Hauke von Grimm „Seemannsgarn“ [Interview Teil 2] | Outscapes #6

Die Buch- und eBook-Verkäufe erodieren, immer mehr Menschen gehen den sozialen Medien und Streamingangeboten auf den Leim, „verlernen“ quasi das Lesen. Wie kann man Deiner Meinung nach das Interesse am Buch wieder zum kulturellen und Bildungsgrundgebot in der Gesellschaft machen?

Die Welt ist im Wandel. Das Rad dreht sich. Wir sind nur ein Teil der Geschichte. Sprache verändert sich und die Art wie Erzählungen zu den Menschen kommen auch. Die mündliche Überlieferung wurde durch die Schrift abgelöst, dann kam die Druckkunst und das Buch begann seinen Siegeszug. Wir werden das alles nicht aufhalten. Was bleibt ist, dass die Menschen unterhalten werden wollen. Wir bieten eine Möglichkeit. Und Leser wird es noch eine ganze Weile geben. Mit den PoetrySlams und den LeseBühnen erleben wir seit einiger Zeit eine Art von dem Bedürfnis Kurzweile durch Geschichten zu erfahren. Und noch lesen genug Leute. Was sie allerdings konsumieren finde ich eher bedenklich. Aber ich ticke eh anders als die Andern. Wir können unsere Angebote nach unseren Möglichkeiten anbieten. Wir können Menschen durch unsere Art überzeugen und auf uns aufmerksam machen. Ändern können wir den Lauf der Zeit oder die Menschen nicht.
Vielleicht können wir unsere Angebote ändern. Hörbücher oder Kurzfilme aus unseren Texten machen. Und dann sollen sie Streamen, wenn es sie glücklich macht.

(Zur Buchbestellung bitte Cover anklicken)

Was macht gute Literatur aus?

Sie muss eine gewisse Stimmung erzeugen, und sie muss fesseln. Wenn man den ganzen Tag an ein Buch denkt wie an eine Geliebte. Aber sie muss auch unterhalten. Mich unterhält auch die Sprache, nicht jeder kann alles gleich gut beschreiben. Ein gutes Buch ist, wie einem Freund zuzuhören. Man muss nicht immer seiner Meinung sein, aber wenn es schön gesagt wird, beglückt mich das auch.

Was sind Deine persönlichen Favoriten der Welt- und Untergrundliteratur?

Ich mag gern die Kollegen aus meinem Dunstkreis. Wie sie mit mir reden, so schreiben sie. Schweßinger, Tanner, Kruppe, HC Roth und die Lesebühnen-Kolleg/innen. Aber ich mag auch die alten Piraten- und Seebärengeschichten und mal einen guten Western. Ich lese gern historische Geschichten. Wenn sie nicht zu sehr in die Romanzen abdriften. Wenn mich ein Thema packt, versuche ich mich dem über die Literatur zu nähern. Bernard Cornwells „Waterloo“ war gut. Fakten, spannen und nicht zu sachlich erzählt. Ansonsten hab ich noch etwas für Christian Kracht übrig. Und ich lese viel Lyrik.

Letzte Frage: welchen Whisky (zum Buch oder unter Freunden) empfiehlst Du ganz besonders?

Das ist sehr schwer. Wer Whisky trinkt weiß was für ihn am besten ist. Was in meinen Flaschen drin ist, mag nicht jedem munden. Ob Rotwein, IPA oder Eierlikör. Zu meinen Geschichten passt alles. Der Leser soll sich wohl fühlen und das geht wohl am besten wenn er in seinem Element ist. Ich stopfe meine Pfeife mit „Kentucky Bird“ Tabak und würde mir etwas rauchiges aus den Norden von Schottland ins Glas schütten. Und kann nur jedem sagen, dass mir das gut gefällt. Dazu Musik von Sigur Ros oder Mogwai oder Nils Fram. Aber auch Pink Floyd und ein Grau Burgunder passt hervorragend. Oder ein dunkles Bier zu Mahler oder Bruckner vom Plattenspieler. Je nach Wetterlage oder Gemütszustand. Ich kann auch mit Tee im ICE lesen. Aber solange kein Cola im Whisky ist, seid ihr auf dem richtigen Weg.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz. Teil 1 des Interviews und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #6 [Edition Outbird].

Hauke von Grimm in unserem Webstore: bitte hier entlang.

Bildnachweis: ToniK Picturesque
_____________________________________________________________________________________

Frau Kopf „Brachialromantik für Hochsensible“ [Interview Teil 2] | Outscapes #6

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #6 [Edition Outbird] erschienen. In diesem Zusammenhang verweisen wir gern auch auf die Verlosung ihres neuen, handsignierten Buches „Brachialromantik“ unter Neu-AbonnentInnen.]

(Zur Buchbestellung bitte Cover anklicken)

„… In wenigen Worten: worum geht es in Deinem aktuellen Buch und warum sollte mensch es unbedingt lesen und weiterempfehlen?

Es geht um die Dinge, die jeder ist, fühlt, mag, hasst und kann. Menschliches. Abgründiges. Trauriges. Zuversicht. Irgendwas mit Sex und Rausch und zwischendurch Aufwachen.
Warum Mensch es lesen sollte? Um sich in den Worten zu finden und sich ein bisschen vor sich selbst zu fürchten und zu schämen. Danach kann man dann stolz auf sich und sein Gemensche sein, egal wie schmutzig, traurig oder eben bemerkenswert man ist.

Letzte Frage (n): Was ist Dein größter Wunsch? Und wo siehst Du Dich in zehn Jahren?

Kühlschrank voll, die Liebe im Bett und ein Wohlgefühl, wenn ich morgens aufwache.“


Das Interview führte Tristan Rosenkranz. Teil 1 des Interviews und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #6 [Edition Outbird].

Frau Kopf in unserem Webstore: bitte hier entlang.

Bildnachweis: Marco Fechner
_____________________________________________________________________________________

Yeah But No „Melancholisches Rauschmittel“ [Interview Teil 2] | Outscapes #6

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #6 [Edition Outbird] erschienen.]

Antwortteil 2 zur vorangegangenen Frage:

„… Ich war fasziniert davon welche Tiefe die Produktionen hatten und das ich manchmal selbst nach dem tausendsten mal Hören noch Kleinigkeiten im Sounddesign entdecken konnte. Wahrscheinlich fing damals meine ProduzentenLeidenschaft an.

Wenn man Yeah But No hört und sich an den puren Schalk Mario Willms da draußen in der Realität erinnert, meint man fast, Du habest Deinen Humor verloren. Ist Yeah But No musikalisches Gegengewicht zu Deinem Wesen?

M: Das geht ja immer alles zusammen. Ohne Humor könnte man manchen Dinge nicht ertragen und manche Dinge sind so tragisch das sie schon wieder lustig sind. Wenn es um Musik geht dann sind meine favorisierten Klangfarben allerdings immer dunkel, immer melancholisch. Melancholie ist meine Batterie. Wenn ich lustige oder fröhliche Musik höre bekomme ich Kopfschmerzen und schlechte Laune. Läuft Radiohead dann geht die Sonne auf.

Fabian, warum diese fast schmerzliche Schönheit? Wieviel Schmerz verbirgt sich in Yeah But No?

F: In jeder Schönheit liegt auch ein Schmerz. Ohne Schmerz kein geschlossenes, ausgewogenes Emotionsbild. Bei der ganzen happy clappy Musik im deutschen Popradio sehnt es uns nach Fragilität und Zerbrechlichkeit. Das Melancholische bei Seite: In jedem Schmerz und in jeder Vergänglichkeit liegt ja auch wieder etwas Neues, ein Neuanfang oder eine schmerzliche Erfahrung, die man machen musste, um Dinge wieder positiver zu sehen.

Was hebt Yeah But No von der Popwelt ab? Und was markiert Eure musikalische Heimat beim Berliner Label Sinnbus?

F: Wir haben keine musikalischen Rahmen, wir schreiben und schrauben so lange bis es sich für uns gut anfühlt. Bei uns muss der Refrain nicht nach einer Minute kommen und wenn es keinen Refrain gibt, auch ok. Das Dreiergespann Sinnbus macht einen fabelhaften Job. Wir hatten schon beim ersten Treffen das Gefühl, dass wir bei Sinnbus an der richtigen Adresse sind.

Zu einem derart kreativen Output gehört immer eine Portion Wahnsinn. Welche Farbe hat der Eure?

Ein dunkles Blau.

Nach Gera kommt Jena kommt Berlin… Letzte, und zwar unvermeidliche Fragen: was ist Gera für Dich (geblieben)? Was spricht für diese unterschätzte Stadt? Welche Nahrung braucht sie?

M: Die Stadt ist natürlich immer noch irgendwie Heimat. Ich freue mich darauf meine Eltern zu besuchen und die süß-saure Erinnerung an meine Teenagertage einatmen zu können. Es ist aber auch sehr schade zu sehen wie die Stadt nahezu zerbrochen ist. Aber die Kindheitserinnerungen trösten darüber hinweg.“

Das Interview führte Tristan Rosenkranz (Rezension folgt nach). Teil 1 des Interviews und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #6 [Edition Outbird].

Bildnachweis: Anna K. O.
_____________________________________________________________________________________

Dirk Bernemann „Irgendwo ist da ständig was, was raus will“ [Interview Teil 2] | Outscapes #6

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #6 [Edition Outbird] erschienen. In diesem Zusammenhang verweisen wir gern auch auf die Verlosung seines neuen, handsignierten Buches „Ich hab die Unschuld kotzen sehen – 4“ unter Neu-AbonnentInnen.]

„… Du bist ja auch viel auf den (Lese-)Bühnen des Landes unterwegs. Was ist dir wichtiger, das Schreiben selbst, die Veröffentlichung, oder die Bühne? Und warum ist das so?

Mittlerweile mag ich beides. Früher hab ich mich auf der Bühne geschämt, weil meine Texte eher laut waren und ich persönlich eher ein leiser Mensch, da war es schwierig, die Texte ohne eine gewissen Peinlichkeit zu performen. Das wurde dann im Laufe der Zeit kongrunenter. Einfach durch Übung und Erfahrung. Mittlerweile geht das ganz gut auf der Bühne. Ich versuche mich proffessionell zu verhalten und nicht zu dumm zu wirken. Aber die Arbeit am Schreibtisch zuhause, alleine, die ist das Wesentlichste meiner Arbeit. Da sprudelt alles, da kommt alles zusammen, da knallen die Ideen aufeinander. Bin so eine Art Literaturmessie, ich hebe alles auf, habe 30 Notizbücher und versuche alles auf einmal zu nutzen, wenn ich im Prozeß bin.

(Zur Buchbestellung bitte Cover anklicken)

Gibt es andere künstlerische Ausdrucksformen, an denen du dich probierst bzw. die du verfolgst? Musik zum Beispiel, Malerei, Theater?

Ja, habe schon ein Theaterstück geschrieben, dass 2015 auch in München Premiere hatte. Bella Noir – 2 Zigaretten Demut hieß das und es ging um deutschen Schlager und seine scheiternden Protagonisten. Ansonsten, ja Musik in verschiedene Konstellationen, Improtheater und ich versuche ein bisschen zu zeichnen, was aber über Einbildcomics nicht hinauskommt. Aber immerhin, irgendwo ist da ständig was, was raus will.

Wie kam es, dass Philipp Boa deine Arbeit honorierte?

Ich bin schon ewig Fan von ihm und hab auch immer kleinere Passagen als Hommage in meinen Texten und Büchern gehabt. Irgendwie hat er das mitbekommen und hat sich ein bisschen mit meinem Zeug beschäftigt, er hat ja in seinen Texten auch immer viele Literaturbezüge. Dann haben wir uns mal getroffen und dann hab ich sogar zweimal vor Konzerten von ihm, eine Hommage, bzw. die Ansage machen dürfen. Das war wunderschön.

Wer und/oder was inspiriert dich?

Menschen. Spazierengehen. Lesen. Musikhören. Ich glaube, ich hole mir alles, was ich brauche aus dem Alltag und aus meiner Person. Da liegt genug rum für Literatur bis zu meinem Ableben.

Wie wichtig ist dir Kunst im Allgemeinen? Bist du „privat“ an Kunst interessiert?

Mega wichtig. Die Ausdrucksformen anderer Leute interessieren mich total. Wie die alle so mit der Welt umgehen, ohne sich umzubringen. Aber da begegnen mir auch immer wieder so Honks, die Kunst eher behaupten als machen. Die sind aber schnell zu entlarven. Aber es ist nicht in meinem Interesse, irgendwen zu entlarven, ich bin ganz glücklich in meinem eigenen Universum.

Gibt es für dich alternative Kunst und Kultur oder gehört alles, was Kunst ist, in einen Topf?

Komische Frage. Da muss man halt genauer definieren. Vereinfacht gesagt, ist Kunst eher die Befähigung zur Tätigkeit, irgendwas zu erschaffen und Kultur eher das Umfeld, in dem so etwas stattfindet. Bin kein Wissenschaftler, aber ich glaube, das stimmt trotzdem.

Last but not least interessiert natürlich, ob du derzeit an Neuem arbeitest. Wenn ja, kannst du schon einen kleinen Ausblick geben worum es gehen wird und ob es schon einen vagen VÖ Termin gibt?

Oh ja, ich schreibe gerade ein Buch mit zwei sehr lieben Kollegen zusammen, es geht im weitesten Sinne um Liebe und um deren negative Auswüchse und in meinem Beitrag auch um Theater, Gewalt und Jazz. Wahrscheinlich ist das alles Frühjahr 2018 spruchreif.

Ich bedanke mich…

Ich danke Dir!“

Das Interview führte M. Kruppe (Rezension folgt nach). Teil 1 des Interviews und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #6 [Edition Outbird].

Dirk Bernemann in unserem Webstore: bitte hier entlang.

Bildnachweis: Sophia Vogel
_____________________________________________________________________________________

Peter Wawerzinek „Schreiben als Befreiung“ [Interviewauszug] | Outscapes #5

„…Was bedeuten Ihnen Würdigungen wie der Ingeborg-Bachmann-Preis? Dankbare Reparation eines langen Heilungsweges? Sichtbarmachung als herausragender Schriftsteller?

Es war die letzte Möglichkeit für mich, den Kopf herauszustecken, mich zu zeigen, meine Schreiberei wichtig werden zu lassen. Ich war bereits abgeschrieben und kam mit diesem Knaller zurück, ganz weit nach vorne. Ich habe ja vorher das Schreiben schon aufgegeben, mich abgeschrieben, ernsthaft gedacht, ich hätte das Zeug nicht dazu, mehr Leute als nur den Freundeskreis zu interessieren. Ich bleibe was ich bin, nur nimmt man mich jetzt viel mehr wahr. Der Preis hat viele, viel Türen und Fenster für mich geöffnet. Ich existiere nun schon sieben Jahre danach, schreibe neu und weiter, weiter…

Einst sagten Sie „Du musst den Blues hassen, um guten Blues zu machen“ – trifft das auch auf die Schriftstellerei zu?

Um dem Leser etwas zu geben muss man die Kollegen gewissenhaft sortieren und den Teil von ihnen ablehnen, der nur nach Ansehen und Finanzen lugt. Also all die Leute, die seltsam werden und eingebildet, sobald sie mit ihrer Taktik Erfolg haben. Sie wenden sich vom alten Leben ab, wenn man sich ihnen zuwendet, die Kritik sie lobt und in die Bestsellerlisten schießt. Man erkennt sie. Sie riechen nach Ruhm. Ich mag sie nach wie vor nicht. Es gibt da eine lange, lange Liste im Hirn von mir, von derartigen Selbstverliebten, die sehr geschickt agieren oder einfach besser vernetzt sind als andere, und dadurch allein schon im Geschäft bleiben. Ich hasse sie nicht mehr. Ich bedauere sie eher. …“

Das Interview führte Tristan Rosenkranz. Das gesamte Gespräch und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #5 [Edition Outbird].

Bildnachweis: Gerd Adloff
_____________________________________________________________________________________

[ Interview ] Beating Signal | In keiner Schublade – Beating Signal weichen Genregrenzen auf

Beating Signal sind eine musikalische Formation, die einerseits geografisch nicht richtig zu verorten sind, andererseits auch musikalisch schwer in einer Schublade Platz finden. Die vier Jungs aus Dresden, Nordernham und Kassel halten sich auch nur ungern in einem Kasten auf, der sie zu kategorisieren versucht. Irgendwo zwischen neunziger Jahre Dancefloor, Dark Elektro und SynthiPop bewegt sich das Quartett, auch, wenn sie alle das alles ein bisschen anders sehen. OUTSCAPES hat Beating Signal einige Wochen vor ihrem Gig im Planetarium zu Jena (30. 10. 2017) über sich selbst, Auftritte, Kunst und die schwarze Szene befragt.

Hallo Jungs…

Ich durfte euch ja im letzten Jahr schon einmal live im Freiraum Pößneck erleben. Vornweg gesagt; ne coole Truppe, die musikalisch recht vielfältig ist. Aber dazu später mehr. Wenn ihr gefragt werdet, wer ihr seid, wie stellt ihr euch im Allgemeinen vor?

Ich bin Luca und bin zuständig für den instrumentalen Part aller Songs. Auf der Bühne wechsle ich zwischen Synthesizer und Gitarre.

Ich bin Basti, der Sänger und Texter von Beating Signal und komme aus Nordenham.

Mein Name ist Mick und ich übernehme das Management der Band. Derzeit wohne ich in der Nähe von Kassel.

Ich heiße Max, spiele den Livebassisten und komm aus Dresden.

Wenn ihr in so verschiedenen Teilen Deutschlands zu leben scheint, wie macht ihr das mit den Proben, mit dem Zusammenhalt innerhalb der Band?

Mik: Wir haben zuletzt im Sommer 2015 zu viert geprobt. Seitdem spielen wir das selbe Programm in verschiedenen Längen. Zuletzt beim Benefiz for Kids Festival in Magdeburg mit 5 Songs, nun in Jena werden wir mit 18 Stücken das bisher längste Set spielen. Aufgrunddessen, dass wir letztes Jahr sehr ausgedehnt auf Tour waren, war kein Probebedarf vorhanden. Lediglich für die ersten Songs des zweiten Albums (!) haben Luca und Basti in Nordenham geprobt, während Max sich das im Alleingang einverleibt. Der Zusammenhalt findet durch den fast täglichen Austausch auf WhatsApp statt, dadurch entsteht gar kein Abriss.

Wie habt ihr euch kennen gelernt?

Mick: Luca und ich „trafen“ uns 2010 in einem Rammstein-Fanforum und hielten den Kontakt über Skype. Bei meinem ersten Besuch in Nordenham lernte ich Basti kennen, der mit Luca für das damalige Bandprojekt proben wollte. Max kenne ich schon seit 2008 als wir noch gemeinsam in Freiburg wohnten, irgendwann hatte er Lust auf Liveauftritte und da seine damaligen Bands noch nicht soweit waren lud ich ihn zu einer unserer Proben ein.

Wie seid ihr dazu gekommen, euch musikalisch auszudrücken bzw. woher kommt die Ambition, Musik zu machen?

Luca: Woher die Ambition zur Musik bei mir genau kommt weiß ich gar nicht so wirklich. Ich glaube es liegt einfach in der Familie. Musik war daher schon immer ein Teil meines Lebens, seitdem ich denken kann. Angefangen selber Musik zu machen habe ich bereits im frühen Kindesalter mit Schlagzeug. Später folgten dann diverse andere Instrumente.

Basti: Wo meine musikalischen Ambitionen herkommen, weiß ich nicht. In der Familie liegt es jedenfalls nicht. Ich habe mit 12 Jahren angefangen, Akustikgitarre zu lernen und das war der Ursprung für die Freude an der Musik, denke ich. Dann irgendwann bin ich zur E-Gitarre gewechselt, und ein bisschen später erlernte ich noch ein wenig das Schlagzeugspielen. Aber als richtigen Sänger habe ich mich nie gesehen, ich wollte bloß immer einer werden, und bin es gefühlt heute nichtmal richtig (haha).

Mick: Bei dieser Frage muss ich immer lächeln, da ich früher nicht die Muße hatte ein Instrument zu erlernen und nun fehlt mir leider die Zeit. Allerdings bin ich mit Luca schon seit nun fast acht Jahren befreundet und durfte damals schon seinen musikalischen Tätigkeiten mit Basti beiwohnen. Nach mehreren Projekten kam irgendwann Beating Signal ans Licht und ich organisierte kurzerhand den zweiten öffentlichen Auftritt im Hamburger Logo. Anschließend wurde mir nicht nur das allgemeine Management und Booking anvertraut, sondern ich wurde als festes Livemitglied eingestellt um die Sequenzen und den visuellen Aspekt unserer Show zu steuern. Zusätzlich achtet der Rest darauf, dass meine Stimme auf der Bühne möglichst stumm bleibt.

Max: Als ich 16 war habe ich mich oft gelangweilt; da dacht‘ ich mir dann, fang doch an Musik zu machen – und es hat ziemlich gebockt. Ich mache Musik tatsächlich nicht, um irgendetwas auszudrücken – ich kann mich schon ganz gut artikulieren und verständigen. Ich habe auch nicht das Bedürfnis irgendjemanden mit meiner Kunst irgendwie erreichen zu müssen. Ich mach Musik nur für mich.

Wer sind eure Einflussgeber? Liegen die allein in der Schwarzen Szene?

Luca: Mich inspiriert immer das, was ich gerade höre bzw. erlebe/durchlebe.

Basti: Meine Einflüsse für diese Band liegen teils in der schwarzen Szene, zumindest was die tiefen Stimmlagen betrifft. Mit den höheren Tönen richte ich mich eigentlich nach niemandem, es muss nur zum jeweiligen Song passen. Natürlich habe ich ein paar stimmliche Vorbilder wie zum Beispiel Chris Corner (IAMX), Jared Leto (30 Seconds To Mars) oder Marilyn Manson.

Das OUTSCAPES Magazin ist ja nun kein Gothik-Magazin. Habt ihr weitere Einflüsse (falls oben nicht schon die Antwort steht) bzw. habt ihr einen Hang zur schwarzen Szene und wenn ja, wo kommt der her?

Mick: Grundsätzlich gefällt mir vielerlei aus der schwarzen Szene, sowohl Musik und deren Texte als auch die Ästhetik. Zur schwarzen Szene kam ich als ich anfing Rammstein für mich zu entdecken und zu einer wahren Leidenschaft wurde.

Luca: Ich mag die Musik der schwarzen Szene, jedoch bin ich was andere Genres angeht absolut offen für alles und vorallem auch immer offen für Neues. Somit reicht mein Musikgeschmack von der schwarzen Szene über Metal, bis hin zu Hip Hop oder RnB.

Basti: Für neuere Songs sind teilweise sogar Rap-Einflüsse geplant, bzw. schon halbwegs im Spiel.

Max: Ich bin das schwarze Schaf der Band: Mit der schwarzen Szene hab‘ ich nichts am Hut. Es gibt vielleicht zwei oder drei Bands, die wiederum zwei bis drei Songs haben, die mir dann gefallen. Meine Einflüsse sind Punk, progressive Rock, Blues, Pop oder so.

Seht ihr euch als Teil dieser Szene und wenn ja, warum?

Luca: Jein. Einerseits schon, weil unsere Musik größtenteils das Publikum der schwarzen Szene anspricht. Andererseits stecke ich mich ungerne in eine gewisse Schublade. Sowohl auf die Band als auch auf mich persönlich bezogen, da ich gerne auch mal über den Tellerrand hinaus schaue.

Basti: Ich würde grob gesagt schon behaupten, dass wir Teil der schwarzen Szene sind, allerdings ist unsere Musik auch außerhalb der Szene hörbar, im Gegensatz zu dem härteren Hell-Electro oder Aggrotech-Zeugs. Zwar klingt unsere Musik eher düster als fröhlich, aber dennoch wurden wir schon mehrmals von Nicht-Szene-Angehörigen gefeiert, was mich natürlich sehr gefreut hat.

Max: Is mir egal zu welcher Szene wir gehören.

Mick: Nein, ich fühle mich generell keiner Szene gehörig. Allerdings fühle ich mich in dieser am Wohlsten.

Ich sagte es ja vorhin schonmal: Eure Musik ist zwar vorwiegend elektronisch, aber dennoch recht breit gefächert. Wie würdet ihr selbst eure Musik beschreiben?

Basti: Ich beschreibe unsere Musik immer am liebsten als Gothic-Pop, weil es das Dunkle und das poppig-elektronische relativ einfach in einem Namen vereint.

Mick: Das finde ich immer recht schwer, aber wir haben uns auf die Bezeichnung „Dark Electro Pop“ geeinigt und das fasst es ganz gut zusammen: Dunkler, elektronischer Pop.

Luca: Dunkler facettenreicher Electro Pop, der zum Tanzen einlädt.

Max: Elektronischer tanzbarer Hüpfburg-Metal-Rock-Darkpop.

Die Palette der Einflüsse ist ja recht breit. Ist man dann mit einem Bandprojekt zufrieden, oder habt ihr Nebenprojekte?

Max: Derzeit nicht.

Basti: Zufrieden ist man eigentlich nie zu 100%, es gibt, bei mir zumindest, immer noch andere Musikrichtungen, die man gerne ebenfalls machen würde. Aber für meine eigene musikalische Kreativität habe ich ein Projekt namens „Three Nil Three“, mit dem es allerdings recht schleppend voran geht, da ich nicht der fleißigste oder begabteste Songwriter bin. Dennoch füllt es ein gewisses Loch und man hat etwas, in das man sämtliche andere Ideen einbringen kann. (Es ist auch eine Single „Pull me up again“ auf dem Markt – Schleichwerbung dumdidumdidumm..) http://threenilthree.bandcamp.com

Luca: Ich habe neben Beating Signal noch mein Soloprojekt „U-Manoyed“, welches musikalisch eine ähnliche Richtung einschlägt. Da ich für dieses Projekt auch den gesanglichen Teil übernehme, ist es perfekt um mich noch zusätzlich ein wenig mehr auszuleben.

Mick: Wie auch bei Beating Signal unterstütze ich Luca für U-Manoyed sowohl auf der Bühne als auch beim Booking und Management. http://u-manoyed.bandcamp.com

Gibt es denn schon ein Album auf Platte oder CD? Oder gar mehrere? Habt ihr ein Label bzw. wo seid ihr raus gekommen?

Mick: Leider noch nicht, aber wir sind dran! Wir arbeiten zurzeit noch an unserem ersten Album, was sich leider etwas hinzieht. Die 13 Songs sind schon fertig und müssen nur noch nachproduziert werden, da manche schon 4 Jahre alt sind. Wir hoffen, damit bis zum Frühjahr 2018 fertig zu sein.

Luca: Bisher gibt es nur eine EP und eine Single. Letztere namens „Captured Life“ liegt allerdings mittlerweile bereits 3 Jahre zurück, aber ist im Internet und als CD bei uns erhältlich.

Basti: Ein Label haben wir nicht, da wir uns im Kollektiv dagegen entschieden haben. Es gäbe Zeitdruck bei der Produktion von Alben, Singles oder EPs, da Plattenfirmen immer Deadlines für Releases setzen. Und der Preis für freie Promotion ist oft sehr teuer.

Max: Ich glaube ein Album ist in Planung.

Nun führt euch euer Tourweg am 30.10.17 nach Jena. Warum ausgerechnet Jena und wie kam es zu dem Gig im Planetarium?

Basti: Wie es zu diesem Gig in Jena kam? Keine Ahnung, er war einfach da. Wie es genau dazu kam weiß ich gar nicht mehr.

Luca: Ich weiß nur dass es durchaus ein besonderer Gig in unserer Bandgeschichte wird und man diesen Event daher nicht verpassen sollte. Mick kümmert sich um das Organisatorische, der kann diese Frage vermutlich am besten beantworten.

Max: Stimmt eigentlich; warum spielen wir eigentlich in einem Planetarium Mick?

Mick: Im Grunde genommen habe ich mir im Winter 2015 vorgenommen mehrere hundert Locations anzuschreiben, die ich vorher aus jeglichen Gig-Listen von anderen Szenebands gesammelt habe. Unter den Rückmeldungen befand sich der sehr interessierte Veranstalter des Zeiss-Planetariums in Jena, welche ich anfragte, da Staubkind dort schon spielten. Nachdem wir uns letztes Jahr dann persönlich trafen kam die konkrete Planung langsam zustande, da man diese riesige Kuppel natürlich in die Show einbeziehen werde. Es wird definitiv ein unvergessliches Ereignis für uns werden. Tickets gibt es vor Ort bei der Touristeninformation in Jena und selbstverständlich auch beim Planetarium, sowie online auf deren Homepage. Als Vorband dient aus logistischen Gründen unser erwähntes Nebenprojekt U-Manoyed.

Ich weiß auch, dass hinter euch schon so etwas wie ein kleines Netzwerk an Bands steht. Wie kommt das?

Luca: Naja, man spielt halt mit anderen Bands zusammen einen Gig und kommt ins Gespräch. Da die Szene recht überschaubar ist, geht es an sich relativ schnell sich ein kleines Netzwerk auf zu bauen. Wenn man dazu noch öfter mal den ein oder anderen Auftritt hat, geht das natürlich umso schneller. Beispielsweise verstehen wir uns mit der Band „Alienare“ sehr gut und haben schon mehrere Auftritte mit ihnen zusammen gespielt.

Mick: Tim von Alienare suchte ursprünglich eine Vorband, wir sagten zu und er trat plötzlich als Vorband auf, da wir das längere Set hatten. Allein diese Großzügigkeit erlebt man viel zu selten. Das hat mich motiviert seine Band uneingeschränkt zu empfehlen; in den kommenden Jahren sollten noch weitere Bands folgen.

Basti: Aber leider macht man natürlich nicht nur positive Erfahrungen wie mit Alienare, sondern es entpuppt sich auch mal jemand im Nachhinein als Griff ins vollgeschissene Klo. Aber das lässt sich nicht vermeiden, solche Leute gibt’s immer.

War nicht auch einmal die Rede von einer kleinen Booking-Agentur?

Luca: Wir arbeiten nun schon seit einer Weile mit R.A.U. Entertainment zusammen. Dahinter steckt ein befreundeter Musiker, der sich nach und nach seine kleine Agentur aufbaut mit einem Pool aus verschiedenen Newcomer-Bands. Tolle Sache!

Mick: Richtig, Tim betreibt R.A.U. Entertainment. Mit diesem Namen organisiert er Konzerte, kleine Festivalreihen und vertreibt auf eigene Faust seine Musik. Unser Debutalbum „Time for Reality“ wird demnach auch über ihn veröffentlicht werden.

Welche Rolle spielt Kunst und Kultur in eurem Leben? Lest ihr, seht ihr euch Ausstellungen an? Seid ihr, abgesehen von der Musik, künstlerisch aktiv?

Basti: Ich gehe weder auf Kunstausstellungen, noch lese ich irgendwelche Bücher. Allerdings zeichne ich manchmal gerne für mich selber, meistens irgendwelche Motive, die ich selbst fotografiert habe.

Luca: Ich bin, wie schon bei der zweiten Frage gesagt, sehr weltoffen. Nicht nur auf Musik bezogen, sondern auf alles was irgendwie mit Kunst im Zusammenhang steht. Zwar bin ich kein Mensch der jede Woche mehrere Bücher liest oder regelmäßig Kunstausstellungen besucht, jedoch bin ich nie abgeneigt. Es kommt immer drauf an.

Mick: Weltoffenheit ist das Stichwort, ich bevorzuge keinen bestimmten Kulturkreis oder eine Kunstform. Gemälden oder abstrakter Kunst in jeglicher Form kann ich meist nichts abgewinnen, jedoch interessiert mich meist Architektur oder Lyrik. Selber schreibe ich ab und an mal ein paar kurze Texte nieder.

Max: An Kunst gefällt mir, was dahinter steckt – die Motivation. Wenn ich mich vor ein Bild stelle langweilt es mich. Wenn das Bild aber eine Story hat, die mich bewegt, dann bin ich beeindruckt von der Kunst. Ich war zum Bespiel letztens in Paris im Louvre und es war stellenweise sehr langweilig, allerdings gibt dort Werke wie „le radeau de la méduse“, das eigentlich kein schönes Gemälde ist, der Anlass des Künstler aber, dieses Bild zu malen, einen sehr mitreißenden und interessanten Hintergrund hat. Jetzt hängt es in meinem Zimmer. Also eine Kopie.

Wo und wie kann man euch buchen, falls es den mindestens tausend Leuten im Planetarium gefallen sollte und sie mehr von euch sehen wollen?

Basti: Entweder, man spricht uns nach dem Konzert in Jena direkt an und tauscht Nummern aus, oder man kontaktiert unsere Facebook-Seite um dann alles weitere zu besprechen, wo wir immer so schnell wie möglich persönlich antworten. Wir freuen uns natürlich auch immer über konstruktive Kritik.

Mick: Bei unseren Konzerten verteilen wir mehrere unserer zehntausend Aufkleber; sie dienen als Visitenkarte, auf denen steht die Adresse unserer Homepage, die alle möglichen Infos und Kontaktmöglichkeiten beinhält. Mundpropaganda und Empfehlungen bei entsprechenden Veranstaltungen sind für uns bisher auch immer hilfreich gewesen.

Max: Einfach Mick anrufen: 0176 53607465

Vielen Dank für das Interview.

Das Interview verfasste M. Kruppe; Bildnachweise: Estra Dragon / Steph Lensky.
_____________________________________________________________________________________

Jennifer Sonntag interviewt Luci van Org

Wir wollen es uns nicht nehmen lassen, an dieser Stelle auf das spannende Interview von Jennifer Sonntag mit Luci van Org im Rahmen des Sendeformats „Selbstbestimmt“ des Mitteldeutschen Rundfunks hinzuweisen, das am vergangenen Mittwoch ausgestrahlt wurde. Beide stehen mit dem „Outbird“-Netzwerk in Verbindung, von beiden empfehlen wir in unserem Onlinestore absolut lesenswerte Bücher (bitte hier und hier entlang), nicht zuletzt hatten wir unlängst erst die Freude, Luci van Org im Interview in unserem letzten „Outscapes“-Magazin #5 vorzustellen. In diesem Sinne: Zum besagten Interview folgen Sie bitte diesem Link.

Bildnachweis: Mitteldeutscher Rundfunk
_____________________________________________________________________________________

Luci van Org „Kunst inspiriert mich, wenn ich sie fühle“ [Interview Teil 2] | Outscapes #5

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #5 [Edition Outbird] erschienen. In diesem Zusammenhang verweisen wir gern auch auf die Verlosung ihres neuen, handsignierten Buches „Die Geschichten von Yggdrasil – das kleine Familienbuch der nordischen Sagen“ unter Neu-AbonnentInnen.]

Antwortteil 2 zu Frage 1:

„… Auch hinter dem ersten Lucilectric- Album stehe ich bis heute voll und ganz. Wir waren in Deutschland immerhin die erste Band, die Technobeats mit Punkrock kombiniert hat. Auf unseren Konzerten wurde Pogo getanzt. Und „Mädchen“ musste erst in Holland ein Hit werden, bis deutsche Radios sich getraut haben, es zu spielen, weil der Song – so albern das heute klingt – zu „schräg“ und zu „rebellisch“ war. Am Anfang waren Lucilectric wundervoller, lustiger Krawall, ganz nach meinem Geschmack. Dann aber hat die Plattenfirma uns durch jede noch so blöde Mainstream-TV-Show gejagt, übel in unserem 2. Album herumgepfuscht und mit heftigsten Vertragsstrafen gedroht, wenn wir uns nicht fügen. Da wurde es kurz mal schlimm. Heute würde ich in solchen Situationen nur den Mittelfinger zeigen, aber mit Anfang 20 habe ich mich von sowas leider noch beeindrucken lassen.

Immerhin haben wir es dann geschafft, die Firma zu wechseln. und mit dem dritten Lucilectric- Album „Tiefer“, von dem es ein Song damals sogar schon auf einen Gothic-Sampler geschafft hat, begann dann eigentlich bereits die Rückkehr zur Ursuppe. Allerdings erstmal ohne dass ich es gemerkt hätte. Bis zum Debütalbum von „Das Haus von Luci“, dem ersten Album, das ich komplett allein produziert habe. Da wollte ich einfach nur ein richtig tolles Album machen. Wollte der Welt und mir selbst zeigen wie ich mich anhöre, wenn ich keine Kompromisse machen muss, und ich selbst fand das Album sehr fröhlich und poppig. Für Radio, Presse und die Booker der großen Festivals war es aber „schräg“ und „düster“; und das erste Festival, auf dem „Das Haus von Luci“ dann schließlich gespielt haben, war das WGT 2004… Soviel zu dem, was aus mir rauskommt, wenn ich keine Kompromisse machen muss. Die Begeisterung und Offenheit, mit der mich das Publikum damals in der Moritzbastei empfangen hat, hat mich dann komplett überwältigt. Das war ein echtes Nach-Hause-Kommen.“

Interview Teil 2

„… Erst Ende der Neunziger hat mich ein sehr netter Journalist ermutigt, es mal mit dem Kolumnenschreiben zu versuchen, was dann so gut geklappt hat, dass ich nicht mehr aufhören konnte zu schreiben.

Was macht mehr Spaß, das Schreiben oder die Musik (fiese Frage 😉)?

Bei Fleißarbeiten macht immer das am meisten Spaß, was ich gerade nicht tue. Beim Gitarre üben oder beim Spuren editieren im Studio würde ich viel lieber was schreiben; wenn ich Romankapitel oder Drehbücher überarbeiten muss, würde ich gern viel lieber Musik machen. Aber wenn´s einfach läuft, gibt es keinen Unterschied. Dann bin ich einfach nur glücklich mit dem, was ich mache.

Was unterscheidet „Üebermutter“ von Deinem Elektroprojekt „Meystersinger“?

Viel weniger, als es zunächst scheint. Beide Projekte sind unterschiedliche Pole desselben Planeten. In beiden geht es – oft ziemlich politisch – mit ganz viel ehrlichen Emotionen um Zwischenmenschliches. Bei Üebermutter speisen sich diese Emotionen aber vor allem aus Wut und bei Meystersinger aus Mitgefühl und dem Willen zur Versöhnung. Diese beiden Extreme, zwischen denen ich in meinem Leben ständig hin- und herpendele, in einem musikalischen Kosmos zu vereinen, habe ich bisher noch nicht geschafft. Da braucht es einfach zwei Bands – mindestens…

Liegt dir eins der Projekte mehr am Herzen und wenn ja warum?

Immer das Projekt, an dem ich gerade arbeite, ist mein wichtigstes Projekt und liegt mir am meisten am Herzen. Das kann morgens ein anderes sein als mittags und nachmittags wieder ein anderes.

Kunst ist Ausdruck des Ichs…. Ganz klar. Was Kunst für dich persönlich aus der Schöpferinnensicht bedeutet, liegt bei der Fülle an Projekten die du da am Laufen hast, auf der Hand. Gibt es auch Luci van Org die Konsumentin von Kunst? Was gefällt dir persönlich, was inspiriert dich und warum?

Kunst inspiriert mich immer dann, wenn ich echte Emotion spüre. Wenn ich das Gefühl habe, dass jemand nicht nur mit irgendeiner Masche, Mode, Form oder einem vermeintlichen Gefühl kokettiert, sondern wirklich den Drang hat, mir etwas mitzuteilen. So, wie zum Beispiel bei Trey Parker, dem Schöpfer von Southpark. In so gut wie allem, was er macht, und sei es noch so schwarzhumorig, ist der gnadenlos ehrliche Wunsch nach einer besseren Welt, nach einem besseren, liebevolleren menschlichen Dasein zu spüren. Wenn ich das irgendwann mal auch nur halb so überzeugend hinkriege, führe ich ein Tänzchen auf.

Seit wann ist Kunst und Kultur (so) wichtig für dich? Wie hast du entdeckt, dass du ein Faible für Kunst und Kultur hast?

Ich habe kein Faible für Kunst ins Kultur. Ich kann einfach nichts anderes, und nichts anderes würde mich glücklich machen.

Du nutzt Namen, Erfolge und Kontakte unter anderem auch als Schirmfrau des „Bundesverbandes verwaiste Eltern und trauernde Geschwister in Deutschland e.V. (VEID.e.V.)“. Welchen Bezug hast Du zu diesem Thema?

Den der Empathie und den der Einsicht, dass es Dinge gibt, die so entsetzlich und so grausam sind, dass ich sie nicht nachempfinden kann, wenn ich sie nicht selbst erlebt habe.

Ich kann Eltern, die den Tod ihres Kindes erleiden müssen, aber zumindest ein klein wenig beim Überleben helfen, und das versuche ich. Indem ich mich, wo immer es geht, darum bemühe, die Öffentlichkeit für die Wichtigkeit der Vereinsarbeit zu sensibilisieren und – ganz profan – auch Menschen davon zu überzeugen, Geld zu spenden. Am Wichtigsten ist mir aber, Berührungsängste gegenüber betroffenen Eltern abzubauen. Zu zeigen, dass im VEID trotz – oder sogar gerade wegen – der allgegenwärtigen Trauer auch gelacht und geliebt und gefeiert und geschimpft und sich gestritten wird. Davon zu erzählen, was für bewundernswerten Menschen mit oft übermenschlichen Kräften ich dort immer wieder begegne und wie viel ich von ihnen lerne. Genau dieser Kontakt mit den Betroffenen ist auch meine größte Motivation. Ich bin so dankbar für alles, was ich von ihnen schon lernen durfte und für das große Vertrauen, das mir entgegengebracht wird.“

Das Interview führten M. Kruppe und Tristan Rosenkranz. Teil 1 des Interviews und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #5 [Edition Outbird].

Luci van Org in unserem Webstore: bitte hier entlang.

Bildnachweise: Axel Hildebrand

Jörg Mathieu „Im Spannungsfeld von Zeit und Independentkultur“ [Interview] | Outscapes #5

„Jörg, Du bist seit Jahren Herausgeber von Zeitschriften, die Nischen besetzen, bist Kulturschaffender, Veranstalter, Netzwerker und setzt neue Maßstäbe – was treibt Dich an?

Das frage ich mich selbst oft. Am Ende komme ich immer zu dem gleichen Ergebnis. Ich will meine Spuren hinterlassen, wo mir das möglich ist. Das Geld ist es ja nicht, da keine meiner Aktivitäten bisher wirklich Gewinn abwirft, auch wenn das natürlich das Fernziel ist wie wohl bei jedem Selbstständigen. Der Hauptgrund ist aber, dass ich das machen kann was mir Spaß macht und für mich diese Freiheit mehr Gewicht hat als finanzielle Sicherheit, die ja doch vergänglich ist. Schön ist es natürlich auch, Dinge zu schaffen, die andere Menschen begeistern.

Besonderes Merkmal Deiner Herausgebertätigkeit waren und sind Zeitschriften wie das „Papa-Ya-Magazin“ und das „35mm-Retro-Filmmagazin“, die einer enormen Recherche und Fachtiefe bedürfen. Im „Papa-Ya“ waren es Fachthemen zum Familien- und Väterrecht, im „35mm“ wird über den Film noir und Expressionismus im Film sowie das Kino der Weimarer Republik berichtet, auch sind Interviews mit beispielsweise Anke Wilkening, Restauratorin der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, zu finden, die die Rechte an vielen deutschen Stumm- und frühen Tonfilmen besitzt. Wie erschließt man in solchen speziellen Themenkomplexen Kontakte? Wie hoch ist der prozentuale Anteil der Recherche an der Redaktionsarbeit?

Die redaktionelle Tätigkeit ist ja immer gleich, auch die journalistische Recherchearbeit ist immer dieselbe. Egal, ob man nur ein Magazin über Anglerbedarf, über den zweiten Weltkrieg oder eben über das Familienrecht oder ein Filmmagazin zum klassischen Film macht. Die Basics habe ich ja in vielen Jahren im Beruf und in der Ausbildung dazu gelernt. Um da seine eigene Nische – oder nennen wir es Passion – zu finden, muss man ja nur das eigene Wissen zu einem bestimmten Thema abrufen. Und für all das, was man dann zu diesem bestimmten Thema eben nicht weiß, muss man sich Mitstreiter und Experten suchen, die die eigenen Lücken schließen können. Es ist also kein Hexenwerk ein Magazin herauszugeben. Kennt man mich dann auch noch persönlich, dann liegt es auf der Hand, warum es in meinem Fall diese beiden Magazine sind. Ich würde auch gerne noch eine Magazin zur Indie-Kultur und –Musik herausbringen, aber da scheint mir die Konkurrenz zu stark zu sein.

Ist die frühe Filmkultur ein wiederkehrendes Thema, kann man von einem wachsenden Interesse dafür auch bei jüngeren Generationen sprechen? Oder geht es Dir und Deiner Redaktion in erster Linie ums Bewahren?

Beides würde ich sagen. Vor allem junge Filmwissenschaftler lernen schnell, dass es nicht ohne Kenntnisse über das frühe Kino geht, wenn man ernsthaft im Bereich des modernen Films arbeiten möchte. Hier baut alles aufeinander auf, und wiederholt sich auch alle paar Jahrzehnte. Das zeigen ja sowohl offensichtliche Remakes wie auch versteckte Zitate historischer Vorbilder, die die meisten Filmliebhaber leider all zu oft übersehen. Film verstehen heißt also für uns auch, seine Geschichte zu entdecken und zu begreifen. Und letztendlich geht es uns auch um das Filmerbe, dessen Erhalt und dessen Beachtung. Je mehr es uns gelingt hier ein breiteres Bewusstsein zu schaffen, desto mehr wir auch der Markt darauf reagieren, und desto mehr werden auch die Studios und die Label auf die wachsende Nachfrage reagieren.

Wie sieht es bei der Kinolandschaft aus, gibt es eine nennenswerte oder gar wachsende Zahl von Lichtspielhäusern, die alte Filme anbieten?

Ich glaube, dass große Kinosterben ist jetzt an seinem Ende angekommen. Da sich die Sehgewohnheiten und die Zielgruppen verschoben und stark verändert haben, bemerken wir, dass immer mehr Enthusiasten des klassischen Kinos sich selbst kleine Orte – man könnte sie „Schachtelkinos“ nennen – schaffen. Die freie Kulturszene generiert sich zusehends selbst ihre Räume für Kino, wie sie es sich vorstellen. Man will dabei unabhängig und frei entscheiden können, welches Programm gezeigt wird. Das darf man nichts als Konkurrenz zum Mainstream- und Großraumkino sehen, sondern als notwendiges Befriedigen einer vorhandenen Nachfrage nach dem Nischen- und Arthaus-Kino.

Als Veranstalter zeichnest Du in diesem Zusammenhang für das „Cinefonie“-Festival verantwortlich, dass dieses Jahr zum dritten Mal in Deiner Heimatstadt Saarbrücken stattfindet. Was genau kann Mensch sich darunter vorstellen?

Das ist recht einfach zu erklären. „Cine“ kommt von Cinema, und „Fonie“ kommt von Sinfonie. Der Begriff „CINEFONIE“ fasst somit zusammen, was den Besucher auf dem Festival erwartet. Es gibt immer Filme, und es gibt immer Live-Musik. Eine Sinfonie aus Bild und Ton, wenn man so will. Der 3. CINEFONIE-TAG 2017 bietet audiovisuell die Symbiose zwischen früher Filmästhetik und cybermodernen Klangwelten, wie man sie nur selten in der Kulturlandschaft zu sehen bekommt. In diesem Sinne haben wir das LineUp zusammengestellt und die Künstler darum gebeten, ihre Sets speziell für diesen Tag dem Festival anzupassen. Wir werden also einige Premieren und exklusive Auftritte erleben, die es so nur bei uns zu sehen und zu hören geben wird.

Aus wirtschaftlicher, aber auch emotionaler Perspektive gefragt: funktioniert das Festival, wird es gut angenommen? Was nehmen die BesucherInnen mit?

Das kann man nicht pauschal beantworten. Auf emotionaler Ebene ist das Festival für mich als Veranstalter dann ein Erfolg, wenn Künstler und Besucher und auch das Team einen schönen und unvergesslichen Tag hatten, mehr kann man da nicht erwarten. Wirtschaftlich braucht es bei einer Veranstaltungsreihe, viel Geduld und Jahre des beharrlichen Aufbaus. Ich gehe die ersten 4-5 Editionen also nicht mit der Erwartung heran, dass das Festival Gewinn einfährt. Wenn wir am Ende unsere Kosten wieder drin haben, ist auch das für mich bereits ein Erfolg. Dinge die mich finanziell ruinieren würden, würde ich kein zweites Mal machen. Was die Besucher mitnehmen müsste man sie selbst fragen. Da wir das Programm jedes Jahr stark verändern, ist es auch immer ein völlig anderes Publikum. Man kann also nicht abschätzen, ob die Leute kommen, weil es ihnen im Jahr zuvor gut gefallen hat. Da die Besucherzahlen aber jedes Jahr steigen, scheinen wir irgendwas richtig zu machen.

2016 war Schwerpunkt des Festivals eine Vincent-Price-Retrospektive, wer war Vincent Price und was hat es mit der Vincent-Price-Legacy-Familie auf sich, aus der ein weltweites Netzwerk entstehen soll und dessen Deutschlandvertreter Du bist?

Vincent Price war ein amerikanischer Schauspieler, den ich persönlich sehr verehre. 2016 habe ich deshalb seine Tochter Victoria zum 2. CINEFONIE-TAG nach Deutschland eingeladen um das Festival zu bereichern. Sie brachte dann den Vertreter der Vincent-Price-Legacy-England mit nach Saarbrücken. In einem persönlichen Gespräch bat man mich dann das für Deutschland zu übernehmen und 2018 eine erste Veranstaltung dazu zu leiten. Dieses Angebot habe ich angenommen und das Projekt ist in der Planungsphase. Wir werden sehen, wohin sich das noch entwickelt.

Eine deiner Passionen ist eine Veranstaltungsagentur für Independentmusik und im Zuge dessen die Mitgliedschaft im PopRat-Saarland. Verstehst Du Dich in dieser Funktion eher als Botschafter oder vielmehr als Koordinator für Festivals und kleinere Musikveranstaltungen? Was ist und macht der PopRat-Saarland?

Ja, das ist ein ganz frisches Projekt, das noch im Geburtskanal schlummert. Das INDIERA SOUND & ART-FESTIVAL ist eines von insgesamt acht Konzepten, dass ich dem PopRat-Saarland vorgeschlagen habe und über das dieser Ende August entscheiden will. Zu diesem Zweck gibt es dazu die Promotion-Agentur INDIERA PROMO. Auch hier werde ich als Projektleiter und Veranstalter fungieren. Dieses neue Musik- und Kulturfestival im Bereich Indie- und Alternative-Musik soll in seinem jährlichen Modus zu einem Multivenue-/ Multistage-Festival heranwachsen. Der PopRat-Saarland ist ein Verein, indem sich Kulturschaffende, Künstler und andere Akteure der saarländischen Popkultur zusammen geschlossen haben. Seine Aufgabe ist es, das Saarland zum „Home of Pop“ zu machen – das kulturelle Herz Europas könnte man sagen. Ein großes Vorhaben und ich bin sehr stolz, ein Teil dieses Vorhabens zu sein.

Was zeichnet aus alternativkultureller Sicht das Saarland und / oder Saarbrücken aus? Und, aus entfernterer Perspektive gefragt, wie schätzt Du die derzeitigen Chancen und Risiken der insbesondere deutschen Independentmusikkultur ein?

Dem Saarland und seiner Landeshauptstadt kommt eine besondere Rolle zu. Zuerst wäre da die Lage in einem Dreiländereck (Frankreich/Luxemburg/Deutschland) zu nennen. Wir sind also von Haus aus international und vor allem französisch geprägt. Das hat aus meiner Sicht nur Vorteile. So kann in meiner Heimat Kultur entstehen, die sich gleich aus mehreren nationalen und internationalen Einflüssen befruchten kann. Uns unterscheidet natürlich auch die eigenständige Geschichte von anderen Bundesländern. Oder weiß man im Rest der Republik wirklich, dass das Saarland mal ein eigenes Land war, eine Nationalmannschaft hatte, ein eigenes Olympia-Team, eine eigene Flagge und eigenes Geld hatte? Das Saarland und seine Bevölkerung ist also im Grunde schon selbst „alternative Kultur“.

Als Musikfan, der gerade die Independent-Kultur seit den frühen 80er Jahren im Blick hat, habe ich natürlich auch immer die deutsche Szene dazu beobachtet. Leider haben wir heute keine Kaliber wie Kraftwerk oder die Einstürzende Neubauten mehr, die auch international große Reputation erfahren (von Rammstein und den Toten Hosen mal abgesehen). Dennoch sind wir seit vielen Jahren weltweit in der Gothic-Kultur gegenüber anderen Ländern weit vorne. Das zeigen Festivals wie das WGT und Mera Luna, auf die über 20.000 Besucher aus der ganzen Welt kommen. Das ist in der Größenordnung sonst nicht mehr zu finden. Selbst die Briten haben in dieser Szene längst nicht mehr diesen Zulauf. Dafür hängt der Rest von Europa uns aber im Indie-Bereich meilenweit ab. Selbst unsere direkten Nachbarn wie Belgien, Frankreich und Spanien bringen immer wieder neue Bands hervor, die den Zeitgeist einfach besser umsetzen können und unter dem gerade blühenden Hipster-Trend eine schnell wachsende Fanbase aufbauen können. Dieses Glück ist der deutschen Indie-Szene leider nicht beschieden. Selbst wenn der Markt sich auch in Deutschland Richtung Internet verlagert hat, geht es hier nicht ohne GEMA und Masterlabel, wenn man von der Musik auch einigermaßen leben will. Ich habe das Gefühl, dass deutsche Acts, selbst wenn sie sich international aufstellen und englisch singen, es immer noch sehr schwer haben, z.B. auf Festivals im Ausland gebucht zu werden.

Was waren bzw. sind Deine musikalischen Wurzeln?

Zu meinem großen Glück habe ich drei ältere Geschwister, die alle auch in ihrer Jugend völlig unterschiedliche Musik gehört haben. Ich wurde also schon sehr früh mit allem Möglichen aus den 70er-Jahren beschallt, und da blieb einiges hängen. Altersbedingt bin ich natürlich ein NDW-Kind, aber auch schon da waren es eher Bands wie Grauzone, Fehlfarben und DAF als Nena und Markus. Mit 14 war ich dann in meiner kleinen Provinz einer von drei „New Wave“-Vertretern, mit allem was dazu gehörte. Um da auf Gleichgesinnte zu treffen mussten wir schon 20 Kilometer zur nächsten Disco fahren. Besonders geprägt haben mich dann Depeche Mode, The Cure, Bauhaus, The Sisters of Mercy, Nick Cave, aber auch viel, heute völlig vergessene Bands wie Die Erde, Cyan Revue oder einige die schon damals eher Underground waren. Anfang der 90er wurde mir die Szene zu pubertär, oder ich bin einfach raus gewachsen, keine Ahnung. Für die nächsten Jahre war ich dann in der Psychobilly-Szene verwachsen. Heute ist es eher allgemein Indie- und Alternative Musik, die mich begeistert. Zu meinen Helden aus der Jugend gehe ich aber noch heute zu den Konzerten.

Eine letzte Frage: wo nimmst Du die Energie für diese umfassenden Tätigkeiten her? Was verschafft Dir Ruhepol und Ausgleich?

Ich finde es einfach extrem spannend, am Puls der Zeit zu leben und zu beobachten wie sich gegenwärtige Jugendkultur entwickelt. Wenn es mir dann auch noch gelingt sogar weiterhin ein Teil davon zu sein, selbst mit fast 50, dann hält mich das jung und fit, auch wenn mein Körper mir selbst schon längst andere Signale gibt. Ich bleibe dann einfach nicht mehr auf Konzerten bis die Kehrmaschine kommt, und stehe auch nicht mehr mit dem Fotoapparat in der ersten Reihe, und die Lautstärke zu Hause ruft nicht mehr die Nachbarn auf den Plan, aber ich bin musikalisch auf der Höhe und verfolge sehr genau, was gerade angesagt ist, und wohin sich Trends entwickeln. Um ehrlich zu sein, sind es diese Aktivitäten und meine Arbeit, die für mich den Ausgleich bieten – der Ruhepol ist meine Beziehung. Kultur ist für mich eine Insel, eine Oase, Realitätsflucht und Ablenkung. Hätte ich nicht die Kultur, würde mich das Leben völlig überfordern.“

Das Interview führte Tristan Rosenkranz. Es erschien ebenfalls in der Printausgabe des „Outscapes“-Magazins #5 [Edition Outbird].

Die „35mm Retro-Filmmagazine“ in unserem Webstore: bitte hier entlang.

Bildnachweise: Alex Wolfanger, Jörg Mathieu

Anne Liebenau „Kunst als Spiegel der Psyche“ [Interview Teil 2] | Outscapes #5

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #5 [Edition Outbird] erschienen.]

„…Und wo wir schon beim Handwerk sind: Wie bist Du denn auf die Idee mit dem Steampunk-Upcycling gekommen?

Das sind alles Sachen, die mich glücklich machen: alte Uhrwerke, die noch rasselnd ablaufen, Spieluhren und überhaupt die Geräusche von Mechanik. Abgenutztes Spielzeug oder aufgelesene Steine – ich nehme Dinge gern in die Hand und auch sie lassen mich dann nicht mehr los und fügen sich irgendwann wie von selbst neu zusammen.

Zu guter Letzt: Gibt es einen Menschen, eine Persönlichkeit, die Du so faszinierend findest, und unbedingt einmal vor Deine Kamera bekommen möchtest? Und hast Du einen künstlerischen Helden, dessen Arbeiten Du besonders bewunderst?

Ja, ganz ehrlich sehe ich mich selbst als Gesamtkunstwerk und bin sehr auf die Vollkommenheit gespannt! Jeder Künstler ist doch irgendwie sein eigener Held…“

Das Interview führte Hanna-Linn Hava. Teil 1 des Interviews und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #5 [Edition Outbird].

Bildnachweise: Anne + Felix Liebenau