Tobias Gellscheid | Zwischen Lebenskunst und Popkultur

0-tobias-gellscheidIm September 2016 war ich, zusammen mit meinem Freund und Kollegen Benjamin Schmidt auf Sex & Drugs & LiteraTour. Unser Weg führte uns quer durch die Republik und Halle/Saale war Station Nummer zwei.

Die Lesung selbst organisierte ein in Halle lebender Künstler, den ich seit vielen Jahren kenne, denn wir wuchsen beide in der selben Region Thürigens auf, er hauptsächlich in Neustadt an der Orla, ich in Pößneck, unweit der inoffiziellen Luther- und Cranach-Stadt. Und beide hatten wir Wurzeln im Punkrock zum Einen, in der schwarzen Szene zum Anderen, und also lief man sich irgendwann über den Weg, befreundete sich und verlor sich, auch das war Mitte/Ende der Neunziger nicht anders als jetzt, aus den Augen. Wer etwas aus sich machen wollte, konnte auf keinen Fall in der thüringischen Enklave bleiben. Und Tobias Gellscheid hatte damals schon nicht nur Talent, sondern eine seltsame, innere Unruhe, an der sich auch heute noch nicht viel geändert hat.

Man muss sich anfangs anstrengen, ihm folgen zu können wenn er redet, denn seine Sprachgeschwindigkeit gleicht einem Wettlauf der Worte, die alle auf einmal seinen Kopf verlassen wollen, so scheints, weil in diesem eine so hohe Bewegung herrscht, eine Masse an Ideen und Projekten, an Ausdrucksweisen und Bestrebungen, dass es den Eindruck macht, es läge ein enormer Druck im Gellscheidschen Hirn, dem standzuhalten er selbst einst Schwierigkeiten haben muss. Dem aber ist nicht so, denn abgesehen von eben jener Sprachgeschwindigkeit ist der meist schwarz gekleidete Mittdreißiger ein lässiger Typ. Ein Basecap auf dem Kopf, das sein schütteres Haar bedeckt und an eine dieser Lokführermützen aus längst vergangenen Tagen erinnert, das schwarze Hemd mit der Borde auf der rechten Seite leger aufgeknöpft, so dass man das Amulett an seinem Hals sehen kann. Die engen schwarzen Jeans enden in Halbstiefeln, ähnlich solchen aus den Fünfziger Jahren, die von den jungen wilden Rock’n’Rollern getragen wurden. Im Gesamten also ein typischer Künstler, wie es sie zu Hauf im Westberlin der Achtziger gab. Wüsste man nicht, dass Tobias Gellscheid goldene Hände hat, man könnte ihn für einen Musiker halten, der sich mit psychedelischer Rockmusik ein Zubrot verdient.

5Am Abend unserer Lesung, die der Leipziger Krimi-Autor und ebenfalls Outbirdler David Gray als Special Guest begleitet, sehe ich Tobias seit Langem wieder und freue mich, mit ihm endlich mal wieder ein paar Worte wechseln zu können. Auch hat er uns für den nächsten Tag in sein Atelier eingeladen, denn natürlich will ich die Gelegenheit nutzen, ihn fürs Outscapes-Magazin zu interviewen.

Seit er im Jahr 2000 die Heimat verließ, um in Flensburg eine Ausbildung zum Holzbildhauer zu absolvieren, verloren wir uns ein wenig aus den Augen. Die meisten Kreativen Menschen verließen das neckische Ostthüringen, denn auch, wenn kulturell so manches versucht wurde und wird hier in der Region, so ist es doch stets Kultur für die Alten, was an dieser Stelle zunächst nicht negativ behaftet sein soll, aber es fehlt und fehlte eben an Möglichkeiten, für junge, rebellische und subversive Künstler, sich verwirklichen zu können.
Die Ausbildung schloss Gellscheid 2003 als Landessieger Schleswig Holstein ab. Dann tingelte er durch halb Europa, arbeitete als freier Bildhauer in Tirol, also Restaurator auf einem Schloss in Trockenborn-Wolfersdorf (nahe Jena), bis er 2009 an der renommierten Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle/Saale anerkannt wurde und dort sein Kunststudium begann. Um neben dem Studium Geld zu verdienen, arbeitet der agile Künstler seit 2011 als künstlerischer Mitarbeiter im Landesamt für Denkmalpflege & Archäologie, Halle/Saale. Mit einem Erasmus Stipendium verschlug es ihn dann im Jahr 2013 für ein Semester nach Lettland, wo er an der Art Academy of Latvia in Riga studierte. Im letzten Jahr schloss Gellscheid dann seine Studienzeit mit einem Diplom bei Prof. Thomas Rug, Kunsthochschule Burg Giebichenstein, ab und arbeitet seither als freier Künstler und Mitarbeiter des oben schon erwähnten Landesamtes.

Am Tag nach der Lesung treffen wir uns in einem gemütlichen veganen Café zum Frühstück. Anschließend machen wir uns auf durch den herbstlichen Nieselregen, der vom grauen Himmel eher wie ein feuchter Nebel herabgleitet, hin zum Hallenser Volkspark, einem Veranstaltungsgebäude, das 1906 von der SPD als Vereinshaus errichtet wurde. Hier wurde, berichtet Gellscheid, der so genannte Kleine Trompeter erschossen. Mir klingelt es, ich erinnere mich an die alte DDR-Musikunterricht-Erziehung und an das Lied des kleinen Trompeters. Fritz Weineck hieß er und ich lese später bei Wikipedia, dass er im Tumult um die Auflösung einer Wahlveranstaltung der KPD erschossen wurde. Halle sei, wie auch Bitterfeld, „eine ganz rote Stadt“ gewesen, sagt Gellscheid und glänzt mit einem durchaus respektablen Vortrag zur jüngeren Geschichte der Stadt in Sachsen Anhalt.
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Wir kommen an ein Nebengebäude des Volksparkes im Schleifenweg, das an ein Verwaltungsgebäude aus den Fünfzigern erinnert, ein befensterter Betonklotz, drei Stockwerke, der graubraune Putz blättert in Fetzen von der Fassade. Tobias hält inne, wirkt hektisch bei der Suche nach dem Schlüssel und meint, dass es sein kann, dass wir durchs Fenster einsteigen müssen, er habe den Schlüssel wohl zu Hause liegen lassen. Gut, dass sein Atelier im Parterre liegt und er, vorsorglich und unter Anwendung eines „kleinen Tricks“ wie er sagt, das Fenster oftmals so offen lässt, dass es „zwar zu aussieht, man aber trotzdem reinkommt“. Er lächelt und meint, dass er aber erstmal den normalen Weg versuche. Wir gehen um das Genäude zum Haupteingang, wo glücklicherweise gerade eine Putzfrau zugange ist. Wir kommen also rein ohne die Einbrecher mimen zu müssen.

Drinnen riecht es förmlich nach DDR. Abgestanden, etwas modrig auch, metallisch und schmutzig. Optisch passt sich das Bild dem Geruch an. Wir gehen einen Korridor entlang und stehen vor der Ateliertür. Drinnen Chaos. So stelle ich mir Ateliers vor. Zu unserer Rechten stapeln sich Sessel vor einem Schreibtisch, auf dem allerlei Kleinkram liegt. Farben, Notizen, Tassen, Messer, Stifte… alles, was man eben braucht. Der hintere Teil, der wohl der eigentliche Arbeitsbereich ist, ist abgetrennt von einem schulterhohen Schrank, in welchem sich einige Arbeiten und Probedrucke des Künstlers befinden. Es sieht gemütlich aus, chaotisch unordentlich, aber gemütlich.

Ich setzen uns und ich beginne, Tobias Gellscheid ein paar Fragen zu stellen: Tobias, wie ist das mit dir und der Kunst. Wie und wann kam es dazu, dass du dich auf diesem weg auszudrücken versuchst?

9Kunst war schon immer mein Ding. Schon damals in der Schule hab ich all meine Hefte vollgemalt. Das war halt eher so Saukram. Es kamen sogar Schulfreunde und baten mich, ihnen auch ein paar dieser Titten in ihre Hefte zu zeichnen. Irgendwann hat es mir dann in Thüringen gereicht. Diese trübe Bauarbeitermentalität, die so rabiat und roh ist, hat mich da mehr oder weniger verjagt. Da wirst du, wenn du auch nur bisschen feingeistiger bist, einfach nicht akzeptiert. Durch Kumpels wie den Bildhauer und Weltreisenden Johannes Foetzsch (Anm. d. V.: Outbird wird noch berichten) und einige Andere kam ich dann über Umwege hier her zum Kunststudium.

Was machst du momentan? Woran arbeteites du, womit verdienst du dein Geld?

Naja, wie schon gesagt, bin ich künstlerischer Mitarbeiter des Landesamtes für Denkmalpflege in Halle. Aktuell also arbeite ich im Museum für Vorgeschichte und mache dort Zeichnungen von Exponaten und Funden. Aber ich will schon wieder mehr künstlerisch arbeiten in Zukunft. Natürlich verdiene ich auch hin und wieder Geld mit Verkäufen meiner Arbeiten. Meist auf Ausstellungen.

Was bezahlt man denn für deine Arbeiten so im Schnitt?

Also für Drucke und Holzstiche meiner Beatles-Serie bist du schon mal mit bis zu 550 Euro dabei.

„Beatles-Serie“ sagst du. Was bedeutet das genau?

Die Beatles sind seit langem ein großer Inspirant für mich und meine Arbeit. In meiner Kunst geht es viel um Popkultur und die Beatles sind so ziemlich DER Archetyp dafür. Zum Teil ein bisschen dümmlich naiv und das füttert ja die infantile Fankultur. Das Ganze bricht sich also in manchen Momenten ganz komisch. Hier liegt mein Fokus. In der Wahrnehmung der „Idole“. In der Verherrlichung von Popstars, die zuweilen wie Ikonen verehrt werden.

Gibt es noch andere Einflussgeber, also Künstler, die dich inspirieren bzw ohne die du nicht da sein würdest, wo du jetzt bist?

Klar gibt’s da einige. Zum Einen inspirieren mich meine Kommilitonen. Um ein paar bekannte Namen von großartigen Künstlern zu nennen: Klinger, Böcklin, Kollwitz, Goya und auch Kubin dürfen da nicht fehlen.

Gibt es eine Art Fahrplan für deine Zukunft, hast du Visionen, was deine Arbeit angeht?

(Lacht) Ich glaube, es war Helmut Schmidt, der sagte: Wer Visionen hat, der soll zum Arzt gehen! … Nein im Ernst. Ich willl natürlich weiter Kunst machen. Umsteigen von meinen Arbeiten an der Popkultur und mich mehr auf Landschaften und Stillleben konzentrieren.

Wieviele Stunden am Tag sitzt du eigentlich hier und arbeitest?

Naja, das kommt drauf an, aber im Mindesten vier Stunden täglich. Mehr geht zur Zeit nicht, weil ich ja meinen Brotjob noch habe.

Das gekürzte Feature und vieles mehr: in unserer Printausgabe Nr. 2 vom Dezember 2016.
Verfasser:
M. Kruppe
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Bildnachweis: M. Kruppe.

Zur Website vom Tobias Gellscheid: bitte hier entlang.