„Vertrauen und Ehrlichkeit ohne Schnörkel zeigen diese Texte“ – Corina Gutmann im Interview zu „Kopfkino“

Corina Gutmann, Leiterin der Stadtbibliothek Greiz, ist seit vielen Jahren hochengagiert in Sachen kulturelle Vielfalt in der Region wie auch in der Gefängnisarbeit. Sie arbeitet in der JVA Hohenleuben mit Häftlingen, gibt beispielsweise Schreibworkshops. Aus diesen Workshops ist im vergangenen Jahr die unlängst in der „Edition Outbird“ erschienene Anthologie „Kopfkino“ entstanden, die Lyrik, Prosa, Kurzgeschichten, aber auch einen Songtext beinhaltet und die Workshoparbeit in zahlreichen Fotografien abbildet.

Corina, was war Deine ursprüngliche Motivation, Dich ausgerechnet in der Gefängnisarbeit zu engagieren?

Das passierte eher zufällig, damals zu Zeiten ohne Smartphone etc. kamen die Freigänger in die Greizer Bibliothek und nutzten die Internet-Arbeitsplätze. Na und mit der JVA-Beamtin Anke Hartmann arbeitete ich schon länger zusammen. Und wenn zwei Kreative die Köpfe zusammen stecken, entsteht etwas… Zwei Wochen später führten wir im Knast einen Vorlesewettbewerb durch und bald folgte Poetry Slam. Tja, und wenn man einmal dabei ist…

Du kommst im Rahmen dieser Arbeit sicher mit den verschiedensten Menschen zusammen, ist es angesichts dessen und der Bedingungen leicht, eine kreativ schöpferische Arbeit zu koordinieren?

Das ist eine Parallelwelt und doch ist es genauso wie „draußen“. Der Anstaltsleiter (mittlerweile der dritte) muss hinter dieser Arbeit stehen. Und man braucht in der Einrichtung einen Partner, mit dem man vertrauensvoll und auf Augenhöhe arbeiten kann. Das ist Anke Hartmann, einfach unglaublich gut, wie wir zusammen funktionieren. Und dann bin ich immer auf Sponsoren- und Künstlersuche für die Projekte. Das gleicht der Polarisierung in der öffentlichen Wahrnehmung, Begeisterung pur oder totale Ablehnung. Die Koordinierung ist im Knast natürlich immer aufwendiger, da geht es zum Beispiel um Sicherheit.

Wie kann man sich eine solche Workshoparbeit vorstellen?

Es geht um erwachsene Menschen, die Basis ist Freiwilligkeit. Also für mich ist das genau so wie „draußen“, man stellt sich vor und tastet sich heran und man weiß genau, wenn es nicht passt, kommt keiner mehr. Anders ist im Knast die Intensität. Es gibt keine Ablenkung zwecks Telefone oder Internet, da wird schon intensiver gearbeitet. Und bitteschön, das sind erwachsene Männer, „draußen“ arbeite ich doch eher mit Jugendlichen. Vertrauen und Respekt sind ganz wichtig.

Die Menschen, mit denen Du arbeitest, sitzen wegen ganz unterschiedlichen Fällen im Gefängnis. Kann man das differenzieren? Wieviele sind beispielsweise unverbesserlich, wieviele „mitgehangen und reingerutscht“, wie hoch ist schätzungsweise der Prozentsatz derer, die ihre Fehler bereuen und sich fest vornehmen, sich in der Zukunft ein anderes und besseres Leben aufzubauen?

Dazu bin ich nicht aussagefähig. Die Gefangenen erzählen mir während der Projekte oder als Justizhelferin von ihren Straftaten – oder nicht. Und fest steht auch, nicht jeder wird bei solchen Projekten mitmachen. Also ehrlich, all die, die ich kennengelernt habe und die sich mir anvertraut haben, waren nicht stolz auf ihre Straftaten und wollen draußen ihr Leben führen.

Du sagtest unlängst, dass Du aufgrund dieser Arbeit auch Ablehnung und Vorurteile erfährst. Wo liegen die Ursachen dafür?

Na sicher polarisiert diese Arbeit im Gefängnis. Da sind wir schon wieder beim „Kopfkino“, Bibliothekarin und Knast, das passt nicht zusammen. Man darf auch nie die Opfer vergessen, zu oft werden sie allein gelassen oder sie müssen sich rechtfertigen. Das verstehe ich sehr. Aber einfach wegsperren, wie es oft heißt „bei Wasser und Brot“, ich glaube nicht, dass das der bessere Weg wäre. Ursachen der Ablehnung für diese Projekte liegen gewiss auch in Unkenntnis, das Thema ist emotional. Ich bin gewiss keine Sozialromantikerin, aber was ich sehe an Resozialisierung in der JVA Hohenleuben macht Hoffnung. Da gibt es beispielsweise die Suchtberatung, Sozialarbeiter, Schul- und Berufsausbildung, so wird ein eigenverantwortliches Leben nach dem Knast gut vorbereitet. Und unsere Projekte passen da gut rein.

Wie unterscheidet sich aus Deiner Sicht das gesellschaftliche Miteinander im Gefängnis von dem in Freiheit?

Es ist eine Welt in sich, eben hinter dicken Mauern, alle müssen miteinander leben und auskommen. Ich werde immer sehr anständig behandelt und gehe mit allen normal und selbstverständlich um.

Deine Arbeit kommt nicht ohne starke Partner zustande, Du erfährst enge Unterstützung vom Leiter der Haftanstalt Jürgen Frank und der Freizeitbeamtin Anke Hartmann. Wie sieht so eine Kooperation aus?

Die ist eben genau wie alle anderen Kooperationen. Das ist sehr schön, dass der Anstaltsleiter die Kooperation so positiv unterstützt, sonst könnte diese überhaupt nicht stattfinden. Vertrauen und Augenhöhe sind wichtig. Anke Hartmann, die Freizeitbeamtin ist im Agieren meine Ansprechpartnerin. Ohne sie gäbe es diese Kooperation gar nicht. Das ist ein richtig gutes Zusammenarbeiten, also so ein bisschen verrückt sind wir beide, da entstehen eben auch außergewöhnliche Projekte.

Wie würdest Du „Kopfkino“ beschreiben, was bedeutet dieses Buch für Dich, was macht es aus und was spiegelt es wider?

Also ich bin so glücklich, das Buch macht mich froh. Und stolz bin ich, dass sie alle mitgemacht haben und dann auch ihre Texte unbedingt im Buch wollten. „Kopfkino“ – der Weg war das Eigentliche, was da miteinander beim Schreiben passiert. Wir haben ja um die 50 Stunden zusammen geschrieben, über das Geschriebene gesprochen und selbstverständlich auch über andere Dinge geredet, fotografiert, das macht etwas mit einem. Da wird Vertrauen aufgebaut und natürlich habe ich hinsichtlich der Veröffentlichung alles getan, um niemanden zu enttäuschen. Das wäre desaströs. Dieses Vertrauen und die Ehrlichkeit ohne Schnörkel zeigen diese Texte. Ja, da schenkst du jedem das gedruckte Buch und siehst in den Gesichtern den Stolz, die Freude?!

Hast Du einen Wunsch hinsichtlich des gesellschaftlichen Umgangs mit diesem Thema?

Joachim Fritzsche, Anstaltsleiter a.D., sagte immer, es gibt ein Leben nach dem Knast. Genau nach ein paar Jahren leben sie wieder unter uns. Das soll doch gut werden!

Vielen Dank für das Gespräch, liebe Corina.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweise: Frank Gutmann, Edition Outbird, Corina Gutmann.
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Interview mit Romina Nikolić zur Arbeit am zweiten „Hannibal“-Sammelband „Ravage“

Romina Nikolic, durch hochwertige Projekte hervorstechende Jenaer Herausgeberin der „Fanthology“-Szene mit schwerem Hang zur TV-Serie „Hannibal“, hatte Mitte 2017 auf sich aufmerksam gemacht, als sie mit der befreundeten Autorin Germaine Bierbaum via Crowdfunding die aufwendige „Hannibal“-Anthologie „Radiance“ realisierte (wir hatten sie im „Outscapes“-Magazin #4 interviewt). Ein großformatiger Hardcover-Band mit zahlreichen Grafiken und Texten, der hier vor mir liegt, eine echte Liebeserklärung an eine ebenso edle wie zutiefst abgründige Serie.
Romina sitzt mit dem Nachfolgeprojekt „Ravage“ aktuell wieder an einem solchen Sammelband und organisiert für dessen Realisierung erneut eine Crowdfunding-Kampagne (bitte hier entlang), was Grund genug ist, ihr einige Fragen mehr zu ihrer Arbeit zu stellen.

Romina, einmal mehr setzt Du Dich dem Irrsinn aus, Deinem Herzblut zu folgen und tief in die künstlerischen Weiten der „Hannibal“-Fanszene einzutauchen und deren Perlenschätze zu heben. Was ist in Zeiten der Serienflut das Besondere an dieser Serie geblieben und wie erklärst Du Deine beinahe obsessive Liebe dazu?

Einmal liegt das natürlich an der Serie selbst, die wirklich großartig gemacht ist. Die Art, wie Bryan Fuller, der Serienmacher, mit dem Ausgangsmaterial aus den „Hannibal“-Büchern von Thomas Harris und den bereits bestehenden Filmen umgegangen ist, und quasi seinen eigenen Remix daraus erstellt hat, spielt dabei eine ganz große Rolle.
Andererseits ist es ja so, dass wir seit dem Absetzen der Serie 2015 eigentlich keinen neuen Content bekommen haben – nach drei Staffeln war leider Schluss –, aber die Fangemeinde hat eben bis heute überlebt. Wir tauschen uns immer noch täglich online aus, schaffen Fanart und Fiction, treffen uns aber auch zu sogenannten MeatUps (haha, Fannibal-Humor) oder Fan-Conventions in London und Toronto, und sind einfach generell auch menschlich ständig füreinander da. Diese Gemeinschaft ist schon etwas ganz besonderes und das hält einen bei der Stange.

Worauf basiert diese Serie und warum soll und wird es ein weiteres edles Fanbook geben? Worin unterscheidet sich das neue Buch von seinem Vorgänger?

Die Serie rückt ja das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Hannibal Lecter, der in der TV-Adaption zunächst noch nicht als Kannibale und Killer geoutet ist, und dem FBI in den Mittelpunkt. Im ersten Buch, „Radiance“, haben wir uns dabei thematisch auf den FBI-Agenten Will Graham konzentriert, der sich im Laufe der Serienhandlung unter dem Einfluss von Dr. Lecter immer mehr selbst zum Mörder und eben auch murder husband, also Gespielen, von Hannibal entwickelt.
Bei „Ravage“ wollten wir den Fokus wieder mehr auf die Figur Hannibal selbst richten und haben die vielen Anspielungen auf Dante Alighieris Dichtung „Inferno“, die sich bei Thomas Harris, in den „Hannibal“-Filmen und der Serie finden, zum Anlass genommen, dieser Schnittstelle zwischen Hannibal und Dante etwas näher nachzugehen. Ich meine, die Dante‘schen Höllenkreise, in denen Todsünden wie Völlerei, Wollust, Gewalt, Verrat, Ketzerei usw. geahndet werden… Das ist ja die perfekte Spielwiese, um einen kannibalistischen Serienkiller zu beleuchten, der seinem High Society-Bekanntenkreis mit einem Lächeln und unter ständigen Kannibalismus-Wortspielen die eigenen Freunde zum Essen vorsetzt.

Nun ist dieser „Irrsinn“, wie ich Deine Arbeit liebevoll nennen mag, ja sicherlich ein Kraftakt. Wie kann man eine Flut von Bewerbungen aus Literatur und Kunst sinnvoll koordinieren und nach welchen Kriterien wählt Ihr die besten Werke aus?

Ein Kraftakt ist es, ja, vor allem bei so vielen Beteiligten. Bei „Ravage“ haben wir ganze 116 Künstler und Autoren.
Wir schauen da ganz objektiv – ist der Beitrag dem Thema angemessen, ist er gut geschrieben/gezeichnet, etc. Also ganz normale editorische Arbeit wie für jeden anderen Sammelband auch. Eine gewisse Bereitschaft, der Autoren, noch am Text zu arbeiten ist natürlich auch vorausgesetzt, sonst wird das Ganze anstrengend und da muss man gegebenenfalls auch aussieben. Aber das hatten wir diesmal nicht. Es ist eine große, aber ganz tolle Truppe, mit der wir diesmal arbeiten durften.

Vielleicht ist das eine klassische Fanfrage, aber wie ist die reale Begegnung mit den Hauptdarstellern Mads Mikkelsen und Hugh Dancy, wie sehr identifizieren sich die beiden mit dem Stoff?

Oh, da kann ich dir nur meinen subjektiven Eindruck schildern… Es ist auf alle Fälle total cool, die Darsteller persönlich zu treffen und bei Frage-Antwort-Panels, wie man sie ja z.B. auch von den größeren Conventions kennt, ein bisschen mehr zu erfahren, wie sie sich mit den Rollen auseinandersetzen. Ich denke schon, dass gerade Hugh und Mads total viel Spaß hatten, an dem Stoff zu arbeiten. Aber in Sachen Identifikation, da hoffe ich doch sehr stark, dass sie die Figuren nicht mit nach Hause genommen haben *lacht*

Das zugrunde liegende Buch „Göttliche Komödie“ von Dante Alighieri wird durch die sogenannten neun Höllenkreise strukturiert. Magst Du uns kurz ausführen, worum es sich handelt und wo der literarische Mehrwert Deines Fanbuchprojekt liegt? Vermittelt der Anspruch an die Beteiligten eine gewisse Literaturförderung?

Ha! Leseförderung, ja! Wir haben auf alle Fälle unsere Mit-Fannibals dazu bewegt, sich etwas intensiver mit dem ersten Teil der „Göttlichen Komödie“ auseinanderzusetzen. Das ist der Teil, in dem Dante und Virgil die Höllenkreise durchschreiten, in denen diverse Sünder bestraft werden. Im Text gibt es, wie vorhin schon angedeutet, sehr viele Motive, Figuren, etc., die sich in „Hannibal“ wiederfinden und als Ausgangspunkt für neue Texte und Bilder genutzt werden können. Wir haben die verschiedenen Höllenbereiche – Tor zur Hölle, Acheron, Vorhölle, Wollust, Völlerei, Gier, Zorn, Ketzerei, Gewalt, Betrug, Verrat, Mittelpunkt der Hölle mit Luzifer im gefrorenen See, und Transzendenz – als Struktur unserem Buch zugrunde gelegt und die einzelnen Beiträgt in den jeweiligen Kapiteln konzentrieren sich eben auf diese Unterthemen. Aber soviel möchte ich gar nicht dazu verraten. Man kann es sich ja in Ungefähr vorstellen, wie ein Kannibale und Völlerei zusammenpassen…

Wie umfangreich wird das Buch werden, welche Maße und gestalterischen Aspekte erwarten uns?

Das Buch wird ein über 400 Seiten starker, Hardcover-Band mit Spot-Lackierung und schwarzem Farbschnitt. Also ein richtig schöner, dicker Gothic-Wälzer 🙂 Auf unserer Kickstarter-Seite kann man sich eine Layout-Seite mal anschauen. Wir hoffen, dass wir es so gestaltet haben, dass uns Hannibal mit seinem Anspruch an Kunst dafür nicht aufessen wollen würde!

Warum soll das Buch ausschließlich in Englisch erscheinen? Ist das nicht ein Wermutstropfen für die deutsche, nicht immer des Englischen mächtige Fangemeinde?

Dadurch, dass es ein internationales Fanprojekt ist, müssen wir die Sprache nutzen, in der wir uns hauptsächlich verständigen, und das ist nunmal Englisch. Aber hey, vielleicht findet sich ja ein fleißiger Hannibal-Fan, der Lust hat, an einer Übersetzung zu arbeiten!
Auf uns kam zum Beispiel ein ganz wunderbarer Fannibal aus New York zu, der sich bereiterklärt hat, ALLE Texte von „Ravage“ als Podfics einzusprechen – die werden dann Teil der digital packs, die man über Kickstarter kaufen kann!
Es besteht also zumindest Hoffnung auf eine Version in Deutsch…

Wie sieht es mit dem Finanzierungsverkauf bisher aus?

Wir hatten das Glück, unser Finanzierungsziel von 20.000€ nicht mal 6 Stunden nach dem Start der Kampagne erreicht zu haben. Momentan gehen wir auf 42.000€ zu. Das zusätzliche Geld nutzen wir, um die Pakete, die unsere Unterstützer bei Kickstarter bekommen, noch etwas auzubauen – jeder, der ein Buch bestellt, bekommt noch ein Postkartenset, ein Poster, ein Sticker-Set, einen Anstecker und einen schicken Stoffbeutel mit unserem Coverdesign zum Einkaufen beim Metzger seines Vertrauens dazu.

Welches Highlight wird dieses ohnehin schon sehr hochwertige Buch auszeichnen und wie kam es dazu?

Wir freuen uns total darüber, dass unser aller Lieblings-Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke sich bereiterklärt hat, uns ein Vorwort zum Band beizusteuern! Er mag die Serie selbst sehr gerne und war von Seiten des Filmverleihs ja auch in den DVD/BluRay-Release der dritten „Hannibal“-Staffel in 2016 eingebunden. Durch euer erstes Interview mit mir wurde er auf „Radiance“ (und vor allem auf die schicken Firefly-Kettenanhänger, die wir von einer russischen Künstlerin limitiert für unseren Kickstarter hatten anfertigen lassen) aufmerksam und seitdem sind wir in Kontakt. Es lag dann nahe – weil er ja definitiv ein Experte in Sachen Tod und Teufel ist! –, ihn zu fragen, ob er für „Ravage“ etwas beitragen möchte. Da haben wir euch von Outbird definitiv eine super schöne Kooperation zu verdanken 🙂
Außerdem haben wir von diversen Hannibal-Darstellern, auf den Conventions, auf denen wir waren, kleine Messages an die Fannibals gesammelt, die sich auch als Zugabe im Buch finden werden. Mads ist auch darunter!

Romina, ich danke Dir für dieses Interview.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweise: LoveCrimeBooks, Starfury Conventions, Julian Pawlowski (Otica).
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Interview mit Andreas Hähle zu seinem Schaffen, den Hintergründen von „Wahnsignale“ und zum Krebs

Andreas Hähle, Autor, Songtexter und Redner und 51 Jahre alt, veröffentlichte bei Edition Outbird Ende des vergangenen Jahres den verstörenden Roman „Wahnsignale“. Verstörend, weil er einen Lesesog entfaltet, der seiner Leserschaft keine Alternative des Entrinnens aus der zunehmend wahnhaften Welt des Protagonisten gewährt, die ihn mit den Wendejahren innerlich zerreißt. Andreas, der seit geraumer Zeit mit und gegen Krebs anzukämpfen hat, sprach mit uns über sein Buch und sein derzeitiges Leben.

Andreas, wann entstand „Wahnsignale“? Und war das Buch neben einem Rückblick auf die Verwerfungen der Wendezeit vielleicht auch ein unbemerktes Gleichnis, eine Ahnung auf das auf Dich Zukommende?

Die Idee zu dem Projekt „Wahnsignale“ kam mir bereits Anfang der 90er Jahre. Ich lebte damals noch in Stralsund und war tagtäglich mit den Verwerfungen und Traumata dieser Jahre bei den DDR-Bürgern konfrontiert. Es begann ja mit einer unglaublich wärmenden Kraft des Aufbruchs und des Neubeginns und da war auch ein riesiger Sog an Gestaltungswillen ganz unterschiedlicher Art und Intentionen. Die Menschen begannen Ideen zu entwickeln und zu entfalten. Plötzlich wurde alles umgedreht, die Ideen und Aktivitäten hatten keinen Wert mehr, sie passten nicht zu dem neuen Land, in welches die Menschen eingesogen wurden. Es sollte ursprünglich eine Kurzgeschichte werden, aber sie wurde länger und länger. Ich fand in meinem Kopf immer mehr Material dazu und die Handlung wollte sich weiter entwickeln. Irgendwann habe ich die Arbeit dann unterbrochen, weil ich mit dem Sujet nicht mehr weiterkam, aber auch, weil ich natürlich sehr viele andere Dinge im Kopf hatte und nicht wirklich eine Möglichkeit gesehen habe, bei einer eventuellen Fertigstellung dieses Projekts auch eine Veröffentlichung herbeiführen zu können. Irgendwann fand ich auf der Suche nach einer anderen Materialsammlung für ein anderes Projekt diesen Text wieder, las und stellte ihn fertig. Er wurde dann ganz anders als gedacht, aber so fand ich ihn gut. Eine Ahnung ist vielleicht immer da, von dem was kommt, was kommen könnte, was sein könnte, jedenfalls immer dann, wenn man sehr in die Tiefe schaut. Und bei diesem Roman habe ich sehr in die Tiefe geschaut. Der Protagonist bin ja nicht ich, das ist ein Konglomerat aus anderen Menschen, denen ich begegnet bin und auch ein Resultat aus vielen Gesprächen mit Freunden.

Wie würdest Du mit wenigen Worten „Wahnsignale“ beschreiben und wie erklärst Du Dir seinen Erfolg?

Erfolg? Nun, wenn der Roman ein Erfolg ist, kann ich ihn mir nicht erklären. Ich finde, es ist das schwerste Stück Literatur, welches ich je geschrieben habe. Schwer für mich beim Schreiben und ich dachte, er wäre auch sehr schwer zu lesen. Einige haben mir das auch bestätigt, wiederum andere kamen sehr gut damit zurecht und empfanden es eher als ein leicht zu konsumierendes und nachzuvollziehendes Werk. Vielleicht trifft es einfach den Zeitgeist, den Stand der derzeitigen Aufarbeitung der eigenen persönlichen Erlebnisse aus den 90er Jahren und der Erkenntnisse, zu denen man dabei gelangt. Und es werden viele tiefgehende Gedanken in Selbstmonologen des Protagonisten geäußert, die vielleicht doch für viele leichter nachvollziehbar sind als ich es beim Schreiben annahm. Ein bisschen kann es auch an der Sprache liegen, derer ich mich bediene. Diese und die Stilistik ist meine ureigene. Ich erzähle schon anders als andere Autoren. Nicht um mich abheben zu wollen, ich erzähle einfach so. Ich liebe Metaphern und Allegorien und Gedankenspiele sehr.

„Wahnsignale“ (zum Bestellen anklicken)

Welche Bedeutung, welche Umbrüche brachten für Dich die Wendejahre? Wie nahmst Du diesen gravierenden, für viele entwurzelnden Umbruch wahr?

Für mich persönlich war die Wendezeit erst einmal das Ende meines Kabarettkollektivs „Die Wunderkinder“. Die Ereignisse überstürzten sich, ich schrieb jeden Morgen neue Texte, die dann am Abend der Aufführung bereits überholt waren. Also verordnete ich meinen Mitstreitern 1991 ein Jahr Zwangspause, um die Entwicklungen abzuwarten. Diese Pause dauert bis heute an. Erst vor einigen Tagen fragte mich zufällig ein Mitstreiter erstmalig nach dieser langen Zeit, ob wir nicht wieder zusammen auftreten mögen. So lange ging die Pause vorerst.

Aus meiner Sicht allerdings gab es keine eine Wende, es gab mehrere davon. Das eine war der Wille zum Aufbruch in ein humanistisches Land, „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ war das Label. Doch dann folgte die Gewalt der rein materiell interessierten Masse. Mit der hatte ich nicht gerechnet. Mit der konnte ich auch überhaupt nichts anfangen. Die überrannte – quasi konterrevolutionär – den aufkeimenden Humanismus und konterkarierte ihn sogar und spätestens mit der Einheit wurde der Humanismus durch den Turobokapitalismus in sein Gegenteil verkehrt. Die DDR wurde zum Ramschladen. Das kann man sich vorstellen wie früher Kolonialisten mit Insulanern gehandelt haben. Sie tauschten ihren Müll gegen Gold, das sie dann einfach verramschten. Die DDR wurde ausgeschlachtet und die Biographien entwertet. Es blieb nichts mehr übrig und der Humanismus, die Freiheit blieben dabei vergessen auf der Strecke.

Würdest Du der kursierenden Theorie zustimmen, die die Ursache des vornehmlich im Osten vorherrschenden Problems faschistischer Strömungen und Aktivitäten in dieser Entwurzelung und Herabwürdigung alldessen sieht, was einst die DDR ausmachte?

Ich stimme ja schon gar nicht zu, dass faschistische Strömungen kein gesamtdeutsches Problem sind. Mittlerweile sind sie eher sogar ein europäisches Problem. Die Ursachen liegen nicht nur in der Entwurzelung, wenn man in den Osten schaut, aber sicher auch. Man darf doch nicht vergessen, dass das Staatsgebilde DDR bis zum November 1989 ein sehr nationalistisches war und teilweise, in der staatlichen Doktrin, auffällig faschistoid. Mit Sozialismus hatte das ja schon gar nichts mehr zu tun. Nein, was da kaputt gemacht wurde, auch im Zusammenhang mit der Überbewertung des militärischen Aspekts, das haben diejenigen schon im vierzigjährigen Kopfbürgerkrieg hinbekommen, die den Sozialismus verwalten sollten. Im Westen wiederum gab es nie eine ernsthafte Aufarbeitung des Faschismus. Viele können Nazismus und Faschismus nicht einmal voneinander unterscheiden. Da fängt es ja schon an. Ich neige eher zu der sehr pessimistischen Einschätzung, dass der Faschismus des deutschen Michels alltägliches Grundempfinden ist. Das ist noch lange nicht weg. Man kann nur hoffen, dass der gerade aufkeimende Hypernationalismus schnell in einen im Vergleich dazu wesentlich intelligenteren Regionalismus strömt. Die Tendenzen dazu sind deutlich absehbar, das wäre schon gesamtgesellschaftlich beruhigender. Daraus könnte man etwas Neues gestalten, aber vom Humanismus sind wir leider noch weiter entfernt als Anfang der 90er, spätestens seit Schröder mit seiner Arbeitsmarktpolitik Deutschland zurück in die Feudalgesellschaft katapultiert hat.

Die Zöllner

Du hast in Deinen Schaffensjahren nicht nur als Redner gearbeitet, sondern auch zahlreiche Songtexte verfasst, beispielsweise für Die Zöllner, Transit und viele andere Bands und Musiker. Du warst als Produzent tätig, als Dramaturg, Redakteur, Kolumnist und auch im Comedy-Bereich. Woher kommt Deine Energie? Wo ziehst Du Deine Grenzen?

Meine Grenzen sind da sehr eindeutig und resultieren aus mittlerweile über vierzig Jahren Schaffens- und Lebenserfahrung. Ich mache nichts, aber auch gar nichts, was ich nicht kann. Ich habe vieles lernen und mir aneignen können, aber dabei auch gelernt, dass ich zu manchem nicht befähigt bin, was ich vielleicht auch mal machen wollte. Das habe ich sein lassen. Ansonsten bin ich ein höriger Diener meiner Ideen und bin selbst immer wieder gespannt, wohin die mich führen.

Wie ergab sich Deine Zusammenarbeit mit so vielen verschiedenen Musikern?

So seltsam es klingt: meist ergab es sich von selbst. Ich war ja bereits als Jugendlicher, so mit 16/17 Jahren kein unbeschriebenes Blatt in der sogenannten „Szene“. Ich wurde von Musikern angesprochen und sehr häufig sprach ich selbst Musiker und Bands an. Mit manchen wurde ich absichtlich bekannt gemacht. Zudem bin ich sehr viel unterwegs gewesen, auf Konzerten und man darf auch die eigenen Radio- und TV-Sendungen nicht vergessen, die ich gemacht habe. Auch dabei kam es zu vielen interessanten neuen Kontakten und Zusammenarbeiten. Und da ich kein Stubenhocker war, traf man sich auch außerhalb von Konzerten und ähnlichen Anlässen sehr viel. Und immer mal kommt jemand mit einer Idee zu mir oder ich habe eine. Man darf bei all dem allerdings nicht unerwähnt lassen, dass wohl über die Hälfte der anvisierten Projekte aus ganz unterschiedlichen Gründen doch nicht funktionierte. Was man dann am Ende sieht, ist immer nur so etwas wie die Spitze des Eisberges der ganzen Arbeit, die man miteinander leistet.

Du machst kein Geheimnis daraus, sprichst vielmehr immer wieder in längeren Postings in einer sehr einfühlsamen und klaren Sprache aus, wie es Dir mit Deiner nunmehr zweiten Krebserkrankung geht. Aus der Situation, nach einer Genesung wenige Monate später wieder erkrankt zu sein, entwickelte sich nicht zuletzt wegen der ausbleibenden Einnahmen als freier Künstler eine ziemlich große Spendenresonanz: Menschen rücken zusammen, Geld wird gesammelt, Die Zöllner und Die Seilschaft verkaufen Deine Bücher auf ihren Konzerten, Benefizkonzerte finden statt, eine Buchversteigerung des legendären ehemaligen Leipziger Szeneverlags Edition PaperONE steht bevor. Wie gehst Du damit um, was bedeutet dieses so starke Feedback?

Ich bin diesbezüglich sprachlos. Ich habe mit solchen Aktionen nicht gerechnet, erst recht nicht mit so vielen und mit so viel Resonanz dazu. Mir kommen täglich die Tränen der Rührung, wenn ich davon mal wieder etwas Neues mitbekomme und richtig fassen kann ich es noch immer nicht. Ich bin so unendlich dankbar und ja, auch glücklich. Vor allem das Zusammenrücken sagt mir sehr zu, da sind wir ja wieder beim Humanismus. Das gibt mir Hoffnung, nicht für mich alleine, die Krankheit geht ihren eigenen Weg und hat ihre eigenen Gesetze, aber gesamtgesellschaftlich erkenne ich zutiefst beeindruckt, dass es möglich ist, dass die Menschen sich an den Händen nehmen und sich Wärme, Liebe und Zuversicht spenden können, beieinander stehen, füreinander stehen. Das ist eine Wende nach meinem Geschmack und möge diese Haltung noch sehr sehr vielen anderen Menschen zugute kommen. Vor kurzem schrieb mir eine der Initiatorinnen, Grit Maroske, dass es allen Helfenden selber sehr gut tut, diese Kommunikation untereinander, diese Kreativität und vor allem: die Liebe, diese Liebe. Das ist es, was ich als Demut bezeichne. In manchen Momenten in jüngster Zeit aufgrund dieser ganzen Bewegung möchte ich die ganze Welt umarmen. Ich verneige mich zutiefst davor. Es gibt mir auch Kraft und Positivismus. Die Psyche spielt ja auch eine ganz große Rolle bei so einem täglichen Überlebenskampf.

Tumorzelle

Gestatte mir die Frage: Was bedeutet Krebs für Dich und für die Gegenwart? Selbst für mich nehmen die Fälle im direkten Umfeld zu; mitunter bekommt man den Anschein, dass die Krebserkrankungen rapide zugenommen haben. Teilst Du diese Ansicht? Kann und muss sich etwas in unserem Lebenswandel, in unserem Umgang mit Konflikten und Ernährung ändern?

Ich bin mir sicher, dass Krebserkrankungen massiv zugenommen haben. Eine medizinische Erklärung habe ich dafür nicht. Bestenfalls eine gesamtgesellschaftliche. Wir beuten uns alle zu stark selber aus, weil wir dazu gezwungen werden. Das Arbeitsklima, das menschliche Miteinander in diesem Turbokapitalismus ist krank und muss krank werden lasssen. Ernährung spielt da sicherlich auch eine große Rolle. Aber vielleicht ist Krebs tatsächlich eine Art spirituelle Metapher für das System, in welchem wir Menschen leben und leiden und auch andere leiden lasssen. Da muss sich etwas ändern. Ich halte Krebs nicht für ein rein medizinisches Problem, er ist auch eine psychische Seuche. Wir sind alle zu gestresst und zu wenig glücklich.

Es ist leicht vorstellbar, dass man viel Kraft braucht in einer solchen Situation – Du wie auch Deine Ehefrau Lika. Verändern sich damit die Träume und Pläne von einer Zukunft? Wird man sachlicher, minimaler oder vielmehr noch stärker?

Die Träume und Pläne haben sich tatsächlich maßgeblich verändert. Nicht so sehr wie es sich am Anfang anfühlte, als es erst einmal von ärztlicher Seite hieß: „Rien ne va plus“. Aber von einem Tag auf den anderen war alles anders. Sachlicher sind sie nicht geworden, ich bin nicht so materiell eingestellt, aber auch nicht wirklich minimaler. Da ich mich in Richtung Verrentung und Pflegestufe bewege, geht so manches nicht mehr. Vor allem der Hauptbrötchenerwerb, meine Rednertätigkeit, wird nicht mehr möglich sein. Es ist eine sehr schöne, aber unglaublich kräftezehrende Arbeit. Vor der Erstdiagnose wollten wir ja Landflucht begehen, also raus ins Grüne ziehen, auf unserem Grundstück im Leipziger Umland ein Haus bauen. So zum Leben an den Abenden im Frieden, als Kreativ- und Rückzugsraum. Meine Frau und ich wünschten uns dort einen kleinen Salon, wo sich unsere Freunde treffen und auch künstlerisch arbeiten können, auch miteinander. Einen Raum für weite Gedanken und natürlich, um sich gegenseitig kennenzulernen und kreative Netzwerke zu spannen. Daraus wird wohl nichts werden. Wir laborieren gerade mit Ach und Krach an der ganz schmalen Variante, unser kleines Häuschen winterfest zu machen und ein bisschen zu vergrößern, aber auch das wird wohl nicht bezahlbar sein. Wir werden wohl eher in eine kleine Neubauwohnung umziehen müssen. Was die künstlerischen Pläne betrifft, da weiß ich nur, dass ich nicht mehr so schnell und intensiv wie vorher arbeiten kann, dafür reicht die Kraft nicht aus. Dennoch will ich an der Kunst bis zum letzten Atemzug festhalten. Ich werde mit Sicherheit nicht vor meinem Tod in ein starres Schweigen verfallen. Aber ich habe auch nicht das Gefühl, dass ich mich beeilen muss, um noch dies und das und jenes zu bewerkstelligen. Was ich hinkriegen werde, kriege ich hin. Ich habe ja so viel Material, das würde selbst bei Büchern für zehn Jahre posthumes Veröffentlichen einmal pro Jahr reichen.

Du sagtest unlängst, dass Du Deine Termine weiterhin wahrnehmen wirst, nicht zuletzt bist Du am 21. 3. im Leipziger Clownmuseum, am 22. 3. beim Literarischen (Messe)Salon in der Leipziger Kunstgalerie Raum 16, am 17. 4. gemeinsam mit dem „Stern Meißen“-Sänger Manuel Schmid in der Geraer Stadtbibliothek und am 17. 5. in der Kulturbaustelle Suhl zu hören und zu erleben. Was wird von Dir literarisch in naher Zukunft zu erwarten sein? Arbeitest Du bereits an neuen Manuskripten?

Tatsächlich arbeite ich weiter. Ich habe bereits vor der Krebsdiagnose einen Satireroman begonnen, an dem ich weiter schreibe und neue Anfragen nach Liedtexten gibt es auch, denen nachzugehen ich bereits zugesagt habe. Ja, da kommt noch einiges. Das Schaffen ist mein Lebenselixier. Ohne könnte ich nicht sein. Gerade jetzt ist es für mich sogar wichtiger denn je. Und Ideen habe ich glücklicherweise noch sehr sehr viele.

Lieber Andreas, vielen Dank für das Interview.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweise: Volly Tanner, Edition Outbird, Detlef Liedmann, Wellcome Images
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Wir sagen Dankeschön!

Schweren Herzens haben wir, Tristan Rosenkranz und M. Kruppe, uns nach langen Überlegungen dafür entschieden, das „Outscapes“-Magazin bis auf Weiteres nicht mehr zu verlegen. Der Hintergrund ist die in den letzten Monaten um einiges angestiegene Aufgabenvielfalt, die sich aus der Verlagsarbeit, Veranstaltungsorganisation sowie Markt- und literarischen Salonterminen heraus erklärt. Jeder/s „sichtbare“ Termin und Buch trägt eine hohe Menge an Vor- und Nacharbeit in sich, vor diesem Hintergrund ist es uns kaum mehr möglich, ein quasi ehrenamtliches Printmedium samt seiner vielfältigen Inhalte zu verantworten.

Wir bitten unsere ebenso treue wie wachsende Schar an LeserInnen um ihr Verständnis und erstatten selbstverständlich gern noch offene Abonnementsbeträge – bar oder in Form eines Gutscheins für unseren Onlinestore. Bitte einfach eine Mail an uns schicken und wir melden uns zurück.

„Bis auf Weiteres“ bedeutet in dem Zusammenhang, dass wir gern über eine Neuauflage nachdenken, wenn sich der ein oder andere Kopf unter unseren LeserInnen dafür entscheidet, redaktionell bei uns mitzuwirken, also Ideen einzubringen, starke Kreative zu kontaktieren, AnzeigenschalterInnen zu akquirieren, Interviews zu erstellen und / oder Texte zu schreiben. Bis dahin bedanken wir uns vom ganzen Herzen bei allen beteiligten KünstlerInnen, AutorInnen und Kreativen sowie unseren UnterstützerInnen, LeserInnen und AbonnentInnen und sagen „Schön wars mit Euch!“.
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Tommy Krappweis „A Fantastic Workaholic“ [Interview Teil 2] | Outscapes #9

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #9 erschienen.]

„…  Welche literarischen Empfehlungen würdest Du aussprechen? Und warum sollte man unbedingt „Mara und der Feuerbringer“ gelesen haben?

Das Buch, das mich besonders beeindruckt hat, war die Biographie von Harpo Marx (Marx Brothers) mit dem Titel „Harpo Speaks“, direkt danach „My Wonderful World Of Slapstick“ von Buster Keaton. Ansonsten einfach alles von oben genannten Autoren lesen. „Mara und der Feuerbringer“ sollte man lesen, wenn man Freude an humorvoll erzählter Fantasy hat und sich nicht davon gestört fühlt, nebenbei ein bisschen was über Germanen und Co zu erfahren.

Wie schätzt Du die Chancen und Risiken des rückläufigen Buchmarktes ein? Wie kann man dem grassierenden Smartphone- und Serienwahn entgegen und wieder zu mehr Lesehunger hinwirken?

Ich bin kein Kulturpessimist. Wenn man Smartphone und Co. mitzählt, lesen und schreiben die Leute heutzutage mehr denn je. Es hat sich nur das Werkzeug geändert. Ich bin auch kein Stratege und somit nicht kompetent genug für einen seriösen Ausblick in die Zukunft. Generell geht es mir darum, Geschichten zu erzählen und die Menschen damit gut zu unterhalten. Ob das auf dem Tablet, in einem Buch, auf YouTube oder mit einem Brettspiel geschieht, ist für mich nachrangig. Wichtig ist, ob es was taugt und ob es den Leuten Freude macht. Mit „Mara und der Feuerbringer“ ist mir das gelungen und die Special Edition ist auch ein Dankeschön an die Fangemeinde.

Tommy, wir danken Dir für dieses Gespräch.

Das Interview zeichnete Tristan Rosenkranz auf. Neben Teil 1 des Interviews finden Sie vieles mehr im „Outscapes“-Magazin #9 [Edition Outbird].
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Simone Buchholz „Trotzig, rebellisch, intelligent“ [Interview Teil 2] | Outscapes #9

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #9 erschienen.]

„… Also ist die Tatsache, Mutter zu sein, eine Ursache für ein eher untypisches Buch von dir, denn mit „Jonny und die Pommesbande“ hast du ein Kinder- bzw Jugendbuch geschrieben? Liegt´s ausschließlich daran, wo doch eigentlich die in Richtung Hard Boiled abzielende Krimi-Sache eher deines ist?

Das Buch hab ich tatsächlich nur für meinen zehnjährigen Sohn geschrieben. Er wollte auch gern mal was von seiner Mutter lesen.

Wenn du, wie in deiner Kurzbiografie beschrieben, „Neapel, Tahiti, St. Petersburg und im Grunde auch Brooklyn“ magst – welchen Stellenwert hat das Reisen in deinem Leben? Und was meinst du mit der weiterführenden Aussage: „…aber ich wohne in Hamburg, vor allem wegen des Wetters“?

Ich reise wahnsinnig gern und berufsbedingt auch ziemlich viel, und diese vier Orte sind tatsächlich die, die ich am allerschönsten fand – wobei da natürlich auch London dazu gehört, ist glaub ich meine absolute Lieblingsstadt, passte aber irgendwie nicht in die Reihe. Was ich am Reisen nicht mag, sind Flughäfen und Flugzeuge, und Autos finde ich eigentlich auch blöd, bleibt also meistens nur die Bahn, und die nervt ja auch manchmal. Am liebsten würde ich gern alle meine Reisen mit dem Schiff machen. Von Hamburg aus. Wegen des Wetters. Weil, wenn kein Wind weht, trägt es einen auch nicht fort.

Wenn man sich auf deiner Webseite umsieht, stellt man fest, dass du recht viel unterwegs bist. Auch auf der Salon-Bühne des Corvus e.V. in Gera bist du ja im April diesen Jahres gewesen und hier fiel mir auf, dass deine Lesungen auch sprachlich sehr mitnehmend sind. Das ist leider bei vielen AutorInnen nicht der Fall. Hast du einen gewissen Anspruch an dich selbst, wenn du auf der Bühne sitzt?

Ja klar. Wenn sich nur eine oder einer langweilt, hab ich was falsch gemacht, dann hätten auch alle auf der Couch bleiben können. Ich finde, sich auf eine Bühne zu stellen, impliziert eine Verantwortung für gute Unterhaltung.

Woran arbeitest du aktuell? Ermittelt Chastity Riley wieder und gibt es schon eine Ahnung, wann wir die sympathische Staatsanwältin wieder erleben dürfen?

Im Moment arbeite ich am achten Band, aber es ist noch viel zu früh, darüber was zu sagen, das bringt ja Unglück. Im September erscheint der siebte Band, „Mexikoring.“

Wie viel Simone Buchholz steckt in deiner sympathisch verwegenen Hauptfigur Chastity Riley?

Du findest Riley sympathisch? Interessant. Ich finde die ja eher schwierig. Also, ich mag sie natürlich, aber sie hat schon ordentlich einen an der Waffel. Das habe ich eventuell auch, aber wir sind uns nicht besonders ähnlich. Ich glaube, es ist so: Wir schauen in ähnliche Abgründe. Und wir sehen da auch das Gleiche.

Hast du schon einmal eine Flaschenpost gefunden?

Ja, an einem Neujahrsmorgen am Hamburger Hafen. Ich war mit einem Freund unterwegs und da war plötzlich diese Flasche mit dem Brief drin. Werde ich nie vergessen, das war ein sehr schöner Moment.

Woher kommt diese Marotte, am Neujahrsmorgen den Hafen nach Flaschenpost abzusuchen?

Eben genau daher.

Ok… wir müssen leider schon wieder zum Ende kommen. Letzte Frage: gibt es etwas, das du dir für die Zukunft im Allgemeinen und für dich ganz persönliche wünschst?

Ich wünsche mir das Ende der patriarchalen Systeme, auf allen Ebenen. Ich glaube, unsere Welt könnte eine viel bessere, friedlichere und schönere sein, wenn die Männer sich endlich mal ein bisschen zurückhalten würden. Für mich selbst wünsche ich mir, dass ich gesund bleibe, dass meine Familie gesund bleibt, weil ohne Gesundheit ja doch alles nichts wert ist.

Ich danke dir für das Interview und hoffe, dass wir uns bald wieder sehen.

Das hoffe ich auch.

Immer am Neujahrsmorgen suche ich den Hafen nach Flaschenpost ab. Falls Sie also irgendwo festsitzen und dringend Rum und Zigaretten brauchen: Versuchen Sie ruhig, mit mir Kontakt aufzunehmen.“

Das Interview zeichnete M. Kruppe auf. Neben Teil 1 des Interviews finden Sie vieles mehr im „Outscapes“-Magazin #9 [Edition Outbird].

Bildnachweise: Gerald von Foris
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Tomas Jungbluth „Hochentzündliche Grenzgänge“ [Interview Teil 2] | Outscapes #9

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #9 erschienen. In diesem Zusammenhang verweisen wir gern auf die Rezension zu seinem aktuell in der „Edition Outbird“ erscheinenden Buch „Kammerflimmern“ in unserem Onlinestore (siehe auch nachfolgendes Coverfoto).]

„… Es lehnt sich also schon an real Erlebtes an, ist aber, wenn ich dich richtig verstehe, ein Puzzle aus vielem? Oder gibt es hier eine konkrete Beziehung aus deiner Vergangenheit, die hier Modell stand? Hast du eigene Erfahrungen in Sachen „Grenzverletzung“?

Ich selbst habe eine sehr fordernde Beziehungserfahrung hinter mir, wovon sich einige Verhaltensmuster meiner Partnerin deutlich im Spannungsfeld Narzissmus bewegten. Grenzverletzungen, mangelndes Abgrenzungsvermögen und Projektion gingen Hand in Hand. Insofern war das Thema für mich schon auch Kernthema der letzten Jahre. Nicht zuletzt, um mich selbst zu fragen nach meinen destruktiven Anteilen oder, warum ich solche Charaktere angezogen habe.

Und mein Protagonist, dessen innere Welt sich tatsächlich aus verschiedenen Schicksalen zu einem ganzen, fiktiven, eigenen zusammensetzte, sagt dazu: Dieselbe Frau, die mich in der Beziehung immer wieder wegstieß, konnte mich nach ihrer Trennung nicht gehen lassen. Grenzen wurden beständig überschritten. Und in dem Zustand eines noch voller Liebe steckenden Trennungsschmerzes meldete sich die Frau monatlich immer wieder unter verschiedensten Gründen, obwohl ich um Stille bat und darunter litt, weil es einem dauerhaft unerfüllten Versprechen und dem gelegentlichen Abernten meiner Flammen glich. Das klingt genauso, wie es ist bzw. war: eine sehr reiche, komplizierte, kaum zu verarbeitende Bindung unter andauernder emotionaler Ausreizung meiner komplexen Gefühls- und Verletzungsresonanzen.

Meinst du, Künstler brauchen solche Niedergänge? Braucht die Kunst das Absacken in die Keller der Emotionen?

Ja, Kunst braucht meiner Meinung nach mehr noch Schmerz als höchste Höhen, um großartig sein zu können. Unzählige Werke verschiedenster Disziplinen beweisen das sehr eindrucksvoll. Aber ich bin mir nicht sicher, ob „Niedergang“ und „Absacken“ die passendsten Worte sind. Ich bin ein sehr tiefer und in der Liebe mitunter auch sehr hochfühlender Mensch, der ebenfalls fiktive Charakter meiner Ex-Partnerin, mit der ich im Buch ja einen Monolog führe, sprach im Trennungsgespräch von ihrem Wunsch nach Leichtigkeit und ihrer Sucht nach Tiefe, an der sie scheiterte. Das Buch zu schreiben lässt sich mit dem Trennungsgefühl des Protagonisten vergleichen, nur eben „geliehen“ und komprimiert: ich war unter Wasser, wie im Tunnel, durchtauchte meine tiefe Gefühlswelt und schrieb darüber. Und bekam ganz nebenbei eine Ahnung davon, was Schauspieler beim Einnehmen intensiver Rollen aushalten können müssen. Und klar, mit Narzissmus, im Buch abgebildet, haben auch die Begriffe Leichtigkeit und Tiefe im Beziehungs- und Trennungsverlauf ziemlich dunkle Schatten bekommen.

Was heißt das genau?

In der stärksten emotionalen Wachstumskurve der Liebe der beiden, quasi am Anfang noch dazu obendrein zu Weihnachten, geht sie fremd. Ein Muster, was sie bei jeder der drei Liebesbeziehungen ihres bisherigen Lebens bereits frühzeitig vollzog. Und auf dem absoluten Zenit der Beziehung, die beiden haben ihre schönste Zeit und schwingen vollständig synchron, fragt sie ihn in einer der innigsten gemeinsamen Sommernächte bei Rotwein und Gesprächen plötzlich, ob es okay sei, auf Partys andere Männer zu küssen. Zu einer anderen Gelegenheit fährt sie mit ihrem Ex, den sie noch immer liebt, baden, er nackt, weil er keine Badesachen dabei hat. Und zwar an derselben Stelle, an der die beiden kurz vorher ebenfalls nackt badend ihr höchstes Liebesglück genossen haben. Eine stärkere Entweihung ist kaum vorstellbar. Auch gab es diverse Rauswürfe, On/Offs und Erniedrigungen. Solche Dinge werfen dunkle Schatten auf diese von ihr gelebte Leichtigkeit vor dem Hintergrund ihrer enormen Verletzlichkeit und lassen den beständigen Hang zur Grenzverletzung erkennen.

Nun ist „Kammerflimmern“ ja ein für dich insofern untypisches Buch, als dass deine Texte stets eher kurze, wenn auch intensive Abrisse eines Zustandes waren. Hier liegt uns nun ein Monolog von einer recht ausführlichen Länge vor. Wie fühlt es sich an, wenn der letzte Punkt gesetzt ist? Kannst du, nach dem letzten Zeichen direkt aufhören oder modellierst du noch an deinen Sachen herum und wenn ja, wie lange?

Das Schreiben selbst war ein Ventil, ein Verbrennungsprozess und Verstehenwollen sehr intensiv erlebter Gfühlswelten, wenn man so will. Meinem Wesen entsprechend durchdenke ich bis zu einem Ende des Loslassens immer wieder Passagen, Fragmente, Ebenen, Zusammenhänge, fehlende Aussagen. Erst heute sagte mir eine gute Freundin, ihrerseits Therapeutin, dass ich ein ganzes Stück weit der komplexen Art des Erzählers, zu fühlen und zu durchdenken, gleiche: im Grunde sehr weiblich.
Du würdest mich für verrückt erklären, wie oft ich das Skript, nachdem es sein endgültiges Gerüst hatte, gelesen und bearbeitet habe. Heißt, das Schreiben selbst war in einer extrem kurzen Zeit vollendet, der Spannungsbogen und Feinschliff dauerte aber mindestens weitere drei Wochen täglicher Stundenarbeit.

Du bist also so etwas wie ein Perfektionist? Einer, der die Finger einfach nicht still halten kann, weil hier und da immer wieder ein Gedanke einschießt, der das Ganze vielleicht noch besser machen kann?

Ich hab mich als Chaot nie als solcher gesehen, aber ja – Du hast Recht. Ich scheine tatsächlich ein extremer Perfektionist beim Entstehungsprozess des Buches gewesen zu sein. Ich bekam eine Ahnung davon, dass andere Autoren, die ihr Skript lieben, es an manchen Tagen einfach nur grundbeschissen finden und am liebsten entsorgen würden, oder was es für Künstler heißt, irgendwann loslassen zu müssen, weil man sonst beginnt, den Zenit des Werkes zu überschreiten und den Glanz wieder abzutragen, quasi zu dekonstruieren, was man geschaffen hat.

Das impliziert ja, dass du gewissermaßen ein Problem mit dem Loslassen hast?

Nun ja, ich als Autor, der Erzähler in Position des Liebenden definitiv auch, jedenfalls aus herkömmlicher Sicht… er liebt diese Frau ja noch heute, hat ja mehr als ein halbes Jahr gebraucht, um überhaupt klar zu sehen, wie scheiße er sich in der Beziehung über die Maßen lange hat behandeln lassen. Nicht, dass er es nicht schon immer reflektiert hätte… Insofern kam er in seiner tiefen Liebe auch nie los von ihr, die sie sich über Monate immer wieder in seinem (Gefühls-)Leben sichtbar machte, ihn bewusst oder unbewusst immer wieder triggerte. Und natürlich manifestierte sich mit dem Buch die Frage, wie lange ein Verarbeiten und Loslassen denn eigentlich braucht oder maximal brauchen sollte und wer das überhaupt sagen kann. Jeder Mensch liebt ja anders, und Borderliner beziehungsweise Narzissten wahrscheinlich noch einmal ganz anders.
Umso wichtiger empfinde ich Konsequenz, die in jeder Hinsicht wichtig ist: Ich kann nur um etwas kämpfen oder es loslassen, aber zwischen den Polen hin- und herspringen, wie es die Ex-Partnerin im Buch monatelang machte, ist Qual und verhindert beiden, weiterzukommen, zu heilen und sich irgendwann vielleicht gesünder wiederbegegnen zu können, weil es destruktive Reaktionsmuster aufruft. Klar, dass das Buch auch eine erhebliche Ladung an Zerrissenheit in sich birgt.

Und da sind wir auch thematisch bei deinem Buch. Wie war das für dich, dir die Erinnerungen an offenbar schmerzliche Momente deiner Vergangenheit hervorzurufen, sie zu vergegenwärtigen und zu analysieren bzw. einen Charakter zu schaffen, der verschiedene Trennungssituationen vereint? Würdest du die Arbeit daran Kraftakt nennen?

Es war ein enormer Kraftakt, ja. Das Einnehmen eines anderen Charakters zum Einen, das Eintauchen in eine Gefühlswelt, die der meinen nicht unähnlich ist. Man geht mit diesem Gedankenspiel in eine tiefrote Welt des Schmerzes und der Liebe. Leiden, um Schmerzschichten abzuschälen – vielleicht so. Dieses aus dem Buch heraus schimmernde Gefühlsprofil ist ja der stete Tanz von „zu viel“ Liebe und Schmerz in allzu enger Verwandtschaft. Was man liebt, versucht man zu zerstören bzw. man ritualisiert Ablehnung, die man durch das Zufügen von Schmerz dem Anderen gegenüber erreicht. Das Buch hat diese Gefühlswelten komplett nach vorne geholt.

Du sagtest mir vorhin im Vorgespräch, dass du „Kammerflimmern“ in weniger als drei Wochen geschrieben hast. Offenbar nagten Dinge aus deiner Vergangenheit an dir, die du loswerden wolltest. War das eine Art Druck, eine Art Zwang zum Loslassen, um los zu werden?

Ja, ab diesem im Buch erwähnten „Point of no Return“ gab es keine andere Möglichkeit mehr. Ich musste schreiben, ich musste diese in mir gespeicherten Narben abtragen, ich musste den „geliehenen“ Vulkanismus bedienen. Ich rannte tagelang wie Falschgeld rum, wollte immer nur zum Skript zurück, weil der Kopf selbst unterwegs ständig weiterschrieb.

Du sprichst in „Kammerflimmern“ einige Mal das Wort Hochsensibilität in Bezug auf dich, aber auch die Protagonistin, an. Was macht aus Deiner Sicht Hochsensibilität aus?

Ich verstehe es so: Hochsensibilität ist eine Gabe, aber auch eine Last, ein tiefes, inneres Spannungsfeld. Es ist wie mit dem Tanz auf dem Vulkan, einem fast permanenten unter Spannung stehen, einem beständigem Switchen zwischen diversen Wahrnehmungs- und Verständnisebenen vergleichbar und erklärt sich mit einer oftmals oder dauerhaft sehr hohen Wahrnehmung. Vom Erinnerungsvermögen von vor Monaten besprochenen Gesprächsdetails ganz abgesehen. Allerdings: Das normale Leben hat seine Unwuchten, ist aber als Single im Sinne zu verarbeitender Impulse und Energien um Einiges leichter.

Als Mann ist es allerdings tatsächlich schwieriger, in seiner Hochsensibilität und Verletzlichkeit angenommen zu werden. Das öffentliche Bild impliziert den starken, souveränen Macher – ein fast schon „ewiggestriges“ Bild. Und Frauen, die dieses Einfühlsame, Feinempfindende und Verständnisvolle als so wundervoll empfinden, vermissen nicht selten irgendwann, krass formuliert, doch auch wieder einen Alphatypen, der nicht hinterfragt, sondern einfach entscheidet, wo es lang geht. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel. Wir Menschen haben noch jede Menge Spielraum nach oben, um Urmuster in uns zu etwas Größerem, Besserem reifen zu lassen. Und für mich ist eine einfühlsame und „gefühlsehrliche“ Welt definitiv die bessere als diese Maske der Härte und Coolness, die so über die Maßen viele glauben, vor sich hertragen zu müssen.

Ich hatte mit Fertigstellung ja auch einige Telefonate mit Tami Weissenberg, der ja quasi zeitgleich mit seinem Buch „Darjeeling Pur“ in der „Edition Outbird“ erscheint, worin er seine vielen Jahre erfahrener Ehegewalt erzählt. Ich entschuldigte mich fast bei ihm, weil die von mir literarisch gespiegelte Leidenswelt wesentlich geringer gewesen sei. Er sagte „Wer will das entscheiden? Schmerzempfinden ist ja bei jedem anders.“ Und natürlich sprachen wir über weiche, sensible Männer, die wie umgekehrt Frauen in gewissen Beziehungen Herabwürdigung, Respektlosigkeit oder gar Misshandlung erfahren müssen und da nicht herausfinden. Kurz gefasst: Es gleicht der Suche nach der Nadel im Heuhaufen und bedarf einer gewissen Reife und feiner Antennen, einem/r gereiften, in sich ruhenden PartnerIn zu begegnen, die / der diese Eigenschaften achtet.

Ich weiß ja auch von dir, dass es zumindest die Verdachts-Diagnose Borderline gibt. Meinst du, es gibt einen Bezug zwischen Hochsensibilität und Borderline?

Das ist eine gute Frage. Erstens: Die Diagnose ist mittlerweile widerlegt, die Schnittmenge der Aussagen verschiedener Therapeuten, auch aus dem Freundeskreis und mit entsprechender Nähe zu mir, ist „einfach“, dass ich sehr reichhaltig an Emotionen und Wahrnehmung bin und sich daraus auch beständige Spannungszustände ableiten lassen. Selbst gewisse Reaktionsmuster in einer Liebesbeziehung treffen darauf nicht zu. Vielleicht greift bei dieser Fehldiagnose das noch mangelhafte Fachwissen hochsensibler Männlichkeit.

Zweitens: Hier fehlt mir die Kenntnis, aber vermutlich ist die Schnittmenge sehr hoch, wenn man bedenkt, dass Borderliner in der Regel hochintelligente und sehr sensible Menschen sind. Ich denke, dass die Defizite fehlender Regulierungswerkzeuge der Gefühls- und Spannungswelten sehr ähnlich sind. Manchmal kann man deren Wesenswelten mit Naivität vergleichen: sie wissen einfach nicht, wie man diese massive Menge täglicher Spannungen, Impulse und Energien effizient, gelassen und möglichst schadlos verarbeiten kann, wo die eigenen und anderen Grenzen liegen und wie man seinen Bedarf zum Auftanken und Runterkommen erkennen und organisieren kann. Man will ja auch beständig äußeren Anforderungen und Bedürfnissen gerecht werden.

Freilich ist ein Buch, so steht es im Abspann, fiktiv, aber ein bisschen Wahrheit, das haben wir ja nun festgestellt, als wir vom Puzzle diverser Erlebnisse in deiner Vergangenheit sprachen, ist ja in jedem Werk. Hattest Du Gewissensbisse mit Fertigstellung des Buches?

Ja, weil es hochverletzliche Menschen widerspiegelt und das da draußen tagtäglich vielfach Realität ist. Und weil ich mit dem „Okkupieren“ der Liebesgefühle der Protagonisten ja nicht nur in deren beider Welt eindrang, sondern auch noch mit chirurgischer Präzision all die Fasern und Prozesse aus einer zerbrechenden bzw zerbrochenen Liebe sichtbar machte. Dabei will das Buch nur dieses so unbegreiflich Hochverletzliche verstehen und schützen. Ein scheinbarer Widerspruch. Neben der Gefahr, darin nicht die alles tragende einzigartige Liebe, sondern die Risse, Blutungen und Spiegelungen zuvorderst wahrzunehmen, hatte ich auch lange mit dem Punkt der künstlerischen Freiheit zu tun, sprach aus eigenem Interesse auch viel mit meinem Verleger, anderen Autoren, Freunden, einem Dramaturgen.
Oft stellte sich meinem vorhin schon erwähnten Freund in der Zeit seiner Männerarbeit und diesen sich so oft wiederholenden Mustern scheiternder Beziehungen die Frage, wie weit man gehen kann, weil sie alles an einer toxischen Beziehung in ihrer beständigen Grenzüberschreitung sich und dem Anderen gegenüber ausdrückt. Und klar hab ich auch die Position des Karma hinterfragt, weil ich diese so fragilen wie wundervollen Charaktere schützen will. Für einen Schutz aber braucht es Klarheit, beispielsweise in Form der Offenlegung von Mechanismen, die so einfach ein klares „No Go!“ erkennen lassen, aber in abhängigen Paardynamiken so selten durchbrochen und überwunden werden können. Solche Reflektionen finde ich wichtig.

Zum Schluss interessiert mich noch, ob es aus deiner Sicht ein Konzept gab, was den Sprachstil angeht. Du hättest ja auch wesentlich direkter und klarer schreiben können, nutzt aber eine sehr poetische, ja fast lyrische und an Metaphern reiche Sprache. Woran liegt das?

Darauf gibt es eine für mich einfache Antwort: Ich kann nicht anders. Meine Sprache kann gerade, wenn sie von Emotionen angetrieben wird, sehr bildreich und intensiv sein. Unter dem Antrieb, dieses Buch zu schreiben, bewegten sich viel Liebe und Schmerz aus eigenen früheren Erfahrenswelten. Sicher hat das ganz wesentlich dazu beigetragen.

Ich danke dir für das Interview und wünsch dir viel Erfolg mit deinem Buch…

Das Interview zeichnete K. Kruppe auf. Neben Teil 1 des Interviews finden Sie vieles mehr im „Outscapes“-Magazin #9 [Edition Outbird].

Bildnachweis: Maud Susann Unger
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Andrea Cochius „Empfindsamkeit und Träumerei als Vision“ [Interview Teil 2] | Outscapes #9

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #9 erschienen.]

„… Als bekennende Realitätsverweigerin träumst Du oft und gerne. Du selbst sagst, diese Verweigerung sei kraftaufwendig. Worin liegt abgesehen von monetären Zwängen dieser Kraftaufwand?

Ich muss ständigen Widerstand betreiben: Ich stelle der Realität meine Fantasie gegenüber. Manchmal streiten sie heftig miteinander, manchmal scheint die Realität über meine Fantasie höhnisch zu grinsen. Das ist natürlich anstrengender, als die Dinge so hinzunehmen wie sie sind und Fantasie und Wirklichkeit klar voneinander zu trennen. Ich werde die beiden jedoch so lange gemeinsam in einem Raum lassen, bis sie sich vertragen. Ich kreiere eine Welt – zunächst in meiner Einbildung, dann in der Realität. Letzteres ist nur möglich, wenn ich konsequent bemüht bin, diese Welt in meiner Vorstellung lebendig aufrecht zu erhalten.

Oftmals leben Menschen äußerlich falsche Werte und Mechanismen, weil sie sich damit zu schützen glauben. Wie lebt es sich Deiner Meinung nach in einer Welt so weit verbreitet falscher Werte, ohne daran (noch mehr) Schaden zu nehmen?

Nicht gut genug. Daher tue ich vieles, um dies zu ändern. Ich als Einzelperson – als Mensch und mit meiner Kunst – aber auch innerhalb einer Gemeinschaft, innerhalb des Vereins „Arbeit an Europa“ (arbeitaneuropa.com), in dem sich junge, engagierte Zeitgenossen für ein Europa einsetzen, welches positiv konnotiert werden kann. Es ist wichtig, sich in Gemeinschaften zusammenzuschließen – besonders als empfindsamer Mensch.

Du sagst, für eine positive Welt muss man die Dinge sehen, wie sie sein könnten anstatt wie sie sind. Heißt, man sollte alles träumerisch weiterspinnen, was man sieht? Mir persönlich sind die hinter dem Sichtbaren liegenden Ebenen offen gestanden nicht immer die besseren…

Das Gute an Tagträumen ist, dass man sie im Gegensatz zu denen im Schlaf aktiv steuern kann. Ich bin ihnen nicht ausgeliefert. Ich erträume mir ganz bewusst eine Welt, in der es sich in meinen Augen zu leben lohnt. Anschließend denke ich ganz pragmatisch darüber nach, wie ich jene umsetzen kann und tue es dann auch Schritt für Schritt. Ich nehme das Träumen als Handlungsaufforderung und nicht als Realitätsflucht und halte diese Methode für die einzig richtige, aktiv und optimistisch am Leben teilzunehmen.

Was macht Deine Kunst einzigartig? Wie würdest Du Dich als Künstlerin beschreiben? Wie erkennt man die künstlerische Handschrift einer Andrea Cochius?

Meine Aufgabe sehe ich darin, Werte, von denen ich weiß, dass sie Menschen glücklich machen, zu vermitteln. Das tue ich dadurch, dass ich versuche ein Vorbild zu sein und selbst diese Werte zu leben. Und durch meine Kunst, deren Ziel es ist, ein Werk zu schaffen, welches uns daran erinnert, was Schönheit bedeutet und in diesem Sinne ein Gefühl der Erhabenheit erzeugt. Ich denke an meinem Stil lässt sich erkennen, dass ich ein Freundin von Schönheit sowie eine Optimistin bin. Es lässt sich sagen, dass meine Bilder „Vorbilder“ sind und ich sehe für mich keinen Grund, etwas nicht Erstrebenswertes abzubilden. Man erkennt dies etwa an der Farbwahl – ich kombiniere Farben ausschließlich auf eine Weise, die angenehm für das Auge ist. Zudem stelle ich Menschen nicht in einem ungünstigen, sondern in ihrem besten Licht da.

Ich würde übrigens niemals einen Beruf annehmen, der mir nicht entspricht. Daher bin ich Künstlerin. Ich habe ein starkes Bewusstsein für das Grundrecht auf Freiheit und Selbstverwirklichung.

Wie bekommst Du Deine Fähigkeiten und Interessen zwischen Malerei, Grafik, Fotografie, Film und Digitalkunst koordiniert?

Ich bin der Ansicht, dass die Kunst frei ist und dass ich somit als Künstlerin die Freiheit habe unterschiedliche Medien zu verwenden. Das Wesentliche, was mich als Expertin ausmacht, ist mein Sinn für Ästhetik. Dieser kann sich in der Schrift, in der Musik, im Film zeigen und auch in der Malerei oder Zeichnung. Ich sehe, höre, lese, fühle, schmecke und rieche Qualität und lasse nicht eher nach, bevor ich diese in meinen Arbeiten erkenne. Das kann mitunter lange dauern, gerade weil ich mich in so unterschiedlichen Bereichen bewege und das Handwerk der jeweiligen Disziplin natürlich auch erst erlernt werden will. Die Mühe aber lohnt sich: Ich lerne unheimlich viel, langweile mich nie und schule permanent eine Form ganzheitlichen Schönheitssinns. Abgesehen von der Freiheit, die ich mir damit erkämpfe. Wobei man ja auch sehen muss, dass es einem heute durch Benutzerfreundlichkeit in vielen Bereichen leichter gemacht wird, Experte auf unterschiedlichen Gebieten zu sein als noch vor 100 Jahren.

Wo geht Dein Weg hin? Welche Projekte sind von Dir zu erwarten? Wo siehst Du Dich in fünf oder zehn Jahren?

Von dem Indien-Projekt 2012 an bis zu meinem heutigen künstlerischen Konzept hat mich das Bedürfnis, in die Herzen der Menschen zu sehen und ihnen beim Träumen zu helfen, zum Glück nicht verlassen. Ich möchte diesbezüglich z. B. eine Umfrage starten, in der ich Menschen bitte, ein Kunstwerk nach ihren Wünschen zu beschreiben. Es gibt dabei die Vorgabe, dass dieses Fantasieprodukt weder durch finanzielle noch materielle noch sonst irgendwelche Grenzen in seiner Entfaltung behindert werden soll. Zunächst werde ich diese Ideen skizzieren und in einem Buch veröffentlichen. Langfristig gesehen wäre es natürlich wunderbar, wenn man The Artworks of Other People tatsächlich realisieren und in einer Ausstellung zeigen könnte.“

Das Interview zeichnete Tristan Rosenkranz auf. Neben Teil 1 des Interviews finden Sie vieles mehr im „Outscapes“-Magazin #9 [Edition Outbird].

Bildnachweis: Bruce Jessop
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Steve Bauer „Dunkle Kunst als Bewusstseinsquelle“ [Interview Teil 2] | Outscapes #9

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #9 erschienen.]

„… Du verortest Deine Wurzeln in der Subkultur. In welcher Szene verbrachtest Du Deine früheren Jahre?

Ich komme aus den Subkulturen der frühen 90er Jahre. Graffiti und der gesamte Weg darum schafften meine Basis. Ich beschäftigte mich mit vielen Musikgruppen, deren Philosophien und Sichtweisen auf Gesellschaften, lernte autonome Entwicklungsweisen und führte diese dann durch eigene Sichtweisen unbewusst in mein jetziges Leben ein. Ich habe dabei immer stark an meinen eigenen Idealen festgehalten. Zum Leid vieler, aber zum Vorteil meiner selbst.

Deine Partnerin Beatrice und Du sind ein wunderbares Team, auch Deine MitarbeiterInnen strahlen Wärme und Sympathie aus. Ist das ein menschliches Zusammenfinden oder wählst Du Deine MitarbeiterInnen intuitiv aus?

Würde ich rational und analytisch auswählen, wäre ich nicht Kunstschaffender. Dies beißt sich meiner Meinung nach. „Intuition ist die Trophäe der Gerechtigkeit„ – diesen Satz formte ich einst für mich. Somit ist sie eine große Triebfeder meines Schaffens und meiner Entscheidungen. Ich habe ein wunderbares Team, welches mir über die Zeit zugetragen wurde. Ich habe keinen gesucht – es gab immer eine überirdische Verknüpfung (großes Gelächter im Raum) und Zusammenführung. Jeder ist für mich von großer Wichtigkeit. Nur durch viel Hilfe kann ich meiner eigentlichen Bestimmung nachgehen. Und das ist wichtig!! Entwicklung heißt ent-wickeln. Meine Frau hat meine Garnrolle sozusagen komplett abgewickelt und neu aufgewickelt. Ich bin ihr sehr dankbar für ihre Geduld und Sichtweise.

Beatrice als Fotografin scheint sehr innig mit Deiner Kunst in Resonanz zu stehen. Wie wirkt Ihr als Künstler aufeinander ein, wie würdest Du ihre Handschrift beschreiben?

Sie bildet einen ähnlichen Part wie meine Helfer. Nur ist ihrer um Weiten grösser und ausgeprägter. Sie inspiriert und sensibilisiert mich jeden Tag. Ich bewundere ihre Geduld, das Gute zu sehen, zu schaffen oder zu halten. Ihre Bilder wirken immer ehrlich und ungestellt auf mich. Sehr nahe am Detail. Wir geben uns oft Tipps, helfen uns in allen Bereichen und treten uns auch oft in den Arsch. Jeder Kreativschaffende kennt die Löcher des Alltags. Wenn jedoch jemand Bretter über diese Löcher legt, ist es einfacher, darüber hinweg zu schreiten. Darauf kommt es immer an! Kraft zu sparen und gezielt einzusetzen.

„Der denkende Mensch“

Eine letzte Frage noch: Was wird in naher Zukunft von Dir zu erwarten sein? Was planst Du, woran arbeitest Du?

Uh, da weiß ich nicht genau, wo ich anfangen soll. Ich habe zu viele Ideen. Die nächsten Projekte liegen im Ausland. Kleinere Ausstellungen, um meine Sachen auch Anderen nahe zu bringen . London im September steht fest. Andere Galerien sind angefragt. Ich hoffe noch etwas mehr in Deutschland ausstellen zu können. Im Frühjahr 2019 möchte ich mein zweites Kunstbuch veröffentlichen. Und für 2020 ist die nächste große Ausstellung mit neuen Werken geplant. Dafür investiere ich gerade die meiste Zeit. Alles, was dazwischen kommt, ist ungewiss. Ich finde spontane Sachen immer interessant. Ob Events oder Kooperationen – ich habe Spaß an allem.

Steve, wir danken Dir für das Gespräch.

Ich danke Euch für die Möglichkeit!“

Das Interview zeichnete Tristan Rosenkranz auf. Neben Teil 1 des Interviews finden Sie vieles mehr im „Outscapes“-Magazin #9 [Edition Outbird].

Bildnachweis: Beatrice Bauer
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Susanne Agnes Fauser „Schamanismus und literarische Tiefenreisen“ [Interview Teil 2] | Outscapes #9

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #9 erschienen. In diesem Zusammenhang verweisen wir gern auf die Rezension zu ihrem aktuell in der „Edition Outbird“ erscheinenden Buch „Lilian“ in unserem Onlinestore (siehe auch nachfolgendes Coverfoto).]

„… Immer neue Erfahrungen zu machen und mich immer wieder selbst neu zu erfinden, das ist für mich ein Lebenselixier. Ich wäre geradezu tödlich gelangweilt, wenn alles immer vorhersehbar und geplant wäre.

Dieses Schamanische, das habe ich viele Jahre einfach gemacht, ohne dafür überhaupt einen Namen zu haben. Das wurde mir im Grunde erst klar, als ich vor 15 Jahren bei Clemens Kuby Seminare besucht habe.

So richtig ernsthaft damit begonnen habe ich, als der Vater meiner Tochter an AIDS erkrankt ist. Wir waren damals schon kein Paar mehr, aber ich habe ihn gepflegt bis zu seinem Tod und in dieser Zeit und den 15 darauffolgenden Jahren, in denen beinahe mein gesamter damaliger Freundeskreis starb, war ich quasi gezwungen, mich mit diesen Themen zu befassen. Tod. Krankheit. Sinnfragen. Alles, was man ja eigentlich von sich fernhalten will oder erst in einem hohen Alter beginnt, sich damit auseinander zu setzen, wenn überhaupt, das brach in mein Leben schon sehr frühzeitig ein. Doch durch all den Schmerz, all die Verluste traten mit einem Mal aber auch Fähigkeiten in mir zutage und Connections zu, ich sage mal, anderen Wesenheiten, nenn es Lehrer, nenn es Spirits, die mich sehr viel gelehrt haben und es immer noch tun.

Manchmal durch Träume, manchmal durch Begegnungen mit Tieren und Pflanzen, manchmal durch Stimmen, die mir irgendetwas erklären oder innere Bilder… das ist für mich alles miteinander verwoben.

Ich war schon immer eine Gefühls-Synästhetikerin. Das heißt, ich habe zu allem, was geschieht, zu allem, was ich wahrnehme, Bilder, manchmal regelrechte Filme.

Um dem Ganzen aber auch einen rechtlichen Rahmen zu geben, habe ich eine Ausbildung als psychotherapeutische Heilpraktikerin gemacht. Mich hat auch die schulmedizinische Sicht interessiert.

Davor habe ich bei Wolfgang Döbereiner in München 9 Jahre lang Astrologie studiert.

Wie muss man sich die Arbeit einer Schamanin vorstellen, welche Arbeitsfelder gibt es?

Ich sehe mich als moderne Schamanin. Ich brauche das ganze Brimborium drum herum nicht. Und ich bin auch nicht der Typ Frau, der sich in Felle hüllt oder sowas. Das sind ja nur Äußerlichkeiten. Und wir leben in der heutigen Zeit.

Die Leute, die zu mir kommen, haben ganz unterschiedliche Anliegen. Die einen haben regelrechte Odyseen hinter sich an Psychotherapien, die ihnen nicht helfen konnten, andere wiederum haben schwere Erkrankungen, wieder andere haben geliebte Menschen verloren oder haben andere schwere Lebenskrisen. Depressionen, Ängste, spirituelle Krisen… da ist alles dabei.

Ich arbeite mit jedem Klienten, jeder Klientin anders. Es ist immer ganz individuell. Was ich sagen kann, ist, dass ich mich leiten lasse von meinen Helfern, nennen wir das mal so. „Sie“ wissen dann immer, besser als ich es täte, was zu tun ist.

Wie ich arbeite… je nachdem, was die bestmögliche individuelle Methode ist. Ich bringe Klienten dazu, sich an die längst vergessene Situation zu erinnern, die ihrer Symptomatik oder ihres Problems zugrunde liegt. Das ist wie ein Film, dessen Drehbuch man dann schlussendlich umschreibt. Die Gehirnforschung hat ja längst bewiesen, dass Gefühle IMMER echt sind und wirken, selbst wenn wir im Kino sind und wissen, dass es nur ein Film ist.

Wenn jemand erkrankt ist oder unter Mobbing leidet oder was auch immer, liegt dem Ganzen stets eine bestimmte Situation zugrunde, die man zumeist verdrängt hat. Doch dieses Gefühl, das man dabei hatte, das erlebt man wieder und wieder in den unterschiedlichsten Begebenheiten.

Ich lese das morphogenetische Feld aus und kann dort sehen, was los ist. Und was man tun kann, um eine Veränderung herbeizuführen. Manchmal ist es auch besser, schamanisch zu reisen, um mit den Spirits zu verhandeln. Zu erfahren, was man tun kann, was nötig ist. Das kann manchmal auch eine Entschuldigung sein, die vor langer Zeit getanes Unrecht wiedergutmacht.

Also wie Du siehst, gibt es da sehr viele Möglichkeiten. Und jedes Symptom, jeder Mensch und auch jeder Weg zur Heilung ist da ganz individuell.

Gestatte mir eine Doppelfrage: Worin unterscheidest Du Dich von anderen SchamanInnen und wie kann ein spiritueller, Antwort suchender Mensch einen guten Geistarbeiter von einem Scharlatan unterscheiden?

Das ist eine gute Frage! Heutzutage ist es sehr „in“, sich „Schamane“ oder wie auch immer zu nennen. Ich kann nur sagen, dass die Menschen, die ich kennenlernen durfte, die wirklich etwas können, nie laut sind. Es sind immer Menschen, die selbst sehr viel Schweres erlebt haben und Ausstrahlung, Charisma besitzen. Bescheidenheit. Und doch sehr klar sind.

Ich denke Vorsicht ist immer geboten bei Leuten, die anderen ihre Ideologie verkaufen wollen oder solchen, die so wahnsinnig „erleuchtet“ daherkommen. Da bin ich immer ganz schnell weg ^^

„Lilian“ spiegelt zu einem Gutteil Deine Lebensgeschichte wieder. Gibt es schon Ideen für weiteren Romanstoff?

Ja! Eine neue Geschichte voller Farben… und Morbidität ^^

Und eine Sammlung von Kurzgeschichten, die darauf warten, geschrieben zu werden.

Susanne, ich danke Dir für das Gespräch.

Das Interview zeichnete Tristan Rosenkranz auf. Neben Teil 1 des Interviews finden Sie vieles mehr im „Outscapes“-Magazin #9 [Edition Outbird].

Bildnachweis: Maud Susann Unger
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