Anne Liebenau „Kunst als Spiegel der Psyche“ [Interview Teil 2] | Outscapes #5

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #5 [Edition Outbird] erschienen.]

„…Und wo wir schon beim Handwerk sind: Wie bist Du denn auf die Idee mit dem Steampunk-Upcycling gekommen?

Das sind alles Sachen, die mich glücklich machen: alte Uhrwerke, die noch rasselnd ablaufen, Spieluhren und überhaupt die Geräusche von Mechanik. Abgenutztes Spielzeug oder aufgelesene Steine – ich nehme Dinge gern in die Hand und auch sie lassen mich dann nicht mehr los und fügen sich irgendwann wie von selbst neu zusammen.

Zu guter Letzt: Gibt es einen Menschen, eine Persönlichkeit, die Du so faszinierend findest, und unbedingt einmal vor Deine Kamera bekommen möchtest? Und hast Du einen künstlerischen Helden, dessen Arbeiten Du besonders bewunderst?

Ja, ganz ehrlich sehe ich mich selbst als Gesamtkunstwerk und bin sehr auf die Vollkommenheit gespannt! Jeder Künstler ist doch irgendwie sein eigener Held…“

Das Interview führte Hanna-Linn Hava. Teil 1 des Interviews und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #5 [Edition Outbird].

Bildnachweise: Anne + Felix Liebenau

Hanna-Linn Hava | Märchenhaft morbide

autorenweltprofilFrau Havas Roman „Schneewittchens Geister“ ist ein sehr vergnügliches Fantasy-Spektakel, in dem sich diverse uns wohlbekannte Märchenfiguren in einer modernen Welt unter anderem mit Auftragsmördern und Gewichtsproblemen herumschlagen müssen.
Widersprüchliche Biografien erklären die Autorin einerseits als Würth-Literaturpreisträgerin, andererseits behaupten sie, dass sie bei einem Biss von einem genmanipulierten Tagpfauenauge mit einem unheilbaren Überschuss an Fantasie infiziert worden sei. In einem Gespräch mit Franziska Dreke äußert sich Hanna-Linn Hava zu diesen schillernden Seiten ihres Lebenslaufes, erklärt, warum Märchen nach wie vor in sind und mit welchen ihrer Charaktere sie gern mal einen Kaffee trinken würde.

„Schneewittchens Geister“ spielt mit den Genres und Klischees, in die man Literatur einordnet und an dem sich Leser ja auch orientieren. Wie würdest Du einem Interessierten helfen, ohne allzuviel von der Geschichte zu verraten?

Wie bestimmt viele Autoren hatte ich die Absicht, ein Buch zu schreiben, welches ich selbst vergnüglich lesen würde. Und da mich nichts mehr langweilt als vorhersehbare Charaktere und allzu einfache Genre-Zuordnungen, vermeide ich diese. Hingegen faszinieren mich abseitige Persönlichkeiten; von denen packe ich deswegen gleich eine ganze Menge in die Geschichte. Und weil die Protagonisten so bunt sind, spielt die Handlung in Dunkelheit und Schnee. Kurz zusammengefasst: Sonderbare Leute (von denen einige keine Leute sind) treffen in düsterer Kulisse aufeinander. Und dann passiert eine ganze Menge.

Kann man dein Buch vielleicht auch als ein modernes Märchen verstehen? Schließlich geht es immer noch um den alten Kampf zwischen Gut und Böse …

Gut und Böse sind in “Schneewittchens Geister” weniger schwarz und weiß gezeichnet, und auch die Protagonisten sind nicht gerade die klassischen Vertreter der dunklen oder hellen Seite. Vor allem die Prinzessinnen müssen sich größtenteils ohne Hilfe der obligatorischen Prinzen herumschlagen – wobei „herumschlagen“ ganz wörtlich gemeint ist. Und wer sagt eigentlich, dass auch das Ur-Schneewittchen nicht ab und zu Selbstmord in Betracht gezogen hat, bei dem schrecklichen Schicksal! Aber so verändern sich eben die Zeiten, und die Märchen verändern sich mit ihnen…

Haben Märchen heutzutage überhaupt noch eine Bedeutung?

Haben sie, eine wichtige Bedeutung sogar. Für Kinder sind die klassischen Märchen mit Sicherheit immer noch eine Bereicherung. Ich habe ihnen früher selbst begeistert gelauscht, wenn sie uns vorgelesen wurden (mein Lieblingsmärchen war „Jorinde und Joringel“), und ich habe sie später nicht minder begeisterten Kindern erzählt. Und anscheinend besteht nach wie vor eine Sehnsucht nach Geschichten – in den letzten Jahren vermehrt nach jenen, in denen Magie und Mythen zum Leben erweckt werden. Vermutlich genau deswegen, weil die Menschen einen Ausgleich zu ihren entzauberten, technikdominierten Leben brauchen. Und sind nicht alle Geschichten irgendwo und irgendwie Märchen?

Wahrscheinlich schon. Was „Schneewittchens Geister“ betrifft: ist das Buch nun eher ein modernes Märchen für Erwachsene oder eine Märchen-Persiflage, die mit den gängigen Weichspülelementen des klassischen Märchens bricht und diese durch explizit blutige Schockmomente ad absurdum führt?

Definitiv: beides! Wobei ich sofort anmerken möchte, dass die alten Volksmärchen selbst recht brutal daherkommen; weichgespült wurden sie ja erst durch diese bekannten Zeichentrickversionen, in denen alle singen. In den Märchenbüchern wird munter Blut vergossen und gestorben, es gibt brachiale Strafen für die Bösen und dramatische Prüfungen für die Guten. Insofern verfolge ich eigentlich nur brav die Tradition, wenn ich nicht zimperlich mit meinen Protagonisten umgehe. Womit ich aber tatsächlich und bewusst breche, ist die oft zu simple Moral. Moral ist inzwischen etwas hochkomplexes; unsere Gesellschaft ist mittlerweile ausgezeichnet informiert und gebildet, was bedeutet, dass wir auch komplexe Lösungen für Konflikte verstehen und verdienen.

gruenerkaefer-1024x724Eine weiße, perfekt gestylte Hexe, ein aalglatter und charismatischer Auftragskiller, ein geistesgestörter Prinz mit einem blutigen Hobby – im „Schneewittchen“ treiben sich eine Menge komischer Gestalten herum. Hast du eine Lieblingsfigur oder eine, in der vielleicht auch etwas von dir selbst steckt?

Möglicherweise ist jede Figur ein kleiner Aspekt meiner Persönlichkeit. Vielleicht bin ich insgeheim so zutiefst sarkastisch wie der Killer, aber zu nett, um das auszuleben. Vielleicht kompensiere ich meine eigenen Anwandlungen von Lebensmüdigkeit über mein suizidales Schneewittchen. Vielleicht auch nicht. Jedenfalls habe ich zu jedem einzelnen Charakter während des Schreibens eine innige Beziehung entwickelt, sogar zu den Ghulen. Aber ich würde mit keinem einzigen von ihnen zusammenleben wollen. Wenn man mich zwingen würde, zu wählen, würde ich sagen: Okay, mit den Prinzessinnen gehe ich gern mal einen Kaffee trinken. Und die weiße Hexe könnte mir Make-Up-Tipps geben. Das nächste Mal engagiere ich weniger kapriziöse Charaktere!

Wie hast du die Arbeit am „Schneewittchen” im Gegensatz zu der an deinem Gedichtband „Trotzigschön“, der im letzten Jahr errschien, empfunden? Gab es da Unterschiede?

Vom Typ her gehöre ich zu den impulsiven Spontankreativen, das heißt, wenn mich die Inspiration ruft, dann folge ich und arbeite völlig versunken stundenlang an was auch immer, bis es eben fertig ist. Das funktioniert mit Zeichnungen, mit Gedichten, ja, sogar mit Kurzgeschichten und Gemälden. Mit einem Roman funktioniert das nicht. „Schneewittchens Geister“ war in vielerlei Hinsicht das anstrengendste, was ich jemals produziert habe. Ich musste eine Handlung konstruieren, an der ich ganze zwei Jahre gefeilt habe. Ich hatte eine Vielzahl von Persönlichkeiten zu managen. Und es gab immer wieder Stellen, an denen ich enorme Probleme hatte, weiterzuschreiben. Bei einem Bild hätte ich alles wieder übermalt und noch mal neu angefangen. Hier musste ich mich durch die Durststrecken quälen. Dieser erste Roman hat mich also einiges an Nerven gekostet und einiges gelehrt: Disziplin, zum Beispiel. Geduld. Die frühen Morgenstunden zu nutzen. Alles Tugenden, die ich früher belächelt hätte.

Neben dem Schreiben malst und synchronsprichst du auch noch – wie vereinbarst du das alles miteinander im Alltag, und was ist eigentlich dein Hauptberuf?

Mein Alltag besteht aus all diesen kreativen Tätigkeiten, wahrscheinlich handelt es sich dabei darum nicht um einen Alltag im herkömmlichen Sinn. So gesehen ist die Kreativität mein Hauptberuf. Wie das so genau funktioniert, weiß ich auch nicht. Manchmal muss ich mir einen Groschen dazuverdienen, indem ich Babysitter für den Nachwuchs der benachbarten Warzengnome spiele. Die gute Bezahlung entschädigt für die Bisswunden, außerdem habe ich oft Zeit, zu schreiben, während die kleinen Biester schlafen.

Apropos Warzengnome: Wie erklärst du dir eigentlich, dass zwei sich völlig widersprechende Biografien von dir existieren? Und wie kamst du nach deinem Wanderzirkus-Leben, dem Züchten von Seegurken und Oxymoronen und dem Café für Geister ausgerechnet auf die Idee, Bücher zu schreiben?

Die eine Biografie ist natürlich frei erfunden, nämlich die, in der ich behaupte, in Stuttgart geboren zu sein und Freie Malerei studiert zu haben. Aber nachdem ich herausfand, dass sowohl die Kunst der Irrlichterjonglage als auch Gespräche mit Yetis im Lebenslauf nur zu irritierten Fragen führen, musste ich mir einen ausdenken, der mehr den gesellschaftlichen Normen entspricht. Nun ist meine wahre Vergangenheit also wieder ans Licht gekommen… Wenn man diese kennt, ist es aber doch nicht verwunderlich, wenn ich mich inzwischen nach etwas Ruhe und Abgeschiedenheit sehne, um aus meinem reichen Erfahrungsschatz schöpfend Geschichten zu Papier zu bringen. Ich kann aber zukünftige Leser beruhigen: Das Kapitel über die Seegurkenzucht werde ich nie einfließen lassen, das ist dann doch zu unappetitlich.

Das lässt zukünftige „Schneewittchen-Fans“ sicherlich beruhigt aufatmen. Planst du weitere literarische Projekte mit Periplaneta, ja sogar vielleicht neue Abenteuer um die Schneewittchen-Clique?

Ich hoffe selbstverständlich, dass dieser Roman nur der erste von vielen sein wird! Ideen hätte ich für mindestens eintausendundeine Geschichte; die praktische Umsetzung ist ein anderes Kapitel. Momentan arbeite ich bereits beinahe ausreichend diszipliniert an einem zweiten Manuskript, das aber mit „Schneewittchen“ so gar nichts zu tun hat. Dafür war ich einfach zu erleichtert, als ich diese ganzen Verrückten endlich alle so weit hatte, sich mit einem abgeschlossenen Ende zufrieden zu geben. Allerdings ist mir natürlich bewusst, dass ich nicht zu allen von ihnen fair war und die eine oder der andere eine Zukunft verdient hat. Tatsächlich besteht bereits schon länger eine grobe Handlung für eine Fortsetzung…

Wie vielversprechend! Liebe Hanna-Linn Hava, vielen Dank für das Interview.

Das gekürzte Interview und vieles mehr: in unserer Printausgabe Nr. 2 vom Dezember 2016 (mit freundlicher Genehmigung des Periplaneta Verlages).
Verfasserin:
Franziska Dreke
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Bildnachweis: Hanna-Linn Hava.

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Tobias Gellscheid | Zwischen Lebenskunst und Popkultur

0-tobias-gellscheidIm September 2016 war ich, zusammen mit meinem Freund und Kollegen Benjamin Schmidt auf Sex & Drugs & LiteraTour. Unser Weg führte uns quer durch die Republik und Halle/Saale war Station Nummer zwei.

Die Lesung selbst organisierte ein in Halle lebender Künstler, den ich seit vielen Jahren kenne, denn wir wuchsen beide in der selben Region Thürigens auf, er hauptsächlich in Neustadt an der Orla, ich in Pößneck, unweit der inoffiziellen Luther- und Cranach-Stadt. Und beide hatten wir Wurzeln im Punkrock zum Einen, in der schwarzen Szene zum Anderen, und also lief man sich irgendwann über den Weg, befreundete sich und verlor sich, auch das war Mitte/Ende der Neunziger nicht anders als jetzt, aus den Augen. Wer etwas aus sich machen wollte, konnte auf keinen Fall in der thüringischen Enklave bleiben. Und Tobias Gellscheid hatte damals schon nicht nur Talent, sondern eine seltsame, innere Unruhe, an der sich auch heute noch nicht viel geändert hat.

Man muss sich anfangs anstrengen, ihm folgen zu können wenn er redet, denn seine Sprachgeschwindigkeit gleicht einem Wettlauf der Worte, die alle auf einmal seinen Kopf verlassen wollen, so scheints, weil in diesem eine so hohe Bewegung herrscht, eine Masse an Ideen und Projekten, an Ausdrucksweisen und Bestrebungen, dass es den Eindruck macht, es läge ein enormer Druck im Gellscheidschen Hirn, dem standzuhalten er selbst einst Schwierigkeiten haben muss. Dem aber ist nicht so, denn abgesehen von eben jener Sprachgeschwindigkeit ist der meist schwarz gekleidete Mittdreißiger ein lässiger Typ. Ein Basecap auf dem Kopf, das sein schütteres Haar bedeckt und an eine dieser Lokführermützen aus längst vergangenen Tagen erinnert, das schwarze Hemd mit der Borde auf der rechten Seite leger aufgeknöpft, so dass man das Amulett an seinem Hals sehen kann. Die engen schwarzen Jeans enden in Halbstiefeln, ähnlich solchen aus den Fünfziger Jahren, die von den jungen wilden Rock’n’Rollern getragen wurden. Im Gesamten also ein typischer Künstler, wie es sie zu Hauf im Westberlin der Achtziger gab. Wüsste man nicht, dass Tobias Gellscheid goldene Hände hat, man könnte ihn für einen Musiker halten, der sich mit psychedelischer Rockmusik ein Zubrot verdient.

5Am Abend unserer Lesung, die der Leipziger Krimi-Autor und ebenfalls Outbirdler David Gray als Special Guest begleitet, sehe ich Tobias seit Langem wieder und freue mich, mit ihm endlich mal wieder ein paar Worte wechseln zu können. Auch hat er uns für den nächsten Tag in sein Atelier eingeladen, denn natürlich will ich die Gelegenheit nutzen, ihn fürs Outscapes-Magazin zu interviewen.

Seit er im Jahr 2000 die Heimat verließ, um in Flensburg eine Ausbildung zum Holzbildhauer zu absolvieren, verloren wir uns ein wenig aus den Augen. Die meisten Kreativen Menschen verließen das neckische Ostthüringen, denn auch, wenn kulturell so manches versucht wurde und wird hier in der Region, so ist es doch stets Kultur für die Alten, was an dieser Stelle zunächst nicht negativ behaftet sein soll, aber es fehlt und fehlte eben an Möglichkeiten, für junge, rebellische und subversive Künstler, sich verwirklichen zu können.
Die Ausbildung schloss Gellscheid 2003 als Landessieger Schleswig Holstein ab. Dann tingelte er durch halb Europa, arbeitete als freier Bildhauer in Tirol, also Restaurator auf einem Schloss in Trockenborn-Wolfersdorf (nahe Jena), bis er 2009 an der renommierten Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle/Saale anerkannt wurde und dort sein Kunststudium begann. Um neben dem Studium Geld zu verdienen, arbeitet der agile Künstler seit 2011 als künstlerischer Mitarbeiter im Landesamt für Denkmalpflege & Archäologie, Halle/Saale. Mit einem Erasmus Stipendium verschlug es ihn dann im Jahr 2013 für ein Semester nach Lettland, wo er an der Art Academy of Latvia in Riga studierte. Im letzten Jahr schloss Gellscheid dann seine Studienzeit mit einem Diplom bei Prof. Thomas Rug, Kunsthochschule Burg Giebichenstein, ab und arbeitet seither als freier Künstler und Mitarbeiter des oben schon erwähnten Landesamtes.

Am Tag nach der Lesung treffen wir uns in einem gemütlichen veganen Café zum Frühstück. Anschließend machen wir uns auf durch den herbstlichen Nieselregen, der vom grauen Himmel eher wie ein feuchter Nebel herabgleitet, hin zum Hallenser Volkspark, einem Veranstaltungsgebäude, das 1906 von der SPD als Vereinshaus errichtet wurde. Hier wurde, berichtet Gellscheid, der so genannte Kleine Trompeter erschossen. Mir klingelt es, ich erinnere mich an die alte DDR-Musikunterricht-Erziehung und an das Lied des kleinen Trompeters. Fritz Weineck hieß er und ich lese später bei Wikipedia, dass er im Tumult um die Auflösung einer Wahlveranstaltung der KPD erschossen wurde. Halle sei, wie auch Bitterfeld, „eine ganz rote Stadt“ gewesen, sagt Gellscheid und glänzt mit einem durchaus respektablen Vortrag zur jüngeren Geschichte der Stadt in Sachsen Anhalt.
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Wir kommen an ein Nebengebäude des Volksparkes im Schleifenweg, das an ein Verwaltungsgebäude aus den Fünfzigern erinnert, ein befensterter Betonklotz, drei Stockwerke, der graubraune Putz blättert in Fetzen von der Fassade. Tobias hält inne, wirkt hektisch bei der Suche nach dem Schlüssel und meint, dass es sein kann, dass wir durchs Fenster einsteigen müssen, er habe den Schlüssel wohl zu Hause liegen lassen. Gut, dass sein Atelier im Parterre liegt und er, vorsorglich und unter Anwendung eines „kleinen Tricks“ wie er sagt, das Fenster oftmals so offen lässt, dass es „zwar zu aussieht, man aber trotzdem reinkommt“. Er lächelt und meint, dass er aber erstmal den normalen Weg versuche. Wir gehen um das Genäude zum Haupteingang, wo glücklicherweise gerade eine Putzfrau zugange ist. Wir kommen also rein ohne die Einbrecher mimen zu müssen.

Drinnen riecht es förmlich nach DDR. Abgestanden, etwas modrig auch, metallisch und schmutzig. Optisch passt sich das Bild dem Geruch an. Wir gehen einen Korridor entlang und stehen vor der Ateliertür. Drinnen Chaos. So stelle ich mir Ateliers vor. Zu unserer Rechten stapeln sich Sessel vor einem Schreibtisch, auf dem allerlei Kleinkram liegt. Farben, Notizen, Tassen, Messer, Stifte… alles, was man eben braucht. Der hintere Teil, der wohl der eigentliche Arbeitsbereich ist, ist abgetrennt von einem schulterhohen Schrank, in welchem sich einige Arbeiten und Probedrucke des Künstlers befinden. Es sieht gemütlich aus, chaotisch unordentlich, aber gemütlich.

Ich setzen uns und ich beginne, Tobias Gellscheid ein paar Fragen zu stellen: Tobias, wie ist das mit dir und der Kunst. Wie und wann kam es dazu, dass du dich auf diesem weg auszudrücken versuchst?

9Kunst war schon immer mein Ding. Schon damals in der Schule hab ich all meine Hefte vollgemalt. Das war halt eher so Saukram. Es kamen sogar Schulfreunde und baten mich, ihnen auch ein paar dieser Titten in ihre Hefte zu zeichnen. Irgendwann hat es mir dann in Thüringen gereicht. Diese trübe Bauarbeitermentalität, die so rabiat und roh ist, hat mich da mehr oder weniger verjagt. Da wirst du, wenn du auch nur bisschen feingeistiger bist, einfach nicht akzeptiert. Durch Kumpels wie den Bildhauer und Weltreisenden Johannes Foetzsch (Anm. d. V.: Outbird wird noch berichten) und einige Andere kam ich dann über Umwege hier her zum Kunststudium.

Was machst du momentan? Woran arbeteites du, womit verdienst du dein Geld?

Naja, wie schon gesagt, bin ich künstlerischer Mitarbeiter des Landesamtes für Denkmalpflege in Halle. Aktuell also arbeite ich im Museum für Vorgeschichte und mache dort Zeichnungen von Exponaten und Funden. Aber ich will schon wieder mehr künstlerisch arbeiten in Zukunft. Natürlich verdiene ich auch hin und wieder Geld mit Verkäufen meiner Arbeiten. Meist auf Ausstellungen.

Was bezahlt man denn für deine Arbeiten so im Schnitt?

Also für Drucke und Holzstiche meiner Beatles-Serie bist du schon mal mit bis zu 550 Euro dabei.

„Beatles-Serie“ sagst du. Was bedeutet das genau?

Die Beatles sind seit langem ein großer Inspirant für mich und meine Arbeit. In meiner Kunst geht es viel um Popkultur und die Beatles sind so ziemlich DER Archetyp dafür. Zum Teil ein bisschen dümmlich naiv und das füttert ja die infantile Fankultur. Das Ganze bricht sich also in manchen Momenten ganz komisch. Hier liegt mein Fokus. In der Wahrnehmung der „Idole“. In der Verherrlichung von Popstars, die zuweilen wie Ikonen verehrt werden.

Gibt es noch andere Einflussgeber, also Künstler, die dich inspirieren bzw ohne die du nicht da sein würdest, wo du jetzt bist?

Klar gibt’s da einige. Zum Einen inspirieren mich meine Kommilitonen. Um ein paar bekannte Namen von großartigen Künstlern zu nennen: Klinger, Böcklin, Kollwitz, Goya und auch Kubin dürfen da nicht fehlen.

Gibt es eine Art Fahrplan für deine Zukunft, hast du Visionen, was deine Arbeit angeht?

(Lacht) Ich glaube, es war Helmut Schmidt, der sagte: Wer Visionen hat, der soll zum Arzt gehen! … Nein im Ernst. Ich willl natürlich weiter Kunst machen. Umsteigen von meinen Arbeiten an der Popkultur und mich mehr auf Landschaften und Stillleben konzentrieren.

Wieviele Stunden am Tag sitzt du eigentlich hier und arbeitest?

Naja, das kommt drauf an, aber im Mindesten vier Stunden täglich. Mehr geht zur Zeit nicht, weil ich ja meinen Brotjob noch habe.

Das gekürzte Feature und vieles mehr: in unserer Printausgabe Nr. 2 vom Dezember 2016.
Verfasser:
M. Kruppe
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Bildnachweis: M. Kruppe.

Zur Website vom Tobias Gellscheid: bitte hier entlang.

Der Schwarze Salon | Ein Netzwerk im Dunkel der Kunst

logoEs war irgendwann in einem doch schon recht kalten Monat vor zwei Jahren, als mich mein geschätzter Kollege Benjamin Schmidt aus Berlin, mit dem ich das SDL-Leseprogramm unterhalte, fragte, ob ich nicht Lust hätte, eine Lesung in München fotografisch zu begleiten. Nun ist es ja nicht immer spannend, eine Lesung also solche zu fotografieren. Du hältst das Auge an den Sucher, wartest auf drei, vier „richtige Momente“ verstärkst den Druck des Daumens auf den Auslöser und fertig ist die Foto-Serie… Die Texte von Schmidt kannte ich bereits, es wäre also NUR ein Freundschaftsdienst gewesen.
Das große Aber dieser Einleitung ist, dass es sich einerseits nicht um eine gewöhnliche Lesung handelte und andererseits aus dem Ganzen etwas hervorging, das vielleicht etwas Großes wird.

Ich sagte zu, denn kostenlos nach München zu fahren bekommt man nicht alle Tage geboten. Auch nicht, Bilder einer Lesung in einem Swinger-Club zu machen. Und schon gar nicht, einen der Stars der schwarzen Szene zu treffen, der mit seiner Band Umbra et Image Gothic-Rock Geschichte geschrieben, und die SM Szene maßgeblich musikalisch aus ihren Kellern geholt hat.

Kurzum: Eine erotisch, lyrische Lesung mit Mozart und Benjamin Schmidt in einem Swinger-Club bei München, mit anschließender Übernachtung im Hotel, alles bezahlt, alles für ein paar Bilder, alles kein Probelm. Natürlich sagte ich zu!

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Ralf Schlegel | Zwischen Stille und Kraft

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Ralf Schlegel, 1971 geborener Thüringer Künstler und Mensch der leisen Töne, fiel uns nicht zuletzt zur Vernissage seiner Ausstellung in einem Jenaer Hotel auf. Seine Werke werden von einer Kraft und Ausstrahlung getragen, die sich eher noch emotional als wörtlich begreifen lässt.
Die Gespräche mit Ralf Schlegel sind leicht und voller Empathie. Ein Mensch mit Neigung zu breitgefächerten Interessen und einer Tiefe, die das Kennenlernen leicht macht.

Lieber Ralf, wie würdest Du Dich selbst beschreiben?

Ja, wie soll ich antworten? Ich nehme mich sehr unterschiedlich wahr. Phasen, in denen ich meine eigenen Ziele verfolge, bin ich glücklich und fühle mich dementsprechend ausgeglichen, ausgeruht und voller Energie. Mich intensiv selbst zu spüren, ist überhaupt die wichtigste Errungenschaft in der letzten Zeit. Dies verleiht mir Sicherheit und innere Stärke. So fühle ich mich offen, mutig, richtig und ich mag mich vor allem selbst. Alles andere kommt von alleine!

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