. Bis heute ist Wien eine Stadt für Flaneure und streitbare Geister mit Liebe zur Literatur, und als junger Doktorand habe ich es unglaublich genossen, in Wiens grandioser Kulisse zu leben und wissenschaftlich zu arbeiten. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Mit meiner heutigen Arbeit zu Freud erlaube ich mir den Luxus, ihn im Spiegel der Literatur seiner Epoche zu betrachten und seine Epoche findet in Wien ihren Kulminationspunkt.

Michael, eine letzte Frage: Warum sollte man Dein Buch unbedingt lesen?

Weil es schön ist.

Vielen Dank für Dein Interview und viel Erfolg!

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweise: Privat, Edition Outbird, Majorlabel/Fliehende Stürme, Max Halberstadt.
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„Das Spannende an „Whisky & Sounds“ ist, einen komplett anderen Sinneseindruck zu konvertieren“ – Martin Plütsch im Interview

Martin Plütsch, junger Geraer Gitarrenvirtuose und seit einer Weile Mitglied des „Genuss & Kultur“-Künstlernetzwerkes der Agentur Outbird, wird am 29. 06. 2019 im Salon West in Annaberg-Buchholz handverlesene Single Malts aus vier Regionen dieser Erde in Form seiner musikalischen Interpretationen vorstellen. Ein paar Fragen an Martin:

Hallo Martin, magst Du Dich kurz vorstellen? Wie alt bist Du, was hat Dich zur Musik getrieben, was hat Dich inspiriert?

Sehr gerne. Ich bin der Martin Plütsch, noch 27 Jahre jung. Und zur Musik hat mich gebracht, dass ich noch ganz jung, als 12-, 13-jähriger mit einem sehr guten Freund eine Punkband gründen wollte. Wir hatten zufälligerweise eine Gitarre zuhause rumstehen, weil meine Mutter damals dachte, irgendwer hat vielleicht das Talent, darauf spielen zu lernen. Dadurch hatte ich dann Zugriff aus Instrumente und meine Spielleidenschaft war erwacht.

Welche Stile bevorzugst Du? Spielst Du Klassik, spielst Du Flamenco? Welche Musiker und Komponisten liebst Du?

Ja, vom Stil her triffts das schon ganz gut: hauptsächlich klassische Musik, dann taste ich mich auch an Flamenco und auch Blues ran. Zu meinen Lieblingskomponisten zählen ganz klar Bach, auch Domenico Scarlatti; das sind alles Komponisten, die an der Orgel und am Cembalo großgeworden sind. Ansonsten die typischen Gitarrenkomponisten, populäre Rockmusiker, wenn man so will…

Und wo siehst Du die Verbindung von Deiner Musik zu Whisky, was ist das Spannende für Dich daran? Was ist das Neue an diesem Spielfeld?

Das Spannende daran ist, einen komplett anderen Sinneseindruck zu konvertieren und zum Ausdruck zu bringen. Einen Geschmack, ein Aroma, quasi den Charakter eines Whiskys wahrzunehmen und herauszufinden, welches Musikstück das am Besten ausdrücken könnte.

Salon West

Das heißt, Du interpretierst Whiskys musikalisch bei den „Genuss & Kultur“-Abenden?

Ja genau, so kann man das in Kurzform sagen.

Was war Dein bislang wichtigster oder „größter“ Auftritt?

Da spielte ich im Geraer Rathaus zur Eröffnung der Höhlerbiennale vor versammelter Mannschaft: dem Ministerpräsidenten, der Oberbürgermeisterin und vielen weiteren hochrangigen EntscheidungsträgerInnen.

Letzte Frage: Was hat Dich zu Outbird gebracht, warum bist Du Teil unseres Künstlernetzwerkes?

Über Freunde und Bekannte, die selber meine Auftritte verfolgt haben und mich an Dich weiterempfohlen haben, ja selbst die Kontakte schon geknüpft haben. Das ging dann relativ schnell bis zu unserem ersten Kennenlerngespräch und gemeinsamen Ideen zu Veranstaltungskonzepten.

Vielen Dank für das Gespräch, lieber Martin.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweise: Adelheid Garschke, Privat.
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„Den einen oder anderen dazu bringen, Flüchtlinge als Menschen zu sehen“ – Mona Krassu im Interview zu „Freitagsfische“

Von Mona Krassu, Geraer Schriftstellerin und Romanautorin, ist dieser Tage bei Edition Outbird ihr zweiter Roman „Freitagsfische“ erschienen. Ein Roman, der den Leser schnell glauben lässt, in die Nachkriegszeit versetzt worden zu sein, so authentisch und genau ist Monas Blick.
Merkwürdiger Name, denkt man, bevor man auf den Klappentext schaut und neben Feridun Zaimoglus unbedingter Leseempfehlung das Thema erfasst: Flucht aus Breslau in die Sowjetische Besatzungszone und damit in ein schweres Leben voller Feindseligkeiten und Schwierigkeiten mit dem System.

Mona, was hat Dich bewogen, dieses Buch zu schreiben? Worum geht es darin?

Schon in frühester Kindheit lauschte ich den Gesprächen zwischen meiner Mutter und ihrer Schwester. Da hieß es immer: „Unsere Mutti hat es so schwer gehabt. Da hat sie Tag und Nacht genäht und wir lebten trotzdem von der Hand in den Mund.“ Nähere Erklärungen dazu gab es nicht. Ich wollte aber wissen, warum und wieso das so war. Die Mutter meiner Mutter, also meine Oma, war aber schon tot, als ich noch nicht mal auf der Welt war. Sie konnte ich also nicht fragen. Mutter und Tante antworteten ausweichend.
Um diesen Roman zu schreiben, befragte ich andere Zeitzeugen. Zu Flucht und Vertreibung, zu Anfeindungen in der neuen Heimat und so weiter. Wie im Roman üblich ist einiges, das hier erzählt wird, fiktiv. Es ging mir darum, diese Zeit für mich selbst begreifbar zu machen und auch darum, meiner Oma ein Literarisches Denkmal zu setzen und damit auch all den anderen Frauen, die in jener Zeit ihre Kinder allein satt kriegen mussten.

Das Buch weist deutliche Parallelen in die Gegenwart auf, Stichwort Flüchtlingspolitik. Ist und war das Deine Absicht, angesichts der seit Jahren laufenden Einwanderungsdebatte einen Rückblick zu gestatten? Welche (gesellschaftliche) Aufgabe siehst Du in Deinem Roman?

Ehrlich gesagt nein. Als ich mit der Arbeit an diesem Roman begann, war dieses Thema noch nicht so präsent. Die Parallelen sind mir erst, während wir zusammen lektorierten, bewusst geworden. Aber ich muss zugeben, es würde mich freuen, wenn dieser Roman den einen oder anderen (möglichst viele Menschen 🙂 ) dazu bringen würde, Flüchtlinge als Menschen wie du und ich zu sehen. Da steht ein Mensch vor mir, ich betone das Wort Mensch. Und dieser Mensch hat Schreckliches erlebt, Kriege, Tod, Armut usw.. Wir, denen es so gut geht, vergessen manchmal, dass es das Geburtsrecht eines jeden Menschen ist, ein Leben in Gesundheit und Freude zu leben. Das könnte also Aufgabe des Romans sein, wenn man in der Literatur überhaupt von Aufgaben sprechen kann. Ein anderes Lesegeschenk, dass der Roman machen kann, ist hauptsächlich an die jüngere Generation gerichtet. Was wissen junge Menschen heute über diese Zeit? Es ist sehr ernüchternd, wenn man manchen 16- bis 25-jährigen diese Frage stellt.

Wenn man sich mit Dir unterhält, merkt man rasch, dass Du das Schreiben sehr ernst nimmst. Wie sieht bei Dir der Schaffensprozess des Schreibens aus?

Ja, das Schreiben hat sich den ersten Rang in meinem Leben erobert. Die Themen finden mich, ich suche nicht nach ihnen. Sie entstehen durch intensives Beobachten der Welt, in der ich lebe oder mir erzählt jemand direkt etwas aus seinem Leben. Es ist, als würde ein Hund mich beißen, meist weiß ich sofort, das ist aber ein packendes Thema. Wenn ich also auf diese Art infiziert bin, mache ich mir Notizen. Ich kann dann genau sagen, wie meine Hauptfigur aussieht, wie alt sie ist, was sie will. Mehr aber nicht. Ich entwickle Romane von Szene zu Szene. Das heißt, die Figuren entwickeln den Roman weiter. Ich kann vorher kein Handlungsgerüst erstellen. Das habe ich versucht. Aber das waren dann keine Menschen, sondern Figuren, die auf Stelzen daher kamen und schnell umkippten. Geschrieben wird möglichst jeden Tag nach dem Brotjob. Das heißt auch an Feiertagen und im Urlaub.

Wie kamst Du zum Schreiben?

Schon als Kind las ich lieber, als draußen zu spielen. Die Bibliothek in Weida war nicht gerade groß, die Auswahl nicht so umfangreich, wie man das heute kennt. Schon im Alter von 13 Jahren hatte ich da alles gelesen, was mich mehr oder weniger interessierte.
Meine Mutter gab mir das Buch „Christa“ von Jurij Brèzan. Das war mein erstes großes Leseerlebnis, weil ich mit Christa fühlte, und wie sie aus Liebeskummer weinte. Mit ihr litt ich, als sie erkannte, was für ein Mensch ihr leiblicher Vater wirklich war. Auch später dachte ich hin und wieder an Christa. Jurij Brèzan hatte es also geschafft, dass Christa eine reale Person für mich wurde. Es dauerte trotzdem noch viele Jahre, bis mich das Schreiben fand. Meine erste Leidenschaft war nämlich die Musik. Meine Kindheit war geprägt durch das Singen im Chor. Singen machte mir Freude und ich kam mit dem Chor viel rum.
Und als ich mein Idol fand, Udo Lindenberg, da träumte ich, zu sein wie er, zu leben wie er, Lieder zu singen wie er, mit den gleichen Inhalten, was natürlich in der DDR unmöglich war. Der Traum platzte, als ich mich kurz nach der Wende bei einer Band als Sängerin bewarb. Ich erschrak selbst darüber, wie schräg mein Gesang beim Vorsingen klang. Ganz zu schweigen von dem Versuch, das Gitarrespielen zu erlernen.
Ich war unzufrieden mit dem öden Leben, als 22-jährige zur Arbeit zu gehen, nach Hause zu kommen, zu putzen, fernzusehen. Das konnte nicht alles sein. Durch die Kölschrock-Gruppe BAP wurde ich auf Heinrich Böll aufmerksam. Als ich „Wo warst du Adam“ und „Und sagte kein einziges Wort“ las, war es endgültig mit mir passiert. Ich wollte schreiben lernen und zwar so großartig wie Heinrich Böll.

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Was sind Deine Träume als Autorin und Mensch?

Natürlich träume ich wie jeder Schreiber davon, vom Verkauf der Romane leben zu können. Außerdem lese ich sehr gerne vor Publikum, auch wenn ich dann kurz vor einer Lesung immer denke: Warum tust du dir das an? Es ist einfach bewegend zu erleben, wie der Text auf die Zuhörer wirkt, wie sie ihn in eigenes Erleben umwandeln. Man wohnt dann einer Metamorphose bei, selbst wenn die Reaktionen negativ ausfallen sollten. Mir wurde ja schon mehr als einmal gesagt, dass meine Texte düster seien. Dazu stehe ich, weil es ein Ansinnen und somit auch ein Traum von mir ist, die Leser für Mitmenschen zu sensibilisieren, denen es nicht so gut geht. In einer Welt, wo Geld und Konsum bei vielen (vielleicht unbewusst) an erster Stelle stehen, finde ich es wichtig, dass wir uns wieder auf die eigentlichen Werte besinnen. Die liegen meiner Meinung nach im Miteinander, im gegenseitigen Austausch, im Ausdruck des Selbst, im Entdecken der Natur und im Weitergeben an nachfolgende Generationen. Amen. Große Worte, und ich zeige dabei auch auf mich, denn ich lebe selbst nicht immer nach diesen Werten. Aber ich bemühe mich.

Wie schätzt Du den Buchmarkt der (nahen) Zukunft ein? Welche Risiken und Chancen siehst Du?

Es wird viel gejammert über rückläufige Verkaufszahlen. Ich aber sage, Totgesagte leben länger. In Büchern steckt ja so viel mehr, als eine Geschichte. Obwohl alle dasselbe Buch lesen, liest doch jeder etwas anderes, weil der Leser eben sich selbst beim Lesen mit einbringt, seine Phantasie, seine Erfahrungen. Lesen kann Anregung oder Entspannung sein, es kann Nachdenken sein und Erkennen. So ein Medium stirbt nicht aus. Die Zahl der Leser wird wieder steigen. Was mich oft ärgert, ist die Vielzahl der Bücher, die auf den Markt geworfen werden. Weil das kein Mehrwert ist, sondern nur der Profitgier großer Verlagsgesellschaften geschuldet ist. Du bist da zum Glück eine positive Ausnahme.

Nicht selten sind kreative Geister sehr selbstkritisch und streng zu sich selbst. Was glaubst Du, woher das rührt? Was rätst Du solchen Skeptikern?

Jetzt hast Du mich aber voll erwischt. Ich bin auch so ein Schreiber. Ich finde immer wieder Textstellen wo ich denke: „mein Gott, was hast Du da bloß für Mist geschrieben?“. Aber ein paar Tage später ist dieselbe Textstelle dann wieder richtig gut.
An Tagen, an denen ich vor Beklemmung und Angst gar nicht schreiben kann, zwinge ich mich, an meinem Schreibtisch sitzen zu bleiben und trotzdem zu schreiben. Man kann es ja notfalls wegwerfen oder löschen, aber man ist in Gedanken in der Geschichte geblieben, das ist wichtig. Mein Rat also: „Sitzen bleiben!“

Horst Sakulowski, Thüringer Künstler (entwarf die Covergrafik)

Eine letzte Frage: Was wird in naher Zukunft von Dir zu erwarten sein? Wo wirst Du lesen, welcher Romanstoff wird auf „Freitagsfische“ folgen?

Lesen möchte ich gern überall. Feste Termine für den Roman Freitagsfische gibt es bisher in Suhl am 22. 8. in der Kulturbaustelle, in Weida am 8. 9. im Rahmen des Tages des offenen Denkmals in der Lohgerberei (bereits ab 11 Uhr), in Gera am 10. 9. in der Stadtbibliothek, am 3. 10. im Clown-Museum Leipzig und in Saalfeld am 2. 11. um 17 Uhr in der Saalegalerie (die fehlenden Uhrzeiten bitte erfragen, d. Red.).
Der nächste Roman ist in der Rohfassung schon fertig. Er spielt wieder in der ehemaligen DDR. Anhand der Hauptfigur, einem Mädchen, 1966 geboren, wird für den Leser sowohl geistig als auch körperlich erfahrbar, wie es war, in einer Diktatur aufzuwachsen. Das wurde schon in einigen Nachwenderomanen erzählt, ich weiß. Aber hier geht es um die Disziplinierung durch Medizin. Ein Thema, dass bisher nur in einem Sachbuch aufgearbeitet wurde. Die Opfer kämpfen noch heute um Entschädigung.
Es wird aber auch weitere Kurzgeschichten und Gedichte geben. Und mich hat schon wieder ein Thema für einen Roman gebissen. 🙂

Liebe Mona, ich wünsch Dir viel Erfolg. Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweis: Privat.
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„Ich sehne mich nach Gesprächen, die tiefer gehen“ – Frank Hildebrandt im Interview zu „Gedankenspiele“

Kurz vor der Leipziger Buchmesse 2019 erschien von Frank Hildebrandt in der „Edition Outbird“ sein Buch „Gedankenspiele“, eine Sammlung aus Gesprächen, Gedanken und Aphorismen. Ähnlich wie in Tomas JungbluthsKammerflimmern“ finden sich auch hier Elemente einer Gesprächsführung, die die Aussagen und Antworten des Gegenübers im Dunklen oder bestenfalls erahnen lässt. Fast könnte man vermuten, „Gedankenspiele“ würde auf moderne Art christliche Werte und Sünden auf den Prüfstand stellen, ohne sich mit religiösen Lebensentwürfen jedoch gemein zu machen. In unaufdringlicher, leichter Sprache stößt Hildebrandt zu Themen wie „Neid“, „Schuld“, „Verlust“, „Schubladendenken“ oder „Schwächen der anderen“ Antworten an, die wir selbst mitnehmen oder für uns finden können.

Frank, mit „Gedankenspiele“ ist es Dir gelungen, Philosophie als etwas Leichtes greifbar zu machen, etwas, dass es uns fernab von elitär-akademischem Theorien ermöglicht, viele Fragen des Lebens zu betrachten und Antworten darauf zu finden. Fast scheint es manchmal, als lösten Deine kurzen Betrachtungen zu verschiedenen Themen deren Schwere auf, die uns so oft in Medien und gesellschaftlichen Debatten glauben gemacht wird. Woher nimmt ein eigenen Aussagen zufolge so tiefer Mensch diese Leichtigkeit?

Ich denke, wer sich einmal mutig auf die Komplexität der Themen des Lebens eingelassen hat, ohne deren Schwere zu verdrängen, der trägt weniger Ballast.

In manchen Deiner Texte, beispielsweise „Das Gute“, reißt Du es als quasi Allgemeingut an, dass wir Menschen in ständiger Auseinandersetzung mit dem Destruktiven in uns stünden. Eine Aussage, die ich so nicht teilen kann. Mir sind immer wieder auch Menschen begegnet, die ihr Inneres bei aller Destruktivität in einer solchen Klarheit und damit mit der Gewissheit, nicht nur perfekt, gut und schön zu sein, nicht ertragen können, es vielmehr ausblenden, verdrängen oder projizieren. Folgt „Gedankenspiele“ mitunter einer Utopie, einem Wunschdenken für ein besseres menschliches Miteinander?

Ja, ich sehne mich nach Gesprächen, die tiefer gehen, die die Auseinandersetzung mit dem Destruktiven, den Mustern in uns, nicht scheuen. Ich gehe davon aus, dass jeder Mensch eine Vorstellung von dem hat, was er leben will. Kommt er darüber mit sich und mit anderen nicht ins Gespräch, in den Dialog, bleibt sein Wert auf der Strecke, d.h. sein Entwicklungsprozess stagniert. Und die Utopie verhilft dem Wert wieder auf die Sprünge.

Wenn man Dir begegnet, begegnet man einem angenehm unaufdringlichen, beinahe stillen Menschen, dessen Worte und Beobachtungen nicht erahnen lassen, dass Du in früheren Lebensjahren sehr politisch warst und dafür auch Unannehmlichkeiten in Kauf zu nehmen hattest. Willst Du uns etwas über Dein Engagement sagen und wie es dazu kam?

Ich war schon in der DDR ein politisch denkender Mensch, der seiner inneren Stimme, dem moralischen Gewissen folgen wollte. Ich setzte mich damals für die Einhaltung von Menschenrechten ein, dafür riskierte ich Gefängnis. Auch heute, in unserer Vorstellung von Demokratie, gilt es, etwas dem Zeitgeist entgegen zu-setzen und für Gerechtigkeit zu kämpfen.

Glaubst Du, dass wir Menschen, wir einzelnen Individuen etwas an einem ungerechten System ändern können? Was ist in Zeiten des Hasses und der Spaltung das Gebot der Stunde, worin liegt Deiner Meinung nach die größte Not für uns alle, zu handeln? Und vor allem: Wie können wir Konsumenten und Wähler und angesichts der alles durchdringenden Manipulation durch Politik und Werbung eine eigene, klare Meinung bilden? Kann „Gedankenspiele“ da nicht ein wichtiger Baustein sein?

Ich bin davon überzeugt, dass jeder Mensch etwas gegen den Hass und die Spaltung tun kann. Je bewusster wir uns der eigenen Stärke sind, je gründlicher wir die Analyse unseres Selbst und der gesellschaftlichen Situation betreiben, je besser werden wir in der Lage sein, uns und die Gesellschaft zu verändern. Gewiss, es kommt auf die kleinen Schritte an. Wir haben mehr Einfluss, als wir denken.

Ich hatte vorhin den Vergleich zur Narzissmus-Novelle „Kammerflimmern“ gezogen, deren Lektüre Dich im vergangenen Jahr sehr berührt hat. Auf der Buchmesse hatten wir das Gespräch, in dem klar wurde, dass diese (Un)Tiefe und bisweilen empfindsame Schwere Jungbluths auch in Dir angelegt ist. Wie kann man aus Deiner Sicht ohne Selbstzensur vermeiden, zu viel davon in engste Beziehungen einzubringen, quasi das Gegenüber zu überlasten?

Du kannst mit deiner Art zu sein, andere belasten. Trotzdem ist man so, wie man ist, ein Teil der Gesellschaft. Man trägt Verantwortung, für sich und für den Umgang mit anderen. Wenn man den anderen Menschen sieht, wer er ist, lässt sich möglicherweise ein Ausgleich finden.

Du sprichst so viele Themen an, die ich immer wieder als „Druckerzeuger“ wahrnehme – Gutmenschen zum Beispiel (in einer neuen, unbelasteten Definition), Schuld (ein sehr schweres Wort, wie ich finde) oder einer moralischen Instanz. Für mich gibt es in dieser Gesellschaft(sdebatte) nur noch die Möglichkeit, sich dem Sturm an Meinungen, Manipulationen, Negativität und Angsterzeugung zu entziehen (beispielsweise durch Vermeidung von Nachrichten) oder sich mit voller Kraft für eine bessere Utopie zu engagieren. Viele Menschen gehen ja in die innere Migration – sie verdrängen, schalten den Kopf ab, berauschen sich, folgen der frustrierten Masse, Stichwort AfD. War „Gedankenspiele“ für Dich eine Art Ventil, eine Art Notwendigkeit zum Druckausgleich?

Sicherlich war „Gedankenspiele“ eine Art Therapie. Etwas aufzuschreiben bedeutet für mich, etwas loszulassen. Und mit dieser Art Notwendigkeit, wie Du es sagst, suchte ich meinen Weg. Ich denke, andere könnten sich auch durch meine Themen mitgenommen fühlen.

Mitunter taucht in mir die Frage auf, wieso Du bisher so wenig veröffentlicht hast. Gibt es dahingehend Zukunftspläne? Was hast Du mit dem frisch erschienenen Buch „Gedankenspiele“ vor?

Jetzt war die Zeit reif dazu, dieses Buch zu schreiben. Ich wünsche mir, mit dem Leser, in Cafe’s, in philosophischen Runden, auch in Schulen vielleicht, in einen anregenden Gedankenaustausch zu kommen, über das Leben, wie es sein könnte. Gegenseitiges Lernen sehe ich als Voraussetzung dafür.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweis: Ingo Heine.
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„Vertrauen und Ehrlichkeit ohne Schnörkel zeigen diese Texte“ – Corina Gutmann im Interview zu „Kopfkino“

Corina Gutmann, Leiterin der Stadtbibliothek Greiz, ist seit vielen Jahren hochengagiert in Sachen kulturelle Vielfalt in der Region wie auch in der Gefängnisarbeit. Sie arbeitet in der JVA Hohenleuben mit Häftlingen, gibt beispielsweise Schreibworkshops. Aus diesen Workshops ist im vergangenen Jahr die unlängst in der „Edition Outbird“ erschienene Anthologie „Kopfkino“ entstanden, die Lyrik, Prosa, Kurzgeschichten, aber auch einen Songtext beinhaltet und die Workshoparbeit in zahlreichen Fotografien abbildet.

Corina, was war Deine ursprüngliche Motivation, Dich ausgerechnet in der Gefängnisarbeit zu engagieren?

Das passierte eher zufällig, damals zu Zeiten ohne Smartphone etc. kamen die Freigänger in die Greizer Bibliothek und nutzten die Internet-Arbeitsplätze. Na und mit der JVA-Beamtin Anke Hartmann arbeitete ich schon länger zusammen. Und wenn zwei Kreative die Köpfe zusammen stecken, entsteht etwas… Zwei Wochen später führten wir im Knast einen Vorlesewettbewerb durch und bald folgte Poetry Slam. Tja, und wenn man einmal dabei ist…

Du kommst im Rahmen dieser Arbeit sicher mit den verschiedensten Menschen zusammen, ist es angesichts dessen und der Bedingungen leicht, eine kreativ schöpferische Arbeit zu koordinieren?

Das ist eine Parallelwelt und doch ist es genauso wie „draußen“. Der Anstaltsleiter (mittlerweile der dritte) muss hinter dieser Arbeit stehen. Und man braucht in der Einrichtung einen Partner, mit dem man vertrauensvoll und auf Augenhöhe arbeiten kann. Das ist Anke Hartmann, einfach unglaublich gut, wie wir zusammen funktionieren. Und dann bin ich immer auf Sponsoren- und Künstlersuche für die Projekte. Das gleicht der Polarisierung in der öffentlichen Wahrnehmung, Begeisterung pur oder totale Ablehnung. Die Koordinierung ist im Knast natürlich immer aufwendiger, da geht es zum Beispiel um Sicherheit.

Wie kann man sich eine solche Workshoparbeit vorstellen?

Es geht um erwachsene Menschen, die Basis ist Freiwilligkeit. Also für mich ist das genau so wie „draußen“, man stellt sich vor und tastet sich heran und man weiß genau, wenn es nicht passt, kommt keiner mehr. Anders ist im Knast die Intensität. Es gibt keine Ablenkung zwecks Telefone oder Internet, da wird schon intensiver gearbeitet. Und bitteschön, das sind erwachsene Männer, „draußen“ arbeite ich doch eher mit Jugendlichen. Vertrauen und Respekt sind ganz wichtig.

Die Menschen, mit denen Du arbeitest, sitzen wegen ganz unterschiedlichen Fällen im Gefängnis. Kann man das differenzieren? Wieviele sind beispielsweise unverbesserlich, wieviele „mitgehangen und reingerutscht“, wie hoch ist schätzungsweise der Prozentsatz derer, die ihre Fehler bereuen und sich fest vornehmen, sich in der Zukunft ein anderes und besseres Leben aufzubauen?

Dazu bin ich nicht aussagefähig. Die Gefangenen erzählen mir während der Projekte oder als Justizhelferin von ihren Straftaten – oder nicht. Und fest steht auch, nicht jeder wird bei solchen Projekten mitmachen. Also ehrlich, all die, die ich kennengelernt habe und die sich mir anvertraut haben, waren nicht stolz auf ihre Straftaten und wollen draußen ihr Leben führen.

Du sagtest unlängst, dass Du aufgrund dieser Arbeit auch Ablehnung und Vorurteile erfährst. Wo liegen die Ursachen dafür?

Na sicher polarisiert diese Arbeit im Gefängnis. Da sind wir schon wieder beim „Kopfkino“, Bibliothekarin und Knast, das passt nicht zusammen. Man darf auch nie die Opfer vergessen, zu oft werden sie allein gelassen oder sie müssen sich rechtfertigen. Das verstehe ich sehr. Aber einfach wegsperren, wie es oft heißt „bei Wasser und Brot“, ich glaube nicht, dass das der bessere Weg wäre. Ursachen der Ablehnung für diese Projekte liegen gewiss auch in Unkenntnis, das Thema ist emotional. Ich bin gewiss keine Sozialromantikerin, aber was ich sehe an Resozialisierung in der JVA Hohenleuben macht Hoffnung. Da gibt es beispielsweise die Suchtberatung, Sozialarbeiter, Schul- und Berufsausbildung, so wird ein eigenverantwortliches Leben nach dem Knast gut vorbereitet. Und unsere Projekte passen da gut rein.

Wie unterscheidet sich aus Deiner Sicht das gesellschaftliche Miteinander im Gefängnis von dem in Freiheit?

Es ist eine Welt in sich, eben hinter dicken Mauern, alle müssen miteinander leben und auskommen. Ich werde immer sehr anständig behandelt und gehe mit allen normal und selbstverständlich um.

Deine Arbeit kommt nicht ohne starke Partner zustande, Du erfährst enge Unterstützung vom Leiter der Haftanstalt Jürgen Frank und der Freizeitbeamtin Anke Hartmann. Wie sieht so eine Kooperation aus?

Die ist eben genau wie alle anderen Kooperationen. Das ist sehr schön, dass der Anstaltsleiter die Kooperation so positiv unterstützt, sonst könnte diese überhaupt nicht stattfinden. Vertrauen und Augenhöhe sind wichtig. Anke Hartmann, die Freizeitbeamtin ist im Agieren meine Ansprechpartnerin. Ohne sie gäbe es diese Kooperation gar nicht. Das ist ein richtig gutes Zusammenarbeiten, also so ein bisschen verrückt sind wir beide, da entstehen eben auch außergewöhnliche Projekte.

Wie würdest Du „Kopfkino“ beschreiben, was bedeutet dieses Buch für Dich, was macht es aus und was spiegelt es wider?

Also ich bin so glücklich, das Buch macht mich froh. Und stolz bin ich, dass sie alle mitgemacht haben und dann auch ihre Texte unbedingt im Buch wollten. „Kopfkino“ – der Weg war das Eigentliche, was da miteinander beim Schreiben passiert. Wir haben ja um die 50 Stunden zusammen geschrieben, über das Geschriebene gesprochen und selbstverständlich auch über andere Dinge geredet, fotografiert, das macht etwas mit einem. Da wird Vertrauen aufgebaut und natürlich habe ich hinsichtlich der Veröffentlichung alles getan, um niemanden zu enttäuschen. Das wäre desaströs. Dieses Vertrauen und die Ehrlichkeit ohne Schnörkel zeigen diese Texte. Ja, da schenkst du jedem das gedruckte Buch und siehst in den Gesichtern den Stolz, die Freude?!

Hast Du einen Wunsch hinsichtlich des gesellschaftlichen Umgangs mit diesem Thema?

Joachim Fritzsche, Anstaltsleiter a.D., sagte immer, es gibt ein Leben nach dem Knast. Genau nach ein paar Jahren leben sie wieder unter uns. Das soll doch gut werden!

Vielen Dank für das Gespräch, liebe Corina.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweise: Frank Gutmann, Edition Outbird, Corina Gutmann.
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„Ich bin ein höriger Diener meiner Ideen und immer wieder gespannt, wohin die mich führen“ – Interview mit Andreas Hähle zu „Wahnsignale“

Andreas Hähle, Autor, Songtexter und Redner und 51 Jahre alt, veröffentlichte bei Edition Outbird Ende des vergangenen Jahres den verstörenden Roman „Wahnsignale“. Verstörend, weil er einen Lesesog entfaltet, der seiner Leserschaft keine Alternative des Entrinnens aus der zunehmend wahnhaften Welt des Protagonisten gewährt, die ihn mit den Wendejahren innerlich zerreißt. Andreas, der seit geraumer Zeit mit und gegen Krebs anzukämpfen hat, sprach mit uns über sein Buch und sein derzeitiges Leben.

Andreas, wann entstand „Wahnsignale“? Und war das Buch neben einem Rückblick auf die Verwerfungen der Wendezeit vielleicht auch ein unbemerktes Gleichnis, eine Ahnung auf das auf Dich Zukommende?

Die Idee zu dem Projekt „Wahnsignale“ kam mir bereits Anfang der 90er Jahre. Ich lebte damals noch in Stralsund und war tagtäglich mit den Verwerfungen und Traumata dieser Jahre bei den DDR-Bürgern konfrontiert. Es begann ja mit einer unglaublich wärmenden Kraft des Aufbruchs und des Neubeginns und da war auch ein riesiger Sog an Gestaltungswillen ganz unterschiedlicher Art und Intentionen. Die Menschen begannen Ideen zu entwickeln und zu entfalten. Plötzlich wurde alles umgedreht, die Ideen und Aktivitäten hatten keinen Wert mehr, sie passten nicht zu dem neuen Land, in welches die Menschen eingesogen wurden. Es sollte ursprünglich eine Kurzgeschichte werden, aber sie wurde länger und länger. Ich fand in meinem Kopf immer mehr Material dazu und die Handlung wollte sich weiter entwickeln. Irgendwann habe ich die Arbeit dann unterbrochen, weil ich mit dem Sujet nicht mehr weiterkam, aber auch, weil ich natürlich sehr viele andere Dinge im Kopf hatte und nicht wirklich eine Möglichkeit gesehen habe, bei einer eventuellen Fertigstellung dieses Projekts auch eine Veröffentlichung herbeiführen zu können. Irgendwann fand ich auf der Suche nach einer anderen Materialsammlung für ein anderes Projekt diesen Text wieder, las und stellte ihn fertig. Er wurde dann ganz anders als gedacht, aber so fand ich ihn gut. Eine Ahnung ist vielleicht immer da, von dem was kommt, was kommen könnte, was sein könnte, jedenfalls immer dann, wenn man sehr in die Tiefe schaut. Und bei diesem Roman habe ich sehr in die Tiefe geschaut. Der Protagonist bin ja nicht ich, das ist ein Konglomerat aus anderen Menschen, denen ich begegnet bin und auch ein Resultat aus vielen Gesprächen mit Freunden.

Wie würdest Du mit wenigen Worten „Wahnsignale“ beschreiben und wie erklärst Du Dir seinen Erfolg?

Erfolg? Nun, wenn der Roman ein Erfolg ist, kann ich ihn mir nicht erklären. Ich finde, es ist das schwerste Stück Literatur, welches ich je geschrieben habe. Schwer für mich beim Schreiben und ich dachte, er wäre auch sehr schwer zu lesen. Einige haben mir das auch bestätigt, wiederum andere kamen sehr gut damit zurecht und empfanden es eher als ein leicht zu konsumierendes und nachzuvollziehendes Werk. Vielleicht trifft es einfach den Zeitgeist, den Stand der derzeitigen Aufarbeitung der eigenen persönlichen Erlebnisse aus den 90er Jahren und der Erkenntnisse, zu denen man dabei gelangt. Und es werden viele tiefgehende Gedanken in Selbstmonologen des Protagonisten geäußert, die vielleicht doch für viele leichter nachvollziehbar sind als ich es beim Schreiben annahm. Ein bisschen kann es auch an der Sprache liegen, derer ich mich bediene. Diese und die Stilistik ist meine ureigene. Ich erzähle schon anders als andere Autoren. Nicht um mich abheben zu wollen, ich erzähle einfach so. Ich liebe Metaphern und Allegorien und Gedankenspiele sehr.

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Welche Bedeutung, welche Umbrüche brachten für Dich die Wendejahre? Wie nahmst Du diesen gravierenden, für viele entwurzelnden Umbruch wahr?

Für mich persönlich war die Wendezeit erst einmal das Ende meines Kabarettkollektivs „Die Wunderkinder“. Die Ereignisse überstürzten sich, ich schrieb jeden Morgen neue Texte, die dann am Abend der Aufführung bereits überholt waren. Also verordnete ich meinen Mitstreitern 1991 ein Jahr Zwangspause, um die Entwicklungen abzuwarten. Diese Pause dauert bis heute an. Erst vor einigen Tagen fragte mich zufällig ein Mitstreiter erstmalig nach dieser langen Zeit, ob wir nicht wieder zusammen auftreten mögen. So lange ging die Pause vorerst.

Aus meiner Sicht allerdings gab es keine eine Wende, es gab mehrere davon. Das eine war der Wille zum Aufbruch in ein humanistisches Land, „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ war das Label. Doch dann folgte die Gewalt der rein materiell interessierten Masse. Mit der hatte ich nicht gerechnet. Mit der konnte ich auch überhaupt nichts anfangen. Die überrannte – quasi konterrevolutionär – den aufkeimenden Humanismus und konterkarierte ihn sogar und spätestens mit der Einheit wurde der Humanismus durch den Turobokapitalismus in sein Gegenteil verkehrt. Die DDR wurde zum Ramschladen. Das kann man sich vorstellen wie früher Kolonialisten mit Insulanern gehandelt haben. Sie tauschten ihren Müll gegen Gold, das sie dann einfach verramschten. Die DDR wurde ausgeschlachtet und die Biographien entwertet. Es blieb nichts mehr übrig und der Humanismus, die Freiheit blieben dabei vergessen auf der Strecke.

Würdest Du der kursierenden Theorie zustimmen, die die Ursache des vornehmlich im Osten vorherrschenden Problems faschistischer Strömungen und Aktivitäten in dieser Entwurzelung und Herabwürdigung alldessen sieht, was einst die DDR ausmachte?

Ich stimme ja schon gar nicht zu, dass faschistische Strömungen kein gesamtdeutsches Problem sind. Mittlerweile sind sie eher sogar ein europäisches Problem. Die Ursachen liegen nicht nur in der Entwurzelung, wenn man in den Osten schaut, aber sicher auch. Man darf doch nicht vergessen, dass das Staatsgebilde DDR bis zum November 1989 ein sehr nationalistisches war und teilweise, in der staatlichen Doktrin, auffällig faschistoid. Mit Sozialismus hatte das ja schon gar nichts mehr zu tun. Nein, was da kaputt gemacht wurde, auch im Zusammenhang mit der Überbewertung des militärischen Aspekts, das haben diejenigen schon im vierzigjährigen Kopfbürgerkrieg hinbekommen, die den Sozialismus verwalten sollten. Im Westen wiederum gab es nie eine ernsthafte Aufarbeitung des Faschismus. Viele können Nazismus und Faschismus nicht einmal voneinander unterscheiden. Da fängt es ja schon an. Ich neige eher zu der sehr pessimistischen Einschätzung, dass der Faschismus des deutschen Michels alltägliches Grundempfinden ist. Das ist noch lange nicht weg. Man kann nur hoffen, dass der gerade aufkeimende Hypernationalismus schnell in einen im Vergleich dazu wesentlich intelligenteren Regionalismus strömt. Die Tendenzen dazu sind deutlich absehbar, das wäre schon gesamtgesellschaftlich beruhigender. Daraus könnte man etwas Neues gestalten, aber vom Humanismus sind wir leider noch weiter entfernt als Anfang der 90er, spätestens seit Schröder mit seiner Arbeitsmarktpolitik Deutschland zurück in die Feudalgesellschaft katapultiert hat.

Die Zöllner

Du hast in Deinen Schaffensjahren nicht nur als Redner gearbeitet, sondern auch zahlreiche Songtexte verfasst, beispielsweise für Die Zöllner, Transit und viele andere Bands und Musiker. Du warst als Produzent tätig, als Dramaturg, Redakteur, Kolumnist und auch im Comedy-Bereich. Woher kommt Deine Energie? Wo ziehst Du Deine Grenzen?

Meine Grenzen sind da sehr eindeutig und resultieren aus mittlerweile über vierzig Jahren Schaffens- und Lebenserfahrung. Ich mache nichts, aber auch gar nichts, was ich nicht kann. Ich habe vieles lernen und mir aneignen können, aber dabei auch gelernt, dass ich zu manchem nicht befähigt bin, was ich vielleicht auch mal machen wollte. Das habe ich sein lassen. Ansonsten bin ich ein höriger Diener meiner Ideen und bin selbst immer wieder gespannt, wohin die mich führen.

Wie ergab sich Deine Zusammenarbeit mit so vielen verschiedenen Musikern?

So seltsam es klingt: meist ergab es sich von selbst. Ich war ja bereits als Jugendlicher, so mit 16/17 Jahren kein unbeschriebenes Blatt in der sogenannten „Szene“. Ich wurde von Musikern angesprochen und sehr häufig sprach ich selbst Musiker und Bands an. Mit manchen wurde ich absichtlich bekannt gemacht. Zudem bin ich sehr viel unterwegs gewesen, auf Konzerten und man darf auch die eigenen Radio- und TV-Sendungen nicht vergessen, die ich gemacht habe. Auch dabei kam es zu vielen interessanten neuen Kontakten und Zusammenarbeiten. Und da ich kein Stubenhocker war, traf man sich auch außerhalb von Konzerten und ähnlichen Anlässen sehr viel. Und immer mal kommt jemand mit einer Idee zu mir oder ich habe eine. Man darf bei all dem allerdings nicht unerwähnt lassen, dass wohl über die Hälfte der anvisierten Projekte aus ganz unterschiedlichen Gründen doch nicht funktionierte. Was man dann am Ende sieht, ist immer nur so etwas wie die Spitze des Eisberges der ganzen Arbeit, die man miteinander leistet.

Du machst kein Geheimnis daraus, sprichst vielmehr immer wieder in längeren Postings in einer sehr einfühlsamen und klaren Sprache aus, wie es Dir mit Deiner nunmehr zweiten Krebserkrankung geht. Aus der Situation, nach einer Genesung wenige Monate später wieder erkrankt zu sein, entwickelte sich nicht zuletzt wegen der ausbleibenden Einnahmen als freier Künstler eine ziemlich große Spendenresonanz: Menschen rücken zusammen, Geld wird gesammelt, Die Zöllner und Die Seilschaft verkaufen Deine Bücher auf ihren Konzerten, Benefizkonzerte finden statt, eine Buchversteigerung des legendären ehemaligen Leipziger Szeneverlags Edition PaperONE steht bevor. Wie gehst Du damit um, was bedeutet dieses so starke Feedback?

Ich bin diesbezüglich sprachlos. Ich habe mit solchen Aktionen nicht gerechnet, erst recht nicht mit so vielen und mit so viel Resonanz dazu. Mir kommen täglich die Tränen der Rührung, wenn ich davon mal wieder etwas Neues mitbekomme und richtig fassen kann ich es noch immer nicht. Ich bin so unendlich dankbar und ja, auch glücklich. Vor allem das Zusammenrücken sagt mir sehr zu, da sind wir ja wieder beim Humanismus. Das gibt mir Hoffnung, nicht für mich alleine, die Krankheit geht ihren eigenen Weg und hat ihre eigenen Gesetze, aber gesamtgesellschaftlich erkenne ich zutiefst beeindruckt, dass es möglich ist, dass die Menschen sich an den Händen nehmen und sich Wärme, Liebe und Zuversicht spenden können, beieinander stehen, füreinander stehen. Das ist eine Wende nach meinem Geschmack und möge diese Haltung noch sehr sehr vielen anderen Menschen zugute kommen. Vor kurzem schrieb mir eine der Initiatorinnen, Grit Maroske, dass es allen Helfenden selber sehr gut tut, diese Kommunikation untereinander, diese Kreativität und vor allem: die Liebe, diese Liebe. Das ist es, was ich als Demut bezeichne. In manchen Momenten in jüngster Zeit aufgrund dieser ganzen Bewegung möchte ich die ganze Welt umarmen. Ich verneige mich zutiefst davor. Es gibt mir auch Kraft und Positivismus. Die Psyche spielt ja auch eine ganz große Rolle bei so einem täglichen Überlebenskampf.

Tumorzelle

Gestatte mir die Frage: Was bedeutet Krebs für Dich und für die Gegenwart? Selbst für mich nehmen die Fälle im direkten Umfeld zu; mitunter bekommt man den Anschein, dass die Krebserkrankungen rapide zugenommen haben. Teilst Du diese Ansicht? Kann und muss sich etwas in unserem Lebenswandel, in unserem Umgang mit Konflikten und Ernährung ändern?

Ich bin mir sicher, dass Krebserkrankungen massiv zugenommen haben. Eine medizinische Erklärung habe ich dafür nicht. Bestenfalls eine gesamtgesellschaftliche. Wir beuten uns alle zu stark selber aus, weil wir dazu gezwungen werden. Das Arbeitsklima, das menschliche Miteinander in diesem Turbokapitalismus ist krank und muss krank werden lasssen. Ernährung spielt da sicherlich auch eine große Rolle. Aber vielleicht ist Krebs tatsächlich eine Art spirituelle Metapher für das System, in welchem wir Menschen leben und leiden und auch andere leiden lasssen. Da muss sich etwas ändern. Ich halte Krebs nicht für ein rein medizinisches Problem, er ist auch eine psychische Seuche. Wir sind alle zu gestresst und zu wenig glücklich.

Es ist leicht vorstellbar, dass man viel Kraft braucht in einer solchen Situation – Du wie auch Deine Ehefrau Lika. Verändern sich damit die Träume und Pläne von einer Zukunft? Wird man sachlicher, minimaler oder vielmehr noch stärker?

Die Träume und Pläne haben sich tatsächlich maßgeblich verändert. Nicht so sehr wie es sich am Anfang anfühlte, als es erst einmal von ärztlicher Seite hieß: „Rien ne va plus“. Aber von einem Tag auf den anderen war alles anders. Sachlicher sind sie nicht geworden, ich bin nicht so materiell eingestellt, aber auch nicht wirklich minimaler. Da ich mich in Richtung Verrentung und Pflegestufe bewege, geht so manches nicht mehr. Vor allem der Hauptbrötchenerwerb, meine Rednertätigkeit, wird nicht mehr möglich sein. Es ist eine sehr schöne, aber unglaublich kräftezehrende Arbeit. Vor der Erstdiagnose wollten wir ja Landflucht begehen, also raus ins Grüne ziehen, auf unserem Grundstück im Leipziger Umland ein Haus bauen. So zum Leben an den Abenden im Frieden, als Kreativ- und Rückzugsraum. Meine Frau und ich wünschten uns dort einen kleinen Salon, wo sich unsere Freunde treffen und auch künstlerisch arbeiten können, auch miteinander. Einen Raum für weite Gedanken und natürlich, um sich gegenseitig kennenzulernen und kreative Netzwerke zu spannen. Daraus wird wohl nichts werden. Wir laborieren gerade mit Ach und Krach an der ganz schmalen Variante, unser kleines Häuschen winterfest zu machen und ein bisschen zu vergrößern, aber auch das wird wohl nicht bezahlbar sein. Wir werden wohl eher in eine kleine Neubauwohnung umziehen müssen. Was die künstlerischen Pläne betrifft, da weiß ich nur, dass ich nicht mehr so schnell und intensiv wie vorher arbeiten kann, dafür reicht die Kraft nicht aus. Dennoch will ich an der Kunst bis zum letzten Atemzug festhalten. Ich werde mit Sicherheit nicht vor meinem Tod in ein starres Schweigen verfallen. Aber ich habe auch nicht das Gefühl, dass ich mich beeilen muss, um noch dies und das und jenes zu bewerkstelligen. Was ich hinkriegen werde, kriege ich hin. Ich habe ja so viel Material, das würde selbst bei Büchern für zehn Jahre posthumes Veröffentlichen einmal pro Jahr reichen.

Du sagtest unlängst, dass Du Deine Termine weiterhin wahrnehmen wirst, nicht zuletzt bist Du am 21. 3. im Leipziger Clownmuseum, am 22. 3. beim Literarischen (Messe)Salon in der Leipziger Kunstgalerie Raum 16, am 17. 4. gemeinsam mit dem „Stern Meißen“-Sänger Manuel Schmid in der Geraer Stadtbibliothek und am 17. 5. in der Kulturbaustelle Suhl zu hören und zu erleben. Was wird von Dir literarisch in naher Zukunft zu erwarten sein? Arbeitest Du bereits an neuen Manuskripten?

Tatsächlich arbeite ich weiter. Ich habe bereits vor der Krebsdiagnose einen Satireroman begonnen, an dem ich weiter schreibe und neue Anfragen nach Liedtexten gibt es auch, denen nachzugehen ich bereits zugesagt habe. Ja, da kommt noch einiges. Das Schaffen ist mein Lebenselixier. Ohne könnte ich nicht sein. Gerade jetzt ist es für mich sogar wichtiger denn je. Und Ideen habe ich glücklicherweise noch sehr sehr viele.

Lieber Andreas, vielen Dank für das Interview.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweise: Volly Tanner, Edition Outbird, Detlef Liedmann, Wellcome Images
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