[ Rezension ] Tomas Jungbluth „Kammerflimmern“

[Rezension Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #9 erschienen. In diesem Zusammenhang verweisen wir gern auf das Interview mit ihm sowie sein aktuell in der „Edition Outbird“ erschienenes Buch „Kammerflimmern“ in unserem Onlinestore (siehe auch nachfolgendes Coverfoto).]

„… Mutig ist dieses Buch also ebenso, wie es emotional ist und das Thema Trennung auch aus einer gewissen Entfernung beleuchtet.

Aber nicht nur die Thematik selbst wirkt wie eine Fessel, die den Leser / die Leserin an das Buch bindet und sich erst dann löst, wenn das letzte Wort der letzten Seite gelesen ist. Es ist auch das Sprachbild, das sich zwischen Poesie und Lyrik, Prosa und analytischem Essay bewegt. Es sind die Bilder, die Jungbluth zeichnet, die nicht Kontinente, nicht Welten, die beinahe Universen sind. So schiebt er sein durchaus hartes Thema in eine sprachliche Weichheit, die ihre Vergleiche sucht.

Diese reich bebilderte Sprache fasziniert ebenso, wie der unübersehbare innere Trieb, das Faktische in Metaphern auszudrücken. Oftmals ist eine an Metaphern reiche Sprache aufdringlich, wirkt gekünstelt und ist nicht selten nervig. Nicht so bei Tomas Jungbluth. Der schafft es tatsächlich, seine Gefühle sprachlich dicht zu bebildern, ohne dass man irgendwann übervoll ist und das Buch weglegt. Es sind gerade auch jene Bildwelten, die der Autor zeichnet, die eine Art Zwang bilden, weiter und immer weiter zu lesen. Ein Zwang, der in keiner Minute, in keiner Zeile unschön wirkt.

Zum Ende hin wird es stiller, das Licht seiner Schreibtischlampe scheint dunkler geworden zu sein. Ein Hauch von Alkohol und Zigarettenrauch scheint durch die Stube zu wabern und irgendwie ist da dieses Bedürfnis, ihm auf die Schulter zu klopfen und zu sagen: „Well done Brother! We all now this feeling! Come on… your nose need the smell of heaven!“

Die Rezension verfasste M. Kruppe. Neben Teil 1 der Rezension finden Sie vieles mehr im „Outscapes“-Magazin #9 [Edition Outbird].
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[ Rezension ] Susanne Agnes Fauser „Lilian“

[Rezension Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #9 erschienen. In diesem Zusammenhang verweisen wir gern auf das Interview mit ihr sowie ihr aktuell in der „Edition Outbird“ erscheinendes Buch „Lilian“ in unserem Onlinestore (siehe auch nachfolgendes Coverfoto).]

„… Ich entdeckte Frühlingslaub darin und eine Sonne, welche gesprenkeltes Licht auf das Grün eines Waldes warf. Eine Melodie, keine Worte. Zuletzt sah ich Liebe. Golden glitzerndes Blutrot, marmorierte Flügel der Engel. Das zarte und blasse Silber der Furcht.“

Leichthändig umreißt sie mit dem Vertiefen der Geschichte die Lebenswelt der beiden, die sie in einer Kommune leben und damit die Aufmerksamkeit der ganzen Stadt gewiss haben. Einer Aufmerksamkeit, der letztlich religiöser Hass entspringt. Hier allerdings mehr zu verraten, würde die Leserschaft spoilern. Insofern: dieses Buch lohnt sich, es ist atemlos, verursacht Gänsehaut und bringt so einige Male das eigene tiefe Rätsel und Empfinden der Liebe in innere Resonanz. Danke für dieses Werk!“

Die Rezension verfasste Marius Grün. Neben Teil 1 der Rezension finden Sie vieles mehr im „Outscapes“-Magazin #9 [Edition Outbird].
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„Es muss da eine Konfliktlinie geben, die ich sehen will, die auch mit heute zu tun hat“ – Kai-Uwe Kohlschmidt im Interview

Kai-Uwe Kohlschmidt ist Musiker, Komponist, Autor, macht Hörspiele, Features und ist zudem Regisseur. Ein Vollblut-Künstler, der offensichtlich gar nicht anders kann, als in der Kunst aufzugehen. Er lebt sich durch die Kunst, Kreativität scheint keine Frage der Anstrengung, sie ist wohl einfach da und das in einem Maß, dass alles, was Kai-Uwe Kohlschmidt macht, irgendwie mit Kunst zu tun hat. Und er ist, zumindest für die älteren Generationen im Osten kein Unbekannter. Spätestens wenn der Bandname Sandow fällt, klickt es bei vielen und man erinnert sich an das wohl bekannteste Stück der 1983 in Cottbus gegründeten Band: „Born in the GDR“.

Als Outbird mit „Feuer“ und „Exodus Namib“ zwei seiner Hörbücher in sein Shopsortiment aufnahm und der Corvus e.V. im März diesen Jahres Sandow zusammen mit The Russian Doctors ins thüringische Neustadt/Orla holte, um dort die „Nacht der Legenden“ zu feiern, war die Gelegenheit mehr als geboten, dem im Spreewald lebenden Künstler für unser Magazin einige Fragen zu stellen.

Hallo Kai-Uwe … Du bist unter anderem Sänger der legendären Avantgarde-Band Sandow, die nicht zuletzt durch die Film-Doku “Flüstern und Schreien“ bekannt wurde. Kannst du dich an die Gründung erinnern? Was bewegte dich und Chris Hinze dazu, eine Band zu gründen?

Wir hatten uns zum Fasching als Band verkleidet. Das hat uns so wunderbar gefallen (lacht). Der ganze Applaus, schreiende Mädchen, das alles führte dazu, dass wir aus den Kostümen gar nicht mehr heraus wollten.

Das heißt, ihr hattet 1983 zum Fasching eine Idee und habt dann gesagt: „Jetzt müssen wir und aber auch Instrumente besorgen und das Ding auch durchziehen“?

Nein nein, wir besaßen vorher schon Instrumente. Wir hatten damals drei Lieder gespielt. Das waren zwei eigene und ein Cover. Wir hatten ein E-Gitarre und ein selbst gebautes Drumpad. Und so hat Chris die Drums gespielt und ich Gitarre und hab dazu gesungen. Das hat uns dann richtig geflasht. Wenn man einmal auf einer Bühne steht, dann merkt man schnell, ob das der richtige Ort für einen ist oder nicht.
Das entwickelte sich dann recht schnell in wirklich ernst zu nehmende Arbeit. Wir haben in den ersten Jahren unglaublich viel geprobt, waren fast jeden Tag im Proberaum.

Das klingt, als hattet ihr recht früh auch den Wunsch, bekannt und erfolgreich zu sein?

Ja, ganz gewiss. Als wir anfingen waren wir ja 13, 14 Jahre alt und da liegt man ja noch in den Ebenen, die man eben so kennt, also dass du mal ins Radio oder gar ins Fernsehen willst. Da weißt du natürlich noch nicht, dass du Künstler werden willst, sondern du willst in erster Linie berühmt werden. Und dann kommt das Eine irgendwann aus dem Anderen, aus Störungen, aus Komplikationen, aus Erfahrungen und neuen Fragen die dir im Leben begegnen, wenn du die ersten Runden im Kreisverkehr hinter dich gebracht hast. Und entweder man wiederholt sich dann oder man hält die Wiederholung nicht aus und versucht sich zu entwickeln.

Es hat ja auch gar nicht so lange gedauert bis zum ersten größeren Durchbruch. Aber wie war es auf dem Weg dahin? Lagen Steine seitens des Systems im Weg? Man hat ja 1988 wegen der Performance „Aufbruch & Aufruhr“, nicht nur euren Proberaum durchsucht und euch verhaftet, sondern auch das Stück verboten. Hattet ihr damit gerechnet und wie war das für euch, für dich persönlich?

Ich muss das kurz richtig stellen: Verhaftet wurden wir nicht. Unser Proberaum ist aufgebrochen worden und unsere Texte unseres Theaterstücks „Aufbruch und Aufruhr“ waren weg. Wir sind dann direkt zur Polizei gegangen und haben diesen Einbruch gemeldet. Natürlich wussten wir, wer da war, denn wir hatten nicht mit gebildeten Dieben gerechnet, die Weltliteratur mitnimmt und Gitarren und Verstärker stehen lassen. (lacht) Also das war uns schon klar. Aber einfach, um mal zu sehen, was genau man von uns wollte, haben wir dann diesen Weg gewählt. Und klar hatte man Angst. Nicht unbedingt so persönlich, aber es ging immer um die Angst, dass es mit der Band vielleicht nicht weiter gehen könnte. Denn die Band war beizeiten schon das Mutterschiff, das es einfach zu beschützen galt, und deswegen war Vorsicht auch immer Teil des Geschäfts, damit man eben nicht sinnlos überbiegt und ausreizt. Aber ja, wir wussten schon, mit wem wir da tanzen. Gleichzeitig haben wir aber auch Vorteile gesucht. Wir waren ja auch keine absolute… Totalopposition, schließlich haben wir in staatlichen Clubs und Ähnlichem gespielt, denn wir wollten ja auftreten. Wir wollten den Leuten unsere Musik vorspielen und dann ist das in so einer Diktatur natürlich… hm, ein „Spiel“ ist das falsche Wort, es ist … ja … ein Tanz, bei dem man sich immer gewiss sein muss, dass der Elefant auch mal auf einen drauftreten kann.

Ein Jahr später hat es ja dann mit dem Song „Born in the GDR“ auch geklappt. Geht es dir eigentlich auf den Nerv, dass dieser Song fast immer mit Sandow in einem Atemzug genannt, dass ihr quasi ständig an diesem Song gemessen werdet?

Ich bin das gewohnt. Das hinterfrage ich auch nicht mehr. Das ist offenbar ein Lied, das bei anderen viel mehr ausgelöst hat als bei mir selbst. (lacht) Ich bin aber auch froh, dass wir es haben, denn das hat ganz viele Türen geöffnet und insofern ist es eben auch ein Schlüssel, ein Doorkeeper, so ein magisches Tool quasi und da kann ich ja unmöglich dagegen sein.

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Genug der Geschichte. Reden wir über den Künstler im Heute. Du bist Musiker, Komponist, Autor, machst Features und Hörspiele, bist Regisseur. Wie wurde aus dem 13 jährigen Sandow – Mitgründer der Künstler Kai-Uwe Kohlschmidt? Kannst du konkret Anlässe oder Bewegungen benennen, die dich dazu brachten, mehr zu machen als „gewöhnlichen Rock/Punkrock“?

Vielleicht liegt das ein Stück weit an der Stadt, in der wir aufwuchsen. In Cottbus gab es kaum nennenswerte Live-Musik, die man sich hätte anhören können und deswegen ging die subversive und intellektuelle Szene zum Freejazz. Und es gab da eine sehr starke Freejazz-Kultur durch Peter „Jimi“ Metag und Ulli Blobel, die auch viele internationale Künstler nach Cottbus geholt haben. Und das war dann eher so der Sound, den wir uns reinzogen. Da gab es dann auch dementsprechend schräges Personal. Und in der Boheme der Künstler, der Maler wuchsen wir dann eben ohnehin in einem Denken auf, dass die Künste sich überschneiden, dass es Crossings gibt. So kamen wir dazu, schon 1988 auch Performances zu machen. Das war dann eben so eine Art Labor, in dem wir dann Sachen ausprobierten, die später bei Sandow auch zum Tragen kamen. Wir haben dann Instrumentarien ausprobiert, Sprache untersucht und so war das immer eine permanente Entwicklung. Ebenfalls 1988 kam dann Theater dazu. 1991 habe ich schon die erste Filmmusik geschrieben, damals noch für einen Studentenfilm. Und so kommt es mit der Zeit, dass auch Leute an dich herantreten und dich fragen, ob du dir vorstellen kannst, mit ihnen zu arbeiten. Auf diese Weise entsteht ein Kontinuum, und nicht wirklich etwas, das man sich ausgedacht hat, unter dem Motto: „Ich werde ab jetzt …“. Der Kreis von Leuten, die mit dir etwas machen wollen, wird immer größer.

Ich hatte auch immer wieder Heurekas. Zum Beispiel 2004 am Nanga Parbat. Da wollte ich ja „die Sinfonie der Todeszone“ schreiben (http://www.alpinclub.com/pdf/kunstexp.pdf), mit Sounds rund um die Bergsteiger und solchen, die ich selbst in 4500 m Höhe aufnehmen kann. Dann wurde das aber ein Hörspiel, weil sehr dramatische Dinge passiert sind und plötzlich erinnerte ich mich auch wieder, dass mir das ja liegt, also, das Schreiben. Ich hatte das schon länger nicht mehr gemacht. Ich hatte zu dem Zeitpunkt seit fast zehn Jahren nicht mehr geschrieben. Freilich Songtexte, aber nicht Dramatik und dann war das irgendwie eine Entdeckung. Auch die Entdeckung, sich fortzubewegen in schwerem, kompliziertem Habitat, in der Wildnis. Dieses Wachsein, diese Befreiung von Routine und diesem routinierten Denken, das war eine recht maßgebliche Entdeckung.

Was bedeutet Kunst bzw. künstlerische Arbeit für dich? Würdest du das, was du tust, jetzt mal unabhängig von der Bezahlung, als Job, als harten Beruf bezeichnen, oder macht dir alles Spaß und wird somit eher zu einer unvermeidlichen Sache … gewissermaßen einer Passion, die den positiven Nebeneffekt hat, davon leben zu können?

Wie Bukowski sagte: „Du kannst dich nicht dafür entscheiden. Wenn überhaupt wird es sich für dich entscheiden.“ Die ersten 15 Jahre sind verdammt trocken. Trocken in Sachen Geld verdienen meine ich. Das ist schon recht hart, weil du lange überhaupt kein Geld verdienst. Manchmal verdienst du etwas und dann reicht das auch mal ein halbes Jahr. Aber dann ist es auch wieder vorbei und was machst du dann? Auf die Baustelle willst du auf keinen Fall zurück und dann gibt es eben all die Künstler-Jobs. In diesen 15 Jahren entscheidet sich das dann eben, aber es ist auch wahnsinnig viel Arbeit. Es ist also keine Sache des Daran – Glaubens, keiner tut sich so etwas freiwillig an, viel zu schreiben und keiner liest es, oder viel Musik zu machen und keiner kommt zu deinen Konzerten, und das in Verbindung mit dem immensen Arbeitsaufwand.

Ich selbst bin jetzt in der Lage, dass ich ein sehr reiches und ausgefülltes künstlerisches Leben habe, mit immer wieder neuen und abwechslungsreichen Projekten. Das wäre vor 20 Jahren undenkbar gewesen und ich hätte es mir auch so nicht ausdenken können, weil manche Dinge ja erst entstehen, indem du dich mal ordentlich ins Gebüsch schmeißt, weil da kein Weg ist. Und plötzlich entsteht da ein Weg.

Also könnte man sagen, dass du dich mit deiner Kunst und deine Kunst sich mit dir entwickelt hat?

Das ist bestimmt richtig, ja. Ich hatte ein Stück weit auch großes Glück, denn es betrifft ja nicht nur Fleiß oder Talent. Es betrifft ja die Tatsache, dass man die richtigen Leute trifft und man manchmal die falschen Leute auch wieder abstößt und sich auch mal durchsetzt in Momenten, in denen man lieber sterben als leben möchte. Nicht unwichtig ist auch, dass man sich nahezu von Allem inspirieren lassen kann. Und das muss nicht immer nur Kunst sein. Das kann zum Beispiel auch eine Landschaft sein.

Wer oder was inspiriert dich noch, also mal abgesehen von Landschaften und Reisen? Gibt es so etwas wie Hauptinspirationspunkte für dich? Welches war zum Beispiel dein zuletzt gekauftes Buch, deine zuletzt gekauftes Album?

Ich habe zuletzt von Jörg Friedrich „Der Brand“ gelesen, ein Buch über den Bombenkrieg, vor allem den alliierten Bombenkrieg und das in einer Sprache, die wahrscheinlich seit Golo Mann kein Historiker mehr hervorbrachte. Er zeigt auf, was dieser Bombenkrieg für Konsequenzen hatte und das ist dann so ein Moment, wo ich länger darüber nachdenke, weil es mir keiner vorher so erzählt hat. Und manchmal schlägt sich so etwas dann auch in Dingen nieder, die ich tue. Das kann auch mal zehn Jahre dauern, denn es geht auch darum, Muster zu erkennen in einer recht chaotischen Welt und manchmal dauert es eben, das jeweilige Muster zu erkennen und das dann auch abzugleichen. Ich bestehe immer auch auf eigenen Erfahrungen. Alles, was so auf dem Bildschirm gesehen werden kann, ist zwar auch Futter, aber vieles wirklich selbst gesehen zu haben, ist wesentlich elementarer.

Du spielst ja neben den vielen anderen künstlerischen Arbeiten und Sandow in zwei weiteren Bands. Bei allem, was du tust, gibt es ein einzelnes Projekt, das dir besonders am Herzen liegt?

Ich glaube das sind immer die Tage, an denen man sich mit Inspiration betankt. Wenn ich auf einer Mangan25-Reise (siehe unten) bin zum Beispiel, dann wird daraus ja nicht nur ein Hörspiel. Da fließt vielleicht was zu Sandow rüber, manches geht komplett in den Kompott-Keller oder ins geistige Archiv und wartet dort auf Verwendung. Und da ich immer mit einer Thematik reise, ist das eigentlich immer das Spannendste. Was ich auch sehr mag ist, wenn Arbeiten sich finalisieren, wenn die Mischung kurz vorm Ende steht, wenn der Rohschnitt also steht und man das Werk zu spüren beginnt und alles, was man zum Beispiel zwei Jahre zuvor begonnen hat allmählich seinen Charakter entblößt. Das ist eben wie der Stein an dem man meißelt, oder ein anderes Material… das Material bringt ja auch ein eigenes Leben mit und deswegen ist es immer auch wieder überraschend, wenn dann alles zusammenkommt.

Gibt es bei dieser Fülle an Arbeit eigentlich auch den Privatmann Kai-Uwe Kohlschmidt, der sich Auszeiten nimmt, in denen er nicht über Projekte, Band, Musik, Texte, Features und so weiter nachdenkt? Hast du überhaupt Zeit für Auszeiten? Kannst du „abschalten“ wie man sagt und wenn ja, wie sieht das aus?

Das brauche ich eigentlich kaum. Das letzte Mal im Urlaub war ich, glaube ich, 1990 oder `93. Hin und wieder sind wir auch mal mit den Kindern verreist, dann aber auch meist nur ins Waldhaus meiner Eltern, um mit den Kindern Ferien zu machen. Wenn ich abschalte, mache ich etwas auf der Hazienda hier zu Haus, hacke Holz oder so was… (lacht).

Also gibt es schon so Tage, an denen du nichts machst, an denen du sagst „Heute lege ich mal die Füße hoch“?

Es ist immer gut, wenn man am Tag öfters mal für eine halbe, dreiviertel Stunde etwas anderes macht, das hilft schon. Wir wohnen hier an einem See, quasi wie im Urlaub und hin und wieder gehe ich ne Runde segeln oder treffe Freunde.

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Kommen wir noch kurz zum Thema Reisen. Das scheint ja eine deiner Passionen zu sein. Du warst in den letzten 14 Jahren unter Anderem in Schottland, 2016 Papua Neuguinea, 2015 Maputo (Mosambik), 2014 Gotland / Christians Oe, 2013 Grenzland (Neisse), 2012 Namibwüste / Naukluft (Namibia), 2012 Grenzland (Oder), 2011 Rub-Al-Chaly (Vereinte Arabische Emirate), 2010 Anden / Regenwald (Venezuela), 2009 Spitzbergen (Arktis), 2008 Simpson Wüste (Australien), 2004 Nanga Parbat (Pakistan) … Bei vielen deiner Trips entstanden Radio-Features oder Hörspiele. Waren das Aufträge oder hast du hier das Nützliche mit dem Wesentlichen verbunden?

Es gibt schon auch Reisen, bei denen ich vorher keinen Sender hatte und ich mir sagte: „Das mache ich trotzdem, das wird schon.“ Das war zum Beispiel so, als ich nach Venezuela ging. Und diesen Stoff habe ich bis heute noch nicht verkauft. Ich müsste die Zeit finden, ihn nochmal neu anzugehen. Natürlich war die Reise nicht umsonst. Da ist ja zum Beispiel auch ein Text für Sandow entstanden. Vielleicht mache ich auch ein Theaterstück draus. Man muss einfach die richtigen Leute dafür finden.

Also das passiert durchaus. Aber dann gibt es eben sehr erfolgreiche Arbeiten, die finanzieren dann solche Ausfälle mit. Im günstigsten Fall, und das ist in zwei von drei Fällen so, habe ich einen Sender, der mir sein Vertrauen ausspricht und sagt „Das machen wir.“

In der Anfangszeit war das natürlich wesentlich schwieriger als heute. Es wird zunehmend gedeckter.

Bist du damals an die Sender herangetreten?

Ja na klar. Am Anfang hast du da erst mal niemanden, du weißt noch nicht mal, wo die Tür ist, geschweige wie derjenige heißt, zu dem du willst. Und selbst wenn, bist du dann auch nur jemand auf einem gigantischen Stapel.

Ihr habt 2004 die Künstlergruppe Mangan25 gegründet, die „bereisbare Erfahrungsräume aufsucht und ungewöhnliche Landschaften, schwer zugängliche Habitate und Expeditionen im Grenzbereich in ihren Fokus stellt“, wie der Webseite zu entnehmen ist. Ist diese Gruppe eigens ein Produkt deiner Reiselust oder entstand dieses Kollektiv quasi „nebenbei“?

Wir hießen erst recht umständlich und unglücklich „Deutsche Künstlerexpedition“, als wir 2004 zum Nanga Parbat fuhren. Danach haben wir eine gemeinsame Performance gemacht und hatten, auch in anderen Sparten, recht viele Arbeitsergebnisse. Und so dachten wir, dass wir nun einen richtigen Künstlergruppennamen brauchen und haben dann Mangan25 als Namen erwählt. Das ist aber auch eine eher lockere Vereinigung, also, wir kein sind Kunst-Verein mit Reise-Abo. Das hängt immer am Thema, wer fährt.

Was ist deine Intention in Sachen Reisen? Würdest du sagen, dass du eine Art Fernweh hast? Was zieht dich weg und wie wählst du deine Ziele aus?

Mich interessieren einfach immer bestimmte Themen und nach 14 Expeditionen kann man sagen, dass es da eine Tendenz zu historischen Themen gibt. Mein Vater ist ja auch Historiker, vielleicht gibt’s da auch eine erbliche Bestimmung.

Manchmal sind das Stoffe, die ich eher zufällig entdecke, manchmal aber suche ich auch direkt danach. Manchmal interessiert mich auch eine Landschaft und ich schau dann, ob es einen Stoff in der Gegend gibt. Und man kriegt inzwischen auch im Freundes- und Bekanntenkreis richtig viele Tipps und Anregungen.

Ich bin jedenfalls kein Geschichten-Nacherzähler. Das muss dann schon auch etwas mit mir zu tun haben. Es muss da eine Konfliktlinie geben, die ich sehen will, die auch mit Heute zu tun hat, selbst wenn die Geschichte 300 Jahre früher spielt. Und so habe ich etwa 10-15 Reiseideen, die vor sich hin gären, die aber noch nicht ausgereift, angereichert sind.

Gibt es denn konkret schon ein nächstes Ziel?

Ja, wir werden dieses Jahr nach Amerika gehen, also in die Vereinigten Staaten. Das sind zwei sehr schöne Geschichten, die ich jetzt aber nicht erzähle. In der Branche wird man auch mal abgeschöpft.

„Reisen fördert die Kreativität“, würdest du diesen Satz bestätigen?

Fürst Hermann von Pückler hat einmal gesagt: „Es geht nicht ums Reisen, es geht ums gereist zu haben.“ Er meint damit vor allen Dingen, dass Reisen sehr lange in einem nachwirkt. Papua-Neuguinea ist nun schon eine ganze Weile her, aber das hat so ein langes Echo in mir nach wie vor. Oder auch, wenn du am Nanga Parbat bist.

Es geht nicht darum, dass so innere Postkarten immer wieder hochfahren, sondern darum, dass man da echte Erkenntnisse erlangt hat und zwar die Eigenen und manche sind dann freilich auch mit Mühsal verbunden und mache auch mit Gefahren, auch, wenn wir die nie bewusst suchen. Und genau das kann man auch nur in eben dieser Form erleben. Das hilft, Muster zu erkennen. Wenn man beispielsweise im Fernsehen etwas über Schiiten und Sunniten sieht und hört, dass die sich da aufs Dach hauen… also ich war bei Schiiten, ich war aber auch bei Sunniten und zwar in Pakistan, wo es auch echt richtig gekracht hat und man hat plötzlich eine ganz klare Vorstellung und nicht diese Abziehbilder. Man weiß, dass die ja letztendlich auch eine Kultur verteidigen müssen. Eine komplett eigene Kultur, mit ganz eigenen Linien und Strukturen. So was kann dir kein schlaues Buch erzählen.

Was wünschst du dir für die Zukunft, vielleicht auch für dich ganz persönlich?

(überlegt) … Wünschen ist halt immer so etwas Profanes. (Lacht) Man wünscht sich, dass alles gut ist im Leben und dass man noch viele Entdeckungen vor sich hat. Das Meiste muss man sich erarbeiten.

Das Interview führte M. Kruppe.

Bildnachweis: Roberto Schirdewahn.
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„Manchmal bekommen Menschen Hilfe und erleben diese gegen ihre Selbstbestimmung.“ – Jennifer Sonntag im Interview zu „Seroquälmärchen“

Jennifer Sonntag, MDR-Moderatorin der „Sonntagsfragen“, langjährige Autorin und mit dem Inklusionspreis ausgezeichnete Inklusionsbotschafterin, veröffentlichte unlängst in der „Edition Outbird“ gemeinsam mit der Illustratorin Franziska Appel das „Seroquälmärchen“. Ein Erwachsenenmärchen, was den depressionsbedingten, stationären Aufenthalt in der Psychiatrie thematisiert und in eine merkwürdig „schwerelose Schmerzform“ bringt. Gründe für ein Interview gibt es auch darüber hinaus mehr als genug:

Jennifer, aufgrund Deiner Erblindung und damit verbundenen Sensibilisierung bist Du schon seit vielen Jahren und auf verschiedenen Ebenen Inklusionsbotschafterin: Du stellst an Prominente und aus Sicht beeinträchtigter Menschen „Sonntagsfragen“ beim MDR, Du steckst viel Herzblut in eine größere Wahrnehmung der Problematik, dass eingeschränkte Menschen allzu oft (noch) auf Alltagshindernisse stoßen, setzt Dich für die Selbststärkung von Menschen mit Behinderung ein, siehst inklusive Sexualität als eines Deiner Herzblutthemen, schreibst Bücher, vertonst mit der Deutschen Zentralbücherei für Blinde Hörbücher… und hast unlängst obengenanntes Buch veröffentlicht. Woher nimmst Du diese Energie? Was treibt Dich und was strebst Du an?

Als „Outbird“ bringt man sicher häufig eine höhere Energie auf, weil man alternative und kreative Lösungen für das eigene Leben und auch für die Menschen finden muss, für die gängige „Otto-Normalverbraucher-Strategien“ nicht funktionieren. Generell muss ich als blinde Frau an viele Dinge vollkommen anders herangehen und auch in meiner 16-jährigen Tätigkeit als Sozialpädagogin, in der ich mit Menschen arbeitete, die im Laufe ihres Lebens ihr Augenlicht verloren, ging es stets darum, die jeweils passenden inneren Lichtschalter der einzelnen Betroffenen anzuknipsen. Menschen kommen auf sehr unterschiedliche Weise zu ihren „Ansichten“ und Erkenntnissen, „erfassen“ und „begreifen“ verschieden und müssen für sich herausfinden, was für sie stimmig ist.
Aber egal ob blind oder sehend, im Grunde wünsche ich jedem Menschen seine eigenen individuellen Pfade zu finden, die oftmals gewundener, mühsamer und mit mehr Umwegen versehen sind als die geraden Wege. Wer man ist und wo man steht weiß man erst, wenn man sich mal verloren hat, viele Abzweige kennt, auch die brüchigen Straßen, die Wälder am Straßenrand, auch die Tunnel und Sackgassen und Möglichkeiten, wieder herauszufinden. Ich habe glaube ich nicht mehr Energie als andere, aber ich brauche mehr Energie und durch die Reibung am Leben zeigen sich mir sehr viele unbeackerte Landschaften, viele blinde Flecken, die ich beleuchten möchte.
Da das „sich Durchbeißen“ aber auch immer ein Mehraufwand ist und viel Kraft kostet, musste ich lernen, in die andere Schale der Waage Dinge hineinzulegen, die Körper und Geist entspannen. Klingt vielleicht abgedroschen, hat aber gedauert, eh ich das wirklich konnte. Ich bin noch mit dem Leitsatz „Blinde müssen immer zehnmal besser sein als Sehende, um in der Gesellschaft etwas wert zu sein“ aufgewachsen. Das kann schnell zur Überforderung führen, denn man ist ja auch nur ein Mensch. Ich strebe deshalb heute nichts mehr an, was mit den Erwartungen anderer zu tun hat und ich wünsche mir für jeden Menschen den passenden Lebenspullover, in dem er sich echt und frei von schädigenden Glaubenssätzen und den Strickmustern anderer in der Gesellschaft bewegen kann, der respektvolle Umgang miteinander und auch immer ein angemessenes Verantwortungsbewusstsein für sich und andere sei natürlich vorausgesetzt. Es kann unheimlich bereichernd sein, die unterschiedlichen Potenziale ganz verschiedener Menschen zu nutzen und zu leben, wie man es ja auch bei „Outbird“ sieht. Das lenkt dann auch weniger die Aufmerksamkeit auf die vermeintlichen Defizite, die ein Mensch mitbringt.

Besagtes Buch erschien bei „Edition Outbird“ und heißt „Seroquälmärchen“. Was steckt hinter dem ungewöhnlichen Namen? Was ist das Thema und was bewog Dich zu diesem besonderen Buch?

Ich habe einen nicht ganz so leichtfüßigen Schwerpunkt symbolisch in Pastell gehüllt. Mit „Seroquäl“ entschloss ich mich zur Veröffentlichung eines Psychiatriemärchens, welches ich in seiner Form und Thematik bewusst sehr schmal und sinnbildlich gehalten habe. Der Begriff „Seroquäl“ ist dabei als Literarisierung eines Medikamentennamens zu verstehen. Manchmal kämpfen Menschen händeringend um Hilfe und bekommen keine, manchmal bekommen Menschen Hilfe und erleben diese gegen ihre Selbstbestimmung. Das kann sehr quälend sein. Mein Text entstand, als ich Beobachterin dieser Kontraste wurde. Vielleicht können Kunst und Literatur etwas anstoßen, was fachliche Auseinandersetzungen manchmal nicht schaffen. Ich möchte mein modernes Märchen einerseits auf den Weg schicken, um auf mangelnde Teilhabemöglichkeiten von Menschen mit Behinderungen in therapeutischen Einrichtungen aufmerksam zu machen und andererseits für den heiklen Tanz zwischen Stabilisierungsmedikation und Selbstbestimmung zu sensibilisieren. Nicht immer ist dieser Balanceakt leicht für die Ärzte. Mein Märchenbuch ist nicht für Kinder geschrieben und nicht für Menschen in schweren depressiven Episoden geeignet, ich habe es aber trotz oder gerade wegen seines nicht leichten Kontextes mit all meinen Sinnen dem Leben gewidmet. Und ich möchte mich für die Menschen äußern, die es nicht oder nicht mehr können. Das Buch will nicht werten, es will lediglich Denkanstoß sein und ein Bewusstsein für Entscheidungen und die daraus resultierenden Flügelschläge schaffen.
Ich persönlich spreche mich klar für die Aufnahme von Menschen in schweren psychischen Notlagen in therapeutische Einrichtungen aus (eine Behinderung darf hier kein „Handicap“ sein) und auch für die Stabilisierungsmedikation bei schweren depressiven Episoden. Leider habe ich erleben müssen was passierte, wenn Menschen zu früh aufgaben und von dieser Stabilisierung nicht mehr profitieren konnten oder aufgrund ihrer Behinderung von gesundheitlicher Versorgung ausgeschlossen blieben.
Als blinder Mensch kann man quasi schon den Strick um den Hals haben und die verantwortlichen Therapieeinrichtungen lehnen einen ab, weil sie sich mit nichtsehenden Patienten überfordert sehen. Die Berührungsängste in den Köpfen des Klinikpersonals sind hier die eigentlichen Barrieren.
Als Inklusionsbotschafterin wünsche ich mir den Zusatz im Portfolio aller Kliniken auch in anderen medizinischen Bereichen, in denen es oft die gleichen Probleme gibt: Wir öffnen uns der Barrierefreiheit und sind für Menschen mit Behinderungen gern Ansprechpartner. Leider ist dies noch alles andere als selbstverständlich und natürlich müssen auch für die Kliniken vertretbare Bedingungen geschaffen werden.

Die beinahe surrealen, zerbrechlich-zarten Illustrationen fertigte Franziska Appel an, ebenfalls Hallenserin und Trägerin des Inklusionspreises. Wie kam es zu Eurer Zusammenarbeit, was verbindet Euch?

Willst du das wirklich wissen? Das ist nicht ganz jugendfrei! Menschen die etwas miteinander anfangen können erkennen sich glaub ich am Geruch. Darf ich das kurz erklären? Um das Unschöne besser beim Kragen packen zu können, befasse ich mich sehr intensiv mit Schönem und das definiere ich nach meinen Sinnesfreuden. Ich feiere meine Sinnesfreuden und veröffentliche auch erotische Kurzgeschichten. Mit meinem sehenden Partner habe ich erotische Kohle- und Kreidezeichnungen zu unserem Buch „Liebe mit Laufmaschen“ angefertigt. Wie man als blinde Zeichnerin mit einem sehenden Partner auf Papier agiert und mehr zu meinen erotischen „Eskapaden“ findet man auf der Website „Liebe mit Laufmaschen„. Und hier kommt auch Franziska Appel ins Spiel. Da auch blinde Menschen an erotischen Bilderwelten interessiert sind, hat sie unsere Zeichnungen für die blinden Besucher unserer Homepage wunderbar wortmalerisch beschrieben. Für blinde Menschen Bilder zu beschreiben und dann auch noch erotisch, das ist nicht einfach und es ermöglicht einen wahnsinnig aufregenden Dialog. Aber mit Franzi und mir ist es eine Art magnetische Anziehung und wir passen mit unseren Ideen immer wie ein köstlicher Cocktail zusammen. Sie kann nicht nur super Bilder beschreiben und Texte verfassen, sie ist eine sehr vielseitige Malerin und Zeichnerin und für mein „Seroquälmärchen“ fragte ich sie ob sie sich vorstellen könnte für mich Bilder zu entwickeln, die so oder so ähnlich auch in einer Psychiatrie hätten entstehen können. Wir verstehen uns in dieser Hinsicht blind und Franzis Stifte machen meine Gedanken immer wieder auf beeindruckende Weise sichtbar.

Stichpunkt Depression: Depression ist ja schon für Menschen ohne Behinderung ein schwarzes Monster; wie kann Mensch sich das zuzüglich einer Behinderung vorstellen? Haben es Menschen mit Behinderung ungleich schwerer, sich Selbstvertrauen und Souveränität anzueignen?

Behinderung plus Depression ist tatsächlich ein ungünstiger Doppel-Whopper. Nicht jeder behinderte Mensch erlebt im Laufe seines Lebens eine Depression, aber wie bei jedem anderen Menschen ohne Behinderung auch, kann das natürlich vorkommen. Das ist jedoch leider ein Tabuthema und man erlebt den Behinderten lieber als Optimisten und Frohnatur, der seinem Gegenüber mit einem Lächeln auf den Lippen die Befangenheit und die Berührungsängste nimmt. Betroffene fallen tragischer Weise allzu häufig aus dem System, da dieses nur auf „normale“ Depressionen ausgelegt ist. Ich habe psychiatrisch Tätige z. B. oft sagen hören: „Was soll ich denn mit einem Blinden in der Ergo- oder in der Sporttherapie anfangen? Ich weiß doch gar nicht, was ich mit dem machen soll!“ Diese Ablehnungserfahrungen verbessern natürlich nicht gerade das Selbstwertgefühl des Hilfesuchenden, der vielleicht kürzlich durch einen Unfall sein Augenlicht verlor. Ich arbeitete viele Jahre lang in einem helfenden Beruf und musste später leider auch in einer schwierigen Lebenslage am eigenen Leib erfahren wie es sich anfühlt, auf Hilfe angewiesen zu sein und keine zu bekommen, weil man mit der Blindheit fremdelte. Dann kam immer die Aussage: „Ach Sie sehen gar nichts mehr, überhaupt nichts mehr? Dann können Sie nicht kommen, Sie können sich ja gar nicht zu den einzelnen Therapiestationen orientieren und wir haben kein Personal, was Ihnen die Therapieinhalte erklärt“. Ein Mensch mit Behinderung ist auch nur ein Mensch und er kann, wie jeder andere auch, psychisch erkranken. Dabei muss die Behinderung nicht die Ursache sein, sie wiegt aber schwerer in einer depressiven Episode, wenn ohnehin die Welt um einen herum in schwarz versinkt, dann wird man auch die Blindheit nicht gerade als „Lichtblick“ empfinden.

Du bist aufgrund einer Krankheit allmählich erblindet. Wie kann man sich das vorstellen, immer weniger bis irgendwann gar nichts mehr sehen zu können? Wie ist es überhaupt möglich, damit umzugehen und den Lebensmut nicht zu verlieren?

Wir alle verarbeiten herausfordernde Lebensveränderungen in Phasen. Am Anfang ist man natürlich schockiert, will das nicht wahr haben, lehnt das ab, verdrängt, rebelliert, zieht sich zurück, ist neidisch auf alle, die noch sehen können, da ist das volle Programm an Gefühlen dabei. In meinen Vorträgen nenne ich das Modell zur Behinderungsverarbeitung „Hinter den sieben Bergen“ und am Ende des Tunnels ist metaphorisch gesprochen immer Licht, wenn man selber will und sich Zeit gibt. In der Mitte der sieben Phasen kommt die Trauerarbeit, die ist ganz wichtig und auch hier muss man den Gefühlen Raum geben, um in die nächsten Phasen übergleiten zu können. Manchmal stagniert das auch oder man überspringt eine Phase, später beginnt man aber zu schauen, wie man sein Leben neu strukturiert und organisiert, welche Potenziale, Menschen, Talente man aus dem Leben davor mitnimmt, man lernt seine Grenzen zu kommunizieren und viele neue Lichtschalter zu aktivieren. Leben heißt nicht Sehen, man kann blind selbstbestimmt und glücklich leben.
Rückfälle in eine frühere Verarbeitungsphase sind möglich, z. B. wenn ein sehr belastendes Ereignis hinzukommt, etwa Mobbing am Arbeitsplatz, der Tod eines geliebten Menschen, eine zusätzliche Erkrankung. Bei mir war es die Depression, die mich unter Wasser zog und ich kann sagen, die macht es erst wirklich finster, nicht die Blindheit, mit der kann man lustvoll und sinnlich leben, nicht aber mit der Grabesplatte der Depression auf der Seele. Die legte sich auf mich wie ein verzehrender Schleier und das nicht wegen meiner Behinderung sondern wegen einer zermürbenden und unfairen Situation am Arbeitsplatz, die zu einer gesundheitlichen Abwärtsspirale führte.

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Eines Deiner Lebensthemen ist (inklusive) Sexualität. Brauchen Menschen mit Behinderung eine Lobby für dieses Thema? Was unterscheidet sich vom sexuellen Selbstverständnis nichtbehinderter Menschen?

Ein großes Anliegen ist für mich die sexuelle Selbstbestimmung von Mädchen und Frauen mit Behinderungen, die im Vergleich zu ihren nicht behinderten Geschlechtsgenossinnen überdurchschnittlich häufig von sexuellen Übergriffen betroffen und bedroht sind. Hier spielt die Sozialisation durch Schule und Elternhaus auch eine entscheidende Rolle und die eigene Körperbildwahrnehmung ist im Falle der Blindheit oft auf eine bestimmte Weise durch sehende Bezugspersonen geprägt, die ihre Vorstellungen auf das blinde Mädchen oder die blinde Frau übertragen. Das ist oft gut gemeint, kann aber im negativen Fall nachhaltig Narben hinterlassen. Oft mussten sich blinde Frauen sehr selbstwertschädigende Sätze anhören, wie ich während meiner Arbeit an der Anthologie „Hinter Aphrodites Augen“ erkennen musste. Sie berichteten von Sätzen wie: „Du kannst froh sein, wenn du überhaupt einen Mann abbekommst“, „Deine Augen sehen zum Kotzen aus“, „Als Blinde kannst du keine langen Haare tragen, die kannst du gar nicht pflegen“, „Wer mit einer Blinden zusammen ist, muss ja einen Helferkomplex haben“ oder „Wenn du als Blinde einen kurzen Rock trägst, muss du dich nicht wundern, wenn dir was passiert.“
Mutige Seminarteilnehmer fragten mich manchmal, ob ich überhaupt schon mal einen Freund hatte und wie das so funktionieren kann mit dem Kennenlernen, dem Verlieben, der Sexualität und dem Beziehungsalltag, wenn ich doch blind bin. Nicht selten ging man auch davon aus, dass mein sehender Partner meine Outfits zusammenstellt und mich wie ein Püppchen zurechtmacht und man zollte ihm großen Respekt dafür, dass er überhaupt mit mir zusammen ist. Seine „Lebenslaufmaschen“ waren ihm ja nicht auf die Stirn geschrieben.
All das macht natürlich auch etwas mit dem erotischen Selbstverständnis oder der Selbstbehauptung von Frauen mit Behinderungen und zeigt, dass diese Themen noch nicht ausreichend angenommen und angekommen sind. Ich möchte natürlich in die andere Richtung, ich möchte Frauen und Mädchen mit Behinderungen in ihrer Selbstwahrnehmung und im Ausdrücken ihrer Bedürfnisse stärken und tue dies auch in zahlreichen Projekten, etwa in meiner verschriftlichten Workshop-Sammlung „Der Geschmack von Lippenrot“, die zur Leipziger Buchmesse 2019 erscheint und in welcher ich blinde und auch sehende Frauen zu einer selbstbestimmten Auseinandersetzung mit dem äußeren und inneren Spiegelbild anrege.

Liebe Jennifer, wir danken Dir für dieses Gespräch.

Noch ein Wort zu Veranstaltungsreihen konkret zu Behinderung und Sexualität, ich erhalte dazu häufig Anfragen. Fachvorträge oder Schulungen diesbezüglich biete ich schon deshalb nicht an, weil wir Menschen mit Behinderungen sehr unterschiedlich ticken und wie alle anderen auch, sehr unterschiedliche Vorlieben haben. Ich bin nicht der Weisheit letzter Schluss, ich bin nur eine Idee. Aber ich möchte mit meiner Arbeit Türen aufstoßen und Interessierte anregen, dahinter noch viele weitere Türen, Spielräume und Spielarten zu entdecken. Deshalb möchte ich die Lesereihe „Querschnitte für Querköpfe“ meiner „Verlagsgeschwister“ Franziska Appel und Benjamin Schmidt leidenschaftlich empfehlen, denn hier werden zahlreiche dieser Türen und ungeahnte Erkenntnisaugen geöffnet. Wir erfahren, wie sich blinde Menschen erotische Bilderwelten erschließen, wie die Klänge unkonventioneller Berührungen zu Ganzkörperorgasmen anschwellen und wir lernen Querköpfe mit und ohne Querschnittslähmung kennen, die uns eine Menge über Körperflüssigkeiten aller Art erzählen können. Auch wenn dies kein Fachvortrag oder keine Schulung im eigentlichen Sinn ist, so werden doch verschiedenste Aspekte im Zusammenspiel von Sexualität und Behinderung thematisiert und erklärt. Und sind erst einmal die Türen geöffnet und anfängliche Hemmschwellen mit einer Rampe versehen, kann zudem der anschließende Austausch in lockerer Atmosphäre sehr aufschlussreich sein. Neugierig geworden? Interessierte wenden sich bitte an: Franziska Appel (appel.franziska[at]gmail.com).“

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweis: malsehn! Media.
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„Es gelang mir nicht den Kreislauf zu durchbrechen, obgleich mir die Faktoren bekannt waren“ – Tami Weissenberg im Interview zu „Darjeeling Pur“

Tami Weissenberg, 36 Jahre alt, erlitt in seiner Ehe viele Jahre lang zum Teil massive Gewalt durch seine damalige Partnerin. Um vor allem psychisch zu überleben, dokumentierte er das Geschehen akribisch. Aus der Aufarbeitung seiner Notlage entstanden zahlreiche Medienberichte und mit Plauen die mittlerweile dritte Gewaltschutzwohnung für Männer in Sachsen.

Seine Aufzeichnungen erscheinen aktuell im romanhaften Tagebuch „Darjeeling pur“ in der „Edition Outbird“. Es liegt auf der Hand, dass wir Tami zu seiner Person und zur Gewaltschutzsituation in Deutschland im Allgemeinen befragten.

Tami, warum verwendest Du ein Pseudonym?

Ich habe noch immer Bedenken und Respekt vor meiner Peinigerin. Die Trennung und Scheidung ist zwar Jahre her und sie ist nun wieder verheiratet und hat ein neues „Opfer“, aber ich kann noch immer nicht abschätzen wie sie reagiert wenn sie erfährt das ich ihre Misshandlungen zum Anlass genommen habe etwas gegen das Thema „Häusliche Gewalt gegen Männer“ zu tun. Außerdem lege ich ja in meinem Buch ihren Charakter und ihre „Taten“ offen. Hier bestehen meine größten Bedenken das sie diese Offenlegung als Anlass nehmen könnte ihre Gewaltübergriffe – die am Ende sogar in der Öffentlichkeit stattgefunden haben – wieder aufzunehmen. All das möchte ich mir ersparen.

Wie erklärst Du Dir heute mit großem zeitlichen Abstand, dass es zu einer derartigen Abhängigkeit kam, die Dich viele Jahre lang nicht aus einer massiven Gewaltspirale hat ausbrechen lassen können? Wie kam es soweit?

Eine wirklich abschließende Erklärung habe ich dafür bis heute nicht. Ich war mir zu jedem Zeitpunkt bewusst in welcher Situation ich stecke und das diese nur durch Abhängigkeiten, Angst und Unterwürfigkeit aufrecht gehalten wird. Ich war hier völlig reflektiert. Dennoch gelang es mir nicht den Kreislauf zu durchbrechen, obgleich mir die Faktoren bekannt waren. Sie schuf anfangs eine Umgebung die einen Beschützerinstinkt in mir hervorgerufen hat. Diese Charaktereigenschaft erkannte sie sehr schnell an mir, nämlich meine Schwäche für hilflose und benachteiligte Menschen. Ich kann es bis heute nicht ertragen, wenn Menschen in hilflosen Situationen ungerecht behandelt werden. Da sie damals angab von ihrem Ehemann misshandelt zu werden rief sie sofort diese Eigenschaft in mir hervor. Diese Verletzlichkeit hielt sie sehr lange aufrecht.
Nach ihren ersten Gewaltangriffen folgten stets Tränen und Einsichtigkeit. Dies machte sie, trotz ihrer Angriffe, für mich verletzlich und bedauernswert. Dies war meines Erachtens nach eine bewusst ausgeführte Handlung von ihr, da sie deutlich merkte, dass sie mich damit immer wieder halten konnte. Darauf folgten dann immer intensiver ihre Wünsche und Forderungen die, sofern sie nicht erfüllt wurden, stets in Gewalt und Misshandlung ausuferten. Da ich von klein auf jegliche Form der Gewalt ablehne, hatte ich stets große Angst vor ihren Übergriffen und den damit verbundenen Schmerzen – physisch wie psychisch. Ich ging immer den Weg des geringsten Widerstandes. Folgte ich ihren Forderungen, konnte ich ihre Übergriffe abschwächen.
Dinge wie ein gemeinsames Konto, eine gemeinsame Wohnung, das Abschaffen meiner persönlichen Dinge, das Unterbinden sämtlicher Kontakte zu Freunden und Familie sowie die ständige Kontrolle über meinen Alltag schlichen sich mehr und mehr in die Beziehung ein. Sie stellte dies stets sehr geschickt an, da sie jede Sanktion mit vermeintlichen Vorteilen und positiven Aspekten verband. Außerdem gab sie mit jedem Gewaltübergriff immer deutlicher zu verstehen was mir widerfahren würde wenn ich ihre Forderungen missachte. Trotz klaren Bewusstseins war es eine Spirale aus Angst, Abhängigkeit und dem Hoffen, dass es aufhören würde. Mit Angst und Abhängigkeit kann man Menschen aller Bevölkerungsschichten auf der ganzen Welt kontrollieren. Dies beherrschte sie in Perfektion.

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Du erzähltest in einem unserer Gespräche, dass besagte Ex-Partnerin nach Gewaltexzessen wie dem, in dessen Resultat Du mit gebrochenem Bein und blutüberströmt im Keller des Hauses lagst, regelmäßig in einen Swingerclub fuhr und Sex mit anderen Männern hatte. Wie muss man sich das psychische Profil eines solchen Menschen vorstellen?

Ob ich diese Frage wirklich beantworten kann, vermag ich nicht einzuschätzen. Ich kann im Nachhinein teilweise sagen wie die Entwicklung dieser Frau verlief, vielleicht gibt dies einen Einblick in die Gründe wieso sie das alles getan hat – und heute noch tut. Sie wuchs in einem winzigen Ort innerhalb der Deutsch-Deutschen Grenze auf. Schon in jungen Kinderjahren lebten ihre Eltern in Streit, Trennung und Scheidung. Dies wurde auch in großen Teilen zu ihren Lasten ausgetragen. Sie erfuhr viel Ablehnung, Gewalt, Missachtung und Gleichgültigkeit. Auch wurde sie in sehr jungen Jahren mit dem Verlust geliebter Menschen konfrontiert – so zum Beispiel verstarb ihre Großmutter am Tag der Jugendweihe. Diesen Verlust konnte sie durch die besagten Umstände nie wirklich verarbeiten. Auch lernte die Mutter einen neuen Mann kennen. Die Mutter hatte wohl nur den neuen Mann im Sinn und demzufolge stand sie als Tochter stets ganz am Ende der Kette. Diese stetige Ablehnung und Missachtung kompensierte sie zunehmend mit Ersatzbefriedigung. Diese bestand aus finanziellen und materiellen Ersatz. Besaß sie etwas tolles, so staunten die Leute um sie herum. Die fehlende Aufmerksamkeit konnte man also mit Geld und Besitz kaufen. Dies erkannte sie sehr schnell. Das immer größer werdende Bedürfnis nach Geltung war ab einem Zeitpunkt nur noch mit Hilfe anderer Menschen umsetzbar, da sie von ihrem Ausbildungsstand her keinen Beruf ausüben konnte der ihr diese enormen finanziellen Mittel in Aussicht stellte. Aus dem Bedürfnis hat sich eine regelrechte Sucht entwickelt.

Bekommt sie nicht was sie will oder spielt das Umfeld nicht mit, wie sie will, wird sich das Geforderte erzwungen – mit Gewalt. Sie hat schnell erkannt, dass sich Menschen mit Gewalt, Kontrolle und Unterdrückung perfekt kontrollieren und benutzen lassen – und ihr damit jeden Wunsch erfüllen. Wieso sie die Eigenart entwickelte am Höhepunkt ihrer Gewaltexzesse stets ein Abreagieren in Form von Sex mit fremden Männern zu suchen kann ich bis heute nicht erklären. Diese Methode kommunizierte sie jedoch stets sehr offen und lebte dies als völlige Normalität.

War eine körperliche Gegenwehr nie Thema für Dich?

Körperliche Gegenwehr war nie ein Thema für mich. Ich verachte bis heute jegliche Form von Gewalt. Ich lebe streng nach der Annahme, dass sich jegliche Konflikte gewaltfrei lösen lassen. Sie gab mir auch jederzeit unmissverständlich zu verstehen, dass sie – sollte ich mich wehren – mich jederzeit wegen Ausübung häuslicher Gewalt anzeigen würde. Zu oft verletzte sie sich vor meinen Augen selbst, fotografierte dies, und sagte dann das dies ein Beweis wäre das ich sie misshandle, sofern ich mich trauen würde mich zu wehren oder ihre Übergriffe zur Anzeige zu bringen.

Wie bist Du der Situation letztlich entkommen? Welche Hilfe wurde Dir zuteil und wie wirksam sind Therapien in Fällen wie deinem?

Welcher Impuls mich letztendlich hat gehen lassen ist mir bis heute unbekannt. Ich kann nur sagen, dass ich an einem Tag starke Halsschmerzen hatte. Ich war so unendlich sauer, dass ich mir es nicht mal erlauben kann Medizin dagegen zu kaufen (da jede Sekunde meines Tages kontrolliert wurde), dass ich aus einem mir bis heute unbekannten Impuls das Handy ausschaltete und nicht nach Hause fuhr. Ich fuhr in die Apotheke und kaufte Halstabletten, kaufte mir danach ein paar Unterhosen und fuhr ab diesem Moment nie wieder zu dieser Frau zurück.

Meine größte Hilfe war damals, dass ich all meine Erlebnisse aufschrieb und mich Tag für Tag bewusst mit dem Erlebten auseinandersetzte. Eine Männerschutzwohnung oder gar ein Männerhilfsnetzwerk gab es damals noch nicht. Mit Freunden, Bekannten oder gar meiner Familie redete ich nicht darüber, da ich schnell merkte, dass in der Gesellschaft eine gewisse Ablehnung beim Thema „Häusliche Gewalt gegen Männer“ besteht. Eine kurzzeitige Hilfe erhielt ich damals von meiner Arbeitskollegin und deren Mann, welcher Pfarrer ist. Ihnen konnte ich in Bruchteilen erzählen was mir widerfahren ist und ich fand Unterkunft im Pfarrhaus. Ein weiterer wichtiger Hilfsaspekt war eine gezielte Psychotherapie um das Erlebte aufzuarbeiten. Das Niederschreiben meiner Erlebnisse und die gezielte Psychotherapie waren im nachhinein betrachtet eine für mich sehr gute Verarbeitungshilfe. Das bewusste Auseinandersetzen mit meinen Erlebnissen – und dass ich mich im Nachhinein nicht als Opfer sehe – war mir die beste Basis. Ohne die hätte ich es nie geschafft ein eigenes Hilfsnetzwerk zu gründen.

Wie ist die statistische Opferquote zwischen Männern und Frauen aufgeteilt?

Anbei ein paar Zahlen aus dem ‚Lagebild Häusliche Gewalt‘ des LKA Sachsen. Dort gab es im Jahr 2016 1804 männliche und 4277 weibliche Opfer über 18 Jahre. Im Durchschnitt der Jahre 2010 bis 2016 beträgt die männliche Betroffenheitsquote 25,7%. Überproportional häufig mit 43% werden Männer Opfer in der Kategorie „schwere Körperverletzung“. Um Missverständnissen vorzubeugen sei aber darauf hingewiesen, dass Männer auch etwa 78% aller Tatverdächtigen (bei genereller Gewalt) ausmachen.

Bundesweit lag die Zahl der zur Anzeige gebrachten Übergriffe auf Männer im Jahr 2012 bei ca. 20.000, 2015 lag diese bei ca. 23.000. Sachsenweit wurden letztes Jahr ca. 1.700 Fälle zur Anzeige gebracht, 3 davon endeten tödlich. Auf die Polizeidirektion Zwickau herunter gebrochen gab es 86 Fälle, 61 davon fanden im Vogtland statt.

Im Januar 2018 wurde im Freistaat Thüringen eine Statistik veröffentlicht, aus welcher hervorging, dass in Thüringen mehr Männer als Frauen Opfer von häuslicher Gewalt geworden sind. Die Studie zog sich über den Zeitraum von 2011 bis 2016 und wurde vom Innenministerium sowie der Polizei geführt. Bei den aufgelisteten Fällen handelte es sich u. A. um versuchte und vollendete Tötungsdelikte im sozialen Nahraum (Quelle: www.inSüdthüringen.de ).

Wie schätzt Du die derzeitige Situation in Deutschland, spezielle Mitteldeutschland und Sachsen ein, was Gewalt- und Opferschutz sowie Interventionsarbeit betrifft? Wie weit sind wir diesbezüglich in Sachen Gleichstellung?

Hier muss man eingangs sagen, dass man hier wirklich noch recht am Anfang steht. Sachsen zeigt sich stark engagiert, da es nunmehr seit Ende 2016 ein Pilotprojekt „Männerschutzwohnungen in Sachsen“ gibt, welches vom Freistaat Sachsen finanziert wird. Es existieren zwei Männerschutzwohnungen sowie dazugehörige Trägervereine. Die Landesfachstelle Männerarbeit Sachsen begleitet das Pilotprojekt fachlich und zusätzlich durch die Kampagne „Mann, gib dich nicht geschlagen.“ (www.gib-dich-nicht-geschlagen.de). Grundsätzlich können von Gewalt betroffene Männer jede Anlaufstelle aufsuchen die auch Frauen aufsuchen, wie z.B. die Interventions- und Koordinierungsstellen, die es in verschiedenen Bundesländern gibt, sowie die Beratungsstellen der Opferhilfe und des Weißen Rings. Jedoch existiert hier eine große Scham seitens der betroffenen Männer, sich zum einen erst einmal zu outen und zum anderen, sich an eine Stelle zu wenden, welche Gewalt mehr oder weniger im „Allgemeinen“ behandelt.
In Sachen Gewaltschutz sollte es zuerst eine einheitliche Regelung in allen Bundesländern sowie deutschlandweit geben, denn ohne diese Grundlage wird man keine wirkliche Gleichberechtigung schaffen. Sachsen z. B. verfolgt das Thema intensiv. Das Pilotprojekt Männerschutzwohnungen wird 2019/2020 für zwei weitere Jahre gefördert, um noch mehr Erfahrungen für den Betrieb von Männerschutzprojekten zu sammeln. Thüringen als benachbartes Bundesland hat zwar in den letzten Jahren große Versprechungen seitens der Politik gemacht – aber es wurde weder eingehalten noch umgesetzt. Somit musste der Thüringer Männerschutz, welcher in Gera einen sehr guten Anfang nahm und mit einem durchdachten Konzept eine Gewaltschutzwohnung umsetzte, nach nur kurzer Lebensdauer wieder eingestellt werden.

Gerade in Anbetracht der erst im Januar 2018 veröffentlichen Studie, dass in Thüringen mehr Männer als Frauen Opfer von häuslicher Gewalt im sozialen Nahfeld waren, ist dies nicht nachzuvollziehen. Hier herrscht, neben der allgemein fehlenden Lobby für dieses Thema, ein massives Ungleichgewicht, was die Wichtigkeit des Themas angeht.

Warum haben wir dieses extreme Ungleichgewicht? Abgesehen von der absolut indiskutablen AfD und in Teilen der FDP fahren ja alle Parteien ausschließlich frauenrechtliche Programme – wie kann daraus ein humanistisches Hilfesystem ohne diskriminierende Geschlechtergrenzen entstehen?

Dies ist eine Frage die mich sehr beschäftigt, auf die ich aber keine Antwort parat habe. Ich grüble momentan auch nicht über diese Frage nach, denn sonst wäre die Arbeit die wir leisten nicht machbar – sondern würde mich und uns nur resignieren lassen. Ich denke jedoch das es hier ein grundsätzliches Problem gibt von welchem alles ausgeht: der Mann ist jeher das stärkere Geschlecht. Er ist groß und stark und zeitlebens der Beschützer und Macher in der Entwicklung der Menschheit. Das auch dieser vermeintlich starke Mensch Hilfe benötigt und in Angst, Gewalt und Hilflosigkeit leben kann, ist in weiten Teilen der Gesellschaft praktisch nicht existent – in den Köpfen wie auch im wahren Leben. Dies gilt es zu allererst zu überwinden – es mangelt an Aufklärung.

Welche Akteure arbeiten in Deutschland derzeit am und für den Männerschutz? Wie viele Männerschutzwohnungen gibt es bei wie vielen Frauenhäusern?

In Oldenburg (Niedersachsen) engagieren sich Männer über den Männerwohnhilfe e.V. seit 2002 und bieten seitdem eine Zufluchtsstätte für gewaltbetroffene Männer an. Eine Zeitlang wurde das durch eine Beratungsstelle flankiert, die leider derzeit nicht mehr gefördert wird. In Sachsen betreiben der LEMANN e.V. in Leipzig sowie das Männernetzwerk Dresden e.V. Männerschutzwohnungen für jeweils 3 Männer und bei Bedarf auch ihre Kinder. In Plauen habe ich im Januar 2018 ebenso einen Verein zum Männerschutz gegründet – welcher auch eine Schutzwohnung betreibt. Seit Sommer 2018 existiert eine weitere Männerschutzwohung in Stuttgart, die durch die Sozialberatung Stuttgart betrieben wird. In Berlin und Ketzin (Brandenburg) werden Schutzprojekte ehrenamtlich ohne Förderung betrieben. Die Männerschutzwohnungen in Osterode am Harz und in Gera mussten leider inzwischen aufgrund mangelnder Rahmenbedingungen wieder geschlossen werden. Zum Vergleich: In Deutschland gibt es rund 353 Frauenschutzhäuser mit insgesamt über 6.000 Plätze. Hinzu kommen ca. 750 Fachberatungsstellen bei Gewalt gegen Frauen. In Deutschland existiert ein sehr dichtes Netz an Unterstützungseinrichtungen für gewaltbetroffene Frauen und ihre Kinder. Den 5 Männerschutzprojekten stehen somit bundesweit 353 Frauenschutzprojekte gegenüber. Politisch und fachlich werden derzeit 3 – 5 Männerschutzprojekte für jedes Bundesland gefordert.

Seit 2016 tauschen sich die existierenden Projekte sporadisch in bundesweiten Netzwerktreffen aus.

Symbolfoto

Du selbst hast in Plauen den Weissenberg e. V. initiiert, in dem zahlreiche hochrangige Fachleute sitzen bzw. ein kompetentes Netzwerk besteht – vom Fachanwalt über Therapeuten bis hin zu Ärzten und Leuten aus Politik und Medien. Darüber hinaus interessieren sich seit geraumer Zeit Leitmedien wie ZDF info, der Spiegel oder MDR Kultur für Deine Geschichte. Wie erklärst Du Dir diesen Zuspruch und dieses Vertrauen?

Ich gehe sehr offen mit meinem Erlebten um, berichte darüber und zeige mich als einen Mensch der daran nicht zerbrochen ist. Ich sehe mich nicht mehr als Opfer – sondern als einen ehemaligen Betroffenen, der noch auf beiden Beinen steht und sein Erlebtes nutzt um anderen Betroffenen zu helfen. Ich glaube, dass diese offene und selbstbewusste Art, die ich zu diesem Thema habe, dem ganzen ein Gesicht gibt – bzw. anfängt, dem ein Gesicht zu geben.

Dieser offene Umgang scheint ein Signal gesetzt zu haben. Ein Signal, was da heißt „dies ist kein Tabuthema“. Und gerade weil es bisher so ein Tabuthema ist, wird es als sehr willkommen gesehen das hier jemand so offen und selbstverständlich damit umgeht. Dies ist der erste Schritt dem Thema ein Gesicht zu geben und eine Lobby zu schaffen. Die Mitglieder und Unterstützer meines Vereines kennen mich als lebensfrohen, witzigen und stets offenen und hilfsbereiten Menschen. Dass auch ich viele Jahre von häuslicher Gewalt und Misshandlung betroffen war zeigt vielen Menschen die Gegensätzlichkeit und Unfassbarkeit auf – besonders im Hinblick darauf, dass es weder einen bestimmten Typ Mensch noch eine gewisse soziale Struktur bedarf, um von Gewalt betroffen zu sein.

Welche Ziele hast du dir über die Errichtung der Gewaltschutzwohnung und das nun erschienene Buch hinaus gesetzt?

Das wichtigste Ziel ist für mich, dass ich durch Offenheit und durch selbstbewusstes Umgehen mit dem Thema „Häusliche Gewalt gegen Männer“ eine Lobby und ein Gesicht für dieses Thema schaffe. Kein Wegschauen mehr, keine Scham, kein Belächeln – sondern volle Akzeptanz, Gleichberechtigung und vollen Respekt. Jedes Lebewesen auf der Erde hat das Recht auf körperliche und seelische Unversehrtheit !

Tami, wir bedanken uns für das Gespräch und dein Vertrauen.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweis: Privat / Stockbroker.
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„Ich finde, dass die Welt etwas mehr Gefühl vertragen könnte, mehr Sensibilität“ – Benjamin Schmidt im Interview zu „Fick die Musen“

Benjamin Schmidt, vor Jahren nach Berlin ausgewanderter Thüringer, im Brotjob bei einer Veranstaltungsagentur tätig, kann´s einfach nicht lassen, gute Bücher zu veröffentlichen und ganz nebenher auch diverse Lesungen und Touren abzuhalten. Unlängst erschien in der „Edition Outbird“ mit seinem Lyrikneuling „Fick die Musen“ ein ziemlich berührendes Stückchen Lyrik, dass im Kern facettenreich die Zerbrechlichkeit und Verlustgefahr von Liebe thematisiert.

Benjamin, das ebenso wunderschöne wie morbide Cover Leo Rumerstorfers für Dein neues Buch „Fick die Musen“ verspricht nicht zu viel, vielmehr zeigt es 1:1 auf, was Deine Leserschaft erwartet: verletzte, verletzliche, manchmal trotzig-resignierende, manchmal beschwingte Lyrik, die zutiefst unter die Haut geht. Man bekommt den Eindruck einer mitreißenden Zäsur, die ihren Weg in Deine Verse fand. Hast Du den Glauben an die Liebe verloren?

Vielen Dank für die lieben Worte zu meinem Buch. Aber natürlich habe ich den Glauben an die Liebe nicht verloren, sofern es da einen Glauben gibt. Ich liebe einfach und höre auch nicht damit auf. „Fick die Musen“ zu schreiben war sehr aufwühlend für mich und mit vielen schlaflosen Nächten verbunden. Lyrik ist für mich immer etwas sehr Intimes und auch Mitreißendes, deshalb würde ich mir wünschen, dass „Fick die Musen“ auch die schönen Seiten des Liebens und des Schreibens aufzeigt, auch wenn die Grundtonart natürlich eher Moll ist. Besonders freue ich mich darüber, dass das Cover so gut ankommt, denn ich halte Leo für einen der größten noch lebenden Künstler und seine dämonischen Musen haben genau das zur Geltung gebracht, was ich versucht habe in Worte zu kleiden. Dabei macht der Mann seit Ewigkeiten keine Federzeichnungen mehr, was mich einfach sprachlos macht.

Wer sich mit Deinen Texten auseinandersetzt und Dich etwas näher kennenlernt, nähert sich auf sehr sympathischer Weise hoher männlicher Sensibilität an. Magst Du wider abgehangener Klischees eine Lanze für sensible Männer brechen (die ja allzu oft ihren Weg in Literatur und Kunst finden, um sich auszudrücken)?

Nein, also… nein. Ich finde generell, dass die Welt etwas mehr Gefühl vertragen könnte, vielleicht auch mehr Sensibilität. Bei all der Rohheit und Verhärtung der Gemüter wäre es mehr als nur erfreulich, könnte ich mit meinen Büchern ein wenig dagegenhalten. Das bezieht sich dann aber auf einen gewissen Zeitgeist, der keine Tiefe mehr kennt, sondern nur noch Härte. Als Mann erfülle ich sicher selbst ein paar abgehangene Klischees – aber bei weitem nicht alle!

Du bist ja schon eine ganze Weile aktiv – als Autor, charmanter Bühnenquerkopf, Multiprojektjunkie. Was treibt Dich an, was füllt Dich aus, was ist die Botschaft hinter Deiner Literatur?

Schwierig. Ich bin nicht intelligenter als jeder andere auch und somit kann die Botschaft oder der Sinn dahinter nur sein, meine Kunst zu teilen und auf diese Weise dazu beizutragen, dass Menschen sich darüber unterhalten, nachdenken, weiterdenken. Es ist schön, zu jemandem durchzudringen und ihm ein Gefühl zu geben, das sein Leben bereichert. Ich verkünde keine Weisheiten, aber ich gebe Denkanstöße, so wie die Kunst keine Befehle erteilen oder Wahrheiten verkünden kann. Aber sie kann, sie sollte wahrhaftig und fühlbar sein und Türen öffnen, nicht verschließen.

Was mich dabei antreibt? Ich weiß es wirklich nicht… Ich habe schon oft darüber nachgedacht, es einfach sein zu lassen, aber am Ende ist es wie eine Sucht, eine Form der Abhängigkeit, die manchmal sehr erbärmlich und hässlich sein kann. Aber eben auch unheimlich berauschend. Kreativität ist meine Droge. Ich brauche das einfach für mich und anders als bei anderen Süchten: Neben der Zerstörung, kann ich etwas erschaffen, was auch anderen etwas bedeutet. Wenn das nicht ein großer Antrieb ist…

Unter anderem engagierst Du Dich mit Jennifer Sonntag und Franziska Appel in (kreativ)literarisch inklusiven Projekten, Du selbst bist durch eine, wie Du auf Deiner Website schreibst, „verhängnisvolle Entscheidung“, körperlich behindert. Willst Du uns mehr darüber erzählen? Welche Projekte sind das, was steckt dahinter?

Mit Franzi arbeite ich derzeit an einem erotischen Kurzgeschichtenband, der Menschen mit verschiedenen Behinderungen in Wort und Bild beim Sex oder anderen sinnlichen Abenteuern zeigen wird. Die Zusammenarbeit ist so spannend und vielseitig. Ich freue mich wie ein Kind, wenn ich auf ihre Bilder und Texte warte. Mich langweilen bei erotischer Literatur eben oft Stereotypen, überhaupt diese strahlende Überblendung, wenn es um Sex geht. Sex hat weniger mit dem Körper zu tun als mit dem Kopf und den haben Behinderte ja auch. Auch sie haben ein Recht anspruchsvolle, erotische Kunst zu genießen, mit der sie sich identifizieren können und auch für alle anderen soll es eine spannende Erfahrung sein. Das Zusammenspiel zweier gesunder und dem Schönheitsideal entsprechender Körper macht noch keinen guten Sex aus. Das Behinderte auch als sexuelle Wesen wahrgenommen werden, wäre daher schon ein wichtiges Anliegen. Abgesehen davon, macht es mir aber einfach nur Spaß darüber zu schreiben – durch meinen Selbstmordversuch und die daraus resultierende Querschnittslähmung habe ich ja selbst so meine Erfahrungen machen dürfen und auch Franzi weiß zu diesem Thema einiges zu sagen. Die Welt ist vielseitig. Sex ist vielseitig. Also schreiben wir darüber, um diese Vielfalt zu erhalten.

Für Jenny habe ich lediglich das Grafikdesign für ihr wundervolles „Seroquälmärchen“ übernommen. Ich liebe wirklich alles, was sie schreibt und in Zukunft wird es sicher noch die eine oder andere Überschneidung unserer Arbeit geben, weil es einfach eine Herzensangelegenheit ist.

Seit vielen Jahren schon bist Du mit M. Kruppe freundschaftlich und als Autoren- und Tourkollegen verbunden. Die letzte „Sex & Drugs & LiteraTOUR“ ist nun aber schon eine ganze Weile her. Wann gibt´s eine Neuauflage?

Ja, M.Kruppe und mich verbindet eine sehr innige Freundschaft und natürlich bewundere ich ihn auch für seine Texte, die kein anderer so schreiben könnte – davon bin ich überzeugt. Ich trinke oft nach einem Solo-Auftritt den ersten Schnaps auf ihn, aber das habe ich ihm nie erzählt. Die SDL-Touren sind deshalb immer etwas Besonderes für mich und auch in diesem Jahr soll es einige Auftritte geben. Dazu kann ich aber derzeit noch nicht viel verraten.

Leider habt Ihr beim damaligen Tourtermin in Gera die Erfahrung machen müssen, wie ein Veranstalter ganz und gar nicht ticken sollte. Einer Deiner Texte greift das Desaster auf. Was war passiert und was sollte ein Veranstalter unbedingt tun und unbedingt vermeiden?

Haha, nicht nur in Gera. Es gibt hier und da immer mal wieder Probleme, wenn Veranstalter glauben, es wäre die Aufgabe des Künstlers, Werbung zu machen. Meistens ist das Desaster vorprogrammiert, wenn Veranstalter nicht an ihre Veranstaltungen glauben, dann sollten sie diese nicht annehmen. Es ist scheiße, als Künstler irgendwo zu Gast zu sein und dann nicht wie ein Gast behandelt zu werden, sondern wie ein Störelement. Es gibt aber auch wahnsinnig sorgsame und engagierte Veranstalter, was wir auch schon sehr oft erleben durften. Ein fairer Deal und Höflichkeit sind eigentlich schon mal gute Voraussetzungen und wenn es mal nicht so läuft, trotz aller Bemühungen – dann Offenheit und der Wunsch für beide Parteien einen annehmbaren Kompromiss zu finden.

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Was wird in naher Zukunft von Dir zu erwarten sein? Und was magst Du Deiner und unserer Leserschaft mit auf den Weg geben?

Oh je – es gibt so viele Projekte, die in Aussicht zu stellen noch etwas gewagt wären. Das Kunstprojekt mit Franziska Appel liegt aber in greifbarer Zukunft, dazu soll es auch mehrere Lesungen und Ausstellungen geben. Mein Fantasy-Roman wartet auch schon ungeduldig auf Fertigstellung, sowie das ein oder andere musikalische Projekt – sehr spannend also!

Zum Schluss würde ich meinen Lesern gerne mein neues Buch mit auf den Weg geben in der Hoffnung, ihnen damit ein nachhaltiges Lesevergnügen zu schenken – und auch von ganzem Herzen im Interview genannte Künstler empfehlen: Leo Rumerstorfer, Jennifer Sonntag, Franziska Appel, M.Kruppe…

Benjamin, wir danken Dir für dieses Gespräch.

Ich habe zu danken. Haut rein!

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweis: Nightqueen.
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„Der wichtigste Gedanke für uns ist, Leben und Denken als etwas Labyrinthisches zu verstehen“ – Axel Kores & Christoph Liedtke im Interview

Ein dunkler Zuschauerraum. Eine große Bühne, die tiefrot beleuchtet ist. Im Hintergrund eine Leinwand auf der Bilder in schneller Abfolge als eine Art Film laufen. Die Szenen: schwarz, weiß und düster. Düster auch die gesamte Szenerie. An einem Tisch, auf dem allerhand technische Gerätschaften stehen, lehnt eine große Glasscheibe, über die eine dunkle Gestalt mit dem Finger reibt. Tonabnehmer sorgen dafür, dass jenes Geräusch durch die Kabel in einen Verzerrer und von aus in eine Loopstation geschickt werden.

Daneben die Silhouette eines weiteren Künstlers, der am Boden kniend seinen Bass bearbeitet. Auch dieser Sound verzerrt und geloopt, entsteht eine Komposition irgendwo zwischen Industrial und Avantgarde-Noise. Viele würden meinen, das sei Krach, aber hinter dieser musikalischen Symbiose steht ein Konzept. Das war im Februar auf der Bühne des Boots-Schuppen im längst aus den Grenzen des Geheimtipps getretenen Clubs „Hühnermanhattan“ in Halle/Saale zu sehen und zu hören. Mit dieser Performance schloss ein Abend des Kunstkollektives Rhizom Halle-Leipzig, der fast alles bot, was Kunst bereitzuhalten imstande ist.

Axel Kores und Christoph Liedtke, in Halle mit Sicherheit keine Unbekannten, waren als Gründer des Kollektives an jenem Abend die Veranstalter, dieses Abends, den sie „Aorta“ nannten. Der Leipziger Schriftsteller David Gray saß ebenso auf der Bühne, wie der Pößnecker Autor und Rezitator M. Kruppe. Auch lasen Axel Kores aus seinem bei Edition Outbird erschienen Buch „Verschwendete Jugend“, sowie Christoph Liedtke, dessen Lyrikband „Symmetrie der Risse“ noch in diesem Jahr im selben Verlag erscheinen wird.

Zwischendurch gab es Kurzfilme und weitere Sound – orientierte Performances, die Rhizom Halle-Leipzig vorstellten. Wir haben beide Gründer im Anschluss ins Interview genommen.

Hallo ihr beiden. Stellt euch doch bitte zunächst mal vor. Wer seid ihr, was macht ihr?

L.: Mein Name ist Christoph Liedtke. Ich bin 1985 in Saalfeld geboren, lernte Holzbildhauer und studierte 2010 bis 2016 an der University of Art and Design Burg Giebichenstein. Ich bin Bildhauer, Maler, Sound-Performer, Lyrik-Autor, spiele bei Klinke und bin Gründungsmitglied des Kunstkollektivs Rhizom Halle-Leipzig. Insofern habe ich an zahlreichen Ausstellungen teilgenommen.

Momentan arbeite ich an der Veröffentlichung meines Gedichtbandes „Symmetrie der Risse“ und an der Publikation eines Bildbandes über Kunst mit mutmaßlich geistig behinderten Menschen.

Ich organisiere Kunstaktionen mit der Rhizom-Halle-Leipzig-Gruppe und trete auf verschiedenen Veranstaltungen auf, die mit den besagten Inhalten zu tun haben.

Christoph Liedtke

K.: Ich bin Axel Kores und bin ebenfalls Burg-Absolvent, allerdings im Bereich Grafik-Design, habe einige Jahre in einer Leipziger Design-Agentur zugebracht und arbeite seit 2010 freischaffend als Illustrator und Grafiker. Im Sommer 1993, das weiß ich noch wie heute, hat mir ein Freund sein altes Amati-Schlagzeug vermacht. Von da an ging´s mit der Musik los. ´94 standen wir dann mit unserer ersten Punk-Band auf der Bühne. Zum Schreiben bin ich erst später gekommen, einige Jahre nach dem Studium, glaub´ ich. Remarque, Beckett, Kafka, Sartre, Goetz und viele andere haben mir die entscheidenden Peitschenhiebe versetzt, um meine eigenen Worte zu finden. Dann feilt man lange am individuellen Stil. Ich bin froh, dass es im letzten Jahr mit der Veröffentlichung meines Debüt-Romans geklappt hat („Verschwendete Jugend“ – Edition Outbird). Jetzt bündeln wir unsere Energien im Rhizom-Projekt, Literatur, Musik, Performance. Das Einzelkämpfer-Dasein behagt uns nicht, da bleibt schnell etwas sehr wichtiges auf der Strecke: Freude! Die gibt´s nur, wenn man sie teilt.

Axel Kores

Warum lebt ihr in Halle? Was zog euch her, was hält euch?

L.: Ich studierte hier und hab hier eine Menge wunderbarer Menschen kennengelernt, mit denen ich immer noch gemeinsam verrückte Sachen mache und das auch nicht missen möchte. Warum Halle, ich weiß nicht, reines Verhängnis, wenn ich im Ruhrpott geboren wäre, würde ich jetzt vielleicht in Düsseldorf leben. Ich mag die Saale und schätze die günstigen Mieten, Halle hat Freiraum für künstlerische Aktivitäten, ohne dass man dafür ein Vermögen hinblättern muss.

K: Man kennt ja mittlerweile die eine oder andere Stadt recht gut und lernt deshalb Halle schnell schätzen. Hier gibt es zum Beispiel keinerlei provinziellen Hauptstadtstolz, logisch. Auf der Straße wird häufig das Gesicht zur Faust geballt, aber tief drinnen sind die Leute ziemlich kuschelig. Es ist rauer hier, aber immer gerade heraus. Wer das Klima einer alten Arbeiterstadt und den Esprit ihrer agilen Subkultur sucht, ist in Halle genau richtig.

Axel Kores´ Roman im Verlagsshop: bitte Cover anklicken.

Ihr beide habt bei „Edition Outbird“ veröffentlicht: Du den Roman „Verschwendete Jugend„, Axel, Du den Lyrikband „Symmetrie der Risse„, Christoph. Worum geht es?

L.: „Symmetrie der Risse“ beinhaltet feinfühlige, bisweilen fast schwerelose Poesie, die sich im weitesten Sinne der organischen Wahrnehmung und Struktur der Welt widmet.

K: Mit „Verschwendete Jugend“ bin ich in mein eigenes Leben eingetaucht: Meine Prägung aus der Hausbesetzerzeit in einer mitunter wilden Community und mit spontanen Aktionen und Konzerten. Der Protagonist im Buch versucht, die Liebe seines Lebens, die er aus einer fehlinterpretierten Freundschaft heraus als solche erinnert, mit verschiedenen Maskeraden „zurück“ zu bekommen.

Christoph Liedtkes Lyrikband im Verlagsshop: bitte Cover anklicken.

Wie kam es zur Gründung, wessen Idee war es, ein Kollektiv zu gründen und welchen Zweck bedient das?

C. L.: Wir haben eh schon die ganze Zeit zusammen Musik und Kunst gemacht. Die Gründe hängen auch damit zusammen, als Kollektiv größere Handlungsspielräume öffnen zu können. Kunst wirft für uns auch immer wieder die Frage auf: Wie wollen wir leben? Was können wir tun? Das ist ein Suchen nach neuen Anfängen. Und da stellt sich auch die Frage nach der Gemeinschaft, wir haben also beschlossen das Künstler-Ego einzudampfen, zu durchlöchern und einzuschmelzen. Das ist ein Versuch, Kontrolle abzugeben und Dinge passieren zu lassen. Das entspricht einer Form von kollektiver Weisheit. Zusammenarbeiten ist eine wunderbare Sache, wenn es funktioniert.

A. K.: Das ist auf Christophs und meinem Mist gewachsen, vermutlich im Proberaum; da haben wir die besten Ideen. „Rhizom Halle-Leipzig“ ist im Grunde nur eine nachträgliche Taufe für die gegenseitige Inspiration zwischen Leuten, die es schon zuvor gab. Wenn so etwas dann einen Namen bekommt, wird es plötzlich greifbar, lässt sich in der Welt verorten. Das erschien uns sinnvoll.
Rhizom musste ich erst recherchieren und fand schnell heraus, dass der Begriff aus der Biologie stammt. Als ich weiter suchte, stellte ich fest, dass es doch einige Vereine und Kollektive allein in Deutschland gibt, die sich diesen Namen gegeben haben. Ward ihr euch dessen bewusst?

Rhizom musste ich erst recherchieren und fand schnell heraus, dass der Begriff aus der Biologie stammt. Als ich weiter suchte, stellte ich fest, dass es doch einige Vereine und Kollektive allein in Deutschland gibt, die sich diesen Namen gegeben haben. Ward ihr euch dessen bewusst?

C. L.: Das war mir gar nicht so klar, obwohl ich es mir hätte denken können. Hat uns eigentlich auch nicht interessiert. Die Idee des Rhizoms ist einfach sehr überzeugend. Ich bin während des Studiums darauf gestoßen, als ich mich mit Gilles Deleuze beschäftigt habe. Er und Felix Guattari haben diesen Begriff philosophisch vertieft und als Idee sehr interessant beleuchtet. Das sich davon Menschen inspirieren lassen, kann ich sehr gut nachvollziehen, hat aber nichts damit zu tun, was Menschen damit anfangen. Aber es ist wohl ein gutes Zeichen dafür, dass auf einer gewissen Ebene Menschen gleiche Ideen befürworten.

Wie seht ihr das? Meint ihr, das ist ein Risiko oder seht ihr darin vielleicht sogar einen Vorteil?

C. L.: Risiko, vielleicht insoweit, dass man uns im Internet schwerer findet, aber daran soll die Unternehmung nicht scheitern. Ein Vorteil könnte darin liegen, dass ähnliche Ideen natürlich verbinden, aber ich hab mich bisher noch nicht mit anderen Kollektiven beschäftigt, das könnte man durchaus in Betracht ziehen.

Wer waren Deleuze und Guattari und wo seht ihr euren Verknüpfungspunkt zu den beiden?

C. L.: Deleuze und Guattari, Philosoph und Psychoanalytiker, haben in einer Co-Autorenschaft über diese Idee geschrieben. Der wichtigste Gedanke für uns daran war, Leben und Denken als etwas Labyrinthisches zu verstehen, ohne Anfang, ohne Ende und ohne Ariadnefaden, aber auch als einen Raum der Vernetzung und zufälligen Begegnungen, in dem Ereignisse aufeinandertreffen können. Eine Art Generator, der die Karten neu mischt.

Genug des Theoretischen. Was wollt ihr erreichen, habt ihr Ziele und Strategien, diese zu erreichen? Was genau steht hinter Rhizom Halle-Leipzig? Gibt es kurz-, mittel- und langfristige Pläne?

C. L.: Wir verstehen uns als Plattform für künstlerisches Handeln. Wir verstehen künstlerisches Handeln ganz allgemein als Vorschläge, mit dem was da ist umzugehen. Der Künstler ist für mich jemand, der das Nichtkönnen kann und dafür nach neuen Ansätzen sucht, wie man das anstellt. Da draußen ist Chaos und Absurdität, der Künstler geht raus und macht was draus. Jenseits von „Ismen“, Gott und Utopie. Unsere Strategie: Alles was nützt, im Rahmen unserer Werte und Fähigkeiten Menschen zu mobilisieren, ihr gestalterisches Potenzial zu vergegenwärtigen, dass es besser wird, als es ist. Ich denke, alle Kunst zielt darauf ab, den Menschen zu erheben.

A. K.: Hinter allem steht im Grunde der Wunsch nach Verknüpfung. Rhizom soll möglichst interdisziplinär werden und wir stehen noch am Anfang der Reise. Im Videoformat lassen sich Arbeiten bestens dokumentieren bzw. präsentieren – deshalb der Youtube-Kanal. Wir haben mit den musikalischen und literarischen Projekten begonnen. Das muss wachsen. Verbissenheit ist uns jedoch fremd – es geschieht oder geschieht nicht. Wir experimentieren intuitiv und schauen, was sich auf der Bühne miteinander verbinden lässt.

Wie viele KünstlerInnen sind derzeit im Kollektiv aktiv, was machen sie, woher kennt ihr sie?

C. L.: Wir stecken in den Kinderschuhen und haben Frauenmangel. Es gibt einen organisatorischen Stamm und dann alle die bei Veranstaltungen auf der Bühne stehen. Du hast ja auch schon dazugehört (lacht).

Wieso Halle-Leipzig? Was ist der Beweggrund, Leipzig mit einzubeziehen, dass ja in Sachen Kunst schon ein bisschen overdosed ist? Also ich hoffe, man versteht mich nicht falsch, aber die zunehmende Gentrifizierung hat in Leipzig ja nun schon erschreckende Ausmaße angenommen, was in Halle glücklicherweise (noch) nicht der Fall ist.

C. L.: Das ist lediglich eine lokale Verortung. Ein paar von uns kommen aus Leipzig. Was die da mit den Mietpreisen machen ist blöd, soll uns aber jetzt nicht davon abhalten. Uns interessieren da die Menschen.

A. K.: Diese Region ist sehr speziell und voller querschießender Energien, wie ich finde. Beide Städte liegen so dicht beieinander, dass sie in subkultureller Hinsicht gewisse Symbiosen bilden – spannende Wechselwirkungen, die man nur selten findet. Es gibt in unserem Umfeld etliche Leute, die sowohl hier, als auch dort aktiv sind. Da öffnen sich interessante Aktionsradien.

Seht ihr die Gefahr der Gentrifizierung auch für Halle und wenn ja, was meint ihr, wann es so schlimm sein wird wie in Leipzig? Und habt ihr vor, dem entgegenzuwirken? Wenn ja, wie?

C. L.: Das überschreitet meine Kapazität. Bevor ich mich direkt gegen Gentrifizierung engagiere, setzte ich mich in ein Schlauchboot und versuche damit, Öltanker zum Kentern zu bringen. Vielleicht gebe ich mal ein illegales Konzert auf ´nem Dach, aber dann würde ich auch eher Freedom und Peace von den Dächern schreien, als „Stoppt die Gentrifizierung“ (lacht). Bevor die Probleme nicht real sind, mache ich da wenig, es gibt einfach zu viele Probleme, für deren Lösung man sich einsetzen könnte.

A. K.: Gentrifizierung ist auch hier in vollem Gange. Ich will jetzt nicht zur umfassenden Kapitalismuskritik ausholen; aber die Raffgier hat sich an Allgemeingütern, zu der bezahlbarer Wohnraum definitiv gehört, einfach nicht zu vergreifen! Wenn wieder mal ein Hausprojekt platt gemacht wird, müssen alle loslegen, um das zu verhindern.

Halle ist das neue Leipzig. Würdet ihr dem zustimmen?

C. L.: Ich vergleiche diese zwei Städte ungern. Beide haben ihre Vorzüge und ich glaube nicht, dass Halle sich so urbanisiert wie Leipzig. Braucht es auch nicht, denn die Städte sind auch nur ´ne halbe Stunde voneinander entfernt und da ist es auch gut, dass sie verschieden sind.

A. K.: Ich halte wenig von solchen Vergleichen. Der Halle´sche Blick auf Leipzig ist häufig ein defätistischer; und ich frage mich stets: Warum? Man schwirrt doch eh in der halben Welt rum und erkennt überall Vielfalt. Wenn es jetzt heißt: Halle ist im Kommen. Umso besser! Hier geht auf jeden Fall was. Das ist allerdings schon seit Jahren so.

Allgemein gefragt: Kunst ist ein wirtschaftlich schwieriges Metier. Könnt ihr von eurer Kunst und dem, was ihr tut, leben?

C. L.: 2016 hab ich mein Studium beendet, vieles beginnt gerade anzulaufen. Davon richtig leben kann ich noch nicht. Viele Sachen die ich mache haben auch nichts mit „Schöner wohnen“ zu tun, da muss ich einfach durchhalten.

A. K.: Vom Grafik-Design kann ich leben. Vielleicht kommt in Sachen Literatur und Musik langfristig mal was rum. Aber was soll´s? Man fällt eh irgendwann einfach um, und das wird vermutlich deutlich vor ´m Renteneintrittsalter sein, gell. (lacht)

Wer oder was inspiriert euch?

C. L.: Das Geräusch von klappernden Pflastersteinen, wenn man mit dem Fahrrad darüber fährt.

A. K.: Brillanter Humor, der das Leid auffrisst.

Ich hörte, dass eure Band Klinke seit einigen Monaten immer erfolgreicher wird. Wie würdet ihr eure Musik beschreiben und was meint der Begriff Erfolg in eurem Sinne?

C. L.: Axel hat das notiert: Irgendwas mit „Tataminimo mit autistischer Stimme und Hang zur Manie und Repetition“. Erfolg wie wir ihn verstehen, ich sag mal … Anerkennung und Moneten dafür was wir tun, ohne dabei unsere Seele an Dieter Bohlen zu verscherbeln.

A. K.: Christoph hat´s schon angedeutet. Ich konkretisiere: Klinke ist Post-Voodoo-Kraut mit autistisch beseelter Stimme und gesunder Aversion gegenüber Hörgewohnheiten – dekonstruktivistisches Tata-Minimo mit Hang zum Zwang. Erfolg ist, wenn man den ganzen Saal zum Explodieren bringt und das schon als Vorband.

Abschließend: Kann man Mitglied bei Rhizom Halle-Leipzig werden und wenn ja, was setzt das voraus? Was muss ich mitbringen, können und wollen, um mich dem Kollektiv anzuschließen?

C. L.: Er, Sie, Es sollte Telefonbücher zerreißen können, wir nehmen aber auch Leute auf, mit denen wir gerne Ideen aushecken und verrückt genug sein können, „es“ durchzuziehen. Ich glaube, das ergibt sich, wenn man aufeinander zukommt und wächst wie ein Rhizom.

Ich danke euch für das Interview und freue mich auf weitere Kooperationen.

Das Interview führte M. Kruppe.

Bildnachweise: Privat.
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„Geschichten für die Sehnsucht“ – Antje Horn im Interview

Antje Horn, angesichts ihres Charismas unschätzbar jung, ist mit Herz und Seele Erzählerin und als solche unter anderem auch Mitglied unseres „Genuss & Kultur“-Künstlernetzwerkes. Sesshaft in Jena, tourt sie allein oder mit befreundeten KünstlerInnen durch die Lande – nicht ohne parallel mit schier endloser Energie zu netzwerken. Vorstandsmitgliedschaft im Lese-Zeichen e. V., alte und neue Kooperationen pflegen und eingehen, auftreten – eben brennen für die unzähligen Geschichten, die es wert sind, erzählt zu werden. Beispielsweise im Rahmen des Erzählkunstfestivals in Jena am 19. und 20. Oktober 2018.

Antje, wie bist Du zur Erzählkunst gekommen? Was hat Dich inspiriert und wann wurde Dir klar, dass Du Dein Brot als Erzählerin verdingen willst?

Eigentlich bin nicht ich zur Erzählkunst gekommen, die Erzählkunst kam zu mir. Ich bin eine Spätberufene. Vor 10 Jahren wusste ich noch nicht einmal, dass es hauptberufliche Erzähler gibt. Ich beschäftigte mich einige Zeit intensiv mit Trauerarbeit, Trauma- und Notfallpädagogik, und stieß dabei auf das Märchen- und Geschichtenerzählen. Beim Absolvieren meines ersten Seminares diesbezüglich bekam ich einen kräftigen Schubs von der Seminarleiterin Jana Raile in Richtung künstlerische Laufbahn. Ein Jahr lang hörte ich mir unzählige ErzählerInnen an und begann dann eine Ausbildung bei Jana Raile in Hannover. Zwei Jahre später erzählte ich während einer Veranstaltung gemeinsam mit Frau Prof. Kristin Wardetzky, welche mir nach der Veranstaltung einen kräftigen Schubs in Richtung UDK Berlin (Universität der Künste, d. Red.) gab. Ich hatte eigentlich keine zweite Erzählausbildung geplant, bekam aber ein Stipendium und in Berlin ganz viele wunderbare Lehrer aus aller Welt. Im Jahr 2014 reduzierte ich meine Arbeitszeit in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und begann mit dem Erzählen mein Brot zu verdienen. Ich bekam neben den Kopfschüttlern („…jetzt spinnt sie…“) unglaublich viel Rückenwind und Unterstützung. Die Stadt Jena , der Lese-Zeichen e.V. (speziell Dr. Martin Straub), ganz Thüringen und viele Menschen förderten mein neues Tun. Manchmal wurde mir selbst schwindelig von all den Veränderungen innerhalb weniger Jahre. Inzwischen kann ich vom Erzählen leben. Aber ohne all die Menschen, welche meine Geschichten hören wollen, wäre ich nicht dort, wo ich heute sein darf. Ich verspüre eine große Dankbarkeit und finde, ich habe den schönsten Beruf der Welt!

Du hast eine Ausbildung im Ausdruckstanz gemacht? Was ist das Elementare, das Spannende am Ausdruckstanz, und wo liegt die Brücke zur Erzählkunst?

Das stimmt nicht… ich habe Tanz und Bewegung während der Ausbildung (Storytelling) gehabt und tanze auch regelmäßig… habe aber keine Ausbildung im Ausdruckstanz… dafür studieren 2 meiner 3 Söhne zeitgenössischen Tanz 😉 ….

Du verbindest Künste miteinander, um deren Wirkung zu verstärken, aber auch mit sozialen Handlungsfeldern. Handelst Du hauptsächlich intuitiv, wenn Du Bündnisse eingehst?

Ich schließe meine Bündnisse absolut aus dem Bauch heraus. In erster Linie muss ich bei meinen „Partnern“ die gleiche Begeisterung und Freude am Arbeiten spüren, worin auch immer diese Arbeit besteht. Ich mag es, mich mit Menschen zu umgeben, welche für ihr Tun brennen. Das macht froh… auch das Publikum.

Nun ist das Erzählen ja in den letzten Jahren immer mehr in den Fokus und auf die Bühnen des Landes gerückt, die Grenzen zwischen Märchen für Kleinkinder und mit vollem Körpereinsatz vorgetragenen Geschichten sind fließend, andererseits ist auch der Fantastikmarkt ein Wachstumsmarkt. Wie erklärst Du Dir das Interesse an guten Geschichten?

Wir leben in einer Zeit der schnellen Kommunikation. Die Welt scheint kleiner zu werden, viele Menschen verlassen ihre Heimat und suchen anderswo ein zu Hause. Ebenso viele Menschen sind hierdurch verängstigt und verunsichert. Es herrscht eine Zeit der kulturellen Verwirrung, eine Zeit hektischer Betriebsamkeit, eine Zeit der Orientierungslosigkeit. Das Hören und Erleben frei erzählter Geschichten aus verschiedensten Kulturkreisen bietet die Möglichkeit der Entschleunigung, der Begegnung, der Identifikation, des Trostes und mehr. ErzählerInnen geben Geschichten weiter. Sie begegnen den Zuhörern ganz persönlich und schaffen mit dem Erzählen der verschiedensten Geschichten einen Raum, in welchem wir alle zuhause sein dürfen. Die Geschichten erzählen von der Sehnsucht nach Gerechtigkeit, nach Liebe, Sinn und Glück. Sie sind zeitlos und universal. Sie beschäftigen sich mit den Grundfragen der Menschheit. Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? Wie kann ein Miteinander gelingen? Es ist Zeit für Geschichten!

Narrare 2018 in der Villa Rosenthal Jena

Wie finden die Geschichten zu Dir? Treffen sich in regelmäßigen Abständen ErzählerInnen aller Windrichtungen am Lagerfeuer und tauschen ihre Geschichten aus? Gibt es Symposien, Netzwerke, Fachzeitschriften oder gar Erzählschulen?

Es gibt alles… vor allem aber Bücher…

Du sammelst ja gute Geschichten, nicht umsonst bietest Du verschiedene Programme an. Auch schöpft Dein Fundus aus Geschichten aus aller Welt. Muss bzw sollte man sich in die jeweiligen Landesmentalitäten hineinfühlen können, wenn man beispielsweise afrikanische Geschichten vorträgt?

Ich maße mir nicht an, mich in eine Landesmentalität einfühlen zu können. Ich suche immer nach der allgemeingültigen Botschaft der Geschichte. Oft gibt es die gleiche Geschichte in vielen Kulturen, mit nur minimalen Unterschieden. Es macht immer Sinn, dies zu recherchieren.

Was sollte, was muss ein guter (Nachwuchs)Erzähler an Talenten mitbringen? Was würdest Du an wichtigen Dingen mit auf den Weg geben?

In erster Linie Freude, Begeisterung, Selbstzweifel, Humor, Präsenz, Ausdauer… ach ich weiß nicht…

Wie schätzt Du das Potential, generell und insbesondere hinsichtlich Erzählen, Verlegen und öffentliches Lesen guter Geschichten wie auch mit Blick auf die vielen Aktiven, in Ostthüringen ein? Was bedarf Deiner Meinung nach kulturell noch einer besseren politischen Lobby?

Das weiß ich nicht wirklich…

Wenn man mit Dir zu tun hat, bekommt man schnell den Eindruck, dass Du ein enormes Arbeitspensum leistest. Wie sieht Dein energetischer Ausgleich aus? Und wo siehst Du Dich in fünf oder zehn Jahren?

Ich brauche viel Zeit mit mir allein und gönne mir mehr und mehr Zeiten des Rückzuges. In zehn Jahren… bin ich sicher immer noch lernend und suchend und hoffentlich freudvoll erzählend.

Antje, wir danken Dir herzlich für dieses Gespräch.

Bitteschön 😉

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweis: Gerhard P. Bosche.
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[ Lyrik ] Christoph Liedtke „Phänomene auf Zeit“

Am Rand der Galaxie
steht unser Zelt gebaut.
Wir bündeln hier das Licht zu Pfeilen
gegen Zerfall in Asche und Staub.
Zu zweit, zu dritt, zu viert
bilden wir eine Bastion,
gewinnen wir die Oberhand
nur eine Weltsekunde lang.

In der Wanne versunken,
von Wasser und Wärme
pränatal umschlossen,
tauche ich auf,
durchstreife deine Scham.
Meine Finger wollen wissen:
Woher kommen sie.

Unsere Körper bilden Puzzelteile.
Gemeinsam bilden sie Pangäa:
Meine Leiste an deinem Arsch,
Deine Kniekehlen und meine Knie.

Von der Erde geschnitten
blühst du weiter am Hoffnungsfaden.
Für den Bruchteil eines Momentes
ziehen meine Blicke an dir vorüber,
bitte glaube mir, wenn ich dir sage,
ich sehe dich.

Ich sehe deine Wunde,
bekam eine Ahnung
vom Hunger der Zellen.
Wir sind fein entworfen,
kosmische Phänomene auf Zeit,
Täglich kommen wir neu zur Welt,
Aus dem Schlaf zur Deponie.

Ich rasiere dir den Kopf.
Entdecke deinen Haarwirbel,
das Mal unserer Milchstraße,
Ein Abfluss, der goldenen Schnittes Spiralen zieht.

Buchzitat aus „Symmetrie der Risse“ (erscheint im 2. Quartal 2018 in der „Edition Outbird„)
Aquarell: Christoph Liedtke
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„Die Sehnsucht nach Perfektion zu vermeiden, erscheint mir wichtig, denn Perfektion ist der Tod“ – Michael Schweßinger im Interview zu „Robinsonaden vom 40. Breitengrad“

Michael Schweßinger dürfte zu den Autoren gehören, die nicht mehr ganz so unbekannt sind und trotzdem in der Welt der Großen noch nicht ankamen. Schweßingers Sprache ist deutlich, zuweilen mahnend, ist erzählend und beschreibend und zwinkert nicht selten mit einem Auge, aus dem immer mal wieder blitzartig ein grelles Licht der bitterbösen Ironie aufleuchtet.

Michael Schweßinger schreibt über Menschen, über das Reisen und über sich, seine Sicht auf die Dinge. Hier geht es ums pure (Über-)Leben, da geht’s um ein System, das längst an Beatmungsmaschinen hängt, dort wieder geht es um Liebe, um Weichheiten im Sein. Aber immer geht es um die Realität. Schweßinger braucht keine Erfindungen, keine ewig trägen Fantasy-Stränge oder fest strukturierte Plots. Schweßinger braucht, so scheint es, nur einen Stift, ein Notizbuch und den Drang, an den Menschen zu sein, am Leben zu sein. Das lesen wir auch in seinem nunmehr achten Buch, den „Robinsonaden vom vierzigsten Breitengrad“, einem weiteren – wie wir finden – Meisterwerk, erschienen bei „Edition Outbird“. M. Kruppe traf Michael Schweßinger und stellte ihm einige Fragen:

Hallo Micha, in der Einleitung zum Interview steht, dass du noch nicht in der Welt der „großen Schriftsteller“ angekommen bis, was mich persönlich wundert, gleichsam aber auch beruhigt. Wie siehst du das selbst, ist es dein Ziel, in der obersten Liga der Literatur mitzuspielen? Was bewegt dich überhaupt, den Stift in die Hand zu nehmen?

Was soll das sein, diese Welt der großen Schriftsteller? Ich kann mit solchen Formulierungen wenig anfangen. Haben die eine gemeinsame Welt? Wer bestimmt die Größe von etwas? Verkaufszahlen oder wie oft sie im Feuilleton auftauchen? Ich interessiere mich auch nicht für Ankunft. Ankunft ist statisch. Ich bin gerne in Bewegung und schreibe aus der Dynamik des Lebens heraus. Das hat wenig mit Lehnstuhl-Schriftstellerei zu tun. Um es kurz zu sagen: Mich interessiert diese Frage rein gar nicht.

Mit den Robinsonaden vom vierzigsten Breitengrad erscheint inzwischen, wenn ich richtig gezählt habe, dein achtes Buch. Kannst du dich an die die Veröffentlichung deines ersten erinnern? Welches war das und wie kam es dazu, bzw. wie und wann hast du angefangen zu schreiben?

Buch im Verlagsshop: bitte Cover anklicken.

Das erste Buch, ja das war 2006 und enthielt philosophisch angehauchte Stories, die ich ursprünglich für SM-Magazine geschrieben hatte. Sehr romantisch und düster und weil ich gerade Thomas Wolfe hier liegen habe, könnte man mit ihm sagen, der »Hunger des Menschen in seiner Jugend«. Faustische Nachtstücke irgendwie, das klingt pathetisch, war es auch.

Während der Zeit des beinahe legendären Verlages Edition PaperOne in Leipzig gab es zu eine Gruppe von Undergroundschriftstellern, zu denen neben dir auch Hauke von Grimm und Volly Tanner gehörten, die Revierköter. Wer zählte da noch dazu und was verband euch damals, abgesehen vom Verlag selbst?

Das war eine Idee von Hauke von Grimm. Damals hatte einer ´ne Idee und dann machte man das, das war PaperONE und war auch Leipzig zu dieser Zeit. Einfach machen. Oliver Baglieri druckte als Verleger damals so ziemlich alles, solange es kein Nazimüll war. Bei der Ursprungsbesetzung war noch Kurt Mondaugen dabei. Kurt schrieb damals in seiner wunderbaren psychologisch-humorvollen Art über Plagwitz, ich hatte gerade »In Darkest Leipzig« am Start, was mächtig polarisierte und Vollys Poesie war auch tief im Social Beat, dazu kam Hauke, der damals einige feine Literaturshows in Leipzig hatte und tausend Leute in der Kulturszene kannte, darunter auch gute Fotografen, die dann die Bilder gemacht haben, also das war literarisch und menschlich sehr heterogen.

Vermisst du diese Zeiten und meinst du, dass der Underground noch einmal ein Comeback erleben könnte?

Ja, manchmal, wenn ich mir diese perfektionierten Literaturveranstaltungen in Leipzig ansehe, dann vermisse ich das. Die meisten schon mit 20 Jahren hochprofessionell im Vortrag, aber nix zu sagen. Ich erinnere mich an eine Lesung in Connewitz im Jahre 2006, da wurde starkes Zeug geraucht und irgendwann konnte ich nicht mehr lesen und hab das Publikum gefragt, ob sie nicht diesen Scheißjob übernehmen wollen, weil ich das Buch ja schon geschrieben habe und keinen Bock habe, das immer wieder vorzulesen. Das klappte damals und so gab es eine Lesung, wo der Autor zu Gast war. Heute überwiegt der ökonomische Gedanke. Wie werde ich erfolgreich und schadet sowas nicht dabei? Das interessierte damals nicht, man war einfach in seinem Element. Mit der Kategorisierung von Underground und Mainstream im Kopf hat man schon verloren, dann gibt es A oder B, da kommt dann auch A oder B raus. Als ich anfing zu schreiben, hatte ich keinen Plan davon, was ich schreiben will, ich schrieb einfach. Comebacks haben immer diesen Retro-Beigeschmack, sie zeigen auf, dass man der Welt keine eigene Deutung mehr geben kann, sondern, dass man die Krücken der Vergangenheit bemüht. Der Underground ist vielleicht schon da, nur wir sehen ihn nicht, weil wir Romantiker sind und auf den Underground warten, wie er uns vertraut ist.

Denken wir mal utopisch und an die Gruppe der sogenannten „Beat Generation“ und bilden uns ein, diese kleine Gruppe, die sich in den letzten zwei Jahren gebildet hat, ich denke da an dich, Benjamin Schmidt, Hauke von Grimm, Klaus Märkert, ich denke da auch an Markus Böhme, Axel Kores oder Christoph Liedtke und einige andere Autoren rund um den Verlag Edition Outbird… also hältst du es angesichts dieses Netzwerks für wahrscheinlich, dass man in zwanzig, fünfzig oder mehr Jahren von einer „neuen Avantgarde“ auf dem Literaturmarkt reden könnte?

Das ist wieder so eine Frage, die mich nicht die Bohne interessiert. Alleine, weil ich Literatur nicht als Markt begreife, das sind Vermarktungsmechanismen oder Eitelkeiten, die dann ein Label bekommen, das ist beim Schreiben nicht förderlich. Texte sprechen zu mir oder nicht, ob da jemand irgendwann ´ne Banderole draufklebt, ist mir völlig wurscht.

Machen wir einen kleinen politischen Schwenk und kommen auf diese Weise auch indirekt zu deinem neuen Buch. Siehst du Parallelen unserer heutigen Zeit zur grauen Vorgeschichte, die bekannter Maßen zu einer der größten Katastrophen der Geschichte, den 2. Weltkrieg und den Holocaust führte?

Die politischen Parallelen sind scheinbar offensichtlich, allerdings sind diese historischen Vergleiche immer etwas tricky. Wir leben in einer völlig anderen Zeit. Das 20. Jahrhundert war das Zeitalter der Massenbewegungen, also politisch. Heute haben wir die Situation, dass die Politik praktisch aufgehört hat, eigenständig zu existieren. Es geht nicht mehr um den Willen des Volkes oder um demokratische Diskurse, die dann zu Entscheidungen führen. Es geht um die effiziente Steuerung neoliberaler Verwertung, mit dem Dekor demokratischer Teilhabe. Da kommen ganz andere Dinge auf uns zu. Wenn man alleine in die Pränataldiagnostik schaut, dann kann man sich des Gedankens nicht erwehren, dass wir es da in wenigen Jahren mit einer neuen Eugenik zu tun haben werden. Eine Behinderung ist unnützer Aufwand für eine Gesellschaft, die den Leistungsgedanken verinnerlicht hat. Auch im Bereich der Natur haben wir Perfektionierungen. Vor 15 Jahren war es in meinem Beruf als Bäcker weitaus schwieriger mit Getreide zu arbeiten, es gab saisonale Schwankungen, heute ist das alles gleichbleibend. Diese Perfektionierungen machen mir Angst, weil sie das Spektrum des Lebens einengen.

Was kann man deiner Meinung nach dagegen tun? Die Menschen scheinen ja immer dümmer zu werden. Wie kann man deiner Meinung nach dagegen vorgehen?

Die Sehnsucht nach Perfektion zu vermeiden, erscheint mir persönlich sehr wichtig, denn Perfektion ist der Tod.

In den Robinsonaden erzählst du von einem Job, der schon ein bisschen an freiwillige Versklavung erinnert. Wie kamst du zu dem Job und würdest du ihn nochmal annehmen?

Ich arbeitet diesen Sommer in der Tourismusbranche für ein großes deutsches Unternehmen in Süditalien. Freiwillige Versklavung ist das sicherlich nicht. Das macht ja niemand freiwillig. Es ist die Realität in weiten Teilen Europas. Die Leute werden systematisch ausgebeutet und der Gewinn fließt nach Deutschland zurück. Es waren brutale vier Monate und nein, ich würde das nicht mehr machen. Diese vier Monate haben mir gezeigt, dass dieses System zum Scheitern verurteilt ist. Hoffen wir, dass es sich nicht mehr so lange hinzieht.

Was läuft deiner Meinung nach schief auf der Welt? Gehen wir einer Art (indirektem) Untergang entgegen?

Die Gier des Menschen scheint stärker zu sein als die Solidarität. Niemand muss sich wundern, wenn sich der Süden irgendwann seine Anteil holt. Ich nehm mich da nicht raus. Ich lebe kosmopolitisch, das heißt mein ökologischer Fußabdruck gleicht vermutlich einen Dinosaurier, ich badete im Sommer im Mittelmeer, wo die Leute 200 km weiter ersaufen. Ich bin kein moralischer Mensch, der asketisch lebt, und wenn da irgendwann jemand vorbeikommt und sagt, die nächsten dreißig Jahre Arbeitslager, weil du hast doch von diesem Scheiß gewusst, dann könnte ich ihm auch nicht böse sein. Der Mensch ist selektiv und egoistisch, manchmal kann er auch mehr sein. Zu diesem »mehr« hat jeder einen anderen Zugang. Niemand kann glaube ich ständig gut sein, aber sein Herz nicht zu vernachlässigen, diese Verletzlichkeit und das Berührtwerden von der Welt zulassen, das ist enorm wichtig. Mich stören Ungerechtigkeiten, deshalb schreibe ich dagegen an.

Die Welt ist schon so oft untergegangen, als dass ich unbedingt in das Geheule vom Weltuntergang einstimmen mag. Die Dinge sind immer im Wandel. Ich glaube, dass unsere Lebensart des Individualismus vergehen wird, alleine schon aus demografischer Betrachtung. Unsere Vorstellung von Romantik, alleine mit der Natur, das Ertragen von Einsamkeiten. Wo findet sich das noch? Facebook ist immer dabei. Ist das ein Problem? Probleme gibt es nur, wenn man das andere kennt. Für die Menschen, die nach uns kommen, wird es viele Probleme nicht mehr geben, über denen wir uns ´nen Kopf gemacht haben.

Wie sieht das Ganze im Kleinen für dich aus, wenn wir zum Beispiel vom Buchmarkt reden?

Die Lesegewohnheiten ändern sich, gleichzeitig gibt es immer mehr Publikationen. Wenn man versucht heute ein Buch zu vermarkten, ist das nahezu unmöglich für einen kleinen Verlag. Als ich damals »In Darkest Leipzig« schrieb, haben wir das Buch ohne Marketing und Internettamtam vierstellig verkauft. Das wäre heute nicht mehr möglich. Der Buchmarkt lebt von den Träumen der Schreiber. Er ist vielleicht eine der letzten Bastionen des American Dreams, vom Tellerwäscher zum Millionär, anders ist der Aufwand nicht zu erklären. Niemand würde sich über Jahre an einem Ein-Euro-Job versuchen mit der Hoffnung, davon mal leben zu können. Das ist völlig irrational und nirgends sind die Fantastereien größer als unter Künstlern. Ein Buch zu machen macht nur Spaß, wenn man den Markt weitestgehend ausklammert. Wenn ich ne Woche Brot backe verdiene ich mehr als mit einem Buch, also backe ich Brot und schreib was ich mag, ich bin damit praktisch mein eigener Mäzen und muss mir diese hässliche Seite der Literatur mit ihrem Neidfaktor und Gehacke nicht geben.

In deinen früheren Büchern befasst du dich oft mit Menschen vom Rande der Gesellschaft. Das hat sich zwar nicht signifikant geändert, aber ein anderer Aspekt kam bei den letzen vier Büchern hinzu: das Reisen. Was bedeutet reisen für dich, wie wichtig ist es dir das reisen und was ist es, das dich immer in die Ferne holt?

Reisen ist für mich das wichtigste. Ich kann nicht leben, ohne zu reisen. Wenn ich reise, bin ich lebendig, spüre mich und das Leben und daraus entsteht ein kreativer Prozeß, der dann zu Geschichten führt. Es ist ein Paradox: Wenn ich reise, steht mein Geist still und erholt sich und wenn ich stillstehe, dann denken sich die Gedanken ins Leere. Reisen ist mir Antidepressivum. 2013 hatte ich einen Burn Out und ich hatte nur die Wahl zwischen Psychiatrie und Welt. Ich hab mich für die Welt entschieden.

Abschließend noch einmal zu deinem neuen Buch: zwischen die Erzählungen hast du diesmal, was ich persönlich recht gut finde, Ausflüge in die Welt der Fakten gepackt. Wie kamst du auf die Idee und was hat dich bewogen, das zu tun?

Ich wollte keine durchgängige Erzählstruktur, wie man sie beispielsweise bei meinem letzten Buch »Beim Esel links« findet. Eine durchgängige Struktur glättet. Dieses Buch ist im Affekt entstanden. Ich schrieb viele Texte sehr emotional nach 12 Stunden Arbeit, anders hätte ich diese Welt nicht ertragen. Demgegenüber stehen die faktischen Texte. Diese fragmentarische Schreibweise war mein Weg dieser Machtlosigkeit Ausdruck zu verleihen und auch die Konturen zu schärfen.

Man muss nicht unbedingt ein aufmerksamer Leser sein, um in deinen Zeilen auch Verzweiflung und Wut zu erkennen. Bist du grundsätzlich ein Mensch, der dazu neigt, wütend zu werden und wie oft verzweifelst du woran?

Es braucht einige Zeit bis ich wütend werde, dann aber richtig. Verzweiflung ist das negative Wesen des Zweifels, also Ausweglosigkeit. Kierkegaard beschrieb das mal als »Nicht-Selbst-Sein«. Dazu bin ich zuviel unterwegs. Hat viel mit dem oben geschriebenen zu tun. Sich nicht in die destruktive Leere denken, dann lieber Bewegung. Gerade das Schreiben hilft mir auch zusammen mit dem Humor, diese destruktiven Gefühlen zu verarbeiten. Sind ja jetzt auch nicht die lustigen Taschenbücher, die man von mir erwarten kann, also ich zweifele oftmals, aber Verzweiflung, das ist ein Abgrund, da springe ich nicht mehr gerne rein, weil da hat Nietzsche recht: Wenn du lange genug in den Abgrund schaust, dann schaut er irgendwann in dich und es gibt glaube ich wenige Dinge vor denen ich im Leben Angst habe, aber die Lähmung einer Depression, wer das schon mal erlebt hat, dieses brutale Zersetzen des eigenen Ichs mit immer gleichen Fragen, das möchte ich nie mehr erleben.

Vielen Dank für das Interview.

Das Interview führte M. Kruppe.

Bildnachweis: Susanne Stoll.
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