Andrea Cochius „Empfindsamkeit und Träumerei als Vision“ [Interview Teil 2] | Outscapes #9

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #9 erschienen.]

„… Als bekennende Realitätsverweigerin träumst Du oft und gerne. Du selbst sagst, diese Verweigerung sei kraftaufwendig. Worin liegt abgesehen von monetären Zwängen dieser Kraftaufwand?

Ich muss ständigen Widerstand betreiben: Ich stelle der Realität meine Fantasie gegenüber. Manchmal streiten sie heftig miteinander, manchmal scheint die Realität über meine Fantasie höhnisch zu grinsen. Das ist natürlich anstrengender, als die Dinge so hinzunehmen wie sie sind und Fantasie und Wirklichkeit klar voneinander zu trennen. Ich werde die beiden jedoch so lange gemeinsam in einem Raum lassen, bis sie sich vertragen. Ich kreiere eine Welt – zunächst in meiner Einbildung, dann in der Realität. Letzteres ist nur möglich, wenn ich konsequent bemüht bin, diese Welt in meiner Vorstellung lebendig aufrecht zu erhalten.

Oftmals leben Menschen äußerlich falsche Werte und Mechanismen, weil sie sich damit zu schützen glauben. Wie lebt es sich Deiner Meinung nach in einer Welt so weit verbreitet falscher Werte, ohne daran (noch mehr) Schaden zu nehmen?

Nicht gut genug. Daher tue ich vieles, um dies zu ändern. Ich als Einzelperson – als Mensch und mit meiner Kunst – aber auch innerhalb einer Gemeinschaft, innerhalb des Vereins „Arbeit an Europa“ (arbeitaneuropa.com), in dem sich junge, engagierte Zeitgenossen für ein Europa einsetzen, welches positiv konnotiert werden kann. Es ist wichtig, sich in Gemeinschaften zusammenzuschließen – besonders als empfindsamer Mensch.

Du sagst, für eine positive Welt muss man die Dinge sehen, wie sie sein könnten anstatt wie sie sind. Heißt, man sollte alles träumerisch weiterspinnen, was man sieht? Mir persönlich sind die hinter dem Sichtbaren liegenden Ebenen offen gestanden nicht immer die besseren…

Das Gute an Tagträumen ist, dass man sie im Gegensatz zu denen im Schlaf aktiv steuern kann. Ich bin ihnen nicht ausgeliefert. Ich erträume mir ganz bewusst eine Welt, in der es sich in meinen Augen zu leben lohnt. Anschließend denke ich ganz pragmatisch darüber nach, wie ich jene umsetzen kann und tue es dann auch Schritt für Schritt. Ich nehme das Träumen als Handlungsaufforderung und nicht als Realitätsflucht und halte diese Methode für die einzig richtige, aktiv und optimistisch am Leben teilzunehmen.

Was macht Deine Kunst einzigartig? Wie würdest Du Dich als Künstlerin beschreiben? Wie erkennt man die künstlerische Handschrift einer Andrea Cochius?

Meine Aufgabe sehe ich darin, Werte, von denen ich weiß, dass sie Menschen glücklich machen, zu vermitteln. Das tue ich dadurch, dass ich versuche ein Vorbild zu sein und selbst diese Werte zu leben. Und durch meine Kunst, deren Ziel es ist, ein Werk zu schaffen, welches uns daran erinnert, was Schönheit bedeutet und in diesem Sinne ein Gefühl der Erhabenheit erzeugt. Ich denke an meinem Stil lässt sich erkennen, dass ich ein Freundin von Schönheit sowie eine Optimistin bin. Es lässt sich sagen, dass meine Bilder „Vorbilder“ sind und ich sehe für mich keinen Grund, etwas nicht Erstrebenswertes abzubilden. Man erkennt dies etwa an der Farbwahl – ich kombiniere Farben ausschließlich auf eine Weise, die angenehm für das Auge ist. Zudem stelle ich Menschen nicht in einem ungünstigen, sondern in ihrem besten Licht da.

Ich würde übrigens niemals einen Beruf annehmen, der mir nicht entspricht. Daher bin ich Künstlerin. Ich habe ein starkes Bewusstsein für das Grundrecht auf Freiheit und Selbstverwirklichung.

Wie bekommst Du Deine Fähigkeiten und Interessen zwischen Malerei, Grafik, Fotografie, Film und Digitalkunst koordiniert?

Ich bin der Ansicht, dass die Kunst frei ist und dass ich somit als Künstlerin die Freiheit habe unterschiedliche Medien zu verwenden. Das Wesentliche, was mich als Expertin ausmacht, ist mein Sinn für Ästhetik. Dieser kann sich in der Schrift, in der Musik, im Film zeigen und auch in der Malerei oder Zeichnung. Ich sehe, höre, lese, fühle, schmecke und rieche Qualität und lasse nicht eher nach, bevor ich diese in meinen Arbeiten erkenne. Das kann mitunter lange dauern, gerade weil ich mich in so unterschiedlichen Bereichen bewege und das Handwerk der jeweiligen Disziplin natürlich auch erst erlernt werden will. Die Mühe aber lohnt sich: Ich lerne unheimlich viel, langweile mich nie und schule permanent eine Form ganzheitlichen Schönheitssinns. Abgesehen von der Freiheit, die ich mir damit erkämpfe. Wobei man ja auch sehen muss, dass es einem heute durch Benutzerfreundlichkeit in vielen Bereichen leichter gemacht wird, Experte auf unterschiedlichen Gebieten zu sein als noch vor 100 Jahren.

Wo geht Dein Weg hin? Welche Projekte sind von Dir zu erwarten? Wo siehst Du Dich in fünf oder zehn Jahren?

Von dem Indien-Projekt 2012 an bis zu meinem heutigen künstlerischen Konzept hat mich das Bedürfnis, in die Herzen der Menschen zu sehen und ihnen beim Träumen zu helfen, zum Glück nicht verlassen. Ich möchte diesbezüglich z. B. eine Umfrage starten, in der ich Menschen bitte, ein Kunstwerk nach ihren Wünschen zu beschreiben. Es gibt dabei die Vorgabe, dass dieses Fantasieprodukt weder durch finanzielle noch materielle noch sonst irgendwelche Grenzen in seiner Entfaltung behindert werden soll. Zunächst werde ich diese Ideen skizzieren und in einem Buch veröffentlichen. Langfristig gesehen wäre es natürlich wunderbar, wenn man The Artworks of Other People tatsächlich realisieren und in einer Ausstellung zeigen könnte.“

Das Interview zeichnete Tristan Rosenkranz auf. Neben Teil 1 des Interviews finden Sie vieles mehr im „Outscapes“-Magazin #9 [Edition Outbird].

Bildnachweis: Bruce Jessop
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Steve Bauer „Dunkle Kunst als Bewusstseinsquelle“ [Interview Teil 2] | Outscapes #9

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #9 erschienen.]

„… Du verortest Deine Wurzeln in der Subkultur. In welcher Szene verbrachtest Du Deine früheren Jahre?

Ich komme aus den Subkulturen der frühen 90er Jahre. Graffiti und der gesamte Weg darum schafften meine Basis. Ich beschäftigte mich mit vielen Musikgruppen, deren Philosophien und Sichtweisen auf Gesellschaften, lernte autonome Entwicklungsweisen und führte diese dann durch eigene Sichtweisen unbewusst in mein jetziges Leben ein. Ich habe dabei immer stark an meinen eigenen Idealen festgehalten. Zum Leid vieler, aber zum Vorteil meiner selbst.

Deine Partnerin Beatrice und Du sind ein wunderbares Team, auch Deine MitarbeiterInnen strahlen Wärme und Sympathie aus. Ist das ein menschliches Zusammenfinden oder wählst Du Deine MitarbeiterInnen intuitiv aus?

Würde ich rational und analytisch auswählen, wäre ich nicht Kunstschaffender. Dies beißt sich meiner Meinung nach. „Intuition ist die Trophäe der Gerechtigkeit„ – diesen Satz formte ich einst für mich. Somit ist sie eine große Triebfeder meines Schaffens und meiner Entscheidungen. Ich habe ein wunderbares Team, welches mir über die Zeit zugetragen wurde. Ich habe keinen gesucht – es gab immer eine überirdische Verknüpfung (großes Gelächter im Raum) und Zusammenführung. Jeder ist für mich von großer Wichtigkeit. Nur durch viel Hilfe kann ich meiner eigentlichen Bestimmung nachgehen. Und das ist wichtig!! Entwicklung heißt ent-wickeln. Meine Frau hat meine Garnrolle sozusagen komplett abgewickelt und neu aufgewickelt. Ich bin ihr sehr dankbar für ihre Geduld und Sichtweise.

Beatrice als Fotografin scheint sehr innig mit Deiner Kunst in Resonanz zu stehen. Wie wirkt Ihr als Künstler aufeinander ein, wie würdest Du ihre Handschrift beschreiben?

Sie bildet einen ähnlichen Part wie meine Helfer. Nur ist ihrer um Weiten grösser und ausgeprägter. Sie inspiriert und sensibilisiert mich jeden Tag. Ich bewundere ihre Geduld, das Gute zu sehen, zu schaffen oder zu halten. Ihre Bilder wirken immer ehrlich und ungestellt auf mich. Sehr nahe am Detail. Wir geben uns oft Tipps, helfen uns in allen Bereichen und treten uns auch oft in den Arsch. Jeder Kreativschaffende kennt die Löcher des Alltags. Wenn jedoch jemand Bretter über diese Löcher legt, ist es einfacher, darüber hinweg zu schreiten. Darauf kommt es immer an! Kraft zu sparen und gezielt einzusetzen.

„Der denkende Mensch“

Eine letzte Frage noch: Was wird in naher Zukunft von Dir zu erwarten sein? Was planst Du, woran arbeitest Du?

Uh, da weiß ich nicht genau, wo ich anfangen soll. Ich habe zu viele Ideen. Die nächsten Projekte liegen im Ausland. Kleinere Ausstellungen, um meine Sachen auch Anderen nahe zu bringen . London im September steht fest. Andere Galerien sind angefragt. Ich hoffe noch etwas mehr in Deutschland ausstellen zu können. Im Frühjahr 2019 möchte ich mein zweites Kunstbuch veröffentlichen. Und für 2020 ist die nächste große Ausstellung mit neuen Werken geplant. Dafür investiere ich gerade die meiste Zeit. Alles, was dazwischen kommt, ist ungewiss. Ich finde spontane Sachen immer interessant. Ob Events oder Kooperationen – ich habe Spaß an allem.

Steve, wir danken Dir für das Gespräch.

Ich danke Euch für die Möglichkeit!“

Das Interview zeichnete Tristan Rosenkranz auf. Neben Teil 1 des Interviews finden Sie vieles mehr im „Outscapes“-Magazin #9 [Edition Outbird].

Bildnachweis: Beatrice Bauer
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[ Rezension ] Kai-Uwe Kohlschmidt „Detzman Walking“

Detzman Walking – Oder die Verwandlung des Hermann Detzner

„Wer ist Hermann Detzner? Die Frage sollte besser lauten: Wer war Hermann Detzner? Haben Sie je von diesem Mann gehört? Ich auch nicht. Und wäre nicht Kai-Uwe Kohlschmidt (siehe „Outscapes“-Magazin #8) einst über das Buch „Vier Jahre unter Kannibalen“ gestolpert, würde dieser Name gewordene Teil deutscher Geschichte noch immer vom Staub der Vergangenheit be- ja … -verdeckt sein und wohl auch bleiben.

Der Regisseur, Autor, Musiker und zur Künstlergruppe „Mangan25“ gehörende Sandow-Frontmann aber las dieses Buch und wurde neugierig. Und wenn Kohlschmidt neugierig ist, wird nicht selten aus Neugier ein Projekt.

„Detzman Walking“, erschienen im Majorlabel, ist denn auch das Ergebnis einer anfänglichen Neugier. Gut, ich sollte vielleicht den gesamten Titel des Hörspiels nennen: „Detzman Walking – Oder die Verwandlung des Hermann Detzner“.

Der Hauptitel klang für mich zunächst wie die schlechte Adaption eines Hollywoodklassikers, der dem gleichnamigen Tatsachen-Roman „Dead Man Walking“ der Ordensschwester Helen Prejean entlehnt ist. Wenn man aber weiß, von wem dieses Hörspiel ist, weiß man auch, dass eine schlechte Titelkopie de facto nicht infrage kommt, denn Kai Uwe Kohlschmidt ist ja nicht irgendwer. Dies ist nicht sein erstes Hörspiel, mitnichten. Und es wird auch nicht sein letztes sein, so viel steht fest.

Aber kommen wir zum Eigentlichen.

„Detzman Walking“ ist mehr als ein Hörspiel. Ein Themen überspannendes Werk, das eigentlich eines längeren Textes bedarf, es zu rezensieren. Ja, man könnte eine Arbeit darüber schreiben.

Da wird der erste Weltkrieg ebenso gestreift wie die Kolonialisierung, die deutsche Missionsgeschichte, die Kaiserzeit, Mystik und Religion und fast nebenbei erfährt man (auch) noch etwas über Papua-Neuguinea, wennschon dieses „etwas über“ fast schon fehl am Platze ist, ist doch der geografische Dreh- und Angelpunkt genau dieser drittgrößte Inselstaat im Pazifik.

Und doch ist dieses Werk – und ja, diesen Namen verdient das Hörstück – nicht überladen, sondern reiht sich trotz seiner Themenvielfalt sinnvoll aneinander. Mehr noch: man wird neugierig und spätestens nach dem ersten Hören greift man direkt zum aufwändig gestalteten Booklet, um mehr zu erfahren. Doch die Informationen hier reichen trotz ihres überraschenden Umfangs nicht wirklich aus. Also nutzt man wie von selbst die Suchfunktion seines Browsers, um mehr zu erfahren. Mehr von diesem ebenso seltsam schrägen, wie später eher tragischen Typen Hermann Detzner, mehr von diesem Christian Keyßer, mehr von Kolonialzeit und überhaupt: der erste Weltkrieg trug sich auch in Ozeanien zu?

In einer parallelen Struktur greift das Stück einerseits die Expedition der Künstlergruppe „Mangan25“ nach Papua-Neuguinea auf, in der es auf Spurensuche nach Hermann Detzner und Christian Keyßer ging, andererseits in Monologen aus Tagebucheinträgen und Dialogen aus der Zeit, der die Protagonisten das deutsche Kaiserreich in damals noch Deutsch Neuguinea zu verteidigen glaubten. Letztere sind freilich größtenteils erfunden oder besser gesagt: „konstruiert“.

Uns so ist „Detzman Walking“ kein gewöhnliches Hörspiel, sondern bewegt sich irgendwo zwischen Reportage, Feature und dann doch klassischen Hörspielelementen, wie man sie von Kai-Uwe Kohlschmidt kennt. Die Soundteppiche, die exakt die Stimmungen des jeweils Erzählten unterstreichen, bewegen sich zwischen sphärischen Klängen und teils surrealen Effekten bis hin zu altem deutschen Liedgut aus der Kaiserzeit.

Im Beginn nimmt uns Detzner, gesprochen von Alexander Scheer, mit in seine Zeit, in dem er einen Auszug aus seinem Tagebuch liest. Die typische Geräuschkulisse des Urwaldes impliziert unterstreichend: Wir sind in der Wildnis Ozeaniens, irgendwann zu Zeiten des ersten Weltkrieges. Und plötzlich spaltet sich die Struktur, eine zweite, nun weibliche Stimme, gesprochen von der Schauspielerin und Ärztin Arta Adler, verschiebt die Sicht und zunächst ist unklar, wohin. Es entsteht eine ungewisse Zweidimensionalität, die durch die Soundkollagen sehr mystisch wirkt. Der sprechende Kakadu, namens Pfefflein, wie man später erfährt, nährt diesen Eindruck eindrücklich und erinnert irgendwie auch an Kult-Hörspielreihe „ Die Drei ???“.

Die Reise beginnt. Nicht nur für mich als Zuhörer, sondern auch für die Expeditionsgruppe „Mangan25“, denn nun stellt sich heraus, dass jene weibliche Stimme die Autorenstimme ist und in einer Art Parallelerzählung vom Trip der Gruppe auf den Spuren des Protagonisten berichtet. Abgewechselt bzw. ergänzt durch Einschübe von Original-Mitschnitten, Aufnahmen und Interviews, erfahre ich nun mehr von der Reise, der Gruppe, den Menschen die man trifft und befragt. Jenen Menschen, die Angst zu haben scheinen. Angst davor, etwas zu erzählen, denn Detzmann, so sagt man, sei noch dort, gegenwärtig, ja justament zugegen.

So tritt der deutsche Landvermesser und Militarist, der sich vier Jahre in Neuguinea vor den Australiern versteckte, die in den ersten Weltkrieg ebenso involviert waren, wie Russen, Franzosen, Engländer und so fort, als Vertreter seiner Zeit, in den Dialog mit Vertretern unserer, der Jetztzeit. Klug kombinierte Sprachspiele in Form von monologischen Ansagen Detzners, antworten auf Gesagtes von Papua-Neuguineern, die im Interview nicht recht wissen, ob sie reden sollten oder nicht. „Ihr seid des Todes, wenn ihr mit jemanden darüber sprecht!“ muss Christian Keyßer, der deutsche Missionar gesagt haben, der einige Jahre vor Hermann Detzner hier her kam und ein Wegbegleiter Detzners gewesen ist. Und da die „Eingeborenen“, als sie zum ersten Mal weiße Menschen sahen, meinten, dass dies die Rückkehr ihrer Urahnen sei, schwebte von Beginn an eine gewisse Ehrfurcht mit, die bis heute anhält. Die Fragenden müssen bohren, um ihre Neugier stillen, um Spuren der Deutschen finden zu können.

In wen oder was verwandelt sich Hermann Detzner? Welche Rolle spielt der Missionar Christian Keyser? Was erlebt die Expeditionsgruppe „Mangan25“? Und: zu welchem Ergebnis kommt sie, will sie kommen?

All diese Fragen will ich offen lassen, denn Sie sollten, dies ist (m)eine absolute Empfehlung, sich dieses Meisterstück des Hörspiels auf keinen Fall entgehen lassen. Ein Versprechen: Sie werden reicher an Wissen, erfahren von geschichtlichen Hintergründen ebenso, wie vom Leben auf dem drittgrößten Inselstaat im Pazifik gestern und heute. Und das alles in einer Gesamtkomposition die Sie von der ersten bis zur letzten Minute nicht los lassen wird. Auch thematisch nicht, denn wie eingangs bereits erwähnt, habe ich persönlich anschließend noch einige Stunden im Netz zugebracht, um mehr zu erfahren. Und ich bin durchaus dankbar, dieses Stück wirklich unbekannter deutscher Geschichte erfahren zu haben.“

Bildnachweis: Majorlabel / Roberto Schirdewahn

Die Rezension verfasste M. Kruppe. Zum Hörbuch „Detzman Walking“ folgen Sie bitte diesem Link.
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[ Rezension ] Johannes Berthold & Holger Much „Narrenturm“

„Ich war mir nicht sicher, was ich zuerst auf mich wirken lassen sollte: das Buch selbst oder die beiliegende CD. Dass ich mich für die CD entschied, schien konsequent, bekam ich nur wenige Minuten später im sommerlichen Garten eine Gänsehaut, die mich ins Buch, nein ins Gesamtkonzept mitnehmen sollte. Unheil- und verheißungsvolle Klangläufe, die tragschwer wie romantisch ins Gemüt fahren, um den Weg eines aus der Bahn Geratenen durch die Wiener Irrenanstalt „Narrenturm“ nachzuzeichnen.

Eindrückliche, suchende, die Dunkelheit des Wahns bis hin zur (vermeintlichen?) Heilung fassbar machende Klangcollagen des Masterminds der Dark Wave-Band „Illuminate“, Johannes Berthold, die sich in ihrer lyrischen Tiefe und Zeitverlorenheit, in ihrem Wechsel zwischen kraftvollen Lyrics und Chorälen hervorragend für einen zweisamen Abend bei Rotwein und Kerzenlicht eignen.

Genug Kerzenlicht aber, um das vom Fantastikillustrator Holger Much in dunkles Grün getauchte Buch auf sich wirken zu lassen. Bebilderte Songtexte, die die enge Verwandtschaft von Wahnsinn und abgründigen Fabelreichen (der Tiefsee? des endlosen Waldes? surrealer Räume?) in weiche, schwungvolle, fast leichthändige Welten legen, um so die ins tausendfache Nichts führenden Raumverschiebungen, die Verlorenheit, Angst, endlose Suche und rebellische Ablehnung der vermeintlich normalen Welt greifbar zu machen.

Den beiden Köpfen des Projektes, Johannes Berthold und Holger Much, ist hier zum 15jährigen Jubiläum des Tonträgers ein kleiner Sammlerschatz gelungen, der Vergleiche missen lässt. Eine edel gestaltete Sonderausgabe in Hardcover als eine CD umfassende Welt poetischer Tiefe, hoffende, sehnende, klagende Zeilen, schicksalhafte Klänge als Projekt verschiedener Disziplinen, das man mit Abstand zur Welt genießen sollte: jenseits immer bereiter sozialer Medien in der Stille des Abends. All die umgebenden Dinge abschalten, drauf einlassen und nachfühlen – die Zeit eines vergangenen Jahrhunderts und den Bruch eines liebenden Wesens.

Begleitend zur künstlerischen Weite führt das Buch den Leser in die dunkle und schreckliche Welt der Irrenanstalt „Narrenturm“ ein und stellt beide Macher, Johannes Berthold und Holger Much, ergiebig vor. Man möchte am Ende des Hör- und Lesegenusses „Mehr!“ rufen und bleibt mit der Hoffnung auf weitere Schätze dieses Formates allein. Ein Alleinsein, das dem Erlebten nachspürt.

„Der Narrenturm“ ist eine Empfehlung von und für sensible Herzen und eine mehr als nur gute Idee, sollte jemand nach passenden Geburtstags- oder schon jetzt Weihnachtsgeschenken für geneigte Herzen suchen. Tipp!“

Die Rezension verfasste Tristan Rosenkranz. Zur Jubiläumsausgabe „Narrenturm“ folgen Sie bitte diesem Link.
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Axel Kores & Christoph Liedtke „Zwischen Kontrollabgabe & Neuanfang“ [Interview Teil 2] | Outscapes #8

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #8 erschienen. In diesem Zusammenhang verweisen wir gern auf Axel Kores´ Roman „Verschwendete Jugend“ in unserem Onlinestore (siehe auch nachfolgendes Coverfoto). Den Rhizom Halle-Leipzig Youtube-Kanal findet ihr unter diesem Link.]

Axel Kores

„… Das entspricht einer Form von kollektiver Weisheit. Zusammenarbeiten ist eine wunderbare Sache, wenn es funktioniert.

A. K.: Das ist auf Christophs und meinem Mist gewachsen, vermutlich im Proberaum; da haben wir die besten Ideen. „Rhizom Halle-Leipzig“ ist im Grunde nur eine nachträgliche Taufe für die gegenseitige Inspiration zwischen Leuten, die es schon zuvor gab. Wenn so etwas dann einen Namen bekommt, wird es plötzlich greifbar, lässt sich in der Welt verorten. Das erschien uns sinnvoll.
Rhizom musste ich erst recherchieren und fand schnell heraus, dass der Begriff aus der Biologie stammt. Als ich weiter suchte, stellte ich fest, dass es doch einige Vereine und Kollektive allein in Deutschland gibt, die sich diesen Namen gegeben haben. Ward ihr euch dessen bewusst?

Rhizom musste ich erst recherchieren und fand schnell heraus, dass der Begriff aus der Biologie stammt. Als ich weiter suchte, stellte ich fest, dass es doch einige Vereine und Kollektive allein in Deutschland gibt, die sich diesen Namen gegeben haben. Ward ihr euch dessen bewusst?

C. L.: Das war mir gar nicht so klar, obwohl ich es mir hätte denken können. Hat uns eigentlich auch nicht interessiert. Die Idee des Rhizoms ist einfach sehr überzeugend. Ich bin während des Studiums darauf gestoßen, als ich mich mit Gilles Deleuze beschäftigt habe. Er und Felix Guattari haben diesen Begriff philosophisch vertieft und als Idee sehr interessant beleuchtet. Das sich davon Menschen inspirieren lassen, kann ich sehr gut nachvollziehen, hat aber nichts damit zu tun, was Menschen damit anfangen. Aber es ist wohl ein gutes Zeichen dafür, dass auf einer gewissen Ebene Menschen gleiche Ideen befürworten.

Wie seht ihr das? Meint ihr, das ist ein Risiko oder seht ihr darin vielleicht sogar einen Vorteil?

C. L.: Risiko, vielleicht insoweit, dass man uns im Internet schwerer findet, aber daran soll die Unternehmung nicht scheitern. Ein Vorteil könnte darin liegen, dass ähnliche Ideen natürlich verbinden, aber ich hab mich bisher noch nicht mit anderen Kollektiven beschäftigt, das könnte man durchaus in Betracht ziehen.

Christoph Liedtke

Wer waren Deleuze und Guattari und wo seht ihr euren Verknüpfungspunkt zu den beiden?

C. L.: Deleuze und Guattari, Philosoph und Psychoanalytiker, haben in einer Co-Autorenschaft über diese Idee geschrieben. Der wichtigste Gedanke für uns daran war, Leben und Denken als etwas Labyrinthisches zu verstehen, ohne Anfang, ohne Ende und ohne Ariadnefaden, aber auch als einen Raum der Vernetzung und zufälligen Begegnungen, in dem Ereignisse aufeinandertreffen können. Eine Art Generator, der die Karten neu mischt.

Genug des Theoretischen. Was wollt ihr erreichen, habt ihr Ziele und Strategien, diese zu erreichen? Was genau steht hinter Rhizom Halle-Leipzig? Gibt es kurz-, mittel- und langfristige Pläne?

C. L.: Wir verstehen uns als Plattform für künstlerisches Handeln. Wir verstehen künstlerisches Handeln ganz allgemein als Vorschläge, mit dem was da ist umzugehen. Der Künstler ist für mich jemand, der das Nichtkönnen kann und dafür nach neuen Ansätzen sucht, wie man das anstellt. Da draußen ist Chaos und Absurdität, der Künstler geht raus und macht was draus. Jenseits von „Ismen“, Gott und Utopie. Unsere Strategie: Alles was nützt, im Rahmen unserer Werte und Fähigkeiten Menschen zu mobilisieren, ihr gestalterisches Potenzial zu vergegenwärtigen, dass es besser wird, als es ist. Ich denke, alle Kunst zielt darauf ab, den Menschen zu erheben.

A. K.: Hinter allem steht im Grunde der Wunsch nach Verknüpfung. Rhizom soll möglichst interdisziplinär werden und wir stehen noch am Anfang der Reise. Im Videoformat lassen sich Arbeiten bestens dokumentieren bzw. präsentieren – deshalb der Youtube-Kanal. Wir haben mit den musikalischen und literarischen Projekten begonnen. Das muss wachsen. Verbissenheit ist uns jedoch fremd – es geschieht oder geschieht nicht. Wir experimentieren intuitiv und schauen, was sich auf der Bühne miteinander verbinden lässt.

Wie viele KünstlerInnen sind derzeit im Kollektiv aktiv, was machen sie, woher kennt ihr sie?

C. L.: Wir stecken in den Kinderschuhen und haben Frauenmangel. Es gibt einen organisatorischen Stamm und dann alle die bei Veranstaltungen auf der Bühne stehen. Du hast ja auch schon dazugehört (lacht).

Wieso Halle-Leipzig? Was ist der Beweggrund, Leipzig mit einzubeziehen, dass ja in Sachen Kunst schon ein bisschen overdosed ist? Also ich hoffe, man versteht mich nicht falsch, aber die zunehmende Gentrifizierung hat in Leipzig ja nun schon erschreckende Ausmaße angenommen, was in Halle glücklicherweise (noch) nicht der Fall ist.

C. L.: Das ist lediglich eine lokale Verortung. Ein paar von uns kommen aus Leipzig. Was die da mit den Mietpreisen machen ist blöd, soll uns aber jetzt nicht davon abhalten. Uns interessieren da die Menschen.

A. K.: Diese Region ist sehr speziell und voller querschießender Energien, wie ich finde. Beide Städte liegen so dicht beieinander, dass sie in subkultureller Hinsicht gewisse Symbiosen bilden – spannende Wechselwirkungen, die man nur selten findet. Es gibt in unserem Umfeld etliche Leute, die sowohl hier, als auch dort aktiv sind. Da öffnen sich interessante Aktionsradien.

Seht ihr die Gefahr der Gentrifizierung auch für Halle und wenn ja, was meint ihr, wann es so schlimm sein wird wie in Leipzig? Und habt ihr vor, dem entgegenzuwirken? Wenn ja, wie?

C. L.: Das überschreitet meine Kapazität. Bevor ich mich direkt gegen Gentrifizierung engagiere, setzte ich mich in ein Schlauchboot und versuche damit, Öltanker zum Kentern zu bringen. Vielleicht gebe ich mal ein illegales Konzert auf ´nem Dach, aber dann würde ich auch eher Freedom und Peace von den Dächern schreien, als „Stoppt die Gentrifizierung“ (lacht). Bevor die Probleme nicht real sind, mache ich da wenig, es gibt einfach zu viele Probleme, für deren Lösung man sich einsetzen könnte.

A. K.: Gentrifizierung ist auch hier in vollem Gange. Ich will jetzt nicht zur umfassenden Kapitalismuskritik ausholen; aber die Raffgier hat sich an Allgemeingütern, zu der bezahlbarer Wohnraum definitiv gehört, einfach nicht zu vergreifen! Wenn wieder mal ein Hausprojekt platt gemacht wird, müssen alle loslegen, um das zu verhindern.

Halle ist das neue Leipzig. Würdet ihr dem zustimmen?

C. L.: Ich vergleiche diese zwei Städte ungern. Beide haben ihre Vorzüge und ich glaube nicht, dass Halle sich so urbanisiert wie Leipzig. Braucht es auch nicht, denn die Städte sind auch nur ´ne halbe Stunde voneinander entfernt und da ist es auch gut, dass sie verschieden sind.

A. K.: Ich halte wenig von solchen Vergleichen. Der Halle´sche Blick auf Leipzig ist häufig ein defätistischer; und ich frage mich stets: Warum? Man schwirrt doch eh in der halben Welt rum und erkennt überall Vielfalt. Wenn es jetzt heißt: Halle ist im Kommen. Umso besser! Hier geht auf jeden Fall was. Das ist allerdings schon seit Jahren so.

Allgemein gefragt: Kunst ist ein wirtschaftlich schwieriges Metier. Könnt ihr von eurer Kunst und dem, was ihr tut, leben?

C. L.: 2016 hab ich mein Studium beendet, vieles beginnt gerade anzulaufen. Davon richtig leben kann ich noch nicht. Viele Sachen die ich mache haben auch nichts mit „Schöner wohnen“ zu tun, da muss ich einfach durchhalten.

A. K.: Vom Grafik-Design kann ich leben. Vielleicht kommt in Sachen Literatur und Musik langfristig mal was rum. Aber was soll´s? Man fällt eh irgendwann einfach um, und das wird vermutlich deutlich vor ´m Renteneintrittsalter sein, gell. (lacht)

Wer oder was inspiriert euch?

C. L.: Das Geräusch von klappernden Pflastersteinen, wenn man mit dem Fahrrad darüber fährt.

A. K.: Brillanter Humor, der das Leid auffrisst.

Ich hörte, dass eure Band Klinke seit einigen Monaten immer erfolgreicher wird. Wie würdet ihr eure Musik beschreiben und was meint der Begriff Erfolg in eurem Sinne?

C. L.: Axel hat das notiert: Irgendwas mit „Tataminimo mit autistischer Stimme und Hang zur Manie und Repetition“. Erfolg wie wir ihn verstehen, ich sag mal … Anerkennung und Moneten dafür was wir tun, ohne dabei unsere Seele an Dieter Bohlen zu verscherbeln.

A. K.: Christoph hat´s schon angedeutet. Ich konkretisiere: Klinke ist Post-Voodoo-Kraut mit autistisch beseelter Stimme und gesunder Aversion gegenüber Hörgewohnheiten – dekonstruktivistisches Tata-Minimo mit Hang zum Zwang. Erfolg ist, wenn man den ganzen Saal zum Explodieren bringt und das schon als Vorband.

Abschließend: Kann man Mitglied bei Rhizom Halle-Leipzig werden und wenn ja, was setzt das voraus? Was muss ich mitbringen, können und wollen, um mich dem Kollektiv anzuschließen?

C. L.: Er, Sie, Es sollte Telefonbücher zerreißen können, wir nehmen aber auch Leute auf, mit denen wir gerne Ideen aushecken und verrückt genug sein können, „es“ durchzuziehen. Ich glaube, das ergibt sich, wenn man aufeinander zukommt und wächst wie ein Rhizom.

Ich danke euch für das Interview und freue mich auf weitere Kooperationen.

Das Interview führte M. Kruppe. Teil 1 des Interviews und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #8 [Edition Outbird]. Bildnachweise: Privat.
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Antje Horn „Geschichten für die Sehnsucht“ [Interview Teil 2] | Outscapes #8

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #8 erschienen.]

„… Was sollte, was muss ein guter (Nachwuchs)Erzähler an Talenten mitbringen? Was würdest Du an wichtigen Dingen mit auf den Weg geben?

In erster Linie Freude, Begeisterung, Selbstzweifel, Humor, Präsenz, Ausdauer… ach ich weiß nicht…

Wie schätzt Du das Potential, generell und insbesondere hinsichtlich Erzählen, Verlegen und öffentliches Lesen guter Geschichten wie auch mit Blick auf die vielen Aktiven, in Ostthüringen ein? Was bedarf Deiner Meinung nach kulturell noch einer besseren politischen Lobby?

Das weiß ich nicht wirklich…

Wenn man mit Dir zu tun hat, bekommt man schnell den Eindruck, dass Du ein enormes Arbeitspensum leistest. Wie sieht Dein energetischer Ausgleich aus? Und wo siehst Du Dich in fünf oder zehn Jahren?

Ich brauche viel Zeit mit mir allein und gönne mir mehr und mehr Zeiten des Rückzuges. In zehn Jahren… bin ich sicher immer noch lernend und suchend und hoffentlich freudvoll erzählend.

Antje, wir danken Dir herzlich für dieses Gespräch.

Bitteschön ;-)“

Das Interview führte Tristan Rosenkranz. Teil 1 des Interviews und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #8 [Edition Outbird]. Bildnachweis: Gerhard P. Bosche.
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[ Prosa ] Frau Kopf „Die Liebe“

Ein seltsames Ding ist die.

Auf leisen Sohlen schleicht sie sich an die ausgesuchten Menschen
ran, umhüllt sanft und schnürt und schürt.

Feuerchen in der Brustgegend, kribbelnde Schädeldecken,
Lippen und Körpermitten und der Mensch schaut in den
Spiegel, taucht tiefer als sonst oder jemals zuvor in die eigenen
Augen und erkennt.

Feuer, Wasser, Erde, Luft und etwas Neues.
Die Liebe.

Da steht der Mensch, befühlt das eigene Gesicht, lächelt laut
und liebt ganz leise.

Aus dem Hintergrund schält sich das Gefühlsgegenstück,
bahnt sich seinen Weg und verweilt.

Hände, die auf Schultern, Hüften und in wirren Haaren ruhen.
Hände, die suchen und finden.
Hände, die ineinander greifen und bleiben.
Münder, die einander küssen und Worte flüstern, die nur den
Liebenden gehören.

Herzen, die Blut durch den Leib pumpen, weil die das eben so
tun, dies aber ambitionierter und treibender als zuvor.

Zwei Gesichter in diesem Spiegel.
Lächelnd, sich entdeckend, erkennend und liebend.

Und die Liebe?

Die umhüllt und spinnt und schnürt die Menschen ein, fesselt
sie aneinander, haucht unbekanntes Lebensgefühl ein und ist
sich ihrer so lebensnotwendigen und dankbaren Position bewusst.

Sie beschließt zu bleiben und sich stets in Spiegelbildern,
Streicheleinheiten, geflüsterten Worten, Schweigen, Lachen
und dem großen Ja zu zeigen.

Ganz leise, ganz wahr und einfach da.
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„Die Liebe“ erscheint neben anderer/n Prosa und ShortStories in Kürze in Frau Kopfs Buch „Brachialromantik“ in der „Edition Outbird“ (zur Buchbestellung bitte hier entlang). Im Bild: Eine Fotografie von Franziska Barth (erschienen im Buch „Schattenspiele“ mit Tristan Rosenkranz).

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[ Prosa ] Ralf Bruggmann „Totland“

Ihre Finger gleiten über ihre Haut, suchend, ganz langsam. Sie weiß genau, wo die Stelle liegt, trotzdem ist da keine Eile in ihren Bewegungen, keine Zielstrebigkeit. Schließlich erreicht sie ihn, den Punkt an ihrem rechten Unterschenkel, jenen blinden Fleck auf ihrer Haut. Es bleibt nach wie vor merkwürdig, dass sie dort nichts spüren kann, beinahe befremdlich. Die Stelle ist und bleibt vollkommen taub. Totes Land.

Sie legt Musik auf. Pinô von Otto Totland. Die sanft und leise tröpfelnden Klavierklänge, die Leerstellen zwischen den Tönen, die Abwesenheit von Gesang; sie hat die Musik bewusst ausgesucht. Sie mag niemanden singen hören, sie will keine fremden Geschichten, keine Stimmfarben, nicht jetzt. Sie braucht wohl nur etwas, das die Geräuschlosigkeit aufhebt und zugleich die Stille bewahrt.

Totland spielt, und sie denkt sich zurück, beinahe so, als würde sie in einem Fotoalbum blättern. Doch da sind keine Fotos, keine Bilder voller Farben und Leben. Da sind vor allem nüchterne Skizzen, rudimentäre Formen, blutleere Linien. Da sind leere Abende vor dem Fernseher, mit unzähligen Zigaretten, geröteten Augen und sprödem Hals. Da sind ganze Wochenenden ohne ein einziges Wort. Da sind ihre Fratzen im Spiegel. Einige Male kroch sie in ihren Kleiderschrank, zog die Tür zu und saß einfach da, stundenlang in der Dunkelheit.

Es bleibt nach wie vor merkwürdig, wie viel totes Land in ihrer vergangenen Zeit liegt, wie viele Monate und Jahre kein Leben in sich trugen. Sie fragt sich manchmal, ob sie eigentlich jünger ist, weil jene Jahre nicht zählen. Und sie fragt sich, ob ihr im Ganzen etwas fehlt. Ob das tote Land ihr Ich auch heute noch verkrüppelt.

Sie schiebt ihre Finger wieder zur tauben Stelle am Unterschenkel. Kneift Haut und Fleisch zusammen. Spürt nichts. Und fühlt sich seltsam erleichtert, dass sie trotzdem noch laufen kann.
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„Totland“ erschien neben anderer/n Prosa und ShortStories unlängst in Ralf Bruggmanns Buch „Hornhaut“ in der „Edition Outbird“ (zur Buchbestellung bitte hier entlang). Im Bild: „Besinnung“ von Katrin Hetzel. Fotografien von Katrin Hetzel gibt es ebenfalls in der „Edition Outbird“ (bitte hier entlang).

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Anne Liebenau „Kunst als Spiegel der Psyche“ [Interview Teil 2] | Outscapes #5

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #5 [Edition Outbird] erschienen.]

„…Und wo wir schon beim Handwerk sind: Wie bist Du denn auf die Idee mit dem Steampunk-Upcycling gekommen?

Das sind alles Sachen, die mich glücklich machen: alte Uhrwerke, die noch rasselnd ablaufen, Spieluhren und überhaupt die Geräusche von Mechanik. Abgenutztes Spielzeug oder aufgelesene Steine – ich nehme Dinge gern in die Hand und auch sie lassen mich dann nicht mehr los und fügen sich irgendwann wie von selbst neu zusammen.

Zu guter Letzt: Gibt es einen Menschen, eine Persönlichkeit, die Du so faszinierend findest, und unbedingt einmal vor Deine Kamera bekommen möchtest? Und hast Du einen künstlerischen Helden, dessen Arbeiten Du besonders bewunderst?

Ja, ganz ehrlich sehe ich mich selbst als Gesamtkunstwerk und bin sehr auf die Vollkommenheit gespannt! Jeder Künstler ist doch irgendwie sein eigener Held…“

Das Interview führte Hanna-Linn Hava. Teil 1 des Interviews und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #5 [Edition Outbird].

Bildnachweise: Anne + Felix Liebenau

Hanna-Linn Hava | Märchenhaft morbide

autorenweltprofilFrau Havas Roman „Schneewittchens Geister“ ist ein sehr vergnügliches Fantasy-Spektakel, in dem sich diverse uns wohlbekannte Märchenfiguren in einer modernen Welt unter anderem mit Auftragsmördern und Gewichtsproblemen herumschlagen müssen.
Widersprüchliche Biografien erklären die Autorin einerseits als Würth-Literaturpreisträgerin, andererseits behaupten sie, dass sie bei einem Biss von einem genmanipulierten Tagpfauenauge mit einem unheilbaren Überschuss an Fantasie infiziert worden sei. In einem Gespräch mit Franziska Dreke äußert sich Hanna-Linn Hava zu diesen schillernden Seiten ihres Lebenslaufes, erklärt, warum Märchen nach wie vor in sind und mit welchen ihrer Charaktere sie gern mal einen Kaffee trinken würde.

„Schneewittchens Geister“ spielt mit den Genres und Klischees, in die man Literatur einordnet und an dem sich Leser ja auch orientieren. Wie würdest Du einem Interessierten helfen, ohne allzuviel von der Geschichte zu verraten?

Wie bestimmt viele Autoren hatte ich die Absicht, ein Buch zu schreiben, welches ich selbst vergnüglich lesen würde. Und da mich nichts mehr langweilt als vorhersehbare Charaktere und allzu einfache Genre-Zuordnungen, vermeide ich diese. Hingegen faszinieren mich abseitige Persönlichkeiten; von denen packe ich deswegen gleich eine ganze Menge in die Geschichte. Und weil die Protagonisten so bunt sind, spielt die Handlung in Dunkelheit und Schnee. Kurz zusammengefasst: Sonderbare Leute (von denen einige keine Leute sind) treffen in düsterer Kulisse aufeinander. Und dann passiert eine ganze Menge.

Kann man dein Buch vielleicht auch als ein modernes Märchen verstehen? Schließlich geht es immer noch um den alten Kampf zwischen Gut und Böse …

Gut und Böse sind in “Schneewittchens Geister” weniger schwarz und weiß gezeichnet, und auch die Protagonisten sind nicht gerade die klassischen Vertreter der dunklen oder hellen Seite. Vor allem die Prinzessinnen müssen sich größtenteils ohne Hilfe der obligatorischen Prinzen herumschlagen – wobei „herumschlagen“ ganz wörtlich gemeint ist. Und wer sagt eigentlich, dass auch das Ur-Schneewittchen nicht ab und zu Selbstmord in Betracht gezogen hat, bei dem schrecklichen Schicksal! Aber so verändern sich eben die Zeiten, und die Märchen verändern sich mit ihnen…

Haben Märchen heutzutage überhaupt noch eine Bedeutung?

Haben sie, eine wichtige Bedeutung sogar. Für Kinder sind die klassischen Märchen mit Sicherheit immer noch eine Bereicherung. Ich habe ihnen früher selbst begeistert gelauscht, wenn sie uns vorgelesen wurden (mein Lieblingsmärchen war „Jorinde und Joringel“), und ich habe sie später nicht minder begeisterten Kindern erzählt. Und anscheinend besteht nach wie vor eine Sehnsucht nach Geschichten – in den letzten Jahren vermehrt nach jenen, in denen Magie und Mythen zum Leben erweckt werden. Vermutlich genau deswegen, weil die Menschen einen Ausgleich zu ihren entzauberten, technikdominierten Leben brauchen. Und sind nicht alle Geschichten irgendwo und irgendwie Märchen?

Wahrscheinlich schon. Was „Schneewittchens Geister“ betrifft: ist das Buch nun eher ein modernes Märchen für Erwachsene oder eine Märchen-Persiflage, die mit den gängigen Weichspülelementen des klassischen Märchens bricht und diese durch explizit blutige Schockmomente ad absurdum führt?

Definitiv: beides! Wobei ich sofort anmerken möchte, dass die alten Volksmärchen selbst recht brutal daherkommen; weichgespült wurden sie ja erst durch diese bekannten Zeichentrickversionen, in denen alle singen. In den Märchenbüchern wird munter Blut vergossen und gestorben, es gibt brachiale Strafen für die Bösen und dramatische Prüfungen für die Guten. Insofern verfolge ich eigentlich nur brav die Tradition, wenn ich nicht zimperlich mit meinen Protagonisten umgehe. Womit ich aber tatsächlich und bewusst breche, ist die oft zu simple Moral. Moral ist inzwischen etwas hochkomplexes; unsere Gesellschaft ist mittlerweile ausgezeichnet informiert und gebildet, was bedeutet, dass wir auch komplexe Lösungen für Konflikte verstehen und verdienen.

gruenerkaefer-1024x724Eine weiße, perfekt gestylte Hexe, ein aalglatter und charismatischer Auftragskiller, ein geistesgestörter Prinz mit einem blutigen Hobby – im „Schneewittchen“ treiben sich eine Menge komischer Gestalten herum. Hast du eine Lieblingsfigur oder eine, in der vielleicht auch etwas von dir selbst steckt?

Möglicherweise ist jede Figur ein kleiner Aspekt meiner Persönlichkeit. Vielleicht bin ich insgeheim so zutiefst sarkastisch wie der Killer, aber zu nett, um das auszuleben. Vielleicht kompensiere ich meine eigenen Anwandlungen von Lebensmüdigkeit über mein suizidales Schneewittchen. Vielleicht auch nicht. Jedenfalls habe ich zu jedem einzelnen Charakter während des Schreibens eine innige Beziehung entwickelt, sogar zu den Ghulen. Aber ich würde mit keinem einzigen von ihnen zusammenleben wollen. Wenn man mich zwingen würde, zu wählen, würde ich sagen: Okay, mit den Prinzessinnen gehe ich gern mal einen Kaffee trinken. Und die weiße Hexe könnte mir Make-Up-Tipps geben. Das nächste Mal engagiere ich weniger kapriziöse Charaktere!

Wie hast du die Arbeit am „Schneewittchen” im Gegensatz zu der an deinem Gedichtband „Trotzigschön“, der im letzten Jahr errschien, empfunden? Gab es da Unterschiede?

Vom Typ her gehöre ich zu den impulsiven Spontankreativen, das heißt, wenn mich die Inspiration ruft, dann folge ich und arbeite völlig versunken stundenlang an was auch immer, bis es eben fertig ist. Das funktioniert mit Zeichnungen, mit Gedichten, ja, sogar mit Kurzgeschichten und Gemälden. Mit einem Roman funktioniert das nicht. „Schneewittchens Geister“ war in vielerlei Hinsicht das anstrengendste, was ich jemals produziert habe. Ich musste eine Handlung konstruieren, an der ich ganze zwei Jahre gefeilt habe. Ich hatte eine Vielzahl von Persönlichkeiten zu managen. Und es gab immer wieder Stellen, an denen ich enorme Probleme hatte, weiterzuschreiben. Bei einem Bild hätte ich alles wieder übermalt und noch mal neu angefangen. Hier musste ich mich durch die Durststrecken quälen. Dieser erste Roman hat mich also einiges an Nerven gekostet und einiges gelehrt: Disziplin, zum Beispiel. Geduld. Die frühen Morgenstunden zu nutzen. Alles Tugenden, die ich früher belächelt hätte.

Neben dem Schreiben malst und synchronsprichst du auch noch – wie vereinbarst du das alles miteinander im Alltag, und was ist eigentlich dein Hauptberuf?

Mein Alltag besteht aus all diesen kreativen Tätigkeiten, wahrscheinlich handelt es sich dabei darum nicht um einen Alltag im herkömmlichen Sinn. So gesehen ist die Kreativität mein Hauptberuf. Wie das so genau funktioniert, weiß ich auch nicht. Manchmal muss ich mir einen Groschen dazuverdienen, indem ich Babysitter für den Nachwuchs der benachbarten Warzengnome spiele. Die gute Bezahlung entschädigt für die Bisswunden, außerdem habe ich oft Zeit, zu schreiben, während die kleinen Biester schlafen.

Apropos Warzengnome: Wie erklärst du dir eigentlich, dass zwei sich völlig widersprechende Biografien von dir existieren? Und wie kamst du nach deinem Wanderzirkus-Leben, dem Züchten von Seegurken und Oxymoronen und dem Café für Geister ausgerechnet auf die Idee, Bücher zu schreiben?

Die eine Biografie ist natürlich frei erfunden, nämlich die, in der ich behaupte, in Stuttgart geboren zu sein und Freie Malerei studiert zu haben. Aber nachdem ich herausfand, dass sowohl die Kunst der Irrlichterjonglage als auch Gespräche mit Yetis im Lebenslauf nur zu irritierten Fragen führen, musste ich mir einen ausdenken, der mehr den gesellschaftlichen Normen entspricht. Nun ist meine wahre Vergangenheit also wieder ans Licht gekommen… Wenn man diese kennt, ist es aber doch nicht verwunderlich, wenn ich mich inzwischen nach etwas Ruhe und Abgeschiedenheit sehne, um aus meinem reichen Erfahrungsschatz schöpfend Geschichten zu Papier zu bringen. Ich kann aber zukünftige Leser beruhigen: Das Kapitel über die Seegurkenzucht werde ich nie einfließen lassen, das ist dann doch zu unappetitlich.

Das lässt zukünftige „Schneewittchen-Fans“ sicherlich beruhigt aufatmen. Planst du weitere literarische Projekte mit Periplaneta, ja sogar vielleicht neue Abenteuer um die Schneewittchen-Clique?

Ich hoffe selbstverständlich, dass dieser Roman nur der erste von vielen sein wird! Ideen hätte ich für mindestens eintausendundeine Geschichte; die praktische Umsetzung ist ein anderes Kapitel. Momentan arbeite ich bereits beinahe ausreichend diszipliniert an einem zweiten Manuskript, das aber mit „Schneewittchen“ so gar nichts zu tun hat. Dafür war ich einfach zu erleichtert, als ich diese ganzen Verrückten endlich alle so weit hatte, sich mit einem abgeschlossenen Ende zufrieden zu geben. Allerdings ist mir natürlich bewusst, dass ich nicht zu allen von ihnen fair war und die eine oder der andere eine Zukunft verdient hat. Tatsächlich besteht bereits schon länger eine grobe Handlung für eine Fortsetzung…

Wie vielversprechend! Liebe Hanna-Linn Hava, vielen Dank für das Interview.

Das gekürzte Interview und vieles mehr: in unserer Printausgabe Nr. 2 vom Dezember 2016 (mit freundlicher Genehmigung des Periplaneta Verlages).
Verfasserin:
Franziska Dreke
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Bildnachweis: Hanna-Linn Hava.

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