„„Dilemma Nullzone“ ist die symbolische Darstellung meiner inneren Wirklichkeit: die noch immer zerbombten Häuser, Horden von Ratten…“ – Gerry X im Interview zu „Dilemma Nullzone“

Im Mai 2020 veröffentlichte Gerry X, nach einer selbst für Edition Outbird ungewöhnlich langen Reifephase, seine Novelle „Dilemma Nullzone“, ein Stück Erzählkunst, das herkömmliche Genres sprengt bzw. außer Acht lässt. Ein kleiner Haufen abseitiger Charaktere macht sich auf den Weg, den von Rosa Luxemburg definierten Freiheitsbegriff zu erkunden. Die Erde, wie wir sie kennen, existiert nicht mehr. Folglich rasen sie mit ihrem Gefährt über stinkende Hügel zivilisatorischen Restmülls, im Buch auch „planetarische Restmülldeponie“ genannt.

Gerry, entspricht die von dir beschriebene dystopische und charakterliche Welt in „Dilemma Nullzone“ deiner Innenwelt? Oder einer Vision?

Zunächst … innere Welt? Ich bevorzuge von der „inneren Wirklichkeit“ zu reden. Das Wort Welt, oder genauer: der Begriff Welt impliziert eine Totalität, ein Ganzes, das wir nicht erfahren können. Wir begegnen unserer zerrissenen inneren Wirklichkeit, zugleich von Erfahrungen geschaffen und zugleich diese Erfahrungen formend, gestaltend… Wir sind nur Fetzen der Welt… Lass mich Rimbaud zitieren: „Was kann das Blech dafür, wenn es als Trompete erwacht? Und ICH ist immer ein anderer.“ Insofern ist die je eigene Wirklichkeit dystopisch – ein surrealer Dadaismus. Also … sagen wir… „Dilemma Nullzone“ ist die symbolische Darstellung meiner inneren Wirklichkeit: Köln in meiner Kindheit, die auch noch Ende der sechziger Jahre immer noch vorhandenen zerbombten Häuser – unsere Spielplätze. Und Ratten … Horden von Ratten … das prägt und wirkt prägend… Ach ja! Vision! Da lass ich doch mal Jean Genet zu Wort kommen: „Dichtung ist eine Vision der Welt, die erreicht wird durch eine manchmal erschöpfende Anstrengung des gespannten Willens.“ Also … ich bin das Dilemma…

Ist diese Welt die zwangsläufige Konsequenz der unsrigen oder gibt es noch Hoffnung?

Hoffnung!? Ha! Ich beschäftige mich nicht mit Hoffnungen. Und das Szenario von „Dilemma Nullzone“ ist nicht zwangsläufig… Es könnte schlimmer kommen. Der Kampf des Menschen gegen den Menschen für den Menschen um den Sinn von Freiheit ist noch nicht entschieden. Daher verhalte ich mich hoffnungslos solidarisch, um den Verheerungen des Kapitalismus – die permanente Entwertung von allen und allem – entgegen zu wirken. Vermutlich eine Sisyphos-Aufgabe…

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Du vermagst mit wenigen Worten die eigenwilligsten Figuren zu skizzieren: der grobschlächtige, Helligkeit verachtende, Rattenblut saufende Big Sure, der auf technisches, philosophisches und psychologisches Weltverständnis ausgerichtete Arthur, der versoffene Mojo, der hinter allem und jedem eine Sinfonie zu verstehen sucht, die abgehärmte, resignierte Sonia Raskolnikov auf der Suche nach Godot… Woher nahmst du die Inspiration für diese Figuren?

Hm… Ich mache nie vorweg einen Plan für einen Text – sofern er nicht politischer Art ist. Ich denke es geschieht einfach. Gewiss spielen da viele Faktoren eine Rolle: die permanente Auseinandersetzung mit Literatur und Philosophie, aber auch Politik. Und nach und nach verdichtet sich einfach all das, was man erlebt hat, sei es draußen auf den Straßen, bei der Lektüre bestimmter Texte – sie werden zu Bildern und dann zu Figuren, die dann letztlich die symbolische Reproduktion all dessen darstellen, was die eigene Existenz ausmacht. Es geschieht … und man setzt sich an den Schreibtisch… Es muss raus!

Dein Stoff spielt mit Dostojewskis Sonia ebenso wie mit Godot, um letztlich in den Landwehrkanal und die Ermordung Rosa Luxemburgs, Karl Liebknechts und zahlreicher anderer Widerstandskämpfer zu münden. Wo schließt sich in dieser hoffnungslos verlorenen Welt der Kreis? Was ist die Aussage dahinter?

Ho! Ho! Ho! Ich wollte dem Leser keine ausdrückliche Botschaft vermitteln. Es ist doch so: Erst der Leser vervollständigt den Text … Roman, Prosa usw. Er macht sich ein Bild davon. Ich wollte lediglich daran erinnern, dass auch noch eine andere Freiheit möglich ist, als bloß die hedonistische… Nein! Welche Aussage, Botschaft übermittelte uns James Joyces „Ulysses“?

Du selbst bist ja auch politisch engagiert, sitzt im Stadtrat von Meerbusch. Siehst du deine Arbeit dort als das Erbe Luxemburgs und Liebknechts? Was sind deine politischen Schwerpunktinteressen?

Erbe…? Oh, das würde ich mir nicht anmaßen… Gewiss, ich liebe Rosa. Und daher bedeutet sie auch für mich eine Verpflichtung. Und ich verehre Liebknecht. Nun ja … Meerbusch ist die zweitreichste Stadt von NRW – was die Einkommensverhältnisse der Einwohner betrifft. Insofern war es auch schon eine Leistung der Partei „Die Linke“ Meerbusch, überhaupt in den Stadtrat zu kommen. Es ist auch in dieser Stadt nicht alles Gold, was glänzt… Schwerpunkte sind selbstredend sozialer Wohnungsbau – da haperts ungemein -, städtische Maßnahmen zur Eindämmung der heraufziehenden Klimakatastrophe … Integration usw.… Aber zu meinen wesentlichen politischen Punkten zählt: Die simple Koordinate von Oben und Unten, der Herrschenden und Beherrschten aus den Köpfen zu treiben. Also … die X-Achse deutlich zu machen. Das bedeutet: Demokratie beginnt und endet nicht an der Wahlurne. Demokratie ist ein permanenter Diskurs: Was wollen wir und wie gestalten wir sie, wie lassen wir unseren Willen wirkmächtig werden? Dazu muss man keine Parteimitgliedschaft eingehen. Demokratie … der Wille dazu, was soll sie uns bedeuten, wie wollen wir sie gestalten? Demokratie sollten wir alle sein … und nicht nur an Wahltagen. Ansonsten werden wir die genannten Verwerfungen nicht beseitigen können… Du hast ja gefragt… Ich weiß, ich existiere in Widersprüchen. Ein Nihilist… der für die Demokratie in die Bresche springt…

Deinem Sprachbild kann man sich kaum entziehen. Es wirkt bisweilen, als hätte man die Stimmung einer Hollywooddystopie in Worte gegossen und verweist auf einen Autoren, der nie konform ging mit einer Welt des Mainstreams. Welche Filme, Musikstücke oder Bücher waren für dich oder insbesondere für „Dilemma Nullzone“ Einflussgeber? Was hat dich literarisch inspiriert?

Oh, das ist eine lange Liste… Da wären zu nennen William S. Burroughs, Naked Lunch, Soft Machine, Jean Genet, Notre Dame de Fleur, Alfred Döblin, Berlin Alexanderplatz und James Joyce, die Lyrik von Dylan Thomas. Nur um diese zu nennen… Und Musik? Ja. Frank Zappa, Neil Young, Charly Parker, Miles Davis, und natürlich die Doors, Jim Morrison. Und was Filme betrifft … ich gehe gerne ins Kino, wenn ich es mir leisten kann… Aber besonders beindruckt war ich von dem Film „Dead Man“ von Jim Jarmusch. Den dürfte ich an die hundertmal gesehen haben. Ha … Augenblick! Ich möchte etwas über Sprache sagen. Also Sprache spricht über Sprache, über sich selbst. Wir existieren nur in und durch die Sprache, die Vielzahl der symbolischen Zeichen, deren Bedeutung sich jeweils kontextual verändern, unendlich… Ich wurde oft belächelt wegen meiner Behauptung, die Lyrische Sprache sei exakter als die mathematische Sprache der Naturwissenschaften. …Ein Taubenschwarm im Ellenbogen seiner Verzweiflung nistete… Das nenne ich exakt. Das ist die Realität, die wir in und durch die Sprache erleben. Oh, ich höre besser auf, sonst sitzen wir hier noch stundenlang… „Dilemma Nullzone“ bedeutet die Befürchtung, ja, die ANGST, dass die Zeichen verblassen und letztlich vollends verschwinden. Der Tod der Dichter ist gleichbedeutend mit dem Tod des Universums. Übersteigert!? Was soll’s … es ist so für mich.

Vor einigen Jahren standest du in Jena mit M. Kruppe und Uli Linberg auf der Bühne, M. Kruppe und du mit Headset, Linberg mit Saxophon. Was sich da entfaltete, sprengte alsbald den Begriff Lesung, weil sich eure erschütternden, mahnenden und fesselnden Worte zunehmend in einem surrealen, Burroughs´schen Tosen verloren, einem Teppich aus Klängen, der unter Zuhilfenahme von euch ebenso wie vom Publikum greifbarer Gegenstände anschwoll. Die Veranstaltung war Namensgeber für dein Buch. Könnte man sagen, deine Kunst entwickelt sich weiter, sucht sich neue Kanäle?

Bei dem bisher Geschaffenen stehenzubleiben oder irgendwie fortzuführen ist keine Option. Alles muss anders werden, gestalten und umgestalten, immer neue Ausdrucks- und Darstellungsformen finden, schaffen… Literarisch in Sprache und Stil, Erzählweise und auf der Bühne muss die innere Wirklichkeit greifbar werden. Die Leibseele muss tanzen.

Wann bist Du live zu erleben, gibt es schon geplante Lesungen? Und wird es eine Wiederholung eures Bühnenprogramms „Dilemma Nullzone“ geben?

Gegen Ende August wird die Auftaktlesung in Meerbusch-Osterath in der Kneipe Savanne stattfinden. Zuvor werden wir – Uli und ich – eine Generalprobe auf dem Sommerfest „Die Linke Meerbusch“ auf dem Gehöft eines Genossen und Freundes machen. Aber eine wiedergleiche Tour von „Dilemma Nullzone“ wie 2017 wird es nicht mehr geben. Wir werden unnachgiebiger sein… Danach geht es dann in die Region: Krefeld, Duisburg, Düsseldorf und Köln. Genaue Termine gebe ich dann bekannt… Es ist halt schwierig in pandemischen Zeiten. Ein Video ist derzeit in Arbeit. Aber gewiss ist, dass ich mit meinem Kumpel und Kollege Kruppe wieder auf der Bühne stehen werde. Ich campiere immer noch in Kruppes „Weizenfelder“.

Gerry, ich danke dir für dieses Gespräch.

Null Problemo.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweise: Edition Outbird, Lisa Ginty
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„Inklusiv bedeutet ja nur, die Vielfalt und Heterogenität unserer Gesellschaft als grundlegend wahrzunehmen.“ – Benjamin Schmidt im Interview zu „Schon immer ein Krüppel“

Unlängst erschien in der „Edition Outbird“ mit Buch #33 Benjamin Schmidts neuaufgelegter, aktualisierter Roman „Schon immer ein Krüppel“ (aktuell im Verlagsshop mit gratis Postkartenset erhältlich). Wie der Titel erahnen lässt, handelt es sich um Benjamins ureigene Auseinandersetzung mit dem Tag Null, ab dem er vor der Herausforderung stand, sich als nunmehr Querschnittsgelähmter in dieser Welt zurecht zu finden. In einer Welt, in der plötzlich jede Menge – innere wie äußere – Barrieren auftauchten, von der man als gesunder Mensch oftmals nichts mitbekommt. Möglicherweise, weil man sie ausblendet.

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Benjamin, was war damals der Grund, überhaupt dieses Buch zu schreiben? Ein Ventil? Sensibilisierung?

Während meiner Rehabilitation hatte ich das Gefühl, dass Selbstbetrug für viele eine anerkannte Methode zur Verarbeitung einer Behinderung darstellt. Ich schreibe, wenn ich eine Geschichte habe, und Geschichten hatte ich damals viele. Zu erleben, was ich während dieser Zeit erlebt habe, hat ja nun nicht gerade jeder das Vergnügen. Außerdem war ich oft einsam, hatte viel Zeit zum Nachdenken … besondere Lebensumstände, Einsamkeit und Raum für die eigene Gedankenwelt, wann wäre der Zeitpunkt besser, ein Buch zu schreiben? Warum es gerade dieses Buch werden sollte? Meine Methode, diese besonderen Umstände zu verarbeiten war Selbstreflexion. Ich habe meine Gedanken dazu in dieser Geschichte ein Stück weit offengelegt und nachvollziehbar gemacht. Ich wollte nichts mehr schönreden, dabei aber die Schönheit nicht außer Acht lassen.

„Schon immer ein Krüppel“ in der aktuellen Ausgabe ist ja eine Neuauflage. Was war der Grund, das Buch neuauflegen zu wollen, was hat sich – nicht zuletzt inhaltlich – geändert?

Ich war zur Zeit der Erstveröffentlichung wahnsinnig ambitioniert, aber leider fehlte es mir doch an schriftstellerischer Erfahrung. Ein Lektorat hatte es ja nie gegeben, Self-Publishing eben ohne finanzielle Mittel. Dennoch war das Buch recht erfolgreich und ich habe viel Lob dafür erfahren. Deshalb habe ich das Buch auch nie aufgegeben, obwohl ich es schriftstellerisch über die Jahre eher mit einem milden Lächeln hinnehmen musste. Ich habe viele irrelevante und unnötig in die Länge gezogene Passagen gekürzt oder ganz und gar entfernt, wohingegen ich anderen viel mehr Raum gegeben habe, die in der Erstauflage einfach zu kurz gekommen sind. Viele Kapitel wurden regelrecht neu geschrieben und einfach besser ausgeführt, auf den Punkt gebracht. Viel stärker und tiefer vorhanden sind einfach die Einblicke in das Gefühlsleben des Protagonisten. Es ist ein ganz neues Buch, finde ich, auch wenn der rote Faden der Story an sich natürlich gleich geblieben ist. Und dann sind da natürlich noch die charmanten Verbildlichungen von Franziska Appel.

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„Schon immer ein Krüppel“ hat mich durch seine schonungslose Wiedergabe Deiner Erlebenswelt berührt und lässt erahnen, welche innere Spannungen Du zumindest damals in Dir trugst. Wie kam es zu Deiner inkompletten Querschnittslähmung?

Durch einen versuchten Suizid. Ich finde das Buch auch nicht wirklich schonungslos, es ist einfach ehrlich. Der Humor ist vielleicht manchmal etwas dunkelschwarz, aber in intimen Momenten kann das auch sehr einfühlsam sein. Mich selbst schone ich dabei ja am wenigsten. Meinen Lesern muss ich aber nicht alles in Großbuchstaben entgegenschmettern. Wenn sie also wie du bestimmte Dinge nur erahnen, ist das völlig in Ordnung.

Was genau bedeutet „Inkomplette Querschnittslähmung“? Und hat es einen besonderen Grund, dass das Thema Suizid im Buch gar nicht thematisiert wird?

Wird das Rückenmark „nur“ zum Teil durchtrennt, spricht man von einer inkompletten Querschnittslähmung. Was das nun genau bedeutet, ist sehr unterschiedlich und würde jetzt zu weit führen. Dass das Thema Suizid im Buch gar nicht thematisiert wird, stimmt auch „nur“ in Teilen. Oft kann man das Thema „nur“ schonungslos erahnen, vielmehr geht es um das Leben und was es lebenswert macht. Gerade das kommt in der Neuauflage besser zur Geltung. Der Grund ist aber einfach der, dass ich mich nicht so brutal auf Begriffe wie Behinderung oder Suizid stürzen will. Viel wichtiger ist mir die Auseinandersetzung mit dem Leben, mit sich selbst, natürlich im Kontext eines heranwachsenden jungen Mannes, für den diese Begriffe situationsbedingt verstärkt eine Rolle spielen. Interessant ist ja bei näherer Betrachtung des Inhalts, dass diese Begriffe in fast jedem Leben eine Rolle spielen, je nachdem, wie sie interpretiert werden.

Wie wichtig ist mit Deinem heutigen Erfahrungsschatz Suizidprävention?

Selbstverständlich ungeheuer wichtig. Das Problem ist aber, dass es noch immer ein Tabuthema ist, vor allem, da es in der Wahrnehmung geradezu mit Schuld und Schande beladen wird, und weil es ähnlich wie bei Verkehrsunfällen jeden treffen kann. Das schieben wir oft von uns weg, aber im Grunde ist jeder potentiell gefährdet. Unser System lässt es zu, aber wir alle sind Teil dieses Systems.

Es gab und gibt verschiedene (Buch)Projekte, in die Du involviert warst und bist, neben Franziska Appel auch mit Jennifer Sonntag, die ihrerseits hochengagiert unter anderem immer wieder auf Themen wie Mobbing, Depression und Krisenbewältigung zu sprechen kommt. Wie wichtig ist aus Deiner Sicht inklusive Belletristik? Und wie ist es in dieser Hinsicht um den Buchmarkt bestellt?

Aus meiner Sicht so wichtig wie selbstverständlich. Ich meine, inklusiv bedeutet am Ende ja nur, die Vielfalt und Heterogenität unserer Gesellschaft als ganz natürlich und grundlegend wahrzunehmen, also je nachdem wie du die Frage meinst, dass beispielsweise eben behinderte Autoren oder literarische Figuren mit einer Behinderung keine Abnormität darstellen. Die Erlebniswelt eines Behinderten zu beschreiben, ist ohne Behinderung sicher schwierig und nicht immer glaubwürdig, ich kann aber auch Sichtweisen von „außen“ anerkennen. Es geht ja um Unterhaltungsliteratur, die keine 100%ige Realität abbilden muss, auch gar nicht soll. Genauso befremdlich wäre es, wenn es verpflichtend wäre, diese Hererogenität unserer Gesellschaft in jedem Roman 100%ig abzubilden, oder die Vorstellung, man dürfte als Frau nur noch weibliche und als Mann nur noch männliche Protagonisten erfinden. Also wie war die Frage? Ja, Inklusion, eine gute Sache, auch in der Literatur. Im Hinblick auf den Buchmarkt, denke ich, gäbe es zum Thema Behinderung in seiner Vielfalt aber noch einiges zu erfahren. Belletristik könnte da durchaus geeignet sein, um manche Themenbereiche charmant und unverkrampft ins Geschehen einfließen zu lassen.

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Ich habe mir eines Abends vorzustellen versucht, wie (m)eine Welt aussähe, in der eine wichtige körperliche Funktion abhanden gekommen ist – das Augenlicht oder die uneingeschränkte Bewegungsfähigkeit. Es gelang mir nicht. Wie kann man neu leben lernen nach einem so einschneidenden Schicksalsschlag wie einer Querschnittslähmung, wer hilft einem, an welche Institutionen kann man sich wenden?

Du fühlst dich in der Tat uneingeschränkt bewegungsfähig, in deinem Alter? Kleiner Scherz am Rande… Ach, ich denke, jeder trägt das Päckchen, das er kennt, am liebsten. Ich kannte einen Mann, der sagte mir, er könne sich einfach nicht vorstellen, im Rollstuhl zu sitzen, das wäre furchtbar für ihn. Der Mann war blind. Und ich dachte mir, zum Glück sitze ich nur im Rollstuhl und habe mein Augenlicht noch. Wenn man leben will, arrangiert man sich recht schnell mit den unterschiedlichsten Umständen. Aber um zu deiner Frage zurückzukommen: Mir hat die Bekanntschaft zu Menschen geholfen, die ähnliche Veränderungen durchmachen mussten. Wenn sich die Welt verändert, verändert sie dich. Wenn du dich veränderst, veränderst du die Welt. Philosophie kann sehr hilfreich sein, inspirierende Menschen oder Literatur. Mir hat Kunst ja oft im Leben neue Perspektiven ermöglicht. Der fehlende wirtschaftliche Druck war äußerst heilsam, also nicht immer dieser ständige Gedanke ums Geldverdienen. Aber natürlich spielen auch Freunde und Familie eine große Rolle, einfach Menschen, von denen man sich geliebt und vor allem verstanden und nicht allein gelassen fühlt. Wenn es diesen sozialen Anker nicht gibt, kann therapeutische Hilfe sehr hilfreich und wichtig sein.

Welche Hürden gilt es gesellschaftlich noch zu überwinden hinsichtlich Menschen mit Behinderung? Wie steht es um die Barrieren in unseren Köpfen?

Das ist eine so umfangreiche Frage. Behinderungen fallen so unterschiedlich aus, daher bin ich der Meinung, dass Vorurteile ganz und gar unangebracht sind. Vor allem die Vorurteile um den Wert des Lebens. Zu glauben, das Leben sei weniger wert, weil man als Querschnittsgelähmter nicht mehr alles machen kann, ist wie zu glauben, das Leben als Frau sei weniger wert, weil sich da berufliche Nachteile ergeben und man als Mann eh mehr verdient. Da bemerkt man schnell, das generelle Problem ist einfach die Gleichberechtigung, die Möglichkeit für jeden Menschen, sein Leben selbstbestimmt zu leben, ohne Nachteile, die auf Geschlecht, Hautfarbe, Behinderung oder was weiß ich beruhen. Darauf sollten wir hinarbeiten und wenn diese Arbeit nur an unserer inneren Einstellung und Überzeugung stattfindet, so ist selbst das von Bedeutung. Bei dieser Diskussion sollte es auch kein „Ja-Aber“ geben. Es wird verdammt nochmal Zeit.

Hast Du das Gefühl, dass Bücher wie „Fuck[dis]Ability“ oder „Schon immer ein Krüppel“ etwas bewirken? Bekommst Du entsprechende Feedbacks, beispielsweise von LeserInnen?

Oh ja, das glaube ich schon. Gerade zu den beiden genannten Büchern bekomme ich unglaublich viel positives Feedback – das ist wunderbar und berührend. Erst kürzlich war eine Frau mit Behinderung von unserem Buch „Fuck[dis]Ability“ so gerührt, sie hatte extra ihre Deutschkenntnisse aufgefrischt, um es zu lesen, und fühlte sich dabei so wahrgenommen und bestätigt. Ein großes Lob für Franziska und mich. Und das ist ja nur ein Beispiel. Ich finde, lesen ist nur eine von vielen Möglichkeiten, ein Stück Welt zu entdecken, und manchmal entdecken wir ein Stück uns selbst dabei. Bei „Schon immer ein Krüppel“ und auch „Fuck[dis]Ability“ gab es einige, die diese Erfahrung gemacht und etwas Positives daraus mitgenommen haben. Mehr kann ich mir als Autor nicht wünschen.

Du bist ja in diverse Projekte involviert. Was treibst Du noch und was wird in Zukunft von Dir zu erwarten sein?

Eine gefährliche Frage! Da muss man als Künstler immer vorsichtig sein, da ja sowieso immer alles ganz anders kommt. Aber natürlich schreibe ich an einem neuen Roman, der für nächstes Jahr geplant ist. Auch habe ich noch ein, zwei literarische Liebhaberprojekte, die soweit abgeschlossen sind, wo aber noch unklar ist, auf welchem Wege ich sie veröffentlichen werde. Vor allem, da sie eigentlich Literatur, Musik und Grafik in sich vereinen. Ich arbeite mit Brita an neuen Songs für die „Gruftschlampen“, wir sehnen uns so sehr nach dem Bühnenleben, es ist die Hölle. Vielleicht wird es musikalisch auch noch ein paar Solo-Sachen geben. Ich beschäftige mich gerade wirklich sehr viel mit meiner Kunst, da habe ich einiges aus meinen Schubladen abgestaubt und auf den Weg der Fertigstellung gebracht. Damit bin ich sehr zufrieden, ich war lange nicht mehr so produktiv. Und sobald es wieder möglich ist: Live-Auftritte, unbedingt! Sollte es nicht so bald möglich sein… puh, ich bin offen für Vorschläge. Vielleicht melde ich meine Lesungen dann als Demonstrationen bei den zuständigen örtlichen Behörden an.

Lieber Benjamin, vielen Dank für das Gespräch.

Ich danke dir, lieber Tristan. Bleib tapfer!

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweise: Benjamin Schmidt, Emily Schmidt, Edition Outbird
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„Ich neige dazu, den Text als eine Art Karte zu betrachten, mit Markierungen, auf der sich Gebirge von Bezügen und Einflüssen auftun.“ – René Porschen im Interview zu „Kokon“

Mit „Kokon“ hat der Wahlerfurter René Porschen ein eigenwillig fesselndes Romandebüt jenseits der Genregrenzen veröffentlicht. Wenn man Renés in sich ruhende Art kennenlernt und sich in diesen Stoff einliest, wähnt man sich bald in einer komplexen Anderswelt, in einem organischen Dickicht, einem wimmelnden Mythos, der ob seiner Sprachkraft Faszination auslöst.
Wir wollten mehr von diesem Autoren wissen, der gegenwärtig an seiner Dissertation über Dinosaurier in den Literaturen des 19. und 20. Jahrhunderts arbeitet.

René, Dein Roman „Kokon“ besteht aus einer derartigen Bilddichte, dass man als primäres Gefühl Staunen benennen kann. Man wird in ein Szenario hineingewoben, das einem fremdartigen und zugleich urvertrauten Dschungelmythos gleicht. Unweigerlich stellt sich mir die Frage, wie Dein Innenleben aussieht. Voller eigenwilliger Fantasien?

Ja, hm, erstmal bedanke ich mich für die gleichermaßen bildstarke Beschreibung, weiß aber nicht ganz, wie ich der Frage nun gerecht werden kann. Vielleicht erstmal mit einem „Ja“. Also: Ja, mein geistiges Innenleben ist voller eigenwilliger Fantasien, aber ob sich das so sehr von den Innenleben anderer unterscheidet, weiß ich nicht zu sagen.

Ich halte es überhaupt für unmöglich, die Innenleben einer Person klar definieren zu können. Vielleicht gibt es Eindrücke von Innenleben, die spekulativ entstehen. Dann ist mein Innenleben das, was andere denken wahrzunehmen und in Relation zu eigenen Erfahrungen setzen können. Man sieht mich dann und sagt: So ist der bestimmt. Ich kann aber nur schwer sagen: So bin ich! Dann müsste ich vielleicht sagen, weil das erwartet wird: Ich bin vielschichtig und schweigsam. Und plötzlich mache ich einen anzüglichen Witz und alles stimmt wieder nicht. Von daher kann ich die Frage leider nur mit vielen Gegenfragen beantworten, auf die es vielleicht keine klaren Antworten gibt…

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Wenn Du gebeten würdest, in wenigen Worten die Handlung wiederzugeben und auszusagen, was Dein Buch von anderen unterscheidet, was sein literarisches Aroma ausmacht und welche Inspirationen seitens anderer Werke mitschwingen – was würdest Du antworten?

„Kokon“ ist ja an sich recht handlungsarm, muss ich sagen. Es geht um einen Kokon, ein Überbleibsel einer Metamorphose, ein aufgerissenes Außen, das auf einmal mit etwas konfrontiert ist, das er/sie/es nicht kennt: Leben, Bewusstsein, Fragen und Verzweiflung. Der Rest, oder besser: der Kern der Geschichte ist sprachliche Zerstreuung, Konstruktion, Ablenkung, Abzweigung, Sinnführung, Sinnfindung und Sinnverlust; ein Sprechen von „der Welt“, die der Kokon wahrzunehmen glaubt, und die er versucht, sich be-greif-lich zu machen, ihr Geschichte zu geben.

Um die Frage zu beantworten, welche Werke mich am meisten beeinflusst haben:

Eines der ersten Bücher, das ich las, war „Die unendliche Geschichte“. Ich denke, das Buch hat damals schon diesen Drang nach Eskapismus, auch danach, irgendwie etwas besonderes zu sein, in mir geweckt. Das schreibt sich irgendwie in allen Beschäftigungen fort.

Darüber hinaus ist dieser Eskapismus weiter von Arno Schmidts teils recht experimentellen Texten auch sehr gut bedient worden. Ich lese tatsächlich nicht extensiv oder überdurchschnittlich viel, neige jedoch dazu, den Text selbst als organisiertes – wenn auch manchmal konfuses – System zu betrachten. Als Körper, in dem und mit dem unglaublich spannende Sachen passieren können, die oft widersprüchlich sind wie das Leben außerhalb der Texte. Oder als eine Art Karte, mit Textmarkierungen, auf der sich Gebirge von Bezügen und Einflüssen auftun. Schmidt macht das für mich alles sehr deutlich.

Auch mag ich die Werke H. P. Lovecrafts, der zahlreichen AutorInnen, die ihn beeinflusst und der zahlreichen AutorInnen, die er beeinflusst hat (von Blackwood bis King) recht gerne, halte den Lovecraftschen Kosmos in Fragen schrecklicher Erhabenheit jedoch für ziemlich unübertroffen. Dieser Gedanke, wie unvergleichbar klein der Mensch und all sein Streben ist, tröstet mich oft dort, wo andere zu verzweifeln scheinen – nicht zuletzt, weil damit auch alle Sorgen dahinfahren.

„Kokon“ (und nicht zuletzt ich selbst) bin/ist aber auch von einer Vielzahl von Lektüren beeinflusst, die jetzt nicht so kanonisch daherkommen als dass ich sagen müsste, das muss ich jetzt noch als Gesamtwerk erwähnen. Nicht zuletzt, weil ich die Texte selbst nicht verstanden habe (und ob ich das von den anderen so salopp sagen kann, ist auch fraglich.), diese mich aber dennoch in Form und Sprache sehr fasziniert haben: Elfriede Jelineks „Lust“ gehört dazu. Ich las es, verstand kein Wort, war mir aber sicher, dass ich so was auch machen will.

Zur Zeit lese ich aber hauptsächlich Sachen, die mit meiner Dissertation zu tun haben. Also spekulative Philosophie und Erzählungen, in denen es um Dinosaurier und urzeitliche Welten geht, von Lasswitz` „Homchen“ bis hin zu Crichtons „Jurassic Park“.

H. P. Lovecraft

Du bist Mitglied in der H. P. Lovecraft-Gesellschaft. Was hat Dich dazu bewogen, Mitglied zu werden, was genau macht diese Gesellschaft?

Die Gesellschaft ist überaus ambitioniert. Obwohl sie – meines Wissens nach – ursprünglich aus einem Rollenspielhintergrund heraus entstand, bietet sie doch auch allen, die sich für das literarische Erbe der weird fiction nicht nur Lovecrafts, sondern auch einer Vielzahl anderer AutorInnen interessieren, eine sehr fruchtbare Plattform. Vor nicht allzu langer Zeit hat sie das frei zugängliche Rollenspiel FHTAGN veröffentlicht und fördert zahlreiche freie Kunstprojekte – also Dinge, deren Existenz gerade arg auf der Kippe steht.

Huan Wus Filmprojekt „Die Traumlande“ ist eines hiervon (also, was gefördert wird, nicht, das auf Kippe steht) und bereits sein letzter Film „die Farbe aus dem All“ war ein für mich sehr beeindruckendes Werk. Auch ein Gedichtband ist in Planung und dann gibt es auch einen sehr informationsreichen und professionellen Podcast: „Arkham Insiders“. Ich selbst habe schon die Möglichkeit gehabt, für das Vereinsmagazin „Lovecrafter“ zu schreiben und auch ein wenig an den Ambitionen des Vereins mitzuwirken, eine vielleicht europaweite Vernetzung der LeserInnenschaft und Vereine zu initiieren. Großprojekte, wie die AnRufung gibt es darüber hinaus auch noch. Etc. pp.

Die dLG ist also nicht nur eine Gesellschaft der Leserinnen und Leser, sondern auch eine sehr tätige Gesellschaft, die aktiv und mit viel Enthusiasmus und Verantwortungsbewusstsein im – wenigstens europäischen Rahmen der weird fiction-LeserInnenszene mitwirkt und diese mitgestaltet.

Hauptsächlich wollte ich aber auch etwas machen, das für die weird fiction-Szene, aber mehr noch für mich selbst von Bedeutung ist. Es dauert nicht mehr lange, da nähert sich das Erwachen Cthulhus seinem hundertjährigen Jubiläum. Das kann man alles nachlesen … in den Werken … Der Ruf des Cthulhu…1. März 1925, da gab es ein großes Beben, 47°9´ südliche Breite, 126° 43´ westliche Länge … und wenn es so weit ist, möchte ich nicht tatenlos daneben sitzen…wenn die großen Alten kommen… IÄ!…das Sternengezücht vom Himmel stürzt …Ygnaiih…Ygnaiih …… dann muss etwas getan werden…Geister der Himmel! Erinnert Euch! …XAZTUR IA HUBBUR! KUTULU! KUTULU ZI-KURR! (hüstel) ehm, … das können wir herausstreichen, oder?

Darüber hinaus bin ich Mitglied in der Gesellschaft der Arno Schmidt-Leser. Ich hatte meine MA-Arbeit damals über Schmidts Frühwerk „Schwarze Spiegel“ geschrieben, ein kleiner Auszug hieraus ist als Essay im Jahrbuch 2017/18 veröffentlicht worden. An der Stelle möchte ich mich auch bei den HerausgeberInnen bedanken und allen, die meine ersten offiziellen wissenschaftlichen Gehversuche gestützt haben. Damals habe ich mich so sehr in die sprachpsychologisch, ja fast schon mathematisch genaue Detailverliebtheit des Textes hineingesteigert, mit der Schmidt versuchte, gewisse psychologisch bedingte Assoziationsfelder im Text aufzurufen und offenzulegen, dass ich es schlichtweg als konsequent ansah, bei der G.A.S.L. vorstellig zu werden.

Was hat Dich beeinflusst, ein so ausgeprägtes Interesse für kulturelle und literarische „Zwischenräume“ zu entwickeln?

Tatsächlich weiß ich gar nicht genau, wie ich die Frage beantworten soll, oder ob ich sie in dieser Form adäquat beantworten kann. Sicher gibt es jetzt viele Leserinnen und Leser, die nun einen Satz erwarten, der irgendwie mit „Eigentlich habe ich mich schon immer ….“ beginnt und dann mit dem Eingeständnis endet, dass ich irgendwie so erzogen wurde, viel zu lesen. Von meiner Mutter, meinem Vater oder sonst wem aus der Familie. Das stimmt aber nicht und meine Prägung war dahingehend, glaube ich, eine eher a- wenn nicht gar unliterarische. Das zeigt sich für mich auch heute noch, da ich manchmal recht viel Energie aufbringen muss, um einen neuen Roman o. Ä. zu beginnen.

Vielleicht ist das Kulturelle, um es mal so salopp zu sagen, das Literarische, Poetische, Kreative als Schöpfendes-Konstruierendes für mich ein Medium der Ablenkung, Ausschweifung, der Flucht auch in der Verantwortung gegenüber etwas. Und dieser Eskapismus ist ja nicht notwendigerweise ein literarischer, sondern kann sich auch in apokalyptischen Tag(alb)träumereien, Basteleien (ganz klassisch: mit Händen voller Klebstoff) oder anderen Gelegenheiten äußern, in denen sich mir die Möglichkeit bietet, eigene kleine und große Erzählungen zu irgendwas dazuzudichten oder in Zwischenräume zu quetschen. So glaube ich also, um es klarer zu formulieren, dass es weniger der Konsum oder das Anschauen von kulturellen „Dingen“ oder Phänomenen war, der mich in diese Richtung führte, sondern ein Basteln und Konstruieren, Erzählen und Erklären, das ich … ja … eigentlich schon immer … nein … hauptsächlich nachdem ich Michael Endes „Die unendliche Geschichte“ zum ersten Mal gelesen habe.

Zum Interview mit der Covergrafikerin Franca Bartholomäi: Bitte Bild anklicken.

Und dann stand da die Entscheidung, Literatur zu studieren, im Raum?

Auch hier war’s wohl wieder eine Mischung aus konsequentem Eskapismus auf verschiedensten Ebenen und der Empfehlung eines Literaturdozenten. Ich habe eigentlich, wie so viele andere – denke ich, mit Germanistik begonnen. Aus Ratlosigkeit und der stupiden Annahme, Linguistik und Poststrukturalismus hätten was mit dem zu tun, was man im Abi-Leistungskurs Deutsch macht. Ersteres habe ich gehörig verbockt, aber die Diskurse zur Literaturwissenschaft lagen mir irgendwie.

Was macht Dich bzw. Dein Universum sonst noch aus, gibt’s Bezüge zur Gamerszene, und wenn ja, was reizt dich daran, und welche musikalischen Einflüsse haben Dich am meisten geprägt?

Das ist natürlich eine schwierige Frage – vorausgesetzt ich habe sie nun richtig verstanden, weil diesen ganzen Diskurs, der ein Subjekt oder eine Person auf einen festen Kern an Eigenschaften, Interessen, etc. herunterbrechen möchte, immer etwas kritisch sehe. Obschon ich nicht verneinen kann, dass es gewisse Konstanten in meinem Denken und Handeln gibt, die sich als recht stabil erwiesen haben. Vielleicht ist der oben genannte Zweifel ja paradoxerweise eine solche Konstante: die Überzeugung, als Person oder Subjekt so stark von der Umwelt, dem sozialen Milieu, der eigenen Lektüre, neurologischen Reaktionen auf Bestätigung und Strafe und dem Sich-Einschreiben von Verhaltensweisen in das eigene Selbst beeinflusst zu werden, dass man selbst eher sagen müsste, der Mensch besteht mehr aus Fragmenten dieser Umwelt, als aus etwas, das er ein Selbst bezeichnen möchte, das irgendwie von innen heraus wirkt.

Das macht mich vielleicht aus: Ich glaube eher an Sein als an Seele, an Prozess als an Persönlichkeit, an das Ich als etwas, das ständig neu konstruiert und kombiniert wird und das infolge dessen kein Ich ist, sondern eher ein Phänomen aus Sein. Ich als Antwort auf die Fragen, die ein Du stellt.

Darüber hinaus kann man sicher auch behaupten, dass sich der Drang, alles zu zerdenken, zu analysieren etc. recht durchgängig äußert.

Bezüge zur Gamerszene habe ich nur insoweit als dass ich hin und wieder mit Freunden zocke und bei manchen Spielen mehr als 2000 Spielstunden angesammelt habe. Ich zocke aber meistens allein, bastle mir in Open World Games kleine Erzählungen zusammen, die ich über die Storyline stülpe. Ansonsten gehe ich auch kaum zu entsprechenden Events, wenn überhaupt, und schaue mir nur hin und wieder mal ein Letsplay zur Ablenkung an. An der Szene selbst reizt mich an und für sich nicht viel, abgesehen von Menschen und Spielen, die ich mag. Aber die würde ich auch ohne regelmäßige Events und den Nimbus einer Subkultur mögen.

Bei den Musikern hat mich die Band Marilyn Manson wohl von allen am meisten beeinflusst. Hauptsächlich das Album Holy Wood, das 1999 veröffentlicht wurde. Höre ich zur Zeit auch wieder viel. Damals kam ich auch zur Musik und den der provokativen Antiästhetik seiner Texte innewohnenden kritischen und agnostizistischen Position. Ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass ich das selbstständige Denken und Hinterfragen wohl gerade erst durch diesen rebellischen Duktus entwickelt habe, den ich heute leider irgendwie vermisse. In der Zeit – und auch heute – hörte ich noch viel Papa Roach, Slipknot, Bullet for my Valentine, Linkin Park, Sepultura, etc. und alles, womit man sich irgendwie wie ein weißer, amerikanischer Vorstadtteenager fühlen konnte, der mehr Generation X als „Generation Why“ war und gegen irgendwas rebellieren und seine Enttäuschung über die Welt zum Ausdruck bringen wollte. Später kamen noch diverse J Rock-Bands wie D’espairs Ray und Dir en Grey hinzu. Vielleicht bin ich zu nostalgisch, aber heute finde ich es schwierig, Vergleichbares zu finden. Was eigentlich auch gut ist.

Letzte Frage: Wenn Du eine Wahl hättest, quasi (mit)schöpfen könntest: Wie würde die Welt aussehen, in der Du lebst?

Menschenleer…

Vielen Dank für das Interview.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweise: Tina Wagner, IMDb, Franca Bartholomäi, Lars Petersohn, Edition Outbird
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„Es ist kein Konzert, keine Lesung, keine Ausstellung, sondern ein schwarz-romantischer Kunstsalon.“ – Marina Schreckling im Interview zum „Darkerkant“-Festival

Am 16. und 17. Oktober 2020 findet auf dem Hamburger Museumsschiff „Cap San Diego“ zum nunmehr vierten Mal das „Darkerkant“-Festival statt, ein Fest der dunklen Künste zwischen Musik, Kunst und Literatur. Die Tatsache, dass mit Peter und Klaus Märkert, M. Kruppe und Edek Rose dieses Jahr auch Autoren aus unserem Verlag(sumfeld) teilnehmen, ist Grund genug, die Organisatorin und Veranstalterin Marina Schreckling näher vorzustellen. Für das nachfolgende, von uns aktualisierte Interview bedanken wir uns beim „BadBlack-Unicorn“-Magazin.

Kannst du einige Worte zu deiner Person sagen? Was fasziniert dich an der Darkerkant? Seit wann gibt es dieses Event? Wie aufwändig ist es, eine solche Veranstaltung zu organisieren?

Dann stell ich mich gerne vor, mein Name ist Marina Schreckling, ich komme selber aus der bildenden Kunst und male. Der Fokus meiner Arbeiten ist auf den Mensch gerichtet und den Abgründen der menschlichen Seele, nicht unbedingt mit dem verfeinerten Ästhetizismus, der sich bei Dark Art abbildet, eher mit ironischen Anspielungen. Aber Dark Art ist ein Genre, das mich persönlich sehr anspricht.
Mich selbst fasziniert an der Darkerkant die Zusammenkunft von Künstlern, die sich darauf verstehen, die dunkelsten Gedanken auszudrücken, die provozieren, deren Werke genauso erzählerisch poetisch wie bösartig sind. Darüber hinaus ist es für mich eine sehr spannende und interessante Erfahrung, mit einer Vielzahl von unterschiedlichen und großartigen Künstlern zusammen zu arbeiten.
Darkerkant fand erstmalig 2017 statt und jährt sich jetzt zum vierten Mal.
Hinter die Kulissen geschaut, ist eine Veranstaltung zu organisieren tatsächlich aufwendiger als es scheint. Es geht schon zu Anfang des Jahres los, Musiker und bildende Künstler ins „Boot“ zu holen und über eine öffentliche Ausschreibung die Autoren zu finden. Werbung muss platziert werden, Einladungen verschickt, ect. Es ist immer etwas zu tun, bis Ende August die heiße Phase beginnt und die ankommenden Werke für die Ausstellung vorbereitet werden müssen.

Kannst du kurz das Konzept von Darkerkant beschreiben? Wie bist du darauf gekommen, so ein Event zu organisieren? Wie bist du auf den Gedanken gekommen, Literatur, bildende Kunst und Musik zu verbinden? Haben diese drei Elemente etwas Verbindenes? Hast du vorher schon ähnliche Veranstaltungen als Kuratorin geleitet?

Dazu muss ich etwas ausholen. Die Epoche der Romantik vom Ende des 18. bis ins späte 19. Jahrhundert fand im Schaurigen, im Fantastischen, im dargestellten Unbewussten, der Individualität Motive, die die Grenzen des Verstandes überschritten und einen Kontrapunkt gegen das bloße Nützlichkeitsdenken der Industrialisierung und vermeintlich aufgeklärten Moderne bildeten. Heute in Zeiten der Digitalisierung, Statistiken, Algorithmen, Rankings, des auf die Summe seiner Daten reduzierten Menschen, scheint mir die Romantik sehr aktuell zur Neuaneignung unseres Welt- und Selbstverständnisses zu sein und wird konsequent weitergeführt, aus meiner Sicht, in der Dark Art, die andere, dunkle, uns fremde Seiten beleuchtet.
Die zuvor dagewesene simple Idee, auf einem Schiff eine Ausstellung machen zu wollen, wenn man schon in Hamburg wohnt, entwickelte eine eigene Dynamik, als die Cap San Diego als Ausstellungsort gefunden war. Sie selbst erwies sich als inspirierend und es war klar, dass im Inneren des Schiffsbauches nicht irgendeine, sondern eine Dark Art Ausstellung die einzige zur Magie des Schiffes passende war.
Noch einmal zurückblickend wird als Romantik eine Epoche der Kunstgeschichte bezeichnet, die sich in der Literatur, gefolgt von der bildenden Kunst und in der Musik niederschlug. Sich als grenzüberschreitend verstand, bis hin zur Verschmelzung und Niederlegung der Grenzen zwischen den Künsten und zur Sakralisierung des Werks. Angelehnt an einen aus der Epoche stammenden (schwarz)romantischen Kunstsalon, wird diese „romantische“ Idee aufgegriffen und die Kunstformen stehen auf der Darkerkant gleichberechtigt nebeneinander.
Als Kuratorin hab ich mich selbst nie gesehen, obgleich ich in dieser Funktion eine erste Ausstellung 2016 in Hamburg in der Gallery Mytoro mit dem Titel „Kommunikation“ organisierte.

Cap San Diego im Nebel.

Welche Bedeutung hat der Name Darkerkant?

Es ist ein Wortspiel aus Dark (Art) und Waterkant.

Wie rekrutierst du die KünstlerInnen? Nach welchen Kriterien gehst du da vor?

Bei den bildenden Künstlern sind es diejenigen, deren Arbeiten eine dunkle Stimmung ausdrücken und mich persönlich besonders faszinierten, sei es bei Ausstellungen, an denen ich selbst beteiligt war oder die ich besuchte, sei es durch soziale Medien. Mit diesen Künstlern versuch ich in Kontakt zu kommen, um sie einzuladen. So verhält es sich auch mit den beteiligten Bands. Für die Autoren gab es bislang eine öffentliche Ausschreibung für die Genres Mystery Thriller, Horror und Fantasy.
Kannst du folgenden Satz aus einer vorherigen Infoschrift kurz erörtern? „Einsamkeit, Resignation, Tod, das Surreale bis hin zur Faszination des Bösen wird in pittoresker Manier übersteigert dargestellt, so dass unweigerlich beim Betrachter der Eindruck vom Schaurig-Schönen bleibt.
Einsamkeit, Resignation, Tod, das Böse, alles Begriffe, die nicht für die angenehmen Aspekte des Seins stehen, doch die Totalität der ästhetischen Form lässt den Betrachter Schönheit erkennen, selbst da, wo sie die Darstellung frustrierendster Not gelingend in Szene setzt. Je trauriger und schmerzlicher die Schönheit sich offenbart; um so schaurig–schöner wird das Werk empfunden.

Impression vom 2017er Darkerkant-Festival.

Im Infomaterial stand: „Dark Art ist für ihr Empfinden eine Fortführung der Romantik, genauer gesagt, der dunklen Seite der Romantik.“ Kannst du diese Aussage ein wenig ausführen?

Ich denke, dies lässt sich am besten im direkten Vergleich einiger Merkmale der Romantik mit den Arbeiten der Künstler der Darkerkant anschaulich ausführen. Kennzeichnend für das romantische Weltbild war es u. a., die innersten Beweggründe, die Seinserfahrung von ihrer Bindung an eine zeitlich begrenzte Epoche zu lösen. Diese Aufhebung realer Zeitlichkeit findet man auch in den Arbeiten des aus England stammenden Dark Art Künstlers Roberto Segate. Seine Arbeiten sind selten makellos. Sie sind rauh, einschließlich schmutziger, ungeordneter Elemente und Texturen. Dadurch werden sie in Bezug auf Zeit mehrdeutig und mystisch.
Oder die Tendenz zur Entmaterialisierung, Entrückung, daraus folgend die Sublimierung. Eine experimentelle Verschmelzung von persönlichen gnostischen Idealen, eine Suche nach vergangenem spirituellem Wissen, das eine Vielfalt von Theologien und Ideologien verschmelzen lässt und umfassen kann, wie es in den Werken des amerikanischen Künstlers Shawn Slowburn, Nihil aus Norwegen und Gabriel Vorace Portela aus Frankreich vorzufinden ist.
Ferner sind folgende Kriterien zu nennen, wenn ich auf wenige eigene Werke verweise, die mit ausgestellt sind, Emphase und Gebrochenheit, Tendenz zur Subjektivierung jeglicher Erfahrung, so dass jede künstlerische Aussage als Reflex eines Erlebnisses auf das Subjekt anmutet.

Welche KünstlerInnen sind dieses Jahr noch zu erwarten, wo liegt der Schwerpunkt, welches „Thema“ hat die diesjährige „Darkerkant“?

Das Thema der diesjährigen Darkerkant ist angelehnt an „Dante´s Inferno“. Die Trostlosigkeit der Hölle wird atmosphärisch eingefangen. Isolation und Einsamkeit, möglicherweise eine Form der Vorhölle, die einige durch Covid-19 gerade hautnah erleben, wird besonders in den ausgestellten Werken und der Musik von Fatal Casualties aus Schweden und der Hamburger Band OHcy-êspé verdichtet. Die Entwertung des menschlichen Seins und des Lebens an sich, die Verzerrung des Banalen ins Groteske soll in diesem Jahr zeigen, nichts ist so dark wie die Realität und verweist nicht mit einem ausschließlichen, aber deutlichen Fokus auf Photo- und Digital Art bei den ausgestellten Exponaten z. B. des amerikanischen Photografen Brett J. Lawrence, der Berliner Digital-Art-Künstlerin Jaya Suberg und Gemälden von Werk Lichtgrau aus Lübeck, die auch, wie die gesamten ausgestellten Werke, käuflich zu erwerben sind. Ich möchte an der Stelle einmal sagen, es hat eine etwas größere Realitätsnähe als bei den vorherigen Dark Art Events. Ein Realitätsbezug wird auch in den Texten der Hamburger Band Oberer Totpunkt, die mit an Bord ist, deutlich, sowie in der Rock-Gothic Lesung von Darian Dawn, den literarischen Werken von Valesko Reon und besonders der Autoren der Outbird – Agentur + Verlag für alternative Kultur M. Kruppe, Peter und Klaus Märkert sowie Edek Rose, der bei seiner lyrischen Lesung von dem Hamburger Saxophonisten Kurt Buschmann begleitet wird. Eine Tarkowski-artige irreale Zone erschafft die Filderstädter Künstlerin MaMuk mit ihrer 3D-Installation aus realen Fundstücken.
Um den Geist eines schwarz-romantischen Kunstsalons einzufangen, braucht es natürlich auch eine Prise Romantik, dafür sorgen die Autorin K. M. Parker aus Oldenburg, ein Hauch Steampunk mit der Band Jaana Redflower und der Norddeutsche Maker Horatius Steam mit seinen absolut phantastischen Werken, die wunderbar mit den Zeichnungen des Hamburger Künstlers Ralph G. Kretschmann korrespondieren, sowie die musikalische Einbettung des Events in den Dark-Ambient-Sound des Occult Projects Corona Barathri.

Was kommt beim Publikum am besten an: Literatur, bildende Kunst oder Musik? Oder haben alle Bereiche die gleiche Resonanz?

Bisher hatten die Bereiche die gleiche Resonanz. Oder anders ausgedrückt, durch die drei gleichwertigen Bereiche hatte die Darkerkant eine gute Resonanz. Wie es diesmal sein wird!?! Das kann ich dann im Oktober beantworten…:-D

Warum lohnt es sich auf die Darkerkant zu gehen?

Ich wünschte meine eigene Begeisterung, die ich bzgl. der Künstlerauswahl habe könnte überschwappen. Ich habe die Werke der bildenden Künstler, sowie auszugsweise der Autoren und Bands ja schon gehört und gesehen und kann nur sagen: Es kommt was Großes auf uns zu! Die Werke der Visual Artists haben mich persönlich schon bei der Vorauswahl als jpg´s geflasht, umso mehr freue ich mich, die Originale in Empfang zu nehmen und euch zeigen zu dürfen. Das gleiche gilt für Musiker und Autoren. Ich freu mich sehr drauf. Das besonders lohnenswerte ist natürlich die Atmosphäre des Dark Art-Events. Es ist kein Konzert, keine Lesung, keine Ausstellung, sondern ein schwarz-romantischer Kunstsalon bei dem die Grenzen zwischen Publikum und Künstlern eher fließend sind und ein reger Austausch erwünscht ist. Also … ich finde, man muss es mal erlebt haben…:-D

Möchtest du zum Schluß etwas sagen?

Ich bedanke mich recht herzlich für das Interview und hoffe sehr, dass die Corona – Lockerungen bis zum 16. Und 17. Oktober soweit fortgeschritten sind, dass das Event wie gewohnt stattfinden kann. Bitte ganz fest Däumchen drücken … und dann vorbei kommen! Wir alle freuen uns auf euch!

Vielen Dank für das Interview.

Das Ursprungs-Interview führte Roman Golub vom „BadBlack-Unicorn“-Magazin (aktualisiert durch Tristan Rosenkranz), wir danken ihm für die Freigabe zum/r Abdruck / Wiederverwendung.

Bildnachweise: Privat
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„Es geht mir um existenzielle Grund-Befindlichkeiten: Verlorenheit, Sehnsucht, Geborgenheit, Liebe, Hoffnung und Angst.“ – Franca Bartholomäi im Interview

Bisweilen geraten Bildwerke genau dann in unseren Fokus, wenn ein Buchcover ein Gesicht bekommen soll. So auch bei „Kranz (Letzter Sommer)“, einem Werk der Hallenser Grafikerin Franca Bartholomäi, welches fortan das Cover von René Porschens Roman „Kokon“ ziert – als wäre es dafür geschaffen worden, treffen da doch zwei verspulte Anderswelten aufeinander.

Buch im Verlagsshop: Bitte Cover anklicken.

Die künstlerische Handschrift in Francas Holzstichen beheimatet sich zwischen hoher Symbolhaftigkeit, seltsamen Traumsequenzen und obskuren Chimären, während sich die Matrix, in der wir leben, im düsteren Hintergrund verbirgt. Franca Bartholomäi ist vielfache Preisträgerin, für das „Outscapes“-Magazin wollen wir nun etwas mehr von ihr wissen.

Hallo Franca. Wenn ich mir Deine Arbeiten anschau(t)e, trat bereits zweimal eine verbindende Wirkung zutage: Zum Einen war nichts anderes als „Kranz“ mehr vorstellbar für das Romancover von „Kokon“, zum Anderen glaubte ich mich beim Hören des schottischen Elektronicprojekts „Boards of Canada“ – Zitat WikiPedia: „Der Musik wird eine psychedelische Qualität zugeschrieben, außerdem wird sie oft mit Kindheitserinnerungen und Nostalgie assoziiert“. – direkt in Deine Welten versetzt: verstiegen, ahnungsvoll, ungelöst, etwas düster und endgültig. Leben Deine Werke für sich oder transportierst Du eine Aussage, ein Gefühl mit Deiner Kunst?

Kunstwerke stehen niemals für sich, auch wenn der Künstler, die Künstlerin noch so verschlossen sein mag. Sie treten immer in einen Dialog mit dem Betrachter. Was dieser darin sieht bzw. erkennt, lässt sich bis zu einem gewissen Grade steuern. Oder auch bewusst verunklären.
Ich scheue mich vor allzu plakativen Arbeiten, bei denen auf dem ersten Blick klar ist, hier geht es um dieses oder jenes. Insofern will ich keine Aussage transportieren, aber Gefühle durchaus. Es geht mir um, wenn man so will, existenzielle Grund-Befindlichkeiten: Verlorenheit, Sehnsucht, Geborgenheit, Liebe, Hoffnung und Angst. Und immer wieder um das kindliche Staunen, dass alles so ist, wie es ist. Ein Staunen, das mitunter auch in Grausen umschlagen kann.

Auf „Boards of Canada“ bin ich erst durch Dich aufmerksam geworden. Aber das passt von der Stimmung her ganz gut.
Meine musikalischen Schutzheiligen sind Current 93. Dieses groß angelegte Band-Projekt um den britischen Künstler David Tibet begleitet mich schon seit vielen Jahren und hat meine Arbeit von Anfang an atmosphärisch beeinflusst.

Du selbst sagst, dass Du beim Arbeiten noch immer das kleine Kind bist, welches sich seine eigene Welt erschafft und von Pferden gegen das Böse aus Fernsehern, Lautsprechern und Hausschuhen verteidigt wird. Das wirft die Frage nach dem therapeutischen Gehalt Deines künstlerischen Schaffens auf…

Therapeutisch würde ich es nicht nennen, das klingt so negativ. Das würde ja einen zu behandelnden Defekt voraussetzen.

In meiner Kindheit hatte ich mir eine ausgeprägte, geradezu kosmologische Fantasiewelt aufgebaut, die von Vogelmenschen beherrscht und von Pferden bewacht wurde. Diese empfand ich nie als Flucht oder Kompensationen, so wie ich auch heute meine Kunst nicht als Kompensation empfinde, sondern als lustvolle Erweiterung der Realität.

Ich habe das Kindsein als sehr schön und intensiv erlebt. Nicht immer heile Welt, aber irgendwie wahrhaftig. Den Übergang zum Erwachsenen empfand ich als schmerzlich, er kam zur Unzeit.

Überhaupt die Zeit – bei mir dreht sich alles darum. Die Zeit ist sowohl das Grundthema wie auch die Hauptzutat meiner Arbeiten. Nicht dass ich die Zeit an- oder aufhalten möchte oder dass ich an ihrem Vergehen verzweifle, nein, ich möchte sie einfach nur ein bisschen verlangsamen. Die Technik des Holzschnitts schafft an sich schon eine gewisse Entschleunigung. Aber ich stelle die Platten zwischendurch immer auch weg. Diese Pausen sind notwendig, sie sind ein Teil meiner Arbeitsweise, um den Blick stets frisch zu halten.
So gesehen ist es vielleicht eine Therapie im gnostischen Sinne: Ich versuche die Welt, die ich oft als ungerecht und sinnentleert empfinde, für mich im Kleinen zu ordnen und mit Bedeutung zu erfüllen.

Wenn Du aus einer nahezu ausnahmslos doppelbödigen Welt heraus Deine Werke ersinnst, schaffst und vorstellst, wie gut versteht der Betrachter die religiösen oder mythologischen Zusammenhänge und kunstgeschichtlichen Anleihen? Fühlst Du Dich verstanden oder gibst Du die Deutungshoheiten – beispielsweise bei Vernissagen – an den Betrachter ab?

Ich habe nicht den Anspruch „verstanden“ zu werden, jedenfalls nicht in einer Weise, wie das bei Texten, respektive Gebrauchstexten, der Fall ist. Bilder sprechen ihre eigene Sprache, die sich nur unzulänglich in Worte übertragen lässt. Das „Verstehen“ funktioniert eher auf einer emotionalen, stimmungsmäßigen Ebene, über Erinnerungen und Assoziationen. Das ist natürlich abhängig vom kulturellen Hintergrund des Betrachters, ich meine, ob die Querverweise, die ich einbaue, überhaupt als solche erkannt werden. Manchmal gebe ich einen kleinen Wink durch die Wahl des Titels – wie z.B. bei dem großen Holzschnitt „IRRLICHTER (Die Versuchung)“ von 2019, was natürlich auf die Versuchung des Hl. Antonius anspielt, ein gängiges Motiv des (späten) Mittelalters, Stichwort Hieronymos Bosch oder Matthias Grünewald. Damals war die Heimsuchung von Teufeln und Dämonen noch etwas sehr Reales. Heute vielleicht auch. Aber die Teufel und Dämonen sind andere.

„Irrlichter (Die Versuchung)“

Mich persönlich fasziniert der Spannungsbogen, auf dem Deine Kunst sich bewegt. Du sagst, vieles in Deinen Arbeiten lässt sich besser erklären und hinsichtlich der Rätselhaftigkeit einordnen, wenn man weiß, dass Du die Musik von Current 93 sehr magst, ihre rätselhaften Texte und ihren Mix aus rührender Zartheit und mitunter brutaler Rauigkeit, klassischen und experimentellen Elementen. Auf der anderen Seite gab es unter anderem Ankäufe für die Kunstsammlung des Deutschen Bundestages. Bist Du – gewissermaßen – eine Wandlerin zwischen den Welten?

Das klingt lustig, wenn man das so in einem Atemzug nennt. Wie kommt man von Current 93 zum Bundestag? – Das sind natürlich zweierlei Ebenen. Current 93 ist für mich eine wichtige Inspirationsquelle, ein Teil der Sphäre, aus der meine Bilder kommen. Das andere ist die profane Berufspraxis, die Welt, in die meine Bilder gehen. Hätte mich David Tibet gefragt, ob ich mal mit ihm auszustellen möchte, dann hätte ich das natürlich auch gern gemacht. Aber man muss halt nehmen, was man kriegt (zwinker, zwinker).

„Wandlerin zwischen den Welten“ trifft es dennoch sehr gut. Nicht nur bezogen auf den genannten Aspekt. Mich interessieren (scheinbar) unvereinbare Extreme und das, was dazwischen vielleicht doch möglich ist – mit ein bisschen Fantasie bzw. hinter dem Schleier der oberflächlichen Wahrnehmung, also der Zwischenzustand zwischen Kind und Erwachsenem, zwischen Mensch und Tier, zwischen Mann und Frau.

Dass die meisten Deiner Werke ihren Ursprung in Deiner Kindheit haben, heißt im Umkehrschluss, dass Du ein starkes Erinnerungsvermögen daran besitzt?

Absolut! Und manchmal ist das auch ein Fluch. Bei mir funktioniert die Löschfunktion nicht. Mein Kopf ist voller zum Teil uralter Bilder und Eindrücke, die irgendwie immer mitlaufen. Aber letztlich ist das auch der Fundus, aus dem ich schöpfe. Ich hatte wie schon gesagt als Kind eine überbordende Fantasiewelt, die ich mit der Begeisterung einer „Seherin“ aufzeichnete. Von dieser „Offenbarung“ zehre ich noch heute.

Doch wenn ich Einkaufen gehe, zweifle ich manchmal an meinem Erinnerungsvermögen! Nicht selten vergesse ich genau das, weswegen ich eigentlich losgegangen bin.

Woher kommt die ausgeprägte psychedelische Note? Bisweilen glaubt man sich ja ähnlich unheilschwanger fasziniert wie von Sequenzen eines David Lynch-Films.

Ich empfinde meine Arbeiten nicht als unheilschwanger. Die Reduktion auf Schwarz-weiß lässt sie ein bisschen spröde und verschlossen wirken. Sie sind eben nicht bunt, sie biedern sich nicht an. Auf irgendeine Weise finde ich sie sogar witzig. Oft muss ich schmunzeln, wenn ich arbeite. Aber Kafka soll ja seine Texte, die auf die meisten Leser düster und beklemmend wirken, auch lustig gefunden haben.

„Die Träume der weißen Katze (Marcs Katze)“

Für mich spielen Träume eine große Rolle. Seit meiner Jugend führe ich Traumtagebuch. Die spezielle Bildsprache der Nachtträume hat meine Arbeiten stark beeinflusst, dieser anarchische Mix aus nachvollziehbaren und völlig schrägen Elementen.

Für Dich stand ziemlich früh fest, dass Du etwas mit Kunst machen oder Tierärztin werden willst. Letztlich hast Du Dich gegen Tierärztin entschieden…

…weil ich niemals ein Tier aufschneiden könnte, auch nicht für dessen Heilung. Also dann doch lieber Kunst. Anfangs war nicht ganz klar, welche Richtung: Malerei, Plastik oder etwas Angewandtes? Ich begann in Halle an der Burg Giebichenstein Glas/Keramik-Design zu studieren, merkte aber bald, dass aus mir nie und nimmer eine Designerin werden würde. Schon nach einem Semester wechselte ich in den Fachbereich Glas der Fakultät Kunst. Dort machte ich meinen ersten Holzschnitt und merkte sofort, das ist es! Das ist meine ureigene Sprache, nach der ich immer gesucht habe, woraufhin ich nach einem weiteren Semester in die Druckgrafik wechselte.

Verschiedene KünstlerInnen aus dem Umfeld unseres Verlages haben an der Burg Giebichenstein studiert, auch Tobias Gellscheid und Christoph Liedtke. Ist Halle eine sehr aufgeschlossene Stadt? Wirkt sich die Burg Giebichenstein nicht zwangsläufig als starker Motivator auf die Stadt oder gar Region aus?

Die beiden Kollegen kenne ich natürlich und schätze sie sehr. Tobi hat wie ich Druckgrafik bei Prof. Thomas Rug studiert.
Verglichen mit anderen Kunstmetropolen wie Berlin oder Leipzig ist Halle eher ruhig, um es mal ganz vorsichtig auszudrücken. Das kann man als Manko sehen, aber auch als Pluspunkt: Überschaubar, aber gediegen. In Halle gibt es keine echten, kommerziellen Galerien. Deshalb fehlt der wirtschaftliche Drive. Aber auch das hat seine guten Seiten. Es gibt viele ambitionierte Projekte von Künstlern für Künstler. Inhalt und Qualität steht im Vordergrund. Last but not least ist Halle, eben weil nicht dieses permanente Überangebot an Veranstaltungen lockt und brodelt, ein guter Ort zum konzentrierten Arbeiten.

Welche Funktion und Auswirkung haben Stipendien wie das der Kunststiftung des Landes Sachsen-Anhalt für den Weg eines Künstlers?

Stipendien und Preise sind für die meisten Künstler ein wichtiges finanzielles Standbein, neben Verkäufen und einem kleinen Job, bestenfalls einem Lehrauftrag.
Zudem sind die Aufenthaltsstipendien wie das fürs ICSP in New York oder fürs Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf eine großartige Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen und Ideen auszutauschen. Aber so schön das auch ist, es hat auch Schattenseiten. Zumindest für mich. Ich kam irgendwann mit dem ewigen Unterwegssein nicht mehr zurecht. Es tat mir nicht gut. Mein Arbeit litt darunter, weil ich vielleicht doch ein bisschen mehr Ruhe brauche als andere. Aber das ist sicher etwas sehr persönliches. Grundsätzlich ist es gut und wichtig, dass es solche Begegnungsstätten gibt.

„Sonnenblume“

Wo siehst Du Dich und Deine Kunst in zehn Jahren?

Schwierige Frage. Man sagt Künstlern zwar eine prophetische Gabe nach, aber hellsehen kann ich leider nicht. Oder zum Glück. Wenn ich zurückblicke auf die letzten 20 – 25 Jahre, dann ist mein Schaffen von großer Kontinuität geprägt: Ich habe immer Holzschnitt gemacht, immer schwarz-weiß, immer figürlich-gegenständlich. Es gab Phasen, da war die Formensprache etwas expressiver, mal war sie comicartiger. Aber die Grundstimmung war immer die gleiche. In den letzten zwei-drei Jahren habe ich die Holzplatten mitunter nicht mehr gedruckt, sondern als Unikat, quasi Relief belassen. Kann sein, dass ich das in Zukunft noch stärker ausbaue – oder den dezenten Einsatz von Farben. Wobei Schwarz und Weiß jedoch immer dominant bleiben sollen bzw. werden.

Trotz einiger Erfolge, machen wir uns nichts vor, bin ich keine von den ganz Großen. Ich habe noch immer keine Galerie gefunden, die mich am Kunstmarkt vertritt, und meine Werke haben es noch nicht in die einschlägigen Sammlungen und Museen geschafft. Ich glaube nicht, dass es in Zukunft leichter wird.

Schon seit einer Weile beobachte ich eine zunehmende Fokussierung auf digitale Medien, im Alltag wie in der Kunst. Bedingt durch die Corona-Pandemie hat dieser Trend hin zu berührungslosen, „cleanen“ Ausdrucksformen sogar noch mal an Auftrieb gewonnen. Schwer zu sagen, was das für Künstler und Künstlerinnen bedeutet, die in den traditionellen Techniken zu Hause sind. Kann sein, dass man unfreiwillig in eine altmodisch-verstaubte Ecke geschoben wird, kann aber auch sein, dass dadurch der Gegenstand Bild oder Druckgrafik eine ganz neue, quasi rebellische Aufwertung erfährt.

Letzte Frage: Wie schätzt Du neben den allzu bekannten Risiken der derzeitigen Corona-Krise die Chancen ein, dass damit etwas Bereinigendes, Neuordnendes einher gehen könnte? Wie gefährdet ist die Welt freischaffender KünstlerInnen, welche Hilfen existieren?

Im Moment sehe ich vor allem die Probleme! Ich hätte im Mai in Leipzig zum Wave-Gothic-Treffen ausstellen sollen. Das war schon lange ein „Herzenswunsch“ von mir, gewissermaßen „back to the roots“. Aber das WGT wurde, soweit ich weiß, abgesagt, die Ausstellung auch – wie überhaupt viele Projekte, die jetzt einfach geplatzt sind oder auf der Kippe stehen. Die Unsicherheit ist belastend.

Dass man mal drei Monate nichts einnimmt, ist für einen Künstler nichts Ungewöhnliches. Das ist die Realität. Ich versuche so zu „wirtschaften“, dass ich das abfedern kann. Stichwort Sparsamkeit. Aber was, wenn die Krise länger anhält? Denn wo wird immer zu erst gespart? An der Kultur.

Die von der Politik zur Verfügung gestellten Hilfen sehe ich eher kritisch. Zum einen weil sie ausdrücklich keine Kompensation der ausgefallenen Einnahmen darstellen, sondern lediglich der Liquiditätserhaltung dienen sollen. Für viele mag das lebensrettend sein, aber es ist realitätsfern.
Und letztlich ist jede Hilfe auch eine Form der Abhängigkeit. Wenn man das Kleingedruckte liest (falls man das Bürokratendeutsch überhaupt versteht), kann einem Angst und Bange werden. Für mich (und für viele andere Freiberufler wahrscheinlich auch) ist die Selbständigkeit mehr als nur eine Berufsform. Sie ist eine Lebensphilosophie. Die Situation müsste schon absolut ausweglos sein, bevor ich mich von einem Amt abhängig mache.

Die Chance könnte jetzt darin liegen, dass endlich ein Bewusstsein (und eine Wertschätzung) dafür geschaffen wird, wie Solo-Selbständige arbeiten und leben. Jahrelang wurden Ich-AG und Existenzgründung gefördert, um die Arbeitslosenzahlen zu drücken. Diese kleinen Ein-Mann- bzw. Ein-Frau-Unternehmen, zu denen letztlich auch freischaffende Künstler zählen, arbeiten in der Regel hart und leben am Limit, aber sie liegen dem Gemeinwesen nicht auf der Tasche. Mit Erschrecken stelle ich immer wieder fest, dass normale Angestellte – so auch unsere Behörden – überhaupt keine Vorstellung davon haben, wie ein solches Leben funktioniert und mit welchen Zahlen da hantiert wird.

Aber ich fürchte, durch die Corona-Krise gewinnen unselige Trends an Fahrt, die sich schon seit Längerem angedeuten und die ein Leben abseits des gesellschaftlichen bzw. wirtschaftlichen Mainstreams immer schwieriger machen – Stichwort Digitalisierung, Abschaffung des Bargelds, Handy-Überwachung und solche Dinge. Bis hin zum eben beklagten Siegeszug der neuen Medien in der Kunst. – Eigentlich wollte ich nicht so pessimistisch enden! Irgendwie wird es schon weitergehen – und wahrscheinlich nicht viel anders als bisher: Nicht immer leicht, aber irgendwie.

Vielen Dank für das Interview!

Das Interview führte Tristan Rosenkranz. Zur Website der Künstlerin bitte hier entlang.

Bildnachweise: Franca Bartholomäi, Lars Petersohn, Edition Outbird
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„Was mich an Tätowierungen faszinierte, war vermutlich die Aura des Unangepassten und Rebellischen.“ – Dirk-Boris Rödel im Interview zu „Liber Thanatamor“

Dirk-Boris Rödel, 1969er Baujahr, ist eine illustre Persönlichkeit. Als jahrelanger Chefredakteur des TätowierMagazins und profunder Kenner der japanischen Tätowierkunst ist er tief in der Tätowierszene verankert und veröffentlichte mehrere Fachbücher. Er praktiziert als Hexer, stellt in Handarbeit Amulette her, ist Dudelsackspieler und Whiskyliebhaber und hat nun unlängst seinen magischen Erzählband „Liber Thanatamor“ bei Edition Outbird veröffentlicht.

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Hallo Dirk-Boris, schön, Dich zum Interview begrüßen zu können. Du bist in Deiner Tätigkeit als Redakteur und Kulturwissenschaftler weit gereist, hast Fachbücher zur japanischen Tätowierkunst veröffentlicht und warst Chefredakteur des TätowierMagazins. Wenn man Deine Verbundenheit zur Tätowierkunst sieht, stellt sich unweigerlich die Frage, was Dich so früh in Deinem Leben dafür begeistert hat.

Was mich genau an Tätowierungen faszinierte, kann ich gar nicht so genau sagen. Vermutlich war es die Aura des Unangepassten und Rebellischen, Aufmüpfigen. Die ersten Tattoos, die ich bewusst zur Kenntnis genommen hatte, waren die der Mitglieder einer Motorradrocker-Gang aus meinem Heimatort, »Ghost on Wheels«, oder etwas später auch die Tätowierungen der australischen Hardrock-Band »Rose Tattoo«. Meine erste Tätowierung ließ ich mir denn auch im Hinterzimmer einer Rockerkneipe stechen. Für mich war die Verbindung zwischen Tattoos und der Rockerszene immer sehr spannend.

Hing Deine Entscheidung, neben Kulturwissenschaft auch Japanologie zu studieren, mit Deinem Interesse an der Tätowierkunst zusammen? Letzten Endes hat das Interesse für Tattoos ja dann auch Deine Berufswahl geprägt…

Das Interesse für Japan entstand eigentlich zunächst aus meiner Begeisterung für Kampfkunst heraus. Ich betrieb als Jugendlicher Karate und Taekwondo, mit 19 begann ich dann Ninjutsu zu erlernen und reiste dafür Ende der 80er Jahre mehrmals nach Japan, wo ich von Dr. Masaaki Hatsumi, dem 36. Großmeister des Togakure Ryu Ninjutsu, meinen Schwarzgurt verliehen bekam. Während einer dieser Trainingsreisen stieß ich mehr durch Zufall darauf, dass es in Japan eine traditionelle Tätowierkunst gab, über die im Westen zu dieser Zeit praktisch nichts bekannt war.

Als ich dann kurz darauf begann, Japanologie zu studieren und einen einjährigen Studienaufenthalt an der Doshisha Universität in Kyoto absolvierte, nutzte ich das Studienjahr, um Recherchen zu meiner Magisterarbeit im Fach Japanologie über die Entwicklung der japanischen Tätowierkunst durchzuführen. Ich hatte dazu zahlreiche traditionell arbeitende Tätowiermeister in Yokohama, Osaka und Tokyo besucht und viele von ihnen erstmals interviewt sowie Bibliotheken nach den spärlichen Informationen über diese traditionelle japanische Volkskunst durchforstet. Die Magisterarbeit wurde später unter dem Titel »Alles über japanische Tätowierungen« beim Arun-Verlag veröffentlicht.

Als ich dann 1995 aus Japan zurück kam, bot ich dem damals gerade eben gegründeten TätowierMagazin an, einen Artikel über diese Tätowiertradition zu schreiben. 
Die Redaktion war natürlich froh, dass ich aus diesem Bereich fundierte Informationen beisteuern konnte, und relativ rasch weitete ich mein Betätigungsfeld aus und berichtete im TätowierMagazin in Folge auch über verschiedene Tattoo-Messen, Tätowierkünstler und historische Aspekte der westlichen Tätowierkultur. 
Im Jahr 1999, noch bevor ich meine Magisterarbeit beendet hatte, wurde ich Redakteur beim TätowierMagazin, und bereits anderthalb Jahre später Chefredakteur. Insgesamt war ich 18 Jahre lang im Huber-Verlag angestellt. Vor zweieinhalb Jahren verließ ich den Verlag, bin aber weiterhin, wie zu Anfang, als freier Mitarbeiter für das TätowierMagazin, aber auch für andere internationale Tattoo-Zeitschriften wie das britische Total Tattoo oder das italienische Tattoo Life tätig und moderiere Tattoo-Conventions im In- und Ausland.

Als Redakteur und späterer Chefredakteur konntest Du ja schon an so einigen Lebensstationen teilhaben. Wieviel Einfluss hatte und hat diese Arbeit auf Dein Leben, welche Möglichkeiten eröffneten sich Dir dadurch?

Die Arbeit beim TätowierMagazin ermöglichte es mir, viel zu reisen, so besuchte ich beispielsweise jährlich die Tattoo-Conventions in Barcelona oder auch Edinburgh und wurde mehrmals als Preisrichter zur renommierten Tattoo-Messe in Shanghai eingeladen. 
Und die Arbeit beim TätowierMagazin brachte mich auch oftmals in die glückliche Situation, Helden meiner Jugend treffen zu können.

Doktor Mark Benecke interviewte Dich vor einigen Jahren, Du wiederum trafst im Laufe Deines Lebens immer wieder auch mit einigen Schwergewichten der Musik- und Rockerszene zusammen.

Mit Mark bin ich seit vielen Jahren gut befreundet, er ist eine der vielen faszinierenden Persönlichkeiten, die ich durch meine Arbeit beim TätowierMagazin kennen lernen durfte. Ich führte beispielsweise aber auch Interviews mit Angry Anderson und Pete Wells, dem Sänger und dem Bassisten der legendären australischen Rockband »Rose Tattoo«, die ich ja schon erwähnt hatte und die mit ihren Tätowierungen bei mir bereits im Teenageralter die Begeisterung für diese Kunst geweckt hatten, oder auch mit Steve Harris, Gründer und Bassist von »Iron Maiden«, die ich schon als Mofa-Rocker mit 15 Jahren vergöttert hatte. Von Motörhead-Frontmann Lemmy ließ ich mir nach einem Konzert in Stuttgart backstage das Porträt signieren, das ich als Tattoo auf der Wade trage, und habe nun unter seinem tätowierten Porträt auch Lemmys tätowiertes Autogramm. Auf einer Tattoo-Convention in Edinburgh traf ich Queen-Schlagzeuger Roger-Taylor, den ich beinahe gar nicht erkannt hätte, erst meine Fotografin machte mich auf ihn aufmerksam. 
Für die ebenfalls beim Huber-Verlag erscheinende Rocker-Zeitschrift »Bikers News« konnte ich vor ungefähr 17 Jahren ein Interview mit Sonny Barger führen, dem legendären Mitglied der Hells Angels, der damals gerade seine Biografie veröffentlicht hatte; eine interessante Persönlichkeit, denn Barger war derjenige, der ab den späten 50er Jahren die Hells Angels zu einem der weltweit größten Rockerclubs aufbaute.

Wie kommen solche Begegnungen zustande, wie kann man sich diese Gespräche vorstellen? Gerade Dein Interview mit Sonny Barger im Zuge seiner damals veröffentlichten Biographie wurde ja von Mitgliedern der Hells Angels flankiert. Oder Lemmy – sind solche Musikgrößen „leichte“ Interviewpartner oder muss man sich da auf die ein oder andere Herausforderung einstellen?

Zum größten Teil waren das einfach ganz normale Interviewsituationen. Es war ja auch für das TätowierMagazin sehr interessant, wenn Rockstars über ihre Tattoo-Erfahrungen sprachen, und natürlich hatten gerade Leute wie Pete Wells und Angry Anderson da viel zu erzählen und zu zeigen. Bei Steve Harris, das gebe ich zu, hatte ich eine Ausnahme gemacht; seine Tattoos waren lausig und kaum noch zu erkennen, da hatte ich einfach meine Stellung als Chefredakteur einer Tattoo-Zeitschrift ausgenutzt, um einen Helden meiner Jugend zu treffen, obwohl ich wusste, dass seine Tattoos völliger Schrott waren, das ignorierte ich da einfach. Dennoch hatte er sehr kurzweilige Geschichten und Anekdoten zu erzählen, die das Ganze wieder auffingen. Rockstars haben sich immer sehr gefreut, wenn jemand sie mal nicht nach ihrem letzten Album oder ihrem Tourneen befragten, oft habe ich gehört, dass ich der erste sei, der sie auch mal nach ihren Tätowierungen gefragt hätte.

Eines Deiner prägendsten Studienfächer an der Uni Tübingen war Empirische Kulturwissenschaft, Zitat der Uni zum Profil: „Empirische Kulturwissenschaft untersucht Phänomene der Alltagskultur in gegenwartsbezogener und historischer Perspektive. Beide Sichtweisen dienen dazu, die kulturelle Ordnung und Dynamik moderner Gesellschaften zu analysieren und zu interpretieren.“ Und in der Praxis, wie beeinflusste dieses Studienfach Deinen Weg? Und was beeinflusste Dich außerdem? Du bist praktizierender Hexer, stellst Amulette her, beispielsweise aus Materialien wie Mooreiche, Geweih, Bernstein, Mammutelfenbein oder auch mal Flusskiesel.

Während ich mein Wissen und meine Kenntnisse aus meinem Studium der Japanologie heute kaum noch einsetzen kann, verfolge ich einen Bereich aus meinem zweiten Studienhauptfach, der Empirischen Kulturwissenschaft, auch heute noch. Im Fach EKW beschäftigte ich mich insbesondere mit den volkskundlichen Aspekten von Magie, Hexenkunst und Zauberei und habe bedingt durch dieses Studienfach einen weniger esoterischen, sondern mehr akademisch geprägten Blick auf Magie und ähnliche Grenzbereiche.

Wie funktionieren Schamanismus und Hexerei, wie kann man die Wirkung von Amuletten und Magie beschreiben?

Mich beschäftigte immer schon diese Frage, warum Praktiken, die nach allgemeiner Einschätzung in unserer Gesellschaft als wirkungslos oder unsinnig erachtet werden, sich in auffällig ähnlicher Weise über Jahrtausende hinweg bei nahezu allen Kulturen der Erde erhalten haben. Daher untersuchte ich, ob und wenn ja wie Magie funktioniert und konnte dazu im Laufe der Jahre interessante Beobachtungen und Erkenntnisse sammeln. Ich konnte erkennen, auf welche Art magische Praktiken und Rituale tatsächlich funktionieren und wirken, auch wenn sich meine Auffassung von Zauberei grundlegend von der Vorstellung unterscheidet, wie man sie beispielsweise bei Harry Potter findet. Mittelalterliche Segens- und Zaubersprüche, Amulette oder magische Symbole sind tatsächlich unter bestimmten Voraussetzungen wirksam und können durchaus erstaunliche Effekte haben, jedoch hat die Wirkung keine paranormalen, übersinnlichen oder außerweltlichen Ursachen, sondern liegt zum größten Teil in psychologischen, kulturellen und sozialen Zusammenhängen begründet. Insofern könnte man »meine« Art der Hexerei auch als »rationale Magie« bezeichnen, da sich deren Wirkung völlig rational und nachvollziehbar erklären lässt, ohne auf nicht-wissenschaftliche, paranormale Hilfskonstrukte zurückgreifen zu müssen. 
Auch die Seite des modernen Hexentums, die sich weniger mit magischen Praktiken befasst sondern bei der es eher um Selbsterkenntnis und auch Selbstbewusstwerdung geht, interessiert mich sehr, vor allem da ich darin interessanterweise sehr viele Parallelen ausgerechnet zur antiken Philosophie-Schule der Stoiker wie Epiktet, Seneca und Marc Aurel erkenne. 
In beiden Bereichen, sowohl in der praktischen Magie wie auch bei der mehr auf die eigene Entwicklung bezogenen Aspekte moderner Hexenkultur, macht es mir Spaß, aufzuzeigen, dass man echte Wirkungen und Ergebnisse aus alten Überlieferungen, Praktiken und Ritualen ziehen kann.

Wie kann man als Außenstehender die Unterschiede erkennen, die ohne Zweifel zwischen der magischen Arbeit von Schamanen und Hexe(r)n einerseits und der Scharlatanerie und all den selbsternannten Gurus in der Esoterik liegen?

Im Zweifelsfall mit gesundem Menschenverstand. Ich sehe das allerdings nicht als meine Aufgabe an, das für andere auseinander zu dividieren, und hab da auch keinerlei missionarischen Eifer, Menschen vor falschen Propheten zu bewahren. Ich mach meins und habe meine Ansichten und Ideen zu Magie, und wenn jemand sich dafür interessiert, wird er sich an mich wenden und dann erkläre ich das auch gern. Wenn es keinen interessiert, ist es mir auch recht. Aber ich fühle nicht mal im Ansatz das Bedürfnis, mich an diesen Glaubenskriegen zu beteiligen, die da teilweise stattfinden, und da als Aufklärer tätig zu werden. Das ist nicht meine Baustelle; also wenn jemand tausend Euro für einen obskuren Wasser-Energetisierer bezahlen möchte, darf er das von mir aus gern tun.

Stichwort „Magie“: Sind die Texte in Deinem unlängst erschienenen und vom fantastischen Holger Much gestalteten Erzählband „Liber Thanatamor“ über die Jahre, quasi begleitend zu Deiner Arbeit als Hexer, entstanden oder entstand das Manuskript im Zuge einiger abgeschotteter Wochen schriftstellerischer Arbeit?

Die Entstehung der Geschichten und Texte ist ganz heterogen. Texte wie »Die Hexe« oder auch der titelgebende Text »Liber Thanatamor – Das Buch von Tod und Liebe« aus dem Kapitel »Visionen« entstanden tatsächlich auch genau so – wie eine Vision. Sie geben zwar auf sehr vielen Ebenen meine Auffassung von Magie wieder, aber ich habe mir diese Texte nicht aktiv ausgedacht, sie waren einfach irgendwann in meinem Kopf, haben sich irgendwann durch verschiedenste Einflüsse, Ideen, Überlegungen und Erkenntnisse plötzlich zu einem Text verdichtet, den ich nur noch aufschreiben musste. Auch in anderen Texten spiegelt sich meine Vorstellung von Magie wieder, in »Der Waldmann und die Vogelscheuche« geht es beispielsweise um Naturverbundenheit, die für mich untrennbar mit Magie zusammen hängt. »Die schwarze Göttin vom Moor« ist stark beeinflusst von einer neolithischen Göttinnenstatue im National Museum of Edinburgh, eine unglaublich ausdrucksstarke Figur, die mich völlig fasziniert und die ich jedesmal besuche, wenn ich in Schottland bin. »Gjöll« behandelt eine Schlüsselstelle aus dem Nibelungenlied, das mich schon als Kind faszinierte, und in dieser Geschichte stelle ich die Überlegung an, inwieweit die Urheber dieser Erzählung bei der Stelle, an der die Burgunder mit einer Fähre über die Donau übersetzen, ganz archaische Vorstellungen von einem Fährmann über den Totenfluss als Vorbild gehabt haben könnten. Das ist eine Stelle im ansonsten sehr christlich geprägten Nibelungenlied, an dem plötzlich ganz deutlich alte, heidnische Fragmente durchschimmerrn, und das wollte ich mit dieser Geschichte deutlicher heraus stellen. »Erlkönigs Tochter« ist ganz einfach eine moderne Interpretation der Ballade von Johann Gottfried von Herder (nicht der von Goethe), da hab ich noch nicht mal den Titel geändert. »Die Kekshexe« ist eine tiefe Verneigung vor Otfried Preußler, dessen »kleine Hexe« da natürlich Pate stand. Preußlers Interesse für Übernatürliches und die Anderswelt kommt ja in seinen Kinderbüchern wie »Die kleine Hexe«, «Das kleine Gespenst« oder »Der kleine Wassermann« sehr deutlich zum Ausdruck, und sein Magnum Opus, »Krabat«, ist wahrscheinlich mit das Beste zum Thema Magie, was man lesen kann (man darf nur auf gar keinen Fall den entsetzlich miserablen Film ansehen). Seine Bücher haben mich sehr geprägt. Die Idee zur »Moppelfee«, einem dicklichen Kobold mit Berliner Dialekt, der als Fee Sozialstunden ableisten muss, hatte ich schließlich ganz einfach, als ich vor einer Zugfahrt nach Berlin am Bahnhof eine Postkarte mit einem pummeligen Einhorn sah.

Was macht Dein Buch so besonders, was macht es aus, wodurch hebt es sich vom weitreichenden Markt der Fantastik ab?

Das weiß ich gar nicht, darüber mache ich mir eigentlich auch gar keine Gedanken. Ich schreibe einfach, was mir in den Sinn kommt, es gibt da keinen Filter und auch keinen Plan, nichts wo ich mich bewusst einreihen, und nichts, wovon ich mich absichtlich abgrenzen möchte.

Letzte Frage: Wie wird man offizieller Dudelsackspieler der schottischen Clan MacGregor Society und was macht diese Gesellschaft aus?

Die Clan MacGregor Society ist eine Gesellschaft, die sich die Dokumentation der Geschichte des Clan MacGregor zur Aufgabe gemacht hat. Der berühmteste Vertreter des Clans war Rob Roy MacGregor, der »schottische Robin Hood«, den man ja auch aus dem Film mit Liam Neeson kennt. Die Clan MacGregor Society wurde 1822 gegründet und hält alljährlich ein Clantreffen im kleinen Örtchen Kilin im Stammland der MacGregors ab, zu dem MacGregors oder andere Angehörige des Clans aus der ganzen Welt anreisen; vor einigen Jahren nahm zum Beispiel auch die Mutter des Schauspielers Ewan McGregor an einem dieser Treffen teil. Als vor einigen Jahren der bisherige Clan-Piper verstarb, ergab es der Zufall, dass Mitglieder der Society mich baten, diese Aufgabe zu übernehmen, denn die Zugehörigkeit zum Clan und die Tätigkeit für die Society bedarf keiner Blutsverwandtschaft. Das ist natürlich schon eine enorme Ehre, und wenn ich dann am Sonntag des Clantreffens nach dem Gottesdienst in strömendem Regen am Grab von Rob Roy spiele, bekomme ich selber Gänsehaut. Das ist ein Erlebnis, das man mit keinem Geld der Welt bezahlen kann.

Vielen Dank für das Interview.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweise: Tobias Kircher, Edition Outbird
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„In Deutschland tut man sich mit Lyrik besonders schwer.“ – Christopher Sappok im Interview zu „Bunker“

Christopher Sappok, Ende der Sechzigerjahre geboren, ist Dozent für Sprachwissenschaften an der Universität Köln. Bei der Lektüre seines unlängst in der Edition Outbird erschienenen Buches „Bunker“ sieht man sich unweigerlich mit der Frage konfrontiert, was für ein Typ Mensch so ein Uni-Dozent für Sprachwissenschaften ist und welche Ambitionen hinter diesem…ja, was eigentlich?…steckt.

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Christopher, es ist schön, Dich und dieses illustre Werk „Bunker“ in unserem Verlag beheimatet zu wissen. Obwohl (oder weil?) es Fragen aufwirft. Aber zunächst einmal die ein oder andere Frage zu Deinem Forschungsfeld. Wie lässt sich die Notwendigkeit der Forschung an der Kommasetzung dem Normalbürger erklären? Was ist der Unterschied zwischen Literatur- und Sprachwissenschaften? Und welcher Weg hat Dich in dieses Wirkungsfeld gebracht?

Ach Tristan, lass mich bloß mit der Kommasetzung in Ruhe (lacht). Das war das Thema meiner Doktorarbeit, kommen wir vielleicht später noch drauf. „Bunker“ war das Gegenprogramm dazu. Der Titel bezieht sich übrigens nicht auf ein Gebäude, sondern auf eine Person, die so hieß.

Du bezeichnest „Bunker“ als „Anti-Doktorarbeit“, die über lange Jahre heranreifte. Als bloße Lyrik ist es zu sehr Bühnenstück, als Roman ist es zu sehr Versform, vor allem aber scheint die schnoddrige Sprache vor dem Hintergrund einer abgedreht-psychedelischen Freundschaft zwischen allen Stühlen irgendwelcher Subkulturen zu sitzen. Was also genau ist „Bunker“? Und weshalb „Anti-Doktorarbeit“?

Ich geb’ es zu: In Wirklichkeit ist es in erster Linie ein Bühnenstück. Ich würde mich ja totfreuen, wenn es mal irgendwo uraufgeführt würde. Aber zu deiner eigentlichen Frage:

Ich erinner‘ mich, in den Achtzigern gab es mal einen Song von men at work, der hieß Dr. Heckyll and Mr. Jive. Das bringt es super auf den Punkt. Dr. Heckyll ist Doktorarbeit, Mr. Jive ist Anti-Doktorarbeit. An „Bunker“ habe ich eigentlich immer nur nachts gearbeitet.

Was dabei rausgekommen ist? Nun, am meisten Arbeit waren die Rhymes: 200 Strophen abababcc, immer schön clean. Das soll mir mal einer nachmachen! Ist ne Challenge zum Beispiel an all die Songwriter da draußen, und damit mein ich auch und vor allem die Millionäre unter ihnen (lacht).

Nee, jetzt mal im Ernst: Ich wollte, eigentlich wie jeder, einfach mal was Neues machen. Und das ist dabei herausgekommen.

Die Sache mit der Freundschaft, die du ansprichst, das ist ne lustige Geschichte: Ich fand ja immer Günter Netzer und Gerhard Delling so toll, wie der ganze Fußball in den Hintergrund trat und die eigentliche Gaudi dieses mehr oder weniger subtile Anpflaumen bei den beiden war. Das war es, was ich versucht habe aufzugreifen in der Art und Weise, wie meine Hauptfiguren Artie B. und der Nerd miteinander umgehen. Das ist wahrscheinlich auch das, was du mit „schnoddriger Sprache“ meinst.

War und ist das Buch eine persönliche Spielwiese, ein Experiment? Und was genau war oder ist Deine Intention mit dem im Dezember erschienenen Buch?

Das war die ursprüngliche Intention: Krieg ich das hin, mal wieder einen echten Versroman zu schreiben, nach all den wirklich vielen Jahren, die es das auf Deutsch nicht mehr gegeben hat? Damit fing es an. Dazu kam dann das Experiment, das nur mit Dialog zu machen. Rhymes und Dialog, das sollte unter einen Hut gebracht werden und unter die Haut gehen! Die Story war erstmal nur Nebensache.

Thema Verkäuflichkeit. Hauke von Grimm brachte mir vor zahlreichen Jahren mal das geflügelte Wort „Lyrik ist schwyrig“ entgegen, manch ein Sprachforscher hingegen meint die heilende Wirkung von Gedichten auf Körper, Geist und Seele nachgewiesen zu haben. In meiner Schulzeit wurden die schönsten Stücke bis zum Erbrechen in ihre Moleküle zerlegt, dennoch ist sie bis heute ein besonderes, ein auf eigene Art tragendes Element der Literatur. Was ist Lyrik für Dich?

Stimmt schon. In Deutschland tut man sich mit Lyrik besonders schwer. Da gibt’s einmal etwas, das ich mit der gebotenen Vorsicht mal als bildungsbürgerliche Salonlyrik bezeichnen würde. Und halt auch noch das, was wir mal Underground- oder Alternative-Lyrik nennen wollen. Und beide sind sich irgendwie einig, dass Reimen irgendwie nicht high-end ist, irgendwie unzeitgemäß. Das ist wirklich so! Und dann gibt’s da halt auch noch Hiphop und überhaupt die ganze Songtextkultur. Da spielen Rhymes eine Riesenrolle, aber das ist hierzulande irgendwie entkoppelt vom Lyrikbegriff.

Bei „Bunker“ hatte ich immer schon die Befürchtung, dass ich zwischen den Stühlen landen würde. Den Salons sind die Dialoge zu krass, zu sehr lässt da der Tatort grüßen, dem Underground sind Versmaß und Reime suspekt, zu sehr lässt da der Deutschunterricht grüßen. Aber ich hab meinen Frieden damit gemacht. Das ist alles nur Ballast, von dem man sich freimachen muss.

Was ist, in Kürze, die Message des Buches? Und was hat das alles mit Dir zu tun? 😉

Nun ja, inhaltlich hab ich mir keinen Zwang angetan. Ich bin jetzt mal ehrlich: Reim-dich-oder-ich-fress-dich. Dieses ganze Reimformat ist immer auch irgendwie sowas wie so eine Art Rohrschachtest. Du holst da aus deinem mehr oder weniger bewussten Geschichtenschatz einfach das Beste von dem raus, was sich anbietet, während du da so tüftelst. Das kann manchmal ganz schön witzig werden, wenn ich das mal versprechen darf. Message gibt es natürlich auch, aber das will ich hier echt nich’ so einfach spoilern. Wie der Titel schon sagt, es geht um die Dunkle Seite der Siebziger, das ist es, was mich umgetrieben hat…

Ansonsten soll da jeder rauslesen, was er will. Was die Rolle der Drogen angeht oder die Rolle des Surfens oder die Rolle der Hölle, wenn ich das noch kurz zur Sprache bringen darf: Was manchen Leuten womöglich irgendwie falsch aufstoßen wird, ist dass es da auf den ersten Blick andauernd nur um Surfermachismo zu gehen scheint und Drogen und um den Teufel und seine Spießgesellen… Hallo!? Sex, Drugs, Gangstershit. Ich mein, darum geht es doch andauernd, und das nicht erst seit gestern.

Und wer bist Du – abgesehen von LSD und Surfcracks in „Bunker“ – sonst noch?

Jenseits von meiner „Literatur“, meinst du? In erster Linie Familienvater, muss ich mal sagen. Meine vier Kinder sind aktuell 21, 19, 12 und 9 Jahre alt. Das ist zusammen mehr, als ich Jahre zähle (lacht).

Und sonst? Brauche ich es, unterwegs zu sein. Das war schon immer so. Für mein nächstes Buch knöpfe ich mir vielleicht mal meine Aufzeichnungen wieder vor, die ich bei einer Reise nach Afghanistan im Jahr 2002 gemacht habe. Das war schon nicht ohne Grund, dass ich damals da hingefahren bin.

… was schon wieder nach Stoff für ein Folgeinterview klingt… Vielen Dank für das Interview.

Danke auch!

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweis: Edition Outbird, Anton Sappok
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„Sexualität ist so vielfältig und wandelbar wie die Menschen selbst.“ – Interview mit F. Appel & B. Schmidt zu „Fuck[dis]Ability“

Zum Ende des turbulenten Jahres 2019 erschien druckfrisch Benjamin Schmidts und Franziska Appels neues Buch „Fuck[dis]Ability“. Ein Stück freie Literatur in Form eines Erzählbandes über die Vielfalt körperlicher Beziehungsformen, Gleichberechtigung und Individualität. Als erotische Unterhaltungsliteratur über Sexualität und verschiedene Behinderungen, die dabei aber ganz ohne Moralpredigten oder verstümmelte Aufklärungsversuche auskommt, betritt „Fuck[dis]Ability“ eine längst überfällige Nische auf dem Buchmarkt.

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Beide, Benjamin Schmidt wie auch Franziska Appel, traten schon bei anderen Buchprojekten der „Edition Outbird“ in Erscheinung: Benjamin Schmidt gemeinsam mit dem „Umbra et Imago“-Sänger Mozart im Erwachsenenmärchen „Seelenübertritt“ sowie mit seinem Lyrikband „Fick die Musen“, Franziska Appel als Illustratorin von Jennifer SonntagsSeroquälmärchen“ und damit einer ins Märchenhafte transformierten Erlebenswelt doppelter Ausgrenzung einer blinden Frau in einer psychiatrischen Einrichtung.

Hallo Ihr beiden. Ihr beide engagiert Euch seit Langem in künstlerischen Projekten, die sich Themen wie Inklusion und dem Aufbrechen überholter Denk- und Wahrnehmungsgewohnheiten widmen. Welche Erfahrungen im Leben haben diese hohe Begeisterung in Euch für diese Arbeit entstehen lassen?

Benjamin: Mein Bezug zu dem Thema ist klar. Seit meinem Selbstmordversuch vor etwa 11 Jahren sitze ich selbst im Rollstuhl, wodurch sich mir gewisse Problematiken ja geradezu aufdrängten. Ich durfte aber auch daran wachsen und habe viele beeindruckende und interessante Menschen kennenlernen dürfen, die eben zu einer Gruppe gehören, die in unserer Gesellschaft doch eher ausgegrenzt werden. Nicht überall, aber es gibt großen Aufklärungsbedarf und warum sich nicht dafür einsetzen? Berührungsängste überwinden und Denkbarrieren abtragen ist immer eine gute Sache.

Franziska: In meiner Verwandtschaft gibt es verschiedene Behinderungen. Beispielsweise haben zwei meiner Cousins Glasknochen und ein Onkel ist Stomaträger. Damit bin ich aufgewachsen und das hat vermutlich einige Berührungsängste bei mir erst gar nicht entstehen lassen. Mein Lebensgefährte ist sehbehindert und durch diese Beziehung, aber auch den gemeinsamen Freundeskreis, bekomme ich viele der Barrieren und Probleme durch überholte Denk- und Wahrnehmungsmuster mit. Über einige Ecken lernte ich dann auch Jennifer Sonntag kennen. Sie war es, die mir irgendwann Benjamins Buch „Schon immer ein Krüppel“ in die Hand gedrückt hat. Und dieses Buch hat mich unwahrscheinlich bewegt. Ich habe mich selber vor ein paar Jahren bei einem Reitunfall an der Wirbelsäule verletzt. Diese sind glücklicherweise weitgehend folgenlos verheilt, aber vermutlich ist mir dadurch sehr stark bewusst, wie schmal dieser Grad zwischen „normal“ und behindert sein kann. Es ist sehr wahrscheinlich, dass uns alle Themen wie gesellschaftliche Teilhabe und Barrierefreiheit irgendwann im Leben mal sehr direkt betreffen können.

Wie findet man wieder Lebensmut und die Kraft, das Leben wieder anzupacken, wenn man einen solchen Schicksalsschlag erlebt hat?

Benjamin: Ich denke, diese Frage stellt sich jedem von uns jeden Tag nach dem erwachen, auch ohne Schicksalsschlag. Aber darauf jetzt wirklich fundiert zu antworten, würde den Rahmen sprengen. Ich hänge aber gerne einen Link zu dem Podcast „UNTENDURCH“ von Dirk Bernemann und Fabio La Delia an. Die beiden haben mich im November zu einem Gespräch eingeladen, in dem wir dieses spezielle Thema sehr eingehend diskutieren. Die Folge ist unter diesem Link zu finden.

Im Bild mit Frank Jänsch.

Ach und wenn ich schon mal dabei bin: Der Podcast ist sehr zu empfehlen! Wie gute Gespräche mit Freunden, sehr sympathisch, sehr inspirierend.

Franziska, Du entwickelst Deine künstlerischen Arbeiten beständig weiter und betreust – beispielsweise – Ausstellungsprojekte zum Thema Inklusion, Benjamin, Du schreibst und bist in musikalische Projekte involviert. Wer sind Eure wichtigsten musikalischen, literarischen und künstlerischen EinflussgeberInnen?

Franziska: Auch wenn man das bei den aktuellen Illustrationen wohl eher nicht vermutet, mag ich vor allem die Farbigkeit der expressionistischen Malerei. Allen voran Franz Mark und seine ausdrucksstarken Tiermotive. Ebenso haben mich die weniger bekannten Bilder von Ringelnatz beeindruckt, da sie eine spannende Mischung zwischen expressionistisch und surreal bieten, wenn ich da mal nicht die Stilrichtungen durcheinanderbringe. Aber ebenso schaue ich mir sehr gerne Fotografien an oder beobachte Menschen. Und dabei faszinieren mich oft gerade die Details, die eine Person erst spannend machen: Ein besonders ausdrucksstarker Blick, eine sehr dynamische Art zu gestikulieren oder eben auch ein auffälliges Gangbild. Dabei sind für mich Kategorien wie „schön“, „ästhetisch“ oder „erotisch“ oder deren Gegenteile erstmal nebensächlich. Und irgendwann kann ich dann die ein oder andere dieser Beobachtungen in ein Bild einfließen lassen…

Benjamin: Ach herrje, der wichtigste Einflussgeber ist wohl das Leben in all seinen Facetten und wenn es in einsameren Momenten nachwirkt. Inspiration findet sich aber natürlich auch in Kunst aller Art. Und um dir dann doch ein paar Namen zu nennen: Ich denke da an die Bilder von Leo Rumerstorfer, der sich nicht hinter seinem unglaublichen Talent versteckt und immer wieder Experimente wagt. Ich denke an Brita, meine Bandkollegin, die unserer Musik fernab der genretypischen Paradigmen ihren eigenwilligen Charme verleiht. Ich denke an Ingo Munz, der in seinen Büchern so couragiert Stellung bezieht und unseren Zeitgeist reflektiert. Du siehst, natürlich gibt es Einflüsse, in meinem Falle ganz offensichtlich Hieronymus Bosch, H. P. Lovecraft, Bauhaus und Joy Division, ich könnte unzählige Künstler aufzählen, die mich auf verschiedenste Art begeistern. Aber mehr über meine Kunst habe ich in einer Woche Tour mit M. Kruppe und Michael Schweßinger lernen können oder während der Arbeit an „Fuck[dis]Ability“ mit Franzi.

Apropos, was hat euch beide bewogen, ein gemeinsames Werk zu veröffentlichen? War der Schwerpunkt „Erotik“ von Anfang an da oder kam diese Entscheidung mit der Zeit?

Benjamin: Zunächst gab es da ein gemeinsames Interesse an erotischer Kunst, insbesondere Literatur in Verbindung mit Illustrationen. Ich hatte da noch zwei Geschichten in der Schublade – dass Franzi Bilder malt, war mir bekannt – also dachte ich: Warum nicht mal versuchen? Unsere Vision war es, Diversität in sexuellen Beziehungen abzubilden und auch in den verschiedensten Vorlieben, Körperformen und Persönlichkeiten darzustellen. Alles Stereotypische langweilte uns. Auch mit der Gestaltung wollten wir andere Wege gehen. Auf dem Cover sieht man zum Beispiel Franzis Arbeitstisch und eine halbfertige Zeichnung. Das finde ich sehr spannend und ist für mich ein Sinnbild der Erotik, die eben nicht als perfekte Büste auf einem Sockel steht und die man dann bewundern kann. Das Cover ist eine Andeutung, das Bild entsteht erst noch, manches im Augenblick nur als Kontur wahrnehmbar, hie und da gibt es ein paar Flecken, Unsauberkeiten und egal wie oft man ein Bild malt, es wird nie dasselbe werden…

Franziska: …und meiner Ungeduld war es dann geschuldet, dass es nicht nur beim Malen blieb. Statt weiterhin Ewigkeiten zu warten, bis Benjamin endlich mit der nächsten Kurzgeschichte fertig war, kamen mir selber Ideen, die ich Benjamin vorschlug. „Schreib doch einfach auf“, war seine Antwort und das tat ich dann auch.

Benjamin: Ich brauche manchmal etwas länger für alles und als Franzi dann mit einer Story kam, gefiel mir der Gedanke auch eine weibliche Erlebniswelt mit in das Buch einfließen zu lassen. Natürlich schlüpft man beim Schreiben auch in die ein oder andere Rolle, aber so ist es natürlich viel authentischer, abwechslungsreicher und mir gefallen Franzis Texte ausgesprochen gut. Wir wollten zuerst gar nicht unsere Namen unter die Texte setzen, um offen zu lassen, welcher von einer Frau, welcher von einem Mann geschrieben wurde, aber kann es sein, dass ich abschweife?

Franziska: Nein, eigentlich schweifst du nicht ab, denn die Diversität von Sexualität und die Vielfalt von Körpern darzustellen war ja von Anfang an unser Ansinnen. Da ist so ein Austausch von verschiedenen Perspektiven enorm bereichernd. Uns unterscheidet nicht nur das Geschlecht. Wir sind zwei unterschiedliche Menschen mit ganz unterschiedlichen Wahrnehmungen und Vorlieben. Was uns bei diesem Projekt vereint ist die Neugier am Erleben von Erotik und Sexualität bei ganz unterschiedlichen Voraussetzungen. Vor allem eben bei ganz unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen. Wir wollten beide diesen Schritt weiter gehen: Über die Funktionalität eines Körpers hinaus hin zum Erleben, hin zur Phantasie, zum Experimentieren mit den gegebenen Möglichkeiten. Denn genau da, wo man sich einfach drauf einlässt, verliert die körperliche Funktionsfähigkeit ihre Relevanz; eine Behinderung wird zur Randnotiz.

Wie wichtig ist euch Erotik in der Kunst? Ist dieses Thema nicht in letzter Zeit etwas überstrapaziert worden oder habt ihr das Gefühl, „Sexualität“ ist immer noch ein Tabuthema in unserer Gesellschaft?

Franziska: Es gibt noch immer Bereiche die wenig wahrgenommen werden. Andere wiederum erfahren eine völlige Überzeichnung. Ich denke, da würde ein bisschen Ausgleich guttun. Davon abgesehen sind Sexualität und Erotik eine so essentielle Triebfeder der Menschen, dass dieses Thema wohl nie an Spannung verlieren wird – weder auf individueller noch auf gesellschaftlicher Ebene. Sexualität ist so vielfältig und wandelbar wie die Menschen selbst. Wenn dabei dann noch verschiedene Personen zusammenkommen – was beim Sex ja durchaus nicht ungewöhnlich ist – potenzieren sich diese Möglichkeiten nochmals.

Benjamin: Überzeichnet trifft es ganz gut, denke ich. Ein Tabuthema ist es natürlich nicht, aber es wird meiner Ansicht nach sehr unilateral behandelt, zu plastisch. Und diese Überstrapazierung des Körperlichen beeinflusst uns natürlich, formt unsere sexuelle Wahrnehmung. Es ist schwer, sie selbst zu entdecken und unbefangen zu erkunden, wenn wir von allen Seiten, sei es durch Medien oder Mitmenschen, nur ein sehr engstirniges Bild von Sexualität suggeriert bekommen. Es ist eben sehr oberflächlich und das empfinde ich schon als Verlust im menschlichen Miteinander.

Bei welchen Projekten habt Ihr bislang mitgewirkt bzw. wirkt Ihr mit, wer sind Eure PartnerInnen?

Franziska: Mit den Ausstellungsprojekten kommt da eine ganze Menge zusammen. Darum beschränke ich mich hier mal auf die Bücher. Wie du anfangs schon erwähnt hast, habe ich die Illustrationen für das „Seroquälmärchen“ von Jennifer Sonntag angefertigt. Ebenfalls aus einer Kooperation mit Jennifer und ihren Partner Dirk Rotzsch ist ein Beitrag entstanden, bei dem es darum geht, wie blinde und sehbehinderte Menschen erotische Bilderwelten wahrnehmen. Dieser ist im Oktober letzten Jahres im erotischen Jahrbuch „Mein heimliches Auge“ beim konkursbuch-Verlag erschienen. Im Frühsommer 2020 erscheint zudem bei Springer der Erfahrungsband „Mutterschaft und Wissenschaft. – Die (Un)Vereinbarkeit von Mutterbild und wissenschaftlicher Tätigkeit“, wo ich als Autorin und diesmal sogar ganz ohne Illustrationen beteiligt bin. Es geht dabei um Rollenbilder und den wissenschaftlich-gesellschaftlichen Diskurs zur Pränataldiagnostik, bzw. genetischer Optimierung, der mich stark beschäftigt hat, da die Behinderung meines Partners erblich ist.

Benjamin: An Jennifers „Seroquälmärchen“ habe ich ebenfalls als Grafiker mitgewirkt, wie ich auch einige Cover der Edition Outbird entworfen habe, aber es geht hier sicherlich um ein künstlerisches Wirken? Puh, hier muss ich wirklich mal eine Antwort verweigern, zu viele Projekte, immer viel zu viele…

In euren Notizen zum Interview habt ihr beide Ursula Egglis „Herz im Korsett“. Seht ihr in diesem Themenfeld literarischer Aufarbeitung psychischer oder physischer Behinderung ein bisheriges Brachland?

Benjamin: Es kommt eben immer darauf an, wie. Aufarbeitungen gibt es ziemlich viele, aber wenig überzeugende. An Ursula Eggli gefiel mir die ungehemmte Ehrlichkeit, die so natürlich rüberkommt. Ihre Schreibe ist einfach so bescheiden offenherzig, das finde ich gut.

Franziska: Neben Literatur gibt es noch einige gute andere Formate wie Blogs, Podcasts etc. Es gibt da eine ganze Reihe an spannenden Menschen und Formaten, die in diesem Themenbereich sehr aktiv sind: Raul Krauthausen, Kübra Sekin, Ypsilon, 100percentme, PsychCast, sexabled, … Solche Formate bieten vor allem in Bezug auf Barrierefreiheit einige Vorteile gegenüber einem gedruckten Buch und sind so für Menschen mit den verschiedensten Behinderungen zugänglich. Sie sind aber auch Leuten zu empfehlen, die sich mit dieser Thematik bisher noch nicht intensiver auseinandergesetzt haben, da viele grundlegende Fragen aufgegriffen werden.

Ihr erlebt den Alltag mit Behinderung aus verschiedenen Perspektiven. Was ist gut und woran mangelt es? Und vor allem: Wo seht Ihr die Möglichkeiten, die Mängel zu überwinden?

Franziska: Mir werden am häufigsten die Barrieren in den Köpfen bewusst. Sobald Menschen erfahren, dass ich eine Beziehung mit einem schwerbehinderten Partner führe, werden sie mir und uns sehr deutlich. Oft wird davon ausgegangen, dass ich ihm sehr viel helfen und unterstützen muss und er ohne meine Hilfe im Alltag und mit den Kindern nicht zurechtkommen würde. Das es auch genau anders herum sein kann, nämlich dass ich meine wissenschaftliche Karriere und meine künstlerischen Projekte ohne seine Unterstützung gar nicht in diesem Maße verfolgen könnte, das ist für einige wohl unvorstellbar. Aber genau das bedeutet doch Inklusion. Ein Miteinander auf Augenhöhe, von dem alle Beteiligten etwas haben. Ich denke, essentiell sind dafür gegenseitige Toleranz und Achtung, ergänzt um das notwendige Maß an Gelassenheit und Friedfertigkeit, die allerdings nicht Gleichgültigkeit oder Ignoranz bedeuten. Außerdem mehr aufrichtige (An)Teilnahme und Interesse, die allerdings nicht Voyeurismus und Mitleid sind. Vielleicht lässt sich so ein größeres Maß an Nähe, Menschlichkeit und Zuneigung, fernab von Egoismus, Eifersucht und Instrumentalisierung erreichen. Und bei Diskursen würde uns allen wohl etwas mehr Reflektiertheit und außerdem ein Humor, der auch Selbstironie umfasst, guttun.

Benjamin: In Bezug auf Behinderung kann ich diese Frage gar nicht beantworten. Die Behinderung als solche hat Vor- und Nachteile im Alltag. Aber es mangelt definitiv an Selbstreflektion und das obwohl wir alle so in unseren Ich-Welten gefangen sind. Daran kann man wirklich verzweifeln, diese schon physisch wahrnehmbare Unzufriedenheit überall, gepaart mit dem Unmut, einmal seinen Kokon zu durchbrechen und etwas Neues zuzulassen. Das geht auch auf den Sex… von Liebe will ich gar nicht erst anfangen. Ach, man müsste einfach lieben können, aber wer kommt damit noch zurecht? Fuck, so können wir nicht enden, oder? Franzi, noch ein paar Schlussworte? Es ist noch früh am Morgen, da brauche ich immer ein paar Stunden, um mich mit der Welt zu versöhnen.

Franziska: Das liegt einfach daran, dass du Kaffee verabscheust… Ich fand eigentlich „man müsste einfach lieben können“ ein sehr schönes Schlusswort. Denn darum geht es doch am Ende: Wenn wir unseren Mitmenschen, aber auch uns selbst einfach mit ein bisschen mehr aufrichtiger Liebe begegnen, dann wird das schon…

Vielen Dank für das Interview.

Danke auch!

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweis: Edition Outbird, Matthias Raasch, Stef Schmidt, Franziska Appel
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„Ich habe Vertrauen in die menschliche Spezies, weil selbst Monster eine Seele besitzen“ – Edek Rose im Interview zu „Schwanenhalsbrücke“

Edek Rose, Nürnberger Performance-Musiker und Lyriker, veröffentlicht in diesen Tagen sein literarisches Debüt „Schwanenhalsbrücke„. Ein schockierender Abgrund, eine Sprache tiefer Wunden und ein Schrei. Wir wollen genauer wissen, wer und was hinter dieser Urgewalt steckt.

Schön dass du Zeit findest, uns ein Interview zu geben. Du veröffentlichst ja in diesen Tagen bei „Edition Outbird“ dein Buch. Wie würdest du das Werk selbst beschreiben?

Buch im Verlagsshop: Bitte Cover anklicken.

„Schwanenhalsbrücke“ ist mein Leben. Ich bin nur einer der zahllosen Menschen unter dem Joch psychischer Behinderung und habe für mich selbst beschlossen, dass ich in dieser grauenhaften Welt eigentlich gar nicht leben möchte. Um nicht gänzlich verschlungen zu werden, kralle ich mich in meine Menschlichkeit und muss für mich selbst herausfinden wie weit ich diese Künstler-Sache treiben kann, bis ich dann vielleicht mal zufrieden bin und mich neben die Leichen der anderen unglücklichen Deutschen kuscheln werde. Mich überwältigt die Angst vor der Bösartigkeit Fremder und ich verliere mich in den Versuchen, unverzeihliche Schrecken auf ihre unschuldigen atomaren Wurzeln zurück zu verfolgen – vor allem aber ist mein Buch eine massive Sammlung von Hilfeschreien, die jede auf ihre eigene Weise versuchen, meine mich immer weiter isolierenden Gefühle in Worte zu fassen.

Wenn man „Schwanenhalsbrücke“ aufschlägt und zu lesen beginnt, scheint der Stoff – so ging es mir zumindest – wie ein Sog, der dich ad hoc in einen Abgrund reißt, in dem du zunächst weder siehst noch hörst, wo du hingeraten wirst. Einzig ein Gefühl breitet sich aus, dass nicht recht beschreibbar ist. Gibt es etwas, was du mit deinen Texten auslösen willst und wenn ja was?

Ich spreche natürlich nicht für andere Menschen, die in irgendeiner Form mit ihrem Leben abgeschlossen haben. Ich wünsche mir, dass meine Freunde und Familie verstehen können, welche Bilder meine Seele beherrschen, wenn ich mir wünsche nicht mehr zu existieren. Vielleicht kann mein Buch anderen Angehörigen psychisch kranker Menschen die Möglichkeit geben wenigstens mehr Verständnis zu zeigen, anstatt prekäre Situationen durch selbst auferlegte soziale Versagensängste zu verschlimmern. Meine Gedichte stammen aus einer Welt, in welcher charakterschwache Individuen nicht aufhören können, schlechte Entscheidungen zu treffen, weil sie für ihre abartigen Taten so lange belohnt werden bis sie den eigenen Bezug zur Realität verlieren. Tiermetaphern durchziehen mein Werk, die eine sich selbst kannibalisierende Natur zeigen, deren zerrissene Oberflächen alles Lebende verschlingt. Vom unsauber entfernten Fötus bis zum pädophilen Massenmörder: Ihre von der unbarmherzig rasenden Zeit zerfressenen Körper sickern in das exakt selbe Vakuum; in dieser Welt bin ich ausgebeuteter Zeitarbeiter, misshandelte Frau, gewaltsüchtiges Kind und jeder von ihnen teilt einen bestimmten gemeinsamen Weltschmerz, der in meinem Kopf in jedem ruhigen Moment Amok läuft.

Ist Schreiben für dich ein Ausdrucksmittel, um menschliche Abgründe zu transportieren, den Leserinnen und Lesern zu sagen: Seht her, die Welt ist nicht Friede Freude Eierkuchen, hier steht ein Mensch, der die Schwärze lebt?

Ganz im Gegenteil sogar: Denn was mir in meinem Alltag so schwer fällt, führt in meiner Literatur ein richtiges Eigenleben. Ich meine damit eine Weichheit, eine Tapferkeit und den Trost, der überall zwischen den türmenden Brutalitäten wacht und in Momenten der Klarheit eine Glückseligkeit offenbart, die sich genau jenen zeigt, welche die Qualen aller lebenden Dinge auf sich genommen haben und sich trotzdem nicht aufgeben. Ich habe ein wahnsinniges Vertrauen in die menschliche Spezies, weil ich davon ausgehe, dass selbst Monster eine Seele besitzen und selbst Völkermorde irgendwann vergeben werden. So viele Leben nehmen ihren Lauf, ohne dass sie Menschen noch weiter auseinanderdrängen. Wer der Schwärze ins Auge gesehen hat und trotzdem jeden Tag entscheidet seinem Umfeld das Glück zu schenken, was ihm selbst vielleicht unerreichbar ist: Diese Menschen sind mir am liebsten.

Bist du dieser Mensch, der sich diesen Texten zeigt, oder ist „der Schreiber“ eher eine künstlerische Rolle, eine Figur, die du geschaffen hast?

„Schwanenhalsbrücke“ schimmert an der Oberfläche einer so massiven Trümmerschicht kaputt diskutierter intimer Wünsche und völlig aufgeblasener Lügen, dass ich oft selbst nicht mehr nachvollziehen kann, ob ich und der Text, der sich vor meinen eigenen Augen hervorgebracht hat, überhaupt einig miteinander sind. Oft erwache ich aus einem Traum, der mich den ganzen Tag nicht loslässt; dessen Logik frisst sich dann durch meine Sprache. Ich kenne keine pädophilen Priester, Taxifahrer oder Flüchtlinge persönlich: Wenn ich sie in meinem Werk herumschreien lasse, sind das nur Handpuppen mit meiner eigenen Stimme. Dem Leser werden Lügenkonstrukte, wie die Behauptung, dass gebrochene Herzen ein Mythos sind, mit der gleichen Wertigkeit entblößt wie direkt biographische Daten aus meinem Leben. Für ihn braucht es gar nicht um mich gehen. Meine Sprache lebt von ihrer Brüchigkeit. Sie lässt viel Platz für die Gedankenwelt dessen, der sie reflektiert. Ich bin regelmäßig erstaunt über die Vorstellungskraft meiner Freunde, wenn sie mir erklären, bei welchen Gedanken sie angekommen sind, wenn sie einen meiner Texte verfolgen. Ich verlasse das Haus zu wenig – natürlich sind die eigenen Schlüsse, die ich aus meinen Bildern ziehe oft die langweiligsten.

Was spielt für dich im Leben die größte Rolle?

Ich muss kreativ bleiben. Dafür brauche ich Freiheit. Ich könnte nicht schreiben ohne die Unterstützung meiner Frau, meiner Freunde und meiner Familie. Ohne ihre Geduld und Zuneigung wäre ich nicht gesund genug um produktiv zu sein. Ich würde gar nicht die Ambitionen besitzen mein Zeug in ein Buch zu stecken – ehrlich gesagt hätte ich mich gar nicht getraut einen M. Kruppe anzusprechen, wenn meine Freunde mich nicht dazu gedrängt hätten. Ängste sind künstlerisches Gift und ich habe bisher wahnsinnig viel Glück gehabt. Die andere Freiheit ist viel weitläufiger: Ich schreibe direkt aus der Galle. Meine Sprache stammt zu keinem geringen Teil aus deutschen Internetpornos – und gerade in der Post-MeToo-Cancelculture, wie wir sie in der internationalen Unterhaltungsindustrie erleben, kann ich Plattformen künstlerischer Freiheit nicht für selbstverständlich nehmen. Die „Edition Outbird“ bot mir die Plattform für meine Stimme ohne Vorhaben, mich zensieren zu wollen. Größere Konzerne begeben sich mit jedem nicht vollständig ausformulierten politischen Content auf ein millionenschweres moralisches Minenfeld. Warum sollte ich auch zensiert werden? Meine Texte richten sich gegen Fremdenfeinde, Kinderficker und Terroristen. Ich stamme eigentlich aus dem Theater, wo die politische Korrektheit Christoph Schlingensiefs genauso wie die Rohheit Hermann Nitschs deutlich mehr Verehrung genießen darf als in anderen künstlerischen Disziplinen. Mein Buch ist nicht ekelerregender als die meisten deutschen Google-Suchen.

Wann hast du begonnen zu schreiben und warum?

Als Kind zeichnete ich Comics, um lustig zu sein und als Teenager war ich ein Edgelord, der sich selten zu einem Gedicht zwingen konnte; Richtig schreiben kann ich erst seitdem ich gelernt habe meine Versagensängste, aber hauptsächlich meine künstlerische Pedanterie zu unterdrücken. Jeder meiner Freunde könnte ein zehn Mal waghalsigeres Buch schreiben als ich, würden dann aber ihr Lebenswerk mit einem einzigen Satz beginnen, nur um sofort ihre Ambitionen in den Müll zu schmeißen weil sie nicht wie ihr Lieblingsautor klingen. „Schwanenhalsbrücke“ besteht bei Weitem nicht aus meinen ersten Lyrik-Versuchen. Viele meiner schmerzerfülltesten Worte haben mich längst kalt gelassen, weil sie in meinem Kopf schon so vehement durchexerziert wurden. Ich möchte dem Leser keine Gimmicks vorlegen, die mich selbst langweilen. Die Konsequenzen der eigenen Sprache zu jagen, erfordert viel Arbeit aber man muss kein Genie sein um ehrliche Literatur zu produzieren. Ich bin der festen Überzeugung jeder in meiner Situation könnte meine Texte produzieren.

In welchem Zeitraum entstanden die Texte in „Schwanenhalsbrücke“?

Die Abfolge meiner Gedichte in meinem neuen Buch musste für mich rein nach dramaturgischen Aspekten stattfinden. Das heißt, dass ich einen zwei Jahre alten Text nicht anders behandeln wollte als einen, der mich schon seit sieben Jahren verwirrt. Mir ist es natürlich wichtig, dass mich der Leser versteht, ohne ein emotionales Detail auslassen zu müssen, bevor ich ihn durch ein Höllentor aus Säuglingsblut und Sternenstaub schicke. Die Chiffren in „Mein Mund“ sind fast zehn Jahre alt und dienen als Schutzschild für einen traumatisierten Magersüchtigen, der ich seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr bin; „Stellenangebot“ ist das Ergebnis einer bereits vom deutschen Zeitarbeitsgesetz ausgeschissenen Sprachlosigkeit. Gelesen erschließt sich alles zu einer beinahe kohärenten Erzählung: Ich bin Edek Rose, meine Welt befindet sich im Krieg, sexueller Narzissmus gewinnt die Überhand – und wer sich nicht zusammenreißen kann, stürzt sich und andere Menschen in die Hölle. Zum Schluss bleibt die Hoffnung übrig.

Du bist ja nicht nur schreibend künstlerisch tätig sondern auch musikalisch. Gibt es aktuelle Projekte an denen du arbeitest und wie verbindest du Musik mit Literatur?

Eines der treibenden Prinzipien, sowohl in meiner Literatur als auch in jedem künstlerischen Unterfangen was ich mir vornehme ist die Improvisation. Noch viel länger als meine ernsthaften literarischen Versuche begleitet mich mein Freund Matzliach Rose und unser musikalisch- pseudoesoterisches Performanceprojekt „Megacolon“, das sich inzwischen zu einem intermedialen Alptraum entwickelt hat. Unsere Musik strauchelt irgendwo zwischen primitivem Industrial und Schlager, und ist fast ausnahmslos improvisiert. Der Arbeitsvorgang, ein Aufnahmegerät aufzustellen und einfach trashige, rohe, ungefilterte Kunst entstehen zu lassen, wirkt sich seither auf jeden Aspekt meines Lebens aus, aber besonders meiner Literatur. Eine Handvoll der „Schwanenhalsbrücke“-Texte ist in der Badewanne entstanden. Die Badewanne ist für mich ein selten klarer und intuitiver Ort. Diese Texte habe ich besoffen in ein Mikrophon gesprochen, ohne dass vergangene Sätze auch nur die Chance hatten, mich mit ihrer mangelnden Perfektion zu quälen; auch William S. Burroughs´ Cut-Up-Technik habe ich mich bedient um besser zu verstehen, was ich kommunizieren möchte. Mein Gefühl besteht darin, dass Kunst ein Eigenleben führen möchte, an welchem wir nur zu einem unbestimmten Maß Kontrolle behalten dürfen. Sie entsteht aus ihren eigenen Wünschen heraus, eskaliert in ihren innewohnenden Konsequenzen und die fundamentale Verantwortung des Künstlers liegt in der Sinnfindung, wenn er entscheidet, was er mit der Welt teilt und was gerne Müll bleibt.

Werden dich unsere Leser auch mit deinem Buch auf der Bühne sehen, sind Lesungen geplant?

Wirklich gerne. Wie bereits erwähnt, steckt in meinen Texten noch viel mehr drin, wenn man ihnen die Chance gibt, ihre Oberfläche an anderen Lebenserfahrungen aufzubrechen. Ich muss dringend andere Menschen finden, die besser verstehen wovon ich rede, damit ich und mein Werk daran wachsen können. Ich bin schon mal verdammt stolz darauf, in M. Kruppe einen gefunden zu haben, der an mich glaubt. Und natürlich in der „Edition Outbird“. Und wenn mein Glück noch weiter übertreibt, werden wir bald sogar zusammen auf der Bühne stehen. Wie beispielsweise am 12. 2. 2020 im Nürnberger Club „Cult“ mit Dir gemeinsam. Mich hat dieses Interview schon wahnsinnig nervös gemacht – alles was ab hier geschieht übertrifft bereits alle meine Erwartungen. Wir können also alle gespannt sein!

Vielen Dank für das Interview.

Danke auch!

Das Interview führte M. Kruppe.

Bildnachweis: Edition Outbird, Markus Konetzka
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„Lesungen sind wie eine Belohnung für die monatelange einsame Schreibarbeit.“ – Peter Wawerzinek im Interview

Als wir Peter Wawerzinek 2017 für die Septemberausgabe unseres „Outscapes“-Magazins interviewten, hatte es gerade mal eine Begegnung zur damaligen Lesung auf Burg Ranis gegeben. Ein freundlicher, ja freundschaftlicher Mensch trat uns zu dieser Zeit entgegen.
Seitdem ist die Zeit gerannt, hat Wawerzinek gemeinsam mit Florian Günther unseren Literarischen Salon in der Geraer Theaterfabrik beehrt und mit „Geisterfahrten durch Südschweden“ im März diesen Jahres eine Roadnovel in der „Edition Outbird“ veröffentlicht. Am 14. 11. 2019 nun wird Wawerzinek ein zweites Mal in der Theaterfabrik auftreten, um Seit an Seit mit dem Klaviervirtuosen Lukas Rauchstein zum Einen „Geisterfahrt durch Südschweden“ sowie seinen unlängst erschienenen Roman „Liebestölpel“ vorzustellen sowie zum Anderen das zwei Jahre währende Gastspiel unseres Kooperationspartners „Corvus e. V.“ in der Theaterfabrik abzuschließen.
Hallo Peter, es ist schön, Dir einmal mehr auf diesem Weg zu begegnen. Du hattest im oben erwähnten Interview ja schon einige Fragen zu Deiner künstlerischen Laufbahn und Inspiration beantwortet. Im heutigen Gepräch soll es um die Gegenwart gehen. Du warst Stadtschreiber in Jena und hast eine enge Verbindung zum Lese-Zeichen e. V. und nun ja auch uns. Was bedeuten Thüringen und seine Akteure für Dich?

Ich habe mich Anfang des Jahres in eine Thüringerin verguckt, verliebt. Bin mit ihr zusammen in Rom, teile mit ihr das Leben, die Kunst, die Villa Massimo. Wir reisen zusammen herum, arbeiten jeder für sich an unseren Dingen, reden viel, bereden alles, suchen uns gegenseitig die Gegenden schmackhaft zu machen, aus denen wir jeweils stammen, also Ostseebereiche und Thüringer Landschaften, Städte, Bräuche, Sitten, Worte, Satzweisheiten, Sprüche, Namen, Leute, Gewohnheiten. Ich will am Ende von mir sagen können, ein Stück weit Thüringer zu sein, zumindest soll da was auf mich abfärben.

Du wirst in der Geraer Theaterfabrik am 14. 12. eine kleine Lesetour in Thüringen abschließen, nachdem Du am 11. 12. in der Kulturbaustelle Suhl, am 12. 12. auf Burg Ranis und am 13. 12. in der Jenaer Villa Rosenthal gelesen haben wirst. Um was geht es in den beiden Bücher des Abends – „Geisterfahrt durch Südschweden“ und „Liebestölpel“?

Ich lasse hinter mir Bilder erscheinen aus Südschweden und zum Thema Liebe. Die kann ich nicht sehen, will ich auch nicht. Die sollen jeden Abend andere sein, zufällig auftauchen und ich bin gespannt, wie die Reaktionen sein werden, auch wenn ich nicht weiß, warum die Leute sich aufführen, lachen oder murren, oder sonst was dabei von sich geben. Diese Bilder suche ich gewissenhaft aus und vermenge sie schön wie einen Teig für den Augenschmaus.

Wer Dich einmal auf der Bühne erlebt bzw. eines Deiner Werke gelesen hat, weiß zum Einen, dass Du sehr offen mit Deinem Leben umgehst. Du erwähntest zur Lesung in der Theaterfabrik 2018, dass Du in Sachen Liebe ein Tölpel seiest. Wie darf man sich das vorstellen?

Einfach reinlesen in mein Buch. Wird alles erklärt – Zitat:

„Es gäbe in der Familienbande ein Gen, das mache uns zu Trottellummen. Trottellummen sind lebenslustige, leider aber sehr unbeholfene Vögel. Auf Helgoland beheimatet. Grandiose Flieger, beherrschen ihr Flughandwerk gut. Tolle Segler, in der Luft unübertroffen. Exzellente Taucher. Unter Wasser unschlagbar. Fangen den Fisch mit unvergleichlicher Eleganz. Sehen gut aus mit ihrem weißen Gefieder, dem edlen blauschwarzen Kopf, Hals, Buckel. Mein Opa imitiert den Vogel, verrenkt sich, deutet einen Landeanflug an, schüttelt den Kopf. Versucht sich den Buckel zu kratzen, als wäre ihm dafür ein Schnabel gewachsen: Trottellummen heißen so aufgrund ihres trotteligen Ganges. Sie können nicht über ihre Zehen abrollen, sondern nur auf ihren Hacken staken. Und schon watschelt er vor mir herum, stakt auf seinen Hacken wie Chaplin. Sie leben an Land in Kolonien, sind jedoch in der Luft Einzelgänger. Nestbau und Brutpflege sind für sie eher problematisch, sie kommen damit nicht zurecht, es ist nicht ihr Metier. Mein Opa fliegt die Flügelarme ausgebreitet um mich herum. Sie sind unbestrittene Beherrscher der Lüfte, können nur eben nicht sonderlich sicher landen. Sie bauen ihre Nester an Felsklippen, Junge, legen je ein einziges Ei hinein und müssen es zu zweit auf engstem Raum ausbrüten in Nestern an steile Felswände gepappt. Nestbau und Brutpflege sind absolut nicht ihr Ding. Sind die Benachteiligten der Evolution.“

Peter Wawerzinek im November 2018 mit Florian Günther in der Geraer Theaterfabrik.

zum Anderen bist Du nicht nur der trockene Autor, der mit einem Glas Wasser vor dem Publikum sitzt, sondern Schauspieler, und zwar einer dieser scheinbar mühelosen, die da beim Lesen von einer Rolle in die nächste zu wechseln scheinen. Ist das so eine Art Instinktding, eine Naturbegabung bei Dir, physisch mit Deinen Büchern zu verschmelzen?

Lesen ist für mich die reine Belohnung. Ich schreibe immer im Winterhalbjahr. In diesen Monaten bekomme ich einen anderen Lebensrhythmus. Ich esse dann vor allem Spiegelei mit Spinat und Bratkartoffel, gehe nicht mehr ans Telefon, mache nur noch Internet, und schreibe dann einfach von früh morgens bis mittags. Werde ich müde, schlafe ich meinetwegen von 13 bis 16 Uhr, schreibe bis zum frühen Abend, gucke einen Film, schlafe dabei ein, erwache, schreibe weiter, lege mich um fünf Uhr zum Schlafen hin. So oder ungefähr. Das stehe ich mit mir allein in der Arbeitsbude aus. Das hält doch keine Partnerin aus. Ich beginne im November. Er ist mein Lieblingsmonat. Ich schätze an ihm die Klarheit der Bäume, wenn sie blattlos und nackig sind. Ich überwinde schreibend Winter und Frost und höre mit dem anfangenden Erblühen auf. Dann muss das Buch fertig sein. Welch eine Freude herrscht in mir, wenn ich im April wieder aus der Bude komme, Menschen treffe und bei Lesungen ein Publikum habe. Das Vorlesen ist dann wie eine Belohnung für die monatelange einsame Schreibarbeit.

Buch im Verlagsshop: Bitte Cover anklicken.

2018 warst Du mit dem Fotografen Bernhard Freutel in Schweden unterwegs, eine Ausstellung vorbereiten, Freunde und befreundete Künstler treffen, das Land durchstöbern, genießen und lieben lernen. Woraus dann „Geisterfahrt durch Südschweden“ entstand. Was ist Schweden für Dich? Wie würdest Du den Menschenschlag beschreiben?

Schweden rufe ich gegen die hallenden Berge, was befindet sich in Schweden. Und das Echo schreit mir zu: Eden. Schweden lässt an Nebel, Schwaden und schweben denken. Ich sehe Schweden als einen schwebenden Schwan, der Richtung Eden fliegt. Schwedenpunsch denke ich, schwedische Gardinen machen mir Angst, schwedische Streichhölzer lassen mich trauernd und weinend an das bibbernde Mädchen barfüssig denken. Im Wort Schweden sind alle Buchstaben enthalten, die man für das Wort Schnee braucht. Schweden ist mit Schnee voll sozusagen.

Derzeit nimmst Du ein Stipendium in der Villa Massimo in Rom wahr – laut Wikipedia „bedeutendste Einrichtung zur Spitzenförderung deutscher Künstlerinnen und Künstler durch Studienaufenthalte im Ausland“. Was ist Dein Auftrag dort, wie muss man sich das Schaffen in einem so renommierten Institut vorstellen?

Ich muss dort absolut nix tun und soll am Ende meiner zehn Monate Zwangspause darüber einen Bericht verfassen, was genau ich da nicht getan habe. Das ist ein Irrsinn und ich entziehe mich dem Ganzen, in dem ich gegen die Auflage verstoße, doch etwas anrichte, tue, also schreibe. Pasolini zum Beispiel. ich fahre ihm nach auf der Chaussee aus Sand, dem Titel seines Buches von 1959. Ich maile mit M. Kruppe über Themen wie wir sie aus dem Alltag und der Luft greifen. Daraus wird am Ende ein wichtiges Buch werden, darüber, wie wir denken, empfinden, drauf sind, trotz der Jahrzehnte Altersunterschied, oder eben grade deswegen.

M. Kruppe: Ich war recht überrascht, allerdings auch geehrt, dass Peter mit mir ein Buch machen will. Vor allem aber angetan von der Idee, ohne beschönigende Schnörkel in der Sprache das Ist zu analysieren. Das ist im Grunde auch anfänglich das ganze Konzept gewesen: Lass uns schreiben über alles, was unbedingt (noch) gesagt werden muss. Lass uns reden über Gott und die Welt, über Literatur und ihre Macher, lass uns reden über die Dinge, die uns ankotzen, lass uns deutlich sein ohne sprachlich zu übertreiben.

Wir wollen kein Irvine Welsh sein, aber auch keine angepasste verkaufsfreundliche Sprache verwenden. Auf alle Konventionen verzichtend, ohne dabei ein Mindestmaß an Niveau zu verlieren, entsteht ein auf einen Briefwechsel beruhendes Buch, das, wie Peter schon sagt, durchaus wichtig ist.

Was wird in nächster Zeit von Dir außerdem zu erwarten sein? Welche Zukunftspläne treiben Dich derzeit um?

Vieles habe ich noch nicht angepackt. Es fehlen mir immer noch der großartige Lyrikband, die wundersame Novelle, das umhauende Kinderbuch, der tolle Comic, die feinsinnigen Erzählungen. Und ich habe noch nie ein Songbuch verfasst, so mit Hits aus meiner Feder.

Lieber Peter, vielen herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweise: Gerd Adloff, Corvus e. V., Edition Outbird
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