Emma Wolff | Symbiose zwischen Lyrik + Engagement (Interview Teil 2)

(Teil 1 ist im „Outscapes“-Magazins #3 abgedruckt)

… Erst vor Kurzem ist im Telescope Verlag „Leben erblühen“ erschienen, wo Du einmal mehr Deine Liebe für Haikus zum Ausdruck bringst. Was verbindet Dich mit dieser besonderen Form der Lyrik? Kann man sagen, sie entspricht am Ehesten Deinem inneren Klang?

Obgleich die Arbeit an dem Buch „Leben erblühen – Schlüssel des Augenblicks“ die längste Zeit aller Veröffentlichungen brauchte, so war dies ein großer Entwicklungsprozess in sich, der viele Ideen in sich trug, die am Ende auch wieder verworfen wurden, bis ich mit dem Buch im Einklang war. Auch hier war es mir wichtig, nicht einfach nur ein Buch mit Haikus auf den Markt zu bringen, sondern etwas wovon der Leser viel mehr hat, als ein Buch voller Lyrik. Infolgedessen haben sich die Haikus dann mit Bildern verbunden. Ebenso war es mir wichtig, dass auch hier, wie in allen anderen Texten auch, der Leser genügend Raum hat, sich zu entfalten und wieder zu finden.

Da ein Haiku immer ein Ereignis, eine Erkenntnis oder einen Augenblick festhält, ein Moment in dem es entspringt, ist es in der Sekunde seiner Entstehung immer der Klang meiner inneren Stimme. Die Stimme in dem gegenwärtigen Zeitpunkt. Es ist die Kürze, die mir oft schwer fällt. Etwas mit wenigen Worten erzählen und alles gesagt zu haben. Das war nicht nur die reizvolle Herausforderung am Anfang, sondern es fand sich eine Liebe darin, die vollkommen erfüllen kann.

Haikus als traditionelle japanische Gedichtform mag in seinen ungeraden Verszahlen mitunter vielleicht irritieren, bei Dir drängt sich die Frage auf, ob Deine Lyrik, ob Du spirituellen Hintergrund in Deinem Leben trägst?

Es ist nicht die ungerade Zahl. Es ist im Allgemeinen die vorgeschriebene Kürze die Irritieren mag. „Mir wurde mal gesagt, das ist viel zu begrenzt für deine Kreativität und nichts für dich.“ Genau das ist aber der Irrglaube. Es ist genau diese Begrenztheit die Grenzenlos machen lässt. Das Denken auf das Wesentliche zu bündeln, wirkt wie ein sprudelndes Feuerwerk der Inspiration. Es wäre gelogen wenn ich sagen würde, dass ich keinen spirituellen Hintergrund hätte. Denn wenn man sich intensiv mit dem Haiku auseinandersetzt, wird man nicht nur feststellen, dass ein Haiku nicht nur die kürzeste Gedichtform der Welt ist, die ihren Ursprung in Japan hat, so wird man herausfinden, dass es traditionell im Zen – Buddhismus zu Hause ist. Ich habe nur mit dem Begriff Spirituell ein Problem, weil es im Bezug auf zu viele Dinge in unserer westlichen Welt verwendet wird. Aber da ich ein spirituelles Leben, für mich alleine führe, sind sie automatisch auch mit einem spirituellen Hintergrund. So sind viele Haikus auch direkt nach einer Meditation oder nach einer Yogastunde entstanden, wobei die meisten direkt im Leben entsprangen.

Spirituell, was ist das überhaupt? Ist es nicht viel mehr das offen Sein für das Leben, den Augenblick, andere Menschen und vor allem für die Dinge zwischen Himmel und Erde, die wir nicht begreifen oder erklären können, aber existent sind. Die Offenheit erlaubt es mir auch über die Grenzen zu schauen, zu sehen, in wie vielen Punkten sich die unterschiedlichsten Religionen in ihren Büchern ähneln. Aber viel wichtiger ist es seinen Weg zu finden. Seinen ganz persönlichen Weg.

Hinter all diesem Hintergrund, war es deswegen mein Wunsch, all die Haikus nicht für mich zu behalten, sondern sie zu teilen, denn sie können eben viel mehr sein, als nur ein kurzes Gedicht.

Was zeichnet für Dich eine gesunde Spiritualität aus?

Das ist eine schwierige Frage, denn es müsste jetzt erst geklärt werden, was ist für jeden Einzelnen Spiritualität? Oft ist das Leben alleine und für sich, ohne die Gesellschaftlichen Konditionierungen schon spirituell.

Eine gesunde Spiritualität ist für mich, offen zu sein, dem Leben, den Menschen und dem gegenwärtigen Augenblick gegenüber, für all die Dinge die einfach sind, um sie zu leben oder zu erleben. Das Wichtigste dabei ist, gleichzeitig den Blick für das Wesentliche nicht zu verlieren, dann können wir sogar verstehen, egal auf welcher Ebene wir die Welt betrachten.

Wenn wir nach meinem Empfinden spirituell leben, dann werden wir sehen, dass es nur einen Weg gibt. Diesen kann aber nur jeder für sich alleine herausfinden, denn die Wege sind ebenso individuell wie wir Menschen es sind. Ebenso wie Spiritualität und Wissenschaft z.B Physik oder Psychologie ineinander greifen können. Wie heißt es so schön…. „Der Buddhismus fängt da an, wo die Psychologie aufhört.“ *Lächeln*

Mit einem kurzen Blick auf unsere Gesellschaft einerseits und alternative Kultur andererseits: was wünschst Du Dir?

Wenn ich meinen Blick auf unsere Gesellschaft und die derzeitige Entwicklung, auch in vielen kulturellen Bereichen wende, dann läuft mir ein kalter Schauer über den Rücken, denn es graut mir.

Wenn wir ehrlich sind, greift ja beides auch ineinander. Man kann es nicht wirklich trennen.

Es muss grundsätzlich ein Umdenken geschehen, trotz all der ganzen medialen Möglichkeiten die wir haben, geht das Verständnis für Kultur zurück, da es nur noch um Macht, Geld und Aufmerksamkeitssucht geht. Ebenso wie wir uns in die Abhängigkeiten der Technologie begeben, die uns so einnehmen, das viele Menschen manipuliert werden ohne es zu merken, oder wir für die wirklich schönen Dinge des Lebens keinen Platz mehr haben. Es fällt uns sogar schwer zu erkennen, was wir wirklich brauchen und was nicht.

Grundsätzlich wünsche ich mir ein Umdenken, mehr Offenheit und Mitgefühl für alle Menschen, damit sich ein friedvolleres Miteinander entwickeln kann. Zudem kann aber eben auch dies, zusammen mit den medialen Möglichkeiten, die Chance sein, das sich alternative Kultur noch mehr durchsetzen kann. Das auch die Freigeister und Visionäre in dieser Welt wieder einen Platz finden und somit auch die alternative Kultur wieder mehr Gehör, Leser oder Betrachter findet.

Deswegen finde ich auch Outbird ein tolles und unterstützenswertes Projekt, denn je mehr Künstler dieser Sparte sich zusammenschließen, umso größer ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass die alternative Kultur ein breiteres Spektrum an Liebhabern finden wird. Eben die Aufmerksamkeit bekommt, die es haben sollte.

Du siehst, auch wenn ich das Grauen sehe, bin ich mir der Möglichkeiten bewusst und kann auch etwas Positives finden. Somit muss es nicht nur ein Wunsch sein und bleiben, sondern kann Realität werden. Es braucht nur seine Zeit, Geduld und Ausdauer, wie in so vielen Dingen im Leben.

Willkommen in der Redaktion | Emma Wolff

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Wir freuen uns sehr über das neue Mitglied im „Outbird“-Team und Redaktionsmitglied unseres Magazins für alternative Kultur „OutscapesEmma Wolff. Emma Wolff ist eine in Meiningen lebende Autorin, die neben Prosa und Lyrik 2012 unter anderem die Anthologie „Ein Leben mit Autismus: Die etwas andere Anthologie“ herausgegeben hat (ab sofort auch in unserem Webshop erhältlich). Ihr neues Buch „Leben erblühen – Schlüssel des Augenblicks“ mit Haikus und Fotografien erscheint in Kürze ebenfalls beim Telescope Verlag.

Emma Wolff wird für das „Outscapes“-Magazin Rezensionen schreiben und in naher Zukunft eine eigene „Outbird“-Lesereihe im Raum Meiningen gestalten. Herzlich willkommen!