[ Rezension ] Dirk Bernemann „Ich hab die Unschuld kotzen sehen IV“

[Im Zusammenhang mit nachfolgender Rezension verweisen wir gern auf die Verlosung seines handsignierten aktuellen Buches. Informationen dazu gibt es unter diesem Link.]

Dirk Bernemann sucht kleine Wunden und reißt sie brutal auf

Es ist nichts Neues, wenn Attribute wie „melancholisch“, „düster“, zuweilen sogar „pessimistisch“, aber auf jeden Fall auch „humorvoll“ und der Name Dirk Bernemann in einem Satz genannt werden. Bernemann ist kein Unbekannter Autor (mehr) und jene Attribute könnte man als Markenzeichen bezeichnen, wenn da nicht eine Art Lot durch seine Texte ginge, das die Tiefen des in Berlin lebenden Schreibers eindeutig als authentisch ausmachen würde. Was wir in den Büchern Bernemanns lesen, ist keine aufgesetzte Masche, ist kein Haschen nach Aufmerksamkeit und schon gar nicht der krampfhafte Versuch, Pointen zu verfolgen, sie künstlich zu installieren um der „literarischen“ Mode unserer Zeit gerecht zu werden. Dirk Bernemann ist echt, ist ein Mensch mit einem scharfen Blick in einer unscharfen Zeit. Und seine, man muss tatsächlich sagen: depressive Erscheinung zeigt, dass da keine Maske vor einem doch oftmals traurigen Gesicht liegt.

So auch in dem nunmehr vierten Teil des ersten Bestsellers „Ich hab die Unschuld kotzen sehen“.

In seinen Storys beleuchtet er einmal mehr die negativen Seiten des Seins, erzählt vom Suizid eines Teenagers, spricht von einer Beziehung die keine ist und die mehr als unschön endet und von der Veränderung einer anderen Beziehung durch einen wirklich tragischen Schicksalsschlag. Und spätestens hier hatte er mich, wie er mich auch in seinen anderen Büchern bekam.

Allerdings geschah bei Lesen eben dieser erwähnten Story etwas, das mir noch nie beim Lesen einer Story passiert ist. Die Kombination von Sprache in dem für Bernemann so typischen Stil, die Nichtvorhersehbarkeit des Verlaufs und am Ende die Tatsache der Eigentlichkeit, der Wendung der Handlung bauten mir erst einen Kloß in den Hals. Das aber reicht dem Autor nicht. Er will den Schmerz ganz ausdehnen so scheints und reißt die gestochene Wunde ganz langsam, beinahe sorgfältig und doch mit einer derartigen Wucht auf, dass ich ernsthaft heulen musste. Und wie gesagt, das ist mir noch nie beim Lesen eines Buches so gegangen. Und ich wage zu behaupten, dass er sich selbst beim Schreiben dieser Story ein bisschen quälen wollte.

Mit dem für ihn so bekannten schwarzen Humor macht er auch keinen Halt vor Menschen mit Behinderungen, ohne dabei aber beleidigend zu werden, der von oben herab zu wirken. Er nennt das Kind, das in seinen Geschichten oft schon längst in den Brunnen gefallen ist, beim Namen, ja, er ruft hinterher, um zu erfahren, ob es noch lebt. Und wenn es noch lebt, wirft er Steine hinterher, damit es sich im Todeskampf nicht quälen muss. Man könnte auch den Rettungsdienst rufen, aber Dirk Bernemann ist nur Beobachter…

„Ich hab die Unschuld kotzen sehen IV“ ist ein Muss für jeden Optimisten, der einmal die andere Seite der so viel genannten Medaille sehen will, eine absolute Empfehlung für jeden Pessimisten, der sich bestätigt sehen will und eine nicht weniger dringende Empfehlung für alle Anderen, irgendwo zwischendrin, die keinen Bock haben auf die „Friede-Freude-Eierkuchen-Welt“ fernab aller Deutlichkeit.
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Die Rezension verfasste M. Kruppe; in der Dezember-Ausgabe unseres „Outscapes“-Magazins finden Sie im Printformat Teil 1 des Interviews mit Dirk Bernemann, online unter diesem Link Teil 2.

Dirk Bernemann in unserem Onlinestore: Bitte hier entlang.

Bildnachweis: Sophia Vogel
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[ Short Story ] Jenz Dieckmann „Das, was du willst“

Meine Fresse. Dieser Abend tobte sich an mir aus.
Er riss an mir herum, wie ein Rudel Piranhas im Zustand der schwärmenden Selbstzerfleischung.
Die Kneipe war voll, ich war es noch nicht, was aber mehr Ursache, als Teil des Problems darstellte und auch als einziges leicht zu lösen schien.
Um mich herum Spaß, Frohsinn, Geilheit, Rausch, Freundschaft, Lust, Anmache, Angebertum, Leidenschaft und Hass.
Blanker Hass. Der Menschheit. Auf mich. Jedenfalls.
Vielleicht erwartete ich aber auch zu viel.
Das mir die gesamte egozentrierte Kackplage an Hirnträgern mal quer über den Arsch lecken konnte, ist nicht nett, interessierte Gottes Erschöpfung aber auch nicht wirklich.
Also redeten sie einfach weiter.
Schnell, laut und ungefragt.
Durcheinander.
Die Fetzen der Gespräche wirbelten mir um den Schädel, wie die Glasscherben des Geisterfahrers beim Frontalaufprall. Da wurden in einer unermüdlichen Dauerschleife Hände geschüttelt, Schultern geklopft, Witzchen gemacht, Nacken genickt, dass es nur so krachte.
Ich dagegen gab mir Mühe. Wirklich. Kurz.
Langsamer trinken, das nette Mädchen mit den kurzen Haaren anlächeln, über die Lage reden.
Gesprächsapps. Bausteine.
Aber ich machte denen nichts vor. Sie durchschauten es. Alle.
Meine Stirn war aus Glas.
Mein Hirn im Schatten.
All diese Menschen prallten an mir ab, wie Eisberge am Bug der Titanic, und hinterließen nur lächerliche Dellen im Schutzschirm meiner überrosteten Selbstlosigkeit. Mehr gaben, mehr gönnten sie mir nicht.
Und ich saß nur da, trank wieder schneller und sehnte mich verzweifelt nach dem einen finalen Einschlag. Endlich etwas, das mich wirklich berührte, das in mich eindringt und mich zu Fall bringen würde.
In den leerenden Abgrund unter mir.
Alles zwecklos. Ich würde ihnen nicht entkommen. Ich versuchte mich zu ducken, hinter ihren aufrechten Rücken, hinter monumentalen Zahnreihen, hinter Muskeln, Titten, Ärschen, Mündern. Ich trieb zu dem tiefsten Punkt jeder Kneipe, der Theke. Neben dem abgekackten Säufer. Dem, den sie nicht mal mehr hassten. Als mich.
Ich bestellte zwei Schnaps. „Hier Mann, trink was …“ Sein Gesicht kam zurück aus der stumpfen, zermürbenden Tiefsee, in der er seit Stunden versank. Unendlich müde, eingefallen. Seine Augen waren durchsichtig. „Kein Geld, Mann …“
Ich schob eins der Gläser zu ihm rüber: „Scheiß drauf Mann, ich mag dich …“ Obwohl er schon am Ende war, zögerte er keine Sekunde und griff schwankend aber entschlossen nach dem Glas.
Unverfälschte Gier. Endlich. Jemand da.
Ich schloss die Augen und kippte meinen Schädel in den Nacken und mit ihm meinen Schnaps ins Gedärm. Als das silberne Brennen im Magen ankam, hörte ich seine Stimme ganz nah an meinem Ohr, wie sie mit geschwollener Zunge flüsterte: „Ist es das, was du willst?!“
Irritiert öffnete ich die Augen und sah in sein schwarzes Gesicht. Es war dasselbe verschwommene Trinkergesicht, nur war es jetzt pechschwarz. Wie stumpfer Asphalt. In der Kneipe war es still. Wie erstarrt. Die Menschen um uns herum hatten sich aufgebrochen. Sie hatten sich die Kleider, die Haut, das Fleisch von den Knochen gerissen. Ihre gekrampften Hände gruben in den Töpfen voller Eingeweide, ihre Gesichter waren in einhelligem Irrsinn gefaltet.
Ich zuckte zusammen. Panik, Angst, Gefühl.
Ganz nah.
Rausch.
Ich knallte das Schnapsglas auf den Tresen und alle um mich herum redeten weiter. Als wäre nichts gewesen.
Die Bedienung hinter dem Tresen stoppte kurz damit, die Gläser zu waschen und starrte mich an: „Alles klar bei dir?!“ Der Säufer neben mir hatte seinen Kopf auf den Unterarmen abgelegt. Das Schnapsglas noch in der Hand.
„Dein Schnaps ist böse.“ Die Bedienung hörte mir längst nicht mehr zu. Sie war weitergezogen. Ich stand noch da und sagte es leise zu mir selbst. Trotz des Lärms konnte ich mich flüstern hören. „Geh.“
Meine Füße tanzten durch die endlosen Wälder von gelenklosen Beinen. Mein vom vielen Bier aufgeblähter Oberkörper taumelte umher, wie eine zu kurz angekettete Boje in einem Sturmtief südlich der Antarktis. Ich versuchte, es nicht wie eine Flucht aussehen zu lassen. Mehr wie ein geordneter Abgang nach einem geglückten Fallschirmabsturz. Doch ihre Augenwinkel hatten mich im Blick. Zu der Gewissheit der Isolation gesellte sich jetzt das Gefühl, ein unentrinnbarer Mittelpunkt zu sein.
Ich fühlte mich ertappt. Ich fühlte Konspiration. Irgendetwas verband sie, was ich niemals fühlen würde.
Als ich durch das Blickfeld des netten Mädchens mit den kurzen Haaren schrammte, leuchteten ihre Augen plötzlich auf. Eine abgrundfreie Freude ließ ihre Wangen erröten, so als wenn sie tiefen und lebenswichtigen Erfahrungen folgen müsste. Sie teilte die wogende Menge an menschlicher Verschwörung zwischen ihr und mir und nahm mich vorsichtig in den Arm. Ich spürte die Wärme ihres Bluts in meinen Adern. Die Weichheit ihres Körpers in meinen verhärteten Knochen. Ich hörte ihre Gedanken knistern. Sie legte ihre Hand hinter meinen Kopf, wie bei einem Baby, das vom Wickeltisch zu fallen droht, und flüsterte mir ins Ohr: „Verlasse niemals einen schönen Ort mit traurigem Herzen, sonst findest du ihn nie wieder …“
Das finstere Kabinett des Daseins ist ein Königreich des Irrtums.
Nicht die Welt war Scheiße. Ich war es.
Die Welt konnte ich nicht verändern.
Aber die Welt würde mich verändern.
Draußen regnete es.
Ich nahm ihre Hand und wir liefen mit eingeschlagenen Köpfen in die Dunkelheit.

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„Das, was du willst“ erschien neben anderer/n Short Stories und Lyrik unlängst in Jenz Dieckmanns Buch „Die totale Verkommenheit“ bei „Rodneys Underground Press“. Bildnachweis: Marcela Bolívar.
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Hauke von Grimm „Seemannsgarn“ [Interview Teil 2] | Outscapes #6

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #6 [Edition Outbird] erschienen.]

Die Buch- und eBook-Verkäufe erodieren, immer mehr Menschen gehen den sozialen Medien und Streamingangeboten auf den Leim, „verlernen“ quasi das Lesen. Wie kann man Deiner Meinung nach das Interesse am Buch wieder zum kulturellen und Bildungsgrundgebot in der Gesellschaft machen?

Die Welt ist im Wandel. Das Rad dreht sich. Wir sind nur ein Teil der Geschichte. Sprache verändert sich und die Art wie Erzählungen zu den Menschen kommen auch. Die mündliche Überlieferung wurde durch die Schrift abgelöst, dann kam die Druckkunst und das Buch begann seinen Siegeszug. Wir werden das alles nicht aufhalten. Was bleibt ist, dass die Menschen unterhalten werden wollen. Wir bieten eine Möglichkeit. Und Leser wird es noch eine ganze Weile geben. Mit den PoetrySlams und den LeseBühnen erleben wir seit einiger Zeit eine Art von dem Bedürfnis Kurzweile durch Geschichten zu erfahren. Und noch lesen genug Leute. Was sie allerdings konsumieren finde ich eher bedenklich. Aber ich ticke eh anders als die Andern. Wir können unsere Angebote nach unseren Möglichkeiten anbieten. Wir können Menschen durch unsere Art überzeugen und auf uns aufmerksam machen. Ändern können wir den Lauf der Zeit oder die Menschen nicht.
Vielleicht können wir unsere Angebote ändern. Hörbücher oder Kurzfilme aus unseren Texten machen. Und dann sollen sie Streamen, wenn es sie glücklich macht.

Was macht gute Literatur aus?

Sie muss eine gewisse Stimmung erzeugen, und sie muss fesseln. Wenn man den ganzen Tag an ein Buch denkt wie an eine Geliebte. Aber sie muss auch unterhalten. Mich unterhält auch die Sprache, nicht jeder kann alles gleich gut beschreiben. Ein gutes Buch ist, wie einem Freund zuzuhören. Man muss nicht immer seiner Meinung sein, aber wenn es schön gesagt wird, beglückt mich das auch.

Was sind Deine persönlichen Favoriten der Welt- und Untergrundliteratur?

Ich mag gern die Kollegen aus meinem Dunstkreis. Wie sie mit mir reden, so schreiben sie. Schweßinger, Tanner, Kruppe, HC Roth und die Lesebühnen-Kolleg/innen. Aber ich mag auch die alten Piraten- und Seebärengeschichten und mal einen guten Western. Ich lese gern historische Geschichten. Wenn sie nicht zu sehr in die Romanzen abdriften. Wenn mich ein Thema packt, versuche ich mich dem über die Literatur zu nähern. Bernard Cornwells „Waterloo“ war gut. Fakten, spannen und nicht zu sachlich erzählt. Ansonsten hab ich noch etwas für Christian Kracht übrig. Und ich lese viel Lyrik.

(Zur Buchbestellung bitte Cover anklicken)

Letzte Frage: welchen Whisky (zum Buch oder unter Freunden) empfiehlst Du ganz besonders?

Das ist sehr schwer. Wer Whisky trinkt weiß was für ihn am besten ist. Was in meinen Flaschen drin ist, mag nicht jedem munden. Ob Rotwein, IPA oder Eierlikör. Zu meinen Geschichten passt alles. Der Leser soll sich wohl fühlen und das geht wohl am besten wenn er in seinem Element ist. Ich stopfe meine Pfeife mit „Kentucky Bird“ Tabak und würde mir etwas rauchiges aus den Norden von Schottland ins Glas schütten. Und kann nur jedem sagen, dass mir das gut gefällt. Dazu Musik von Sigur Ros oder Mogwai oder Nils Fram. Aber auch Pink Floyd und ein Grau Burgunder passt hervorragend. Oder ein dunkles Bier zu Mahler oder Bruckner vom Plattenspieler. Je nach Wetterlage oder Gemütszustand. Ich kann auch mit Tee im ICE lesen. Aber solange kein Cola im Whisky ist, seid ihr auf dem richtigen Weg.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz. Teil 1 des Interviews und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #6 [Edition Outbird].

Hauke von Grimm in unserem Webstore: bitte hier entlang.

Bildnachweis: ToniK Picturesque
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Frau Kopf „Brachialromantik für Hochsensible“ [Interview Teil 2] | Outscapes #6

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #6 [Edition Outbird] erschienen. In diesem Zusammenhang verweisen wir gern auch auf die Verlosung ihres neuen, handsignierten Buches „Brachialromantik“ unter Neu-AbonnentInnen.]

(Zur Buchbestellung bitte Cover anklicken)

„… In wenigen Worten: worum geht es in Deinem aktuellen Buch und warum sollte mensch es unbedingt lesen und weiterempfehlen?

Es geht um die Dinge, die jeder ist, fühlt, mag, hasst und kann. Menschliches. Abgründiges. Trauriges. Zuversicht. Irgendwas mit Sex und Rausch und zwischendurch Aufwachen.
Warum Mensch es lesen sollte? Um sich in den Worten zu finden und sich ein bisschen vor sich selbst zu fürchten und zu schämen. Danach kann man dann stolz auf sich und sein Gemensche sein, egal wie schmutzig, traurig oder eben bemerkenswert man ist.

Letzte Frage (n): Was ist Dein größter Wunsch? Und wo siehst Du Dich in zehn Jahren?

Kühlschrank voll, die Liebe im Bett und ein Wohlgefühl, wenn ich morgens aufwache.“


Das Interview führte Tristan Rosenkranz. Teil 1 des Interviews und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #6 [Edition Outbird].

Frau Kopf in unserem Webstore: bitte hier entlang.

Bildnachweis: Marco Fechner
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Dirk Bernemann „Irgendwo ist da ständig was, was raus will“ [Interview Teil 2] | Outscapes #6

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #6 [Edition Outbird] erschienen. In diesem Zusammenhang verweisen wir gern auch auf die Verlosung seines neuen, handsignierten Buches „Ich hab die Unschuld kotzen sehen – 4“ unter Neu-AbonnentInnen.]

„… Du bist ja auch viel auf den (Lese-)Bühnen des Landes unterwegs. Was ist dir wichtiger, das Schreiben selbst, die Veröffentlichung, oder die Bühne? Und warum ist das so?

Mittlerweile mag ich beides. Früher hab ich mich auf der Bühne geschämt, weil meine Texte eher laut waren und ich persönlich eher ein leiser Mensch, da war es schwierig, die Texte ohne eine gewissen Peinlichkeit zu performen. Das wurde dann im Laufe der Zeit kongrunenter. Einfach durch Übung und Erfahrung. Mittlerweile geht das ganz gut auf der Bühne. Ich versuche mich proffessionell zu verhalten und nicht zu dumm zu wirken. Aber die Arbeit am Schreibtisch zuhause, alleine, die ist das Wesentlichste meiner Arbeit. Da sprudelt alles, da kommt alles zusammen, da knallen die Ideen aufeinander. Bin so eine Art Literaturmessie, ich hebe alles auf, habe 30 Notizbücher und versuche alles auf einmal zu nutzen, wenn ich im Prozeß bin.

(Zur Buchbestellung bitte Cover anklicken)

Gibt es andere künstlerische Ausdrucksformen, an denen du dich probierst bzw. die du verfolgst? Musik zum Beispiel, Malerei, Theater?

Ja, habe schon ein Theaterstück geschrieben, dass 2015 auch in München Premiere hatte. Bella Noir – 2 Zigaretten Demut hieß das und es ging um deutschen Schlager und seine scheiternden Protagonisten. Ansonsten, ja Musik in verschiedene Konstellationen, Improtheater und ich versuche ein bisschen zu zeichnen, was aber über Einbildcomics nicht hinauskommt. Aber immerhin, irgendwo ist da ständig was, was raus will.

Wie kam es, dass Philipp Boa deine Arbeit honorierte?

Ich bin schon ewig Fan von ihm und hab auch immer kleinere Passagen als Hommage in meinen Texten und Büchern gehabt. Irgendwie hat er das mitbekommen und hat sich ein bisschen mit meinem Zeug beschäftigt, er hat ja in seinen Texten auch immer viele Literaturbezüge. Dann haben wir uns mal getroffen und dann hab ich sogar zweimal vor Konzerten von ihm, eine Hommage, bzw. die Ansage machen dürfen. Das war wunderschön.

Wer und/oder was inspiriert dich?

Menschen. Spazierengehen. Lesen. Musikhören. Ich glaube, ich hole mir alles, was ich brauche aus dem Alltag und aus meiner Person. Da liegt genug rum für Literatur bis zu meinem Ableben.

Wie wichtig ist dir Kunst im Allgemeinen? Bist du „privat“ an Kunst interessiert?

Mega wichtig. Die Ausdrucksformen anderer Leute interessieren mich total. Wie die alle so mit der Welt umgehen, ohne sich umzubringen. Aber da begegnen mir auch immer wieder so Honks, die Kunst eher behaupten als machen. Die sind aber schnell zu entlarven. Aber es ist nicht in meinem Interesse, irgendwen zu entlarven, ich bin ganz glücklich in meinem eigenen Universum.

Gibt es für dich alternative Kunst und Kultur oder gehört alles, was Kunst ist, in einen Topf?

Komische Frage. Da muss man halt genauer definieren. Vereinfacht gesagt, ist Kunst eher die Befähigung zur Tätigkeit, irgendwas zu erschaffen und Kultur eher das Umfeld, in dem so etwas stattfindet. Bin kein Wissenschaftler, aber ich glaube, das stimmt trotzdem.

Last but not least interessiert natürlich, ob du derzeit an Neuem arbeitest. Wenn ja, kannst du schon einen kleinen Ausblick geben worum es gehen wird und ob es schon einen vagen VÖ Termin gibt?

Oh ja, ich schreibe gerade ein Buch mit zwei sehr lieben Kollegen zusammen, es geht im weitesten Sinne um Liebe und um deren negative Auswüchse und in meinem Beitrag auch um Theater, Gewalt und Jazz. Wahrscheinlich ist das alles Frühjahr 2018 spruchreif.

Ich bedanke mich…

Ich danke Dir!“

Das Interview führte M. Kruppe (Rezension folgt nach). Teil 1 des Interviews und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #6 [Edition Outbird].

Dirk Bernemann in unserem Webstore: bitte hier entlang.

Bildnachweis: Sophia Vogel
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Druckfrisch eingetroffen: Outscapes-Magazin #6 mit Buchverlosung Dirk Bernemann und Frau Kopf

Druckfrisch und – selbstverständlich subjektiv – schöner denn je, liegt mit dem heutigen Tag Ausgabe Numero 6 unseres „Outscapes“-Magazins für alternative (Genuss)Kultur zur Auslieferung und Verteilung an unsere AbonnentInnen, LeserInnen und Auslagestellen bereit. Unter anderem mit an Bord: Die AutorInnen Dirk Bernemann, Frau Kopf und Hauke von Grimm sowie die melancholische Berliner Popperle „Yeah But No“ im Interview, die Vorstellung des leckeren Premiumwodkas „Bulbash“, das starke Artwork der Coverkünstlerin Benswerk, aber auch eine Auswahl Prosa, Rezensionen und Kolumnen und einiges mehr.

Verlost werden unter den ersten Neu-AbonnentInnen und Shop-BestellerInnen jeweils handsigniert Dirk Bernemanns Buch „Ich hab die Unschuld kotzen sehen IV“ sowie Frau Kopfs brandneues Buch „Brachialromantik„. Wir wünschen viel Glück; der Rechtsweg ist wie immer ausgeschlossen.

Bestellt werden kann das Magazin ab sofort in unserem Shop – wir freuen uns auf Sie und Euch!
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[ Prosa ] Frau Kopf „Die Liebe“

Ein seltsames Ding ist die.

Auf leisen Sohlen schleicht sie sich an die ausgesuchten Menschen
ran, umhüllt sanft und schnürt und schürt.

Feuerchen in der Brustgegend, kribbelnde Schädeldecken,
Lippen und Körpermitten und der Mensch schaut in den
Spiegel, taucht tiefer als sonst oder jemals zuvor in die eigenen
Augen und erkennt.

Feuer, Wasser, Erde, Luft und etwas Neues.
Die Liebe.

Da steht der Mensch, befühlt das eigene Gesicht, lächelt laut
und liebt ganz leise.

Aus dem Hintergrund schält sich das Gefühlsgegenstück,
bahnt sich seinen Weg und verweilt.

Hände, die auf Schultern, Hüften und in wirren Haaren ruhen.
Hände, die suchen und finden.
Hände, die ineinander greifen und bleiben.
Münder, die einander küssen und Worte flüstern, die nur den
Liebenden gehören.

Herzen, die Blut durch den Leib pumpen, weil die das eben so
tun, dies aber ambitionierter und treibender als zuvor.

Zwei Gesichter in diesem Spiegel.
Lächelnd, sich entdeckend, erkennend und liebend.

Und die Liebe?

Die umhüllt und spinnt und schnürt die Menschen ein, fesselt
sie aneinander, haucht unbekanntes Lebensgefühl ein und ist
sich ihrer so lebensnotwendigen und dankbaren Position bewusst.

Sie beschließt zu bleiben und sich stets in Spiegelbildern,
Streicheleinheiten, geflüsterten Worten, Schweigen, Lachen
und dem großen Ja zu zeigen.

Ganz leise, ganz wahr und einfach da.
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„Die Liebe“ erscheint neben anderer/n Prosa und ShortStories in Kürze in Frau Kopfs Buch „Brachialromantik“ in der „Edition Outbird“ (zur Buchbestellung bitte hier entlang). Im Bild: Eine Fotografie von Franziska Barth (erschienen im Buch „Schattenspiele“ mit Tristan Rosenkranz).

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In Kürze: „Outscapes“-Magazin #6 mit Buchverlosungen (Dirk Bernemann und Frau Kopf)

Layout und Inhalte des „Outscapes“-Magazin #6 liegen in den letzten Zügen. Um die Vorfreude zu erhöhen, weisen wir gerne darauf hin, dass mit der kommenden Ausgabe gleich zwei wunderbare, handsignierte Neuerscheinungen verlost werden: Dirk Bernemanns „Ich hab die Unschuld kotzen sehen 4„, aber auch das langersehnte und Anfang Dezember erscheinende neue Buch „Brachialromantik“ der Berliner Autorin Frau Kopf. Neben den beiden Neuerscheinungen verlosen wir anlässlich des bevorstehenden Weihnachtsfestes noch fünf weitere Leseperlen aus unserem Onlinestore (Einzelheiten unter diesem Link).

Was dafür zu tun ist? Einfach in unserem Onlinestore ein Abonnement abschließen oder einen Artikel bestellen, in der Bestellnotiz „Buchverlosung“ und AutorInnenwunsch einfügen und – viel Glück! Wie immer ist der Rechtsweg abgeschlossen.

Weitere spannende Themen in der kommenden Ausgabe: Interviews mit den melancholischen Popnewcomern „Yeah But No“, dem Autorenurgestein Hauke von Grimm, aber auch Rezensionen, literarische Kostproben, eine Wodkabesprechung… es bleibt spannend!

Bildnachweis: Marco Fechner
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[ Prosa ] Ralf Bruggmann „Totland“

Ihre Finger gleiten über ihre Haut, suchend, ganz langsam. Sie weiß genau, wo die Stelle liegt, trotzdem ist da keine Eile in ihren Bewegungen, keine Zielstrebigkeit. Schließlich erreicht sie ihn, den Punkt an ihrem rechten Unterschenkel, jenen blinden Fleck auf ihrer Haut. Es bleibt nach wie vor merkwürdig, dass sie dort nichts spüren kann, beinahe befremdlich. Die Stelle ist und bleibt vollkommen taub. Totes Land.

Sie legt Musik auf. Pinô von Otto Totland. Die sanft und leise tröpfelnden Klavierklänge, die Leerstellen zwischen den Tönen, die Abwesenheit von Gesang; sie hat die Musik bewusst ausgesucht. Sie mag niemanden singen hören, sie will keine fremden Geschichten, keine Stimmfarben, nicht jetzt. Sie braucht wohl nur etwas, das die Geräuschlosigkeit aufhebt und zugleich die Stille bewahrt.

Totland spielt, und sie denkt sich zurück, beinahe so, als würde sie in einem Fotoalbum blättern. Doch da sind keine Fotos, keine Bilder voller Farben und Leben. Da sind vor allem nüchterne Skizzen, rudimentäre Formen, blutleere Linien. Da sind leere Abende vor dem Fernseher, mit unzähligen Zigaretten, geröteten Augen und sprödem Hals. Da sind ganze Wochenenden ohne ein einziges Wort. Da sind ihre Fratzen im Spiegel. Einige Male kroch sie in ihren Kleiderschrank, zog die Tür zu und saß einfach da, stundenlang in der Dunkelheit.

Es bleibt nach wie vor merkwürdig, wie viel totes Land in ihrer vergangenen Zeit liegt, wie viele Monate und Jahre kein Leben in sich trugen. Sie fragt sich manchmal, ob sie eigentlich jünger ist, weil jene Jahre nicht zählen. Und sie fragt sich, ob ihr im Ganzen etwas fehlt. Ob das tote Land ihr Ich auch heute noch verkrüppelt.

Sie schiebt ihre Finger wieder zur tauben Stelle am Unterschenkel. Kneift Haut und Fleisch zusammen. Spürt nichts. Und fühlt sich seltsam erleichtert, dass sie trotzdem noch laufen kann.
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„Totland“ erschien neben anderer/n Prosa und ShortStories unlängst in Ralf Bruggmanns Buch „Hornhaut“ in der „Edition Outbird“ (zur Buchbestellung bitte hier entlang). Im Bild: „Besinnung“ von Katrin Hetzel. Fotografien von Katrin Hetzel gibt es ebenfalls in der „Edition Outbird“ (bitte hier entlang).

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[ Rezension ] Hellmuth Opitz „In diesen leuchtenden Bernsteinmomenten“

Pünktlich zum Herbstbeginn, wenn alles in den Startlöchern liegt, um für uns in den schönsten Farben zu Schimmern, wir den vergangenen Wochen des Sommers nachsinnieren, mit dem Bernstein des Meeres in der Hand, umhüllt in dem wärmenden Leuchten der Farbenpracht des Waldes, erschien nach langen 6 Jahren des Wartens, das neue Buch von Hellmuth Opitz „In diesen leuchtenden Bernsteinmomenten“ im Pendragon Verlag.
In seiner klaren Sprache macht er preisgekrönt seinem Berufstand des Schriftstellers alle Ehre. Mit gekonnten Worten malt er lebhafte Bilder aus längst vergangenen Zeiten und gegenwärtigen Realitäten, durch welche er die Leser sehr feinfühlig und intelligent führt, damit sich die Möglichkeit bietet, dies in seiner Ganzheit zu durchleben, in ihrem wahren Sinne, eigentlich viel mehr, sie zu schmecken, zu hören, zu sehen und voll und ganz zu erfühlen.

Mit seiner direkten Wortgewandheit, entführt er uns nicht nur in die Schönheit der Vergangenheit und die augenblickliche Wirklichkeit, sondern lässt einen in seinem lyrischen und prosaisch anwirkenden Texten gleichzeitig wie in die Untiefen der menschlichen Seele in einen Spiegel schauen, welche uns die Gratwanderung des Lebens aufführt und durch seine lakonische Anwendung der Sprache deshalb ebenfalls  im Dunkel keinen Schwere auf dem Gemüt liegt, sondern immer einen Schimmer der essenziellen Hoffnung am Horizont erscheinen lässt.

Hellmuth Opitz hat mit seiner kleinen und feinen Gedichtsammlung, welches in sieben Kapiteln geordnet daher kommt, ein Buch geschaffen, welches jeden Leser, der mit offenen Herzen, Augen und Geist, dem Leben gerne, mit all seinen Höhen und Tiefen gegenübersteht und sich nicht scheut, auch in die euphorisch und flüchtig verwirrenden Abgründe unseres menschlichen Dasein zu blicken, ohne den eigentlichen Weg aus den Augen zu verlieren, voll und ganz in seinen Bann ziehen und erreichen kann.

So kommt das Buch mit seinem populistisch anmutendem Cover, einer glatten und unspektakulären Oberfläche daher, beschenkt aber einen jeden in seiner Tiefe, weit darüber hinaus mit einem Wunderwerk der Worte, in seiner reinsten Form, bereichernd und erfüllend für Geist und Seele. Dieses Buch ist ein Geschenk für all die besonderen bernsteinfarbenen Momente der Stille und es ist bei weitem mehr als ein bis zwei Blicke wert.
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Die Rezension verfasste Emma Wolff; freuen Sie sich in der Dezember-Ausgabe unseres „Outscapes“-Printmagazins auf eine weitere Rezension des Pendragon Verlags – zu David Grays „Sarajevo Disco“.

Zur Buchbestellung bitte hier entlang.

Bildnachweis: Isabel Opitz
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