[ Prosa ] Ralf Bruggmann „Totland“

Ihre Finger gleiten über ihre Haut, suchend, ganz langsam. Sie weiß genau, wo die Stelle liegt, trotzdem ist da keine Eile in ihren Bewegungen, keine Zielstrebigkeit. Schließlich erreicht sie ihn, den Punkt an ihrem rechten Unterschenkel, jenen blinden Fleck auf ihrer Haut. Es bleibt nach wie vor merkwürdig, dass sie dort nichts spüren kann, beinahe befremdlich. Die Stelle ist und bleibt vollkommen taub. Totes Land.

Sie legt Musik auf. Pinô von Otto Totland. Die sanft und leise tröpfelnden Klavierklänge, die Leerstellen zwischen den Tönen, die Abwesenheit von Gesang; sie hat die Musik bewusst ausgesucht. Sie mag niemanden singen hören, sie will keine fremden Geschichten, keine Stimmfarben, nicht jetzt. Sie braucht wohl nur etwas, das die Geräuschlosigkeit aufhebt und zugleich die Stille bewahrt.

Totland spielt, und sie denkt sich zurück, beinahe so, als würde sie in einem Fotoalbum blättern. Doch da sind keine Fotos, keine Bilder voller Farben und Leben. Da sind vor allem nüchterne Skizzen, rudimentäre Formen, blutleere Linien. Da sind leere Abende vor dem Fernseher, mit unzähligen Zigaretten, geröteten Augen und sprödem Hals. Da sind ganze Wochenenden ohne ein einziges Wort. Da sind ihre Fratzen im Spiegel. Einige Male kroch sie in ihren Kleiderschrank, zog die Tür zu und saß einfach da, stundenlang in der Dunkelheit.

Es bleibt nach wie vor merkwürdig, wie viel totes Land in ihrer vergangenen Zeit liegt, wie viele Monate und Jahre kein Leben in sich trugen. Sie fragt sich manchmal, ob sie eigentlich jünger ist, weil jene Jahre nicht zählen. Und sie fragt sich, ob ihr im Ganzen etwas fehlt. Ob das tote Land ihr Ich auch heute noch verkrüppelt.

Sie schiebt ihre Finger wieder zur tauben Stelle am Unterschenkel. Kneift Haut und Fleisch zusammen. Spürt nichts. Und fühlt sich seltsam erleichtert, dass sie trotzdem noch laufen kann.
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„Totland“ erschien neben anderer/n Prosa und ShortStories unlängst in Ralf Bruggmanns Buch „Hornhaut“ in der „Edition Outbird“ (zur Buchbestellung bitte hier entlang). Im Bild: „Besinnung“ von Katrin Hetzel. Fotografien von Katrin Hetzel gibt es ebenfalls in der „Edition Outbird“ (bitte hier entlang).

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[ Rezension ] Hellmuth Opitz „In diesen leuchtenden Bernsteinmomenten“

Pünktlich zum Herbstbeginn, wenn alles in den Startlöchern liegt, um für uns in den schönsten Farben zu Schimmern, wir den vergangenen Wochen des Sommers nachsinnieren, mit dem Bernstein des Meeres in der Hand, umhüllt in dem wärmenden Leuchten der Farbenpracht des Waldes, erschien nach langen 6 Jahren des Wartens, das neue Buch von Hellmuth Opitz „In diesen leuchtenden Bernsteinmomenten“ im Pendragon Verlag.
In seiner klaren Sprache macht er preisgekrönt seinem Berufstand des Schriftstellers alle Ehre. Mit gekonnten Worten malt er lebhafte Bilder aus längst vergangenen Zeiten und gegenwärtigen Realitäten, durch welche er die Leser sehr feinfühlig und intelligent führt, damit sich die Möglichkeit bietet, dies in seiner Ganzheit zu durchleben, in ihrem wahren Sinne, eigentlich viel mehr, sie zu schmecken, zu hören, zu sehen und voll und ganz zu erfühlen.

Mit seiner direkten Wortgewandheit, entführt er uns nicht nur in die Schönheit der Vergangenheit und die augenblickliche Wirklichkeit, sondern lässt einen in seinem lyrischen und prosaisch anwirkenden Texten gleichzeitig wie in die Untiefen der menschlichen Seele in einen Spiegel schauen, welche uns die Gratwanderung des Lebens aufführt und durch seine lakonische Anwendung der Sprache deshalb ebenfalls  im Dunkel keinen Schwere auf dem Gemüt liegt, sondern immer einen Schimmer der essenziellen Hoffnung am Horizont erscheinen lässt.

Hellmuth Opitz hat mit seiner kleinen und feinen Gedichtsammlung, welches in sieben Kapiteln geordnet daher kommt, ein Buch geschaffen, welches jeden Leser, der mit offenen Herzen, Augen und Geist, dem Leben gerne, mit all seinen Höhen und Tiefen gegenübersteht und sich nicht scheut, auch in die euphorisch und flüchtig verwirrenden Abgründe unseres menschlichen Dasein zu blicken, ohne den eigentlichen Weg aus den Augen zu verlieren, voll und ganz in seinen Bann ziehen und erreichen kann.

So kommt das Buch mit seinem populistisch anmutendem Cover, einer glatten und unspektakulären Oberfläche daher, beschenkt aber einen jeden in seiner Tiefe, weit darüber hinaus mit einem Wunderwerk der Worte, in seiner reinsten Form, bereichernd und erfüllend für Geist und Seele. Dieses Buch ist ein Geschenk für all die besonderen bernsteinfarbenen Momente der Stille und es ist bei weitem mehr als ein bis zwei Blicke wert.
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Die Rezension verfasste Emma Wolff; freuen Sie sich in der Dezember-Ausgabe unseres „Outscapes“-Printmagazins auf eine weitere Rezension des Pendragon Verlags – zu David Grays „Sarajevo Disco“.

Zur Buchbestellung bitte hier entlang.

Bildnachweis: Isabel Opitz
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Peter Wawerzinek „Schreiben als Befreiung“ [Interviewauszug] | Outscapes #5

„…Was bedeuten Ihnen Würdigungen wie der Ingeborg-Bachmann-Preis? Dankbare Reparation eines langen Heilungsweges? Sichtbarmachung als herausragender Schriftsteller?

Es war die letzte Möglichkeit für mich, den Kopf herauszustecken, mich zu zeigen, meine Schreiberei wichtig werden zu lassen. Ich war bereits abgeschrieben und kam mit diesem Knaller zurück, ganz weit nach vorne. Ich habe ja vorher das Schreiben schon aufgegeben, mich abgeschrieben, ernsthaft gedacht, ich hätte das Zeug nicht dazu, mehr Leute als nur den Freundeskreis zu interessieren. Ich bleibe was ich bin, nur nimmt man mich jetzt viel mehr wahr. Der Preis hat viele, viel Türen und Fenster für mich geöffnet. Ich existiere nun schon sieben Jahre danach, schreibe neu und weiter, weiter…

Einst sagten Sie „Du musst den Blues hassen, um guten Blues zu machen“ – trifft das auch auf die Schriftstellerei zu?

Um dem Leser etwas zu geben muss man die Kollegen gewissenhaft sortieren und den Teil von ihnen ablehnen, der nur nach Ansehen und Finanzen lugt. Also all die Leute, die seltsam werden und eingebildet, sobald sie mit ihrer Taktik Erfolg haben. Sie wenden sich vom alten Leben ab, wenn man sich ihnen zuwendet, die Kritik sie lobt und in die Bestsellerlisten schießt. Man erkennt sie. Sie riechen nach Ruhm. Ich mag sie nach wie vor nicht. Es gibt da eine lange, lange Liste im Hirn von mir, von derartigen Selbstverliebten, die sehr geschickt agieren oder einfach besser vernetzt sind als andere, und dadurch allein schon im Geschäft bleiben. Ich hasse sie nicht mehr. Ich bedauere sie eher. …“

Das Interview führte Tristan Rosenkranz. Das gesamte Gespräch und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #5 [Edition Outbird].

Bildnachweis: Gerd Adloff
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Jennifer Sonntag interviewt Luci van Org

Wir wollen es uns nicht nehmen lassen, an dieser Stelle auf das spannende Interview von Jennifer Sonntag mit Luci van Org im Rahmen des Sendeformats „Selbstbestimmt“ des Mitteldeutschen Rundfunks hinzuweisen, das am vergangenen Mittwoch ausgestrahlt wurde. Beide stehen mit dem „Outbird“-Netzwerk in Verbindung, von beiden empfehlen wir in unserem Onlinestore absolut lesenswerte Bücher (bitte hier und hier entlang), nicht zuletzt hatten wir unlängst erst die Freude, Luci van Org im Interview in unserem letzten „Outscapes“-Magazin #5 vorzustellen. In diesem Sinne: Zum besagten Interview folgen Sie bitte diesem Link.

Bildnachweis: Mitteldeutscher Rundfunk
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Luci van Org „Kunst inspiriert mich, wenn ich sie fühle“ [Interview Teil 2] | Outscapes #5

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #5 [Edition Outbird] erschienen. In diesem Zusammenhang verweisen wir gern auch auf die Verlosung ihres neuen, handsignierten Buches „Die Geschichten von Yggdrasil – das kleine Familienbuch der nordischen Sagen“ unter Neu-AbonnentInnen.]

Antwortteil 2 zu Frage 1:

„… Auch hinter dem ersten Lucilectric- Album stehe ich bis heute voll und ganz. Wir waren in Deutschland immerhin die erste Band, die Technobeats mit Punkrock kombiniert hat. Auf unseren Konzerten wurde Pogo getanzt. Und „Mädchen“ musste erst in Holland ein Hit werden, bis deutsche Radios sich getraut haben, es zu spielen, weil der Song – so albern das heute klingt – zu „schräg“ und zu „rebellisch“ war. Am Anfang waren Lucilectric wundervoller, lustiger Krawall, ganz nach meinem Geschmack. Dann aber hat die Plattenfirma uns durch jede noch so blöde Mainstream-TV-Show gejagt, übel in unserem 2. Album herumgepfuscht und mit heftigsten Vertragsstrafen gedroht, wenn wir uns nicht fügen. Da wurde es kurz mal schlimm. Heute würde ich in solchen Situationen nur den Mittelfinger zeigen, aber mit Anfang 20 habe ich mich von sowas leider noch beeindrucken lassen.

Immerhin haben wir es dann geschafft, die Firma zu wechseln. und mit dem dritten Lucilectric- Album „Tiefer“, von dem es ein Song damals sogar schon auf einen Gothic-Sampler geschafft hat, begann dann eigentlich bereits die Rückkehr zur Ursuppe. Allerdings erstmal ohne dass ich es gemerkt hätte. Bis zum Debütalbum von „Das Haus von Luci“, dem ersten Album, das ich komplett allein produziert habe. Da wollte ich einfach nur ein richtig tolles Album machen. Wollte der Welt und mir selbst zeigen wie ich mich anhöre, wenn ich keine Kompromisse machen muss, und ich selbst fand das Album sehr fröhlich und poppig. Für Radio, Presse und die Booker der großen Festivals war es aber „schräg“ und „düster“; und das erste Festival, auf dem „Das Haus von Luci“ dann schließlich gespielt haben, war das WGT 2004… Soviel zu dem, was aus mir rauskommt, wenn ich keine Kompromisse machen muss. Die Begeisterung und Offenheit, mit der mich das Publikum damals in der Moritzbastei empfangen hat, hat mich dann komplett überwältigt. Das war ein echtes Nach-Hause-Kommen.“

Interview Teil 2

„… Erst Ende der Neunziger hat mich ein sehr netter Journalist ermutigt, es mal mit dem Kolumnenschreiben zu versuchen, was dann so gut geklappt hat, dass ich nicht mehr aufhören konnte zu schreiben.

Was macht mehr Spaß, das Schreiben oder die Musik (fiese Frage 😉)?

Bei Fleißarbeiten macht immer das am meisten Spaß, was ich gerade nicht tue. Beim Gitarre üben oder beim Spuren editieren im Studio würde ich viel lieber was schreiben; wenn ich Romankapitel oder Drehbücher überarbeiten muss, würde ich gern viel lieber Musik machen. Aber wenn´s einfach läuft, gibt es keinen Unterschied. Dann bin ich einfach nur glücklich mit dem, was ich mache.

Was unterscheidet „Üebermutter“ von Deinem Elektroprojekt „Meystersinger“?

Viel weniger, als es zunächst scheint. Beide Projekte sind unterschiedliche Pole desselben Planeten. In beiden geht es – oft ziemlich politisch – mit ganz viel ehrlichen Emotionen um Zwischenmenschliches. Bei Üebermutter speisen sich diese Emotionen aber vor allem aus Wut und bei Meystersinger aus Mitgefühl und dem Willen zur Versöhnung. Diese beiden Extreme, zwischen denen ich in meinem Leben ständig hin- und herpendele, in einem musikalischen Kosmos zu vereinen, habe ich bisher noch nicht geschafft. Da braucht es einfach zwei Bands – mindestens…

Liegt dir eins der Projekte mehr am Herzen und wenn ja warum?

Immer das Projekt, an dem ich gerade arbeite, ist mein wichtigstes Projekt und liegt mir am meisten am Herzen. Das kann morgens ein anderes sein als mittags und nachmittags wieder ein anderes.

Kunst ist Ausdruck des Ichs…. Ganz klar. Was Kunst für dich persönlich aus der Schöpferinnensicht bedeutet, liegt bei der Fülle an Projekten die du da am Laufen hast, auf der Hand. Gibt es auch Luci van Org die Konsumentin von Kunst? Was gefällt dir persönlich, was inspiriert dich und warum?

Kunst inspiriert mich immer dann, wenn ich echte Emotion spüre. Wenn ich das Gefühl habe, dass jemand nicht nur mit irgendeiner Masche, Mode, Form oder einem vermeintlichen Gefühl kokettiert, sondern wirklich den Drang hat, mir etwas mitzuteilen. So, wie zum Beispiel bei Trey Parker, dem Schöpfer von Southpark. In so gut wie allem, was er macht, und sei es noch so schwarzhumorig, ist der gnadenlos ehrliche Wunsch nach einer besseren Welt, nach einem besseren, liebevolleren menschlichen Dasein zu spüren. Wenn ich das irgendwann mal auch nur halb so überzeugend hinkriege, führe ich ein Tänzchen auf.

Seit wann ist Kunst und Kultur (so) wichtig für dich? Wie hast du entdeckt, dass du ein Faible für Kunst und Kultur hast?

Ich habe kein Faible für Kunst ins Kultur. Ich kann einfach nichts anderes, und nichts anderes würde mich glücklich machen.

Du nutzt Namen, Erfolge und Kontakte unter anderem auch als Schirmfrau des „Bundesverbandes verwaiste Eltern und trauernde Geschwister in Deutschland e.V. (VEID.e.V.)“. Welchen Bezug hast Du zu diesem Thema?

Den der Empathie und den der Einsicht, dass es Dinge gibt, die so entsetzlich und so grausam sind, dass ich sie nicht nachempfinden kann, wenn ich sie nicht selbst erlebt habe.

Ich kann Eltern, die den Tod ihres Kindes erleiden müssen, aber zumindest ein klein wenig beim Überleben helfen, und das versuche ich. Indem ich mich, wo immer es geht, darum bemühe, die Öffentlichkeit für die Wichtigkeit der Vereinsarbeit zu sensibilisieren und – ganz profan – auch Menschen davon zu überzeugen, Geld zu spenden. Am Wichtigsten ist mir aber, Berührungsängste gegenüber betroffenen Eltern abzubauen. Zu zeigen, dass im VEID trotz – oder sogar gerade wegen – der allgegenwärtigen Trauer auch gelacht und geliebt und gefeiert und geschimpft und sich gestritten wird. Davon zu erzählen, was für bewundernswerten Menschen mit oft übermenschlichen Kräften ich dort immer wieder begegne und wie viel ich von ihnen lerne. Genau dieser Kontakt mit den Betroffenen ist auch meine größte Motivation. Ich bin so dankbar für alles, was ich von ihnen schon lernen durfte und für das große Vertrauen, das mir entgegengebracht wird.“

Das Interview führten M. Kruppe und Tristan Rosenkranz. Teil 1 des Interviews und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #5 [Edition Outbird].

Luci van Org in unserem Webstore: bitte hier entlang.

Bildnachweise: Axel Hildebrand

Frisch eingetroffen: „Outscapes“ #5 mit Buchverlosung Luci van Org

Soeben ist Ausgabe #5 unseres „Outscapes“-Magazins für alternative Kultur druckfrisch reingeflattert und geht in Kürze an unser(e) Netzwerk, Abonnenten, Kooperationspartner und Anzeigenschalter auf Reisen. Zu den Inhalten oder bei Bestellwunsch rufen Sie bitte diesen Link auf.

Auch mit diesem Magazin verlosen wir wieder ein äußerst empfehlenswertes Buch: „Die Geschichten von Yggdrasil“ von Luci van Org – handsigniert mit einer Widmung von ihr. An der Verlosung können all jene teilnehmen, die das „Outscapes“-Magazin zum Jahresabonnement oder zum Jahresförderabonnement beziehen wollen. Einfach im Onlinestore die gewünschte Option auswählen, bestellen und fertig – viel Glück! Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Mark Benecke: „Outscapes“-Magazin beim Amphi-Festival & Buchverlosung

Wir dürfen uns an dieser Stelle nochmals aus- und eindrücklich bei Dr. Mark Benecke bedanken, der im Rahmen seines umfassenden Interviews nicht nur die wesentlich höhere Auflage unseres Magazins #4 sponserte, sondern mal eben auch 500 Exemplare am vergangenen Wochenende auf dem Kölner Amphi-Festival unter den 12.500 Besuchern verteilte.

Damit nicht genug: wir verlosen Mark Beneckes aktuellstes und von ihm handsigniertes Buch „Mumien in Palermo“ unter unseren Neu-AbonnentInnen – also einfach in unseren Webshop gehen oder Mail mit Abo-Wunsch (Jahresabo 10€, Jahresförderabo 30€ inkl. 10€-Gutschein für unseren Onlinestore) an info[at]outbird.net geschickt und hoffen und wünschen 🙂 Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Tausend Dank!

Bildnachweise: Ines Benecke (bei Facebook unter diesem, diesem und diesem Link zu finden)

Dr. Mark Benecke „Man möchte Brücken schlagen“ [Interview Teil 2] | Outscapes #4

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“-Magazin #4 [Edition Outbird] erschienen. In diesem Zusammenhang verweisen wir gern auch auf die Verlosung seines neuen, handsignierten Buches „Mumien in Palermo“ unter Neu-AbonnentInnen.]

Hast Du selbst mal Texte geschrieben?

Ja, nee, früher bei den… nennen wir es jetzt mal Punkband — wir hießen „Die Blonden Burschen“ — da haben wir das so gemacht, dass wir zusammen immer ein zwei oder noch mehr Flaschen Rotwein leergemacht haben und ich hab‘ Gedanken aufgeschrieben und Klaus hat mit der Gitarre dazu rumprobiert, Leibwächter Smirnov hat Faxen gemacht und so haben wir es dann zusammen gebastelt. Aber ich seh‘ mich mehr auf der Seite der Produktion oder so… wie zum Beispiel, ist jetzt ein blödes Beispiel, bei Modern Talking oder so: Die können jetzt alles remixen alles und nochmal neu rausbringen, oder auch Abba. Das ist ja damals eigentlich nur so dauerhaft geworden, weil es von vornherein super produziert war. Auf dieser Seite bin ich eher, also bei der Orga. Ins Künstlerlische misch ich mich weder beim Text noch beim Eispielen ein, sondern mache haargenau das, was die Künstler und Tonleute mir sagen.

Du hast mal in einem Interview gesagt, dass Du ein Faible für Brücken hast… das ist ja quasi Architektur…

…naja, ich seh es allerdings eher von der Ingenieursseite allerdings…

…hat das für Dich was mit Kunst zu tun?

Mein Vater ist Ingenieur, muss man dazu sagen, eigentlich beide Väter, mein genetischer und mein sozialer Vater sind beide Techniker und Ingenieure. Die konnten immer Architekten und Kunst nicht leiden, weil die der Meinung sind „es muss funktionieren, das reicht, die Künstler nerven nur“. Da gibt es so klassische Sätze von meinem Vater, er hatte sehr viel mit Rollbändern und Fahrtreppen und so etwas gemacht, und hat damals bei der größten freitragenden Rolltreppe Europas mitgemacht, und manchmal haben wir über das eigentlich voll wichtige Formenverständnis der Architekten diskutiert, aber er meinte immer nur „die Funktion ist wichtiger!“ So zwiespältig ist das bei Brücken auch.

Ich seh eher den Zauber da drin, dass sie ja eine Evolution hinter sich haben, die Brücken, weil ja viele zusammen gebrochen sind aus Gründen, die man nicht verstanden hat. Zuletzt die Milleniumsbrücke in London, die hat ja mega geschwankt und musste umkonstruiert und gedämpft werden… im Jahr 2000, wo man so eigentlich langsam mal wissen sollte, wie man Brücken über die Themse baut. Haben sie aber erstmal nicht hingekriegt, und obwohl sie schon fertig war, musste sie umgebaut werden. Das finde ich halt interessant: Man möchte Brücken schlagen, kulturell, künstlerisch, sozial, politisch… der Wille ist da, aber dann fehlt die Fähigkeit, obwohl man ganz sicher ist, dass man es kann.

Die letzte Brücke, die Ines und ich uns angeschaut haben, die ist gigantisch, die ist in Edinburgh, eine ganz berühmte Brücke, sie ist dann auch ganz anders eindrucksvoll, wie ein überirdisches Kunstwerk.

Also, ich les‘ mir auch niemals einen Reiseführer durch, ich lese mir niemals eine Rezension durch, nichts, egal, das interessiert mich überhaupt nicht…. einfach hingehen, sich die Sachen angucken, und wenn es einem nicht gefällt, hat man halt Pech gehabt. Wichtig ist aber, den unbeeinflussten Eindruck zu kriegen – das ist halt immer geil, bei Musik, bei Kunst, aber auch bei Ingenieurskunst oder Architektur, bei Brücken oder wie auch immer.

Ich hab mal aus China, als man noch 32 Kilo Gepäck mitnehmen durfte, die letzten Kilos mit einem superfetten chinesischen Brückenbuch mitgeschleppt (lacht). Da hätte man auch was anderes mitnehmen können.

Wir hatten ja vorhin schon mal drüber gesprochen, was Outbird ist und was wir machen und dass wir halt auch edle Spirituosen im Shop haben… hast Du so eine Art Lieblingsgetränk im Bereich der Alkoholika?

Nö, wir trinken jetzt nicht mehr so viel. Ich würde mal sagen, wenn ich mich mit etwas auskenne… also, die haben ja jetzt in Berlin die ganzen Gin Tonic-Sachen mit den superseltenen Gins… wir sind da mittlerweile eher die Tonic-Spezialisten, weil wir nämlich des öfteren den Gin-Tonic ohne Gin trinken, und das ist sehr, sehr lustig, wenn du in eine gute Gin-Tonic-Bar gehst. Und natürlich extrem hochwertigen Rotwein, der wirklich was kann, unabhängig von der Marke und Bewertung durch irgendwen.

Ich bin ja Eröffnungs-DJ beim WGT immer, und Elvis, der das immer anleiert, der ist ja so richtig von Herzen Ossi. Er mixt dann immer so Getränke in der Plastikflasche, diesen Kaffeelikör aus dem Osten mit irgendwas anderem, und dann eben Pfeffi, den gab’s ja im Westen nicht, also lauter so Sachen. Das muss aus der Plastikflasche natürlich selbstgemixt sein. Das sind die drei Sachen, von denen ich Ahnung habe: Gin-Tonic ohne Gin, sehr guter Rotwein, und eben diese Mixgetränke zur WGT-Eröffnung aus der Plastikflasche…die sind für mich spannend. Ach ja, und Țuică und Ron Medellín, aber nur in kleinsten Mengen…das hat aber mehr mit sehr guten Erinnerungen vor Ort in Transilvanien und Medellín zu tun als mit den Getränken an sich (lacht).

Alkohol ist ja eine Droge, da brauchen wir ja nicht drumherum zu reden. Ich muss ja immer ein bisschen lachen, wenn es heißt, Alkohol ist keine Droge… gibt es für Dich einen Unterschied zwischen Drogengebrauch und -missbrauch?

Naja, das ist halt ein Kontinuum. Also, ich kann mal ein Beispiel sagen. Wenn du jetzt Leute hast, die psychisch labil sind, da kommt es natürlich erstmal darauf an, welche Sorte psychischer Labilität hat man. Bei den Gruftis haben wir davon natürlich viele Leute. Und wenn das jetzt Menschen sind, die beispielsweise Psychose-Neigung haben, also die eher so aus der Ecke Schizophrenie oder Borderline kommen oder so – für die ist es jetzt vielleicht nicht so gut, psychotrope Drogen zu nehmen. Also, da könnte dann auch schnell schon der erste Gebrauch der Droge Missbrauch sein, ohne dass das jetzt für jemand anderen ein Missbrauch sein müsste.

Oder Leute, die so diese Affektstörungen haben, diese extremen Stimmungsschwankungen, für die ist jetzt vielleicht Speed und Koks sehr, sehr schlecht. Da kann der erste Gebrauch auch schon missbräuchlich sein.

Für Leute, die jetzt eher aus dem depressiven Formenkreis kommen, die sollten vielleicht die Finger vom Alkohol lassen, weil sie dann zu sehr in Ungleichgewicht kommen.

Das ist vielleicht wie beim Autofahren, beim Party machen, beim nicht wirklich schlafen gehen: Du kannst das alles missbräuchlich machen. Auch Sport…das ist immer ein Kontinuum. Ich würde das gar nicht auf substanzgebundene Sachen festlegen. Spielsucht… Also, ich denke, Menschen die eine bestimmte Neigung in einem bestimmten Formenkreis haben, sollten sehr scharf drauf achten, ob das nicht in Suchtverhalten abdriftet. Egal, ob es substanzgebunden ist oder nicht.

Weswegen ich die Frage stelle, ist, und da muss ich jetzt erst einmal von mir ausgehen: als ich die ersten Berührungspunkte mit Literatur hatte, abgesehen vom Schulunterricht, und auch mit Kunst in Berührung kam, war’s immer jemand, den ich cool fand, also zum Beispiel hab ich die Bücher von Gottfried Benn gefressen, ich hab Bertolt Brecht genossen, ich liebe die Gedichte von Jim Morrison zum Beispiel… Villon, Kinski… alles Menschen, die ein Problem ohne Rausch hatten. Die Frage, die ich mir dann irgendwann mal gestellt habe: Braucht gute Kunst irgendeinen Rausch?

Nee, das ist andersrum: Die Leute sind vorher schon verrückt und nehmen deswegen Substanzen. Ihre Kunst würde auch ohne Substanzen funktionieren, die Substanzen verstärken das nur. Die Substanzen sind eigentlich nur die schwarzen Streusel da obendrauf. Wenn wir jetzt mal Harry Rowohlt nehmen oder auch Benn, die hätten das auch ohne Substanzen produziert, nur wäre es nicht so leicht an die Oberfläche gekommen. Oder der Kinski hätte vielleicht nicht diese theatralische Drama gemacht — aber an die Oberfläche kann man das auch so kriegen. Ist halt nur schwerer. Das weiß ich ganz sicher von Leuten, die abdriften und auf den Substanzen hängenbleiben versus den Leuten, die einfach einen Cut machen und dann sagen „okay, das rühre ich nie wieder an“. Man sieht keinen künstlerisch-essenziellen Unterschied in ihrem Schaffen. Phasenweise verändert sich vielleicht mal die Qualität oder das Motiv oder auch die Schärfe, aber das passiert mit oder ohne Substanzen genauso.

Ein Künstler, von dem ich viele Bilder habe, malt extrem präzise, fast jedes Haar einzeln in Öl, aber als seine Frau schwanger wurde, ist das alles zerflossen und wurde ganz organisch und bionisch. Das dauerte dann ein, zwei Jahre, und dann ging es wieder zurück zum Hochpräzisen.

Oder unsere gemeinsame Freundin Bianca Stücker zum Beispiel, die ist super präzisionsbesessen und du kriegst sie auch nicht davon weg. Sie hat mal ein Tattoo bei mir gemacht, da habe ich es auf der eigenen Haut erlebt. Dieser Zwang zur Präzision würde bei ihr niemals weggehen, egal, was sie nehmen würde — und bisher nimmt sie überhaupt keine Substanzen.

Wenn ich dir jetzt aber sage, dass ich eine ziemlich krasse Zeit hinter mir habe mit Alkohol, und in genau dieser Zeit die geilsten surrealen Gedichte geschrieben habe, und seitdem ich erst zwei Jahre gar nicht und nun nur noch in Maßen trinke, da kommen zwar Konzeptgedichte, aber es kommt nichts mehr Surreales bei rum.

Ja, das verstehe ich, aber das ist die Vertauschung von Substanz mit seelischer Eigenschaft. Du hast dich dann seelisch einfach weiterentwickelt und verändert, und der Alkohol ist nur das Symptom, das dazugehört. Das kann ich dir sowohl aus dem kriminalistischen Bereich als auch bei Gruftis als auch bei Künstlern oder Tätowierern darstellen, ich hab‘ da wirklich viele Andockstellen… man verändert sich charakterlich einfach.

Das ist wie, wenn Leute sagen „ach, früher bin ich immer voll auf die Rolle gegangen und hab Megaparty gemacht, und heute bleib ich lieber mal gerne zuhause“. Da ist der einfache Grund, dass sie einfach immer erwachsener werden. Also der Körper verändert sich, die Gehirnstruktur verändert sich, die Hormone verändern sich. Das hat nichts damit zu tun, was man oft glaubt, sondern ist einfach ein total normaler Prozess. Das ist nicht der Alkohol, das sind neue Verschaltungen durch Lebenserfahrungen und Eindrücke.

Gute Kunst braucht nicht unbedingt den Rausch – als Fazit?

Nein. Ich bin mir einfach ganz, ganz sicher, dass es für viele Menschen in der Zeit, in der sie sozusagen aus dem therapeutischen Bedürfnis heraus extrem viel Energie in die Kunst reinsetzen, einfach dazugehört, viel auszuprobieren oder exzessiv zu leben oder den Rausch auszuprobieren.

Aber da ich eben genügend Leute kenne, die mit Substanzen aufgehört haben, neben denen, die weitermachen, haben wir sowohl im Labor als auch privat beide Stichproben. Und ich sehe wirklich auch im Laufe von Jahren — und ich bleib‘ allen treu, so gut das geht — keine Verschlechterung in der künstlerischen Qualität. Veränderungen schon, aber keine Verschlechterung, außer, sie schießen sich ganz weg.

Bei halluzinogenen Substanzen kannst du das besonders gut sehen: Für die meisten Menschen reicht es komplett, dass die mal kurz in Berührung damit waren, und die Eindrücke, die die da gesammelt haben, die reichen fürs gesamte restliche Leben. Jetzt gibt’s aber Leute, die das zu einer Lebensgewohnheit gemacht haben, um sich Informationen, beispielsweise aus Pilzen, zu ziehen. Und die denken halt, das wäre notwendig. Aber wenn man sie nötigen würde, das zu lassen, würden sie genauso viele Informationen bekommen, wenn sie es wollten. Man darf da echt nicht Ursache und Wirkung vertauschen.

Die letzte Frage, und da will ich nochmal zum Thema Kunst und Kultur zurück, weil es mich persönlich in letzter Zeit sehr beschäftigt, auch an den Politiker Mark Benecke: Wir leben ja im sogenannten Land der Dichter und Denker, und ich als Kunst- und Kulturschaffender in meiner Region krieg halt immer wieder mit, dass genau diese Menschen, die immer wieder gepriesen werden, am langen ausgestreckten Arm verhungern, und der Staat schaut halt zu. Jetzt haben wir den Innenminister mit seinen zehn Thesen, der sich darauf beruft, dass wir in ebendiesem Land der Dichter und Denker leben, wo ich immer sage „normalerweise muss doch Kunst und Kultur von Staatswegen subventioniert werden“…

…ja, wird sie auch, massiv sogar. Vielleicht nicht genug, aber es fließt schon viel Geld da rein.

Ich kenne sehr, sehr viele Künstler, die leider an der Armutsgrenze und im ALG II–Bezug leben, und die, wenn sie nicht in ein oder zwei Jahren Geld verdienen mit ihrer Kunst, zum Altenpfleger oder anderem umgeschult werden, und darüber überhaupt erst depressiv werden. Eigentlich muss es doch einen Weg geben, wenn ich nachweise, dass ich künstlerisch produktiv bin…

Naja, das sind zwei Sachen. Das Eine ist, wir bieten in Deutschland schon das beste Auffangnetz für Künstler auf der Erde – über die Künstlersozialkasse zum Beispiel. Wenn du dort nachweisen kannst, dass du künstlerisch produktiv bist, bist du komplett abgesichert. Das gibt’s in keinem Land der Erde, das ich kenne, und das ist großartig in Deutschland. Das sichert natürlich nicht dein Einkommen, aber da hast du deine komplette Sozialversicherung. Es gibt kein anders mir bekanntes Land auf der Welt, wo du volle, komplette, unlimitierte, Kranken-, Sozial- und Rentenversicherung und deine Miete auch als Künstler hast, der meinetwegen sieben Monate im Jahr nicht aus dem Bett kommt und schwere Depressionen hat.

Dann gibt’s das Zwischending, das sind die Künstler, die sehr viel in die Vermarktung gehen, die können Glück oder Pech haben, da das den Marktgesetzen oder Launen der Kunden folgt. Es kann ja kein Mensch entscheiden, was gute oder schlechte Kunst ist, das kann kein Mensch entscheiden. Aber leider entscheidet es ja der Markt. Schau dir Gerhard Richter an, der aus Ostdeutschland stammende, hochgehandeltste Künstler der Erde. Ich finde seine Sachen super, das Fenster im Kölner Dom finde ich großartig, und ich versteh‘ auch die Konzepte, die er macht. Aber es ist mir eins der größten Rätsel, warum die Leute dafür so viele Millionen hinlegen. Ich begreife nicht, warum das so viel wert sein soll.

Zur richtigen Zeit mit den richtigen Leuten am richtigen Ort…

…richtig, genau, und natürlich Fleiß ohne Ende. Aber wenn du dich zum Beispiel mit den großen Galerien oder Politikern gut verstehst, dann klappt es viel leichter. Das ist das Zweite.

Das Dritte sollte ich auch noch sagen: Das sind die, die ins Ausland gehen wie zum Beispiel Martin Schöller, der als Fotograf jetzt Cheffotograf beim New Yorker ist.

Und dann, das vergisst man leicht, dass viele Künstler, die wir heute auch im Grufti-Bereich ganz gut finden, entweder gar nicht oder hochgradig subventioniert wurden — meinetwegen Goethe oder Schiller: Die hatten halt megareiche Mäzene. Dieses Konzept existiert aber nicht mehr. Aber da muss man natürlich fragen, wer hat die Leute finanziert? Das waren öfters Menschen, von denen heute kein Künstler mehr direkt Kohle annehmen würde.

Oder aus meinem Bereich: Der Schokoladenfabrikant König, auf den das Museum König in Bonn zurückgeht – den würde man heutzutage als Künstler auch nicht mehr so unbedingt gerne als Subventionsgeber annehmen, weil das ein absolut großindustrieller Kapitalist war. Das kannst du heute als Künstler gar nicht mehr bringen, das wäre so, als ob dich heute VW finanzieren würde. Das Geld würdest du glaub‘ ich nicht annehmen, weil es dir wichtig ist, in der Szene präsent und glaubwürdig zu sein. Oder nehmen wir mal Nestlé, das kann man einfach nicht bringen, von denen Geld zu nehmen. Da haben sich einfach die kulturellen Wahrnehmungen geändert. Für die Künstler und Schriftsteller der damaligen Zeit war es überhaupt kein Problem, von Kapitalisten oder Herrschern riesige Geldsummen anzunehmen.

Oder auch andere Leute, Astronomen zum Beispiel, die von Regierungen oder Industrieunternehmen gefördert worden oder an Höfe gegangen sind. Heute arbeiten sie an Universitäten oder sind selbständig. Welcher Astronom würde sich heute noch direkt an das dicke Geld binden?

Bis ins auflaufende Mittelalter hat sich ja jeder Hof seine Künstler gehalten…

…das war auch viel später noch so, bis ins 19. Jahrhundert. Aber früher sind viel, viel mehr Künstler untergegangen mangels Versicherung und so, die sind einfach krepiert. Die meisten jüngeren Gruftis wissen überhaupt nicht, dass fast alle der Bands, die sie für Gruftistars halten, einen ganz normalen 40-Stunden-Job haben. Fast alle unserer Szene-Stars haben von neun bis fünf einen anderen Job…

…und gehen dann noch proben und Touren fahren und zwar von ihrem Urlaub…

…richtig, und zwar auch von den größeren Acts. Meine Antwort wäre in einem Satz: Früher sind sie einfach verhungert. Und ja, man kölnnte eine coolere Kulturförderung machen. Aber am Beispiel Köln siehst du, dass es oft einfach nicht geht: Wir hatten oder haben ja dort die größte Anzahl von freien Theatern und Galerien europaweit. Wenn du denen aber Geld gibst, bekriegen sie sich teils zu Tode. Du kannst dir nicht vorstellen, was da los ist.

Die Frage ist einfach, um das zu konkretisieren: Ich veranstalte seit drei Jahren eine Lesereihe namens „Das rote Sofa“, und mein Anspruch ist es, das kostenlos anzubieten. In einer kleinen, 13.000-Einwohner-Stadt, wo sowieso nicht soviel Kultur geboten wird. Wenn du da auch noch fünf Euro Eintritt verlangst, um die Künstler zu bezahlen, dann kommt natürlich kein Gast. Oftmals ist es so, dass ich die Gagen aus eigener Tasche bezahle oder eben einen einzigen Topf anzapfen kann, dann muss ich es aber immer politisch begründen.

Wenn es aber da einen staatlichen Fördertopf gäbe für Veranstaltungen in der ländlichen Region…

…doch, gibt’s, aber über einen blöden Umweg. Bis zuletzt waren das die Sparkassen, weil die ja im Prinzip der Stadt oder dem Kreis gehören, und keinen Gewinn erwirtschaften dürfen. Nur: Da müssen sie dich mögen.

Die Lösung, die ich sehe, ist, dass du es halt sexy und zeitgemäß machen musst. Bianca hat mit ihren Tribal Fusion-Tanzchoreographien ja auch das Problem: Da gehen schon viele Leute hin, aber es gibt Veranstaltungen, da dürfen dann nur Frauen hin. Kein Witz! Da stellt sich die Frage, wie sie das finanziert bekommen wollen, wenn die Veranstalterinnen einfach mal die Hälfte der Bevölkerung ausschließt aus Befindlichkeiten, die kein Mensch — oder zumindest ich nicht — verstehen kann. Das ist ja jetzt nicht supersexualisiert, das Ganze.

Ein anderes Beispiel: Ich hab‘ drei Jahre lang die Leute vom WGT fast schon erpresst. Also dass ich das mit der Tribal Fusion organisatorisch übernehme, aber mit der Bedingung, ihr sagt den Tänzerinnen, die es nicht können, vorher, dass sie leider nicht auftreten können. Die Qualitätsunterschiede in den Tribal Fusion-Shows am Rand des WGT waren ja von genial bis Trash breitgefächert. Kurioserweise ist das an den WGT-Leuten gescheitert, die einfach keinen Bock auf Tribal Fusion haben, obwohl ich alles gemacht hätte, nachdem die vorigen Veranstalterinnen die Segel gestrichen haben.

Als wir mit den „Blonden Burschen“ in den 1990er Jahren in Berlin aufgetreten sind, hatten wir manchmal nur eine Matratze für die ganze Band, und die war voller Flecken. Heizung gab’s nicht, Klo war damals noch im Treppenhaus, aber unbenutzbar verkeimt, es war sogar außen und innen komplett schwarz vor verkrustetem Shit. Ich hab‘ auch mal im Kofferraum des Leibwächter-Transporters gepennt. Einmal konnte man sogar von unserer Unterkunft aus in die Wohnung drunter gucken, weil die Holzbalken vom Boden total verrottet waren.

Also, es gibt fünfzig Millionen Ecken, an denen es im künstlerischen Bereich scheitern kann. Wenn das Publikum bei deinen Abenden aber keinen Mini-Eintritt zahlen will, ist das auch bekloppt. Fünf Euro ist ja nun eine faire Ansage für einen schönen Abend. So oder so, meine Meinung ist grundsätzlich: „Augen zu und durch“. Ich machs ja auch die ganze Zeit so.

Ich bedanke mich herzlich für das Interview! 

Das Interview führte M. Kruppe. Teil 1 des Interviews und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #4 [Edition Outbird].

Mark Benecke online: Website / Facebook

Bildnachweis: Felix Berner

Romina Nikolić „Ästhetik des Tötens“ [Interviewauszug] | Outscapes #4

„… Wie erklärst Du Dir die Faszination, die der Stoff „Hannibal“ noch zwei Jahre nach Absetzen der Serie auf unzählige Fannibals ausübt? Immerhin handelt es sich ja um finsterste Morde eines äußerlich höchstkultivierten Therapeuten.

Die Morde haben zum einen tatsächlich eine herausragende ästhetische Qualität und zum anderen sind sie in der Serie aber eben nicht nur was für Gore-Fans, sondern in ihrer Symbolträchtigkeit vor allem Mittel zur Kommunikation zwischen den beiden Hauptcharakteren, Hannibal und Will, die beide ja auf ihre jeweils eigene Art sehr außergewöhnlich und dadurch einsam sind, und irgendwie gegen alle Wahrscheinlichkeiten im anderen den perfekten Gegenpart finden. Das ist eine schöne, natürlich auch romantische Vorstellung, dass man, egal wie weird man ist, jemanden finden kann, der zu einem passt. Das spricht, glaube ich, viele Fannibals an. Und die Tatsache, dass Bryan Fuller und sein Team die Geschichte auf eine visuell, filmisch, erzähltechnisch ganz neue Ebene gehoben haben, spielt bei der Faszination auf alle Fälle auch eine sehr große Rolle.

[…]

Kannst Du uns etwas zum literarischen Genre der sogenannten „Fanthology“ sagen? Seit wann existiert dieses Genre, wo hatte es seinen Ursprung?

Da müsste ich jetzt selber googeln… Es ist als größere Text- und Bildsammlung eine Erweiterung der typischen Fanzines, also Fan Magazines zu einem bestimmten Thema, die es ja schon seit Ewigkeiten gibt. Ich glaube, das geht zurück bis in die 1940er Jahre. …“

Das Interview führte Tristan Rosenkranz. Das gesamte Gespräch und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #4 [Edition Outbird].

Bildnachweise: Germaine Bierbaum & Romina Nikolić

Kathy Kahner „Literatur und Skurrilität“ [Interviewauszug] | Outscapes #4

„… Hallo Kathy, Surrealismus als einflussreiches Experimentierfeld zwischen Kunst, Literatur und Psyche und mit Größen wie Breton, Tzara oder Aragon war ja der experimentelle Inbegriff des Traumhaften, Unbewussten, Absurden… Was fasziniert Dich am Surrealismus und am Dadaismus, was bedeuten diese Strömungen für Dich?

Beide Kunstrichtungen haben die gesellschaftlichen Grenzen ihrer Entstehungszeit überschritten und nehmen sich selber nicht so ernst. Eine Eigenschaft, die mir oftmals in vielen Bereichen zu fehlen scheint. Was ich noch am Dadaismus schätze, ist, dass er trotz oder gerade durch seine ironischen Gebrochenheiten und der demonstrativen Unernsthaftigkeit eine politische Dimension erhält. Zudem führt der Dadaismus ebenso wie der Surrealismus durch sein Spiel mit der Skurrilität den Alltag ad absurdum – das fasziniert mich nicht nur, ich finde es zudem unglaublich erheiternd. Da ich selber mitunter die Skurrilität als humoristisches Stilmittel in meinen Werken verwende, komme ich nicht um hin, diese Kunstrichtungen zu lieben.

Was ist für Dich gelebter Dadaismus?

Als Laie kann ich bei Leibe nur von meiner Auffassung sprechen, aber für mich persönlich ist das Erschaffen skurriler und absurder Werke, deren Unsinnigkeit sich die Schöpfer bewusst sind, und der Kontrast dieser zu einer verkrampften Ernsthaftigkeit in der Kunst gelebter Dadaismus. …“

Das Interview führte Tristan Rosenkranz. Das gesamte Gespräch und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #4 [Edition Outbird].

Bildnachweis: Nadine Trojan