„Es ist der Wunsch, die Straßen zu bereisen, die vom Sichtbaren zum Unsichtbaren führen“ – Kai Grehn im Interview

In unserem Arbeitsfeld begegnen wir immer wieder Menschen, die eine scheinbar unfassbare Energie aufbringen, um zu tun, wofür sie brennen. Kai Grehn ist solch ein Menschentyp. 69er Baujahr, Studium am Regieinstitut der Berliner Schauspielschule „Ernst Busch“, schreibt und übersetzt er Prosa und Theatertexte, inszeniert Hörspiele und Theaterstücke, initiiert und verantwortet Lesungen. Eine Auswahl seiner Hörspiele, von Walt Whitman über William S. Burroughs und Henry David Thoreau bis hin zu beispielsweise Charles Baudelaire, sind in unserem Verlagsshop erhältlich. Die Zeit, mit Kai zu sprechen, scheint uns mehr als reif.

Lieber Kai, danke für Deine Einwilligung zu diesem Interview. Wenn man sich mit Deinem Schaffen beschäftigt, bietet sich unweigerlich der Eindruck an, dass Du alles andere als oberflächliche Werke produzierst. Du vertonst und inszenierst Kōbō Abe, produzierst Hörspiele wie Henry David Thoreaus „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegenüber dem Staat“, schreibst berührend schöne Prosa wie beispielsweise „FUNKEN“. Um nur diese wenigen Beispiele zu nennen. Was treibt Dich an und in welchem Alter hast Du bereits das Interesse für solche Themen und deren künstlerische Umsetzung entwickelt?

Ich glaube, es ist der Wunsch, die Straßen zu bereisen, die vom Sichtbaren zum Unsichtbaren führen, der Wunsch, mit den Sternen am Firmament zu spielen wie ein Kind mit Kieselsteinen, wie ich im „FUNKEN“-Buch bereits geschrieben habe… Mir kam kürzlich eine Begebenheit wieder in den Sinn, in der fragt ein sechzehnjähriger Junge seine vierjährige Schwester: „Bitte erzähle mir etwas über den Ort, von dem wir alle hierher gekommen sind. Ich habe bereits vergessen, wie er aussieht, habe vergessen, weshalb ich hier bin…“

Ich glaube, diese kurze Geschichte enthält die Antwort auf Deine Frage, auch die nach dem Alter.

Du verarbeitest ja die unterschiedlichsten Themen, misst die (künstlerische) Sinnfindung des Lebens am Nanga Parbat, vertonst Liebesbriefe „traurigster Heiterkeit“ über Boxkämpfe, Orchesterkonzerte und das Lagerbordell von Auschwitz, begibst Dich auf eine lyrische Reise durch die Landschaft von Irrenanstalten, das Dickicht der Wüste und durch den Regenwald. Wie grenzenlos bist Du als Künstler? Wo bekommst Du Deine Inspirationen?

Grenzenlos ist die Welt der Imagination und ihre Türen stehen jedem von uns offen.

In der Realität des Alltags sieht es aber oft so aus, dass ich mir die Türen zu dieser Welt selber zumülle oder mir zumüllen lasse. Inspiration bedeutet für mich daher vor allem eins: Müllabfuhr, um die Welt der Imagination wieder betreten zu können.

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Wie schafft man es bei einem so weitläufigen Universum an Themen und Produktionen, bei der Sache zu bleiben, strukturiert zu arbeiten und ein Privatleben mit Familie zu führen?

Ich glaube nicht, dass es einen Unterschied macht, ob man sich in seiner Arbeit thematisch in einem Gebirge oder in einem Sandkorn verliert. Beides ist gleich weitläufig und die Herausforderungen sind gleich groß, gleich klein… Aber ob Gebirge oder Sandkorn, von dem, was ich gerne tun und unternehmen würde, privat und in meiner Arbeit, ist es bestenfalls nur die Hälfte, die ich schaffe. Wenn es das also gibt, einen Weg, um alles in eine große und perfekte Balance zu bekommen – ich wäre der erste, der das lernen möchte!

Wie viel Zeit steckst Du in eine Hörspielproduktion oder ein Theaterstück?

Wie viel Zeit in einem Projekt steckt? Das ganze bisherige Leben, immer.

Und was Arbeitstempo und –zeit dabei betrifft: Ich bin unsäglich langsam, vor allem beim Schreiben. Ich kann einen oder mehrere Tage mit einem Satz verbringen, um ihn am Ende dann doch zu löschen. Aber es ist wie es ist, weshalb ich versuche, die Dinge ins Heitere zu verkehren und mir ein Haiku des japanischen Dichters Isso zum Motto erhoben haben:

Ja, Schnecke,
besteige den Fuji, aber
langsam, langsam!

Ob musikalisch alva noto, Tarwater, Sandow oder Anne Clark oder literarisch Henry David Thoreau, William S. Burroughs oder William Blake: Du scheinst Dich in Deinen Stoffen und Kooperationen gern neben dem Mainstream zu bewegen. Sind das Deine musikalischen und literarischen Wurzeln? Brauchst Du die Tiefe?

Offen gestanden fällt es mir schwer, in den Kategorien von Mainstream – Independence zu denken, INN – OFF, E – U, Literaturbetrieb – Underground etc.. Vom französischen Komponisten Camille Saint-Saëns stammt der, wie ich finde, sehr treffende Ausspruch: „Es gibt gute und es gibt schlechte Musik; der Rest ist eine Frage der Mode oder der Konvention, nichts weiter.“ In diesem Sinne gefragt: Aber ja, ich brauche und bin beständig auf der Suche nach guter Musik, guten Büchern. Und häufig werde ich an den Rändern des Weges dabei fündig, bei sogenannten Randfiguren.

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Wie bekommst Du die Zusammenarbeit mit einem Iggy Pop oder einer Anne Clark organisiert?

Die Antwort ist sehr simpel: Ich frage.

Und ich habe das Glück, dass ich in den Hörspielredaktionen der ARD zwei, drei Redakteure und Redakteurinnen habe, die mir ihr Vertrauen aussprechen und bereit sind, diese oft langwierigeren und komplizierteren Wege (beispielsweise was Rechte- und Vertragsfragen betrifft) mit mir gemeinsam zu beschreiten.

Du hast nun schon einige Preise gewonnen, beispielsweise den Gold-Radio-Award des New York Festivals, auch tauchte Dein Buch „Funken oder So glücklich wie wir ist kein Mensch unter der Sonne“ auf der Longlist der „Schönsten Deutschen Bücher 2018“ auf. Was ist das wichtigste Ziel in Deinem Leben? Was würdest Du gern noch erreichen?

Am Ende eines jeden Tages sagen können: Für diesen Tag brauche ich mich nicht zu schämen, denn es war ein Tag gelebtes Leben.

An welchen Projekten arbeitest Du derzeit?

Ich stecke mitten in der laufenden Produktion für ein Hörspiel mit Texten von Fernando Pessoa: „Tape-Recordings eines metaphysischen Ingenieurs“, und ich versuche, mich an das Finale eines neuen Theaterstücks heranzupirschen – langsam, langsam, versteht sich.

Welchen gesellschaftlichen Mehrwert siehst Du in Kunst und Kultur, gerade, wenn sie von den Hauptwegen abweicht?

Von William Blake stammt der schöne Satz: In the universe, there are things that are known, and things that are unknown, and in between, there are doors. Ich glaube, Kunst zählt zu diesen Türen, von denen Blake da spricht.

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Wie wichtig ist aus Deiner Sicht Kulturförderung, auch und insbesondere für kleinere Institutionen und Projekte?

Welchen Wert misst die Gesellschaft, messen wir Kunst und Kultur bei, wenn dieser Wert sich nicht in Aktienkursen und Gewinnmaximierung widerspiegeln lässt? Lass mich die Begrifflichkeiten kurz wechseln: Wenn ich erkannt habe, dass sich der Wert eines Baumes nicht in Holzklaftern bemisst, und ich werde gewahr, dass die Platane in meinem Hinterhof nicht mehr in der Lage ist, bei den aktuellen Temperaturen ohne meine Hilfe zu überleben, dann muss ich sie gießen. Ansonsten erwartet mich früher oder später ein leerer Hinterhof: keine Platane und kein Rauschen des Windes in ihren Blättern; keine Turteltauben, die sich jedes Jahr in ihren Ästen ein neues Nest bauen; keine Nachtigallen, die auf den Zweigen ihre Lieder singen; kein kühlender Schatten im Sommer; niemand, der die verbrauchte Luft, die ich ausatme, einatmen und wieder zurück verwandeln wird…

Welchen Rat würdest Du NachwuchskünstlerInnen geben, die für Kunst, Musik oder Literatur brennen?

Das wäre vermessen, Ratschläge zu erteilen… Aber eine Zeile Franz Kafkas könnte ich benennen, die über meinem Schreibtisch hängt und die ich selber als Rat zu beherzigen versuche, auch wenn es nicht immer gelingt: Verbringe nicht die Zeit mit der Suche nach einem Hindernis. Vielleicht ist keines da.

Lieber Kai, ich danke Dir für das Gespräch.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweise: Thorsten Eichhorst, Majorlabel _____________________________________________________________________________________

„Es muss da eine Konfliktlinie geben, die ich sehen will, die auch mit heute zu tun hat“ – Kai-Uwe Kohlschmidt im Interview

Kai-Uwe Kohlschmidt ist Musiker, Komponist, Autor, macht Hörspiele, Features und ist zudem Regisseur. Ein Vollblut-Künstler, der offensichtlich gar nicht anders kann, als in der Kunst aufzugehen. Er lebt sich durch die Kunst, Kreativität scheint keine Frage der Anstrengung, sie ist wohl einfach da und das in einem Maß, dass alles, was Kai-Uwe Kohlschmidt macht, irgendwie mit Kunst zu tun hat. Und er ist, zumindest für die älteren Generationen im Osten kein Unbekannter. Spätestens wenn der Bandname Sandow fällt, klickt es bei vielen und man erinnert sich an das wohl bekannteste Stück der 1983 in Cottbus gegründeten Band: „Born in the GDR“.

Als Outbird mit „Feuer“ und „Exodus Namib“ zwei seiner Hörbücher in sein Shopsortiment aufnahm und der Corvus e.V. im März diesen Jahres Sandow zusammen mit The Russian Doctors ins thüringische Neustadt/Orla holte, um dort die „Nacht der Legenden“ zu feiern, war die Gelegenheit mehr als geboten, dem im Spreewald lebenden Künstler für unser Magazin einige Fragen zu stellen.

Hallo Kai-Uwe … Du bist unter anderem Sänger der legendären Avantgarde-Band Sandow, die nicht zuletzt durch die Film-Doku “Flüstern und Schreien“ bekannt wurde. Kannst du dich an die Gründung erinnern? Was bewegte dich und Chris Hinze dazu, eine Band zu gründen?

Wir hatten uns zum Fasching als Band verkleidet. Das hat uns so wunderbar gefallen (lacht). Der ganze Applaus, schreiende Mädchen, das alles führte dazu, dass wir aus den Kostümen gar nicht mehr heraus wollten.

Das heißt, ihr hattet 1983 zum Fasching eine Idee und habt dann gesagt: „Jetzt müssen wir und aber auch Instrumente besorgen und das Ding auch durchziehen“?

Nein nein, wir besaßen vorher schon Instrumente. Wir hatten damals drei Lieder gespielt. Das waren zwei eigene und ein Cover. Wir hatten ein E-Gitarre und ein selbst gebautes Drumpad. Und so hat Chris die Drums gespielt und ich Gitarre und hab dazu gesungen. Das hat uns dann richtig geflasht. Wenn man einmal auf einer Bühne steht, dann merkt man schnell, ob das der richtige Ort für einen ist oder nicht.
Das entwickelte sich dann recht schnell in wirklich ernst zu nehmende Arbeit. Wir haben in den ersten Jahren unglaublich viel geprobt, waren fast jeden Tag im Proberaum.

Das klingt, als hattet ihr recht früh auch den Wunsch, bekannt und erfolgreich zu sein?

Ja, ganz gewiss. Als wir anfingen waren wir ja 13, 14 Jahre alt und da liegt man ja noch in den Ebenen, die man eben so kennt, also dass du mal ins Radio oder gar ins Fernsehen willst. Da weißt du natürlich noch nicht, dass du Künstler werden willst, sondern du willst in erster Linie berühmt werden. Und dann kommt das Eine irgendwann aus dem Anderen, aus Störungen, aus Komplikationen, aus Erfahrungen und neuen Fragen die dir im Leben begegnen, wenn du die ersten Runden im Kreisverkehr hinter dich gebracht hast. Und entweder man wiederholt sich dann oder man hält die Wiederholung nicht aus und versucht sich zu entwickeln.

Es hat ja auch gar nicht so lange gedauert bis zum ersten größeren Durchbruch. Aber wie war es auf dem Weg dahin? Lagen Steine seitens des Systems im Weg? Man hat ja 1988 wegen der Performance „Aufbruch & Aufruhr“, nicht nur euren Proberaum durchsucht und euch verhaftet, sondern auch das Stück verboten. Hattet ihr damit gerechnet und wie war das für euch, für dich persönlich?

Ich muss das kurz richtig stellen: Verhaftet wurden wir nicht. Unser Proberaum ist aufgebrochen worden und unsere Texte unseres Theaterstücks „Aufbruch und Aufruhr“ waren weg. Wir sind dann direkt zur Polizei gegangen und haben diesen Einbruch gemeldet. Natürlich wussten wir, wer da war, denn wir hatten nicht mit gebildeten Dieben gerechnet, die Weltliteratur mitnimmt und Gitarren und Verstärker stehen lassen. (lacht) Also das war uns schon klar. Aber einfach, um mal zu sehen, was genau man von uns wollte, haben wir dann diesen Weg gewählt. Und klar hatte man Angst. Nicht unbedingt so persönlich, aber es ging immer um die Angst, dass es mit der Band vielleicht nicht weiter gehen könnte. Denn die Band war beizeiten schon das Mutterschiff, das es einfach zu beschützen galt, und deswegen war Vorsicht auch immer Teil des Geschäfts, damit man eben nicht sinnlos überbiegt und ausreizt. Aber ja, wir wussten schon, mit wem wir da tanzen. Gleichzeitig haben wir aber auch Vorteile gesucht. Wir waren ja auch keine absolute… Totalopposition, schließlich haben wir in staatlichen Clubs und Ähnlichem gespielt, denn wir wollten ja auftreten. Wir wollten den Leuten unsere Musik vorspielen und dann ist das in so einer Diktatur natürlich… hm, ein „Spiel“ ist das falsche Wort, es ist … ja … ein Tanz, bei dem man sich immer gewiss sein muss, dass der Elefant auch mal auf einen drauftreten kann.

Ein Jahr später hat es ja dann mit dem Song „Born in the GDR“ auch geklappt. Geht es dir eigentlich auf den Nerv, dass dieser Song fast immer mit Sandow in einem Atemzug genannt, dass ihr quasi ständig an diesem Song gemessen werdet?

Ich bin das gewohnt. Das hinterfrage ich auch nicht mehr. Das ist offenbar ein Lied, das bei anderen viel mehr ausgelöst hat als bei mir selbst. (lacht) Ich bin aber auch froh, dass wir es haben, denn das hat ganz viele Türen geöffnet und insofern ist es eben auch ein Schlüssel, ein Doorkeeper, so ein magisches Tool quasi und da kann ich ja unmöglich dagegen sein.

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Genug der Geschichte. Reden wir über den Künstler im Heute. Du bist Musiker, Komponist, Autor, machst Features und Hörspiele, bist Regisseur. Wie wurde aus dem 13 jährigen Sandow – Mitgründer der Künstler Kai-Uwe Kohlschmidt? Kannst du konkret Anlässe oder Bewegungen benennen, die dich dazu brachten, mehr zu machen als „gewöhnlichen Rock/Punkrock“?

Vielleicht liegt das ein Stück weit an der Stadt, in der wir aufwuchsen. In Cottbus gab es kaum nennenswerte Live-Musik, die man sich hätte anhören können und deswegen ging die subversive und intellektuelle Szene zum Freejazz. Und es gab da eine sehr starke Freejazz-Kultur durch Peter „Jimi“ Metag und Ulli Blobel, die auch viele internationale Künstler nach Cottbus geholt haben. Und das war dann eher so der Sound, den wir uns reinzogen. Da gab es dann auch dementsprechend schräges Personal. Und in der Boheme der Künstler, der Maler wuchsen wir dann eben ohnehin in einem Denken auf, dass die Künste sich überschneiden, dass es Crossings gibt. So kamen wir dazu, schon 1988 auch Performances zu machen. Das war dann eben so eine Art Labor, in dem wir dann Sachen ausprobierten, die später bei Sandow auch zum Tragen kamen. Wir haben dann Instrumentarien ausprobiert, Sprache untersucht und so war das immer eine permanente Entwicklung. Ebenfalls 1988 kam dann Theater dazu. 1991 habe ich schon die erste Filmmusik geschrieben, damals noch für einen Studentenfilm. Und so kommt es mit der Zeit, dass auch Leute an dich herantreten und dich fragen, ob du dir vorstellen kannst, mit ihnen zu arbeiten. Auf diese Weise entsteht ein Kontinuum, und nicht wirklich etwas, das man sich ausgedacht hat, unter dem Motto: „Ich werde ab jetzt …“. Der Kreis von Leuten, die mit dir etwas machen wollen, wird immer größer.

Ich hatte auch immer wieder Heurekas. Zum Beispiel 2004 am Nanga Parbat. Da wollte ich ja „die Sinfonie der Todeszone“ schreiben (http://www.alpinclub.com/pdf/kunstexp.pdf), mit Sounds rund um die Bergsteiger und solchen, die ich selbst in 4500 m Höhe aufnehmen kann. Dann wurde das aber ein Hörspiel, weil sehr dramatische Dinge passiert sind und plötzlich erinnerte ich mich auch wieder, dass mir das ja liegt, also, das Schreiben. Ich hatte das schon länger nicht mehr gemacht. Ich hatte zu dem Zeitpunkt seit fast zehn Jahren nicht mehr geschrieben. Freilich Songtexte, aber nicht Dramatik und dann war das irgendwie eine Entdeckung. Auch die Entdeckung, sich fortzubewegen in schwerem, kompliziertem Habitat, in der Wildnis. Dieses Wachsein, diese Befreiung von Routine und diesem routinierten Denken, das war eine recht maßgebliche Entdeckung.

Was bedeutet Kunst bzw. künstlerische Arbeit für dich? Würdest du das, was du tust, jetzt mal unabhängig von der Bezahlung, als Job, als harten Beruf bezeichnen, oder macht dir alles Spaß und wird somit eher zu einer unvermeidlichen Sache … gewissermaßen einer Passion, die den positiven Nebeneffekt hat, davon leben zu können?

Wie Bukowski sagte: „Du kannst dich nicht dafür entscheiden. Wenn überhaupt wird es sich für dich entscheiden.“ Die ersten 15 Jahre sind verdammt trocken. Trocken in Sachen Geld verdienen meine ich. Das ist schon recht hart, weil du lange überhaupt kein Geld verdienst. Manchmal verdienst du etwas und dann reicht das auch mal ein halbes Jahr. Aber dann ist es auch wieder vorbei und was machst du dann? Auf die Baustelle willst du auf keinen Fall zurück und dann gibt es eben all die Künstler-Jobs. In diesen 15 Jahren entscheidet sich das dann eben, aber es ist auch wahnsinnig viel Arbeit. Es ist also keine Sache des Daran – Glaubens, keiner tut sich so etwas freiwillig an, viel zu schreiben und keiner liest es, oder viel Musik zu machen und keiner kommt zu deinen Konzerten, und das in Verbindung mit dem immensen Arbeitsaufwand.

Ich selbst bin jetzt in der Lage, dass ich ein sehr reiches und ausgefülltes künstlerisches Leben habe, mit immer wieder neuen und abwechslungsreichen Projekten. Das wäre vor 20 Jahren undenkbar gewesen und ich hätte es mir auch so nicht ausdenken können, weil manche Dinge ja erst entstehen, indem du dich mal ordentlich ins Gebüsch schmeißt, weil da kein Weg ist. Und plötzlich entsteht da ein Weg.

Also könnte man sagen, dass du dich mit deiner Kunst und deine Kunst sich mit dir entwickelt hat?

Das ist bestimmt richtig, ja. Ich hatte ein Stück weit auch großes Glück, denn es betrifft ja nicht nur Fleiß oder Talent. Es betrifft ja die Tatsache, dass man die richtigen Leute trifft und man manchmal die falschen Leute auch wieder abstößt und sich auch mal durchsetzt in Momenten, in denen man lieber sterben als leben möchte. Nicht unwichtig ist auch, dass man sich nahezu von Allem inspirieren lassen kann. Und das muss nicht immer nur Kunst sein. Das kann zum Beispiel auch eine Landschaft sein.

Wer oder was inspiriert dich noch, also mal abgesehen von Landschaften und Reisen? Gibt es so etwas wie Hauptinspirationspunkte für dich? Welches war zum Beispiel dein zuletzt gekauftes Buch, deine zuletzt gekauftes Album?

Ich habe zuletzt von Jörg Friedrich „Der Brand“ gelesen, ein Buch über den Bombenkrieg, vor allem den alliierten Bombenkrieg und das in einer Sprache, die wahrscheinlich seit Golo Mann kein Historiker mehr hervorbrachte. Er zeigt auf, was dieser Bombenkrieg für Konsequenzen hatte und das ist dann so ein Moment, wo ich länger darüber nachdenke, weil es mir keiner vorher so erzählt hat. Und manchmal schlägt sich so etwas dann auch in Dingen nieder, die ich tue. Das kann auch mal zehn Jahre dauern, denn es geht auch darum, Muster zu erkennen in einer recht chaotischen Welt und manchmal dauert es eben, das jeweilige Muster zu erkennen und das dann auch abzugleichen. Ich bestehe immer auch auf eigenen Erfahrungen. Alles, was so auf dem Bildschirm gesehen werden kann, ist zwar auch Futter, aber vieles wirklich selbst gesehen zu haben, ist wesentlich elementarer.

Du spielst ja neben den vielen anderen künstlerischen Arbeiten und Sandow in zwei weiteren Bands. Bei allem, was du tust, gibt es ein einzelnes Projekt, das dir besonders am Herzen liegt?

Ich glaube das sind immer die Tage, an denen man sich mit Inspiration betankt. Wenn ich auf einer Mangan25-Reise (siehe unten) bin zum Beispiel, dann wird daraus ja nicht nur ein Hörspiel. Da fließt vielleicht was zu Sandow rüber, manches geht komplett in den Kompott-Keller oder ins geistige Archiv und wartet dort auf Verwendung. Und da ich immer mit einer Thematik reise, ist das eigentlich immer das Spannendste. Was ich auch sehr mag ist, wenn Arbeiten sich finalisieren, wenn die Mischung kurz vorm Ende steht, wenn der Rohschnitt also steht und man das Werk zu spüren beginnt und alles, was man zum Beispiel zwei Jahre zuvor begonnen hat allmählich seinen Charakter entblößt. Das ist eben wie der Stein an dem man meißelt, oder ein anderes Material… das Material bringt ja auch ein eigenes Leben mit und deswegen ist es immer auch wieder überraschend, wenn dann alles zusammenkommt.

Gibt es bei dieser Fülle an Arbeit eigentlich auch den Privatmann Kai-Uwe Kohlschmidt, der sich Auszeiten nimmt, in denen er nicht über Projekte, Band, Musik, Texte, Features und so weiter nachdenkt? Hast du überhaupt Zeit für Auszeiten? Kannst du „abschalten“ wie man sagt und wenn ja, wie sieht das aus?

Das brauche ich eigentlich kaum. Das letzte Mal im Urlaub war ich, glaube ich, 1990 oder `93. Hin und wieder sind wir auch mal mit den Kindern verreist, dann aber auch meist nur ins Waldhaus meiner Eltern, um mit den Kindern Ferien zu machen. Wenn ich abschalte, mache ich etwas auf der Hazienda hier zu Haus, hacke Holz oder so was… (lacht).

Also gibt es schon so Tage, an denen du nichts machst, an denen du sagst „Heute lege ich mal die Füße hoch“?

Es ist immer gut, wenn man am Tag öfters mal für eine halbe, dreiviertel Stunde etwas anderes macht, das hilft schon. Wir wohnen hier an einem See, quasi wie im Urlaub und hin und wieder gehe ich ne Runde segeln oder treffe Freunde.

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Kommen wir noch kurz zum Thema Reisen. Das scheint ja eine deiner Passionen zu sein. Du warst in den letzten 14 Jahren unter Anderem in Schottland, 2016 Papua Neuguinea, 2015 Maputo (Mosambik), 2014 Gotland / Christians Oe, 2013 Grenzland (Neisse), 2012 Namibwüste / Naukluft (Namibia), 2012 Grenzland (Oder), 2011 Rub-Al-Chaly (Vereinte Arabische Emirate), 2010 Anden / Regenwald (Venezuela), 2009 Spitzbergen (Arktis), 2008 Simpson Wüste (Australien), 2004 Nanga Parbat (Pakistan) … Bei vielen deiner Trips entstanden Radio-Features oder Hörspiele. Waren das Aufträge oder hast du hier das Nützliche mit dem Wesentlichen verbunden?

Es gibt schon auch Reisen, bei denen ich vorher keinen Sender hatte und ich mir sagte: „Das mache ich trotzdem, das wird schon.“ Das war zum Beispiel so, als ich nach Venezuela ging. Und diesen Stoff habe ich bis heute noch nicht verkauft. Ich müsste die Zeit finden, ihn nochmal neu anzugehen. Natürlich war die Reise nicht umsonst. Da ist ja zum Beispiel auch ein Text für Sandow entstanden. Vielleicht mache ich auch ein Theaterstück draus. Man muss einfach die richtigen Leute dafür finden.

Also das passiert durchaus. Aber dann gibt es eben sehr erfolgreiche Arbeiten, die finanzieren dann solche Ausfälle mit. Im günstigsten Fall, und das ist in zwei von drei Fällen so, habe ich einen Sender, der mir sein Vertrauen ausspricht und sagt „Das machen wir.“

In der Anfangszeit war das natürlich wesentlich schwieriger als heute. Es wird zunehmend gedeckter.

Bist du damals an die Sender herangetreten?

Ja na klar. Am Anfang hast du da erst mal niemanden, du weißt noch nicht mal, wo die Tür ist, geschweige wie derjenige heißt, zu dem du willst. Und selbst wenn, bist du dann auch nur jemand auf einem gigantischen Stapel.

Ihr habt 2004 die Künstlergruppe Mangan25 gegründet, die „bereisbare Erfahrungsräume aufsucht und ungewöhnliche Landschaften, schwer zugängliche Habitate und Expeditionen im Grenzbereich in ihren Fokus stellt“, wie der Webseite zu entnehmen ist. Ist diese Gruppe eigens ein Produkt deiner Reiselust oder entstand dieses Kollektiv quasi „nebenbei“?

Wir hießen erst recht umständlich und unglücklich „Deutsche Künstlerexpedition“, als wir 2004 zum Nanga Parbat fuhren. Danach haben wir eine gemeinsame Performance gemacht und hatten, auch in anderen Sparten, recht viele Arbeitsergebnisse. Und so dachten wir, dass wir nun einen richtigen Künstlergruppennamen brauchen und haben dann Mangan25 als Namen erwählt. Das ist aber auch eine eher lockere Vereinigung, also, wir kein sind Kunst-Verein mit Reise-Abo. Das hängt immer am Thema, wer fährt.

Was ist deine Intention in Sachen Reisen? Würdest du sagen, dass du eine Art Fernweh hast? Was zieht dich weg und wie wählst du deine Ziele aus?

Mich interessieren einfach immer bestimmte Themen und nach 14 Expeditionen kann man sagen, dass es da eine Tendenz zu historischen Themen gibt. Mein Vater ist ja auch Historiker, vielleicht gibt’s da auch eine erbliche Bestimmung.

Manchmal sind das Stoffe, die ich eher zufällig entdecke, manchmal aber suche ich auch direkt danach. Manchmal interessiert mich auch eine Landschaft und ich schau dann, ob es einen Stoff in der Gegend gibt. Und man kriegt inzwischen auch im Freundes- und Bekanntenkreis richtig viele Tipps und Anregungen.

Ich bin jedenfalls kein Geschichten-Nacherzähler. Das muss dann schon auch etwas mit mir zu tun haben. Es muss da eine Konfliktlinie geben, die ich sehen will, die auch mit Heute zu tun hat, selbst wenn die Geschichte 300 Jahre früher spielt. Und so habe ich etwa 10-15 Reiseideen, die vor sich hin gären, die aber noch nicht ausgereift, angereichert sind.

Gibt es denn konkret schon ein nächstes Ziel?

Ja, wir werden dieses Jahr nach Amerika gehen, also in die Vereinigten Staaten. Das sind zwei sehr schöne Geschichten, die ich jetzt aber nicht erzähle. In der Branche wird man auch mal abgeschöpft.

„Reisen fördert die Kreativität“, würdest du diesen Satz bestätigen?

Fürst Hermann von Pückler hat einmal gesagt: „Es geht nicht ums Reisen, es geht ums gereist zu haben.“ Er meint damit vor allen Dingen, dass Reisen sehr lange in einem nachwirkt. Papua-Neuguinea ist nun schon eine ganze Weile her, aber das hat so ein langes Echo in mir nach wie vor. Oder auch, wenn du am Nanga Parbat bist.

Es geht nicht darum, dass so innere Postkarten immer wieder hochfahren, sondern darum, dass man da echte Erkenntnisse erlangt hat und zwar die Eigenen und manche sind dann freilich auch mit Mühsal verbunden und mache auch mit Gefahren, auch, wenn wir die nie bewusst suchen. Und genau das kann man auch nur in eben dieser Form erleben. Das hilft, Muster zu erkennen. Wenn man beispielsweise im Fernsehen etwas über Schiiten und Sunniten sieht und hört, dass die sich da aufs Dach hauen… also ich war bei Schiiten, ich war aber auch bei Sunniten und zwar in Pakistan, wo es auch echt richtig gekracht hat und man hat plötzlich eine ganz klare Vorstellung und nicht diese Abziehbilder. Man weiß, dass die ja letztendlich auch eine Kultur verteidigen müssen. Eine komplett eigene Kultur, mit ganz eigenen Linien und Strukturen. So was kann dir kein schlaues Buch erzählen.

Was wünschst du dir für die Zukunft, vielleicht auch für dich ganz persönlich?

(überlegt) … Wünschen ist halt immer so etwas Profanes. (Lacht) Man wünscht sich, dass alles gut ist im Leben und dass man noch viele Entdeckungen vor sich hat. Das Meiste muss man sich erarbeiten.

Das Interview führte M. Kruppe.

Bildnachweis: Roberto Schirdewahn.
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