Peter Wawerzinek „Schreiben als Befreiung“ [Interviewauszug] | Outscapes #5

„…Was bedeuten Ihnen Würdigungen wie der Ingeborg-Bachmann-Preis? Dankbare Reparation eines langen Heilungsweges? Sichtbarmachung als herausragender Schriftsteller?

Es war die letzte Möglichkeit für mich, den Kopf herauszustecken, mich zu zeigen, meine Schreiberei wichtig werden zu lassen. Ich war bereits abgeschrieben und kam mit diesem Knaller zurück, ganz weit nach vorne. Ich habe ja vorher das Schreiben schon aufgegeben, mich abgeschrieben, ernsthaft gedacht, ich hätte das Zeug nicht dazu, mehr Leute als nur den Freundeskreis zu interessieren. Ich bleibe was ich bin, nur nimmt man mich jetzt viel mehr wahr. Der Preis hat viele, viel Türen und Fenster für mich geöffnet. Ich existiere nun schon sieben Jahre danach, schreibe neu und weiter, weiter…

Einst sagten Sie „Du musst den Blues hassen, um guten Blues zu machen“ – trifft das auch auf die Schriftstellerei zu?

Um dem Leser etwas zu geben muss man die Kollegen gewissenhaft sortieren und den Teil von ihnen ablehnen, der nur nach Ansehen und Finanzen lugt. Also all die Leute, die seltsam werden und eingebildet, sobald sie mit ihrer Taktik Erfolg haben. Sie wenden sich vom alten Leben ab, wenn man sich ihnen zuwendet, die Kritik sie lobt und in die Bestsellerlisten schießt. Man erkennt sie. Sie riechen nach Ruhm. Ich mag sie nach wie vor nicht. Es gibt da eine lange, lange Liste im Hirn von mir, von derartigen Selbstverliebten, die sehr geschickt agieren oder einfach besser vernetzt sind als andere, und dadurch allein schon im Geschäft bleiben. Ich hasse sie nicht mehr. Ich bedauere sie eher. …“

Das Interview führte Tristan Rosenkranz. Das gesamte Gespräch und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #5 [Edition Outbird].

Bildnachweis: Gerd Adloff
_____________________________________________________________________________________

[ Interview ] Beating Signal | In keiner Schublade – Beating Signal weichen Genregrenzen auf

Beating Signal sind eine musikalische Formation, die einerseits geografisch nicht richtig zu verorten sind, andererseits auch musikalisch schwer in einer Schublade Platz finden. Die vier Jungs aus Dresden, Nordernham und Kassel halten sich auch nur ungern in einem Kasten auf, der sie zu kategorisieren versucht. Irgendwo zwischen neunziger Jahre Dancefloor, Dark Elektro und SynthiPop bewegt sich das Quartett, auch, wenn sie alle das alles ein bisschen anders sehen. OUTSCAPES hat Beating Signal einige Wochen vor ihrem Gig im Planetarium zu Jena (30. 10. 2017) über sich selbst, Auftritte, Kunst und die schwarze Szene befragt.

Hallo Jungs…

Ich durfte euch ja im letzten Jahr schon einmal live im Freiraum Pößneck erleben. Vornweg gesagt; ne coole Truppe, die musikalisch recht vielfältig ist. Aber dazu später mehr. Wenn ihr gefragt werdet, wer ihr seid, wie stellt ihr euch im Allgemeinen vor?

Ich bin Luca und bin zuständig für den instrumentalen Part aller Songs. Auf der Bühne wechsle ich zwischen Synthesizer und Gitarre.

Ich bin Basti, der Sänger und Texter von Beating Signal und komme aus Nordenham.

Mein Name ist Mick und ich übernehme das Management der Band. Derzeit wohne ich in der Nähe von Kassel.

Ich heiße Max, spiele den Livebassisten und komm aus Dresden.

Wenn ihr in so verschiedenen Teilen Deutschlands zu leben scheint, wie macht ihr das mit den Proben, mit dem Zusammenhalt innerhalb der Band?

Mik: Wir haben zuletzt im Sommer 2015 zu viert geprobt. Seitdem spielen wir das selbe Programm in verschiedenen Längen. Zuletzt beim Benefiz for Kids Festival in Magdeburg mit 5 Songs, nun in Jena werden wir mit 18 Stücken das bisher längste Set spielen. Aufgrunddessen, dass wir letztes Jahr sehr ausgedehnt auf Tour waren, war kein Probebedarf vorhanden. Lediglich für die ersten Songs des zweiten Albums (!) haben Luca und Basti in Nordenham geprobt, während Max sich das im Alleingang einverleibt. Der Zusammenhalt findet durch den fast täglichen Austausch auf WhatsApp statt, dadurch entsteht gar kein Abriss.

Wie habt ihr euch kennen gelernt?

Mick: Luca und ich „trafen“ uns 2010 in einem Rammstein-Fanforum und hielten den Kontakt über Skype. Bei meinem ersten Besuch in Nordenham lernte ich Basti kennen, der mit Luca für das damalige Bandprojekt proben wollte. Max kenne ich schon seit 2008 als wir noch gemeinsam in Freiburg wohnten, irgendwann hatte er Lust auf Liveauftritte und da seine damaligen Bands noch nicht soweit waren lud ich ihn zu einer unserer Proben ein.

Wie seid ihr dazu gekommen, euch musikalisch auszudrücken bzw. woher kommt die Ambition, Musik zu machen?

Luca: Woher die Ambition zur Musik bei mir genau kommt weiß ich gar nicht so wirklich. Ich glaube es liegt einfach in der Familie. Musik war daher schon immer ein Teil meines Lebens, seitdem ich denken kann. Angefangen selber Musik zu machen habe ich bereits im frühen Kindesalter mit Schlagzeug. Später folgten dann diverse andere Instrumente.

Basti: Wo meine musikalischen Ambitionen herkommen, weiß ich nicht. In der Familie liegt es jedenfalls nicht. Ich habe mit 12 Jahren angefangen, Akustikgitarre zu lernen und das war der Ursprung für die Freude an der Musik, denke ich. Dann irgendwann bin ich zur E-Gitarre gewechselt, und ein bisschen später erlernte ich noch ein wenig das Schlagzeugspielen. Aber als richtigen Sänger habe ich mich nie gesehen, ich wollte bloß immer einer werden, und bin es gefühlt heute nichtmal richtig (haha).

Mick: Bei dieser Frage muss ich immer lächeln, da ich früher nicht die Muße hatte ein Instrument zu erlernen und nun fehlt mir leider die Zeit. Allerdings bin ich mit Luca schon seit nun fast acht Jahren befreundet und durfte damals schon seinen musikalischen Tätigkeiten mit Basti beiwohnen. Nach mehreren Projekten kam irgendwann Beating Signal ans Licht und ich organisierte kurzerhand den zweiten öffentlichen Auftritt im Hamburger Logo. Anschließend wurde mir nicht nur das allgemeine Management und Booking anvertraut, sondern ich wurde als festes Livemitglied eingestellt um die Sequenzen und den visuellen Aspekt unserer Show zu steuern. Zusätzlich achtet der Rest darauf, dass meine Stimme auf der Bühne möglichst stumm bleibt.

Max: Als ich 16 war habe ich mich oft gelangweilt; da dacht‘ ich mir dann, fang doch an Musik zu machen – und es hat ziemlich gebockt. Ich mache Musik tatsächlich nicht, um irgendetwas auszudrücken – ich kann mich schon ganz gut artikulieren und verständigen. Ich habe auch nicht das Bedürfnis irgendjemanden mit meiner Kunst irgendwie erreichen zu müssen. Ich mach Musik nur für mich.

Wer sind eure Einflussgeber? Liegen die allein in der Schwarzen Szene?

Luca: Mich inspiriert immer das, was ich gerade höre bzw. erlebe/durchlebe.

Basti: Meine Einflüsse für diese Band liegen teils in der schwarzen Szene, zumindest was die tiefen Stimmlagen betrifft. Mit den höheren Tönen richte ich mich eigentlich nach niemandem, es muss nur zum jeweiligen Song passen. Natürlich habe ich ein paar stimmliche Vorbilder wie zum Beispiel Chris Corner (IAMX), Jared Leto (30 Seconds To Mars) oder Marilyn Manson.

Das OUTSCAPES Magazin ist ja nun kein Gothik-Magazin. Habt ihr weitere Einflüsse (falls oben nicht schon die Antwort steht) bzw. habt ihr einen Hang zur schwarzen Szene und wenn ja, wo kommt der her?

Mick: Grundsätzlich gefällt mir vielerlei aus der schwarzen Szene, sowohl Musik und deren Texte als auch die Ästhetik. Zur schwarzen Szene kam ich als ich anfing Rammstein für mich zu entdecken und zu einer wahren Leidenschaft wurde.

Luca: Ich mag die Musik der schwarzen Szene, jedoch bin ich was andere Genres angeht absolut offen für alles und vorallem auch immer offen für Neues. Somit reicht mein Musikgeschmack von der schwarzen Szene über Metal, bis hin zu Hip Hop oder RnB.

Basti: Für neuere Songs sind teilweise sogar Rap-Einflüsse geplant, bzw. schon halbwegs im Spiel.

Max: Ich bin das schwarze Schaf der Band: Mit der schwarzen Szene hab‘ ich nichts am Hut. Es gibt vielleicht zwei oder drei Bands, die wiederum zwei bis drei Songs haben, die mir dann gefallen. Meine Einflüsse sind Punk, progressive Rock, Blues, Pop oder so.

Seht ihr euch als Teil dieser Szene und wenn ja, warum?

Luca: Jein. Einerseits schon, weil unsere Musik größtenteils das Publikum der schwarzen Szene anspricht. Andererseits stecke ich mich ungerne in eine gewisse Schublade. Sowohl auf die Band als auch auf mich persönlich bezogen, da ich gerne auch mal über den Tellerrand hinaus schaue.

Basti: Ich würde grob gesagt schon behaupten, dass wir Teil der schwarzen Szene sind, allerdings ist unsere Musik auch außerhalb der Szene hörbar, im Gegensatz zu dem härteren Hell-Electro oder Aggrotech-Zeugs. Zwar klingt unsere Musik eher düster als fröhlich, aber dennoch wurden wir schon mehrmals von Nicht-Szene-Angehörigen gefeiert, was mich natürlich sehr gefreut hat.

Max: Is mir egal zu welcher Szene wir gehören.

Mick: Nein, ich fühle mich generell keiner Szene gehörig. Allerdings fühle ich mich in dieser am Wohlsten.

Ich sagte es ja vorhin schonmal: Eure Musik ist zwar vorwiegend elektronisch, aber dennoch recht breit gefächert. Wie würdet ihr selbst eure Musik beschreiben?

Basti: Ich beschreibe unsere Musik immer am liebsten als Gothic-Pop, weil es das Dunkle und das poppig-elektronische relativ einfach in einem Namen vereint.

Mick: Das finde ich immer recht schwer, aber wir haben uns auf die Bezeichnung „Dark Electro Pop“ geeinigt und das fasst es ganz gut zusammen: Dunkler, elektronischer Pop.

Luca: Dunkler facettenreicher Electro Pop, der zum Tanzen einlädt.

Max: Elektronischer tanzbarer Hüpfburg-Metal-Rock-Darkpop.

Die Palette der Einflüsse ist ja recht breit. Ist man dann mit einem Bandprojekt zufrieden, oder habt ihr Nebenprojekte?

Max: Derzeit nicht.

Basti: Zufrieden ist man eigentlich nie zu 100%, es gibt, bei mir zumindest, immer noch andere Musikrichtungen, die man gerne ebenfalls machen würde. Aber für meine eigene musikalische Kreativität habe ich ein Projekt namens „Three Nil Three“, mit dem es allerdings recht schleppend voran geht, da ich nicht der fleißigste oder begabteste Songwriter bin. Dennoch füllt es ein gewisses Loch und man hat etwas, in das man sämtliche andere Ideen einbringen kann. (Es ist auch eine Single „Pull me up again“ auf dem Markt – Schleichwerbung dumdidumdidumm..) http://threenilthree.bandcamp.com

Luca: Ich habe neben Beating Signal noch mein Soloprojekt „U-Manoyed“, welches musikalisch eine ähnliche Richtung einschlägt. Da ich für dieses Projekt auch den gesanglichen Teil übernehme, ist es perfekt um mich noch zusätzlich ein wenig mehr auszuleben.

Mick: Wie auch bei Beating Signal unterstütze ich Luca für U-Manoyed sowohl auf der Bühne als auch beim Booking und Management. http://u-manoyed.bandcamp.com

Gibt es denn schon ein Album auf Platte oder CD? Oder gar mehrere? Habt ihr ein Label bzw. wo seid ihr raus gekommen?

Mick: Leider noch nicht, aber wir sind dran! Wir arbeiten zurzeit noch an unserem ersten Album, was sich leider etwas hinzieht. Die 13 Songs sind schon fertig und müssen nur noch nachproduziert werden, da manche schon 4 Jahre alt sind. Wir hoffen, damit bis zum Frühjahr 2018 fertig zu sein.

Luca: Bisher gibt es nur eine EP und eine Single. Letztere namens „Captured Life“ liegt allerdings mittlerweile bereits 3 Jahre zurück, aber ist im Internet und als CD bei uns erhältlich.

Basti: Ein Label haben wir nicht, da wir uns im Kollektiv dagegen entschieden haben. Es gäbe Zeitdruck bei der Produktion von Alben, Singles oder EPs, da Plattenfirmen immer Deadlines für Releases setzen. Und der Preis für freie Promotion ist oft sehr teuer.

Max: Ich glaube ein Album ist in Planung.

Nun führt euch euer Tourweg am 30.10.17 nach Jena. Warum ausgerechnet Jena und wie kam es zu dem Gig im Planetarium?

Basti: Wie es zu diesem Gig in Jena kam? Keine Ahnung, er war einfach da. Wie es genau dazu kam weiß ich gar nicht mehr.

Luca: Ich weiß nur dass es durchaus ein besonderer Gig in unserer Bandgeschichte wird und man diesen Event daher nicht verpassen sollte. Mick kümmert sich um das Organisatorische, der kann diese Frage vermutlich am besten beantworten.

Max: Stimmt eigentlich; warum spielen wir eigentlich in einem Planetarium Mick?

Mick: Im Grunde genommen habe ich mir im Winter 2015 vorgenommen mehrere hundert Locations anzuschreiben, die ich vorher aus jeglichen Gig-Listen von anderen Szenebands gesammelt habe. Unter den Rückmeldungen befand sich der sehr interessierte Veranstalter des Zeiss-Planetariums in Jena, welche ich anfragte, da Staubkind dort schon spielten. Nachdem wir uns letztes Jahr dann persönlich trafen kam die konkrete Planung langsam zustande, da man diese riesige Kuppel natürlich in die Show einbeziehen werde. Es wird definitiv ein unvergessliches Ereignis für uns werden. Tickets gibt es vor Ort bei der Touristeninformation in Jena und selbstverständlich auch beim Planetarium, sowie online auf deren Homepage. Als Vorband dient aus logistischen Gründen unser erwähntes Nebenprojekt U-Manoyed.

Ich weiß auch, dass hinter euch schon so etwas wie ein kleines Netzwerk an Bands steht. Wie kommt das?

Luca: Naja, man spielt halt mit anderen Bands zusammen einen Gig und kommt ins Gespräch. Da die Szene recht überschaubar ist, geht es an sich relativ schnell sich ein kleines Netzwerk auf zu bauen. Wenn man dazu noch öfter mal den ein oder anderen Auftritt hat, geht das natürlich umso schneller. Beispielsweise verstehen wir uns mit der Band „Alienare“ sehr gut und haben schon mehrere Auftritte mit ihnen zusammen gespielt.

Mick: Tim von Alienare suchte ursprünglich eine Vorband, wir sagten zu und er trat plötzlich als Vorband auf, da wir das längere Set hatten. Allein diese Großzügigkeit erlebt man viel zu selten. Das hat mich motiviert seine Band uneingeschränkt zu empfehlen; in den kommenden Jahren sollten noch weitere Bands folgen.

Basti: Aber leider macht man natürlich nicht nur positive Erfahrungen wie mit Alienare, sondern es entpuppt sich auch mal jemand im Nachhinein als Griff ins vollgeschissene Klo. Aber das lässt sich nicht vermeiden, solche Leute gibt’s immer.

War nicht auch einmal die Rede von einer kleinen Booking-Agentur?

Luca: Wir arbeiten nun schon seit einer Weile mit R.A.U. Entertainment zusammen. Dahinter steckt ein befreundeter Musiker, der sich nach und nach seine kleine Agentur aufbaut mit einem Pool aus verschiedenen Newcomer-Bands. Tolle Sache!

Mick: Richtig, Tim betreibt R.A.U. Entertainment. Mit diesem Namen organisiert er Konzerte, kleine Festivalreihen und vertreibt auf eigene Faust seine Musik. Unser Debutalbum „Time for Reality“ wird demnach auch über ihn veröffentlicht werden.

Welche Rolle spielt Kunst und Kultur in eurem Leben? Lest ihr, seht ihr euch Ausstellungen an? Seid ihr, abgesehen von der Musik, künstlerisch aktiv?

Basti: Ich gehe weder auf Kunstausstellungen, noch lese ich irgendwelche Bücher. Allerdings zeichne ich manchmal gerne für mich selber, meistens irgendwelche Motive, die ich selbst fotografiert habe.

Luca: Ich bin, wie schon bei der zweiten Frage gesagt, sehr weltoffen. Nicht nur auf Musik bezogen, sondern auf alles was irgendwie mit Kunst im Zusammenhang steht. Zwar bin ich kein Mensch der jede Woche mehrere Bücher liest oder regelmäßig Kunstausstellungen besucht, jedoch bin ich nie abgeneigt. Es kommt immer drauf an.

Mick: Weltoffenheit ist das Stichwort, ich bevorzuge keinen bestimmten Kulturkreis oder eine Kunstform. Gemälden oder abstrakter Kunst in jeglicher Form kann ich meist nichts abgewinnen, jedoch interessiert mich meist Architektur oder Lyrik. Selber schreibe ich ab und an mal ein paar kurze Texte nieder.

Max: An Kunst gefällt mir, was dahinter steckt – die Motivation. Wenn ich mich vor ein Bild stelle langweilt es mich. Wenn das Bild aber eine Story hat, die mich bewegt, dann bin ich beeindruckt von der Kunst. Ich war zum Bespiel letztens in Paris im Louvre und es war stellenweise sehr langweilig, allerdings gibt dort Werke wie „le radeau de la méduse“, das eigentlich kein schönes Gemälde ist, der Anlass des Künstler aber, dieses Bild zu malen, einen sehr mitreißenden und interessanten Hintergrund hat. Jetzt hängt es in meinem Zimmer. Also eine Kopie.

Wo und wie kann man euch buchen, falls es den mindestens tausend Leuten im Planetarium gefallen sollte und sie mehr von euch sehen wollen?

Basti: Entweder, man spricht uns nach dem Konzert in Jena direkt an und tauscht Nummern aus, oder man kontaktiert unsere Facebook-Seite um dann alles weitere zu besprechen, wo wir immer so schnell wie möglich persönlich antworten. Wir freuen uns natürlich auch immer über konstruktive Kritik.

Mick: Bei unseren Konzerten verteilen wir mehrere unserer zehntausend Aufkleber; sie dienen als Visitenkarte, auf denen steht die Adresse unserer Homepage, die alle möglichen Infos und Kontaktmöglichkeiten beinhält. Mundpropaganda und Empfehlungen bei entsprechenden Veranstaltungen sind für uns bisher auch immer hilfreich gewesen.

Max: Einfach Mick anrufen: 0176 53607465

Vielen Dank für das Interview.

Bildnachweise: Estra Dragon / Steph Lensky
_____________________________________________________________________________________

Jennifer Sonntag interviewt Luci van Org

Wir wollen es uns nicht nehmen lassen, an dieser Stelle auf das spannende Interview von Jennifer Sonntag mit Luci van Org im Rahmen des Sendeformats „Selbstbestimmt“ des Mitteldeutschen Rundfunks hinzuweisen, das am vergangenen Mittwoch ausgestrahlt wurde. Beide stehen mit dem „Outbird“-Netzwerk in Verbindung, von beiden empfehlen wir in unserem Onlinestore absolut lesenswerte Bücher (bitte hier und hier entlang), nicht zuletzt hatten wir unlängst erst die Freude, Luci van Org im Interview in unserem letzten „Outscapes“-Magazin #5 vorzustellen. In diesem Sinne: Zum besagten Interview folgen Sie bitte diesem Link.

Bildnachweis: Mitteldeutscher Rundfunk
_____________________________________________________________________________________

Luci van Org „Kunst inspiriert mich, wenn ich sie fühle“ [Interview Teil 2] | Outscapes #5

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #5 [Edition Outbird] erschienen. In diesem Zusammenhang verweisen wir gern auch auf die Verlosung ihres neuen, handsignierten Buches „Die Geschichten von Yggdrasil – das kleine Familienbuch der nordischen Sagen“ unter Neu-AbonnentInnen.]

Antwortteil 2 zu Frage 1:

„… Auch hinter dem ersten Lucilectric- Album stehe ich bis heute voll und ganz. Wir waren in Deutschland immerhin die erste Band, die Technobeats mit Punkrock kombiniert hat. Auf unseren Konzerten wurde Pogo getanzt. Und „Mädchen“ musste erst in Holland ein Hit werden, bis deutsche Radios sich getraut haben, es zu spielen, weil der Song – so albern das heute klingt – zu „schräg“ und zu „rebellisch“ war. Am Anfang waren Lucilectric wundervoller, lustiger Krawall, ganz nach meinem Geschmack. Dann aber hat die Plattenfirma uns durch jede noch so blöde Mainstream-TV-Show gejagt, übel in unserem 2. Album herumgepfuscht und mit heftigsten Vertragsstrafen gedroht, wenn wir uns nicht fügen. Da wurde es kurz mal schlimm. Heute würde ich in solchen Situationen nur den Mittelfinger zeigen, aber mit Anfang 20 habe ich mich von sowas leider noch beeindrucken lassen.

Immerhin haben wir es dann geschafft, die Firma zu wechseln. und mit dem dritten Lucilectric- Album „Tiefer“, von dem es ein Song damals sogar schon auf einen Gothic-Sampler geschafft hat, begann dann eigentlich bereits die Rückkehr zur Ursuppe. Allerdings erstmal ohne dass ich es gemerkt hätte. Bis zum Debütalbum von „Das Haus von Luci“, dem ersten Album, das ich komplett allein produziert habe. Da wollte ich einfach nur ein richtig tolles Album machen. Wollte der Welt und mir selbst zeigen wie ich mich anhöre, wenn ich keine Kompromisse machen muss, und ich selbst fand das Album sehr fröhlich und poppig. Für Radio, Presse und die Booker der großen Festivals war es aber „schräg“ und „düster“; und das erste Festival, auf dem „Das Haus von Luci“ dann schließlich gespielt haben, war das WGT 2004… Soviel zu dem, was aus mir rauskommt, wenn ich keine Kompromisse machen muss. Die Begeisterung und Offenheit, mit der mich das Publikum damals in der Moritzbastei empfangen hat, hat mich dann komplett überwältigt. Das war ein echtes Nach-Hause-Kommen.“

Interview Teil 2

„… Erst Ende der Neunziger hat mich ein sehr netter Journalist ermutigt, es mal mit dem Kolumnenschreiben zu versuchen, was dann so gut geklappt hat, dass ich nicht mehr aufhören konnte zu schreiben.

Was macht mehr Spaß, das Schreiben oder die Musik (fiese Frage 😉)?

Bei Fleißarbeiten macht immer das am meisten Spaß, was ich gerade nicht tue. Beim Gitarre üben oder beim Spuren editieren im Studio würde ich viel lieber was schreiben; wenn ich Romankapitel oder Drehbücher überarbeiten muss, würde ich gern viel lieber Musik machen. Aber wenn´s einfach läuft, gibt es keinen Unterschied. Dann bin ich einfach nur glücklich mit dem, was ich mache.

Was unterscheidet „Üebermutter“ von Deinem Elektroprojekt „Meystersinger“?

Viel weniger, als es zunächst scheint. Beide Projekte sind unterschiedliche Pole desselben Planeten. In beiden geht es – oft ziemlich politisch – mit ganz viel ehrlichen Emotionen um Zwischenmenschliches. Bei Üebermutter speisen sich diese Emotionen aber vor allem aus Wut und bei Meystersinger aus Mitgefühl und dem Willen zur Versöhnung. Diese beiden Extreme, zwischen denen ich in meinem Leben ständig hin- und herpendele, in einem musikalischen Kosmos zu vereinen, habe ich bisher noch nicht geschafft. Da braucht es einfach zwei Bands – mindestens…

Liegt dir eins der Projekte mehr am Herzen und wenn ja warum?

Immer das Projekt, an dem ich gerade arbeite, ist mein wichtigstes Projekt und liegt mir am meisten am Herzen. Das kann morgens ein anderes sein als mittags und nachmittags wieder ein anderes.

Kunst ist Ausdruck des Ichs…. Ganz klar. Was Kunst für dich persönlich aus der Schöpferinnensicht bedeutet, liegt bei der Fülle an Projekten die du da am Laufen hast, auf der Hand. Gibt es auch Luci van Org die Konsumentin von Kunst? Was gefällt dir persönlich, was inspiriert dich und warum?

Kunst inspiriert mich immer dann, wenn ich echte Emotion spüre. Wenn ich das Gefühl habe, dass jemand nicht nur mit irgendeiner Masche, Mode, Form oder einem vermeintlichen Gefühl kokettiert, sondern wirklich den Drang hat, mir etwas mitzuteilen. So, wie zum Beispiel bei Trey Parker, dem Schöpfer von Southpark. In so gut wie allem, was er macht, und sei es noch so schwarzhumorig, ist der gnadenlos ehrliche Wunsch nach einer besseren Welt, nach einem besseren, liebevolleren menschlichen Dasein zu spüren. Wenn ich das irgendwann mal auch nur halb so überzeugend hinkriege, führe ich ein Tänzchen auf.

Seit wann ist Kunst und Kultur (so) wichtig für dich? Wie hast du entdeckt, dass du ein Faible für Kunst und Kultur hast?

Ich habe kein Faible für Kunst ins Kultur. Ich kann einfach nichts anderes, und nichts anderes würde mich glücklich machen.

Du nutzt Namen, Erfolge und Kontakte unter anderem auch als Schirmfrau des „Bundesverbandes verwaiste Eltern und trauernde Geschwister in Deutschland e.V. (VEID.e.V.)“. Welchen Bezug hast Du zu diesem Thema?

Den der Empathie und den der Einsicht, dass es Dinge gibt, die so entsetzlich und so grausam sind, dass ich sie nicht nachempfinden kann, wenn ich sie nicht selbst erlebt habe.

Ich kann Eltern, die den Tod ihres Kindes erleiden müssen, aber zumindest ein klein wenig beim Überleben helfen, und das versuche ich. Indem ich mich, wo immer es geht, darum bemühe, die Öffentlichkeit für die Wichtigkeit der Vereinsarbeit zu sensibilisieren und – ganz profan – auch Menschen davon zu überzeugen, Geld zu spenden. Am Wichtigsten ist mir aber, Berührungsängste gegenüber betroffenen Eltern abzubauen. Zu zeigen, dass im VEID trotz – oder sogar gerade wegen – der allgegenwärtigen Trauer auch gelacht und geliebt und gefeiert und geschimpft und sich gestritten wird. Davon zu erzählen, was für bewundernswerten Menschen mit oft übermenschlichen Kräften ich dort immer wieder begegne und wie viel ich von ihnen lerne. Genau dieser Kontakt mit den Betroffenen ist auch meine größte Motivation. Ich bin so dankbar für alles, was ich von ihnen schon lernen durfte und für das große Vertrauen, das mir entgegengebracht wird.“

Das Interview führten M. Kruppe und Tristan Rosenkranz. Teil 1 des Interviews und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #5 [Edition Outbird].

Luci van Org in unserem Webstore: bitte hier entlang.

Bildnachweise: Axel Hildebrand

Jörg Mathieu „Im Spannungsfeld von Zeit und Independentkultur“ [Interview] | Outscapes #5

„Jörg, Du bist seit Jahren Herausgeber von Zeitschriften, die Nischen besetzen, bist Kulturschaffender, Veranstalter, Netzwerker und setzt neue Maßstäbe – was treibt Dich an?

Das frage ich mich selbst oft. Am Ende komme ich immer zu dem gleichen Ergebnis. Ich will meine Spuren hinterlassen, wo mir das möglich ist. Das Geld ist es ja nicht, da keine meiner Aktivitäten bisher wirklich Gewinn abwirft, auch wenn das natürlich das Fernziel ist wie wohl bei jedem Selbstständigen. Der Hauptgrund ist aber, dass ich das machen kann was mir Spaß macht und für mich diese Freiheit mehr Gewicht hat als finanzielle Sicherheit, die ja doch vergänglich ist. Schön ist es natürlich auch, Dinge zu schaffen, die andere Menschen begeistern.

Besonderes Merkmal Deiner Herausgebertätigkeit waren und sind Zeitschriften wie das „Papa-Ya-Magazin“ und das „35mm-Retro-Filmmagazin“, die einer enormen Recherche und Fachtiefe bedürfen. Im „Papa-Ya“ waren es Fachthemen zum Familien- und Väterrecht, im „35mm“ wird über den Film noir und Expressionismus im Film sowie das Kino der Weimarer Republik berichtet, auch sind Interviews mit beispielsweise Anke Wilkening, Restauratorin der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, zu finden, die die Rechte an vielen deutschen Stumm- und frühen Tonfilmen besitzt. Wie erschließt man in solchen speziellen Themenkomplexen Kontakte? Wie hoch ist der prozentuale Anteil der Recherche an der Redaktionsarbeit?

Die redaktionelle Tätigkeit ist ja immer gleich, auch die journalistische Recherchearbeit ist immer dieselbe. Egal, ob man nur ein Magazin über Anglerbedarf, über den zweiten Weltkrieg oder eben über das Familienrecht oder ein Filmmagazin zum klassischen Film macht. Die Basics habe ich ja in vielen Jahren im Beruf und in der Ausbildung dazu gelernt. Um da seine eigene Nische – oder nennen wir es Passion – zu finden, muss man ja nur das eigene Wissen zu einem bestimmten Thema abrufen. Und für all das, was man dann zu diesem bestimmten Thema eben nicht weiß, muss man sich Mitstreiter und Experten suchen, die die eigenen Lücken schließen können. Es ist also kein Hexenwerk ein Magazin herauszugeben. Kennt man mich dann auch noch persönlich, dann liegt es auf der Hand, warum es in meinem Fall diese beiden Magazine sind. Ich würde auch gerne noch eine Magazin zur Indie-Kultur und –Musik herausbringen, aber da scheint mir die Konkurrenz zu stark zu sein.

Ist die frühe Filmkultur ein wiederkehrendes Thema, kann man von einem wachsenden Interesse dafür auch bei jüngeren Generationen sprechen? Oder geht es Dir und Deiner Redaktion in erster Linie ums Bewahren?

Beides würde ich sagen. Vor allem junge Filmwissenschaftler lernen schnell, dass es nicht ohne Kenntnisse über das frühe Kino geht, wenn man ernsthaft im Bereich des modernen Films arbeiten möchte. Hier baut alles aufeinander auf, und wiederholt sich auch alle paar Jahrzehnte. Das zeigen ja sowohl offensichtliche Remakes wie auch versteckte Zitate historischer Vorbilder, die die meisten Filmliebhaber leider all zu oft übersehen. Film verstehen heißt also für uns auch, seine Geschichte zu entdecken und zu begreifen. Und letztendlich geht es uns auch um das Filmerbe, dessen Erhalt und dessen Beachtung. Je mehr es uns gelingt hier ein breiteres Bewusstsein zu schaffen, desto mehr wir auch der Markt darauf reagieren, und desto mehr werden auch die Studios und die Label auf die wachsende Nachfrage reagieren.

Wie sieht es bei der Kinolandschaft aus, gibt es eine nennenswerte oder gar wachsende Zahl von Lichtspielhäusern, die alte Filme anbieten?

Ich glaube, dass große Kinosterben ist jetzt an seinem Ende angekommen. Da sich die Sehgewohnheiten und die Zielgruppen verschoben und stark verändert haben, bemerken wir, dass immer mehr Enthusiasten des klassischen Kinos sich selbst kleine Orte – man könnte sie „Schachtelkinos“ nennen – schaffen. Die freie Kulturszene generiert sich zusehends selbst ihre Räume für Kino, wie sie es sich vorstellen. Man will dabei unabhängig und frei entscheiden können, welches Programm gezeigt wird. Das darf man nichts als Konkurrenz zum Mainstream- und Großraumkino sehen, sondern als notwendiges Befriedigen einer vorhandenen Nachfrage nach dem Nischen- und Arthaus-Kino.

Als Veranstalter zeichnest Du in diesem Zusammenhang für das „Cinefonie“-Festival verantwortlich, dass dieses Jahr zum dritten Mal in Deiner Heimatstadt Saarbrücken stattfindet. Was genau kann Mensch sich darunter vorstellen?

Das ist recht einfach zu erklären. „Cine“ kommt von Cinema, und „Fonie“ kommt von Sinfonie. Der Begriff „CINEFONIE“ fasst somit zusammen, was den Besucher auf dem Festival erwartet. Es gibt immer Filme, und es gibt immer Live-Musik. Eine Sinfonie aus Bild und Ton, wenn man so will. Der 3. CINEFONIE-TAG 2017 bietet audiovisuell die Symbiose zwischen früher Filmästhetik und cybermodernen Klangwelten, wie man sie nur selten in der Kulturlandschaft zu sehen bekommt. In diesem Sinne haben wir das LineUp zusammengestellt und die Künstler darum gebeten, ihre Sets speziell für diesen Tag dem Festival anzupassen. Wir werden also einige Premieren und exklusive Auftritte erleben, die es so nur bei uns zu sehen und zu hören geben wird.

Aus wirtschaftlicher, aber auch emotionaler Perspektive gefragt: funktioniert das Festival, wird es gut angenommen? Was nehmen die BesucherInnen mit?

Das kann man nicht pauschal beantworten. Auf emotionaler Ebene ist das Festival für mich als Veranstalter dann ein Erfolg, wenn Künstler und Besucher und auch das Team einen schönen und unvergesslichen Tag hatten, mehr kann man da nicht erwarten. Wirtschaftlich braucht es bei einer Veranstaltungsreihe, viel Geduld und Jahre des beharrlichen Aufbaus. Ich gehe die ersten 4-5 Editionen also nicht mit der Erwartung heran, dass das Festival Gewinn einfährt. Wenn wir am Ende unsere Kosten wieder drin haben, ist auch das für mich bereits ein Erfolg. Dinge die mich finanziell ruinieren würden, würde ich kein zweites Mal machen. Was die Besucher mitnehmen müsste man sie selbst fragen. Da wir das Programm jedes Jahr stark verändern, ist es auch immer ein völlig anderes Publikum. Man kann also nicht abschätzen, ob die Leute kommen, weil es ihnen im Jahr zuvor gut gefallen hat. Da die Besucherzahlen aber jedes Jahr steigen, scheinen wir irgendwas richtig zu machen.

2016 war Schwerpunkt des Festivals eine Vincent-Price-Retrospektive, wer war Vincent Price und was hat es mit der Vincent-Price-Legacy-Familie auf sich, aus der ein weltweites Netzwerk entstehen soll und dessen Deutschlandvertreter Du bist?

Vincent Price war ein amerikanischer Schauspieler, den ich persönlich sehr verehre. 2016 habe ich deshalb seine Tochter Victoria zum 2. CINEFONIE-TAG nach Deutschland eingeladen um das Festival zu bereichern. Sie brachte dann den Vertreter der Vincent-Price-Legacy-England mit nach Saarbrücken. In einem persönlichen Gespräch bat man mich dann das für Deutschland zu übernehmen und 2018 eine erste Veranstaltung dazu zu leiten. Dieses Angebot habe ich angenommen und das Projekt ist in der Planungsphase. Wir werden sehen, wohin sich das noch entwickelt.

Eine deiner Passionen ist eine Veranstaltungsagentur für Independentmusik und im Zuge dessen die Mitgliedschaft im PopRat-Saarland. Verstehst Du Dich in dieser Funktion eher als Botschafter oder vielmehr als Koordinator für Festivals und kleinere Musikveranstaltungen? Was ist und macht der PopRat-Saarland?

Ja, das ist ein ganz frisches Projekt, das noch im Geburtskanal schlummert. Das INDIERA SOUND & ART-FESTIVAL ist eines von insgesamt acht Konzepten, dass ich dem PopRat-Saarland vorgeschlagen habe und über das dieser Ende August entscheiden will. Zu diesem Zweck gibt es dazu die Promotion-Agentur INDIERA PROMO. Auch hier werde ich als Projektleiter und Veranstalter fungieren. Dieses neue Musik- und Kulturfestival im Bereich Indie- und Alternative-Musik soll in seinem jährlichen Modus zu einem Multivenue-/ Multistage-Festival heranwachsen. Der PopRat-Saarland ist ein Verein, indem sich Kulturschaffende, Künstler und andere Akteure der saarländischen Popkultur zusammen geschlossen haben. Seine Aufgabe ist es, das Saarland zum „Home of Pop“ zu machen – das kulturelle Herz Europas könnte man sagen. Ein großes Vorhaben und ich bin sehr stolz, ein Teil dieses Vorhabens zu sein.

Was zeichnet aus alternativkultureller Sicht das Saarland und / oder Saarbrücken aus? Und, aus entfernterer Perspektive gefragt, wie schätzt Du die derzeitigen Chancen und Risiken der insbesondere deutschen Independentmusikkultur ein?

Dem Saarland und seiner Landeshauptstadt kommt eine besondere Rolle zu. Zuerst wäre da die Lage in einem Dreiländereck (Frankreich/Luxemburg/Deutschland) zu nennen. Wir sind also von Haus aus international und vor allem französisch geprägt. Das hat aus meiner Sicht nur Vorteile. So kann in meiner Heimat Kultur entstehen, die sich gleich aus mehreren nationalen und internationalen Einflüssen befruchten kann. Uns unterscheidet natürlich auch die eigenständige Geschichte von anderen Bundesländern. Oder weiß man im Rest der Republik wirklich, dass das Saarland mal ein eigenes Land war, eine Nationalmannschaft hatte, ein eigenes Olympia-Team, eine eigene Flagge und eigenes Geld hatte? Das Saarland und seine Bevölkerung ist also im Grunde schon selbst „alternative Kultur“.

Als Musikfan, der gerade die Independent-Kultur seit den frühen 80er Jahren im Blick hat, habe ich natürlich auch immer die deutsche Szene dazu beobachtet. Leider haben wir heute keine Kaliber wie Kraftwerk oder die Einstürzende Neubauten mehr, die auch international große Reputation erfahren (von Rammstein und den Toten Hosen mal abgesehen). Dennoch sind wir seit vielen Jahren weltweit in der Gothic-Kultur gegenüber anderen Ländern weit vorne. Das zeigen Festivals wie das WGT und Mera Luna, auf die über 20.000 Besucher aus der ganzen Welt kommen. Das ist in der Größenordnung sonst nicht mehr zu finden. Selbst die Briten haben in dieser Szene längst nicht mehr diesen Zulauf. Dafür hängt der Rest von Europa uns aber im Indie-Bereich meilenweit ab. Selbst unsere direkten Nachbarn wie Belgien, Frankreich und Spanien bringen immer wieder neue Bands hervor, die den Zeitgeist einfach besser umsetzen können und unter dem gerade blühenden Hipster-Trend eine schnell wachsende Fanbase aufbauen können. Dieses Glück ist der deutschen Indie-Szene leider nicht beschieden. Selbst wenn der Markt sich auch in Deutschland Richtung Internet verlagert hat, geht es hier nicht ohne GEMA und Masterlabel, wenn man von der Musik auch einigermaßen leben will. Ich habe das Gefühl, dass deutsche Acts, selbst wenn sie sich international aufstellen und englisch singen, es immer noch sehr schwer haben, z.B. auf Festivals im Ausland gebucht zu werden.

Was waren bzw. sind Deine musikalischen Wurzeln?

Zu meinem großen Glück habe ich drei ältere Geschwister, die alle auch in ihrer Jugend völlig unterschiedliche Musik gehört haben. Ich wurde also schon sehr früh mit allem Möglichen aus den 70er-Jahren beschallt, und da blieb einiges hängen. Altersbedingt bin ich natürlich ein NDW-Kind, aber auch schon da waren es eher Bands wie Grauzone, Fehlfarben und DAF als Nena und Markus. Mit 14 war ich dann in meiner kleinen Provinz einer von drei „New Wave“-Vertretern, mit allem was dazu gehörte. Um da auf Gleichgesinnte zu treffen mussten wir schon 20 Kilometer zur nächsten Disco fahren. Besonders geprägt haben mich dann Depeche Mode, The Cure, Bauhaus, The Sisters of Mercy, Nick Cave, aber auch viel, heute völlig vergessene Bands wie Die Erde, Cyan Revue oder einige die schon damals eher Underground waren. Anfang der 90er wurde mir die Szene zu pubertär, oder ich bin einfach raus gewachsen, keine Ahnung. Für die nächsten Jahre war ich dann in der Psychobilly-Szene verwachsen. Heute ist es eher allgemein Indie- und Alternative Musik, die mich begeistert. Zu meinen Helden aus der Jugend gehe ich aber noch heute zu den Konzerten.

Eine letzte Frage: wo nimmst Du die Energie für diese umfassenden Tätigkeiten her? Was verschafft Dir Ruhepol und Ausgleich?

Ich finde es einfach extrem spannend, am Puls der Zeit zu leben und zu beobachten wie sich gegenwärtige Jugendkultur entwickelt. Wenn es mir dann auch noch gelingt sogar weiterhin ein Teil davon zu sein, selbst mit fast 50, dann hält mich das jung und fit, auch wenn mein Körper mir selbst schon längst andere Signale gibt. Ich bleibe dann einfach nicht mehr auf Konzerten bis die Kehrmaschine kommt, und stehe auch nicht mehr mit dem Fotoapparat in der ersten Reihe, und die Lautstärke zu Hause ruft nicht mehr die Nachbarn auf den Plan, aber ich bin musikalisch auf der Höhe und verfolge sehr genau, was gerade angesagt ist, und wohin sich Trends entwickeln. Um ehrlich zu sein, sind es diese Aktivitäten und meine Arbeit, die für mich den Ausgleich bieten – der Ruhepol ist meine Beziehung. Kultur ist für mich eine Insel, eine Oase, Realitätsflucht und Ablenkung. Hätte ich nicht die Kultur, würde mich das Leben völlig überfordern.“

Das Interview führte Tristan Rosenkranz. Es erschien ebenfalls in der Printausgabe des „Outscapes“-Magazins #5 [Edition Outbird].

Die „35mm Retro-Filmmagazine“ in unserem Webstore: bitte hier entlang.

Bildnachweise: Alex Wolfanger, Jörg Mathieu

Anne Liebenau „Kunst als Spiegel der Psyche“ [Interview Teil 2] | Outscapes #5

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #5 [Edition Outbird] erschienen.]

„…Und wo wir schon beim Handwerk sind: Wie bist Du denn auf die Idee mit dem Steampunk-Upcycling gekommen?

Das sind alles Sachen, die mich glücklich machen: alte Uhrwerke, die noch rasselnd ablaufen, Spieluhren und überhaupt die Geräusche von Mechanik. Abgenutztes Spielzeug oder aufgelesene Steine – ich nehme Dinge gern in die Hand und auch sie lassen mich dann nicht mehr los und fügen sich irgendwann wie von selbst neu zusammen.

Zu guter Letzt: Gibt es einen Menschen, eine Persönlichkeit, die Du so faszinierend findest, und unbedingt einmal vor Deine Kamera bekommen möchtest? Und hast Du einen künstlerischen Helden, dessen Arbeiten Du besonders bewunderst?

Ja, ganz ehrlich sehe ich mich selbst als Gesamtkunstwerk und bin sehr auf die Vollkommenheit gespannt! Jeder Künstler ist doch irgendwie sein eigener Held…“

Das Interview führte Hanna-Linn Hava. Teil 1 des Interviews und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #5 [Edition Outbird].

Bildnachweise: Anne + Felix Liebenau

INSIDE ARTzine / Jenz Dieckmann „Jenseits geschmacklicher Moral“ [Interview Teil 2] | Outscapes #5

[Interview Teil 1 ist auszugsweise in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #5 [Edition Outbird] erschienen. Die fehlenden Teile des Interviews nachfolgend:]

Teil 1:

„…Was muss für dich ein Bild, ein Künstler erfüllen, damit er im INSIDE aufgenommen wird, gibt es da irgendwelche Kriterien und auf was legst du am meisten Wert?

Da das INSIDE artzine im weitesten Sinne ein Egozine ist, gibt es nur eine Hürde die man nehmen muss um ins Heft zu kommen: Mein Geschmack. Wenn mich eine Arbeit flasht, dann auch meistens ohne groß drüber nach zu denken. Kennt ja jeder (z. B. bei Musik), manchmal hauen einen Sachen direkt vom Hocker, ohne das man genau weiß warum. Es gibt also keine Checkliste… „krank“, „durchgedreht“, „finster“… nach der ich Bilder sortiere. Manchmal ist es die handwerkliche Qualität, die mich an einem Kunstwerk beeindruckt, manchmal die Schlichtheit. Manchmal weil es krass hässlich wirkt, oder weil es eine tiefe dunkle Schönheit ausstrahlt. Wobei das Problem „Hässlichkeit vs. Schönheit“ ja auch eher eine oberflächliche Entscheidung ist. Ist eine Blume hässlich, wenn man weiß das sie auf einem Massengrab wächst? Ist wohl eher eine innere Einstellung zu den Dingen, was Sachen schön oder hässlich erscheinen lässt!?

Wenn man dein Magazin durchblättert, gewinnt man schnell den Eindruck, als würdest du beinahe auf jegliche Werbung verzichten oder dir deine Werbepartner/-kunden (die hauptsächlich aus dem Punk/HC- und linkspolitischen Umfeld stammen) selbst aussuchen. Dabei besticht das Heft mit 170 Gramm schweren Papierseiten und einer professionellen Aufmachung; wie kannst du das preislich stemmen, bei einem Verkaufspreis von gerade mal 7,50€ Euro? Ich glaube da verlangen andere Kunstmagazine erheblich mehr und sind zudem noch mit massig Werbeanzeigen vollgestopft?

Yep, das Heft ist bewußt werbefrei, das was man ab und an sieht, sind befreundete Projekte die ich pushen will oder Tauschanzeigen (old school halt ;-). Ich denke, das muss jeder Herausgeber für sich entscheiden. Bei mir steht der kommerzielle Aspekt nicht im Vordergrund, da ich nicht von dem Mag leben muss. Sagen wir mal, der materielle Teil ist in Zeiten von Flyeralarm & Co. durchaus machbar (auch mit einem Verkaufspreis von 5 Euro), die Zeit die ich reinstecke ist dagegen nicht mit Geld zu bezahlen. Dafür macht es zu viel Spaß. Und das man mit Spaß kein Geld verdienen kann, wissen wir doch alle, oder?! Schwer zu sagen wie lange ich noch in der Art weitermache. Irgendwann werde ich mit Sicherheit aber auch dazu übergehen, schon morgens beim Durchsehen der neuen Beiträge Cocktails zu trinken. Mittags dann mal kurz in die Redaktion, Handy aufzuladen und ein paar Leute entlassen und abends dann auf illegalen Ausstellungen in ausgetrockneten Abklingbecken Bestechungsgelder von japanischen Kunstsammlern kassieren…“

Teil 2:

„…Du kommst aus der Punk-/Hardcoreszene, kannst du uns mal deine Sozialisation schildern/erläutern? Wie und wann hast du mit Punk/HC in Kontakt gekommen bist und wie du persönlich Punk + HC definierst?

Teil eins der Frage ist einfach: Nach AC/DC und Judas Priest kam Discharge und U. K. Subs, bevor dann alles vom „This is Boston Not LA“ Sampler weggetrasht wurde. Speziell die Gang Green-Nummern sind für mich bis heute die Maßeinheit für „Ausrasten“, und ab da wußte ich: Wow, so klingt mein Soundtrack beim Abfahrtslauf. Und mir wurde klar, dass diese Power nicht auf kompositorischem Wissen und instrumentalem Geschick basierte, sondern schlicht weg auf Leidenschaft. Mach es, wenn du Bock drauf hast! Scheiss egal wie es klingt, aussieht und/oder schmeckt. DIY! Und damit kommen wir zu dem zweiten, weitaus schwierigeren Teil deiner Frage. Um sich jetzt nicht in endlose Laberei zu verfilzen (ja ja, strenggenommen ist „Punk“ ja auch noch mal was anderes als „Hardcore“ bla bla): Ich finde, was die meisten Aktivitäten dieser Szene vereint, ist der Wille „sein Ding zu machen“. Sei es eine Band, ein Zine, eine Konzertgruppe, eine Kneipe, ein Crustcorestammtisch. Das klingt nach Egonummer, meint aber eigentlich nur, dass man Dinge immer weiter entwickeln soll. So wie man denkt, dass sie besser sind und einem persönlich noch mehr Spaß bringen. In „Punk“ muss man Energie stecken um welche zurück zu bekommen. Und damit meine ich nicht 20 Paletten Dosenbier auf irgend einem RedBullMercedesTelecom-Festival mit berühmten, etablierten Punkbands zu stemmen. Ansonsten erlebt man nur Oberfläche.

Auch wenn es durch die zahlreichen und oftmals gestalterisch aufwendigen Cover und Flyerartworks, sowie die in deinem Heft provokanten und aussagekräftigen Abbildungen offensichtlich sein sollte das Punk, Hardcore und Kunst einhergehen – Kannst uns vielleicht doch nochmal erklären wie für dich Punk/HC oder die Subkultur im allgemeinen mit der Kunst zusammenpasst?

Würde ich vielleicht gar nicht so eng formulieren. Klar eine Menge Kunst kann man durch seine provokative, unangepasste Art dem „Punkkontext“ zuordnen, einfach weil es scheinbar ähnliche Werte sind, die da transportiert werden. Aber jetzt so etwas wie „Punkkunst“ zu konstruieren, finde ich unsinnig. Da schafft man sich nur neue Ghettos im Kopf. Die Kunst ist frei. Ob im Punk, Hip Hop, Death Metal oder Country & Western.

Und wenn wir gerade schon mal beim Punkkontext angelangt sind. Welche Künstler aus diesem Genre schätzt du am meisten?

Hm, du meinst Künstler die im Zusammenhang mit Punk-Plattencovern auftauchen?! Jeff Gaither/R. K. Sloan (Accüsed), Mad Marc Rude (Misfists) oder Michael Seiff (das legendäre „No Mercy“-Cover). Bands? Classics: Dead Kennedys (Fresh Fruit…), Plasmatics (Last Hope…), Black Flag (My War), R. K. L. (RnR Nightmare), +++ Aktuell: Horse the Band, Lewd Act, Waltari, Melt Banana, The Swellers, Christmas (letztens als Vorband REAGAN YOUTH die Show gestohlen), +++.

Ansonsten ging 2014 H. R. Giger von uns, der an den Folgen eines Sturzes verstarb. Siehst du dich von Giger beeinflusst? Oder lass uns die Frage weiter ausholen, welche Vorreiter gab es in der Vergangenheit, die das was ihr publiziert etablierten oder den Grundstein dafür legten?

Auf allerjedenfalls. Der Hans Rüdi war als Künstler ein absolut eigenes Universum! Leider in den Augen vieler über die Jahre zu einem HeavyMetalCover-Künstler geschrumpelt, hat der Mann die Finsternis in der Malerei neu definiert. Bezeichnend dafür ist, dass, um die Einzigartigkeit der Wirkung seiner Bilder auf den Betrachter zu erklären ein eigenes Wort erfunden werden musste: Gigeresk. Ein Künstler, der sein Werk nur durch sich selbst erklären kann. Crazy shit!!! Ich war gerade dran, mit ihm ein Interview für das INSIDE artzine anzuleiern, als das passierte, aber scheiss auf das verfickte Interview: H. R…. sei auf ewig bedankt für deine Einsichten hinter den schwarzen Vorhang! Hm, Grundsteine… Auf jeden Fall inspirierend fand ich schon immer die Urpunker des Dadaismus. Nichts ernst nehmen, dabei immer schön ernst wirken und die mentale Brechstange der Provokation in der Tasche bereit halten. Die haben Grundlagen geschaffen. Guckt euch die Sachen eines John Heartfields an! Da sind Collagen dabei, die sind über 70-80 Jahre alt und würden 1:1 auf das Cover der nächsten Crustpunkscheibe passen. Speziell seine Anti-Hitler-Collagen sind beeindruckend. Wohlgemerkt zu einer Zeit, wo man für Naziverarsche durchaus mehr befürchten musste, als „nur“ eine aufs Maul zu bekommen.

Auf den ersten Blick wirken die Kunstwerke in deinem Heft schon etwas verstörend/psychotisch. Einigen Leuten denen ich das INSIDE zeigte, fanden es sogar zu derb und mental herunterziehend, haha… Was sind so die gängigen Reaktionen auf dein Heft und welche war bisher die heftigste?

Ha ha, „mental herunterziehend“. Das ist aber eine nette Formulierung für „destruktive Scheisse“ (auch schon gehört). Ja, kenn ich so Reaktionen. So im Sinne von „Kunst muss doch positiv sein und mich weiterbringen“. Das kommt dann aber meistens von Leuten, die ihren Geschmack als Maßstab für alle anderen nehmen. Was weiß’ ich denn, was ihn „weiterbringt“?! Es gibt aber auch durchaus differenziertere, negative Meinungen. Auf einer Ausstellung meinte eine ältere Frau mal zu einem meiner Bilder „Ich find dieses Bild abgrundtief hässlich und abstoßend und ich würde es mir nie an die Wand hängen (ha ha, was für eine absurde Idee nebenbei bemerkt), aber es berührt mich.“ Na das ist doch schon mal was. Mir ist es lieber, eine negative Reaktion zu erzeugen als vorbeigeplätscherte Beliebigkeit. Hat wohl auch was mit der nächsten Frage nach der „Provokation“ zu tun, also liest du da weiter. Noch kurz zu den Reaktionen: Es gibt natürlich auch positives Feedback, im Sinne von „geilster Scheiss auf Erden“. Ich bin dankbar für jedes nettes Wort, nicht weil es ein angenehmes Gefühl ist (das ist es), sondern weil es ein Ansporn ist, weiter zu machen. Also mal ein weltumspannendes „Dankeschön“ an all die Irren da draußen, die unseren Stuff mögen! Und lass euch nicht belabern… ihr seid nicht (wesentlich) kranker als die andern…

Was fasziniert dich genau an der Provokation und wieso hältst du die Provokation für wichtig? Nun ist Provokation aber auch ein sehr weites Spielfeld, bei dem die Grenzen (soweit sie eben im Auge des Betrachters existieren) gewollt überschritten werden. Gibt es für dich diese Grenzen oder eine gewisse Grauzone in der z. B. Nazisymbole zur Provokation genützt werden?

Die Provokation ist ein erprobtes Mittel speziell in der Kunst um Aufmerksamkeit zu erregen. Sid Vicious und sein Hakenkreuzshirt. GG Allin frisst seine eigene Scheisse. Duchamp stellt ein gewöhnliches Pissbecken mit Unterschrift im Museum aus. Die Provokation zwingt den Betrachter zu einer Reaktion. Im besten Fall ist diese ein konstruktiver Beitrag. So haben die Reaktionen auf Duchamps Pissbecken („Fountain“ 1917) z. B. das Selbstverständnis von Kunst („was ist Kunst“) entscheidend beschleunigt. Im schlechtesten Fall gibt’s eines aufs Maul für den Künstler (siehe GG Allin, der stand aber auch drauf). Kann man sich dann ja überlegen, was besser ist, oder?! Und… ja klar gibt es auch Grenzen! Es gab mal den Fall eines nikaraguanischen Künstlers, der im Rahmen einer Installation einen verwahrlosten Straßenhund im Museum ankettete und (angeblich) verhungern ließ. “Wenn ich den Hund als Kunstobjekt vor eine Wand binde, wird er plötzlich zum Fokus. Wenn er in der Straße vor Hunger stirbt, kümmert das keinen.” Er hat ja Recht, aber das kann man auch anders mitteilen, oder? Grundsätzlich bin ich aber der Meinung, sollte es in der Kunst keinerlei Zensur geben. Wo sonst, als auf der hypothetischen Spielwiese der Kunst, kann man alles thematisieren, ausprobieren, visualisieren ohne direkt von seinem Chef entlassen zu werden?! Ein Labor für Neues, Ungewöhnliches, Unangepasstes, Irres… zu Testzwecken einfach mal laut ausgesprochen um es öffentlich zu hinterfragen. Das heißt ja nicht, dass man sich in einem geistig rechtsfreien Raum befindet. Respektiert eure Umwelt und alles wird gut! Und noch zur Abteilung Hakenkreuzshirt: Wenn jemand meint, mit so etwas so symbolhaft Dummen und Beschissenem wie einem Hakenkreuz posen zu müssen, dann soll er das mal machen, sich aber dann nicht wundern, dass man ihn für genauso dumm und beschissen hält!

Zudem gibt es zwischen all den Bildern auch kritische, politische oder nihilistische Texte (in englischer Sprache) zu lesen. Um was handelt es sich meist in den geschriebenen Artikeln?

Das was ich in Flyern immer als „Stories“ zusammenfasse, sind in der Regel Kurzgeschichten, Lyrikmonster, Statements, Ansagen und Umsturzversuche. Es gibt seltsame Reports über Fickmaschinen („Art that will fuck you“, (Gas)Masken („The art of suffocation) oder die Wahrheit über H. P. Lovecraft („Lovecraft wasn’t wrong“). Außerdem gibt es Interviews, in denen oft die Grenzen zwischen Sinn und Unsinn bzw. Wahrheit und ausufernden Lügen auf einen kleinen juckenden Klumpen Hirn zusammengeschmolzen werden („Gonzo“ genannte). Lest den krassen Copacabana-Sambaabsturz meinerseits mit dem brasilianischen DeathMetalArtist Marcelo Vasco im aktuellen Heft durch und ihr werdet mir Recht geben: Das wäre ja in echt kaum aus zu halten…“

Teil 3:

In welchem preislichen Rahmen befinden sich ungefähr die Bilder und kannst du oder deine Kollegen davon leben?

Das ist wahrscheinlich unterschiedlich. Die allermeisten Leute aus dem Heft kenne ich ja nicht persönlich, deswegen kann ich da nur mutmaßen. Ein Chris Mars kostet im Original (Öl) schon seine 9000 Dollar. Da sind schon eine ganze Reihe an Vollzeitkünstlern dabei, die auch durchaus davon ihre Miete bezahlen können. Genau so sind aber auch immer noch die kranken, verrückten Irren im Magazin, die im schallisolierten Keller ihres Reihenhauses, Bilder mit abgebrochenen Filzstiften auf Pizzakarton krickeln um nicht verrückt zu werden. Die leben natürlich von ihren Sachbearbeitergehältern. Wie weiter oben schon mal erwähnt, versuche ich nicht von meiner Kunst zu leben. Im Brotjob bin ich selbstständiger Grafiker.

Im Verhältnis zur Musik ist Kunst meistens ziemlich (über)teuert. Und dabei denke ich gar nicht, das Kunst einen solch enormen Mehraufwand bedeutet. Ich meine, bis eine gut eingespielte Band ihre Songs richtig gut im Kasten hat, vergehen auch unzählig viele Stunden, was dabei aber rum kommt, ist meist sehr spärlich. Daher die kritische Frage, die mich schon seit langem interessiert – Warum ist Kunst so teuer? Und wenn man bedenkt, wie schnell es im Punk-/Hardcore-Underground zu einem Ausverkaufsvorwurf kommen kann, dann frage ich mich ob es diese Vorwürfe auch im Kunstbusiness gibt?

Denke, das hat mit einer der vorherigen Fragen zu tun, nach der Trennung zwischen Mainstream und Underground in der Kunst. Mainstreamkunst hat neben der äußeren Gestalt den Wert zum Inhalt. Und damit ist der reine kommerzielle Marktwert gemeint, sprich wie schaffe ich es einen Künstler noch teurer zu machen!? Dafür gibt es dann eine eingespielte Maschinerie zwischen Magazinen, Galleristen, Kuratoren – da wird dann im PingPongverfahren ein Objekt hochgepitcht, abkassiert und fallen gelassen. Diese Leute schaffen sich selber den Preis, zu dem sie dann verkaufen. Deshalb ist manche Kunst sauteuer und andere nicht. Ich geb zu, dass ist jetzt eine sehr vereinfachte Sicht der Dinge, aber diese gutgeölte Maschinerie der Wertsteigerung findet sich an allen Ecken und Enden in unserer kapitalistischen Gesellschaft. Der ideelle Wert spielt da leider nur noch eine untergeordnete Rolle. In Bezug auf „Ausverkauf“: Ich kann es niemanden verübeln, dass er mit seiner Arbeit Geld verdienen will. Haut rein, Leute. Irgendwann geht aber wohl jeder persönliche Reichtum auf Kosten anderer, oder?! Im Gegensatz zur PunkrockHardcoreMusikszene scheint der „Aufstieg“ aus dem Kunstunderground in Gefilde, in denen man seine Miete davon bezahlen kann, aber weniger argwöhnisch betrachtet zu werden. Ich denke, es wird eher als verdienter Erfolg gewertet. Wie weit man sich als Künstler für den Erfolg bückt, muss jeder für sich selbst entscheiden.

Inwieweit kannst du dich mit der (ich weiß gar nicht, wie ich dazu sagen soll) „normalen“ bzw. jener Kunstszene identifizieren, die Prosseco schlürfend vor ihren oftmals für den objektiven Betrachter sinnentleerten Bildern stehen um diesen doch eine höhere Bedeutung hinein interpretieren?

Ha, ha, ich weiß genau was du meinst. Diese Leute gibt es IMMER auf Ausstellungen, völlig unabhängig davon, wo und was an der Wand hängt. Ich identifizier mich grundsätzlich mit gar nichts, also kann ich mich auch ganz entspannt mit solchen Leuten unterhalten und dabei meine Forschung über aufrecht gehende Einzeller vorantreiben.

In einem anderen Interview hast du unterschieden zwischen dummer und intelligenter Kunst, was wären hierfür die Kriterien, ab wann ist Kunst für dich dumm oder intelligent?

Hm, so verkürzt klingt das sehr arrogant, so als wenn ich die Weisheit mit großen Löffeln gefressen hätte. „Dumm“ würde ich mal eher im Sinne von „leidenschaftslos“ betrachten. Sachen, die sich einem Trend anbiedern, die sichtbar berechnend sind oder offensichtliche Propaganda (für was auch immer) sind, könnte man als „dumm“ bezeichnen. Dumm, weil es schade ist, eine ultimativ kreative Ausdrucksmöglichkeit, wie der Kunst, nur mit egoistischen, angeberischen Inhalten zu verschwenden!? Da macht es doch mehr Sinn, seine Gefühle, seine Wünsche, seine Verzweiflung in seine Arbeit zu packen und so seiner eigenen Existenz, dem Universum und all den durchzechten Nächten einen Sinn zu geben, oder? Damit wir uns nicht missverstehen: Am Ende ist es aber dann auch wieder der persönliche Geschmack, der einem das Kunstfeuer durch den Arsch jagt oder nur einen blassen Furz aus dem Arsch der Empfindung entlässt. Ich würde niemals einzelne Kunst/Künstler als „dumm“ oder „intelligent“ aburteilen! Bin ich Mr. Knowitall, oder was?

Inwieweit verfolgst du die Mainstream-Kunstszene? Wohin steuert die Kunst, was sind die Entwicklungen usw.?

Gar nicht. Kein Plan. Ist mir scheissegal…

Du arbeitest, wie ich das als unwissender Laie erkennen kann, hauptsächlich mit dem Computer und auch viele der anderen Puplizisten im INSIDE verwenden Grafikprogramme. Welche Rolle spielt heutzutage die Computertechnologie und inwieweit vereinfacht es die gestalterischen Fähigkeiten? Und welche Gestaltungsmaterialien und Techniken werden ansonsten angewendet?

Der Computer ist nur ein weiteres Werkzeug im Kampf den kreativen Druck im Größthirn sichtbar zu machen. Allerdings ein Werkzeug mit einem entscheidenden Vorteil: Die Undo-Taste! Das nimmt ein wenig von der Last der Entgültigkeit von Entscheidungen. Blau oder Rot? Groß oder klein? Du kannst es einfach ausprobieren und dann entscheiden wie es aussieht und ob es das ist, was du sehen willst. Ansonsten ist der Rechner auch immer so gut wie der, der ihn bedient.

Gibt es noch weitere Magazine im Stile des INSIDE-Magazines?

Nein. …“

Teil 4:

„… Und zum Abschluss noch die obligatorische Bitte um ein abschließendes Wort, Lebensmotto oder dergleichen?

Um mit den Worten deines Kollegen Jan zu sprechen: AC/DC! Auf jeden Fall. KISS ist Kinderkacke! Bela, sei bedankt fürs Interview. Wer Lust hat, schaut sich mal meine Website an – Falling Sky – ich bin immer auf der Suche nach Ausstellungsmöglichkeiten egal wo und in welchem Rahmen. Neben meinen Arbeiten, gibt es natürlich auch die Möglichkeit einer INSIDE artzine Ausstellung. Kontaktet mich für Details. Wem das noch nicht reicht, wir haben auch einen Blog laufen, in dem sich noch mehr Bilder/Interviews/Veröffendlichungen der beteiligten INSIDE artzine-Künstler befinden, sowie massig Reviews, Links und ein Shop mit Mags & Shirts: Artscum.org. In diesem Sinne: Follow the Scum…“

Das Interview führte Dolf Hermannstädter vom „Trust Fanzine“, wir danken ihm für die Freigabe zum/r Abdruck / Wiederverwendung. Teil 1 des Interviews (auszugsweise) und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #5 [Edition Outbird].

INSIDE ARTzine in unserem Webstore: bitte hier entlang.

Bildnachweise: Jenz Dieckmann, Seth Siro Anton, Cristina Otero/Jenz Dieckmann, Trevor Brown

Schmuddl „Vom Fraß der Gentrifizierung“ [Interviewauszug] | Outscapes #4

„… Moin Schmuddl… Du tätowierst seit 20 Jahren, gestaltest Schmuck, Leder- und Wohnaccessoires, zeichnest und hast in Deiner Buchbar Lesungen zwischen Whisky und Tom Waits veranstaltet. Wo liegen Deine Wurzeln? Was treibt Dich an? Was gibst Du den Menschen?

[…]

Was treibt mich an? Neugierde?! Die Lust am täglich Erlebten, die Unlust zum Stillstand. Alltägliche Banalitäten die einem so über den Weg laufen. Positives, negatives, nützliches, sinnloses, gute Menschen, schlechte Menschen, Erfahrungen die man macht, dieses „er-LEBEN“ auch wenn es zuweilen wirklich dumm, beschwerlich und belanglos erscheint. Wenn du keine Erwartungshaltung hast, kannst du um so besser Überrascht werden was für mich ein großer Reiz ist. Natürlich im positiven wie im negativen Sinne aber da bin ich pragmatisch und zum Glück auch neugierig genug um sehen zu wollen was hinter dem „Müllkübel“ ist, manchmal wächst da nämlich was ganz wunderbares. Das Leben ist ein langer Kuss…(DAF)

Tabaktasche Steampunk und vieles mehr aus Schmuddls Werkstatt: bitte hier entlang

Was die Menschen von mir bekommen ist Authentizität (auch mit Arschlochtag), Individualismus, Unvoreingenommenheit, eine gute Portion Altruismus, manchmal einen Spiegel und unzähligen herum flitzenden Inspirationspartikeln sei dank, viele schöne Dinge…“

Das Interview führte Tristan Rosenkranz. Das gesamte Gespräch und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #4 [Edition Outbird].

Bildnachweis: Thomas Templin

Layout als Passion | Don Stummel

Don Stummel alias Denny Müller aus Ranis wird heute im „Outbird“-Kurzinterview #5 von M. Kruppe und Tristan Rosenkranz als Layouter unseres „Outscapes“-Magazins vorgestellt, aufgenommen am Rande der 20. Thüringer Autorentage auf Burg Ranis. Und damit hinterfragt und beantwortet, was ihn umtreibt, die mit jedem Magazin anliegenden unzähligen Korrekturen und Änderungen auszuhalten, welche Rolle er als Merchandizer für die Oi-Punk – Band „Verfolgungswahn“ spielt und was er darüber hinaus noch mit seinem Potential anfängt. Cooler Typ!

Und selbstverständlich darf unser „YouTube“-Kanal gern abonniert werden.

Dr. Mark Benecke „Man möchte Brücken schlagen“ [Interview Teil 2] | Outscapes #4

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“-Magazin #4 [Edition Outbird] erschienen. In diesem Zusammenhang verweisen wir gern auch auf die Verlosung seines neuen, handsignierten Buches „Mumien in Palermo“ unter Neu-AbonnentInnen.]

Hast Du selbst mal Texte geschrieben?

Ja, nee, früher bei den… nennen wir es jetzt mal Punkband — wir hießen „Die Blonden Burschen“ — da haben wir das so gemacht, dass wir zusammen immer ein zwei oder noch mehr Flaschen Rotwein leergemacht haben und ich hab‘ Gedanken aufgeschrieben und Klaus hat mit der Gitarre dazu rumprobiert, Leibwächter Smirnov hat Faxen gemacht und so haben wir es dann zusammen gebastelt. Aber ich seh‘ mich mehr auf der Seite der Produktion oder so… wie zum Beispiel, ist jetzt ein blödes Beispiel, bei Modern Talking oder so: Die können jetzt alles remixen alles und nochmal neu rausbringen, oder auch Abba. Das ist ja damals eigentlich nur so dauerhaft geworden, weil es von vornherein super produziert war. Auf dieser Seite bin ich eher, also bei der Orga. Ins Künstlerlische misch ich mich weder beim Text noch beim Eispielen ein, sondern mache haargenau das, was die Künstler und Tonleute mir sagen.

Du hast mal in einem Interview gesagt, dass Du ein Faible für Brücken hast… das ist ja quasi Architektur…

…naja, ich seh es allerdings eher von der Ingenieursseite allerdings…

…hat das für Dich was mit Kunst zu tun?

Mein Vater ist Ingenieur, muss man dazu sagen, eigentlich beide Väter, mein genetischer und mein sozialer Vater sind beide Techniker und Ingenieure. Die konnten immer Architekten und Kunst nicht leiden, weil die der Meinung sind „es muss funktionieren, das reicht, die Künstler nerven nur“. Da gibt es so klassische Sätze von meinem Vater, er hatte sehr viel mit Rollbändern und Fahrtreppen und so etwas gemacht, und hat damals bei der größten freitragenden Rolltreppe Europas mitgemacht, und manchmal haben wir über das eigentlich voll wichtige Formenverständnis der Architekten diskutiert, aber er meinte immer nur „die Funktion ist wichtiger!“ So zwiespältig ist das bei Brücken auch.

Ich seh eher den Zauber da drin, dass sie ja eine Evolution hinter sich haben, die Brücken, weil ja viele zusammen gebrochen sind aus Gründen, die man nicht verstanden hat. Zuletzt die Milleniumsbrücke in London, die hat ja mega geschwankt und musste umkonstruiert und gedämpft werden… im Jahr 2000, wo man so eigentlich langsam mal wissen sollte, wie man Brücken über die Themse baut. Haben sie aber erstmal nicht hingekriegt, und obwohl sie schon fertig war, musste sie umgebaut werden. Das finde ich halt interessant: Man möchte Brücken schlagen, kulturell, künstlerisch, sozial, politisch… der Wille ist da, aber dann fehlt die Fähigkeit, obwohl man ganz sicher ist, dass man es kann.

Die letzte Brücke, die Ines und ich uns angeschaut haben, die ist gigantisch, die ist in Edinburgh, eine ganz berühmte Brücke, sie ist dann auch ganz anders eindrucksvoll, wie ein überirdisches Kunstwerk.

Also, ich les‘ mir auch niemals einen Reiseführer durch, ich lese mir niemals eine Rezension durch, nichts, egal, das interessiert mich überhaupt nicht…. einfach hingehen, sich die Sachen angucken, und wenn es einem nicht gefällt, hat man halt Pech gehabt. Wichtig ist aber, den unbeeinflussten Eindruck zu kriegen – das ist halt immer geil, bei Musik, bei Kunst, aber auch bei Ingenieurskunst oder Architektur, bei Brücken oder wie auch immer.

Ich hab mal aus China, als man noch 32 Kilo Gepäck mitnehmen durfte, die letzten Kilos mit einem superfetten chinesischen Brückenbuch mitgeschleppt (lacht). Da hätte man auch was anderes mitnehmen können.

Wir hatten ja vorhin schon mal drüber gesprochen, was Outbird ist und was wir machen und dass wir halt auch edle Spirituosen im Shop haben… hast Du so eine Art Lieblingsgetränk im Bereich der Alkoholika?

Nö, wir trinken jetzt nicht mehr so viel. Ich würde mal sagen, wenn ich mich mit etwas auskenne… also, die haben ja jetzt in Berlin die ganzen Gin Tonic-Sachen mit den superseltenen Gins… wir sind da mittlerweile eher die Tonic-Spezialisten, weil wir nämlich des öfteren den Gin-Tonic ohne Gin trinken, und das ist sehr, sehr lustig, wenn du in eine gute Gin-Tonic-Bar gehst. Und natürlich extrem hochwertigen Rotwein, der wirklich was kann, unabhängig von der Marke und Bewertung durch irgendwen.

Ich bin ja Eröffnungs-DJ beim WGT immer, und Elvis, der das immer anleiert, der ist ja so richtig von Herzen Ossi. Er mixt dann immer so Getränke in der Plastikflasche, diesen Kaffeelikör aus dem Osten mit irgendwas anderem, und dann eben Pfeffi, den gab’s ja im Westen nicht, also lauter so Sachen. Das muss aus der Plastikflasche natürlich selbstgemixt sein. Das sind die drei Sachen, von denen ich Ahnung habe: Gin-Tonic ohne Gin, sehr guter Rotwein, und eben diese Mixgetränke zur WGT-Eröffnung aus der Plastikflasche…die sind für mich spannend. Ach ja, und Țuică und Ron Medellín, aber nur in kleinsten Mengen…das hat aber mehr mit sehr guten Erinnerungen vor Ort in Transilvanien und Medellín zu tun als mit den Getränken an sich (lacht).

Alkohol ist ja eine Droge, da brauchen wir ja nicht drumherum zu reden. Ich muss ja immer ein bisschen lachen, wenn es heißt, Alkohol ist keine Droge… gibt es für Dich einen Unterschied zwischen Drogengebrauch und -missbrauch?

Naja, das ist halt ein Kontinuum. Also, ich kann mal ein Beispiel sagen. Wenn du jetzt Leute hast, die psychisch labil sind, da kommt es natürlich erstmal darauf an, welche Sorte psychischer Labilität hat man. Bei den Gruftis haben wir davon natürlich viele Leute. Und wenn das jetzt Menschen sind, die beispielsweise Psychose-Neigung haben, also die eher so aus der Ecke Schizophrenie oder Borderline kommen oder so – für die ist es jetzt vielleicht nicht so gut, psychotrope Drogen zu nehmen. Also, da könnte dann auch schnell schon der erste Gebrauch der Droge Missbrauch sein, ohne dass das jetzt für jemand anderen ein Missbrauch sein müsste.

Oder Leute, die so diese Affektstörungen haben, diese extremen Stimmungsschwankungen, für die ist jetzt vielleicht Speed und Koks sehr, sehr schlecht. Da kann der erste Gebrauch auch schon missbräuchlich sein.

Für Leute, die jetzt eher aus dem depressiven Formenkreis kommen, die sollten vielleicht die Finger vom Alkohol lassen, weil sie dann zu sehr in Ungleichgewicht kommen.

Das ist vielleicht wie beim Autofahren, beim Party machen, beim nicht wirklich schlafen gehen: Du kannst das alles missbräuchlich machen. Auch Sport…das ist immer ein Kontinuum. Ich würde das gar nicht auf substanzgebundene Sachen festlegen. Spielsucht… Also, ich denke, Menschen die eine bestimmte Neigung in einem bestimmten Formenkreis haben, sollten sehr scharf drauf achten, ob das nicht in Suchtverhalten abdriftet. Egal, ob es substanzgebunden ist oder nicht.

Weswegen ich die Frage stelle, ist, und da muss ich jetzt erst einmal von mir ausgehen: als ich die ersten Berührungspunkte mit Literatur hatte, abgesehen vom Schulunterricht, und auch mit Kunst in Berührung kam, war’s immer jemand, den ich cool fand, also zum Beispiel hab ich die Bücher von Gottfried Benn gefressen, ich hab Bertolt Brecht genossen, ich liebe die Gedichte von Jim Morrison zum Beispiel… Villon, Kinski… alles Menschen, die ein Problem ohne Rausch hatten. Die Frage, die ich mir dann irgendwann mal gestellt habe: Braucht gute Kunst irgendeinen Rausch?

Nee, das ist andersrum: Die Leute sind vorher schon verrückt und nehmen deswegen Substanzen. Ihre Kunst würde auch ohne Substanzen funktionieren, die Substanzen verstärken das nur. Die Substanzen sind eigentlich nur die schwarzen Streusel da obendrauf. Wenn wir jetzt mal Harry Rowohlt nehmen oder auch Benn, die hätten das auch ohne Substanzen produziert, nur wäre es nicht so leicht an die Oberfläche gekommen. Oder der Kinski hätte vielleicht nicht diese theatralische Drama gemacht — aber an die Oberfläche kann man das auch so kriegen. Ist halt nur schwerer. Das weiß ich ganz sicher von Leuten, die abdriften und auf den Substanzen hängenbleiben versus den Leuten, die einfach einen Cut machen und dann sagen „okay, das rühre ich nie wieder an“. Man sieht keinen künstlerisch-essenziellen Unterschied in ihrem Schaffen. Phasenweise verändert sich vielleicht mal die Qualität oder das Motiv oder auch die Schärfe, aber das passiert mit oder ohne Substanzen genauso.

Ein Künstler, von dem ich viele Bilder habe, malt extrem präzise, fast jedes Haar einzeln in Öl, aber als seine Frau schwanger wurde, ist das alles zerflossen und wurde ganz organisch und bionisch. Das dauerte dann ein, zwei Jahre, und dann ging es wieder zurück zum Hochpräzisen.

Oder unsere gemeinsame Freundin Bianca Stücker zum Beispiel, die ist super präzisionsbesessen und du kriegst sie auch nicht davon weg. Sie hat mal ein Tattoo bei mir gemacht, da habe ich es auf der eigenen Haut erlebt. Dieser Zwang zur Präzision würde bei ihr niemals weggehen, egal, was sie nehmen würde — und bisher nimmt sie überhaupt keine Substanzen.

Wenn ich dir jetzt aber sage, dass ich eine ziemlich krasse Zeit hinter mir habe mit Alkohol, und in genau dieser Zeit die geilsten surrealen Gedichte geschrieben habe, und seitdem ich erst zwei Jahre gar nicht und nun nur noch in Maßen trinke, da kommen zwar Konzeptgedichte, aber es kommt nichts mehr Surreales bei rum.

Ja, das verstehe ich, aber das ist die Vertauschung von Substanz mit seelischer Eigenschaft. Du hast dich dann seelisch einfach weiterentwickelt und verändert, und der Alkohol ist nur das Symptom, das dazugehört. Das kann ich dir sowohl aus dem kriminalistischen Bereich als auch bei Gruftis als auch bei Künstlern oder Tätowierern darstellen, ich hab‘ da wirklich viele Andockstellen… man verändert sich charakterlich einfach.

Das ist wie, wenn Leute sagen „ach, früher bin ich immer voll auf die Rolle gegangen und hab Megaparty gemacht, und heute bleib ich lieber mal gerne zuhause“. Da ist der einfache Grund, dass sie einfach immer erwachsener werden. Also der Körper verändert sich, die Gehirnstruktur verändert sich, die Hormone verändern sich. Das hat nichts damit zu tun, was man oft glaubt, sondern ist einfach ein total normaler Prozess. Das ist nicht der Alkohol, das sind neue Verschaltungen durch Lebenserfahrungen und Eindrücke.

Gute Kunst braucht nicht unbedingt den Rausch – als Fazit?

Nein. Ich bin mir einfach ganz, ganz sicher, dass es für viele Menschen in der Zeit, in der sie sozusagen aus dem therapeutischen Bedürfnis heraus extrem viel Energie in die Kunst reinsetzen, einfach dazugehört, viel auszuprobieren oder exzessiv zu leben oder den Rausch auszuprobieren.

Aber da ich eben genügend Leute kenne, die mit Substanzen aufgehört haben, neben denen, die weitermachen, haben wir sowohl im Labor als auch privat beide Stichproben. Und ich sehe wirklich auch im Laufe von Jahren — und ich bleib‘ allen treu, so gut das geht — keine Verschlechterung in der künstlerischen Qualität. Veränderungen schon, aber keine Verschlechterung, außer, sie schießen sich ganz weg.

Bei halluzinogenen Substanzen kannst du das besonders gut sehen: Für die meisten Menschen reicht es komplett, dass die mal kurz in Berührung damit waren, und die Eindrücke, die die da gesammelt haben, die reichen fürs gesamte restliche Leben. Jetzt gibt’s aber Leute, die das zu einer Lebensgewohnheit gemacht haben, um sich Informationen, beispielsweise aus Pilzen, zu ziehen. Und die denken halt, das wäre notwendig. Aber wenn man sie nötigen würde, das zu lassen, würden sie genauso viele Informationen bekommen, wenn sie es wollten. Man darf da echt nicht Ursache und Wirkung vertauschen.

Die letzte Frage, und da will ich nochmal zum Thema Kunst und Kultur zurück, weil es mich persönlich in letzter Zeit sehr beschäftigt, auch an den Politiker Mark Benecke: Wir leben ja im sogenannten Land der Dichter und Denker, und ich als Kunst- und Kulturschaffender in meiner Region krieg halt immer wieder mit, dass genau diese Menschen, die immer wieder gepriesen werden, am langen ausgestreckten Arm verhungern, und der Staat schaut halt zu. Jetzt haben wir den Innenminister mit seinen zehn Thesen, der sich darauf beruft, dass wir in ebendiesem Land der Dichter und Denker leben, wo ich immer sage „normalerweise muss doch Kunst und Kultur von Staatswegen subventioniert werden“…

…ja, wird sie auch, massiv sogar. Vielleicht nicht genug, aber es fließt schon viel Geld da rein.

Ich kenne sehr, sehr viele Künstler, die leider an der Armutsgrenze und im ALG II–Bezug leben, und die, wenn sie nicht in ein oder zwei Jahren Geld verdienen mit ihrer Kunst, zum Altenpfleger oder anderem umgeschult werden, und darüber überhaupt erst depressiv werden. Eigentlich muss es doch einen Weg geben, wenn ich nachweise, dass ich künstlerisch produktiv bin…

Naja, das sind zwei Sachen. Das Eine ist, wir bieten in Deutschland schon das beste Auffangnetz für Künstler auf der Erde – über die Künstlersozialkasse zum Beispiel. Wenn du dort nachweisen kannst, dass du künstlerisch produktiv bist, bist du komplett abgesichert. Das gibt’s in keinem Land der Erde, das ich kenne, und das ist großartig in Deutschland. Das sichert natürlich nicht dein Einkommen, aber da hast du deine komplette Sozialversicherung. Es gibt kein anders mir bekanntes Land auf der Welt, wo du volle, komplette, unlimitierte, Kranken-, Sozial- und Rentenversicherung und deine Miete auch als Künstler hast, der meinetwegen sieben Monate im Jahr nicht aus dem Bett kommt und schwere Depressionen hat.

Dann gibt’s das Zwischending, das sind die Künstler, die sehr viel in die Vermarktung gehen, die können Glück oder Pech haben, da das den Marktgesetzen oder Launen der Kunden folgt. Es kann ja kein Mensch entscheiden, was gute oder schlechte Kunst ist, das kann kein Mensch entscheiden. Aber leider entscheidet es ja der Markt. Schau dir Gerhard Richter an, der aus Ostdeutschland stammende, hochgehandeltste Künstler der Erde. Ich finde seine Sachen super, das Fenster im Kölner Dom finde ich großartig, und ich versteh‘ auch die Konzepte, die er macht. Aber es ist mir eins der größten Rätsel, warum die Leute dafür so viele Millionen hinlegen. Ich begreife nicht, warum das so viel wert sein soll.

Zur richtigen Zeit mit den richtigen Leuten am richtigen Ort…

…richtig, genau, und natürlich Fleiß ohne Ende. Aber wenn du dich zum Beispiel mit den großen Galerien oder Politikern gut verstehst, dann klappt es viel leichter. Das ist das Zweite.

Das Dritte sollte ich auch noch sagen: Das sind die, die ins Ausland gehen wie zum Beispiel Martin Schöller, der als Fotograf jetzt Cheffotograf beim New Yorker ist.

Und dann, das vergisst man leicht, dass viele Künstler, die wir heute auch im Grufti-Bereich ganz gut finden, entweder gar nicht oder hochgradig subventioniert wurden — meinetwegen Goethe oder Schiller: Die hatten halt megareiche Mäzene. Dieses Konzept existiert aber nicht mehr. Aber da muss man natürlich fragen, wer hat die Leute finanziert? Das waren öfters Menschen, von denen heute kein Künstler mehr direkt Kohle annehmen würde.

Oder aus meinem Bereich: Der Schokoladenfabrikant König, auf den das Museum König in Bonn zurückgeht – den würde man heutzutage als Künstler auch nicht mehr so unbedingt gerne als Subventionsgeber annehmen, weil das ein absolut großindustrieller Kapitalist war. Das kannst du heute als Künstler gar nicht mehr bringen, das wäre so, als ob dich heute VW finanzieren würde. Das Geld würdest du glaub‘ ich nicht annehmen, weil es dir wichtig ist, in der Szene präsent und glaubwürdig zu sein. Oder nehmen wir mal Nestlé, das kann man einfach nicht bringen, von denen Geld zu nehmen. Da haben sich einfach die kulturellen Wahrnehmungen geändert. Für die Künstler und Schriftsteller der damaligen Zeit war es überhaupt kein Problem, von Kapitalisten oder Herrschern riesige Geldsummen anzunehmen.

Oder auch andere Leute, Astronomen zum Beispiel, die von Regierungen oder Industrieunternehmen gefördert worden oder an Höfe gegangen sind. Heute arbeiten sie an Universitäten oder sind selbständig. Welcher Astronom würde sich heute noch direkt an das dicke Geld binden?

Bis ins auflaufende Mittelalter hat sich ja jeder Hof seine Künstler gehalten…

…das war auch viel später noch so, bis ins 19. Jahrhundert. Aber früher sind viel, viel mehr Künstler untergegangen mangels Versicherung und so, die sind einfach krepiert. Die meisten jüngeren Gruftis wissen überhaupt nicht, dass fast alle der Bands, die sie für Gruftistars halten, einen ganz normalen 40-Stunden-Job haben. Fast alle unserer Szene-Stars haben von neun bis fünf einen anderen Job…

…und gehen dann noch proben und Touren fahren und zwar von ihrem Urlaub…

…richtig, und zwar auch von den größeren Acts. Meine Antwort wäre in einem Satz: Früher sind sie einfach verhungert. Und ja, man kölnnte eine coolere Kulturförderung machen. Aber am Beispiel Köln siehst du, dass es oft einfach nicht geht: Wir hatten oder haben ja dort die größte Anzahl von freien Theatern und Galerien europaweit. Wenn du denen aber Geld gibst, bekriegen sie sich teils zu Tode. Du kannst dir nicht vorstellen, was da los ist.

Die Frage ist einfach, um das zu konkretisieren: Ich veranstalte seit drei Jahren eine Lesereihe namens „Das rote Sofa“, und mein Anspruch ist es, das kostenlos anzubieten. In einer kleinen, 13.000-Einwohner-Stadt, wo sowieso nicht soviel Kultur geboten wird. Wenn du da auch noch fünf Euro Eintritt verlangst, um die Künstler zu bezahlen, dann kommt natürlich kein Gast. Oftmals ist es so, dass ich die Gagen aus eigener Tasche bezahle oder eben einen einzigen Topf anzapfen kann, dann muss ich es aber immer politisch begründen.

Wenn es aber da einen staatlichen Fördertopf gäbe für Veranstaltungen in der ländlichen Region…

…doch, gibt’s, aber über einen blöden Umweg. Bis zuletzt waren das die Sparkassen, weil die ja im Prinzip der Stadt oder dem Kreis gehören, und keinen Gewinn erwirtschaften dürfen. Nur: Da müssen sie dich mögen.

Die Lösung, die ich sehe, ist, dass du es halt sexy und zeitgemäß machen musst. Bianca hat mit ihren Tribal Fusion-Tanzchoreographien ja auch das Problem: Da gehen schon viele Leute hin, aber es gibt Veranstaltungen, da dürfen dann nur Frauen hin. Kein Witz! Da stellt sich die Frage, wie sie das finanziert bekommen wollen, wenn die Veranstalterinnen einfach mal die Hälfte der Bevölkerung ausschließt aus Befindlichkeiten, die kein Mensch — oder zumindest ich nicht — verstehen kann. Das ist ja jetzt nicht supersexualisiert, das Ganze.

Ein anderes Beispiel: Ich hab‘ drei Jahre lang die Leute vom WGT fast schon erpresst. Also dass ich das mit der Tribal Fusion organisatorisch übernehme, aber mit der Bedingung, ihr sagt den Tänzerinnen, die es nicht können, vorher, dass sie leider nicht auftreten können. Die Qualitätsunterschiede in den Tribal Fusion-Shows am Rand des WGT waren ja von genial bis Trash breitgefächert. Kurioserweise ist das an den WGT-Leuten gescheitert, die einfach keinen Bock auf Tribal Fusion haben, obwohl ich alles gemacht hätte, nachdem die vorigen Veranstalterinnen die Segel gestrichen haben.

Als wir mit den „Blonden Burschen“ in den 1990er Jahren in Berlin aufgetreten sind, hatten wir manchmal nur eine Matratze für die ganze Band, und die war voller Flecken. Heizung gab’s nicht, Klo war damals noch im Treppenhaus, aber unbenutzbar verkeimt, es war sogar außen und innen komplett schwarz vor verkrustetem Shit. Ich hab‘ auch mal im Kofferraum des Leibwächter-Transporters gepennt. Einmal konnte man sogar von unserer Unterkunft aus in die Wohnung drunter gucken, weil die Holzbalken vom Boden total verrottet waren.

Also, es gibt fünfzig Millionen Ecken, an denen es im künstlerischen Bereich scheitern kann. Wenn das Publikum bei deinen Abenden aber keinen Mini-Eintritt zahlen will, ist das auch bekloppt. Fünf Euro ist ja nun eine faire Ansage für einen schönen Abend. So oder so, meine Meinung ist grundsätzlich: „Augen zu und durch“. Ich machs ja auch die ganze Zeit so.

Ich bedanke mich herzlich für das Interview! 

Das Interview führte M. Kruppe. Teil 1 des Interviews und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #4 [Edition Outbird].

Mark Benecke online: Website / Facebook

Bildnachweis: Felix Berner