„Lesungen sind wie eine Belohnung für die monatelange einsame Schreibarbeit.“ – Peter Wawerzinek im Interview

Als wir Peter Wawerzinek 2017 für die Septemberausgabe unseres „Outscapes“-Magazins interviewten, hatte es gerade mal eine Begegnung zur damaligen Lesung auf Burg Ranis gegeben. Ein freundlicher, ja freundschaftlicher Mensch trat uns zu dieser Zeit entgegen.
Seitdem ist die Zeit gerannt, hat Wawerzinek gemeinsam mit Florian Günther unseren Literarischen Salon in der Geraer Theaterfabrik beehrt und mit „Geisterfahrten durch Südschweden“ im März diesen Jahres eine Roadnovel in der „Edition Outbird“ veröffentlicht. Am 14. 11. 2019 nun wird Wawerzinek ein zweites Mal in der Theaterfabrik auftreten, um Seit an Seit mit dem Klaviervirtuosen Lukas Rauchstein zum Einen „Geisterfahrt durch Südschweden“ sowie seinen unlängst erschienenen Roman „Liebestölpel“ vorzustellen sowie zum Anderen das zwei Jahre währende Gastspiel unseres Kooperationspartners „Corvus e. V.“ in der Theaterfabrik abzuschließen.
Hallo Peter, es ist schön, Dir einmal mehr auf diesem Weg zu begegnen. Du hattest im oben erwähnten Interview ja schon einige Fragen zu Deiner künstlerischen Laufbahn und Inspiration beantwortet. Im heutigen Gepräch soll es um die Gegenwart gehen. Du warst Stadtschreiber in Jena und hast eine enge Verbindung zum Lese-Zeichen e. V. und nun ja auch uns. Was bedeuten Thüringen und seine Akteure für Dich?

Ich habe mich Anfang des Jahres in eine Thüringerin verguckt, verliebt. Bin mit ihr zusammen in Rom, teile mit ihr das Leben, die Kunst, die Villa Massimo. Wir reisen zusammen herum, arbeiten jeder für sich an unseren Dingen, reden viel, bereden alles, suchen uns gegenseitig die Gegenden schmackhaft zu machen, aus denen wir jeweils stammen, also Ostseebereiche und Thüringer Landschaften, Städte, Bräuche, Sitten, Worte, Satzweisheiten, Sprüche, Namen, Leute, Gewohnheiten. Ich will am Ende von mir sagen können, ein Stück weit Thüringer zu sein, zumindest soll da was auf mich abfärben.

Du wirst in der Geraer Theaterfabrik am 14. 12. eine kleine Lesetour in Thüringen abschließen, nachdem Du am 11. 12. in der Kulturbaustelle Suhl, am 12. 12. auf Burg Ranis und am 13. 12. in der Jenaer Villa Rosenthal gelesen haben wirst. Um was geht es in den beiden Bücher des Abends – „Geisterfahrt durch Südschweden“ und „Liebestölpel“?

Ich lasse hinter mir Bilder erscheinen aus Südschweden und zum Thema Liebe. Die kann ich nicht sehen, will ich auch nicht. Die sollen jeden Abend andere sein, zufällig auftauchen und ich bin gespannt, wie die Reaktionen sein werden, auch wenn ich nicht weiß, warum die Leute sich aufführen, lachen oder murren, oder sonst was dabei von sich geben. Diese Bilder suche ich gewissenhaft aus und vermenge sie schön wie einen Teig für den Augenschmaus.

Wer Dich einmal auf der Bühne erlebt bzw. eines Deiner Werke gelesen hat, weiß zum Einen, dass Du sehr offen mit Deinem Leben umgehst. Du erwähntest zur Lesung in der Theaterfabrik 2018, dass Du in Sachen Liebe ein Tölpel seiest. Wie darf man sich das vorstellen?

Einfach reinlesen in mein Buch. Wird alles erklärt – Zitat:

„Es gäbe in der Familienbande ein Gen, das mache uns zu Trottellummen. Trottellummen sind lebenslustige, leider aber sehr unbeholfene Vögel. Auf Helgoland beheimatet. Grandiose Flieger, beherrschen ihr Flughandwerk gut. Tolle Segler, in der Luft unübertroffen. Exzellente Taucher. Unter Wasser unschlagbar. Fangen den Fisch mit unvergleichlicher Eleganz. Sehen gut aus mit ihrem weißen Gefieder, dem edlen blauschwarzen Kopf, Hals, Buckel. Mein Opa imitiert den Vogel, verrenkt sich, deutet einen Landeanflug an, schüttelt den Kopf. Versucht sich den Buckel zu kratzen, als wäre ihm dafür ein Schnabel gewachsen: Trottellummen heißen so aufgrund ihres trotteligen Ganges. Sie können nicht über ihre Zehen abrollen, sondern nur auf ihren Hacken staken. Und schon watschelt er vor mir herum, stakt auf seinen Hacken wie Chaplin. Sie leben an Land in Kolonien, sind jedoch in der Luft Einzelgänger. Nestbau und Brutpflege sind für sie eher problematisch, sie kommen damit nicht zurecht, es ist nicht ihr Metier. Mein Opa fliegt die Flügelarme ausgebreitet um mich herum. Sie sind unbestrittene Beherrscher der Lüfte, können nur eben nicht sonderlich sicher landen. Sie bauen ihre Nester an Felsklippen, Junge, legen je ein einziges Ei hinein und müssen es zu zweit auf engstem Raum ausbrüten in Nestern an steile Felswände gepappt. Nestbau und Brutpflege sind absolut nicht ihr Ding. Sind die Benachteiligten der Evolution.“

Peter Wawerzinek im November 2018 mit Florian Günther in der Geraer Theaterfabrik.

zum Anderen bist Du nicht nur der trockene Autor, der mit einem Glas Wasser vor dem Publikum sitzt, sondern Schauspieler, und zwar einer dieser scheinbar mühelosen, die da beim Lesen von einer Rolle in die nächste zu wechseln scheinen. Ist das so eine Art Instinktding, eine Naturbegabung bei Dir, physisch mit Deinen Büchern zu verschmelzen?

Lesen ist für mich die reine Belohnung. Ich schreibe immer im Winterhalbjahr. In diesen Monaten bekomme ich einen anderen Lebensrhythmus. Ich esse dann vor allem Spiegelei mit Spinat und Bratkartoffel, gehe nicht mehr ans Telefon, mache nur noch Internet, und schreibe dann einfach von früh morgens bis mittags. Werde ich müde, schlafe ich meinetwegen von 13 bis 16 Uhr, schreibe bis zum frühen Abend, gucke einen Film, schlafe dabei ein, erwache, schreibe weiter, lege mich um fünf Uhr zum Schlafen hin. So oder ungefähr. Das stehe ich mit mir allein in der Arbeitsbude aus. Das hält doch keine Partnerin aus. Ich beginne im November. Er ist mein Lieblingsmonat. Ich schätze an ihm die Klarheit der Bäume, wenn sie blattlos und nackig sind. Ich überwinde schreibend Winter und Frost und höre mit dem anfangenden Erblühen auf. Dann muss das Buch fertig sein. Welch eine Freude herrscht in mir, wenn ich im April wieder aus der Bude komme, Menschen treffe und bei Lesungen ein Publikum habe. Das Vorlesen ist dann wie eine Belohnung für die monatelange einsame Schreibarbeit.

Buch im Verlagsshop: Bitte Cover anklicken.

2018 warst Du mit dem Fotografen Bernhard Freutel in Schweden unterwegs, eine Ausstellung vorbereiten, Freunde und befreundete Künstler treffen, das Land durchstöbern, genießen und lieben lernen. Woraus dann „Geisterfahrt durch Südschweden“ entstand. Was ist Schweden für Dich? Wie würdest Du den Menschenschlag beschreiben?

Schweden rufe ich gegen die hallenden Berge, was befindet sich in Schweden. Und das Echo schreit mir zu: Eden. Schweden lässt an Nebel, Schwaden und schweben denken. Ich sehe Schweden als einen schwebenden Schwan, der Richtung Eden fliegt. Schwedenpunsch denke ich, schwedische Gardinen machen mir Angst, schwedische Streichhölzer lassen mich trauernd und weinend an das bibbernde Mädchen barfüssig denken. Im Wort Schweden sind alle Buchstaben enthalten, die man für das Wort Schnee braucht. Schweden ist mit Schnee voll sozusagen.

Derzeit nimmst Du ein Stipendium in der Villa Massimo in Rom wahr – laut Wikipedia „bedeutendste Einrichtung zur Spitzenförderung deutscher Künstlerinnen und Künstler durch Studienaufenthalte im Ausland“. Was ist Dein Auftrag dort, wie muss man sich das Schaffen in einem so renommierten Institut vorstellen?

Ich muss dort absolut nix tun und soll am Ende meiner zehn Monate Zwangspause darüber einen Bericht verfassen, was genau ich da nicht getan habe. Das ist ein Irrsinn und ich entziehe mich dem Ganzen, in dem ich gegen die Auflage verstoße, doch etwas anrichte, tue, also schreibe. Pasolini zum Beispiel. ich fahre ihm nach auf der Chaussee aus Sand, dem Titel seines Buches von 1959. Ich maile mit M. Kruppe über Themen wie wir sie aus dem Alltag und der Luft greifen. Daraus wird am Ende ein wichtiges Buch werden, darüber, wie wir denken, empfinden, drauf sind, trotz der Jahrzehnte Altersunterschied, oder eben grade deswegen.

M. Kruppe: Ich war recht überrascht, allerdings auch geehrt, dass Peter mit mir ein Buch machen will. Vor allem aber angetan von der Idee, ohne beschönigende Schnörkel in der Sprache das Ist zu analysieren. Das ist im Grunde auch anfänglich das ganze Konzept gewesen: Lass uns schreiben über alles, was unbedingt (noch) gesagt werden muss. Lass uns reden über Gott und die Welt, über Literatur und ihre Macher, lass uns reden über die Dinge, die uns ankotzen, lass uns deutlich sein ohne sprachlich zu übertreiben.

Wir wollen kein Irvine Welsh sein, aber auch keine angepasste verkaufsfreundliche Sprache verwenden. Auf alle Konventionen verzichtend, ohne dabei ein Mindestmaß an Niveau zu verlieren, entsteht ein auf einen Briefwechsel beruhendes Buch, das, wie Peter schon sagt, durchaus wichtig ist.

Was wird in nächster Zeit von Dir außerdem zu erwarten sein? Welche Zukunftspläne treiben Dich derzeit um?

Vieles habe ich noch nicht angepackt. Es fehlen mir immer noch der großartige Lyrikband, die wundersame Novelle, das umhauende Kinderbuch, der tolle Comic, die feinsinnigen Erzählungen. Und ich habe noch nie ein Songbuch verfasst, so mit Hits aus meiner Feder.

Lieber Peter, vielen herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweise: Gerd Adloff, Corvus e. V., Edition Outbird
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„Da mich Genregrenzen nicht interessieren ist für mich eine gute Geschichte vor allem eine gute Geschichte.“ – Christian von Aster im Kurzinterview

Christian von Aster, einer DER Namen in der deutschsprachigen Fantastikszene, gibt sich ein Stelldichein in Jena und Leipzig mit zwei besonderen Programmen zwischen Science Fiction und dem Grunde der Flasche. Wir kamen nicht umhin, ihm ein paar Fragen dazu zu stellen.

Hallo Christian. Am 07. 11. liest Du im Restaurant Bauersfeld (Ticketlink), was direkt im Gebäude des Jenaer Planetariums sitzt, Science Fiction-Stoffe. Was kann mensch sich unter Deiner bislang einmaligen Science Fiction-Lesung vorstellen? Was erwartet Deine Jenaer Gäste?

Da ich unter anderem zusammen mit Boris Koch zwei sehr gut besprochene Science Fiction Anthologien verfasst habe, ist die Lesung vor allem besonders. Aber nur fast einmalig. Zumal ich gerade im letzten Jahr in der Sternwarte in Suhl eine ähnliche Lesung zwischen Zukunft, Satire und Absonderlichkeit wagte.

Ist Science Fiction schon immer eines Deiner Lieblingsgenres gewesen oder lässt Du Dich als Freigeist immer auch auf die Orte ein, in denen Du liest?

Da mich Genregrenzen generell nicht interessieren ist für mich eine gute Geschichte vor allem eine gute Geschichte. Welchem Genre sie auch zuzurechnen sein mag. Bei einer Lesung aber die Orte mit einbeziehen zu können, wertet Geschichten immer noch ein wenig auf und gibt die Möglichkeit, eine weitere Ebene mit einzubauen. Wenn ich die Gelegenheit dazu habe, nehme ich die auch sehr gern wahr.

Tags darauf, am 8. 11., wirst Du in der Leipziger Beuteltier Art Galerie (Ticketlink) der sehr engagierten Galeristin Susanne Höhne zu erleben sein. Was wird die geneigten Gäste hier erwarten? Auch dieses Programm zählt ja nicht zu Deinen alltäglichen…

Vor allem alkoholaffine Texte zwischen Kunst, Schauder und Absinth. Eine auf jeden Fall ungewöhnliche Zusammenstellung, wie es sie vermutlich so kein zweites Mal geben wird. Zumal ich mir selbst noch nicht einmal ganz sicher bin, was ich alles lesen werde …

Du arbeitest ja schon eine ganze Weile mit Susanne Höhne zusammen. Was spricht aus Deiner Sicht für Sie und ihre Galerie? Was hat sie, was andere nicht haben?

Ihr Selbstverständnis als Galeristin. Dessen Fokus ein sehr eigener ist. Einerseits, weil Susanne die Kunst wirklich auf allen Ebenen in ihr Leben integriert und andererseits auch, weil sie explizit darauf achtet, dass die von ihr vertretene Kunst nicht nur elitär und auch für den kleineren Geldbeutel erschwinglich ist. Weshalb auch ich mich unter ihrer einfühlsamen Leitung schon mehr als einmal in ihrer Galerie bekunstete.

Wird es Büchertische und – für die geneigten Gäste – den ein oder anderen edlen Tropfen geben?

So weit ich weiß, wird es nebst eines raumgreifenden edeltröpfigen Angebotes auch eine opulente Büchertischlichkeit geben.

Lieber Christian, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweis: Black Cat Net
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„Im Endeffekt liefen während des Schreibens zwei Themen aufeinander zu oder konkurrierten miteinander.“ – Klaus Märkert im Interview zu „Das Besondere kommt noch“

In Kürze erscheint in der Edition Outbird der neue Roman von Klaus Märkert, dem – will man seiner Vita glauben – alterslosen Autoren-Urgestein aus dem Ruhrgebiet. Titel: „Das Besondere kommt noch“. Märkerts Bücher sind Garanten für morbiden, verstiegenen und bisweilen staubtrockenen Humor (von ihm selbst als „Nachthumor“ bezeichnet). Man kennt ihn auch als Mitbegründer und DJ der der legendären Bochumer Dark Wave-Disco „Zwischenfall (1985-2011) Dass sich hinter dem Humor seiner Short Stories und Romane auch Schrecken und Verletzbarkeit verbirgt, vermag sich manchem Leser erst mit diesem Interview erschließen.

Hallo Klaus, schön Dich hier im Interview näher kennenlernen und vorstellen zu können. Mit der 1985er Gründung des Bochumer „Zwischenfall“ hast Du eine Dark Wave-Disco mit aufgebaut, die bald überregionale Bekanntheit erlangt hatte, und in DIE musikalische Umbruchszeit schlechthin fiel. Kaum einer, der von der Musik dieser Zeit nicht maßgeblich bis heute geprägt worden wäre. Wie muss man sich das Leben als Clubbetreiber vorstellen? Wild, unberechenbar und ungesund?

Von allen 3 Dingen ein bisschen.

Als markantesten Wendepunkt in Deinem Leben gibst Du einen mit 34 ungewöhnlich frühen Herzinfarkt mit nachfolgendem Posttraumatischen Belastungssyndrom an. Wie kam es dazu und was hat sich damit in Dir und Deinem Leben verändert bzw. verändern müssen?

Die Herzkrankheit war/ist in erster Linie genetisch bedingt. Die Verwandtschaft mütterlicherseits hatte ausnahmslos dieses Leiden. Allerdings war ich mit meinen 34 Jahren das jüngste Infarkt-Opfer. Mein Zugeständnis an die Zeit danach, keine Zigaretten mehr und – etwas später – den Job als Steetworker/Sozialarbeiter schmeißen. Das Positivste: Es hat mich dem Schreiben/Autorendasein nähergebracht. Die Krankheit – insbesondere die psychische Komponente – entfernte mich zunächst auch von der Diskotheken-Szenerie und konfrontierte mich mit einer Welt des (inneren) Schreckens, der Unberechenbarkeit und Verletzbarkeit (posttraumatische Belastungsstörung), die sich wohl auch in meinen Short Storys spiegelt, wo den Protagonisten häufig und ganz unvermittelt furchtbare Dinge widerfahren. Mit dem Verfassen erster Storys begann ich automatisch meine Umgebung intensiver wahrzunehmen, gerade auch scheinbar unbedeutenden Kleinigkeiten Aufmerksamkeit zu schenken. Oft sind es diese Kleinigkeiten, die ins Notizbuch notiert und später in die Storys eingefügt dem Erzählten – und erscheine es noch so abstrus – eine gewisse Glaubwürdigkeit verleihen.

Du bist Diplom-Sozialarbeiter, hast als Taxifahrer, DJ, Schallplattenverkäufer, Diskothekenbetreiber und Musikredakteur gearbeitet? Waren diese Sprünge einer langen Lebensphase des Treibenlassens geschuldet?

Nein. Alles interessante Jobs, jedenfalls für eine gewisse Zeit. Das gesamte Arbeitsleben in ein und demselben Büro/Firma zu verbringen war für mich immer schon unvorstellbar. Ein Alptraum. Natürlich gehören zu einem erfüllten Arbeitsleben auch Ruhephasen, Um-Orientierungsphasen, meinetwegen auch Phasen des Treibenlassens.

In der Zeit nach dem Herzinfarkt vollzogst Du die Hinwendung vom DJ zum Schriftsteller und anstelle eines lauten Clubs lauerte da die Einsamkeit nächtlicher Schreibstunden. Wie ist die Wandlung vom tosenden Feiervolk zum stillen Schaffensprozess eines Autors zu schaffen? Und wieviele Jahre Schreibens lagen vor Deinem Debüt „Hab Sonne“?

Als Bücherfan schon in Kinder- und Jugendzeiten entstand recht schnell der Wunsch, selbst einmal Bücher zu schreiben, jedoch dauerte es ewig, bis ich innerlich dazu bereit war. Ideen gab es schon früh jede Menge. Weitaus komplizierter war es, die Stunden der Einsamkeit während des Schreibprozesses ertragen zu lernen, mit dem Fernziel irgendwann einmal das eigene Buch in den Händen zu halten. Das funktionierte erst in den Jahren 2006 bis 2008, in denen dann „Hab Sonne“ entstanden ist. Und der Kampf war/ist damit nicht ausgestanden. Vor jedem neuen Buchentstehungsprozess beginnt die Auseinandersetzung aufs Neue.

„Hab Sonne“ erschien beim – ebenfalls legendären – Leipziger Verlag Edition PaperONE, in dem Du Dich neben AutorInnen wie Jennifer Sonntag, Hauke von Grimm, M. Kruppe, Volly Tanner und Michael Schweßinger einreihtest. Dem ging eine intensive Verlagssuche voraus. Wie kamst Du zu Oliver Baglieris „Edition PaperONE“?

Auf der Leipziger Buchmesse im Frühjahr 2009 lernte ich Oliver Balieri kennen, der dort einen Verlagsstand hatte. Auf eben dieser Messe begegnete ich außerdem Michael Schweßinger und Hauke von Grimm, zwei Autoren der PaperONE, die dort eine Lesung hatten. Sympathie auf den ersten Blick. Nachdem ich der PaperONE mein Manuskript zugesandt hatte, ging alles ganz fix. Schon im Mai 2009 erschien „Hab Sonne“.

Welche literarischen EinflussgeberInnen gab bzw. gibt es?

Autoreneinfluss … Ist immer so eine Sache, kann man nur erahnen. Gern gelesen habe ich aus der Abteilung Short Storys: Woody Allen, Roald Dahl, Ambrose Bierce und Edgar Allen Poe. Aktuell: Heinz Strunk „Das Teemännchen“ – Romane, da gibt es unzählige. Fürs Autobiografische spielt vielleicht Henry Miller eine Vorreiterrolle (insbesondere: Wendekreis des Steinbocks), aber auch Knut Hamsuns „Hunger“, oder aktueller Michel Houellebecq (Elementarteilchen, Ausweitung der Kampfzone), sowie Andreas Altmanns Roman „Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“ haben mich jedenfalls nachhaltig beeindruckt.

Buch im Verlagsshop: Bitte Cover anklicken.

Das zentrale Thema deines vierten autobiografischen Romans sollte ursprünglich dein Weg zum Autor/Schriftsteller sein. Dann entwickelte sich parallel die Idee, „Das Besondere, was einem im Leben widerfährt“ zum Thema zu machen. Wie kam es zu dieser thematischen Wegänderung?

Die Idee entstand beim Schreiben der ersten Geschichte des Romans über den Schulfreund, der schon mit Mitte dreißig glaubte, alles Besondere im Leben hinter sich zu haben. Im Endeffekt liefen dann während des Schreibens beide Themen aufeinander zu oder konkurrierten miteinander, was ich sehr spannend fand, zumal ich über den Themenkomplex „Das Besondere“ viele recht aktuelle Begebenheiten in den Roman habe einfließen lassen können, was ihm – vielleicht sogar ungewöhnlich für eine Autobiografie – eine moderne, zeitgemäße Note gibt. Dabei blieben einige Episoden aus dem Bereich „Schreiben-Weg zum Autor“ außen vor und werden vielleicht später mal erzählt.

In Deinem neuen Roman „Das Besondere kommt noch“ lässt Du Dich literarisch von Deiner Musik treiben bzw. inspirieren. Welche Bands sind bzw. waren das?

Vorwiegend Bands aus dem Dark-Bereich mit Songs aus den 2000er – 2018er Jahren wie Myrkur, Rome, Ordo Rosarius, IamX, Lebanon Hanover aber auch Deep House, Heavenly Voices oder Club-Acts wie Monolink, Conjure One oder Molly Nilsson, dazu (Dark) Wave Classix wie Alien Sex Fiend, Skinny Puppy, Deine Lakaien, Brendan Perry oder Killing Joke bishin zum ungewöhnlichen Duo: Casper/Blixa Bargeld.

Wo wirst Du mit Deinem neuen Buch zu erleben sein?

Zunächst am 21.11.19 auf Initiative der Buchhandlung Gimmerthal im Café Cheese in Bochum Langendreer, am 29.11.19 in der Stadtbücherei Bochum-Gerthe, am 6.12.19 im Antiquariat „Le Chat Qui Lit“ in Dortmund und am 08.12.19 im Neuland (Bochum-City).

In 2020 wird es dann weitergehen, ich hoffe auch wieder in Leipzig 😊.

Lieber Klaus, vielen Dank für das Gespräch.

Danke dir, lieber Tristan für die tolle Verlagsarbeit!

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweis: Privat _____________________________________________________________________________________

„Laut nordischer Mythologie macht Honigwein die, die ihn trinken, zu Dichtern.“ – Luci van Org im Kurzinterview

Luci van Org wird am kommenden Wochenende in der Tuchfabrik Gebr. Pfau zu Crimmitschau sowie der Theaterfabrik zu Gera mit zwei ganz unterschiedlichen Programmen zu erleben sein. Wir freuen uns auf diesen besonderen Gast und haben ihr ein paar Fragen dazu gestellt.

Mit „Göttersagen & edle Trünke“ legst Du in Crimmitschau ein Programm auf, dass von Deinen bisherigen Bühnenprogrammen abweicht. Was ist das Besondere an dem Abend?

Der Abend ist ein Querschnitt aus unterschiedlichen Buchausschnitten und Kurzgeschichten, die ich in den letzten Jahren geschrieben habe. In allen geht es um Getränke- was zum einen dazu führt, dass auch Texte dabei sind, die ich noch nie vor Publikum gelesen habe- und zum anderen die wunderbare Tatsache mit sich bringt, das zur Lesung passende, sehr feine Getränke gereicht werden.

Welche Verbindung hat Honigwein zum oftmals mystischen bzw. mythologischen Background Deiner Texte?

Laut nordischer Mythologie macht Honigwein, also Met, die, die ihn trinken, zu Dichtern. Insofern ist der Metgenuss allen, die etwas aus Worten erschaffen wollen, sehr zu empfehlen.

Und die Getränke kann man vor Ort genießen?

Nicht alle. Der Schluck aus der Quelle der Weisheit beispielsweise ist nicht so leicht zu beschaffen. Aber Met wird es ganz sicher geben- und feinste, thematisch passende Whiskys, deren maßvoller Genuss ganz sicher ebenfalls Weisheit verleiht.

In der Geraer Theaterfabrik wirst Du am Samstag aus dem unlängst in der „Edition Roter Drache“ erschienenen Roman „Vagina Dentata“ lesen, und der Name verrät schon einen speziellen Stoff. Worum geht es darin?

Vagina Dentata ist ein Fantasyroman mit Götterwelten, Flüchen und magischen Orten- in dem es aber nicht um einen heiligen Gral, sondern um Feminismus geht. Er ist – das ist mir ganz wichtig- aber NICHT männerfeindlich. Im Gegenteil! Feministisch ist er trotzdem. Und lustig. Behaupten zumindest viele…

Was hat Dich zu diesem Werk inspiriert? Und was ist das Besondere am Verlag „Edition Roter Drache„?

Inspiriert hat mich mein Alltag- und der Alltag meiner Mitmenschen. Patriarchat ist scheiße! Nicht nur für die Frauen, sondern für alle Menschen. Ich wünsche mir, dass wir es gemeinsam abschaffen und durch etwas Besseres ersetzen.

Edition Roter Drache ist die allerbeste und feinste Adresse für Fantasy aus Deutschland- hier wird dieses Genre nicht nur verlegt, sondern auch gelebt und vor allen geliebt. Noch dazu ist der Verlag auch ein Fachverlag für Literatur rund um das Thema Heidentum- und wird von wundervollen Menschen gemacht. Kurzum- Edition Roter Drache ist mein ganz persönlicher Verlag der Herzen.

Kann man bei beiden Veranstaltungen wieder Bücher von Dir erwerben und signieren lassen?

Na klar!

Luci, ich danke Dir für das Gespräch.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweise: Axel Hildebrandt

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„Ich habe eine Schwäche für düstere, gespaltene Charaktere.“ – Pia Lüddecke im Interview zu „Geister“

Pia Lüddecke, eigentlich 1981 das Licht der Welt erblickende Ruhrpottlerin mit schwerer Neigung zur dunklen Romantik, rechnet in mancher Vita mal eben einhundert Jahre drauf. Was auch wesentlich stimmiger ist angesichts der schauerromantischen Einfärbung ihrer Romane „Der schwarze Teufel“ und, unlängst bei „Edition Outbird“ erschienen, „Geister“. Während ich sie nach einem Treffen in Dortmund im Frühling dieses Jahres leichtfertig als Frohnatur einstufte, trat ihrerseits ein gewisses Veto zutage. Und ja, wie soll eine Frohnatur eine derart reichhaltige dunkle Fantasie hegen? Diesen und anderen Fragen soll vorliegendes Interview auf den Grund gehen.

Pia, eigenen Angaben zufolge bist zu derzeit 138 Jahre alt. Als junges Mädchen schon brachtest Du aus den wilden Wäldern hinter Eurem Wohnhaus allerlei schaurige Geschichten mit. Wo liegen Deiner Einschätzung nach die Wurzeln Deiner dunklen Fantasie? Bei einem schwarzen Baron im Familienstammbaum? Oder einfach bei einem angeborenen Hunger nach mäandernden Erzählungen?

Wieso „Fantasie“? Alle tun immer so, als hätte ich mir das nur ausgedacht, aber Westfalen war damals echt ein wildes Pflaster. Ich habe mehrfach Werwölfe im Wald gesehen. An manchen Tagen färbte sich der Hellbach blutrot.
Von einem Baron weiß ich nichts, aber meine Mutter behauptet seit Jahren steif und fest, sie sei mit Albert Schweitzer verwandt. Der soll ja auch viel in der Wildnis unterwegs gewesen sein, so schließt sich der Kreis.

Es scheint angesichts Deiner Geschichten nur konsequent, dass Fechtsport Deine Passion ist. Was brachte Dich zum Fechten? Alte Piratengeschichten wie „Die Schatzinsel“ oder „Peter Pan“?

In der Tat 🙂 Schon als Kind habe ich mit Peter Pan und Jim Hawkins gegen die Piraten gekämpft. Zum Sportfechten kam ich dann über eine AG an meiner Schule. Wobei das irgendwie anders war, als ich es mir vorgestellt hatte. Bevor wir ein Florett halten durften, wurden wir monatelang zur Beinarbeit gedrillt. Ich glaube, ich war zuerst geschockt. Aber dann verstand ich, dass man uns lediglich optimal auf die drohende Invasion der Zombie-Piraten vorbereiten wollte!

Blutende Flüsse, Werwölfe, Zombie-Piraten: War das nicht schrecklich gruselig?

Absolut! Aber ich wusste mich ja zu verteidigen. Irgendwann während meiner wilden Jugend – das muss so in den 1890er-Jahren gewesen sein – fing ich sogar damit an, mich absichtlich zu gruseln. Ich war wahnsinnig neugierig, probierte alles aus: Nachtwanderungen über Friedhöfe, Geisterbeschwörung, Gläserrücken, die ganze Palette.
Einmal habe ich beim Übernachtungsbesuch bei einer Freundin alle Kreuze im Haus umgedreht, weil ich testen wollte, ob es stimmt, dass man dann um Mitternacht den Teufel im Spiegel sehen kann (ich verrate nicht, was passiert ist, weil das die Leute beunruhigen könnte …).

Das klassische Rollenklischee weiß von reihenweise gieksenden Mädchen zu raunen, die bei der kleinsten Spinne in Hysterie verfallen, Du jedoch warst schon sehr früh ein Junkie des gepflegten Grusels. Empfandest Du Dich als junges Mädchen als „anders als die Anderen“?

Was soll das denn heißen? Willst du damit sagen, ich bin nicht normal oder was? 🙂 Scherz beiseite. Es stimmt schon, dass ich als junges Mädchen oft die Durchgeknallte war. Das ist heute immer noch so. Nur kenne ich inzwischen mehr Leute, die ähnlich durchgeknallt sind.

Was begeistert Dich an der Schauerromantik?

Ich habe eine Schwäche für düstere, gespaltene Charaktere. Und ich liebe es, wenn die Atmosphäre dir einen kalten Schauer über den Rücken jagt, obwohl auf der Handlungsebene noch gar nicht viel passiert ist: Alte Herrenhäuser und neblige Wälder, bei denen man nicht weiß, was sich in ihnen verbirgt, das Knarren einer Tür oder der Flügelschlag einer Krähe … In solche Welten einzutauchen, ist besser als jeder Drogenrausch.
Das ist übrigens auch ein Running Gag, der sich durch mein neues Buch „Geister“ zieht: Die beiden Protagonisten Tom und Juri werden von ihrem Umfeld ständig verdächtigt, dass sie in ihrer Freizeit heimlich Alkohol trinken und Drogen nehmen, während sie sich in Wirklichkeit Schauergeschichten erzählen und in einem von Bergbauschäden durchlöcherten Waldgebiet (in dem echt unheimliche Dinge vor sich gehen) nach einem mysteriösen Schatz suchen (man kann darüber streiten, welche Freizeitbeschäftigung risikobehafteter ist …).

Buch im Verlagsshop: Bitte Cover anklicken.

In „Geister“ geht es neben der Freundschaft Toms zu dem mysteriösen Juri, wohnhaft in einer verfallenen Villa, um eine nur alle sieben Jahre blühende blaue Blume und das mit ihr in Verbindung stehende Gerücht eines Goldschatzes. Wie kommst Du zu solchen Stoffen oder wie kommen solche Stoffe vielmehr zu Dir? Wo holst Du Dir Deine Inspirationen?

Nun ja, wenn man Literatur studiert, stolpert man früher oder später zwangsläufig über das Motiv der „blauen Blume“. Außerdem treibe ich mich für meine Arbeit als Redakteurin häufiger in Stadtarchiven herum. In einer Schrift stieß ich auf eine alte Ruhrgebietslegende, nach der eine seltene blaue Blume auf einen Goldschatz hinweisen soll. Drittens sieht Jonathan Harker auf seiner Fahrt zum Dracula-Schloss eine geisterhafte blaue Flamme am Wegesrand aufleuchten. Dann habe ich auch noch geträumt, dass sich meine Haare blau verfärbt hätten. Es passte alles zusammen!
Davon abgesehen inspirieren mich sehr oft auch gemalte Bilder oder Momente in der Natur, die in mir eine bestimmte starke Stimmung auslösen.

Mittlerweile gehörst Du ja zum Kreise derjenigen, deren Cover die grafische Handschrift eines Holger Much tragen, jenes überaus angenehm verrückten Künstlers, der da in vielerlei Hinsicht in dunkle Projekte involviert ist. Wie kam es dazu?

Als ich in den Schwarzen Salon aufgenommen wurde, habe ich Holger geschrieben: Ich liebe deine Bilder! Das war nicht übertrieben: Diese Bilder erzählen ihre eigenen Geschichten. Und man fragt sich automatisch, wie es weitergeht, was hinter dem Bildrand passiert. Das ist wirklich überaus inspirierend!
Wie es zur Zusammenarbeit kam? Wenn ich mich richtig erinnere, hast du ihn angehauen, ob er das Cover zu „Geister“ gestalten möchte. Und ich habe Luftsprünge gemacht, als ich davon hörte (ja, in solchen Momenten kommt meine „Frohnatur“ doch mal zum Vorschein)! Übrigens war Holgers erste Bemerkung bei unserem Telefonat (ich hatte den Inhalt des Buches gerade in drei Sätzen zusammengefasst, das Stichwort „Treppenabsatz“ war gefallen): „Mit einem hohen gotischen Fenster, durch das der Vollmond herein scheint? Die Geister schemenhaft im Hintergrund?« Seitdem glaube ich, der Mensch kann auch Gedanken gelesen.

Ganz augenscheinlich gewinnt die Zeit mit jedem verronnenen Lebensjahr an Tempo hinzu. Siehst Du in Deinen Romanen manchmal noch eine andere Auswirkung als die Beflügelung der Fantasie Deiner LeserInnen, beispielsweise Entschleunigung und ein „aus der Zeit fallen“?

Hmmm. Nee. Ich glaube / hoffe, meine Texte sind so aufregend, dass man nicht zum Entschleunigen kommt.

Du bist, scheint´s, beständig in Bewegung, hast fortlaufend neue Ideen. Klar kann man klassische „Glas Wasser“-Leseformate anbieten, Du aber trittst mit Deinem Partner auf, einem begnadeten Gitarristen, bringst Deine Stoffe auf Hörspiele, fertigst Trailer an und und und… Was treibt Dich an? Wie koordinierst Du all dieses viele Kleinklein, das dahintersteckt?

Pia Lüddeckes Romandebüt.

Was mich antreibt: Ehrgeiz. Das ist eigentlich ganz schlimm. Aber ich muss immer alles hundertzwanzigprozentig machen und damit treibe ich einige Leute in den Wahnsinn. Andererseits: Wenn wir mal ehrlich sind, kommt man mit einer normalen „Wasserglas-Lesung“ heutzutage nicht gegen Netflix an, außer man ist total berühmt. Und das ist sehr schade, weil es auch abseits des Mainstream so viele wunderbare Geschichten gibt. Also muss man sich was einfallen lassen.
Natürlich ist das viel Arbeit. Alleine könnte ich das neben dem Vollzeitjob nicht stemmen. Zum Glück habe ich viele wunderbare Menschen, die mich mit ihrem Know-how und ihrer Kreativität unterstützten, allen voran Benjamin alias „Ernest“ (dem ich das Kompliment „begnadeter Gitarrist“ gerne weiterleite), aber auch Freunde und Kollegen. Beispielsweise haben alle Schauspieler, die auf meinem Hörspiel zu hören sind, komplett ehrenamtlich gearbeitet, ebenso die beiden Tontechniker. Das gleiche gilt für Jaana Redflower, die momentan den Trailer für die „Geister“ zusammenbastelt. Daher an dieser Stelle noch mal an euch alle: Danke!

Zwei letzte Fragen noch: Was ist Dein sehnlichster Wunsch als Autorin? Und wo siehst Du Dich in zehn, fünfzehn Jahren?

Dann wäre ich so circa 150 Jahre alt. Mal überlegen … Ich sehe mich auf der Veranda eines alten Spukhauses sitzend, mit Blick auf einen grünen See, den Laptop und ein kaltes „Fiege Bernstein“ vor mir auf dem Tisch, an meinem vierundzwanzigsten Roman feilend, weil ich jetzt nämlich hauptberuflich Schriftstellerin und dazu sehr wohlhabend bin und endlich die Zeit habe, die vielen Geschichten, die mir im Kopf herumschwirren, auf Papier zu bringen, ohne durch so nervige Sachen wie „Putzen“ oder „Geld verdienen“ davon abgehalten zu werden…
Ja, ich weiß. Man wird ja wohl noch ein bisschen träumen dürfen. 🙂

Vielen lieben Dank für das Interview!

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweise: Eberhard Kamm, Edition Outbird, Ventura Verlag

„Es sind jene, die in den Schatten hausen, die mich schon immer faszinieren“ – Holger Much im Interview

Holger Much ist einer dieser hochkreativen Vielkanalkommunikatoren, die sich in unserem Netzwerk bewegen. Als sympathischer Typ mit durchaus erträglichem schwäbischem Akzent, der er ist, hinterlässt der Maler, Grafiker, Illustrator und Musiker Much zahlreiche Spuren in den Werken befreundeter KünstlerInnen und den Gemütern seiner wachsenden Liebhaberschaft. H. R. Giger, Luci van Org, Asp Spreng, Faun, Letzte Instanz, Illuminate, Christian von Aster und viele andere Namen tauchen auf, wenn man sich mit Holgers Schaffen auseinander setzt.

Bei Edition Outbird debütierte Holger Much im Sommer 2018 mit der Covergrafik zu Susanne Agnes Fausers Roman „Lilian“, im September 2019 folgte die Covergestaltung zu Pia Lüddeckes Werk der Schauerromantik „Geister“. Und nun endlich auch Zeit, mit Holger über sein Werk zu reden.Holger, Dich umgibt ein ziemlich breitgefächertes Kaleidoskop vorwiegend dunkler Künste, die Liste Deiner Kooperationen und künstlerischen Gemeinschaftsprojekte wird kontinuierlich länger. Was ist das Geheimnis Deines Erfolgs? Sympathie und Bescheidenheit? Lebenshunger? Die Schönheit menschlichen Miteinanders?

Lieber Tristan, zunächst einem herzlichen Dank für Dein Interesse an dem „sympathischer Typ mit durchaus erträglichem schwäbischem Akzent“ – ach ist das herrlich.

Setz Dich, nimm Dir einen Kaffee. Zucker? 🙂

Habe ich Erfolg? Diese Frage stelle ich mir immer wieder. Und ertappe mich ständig dabei, dass ich jedes „erfolgreich“ abgeschlossene Projekt, sei es ein Buch, eine Ausstellung oder Lesung oder ein musikalisches Projekt, mit den Gedanken „Ach, das war doch nur wieder Glück…“ begleite. Abgesehen davon hast Du schon sehr viele sicher wichtige Punkte genannt: Sympathie – den beeindruckenden Künstlerpersönlichkeiten gegenüber, mit denen ich nun zusammenarbeiten darf. Und ja, Bescheidenheit vielleicht – hoffentlich, denn ich fühle bei jedem neuen Projekt diese warme Mischung aus tiefer Dankbarkeit und leiser Verwunderung.

Lebenshunger!? Auf jeden Fall! Ich musste und durfte im Laufe meines mäandernden Lebens immer wieder feststellen, dass es das Realisieren von kreativen Träumen das Erschaffen von Welten ist, was mich antreibt und dem Sein einen Sinn gibt. Und bei all dem – es klang vorher schon an – ist es die Schönheit menschlichen Miteinanders, die die Schönheit dessen, was ich tun darf, noch vervollkommnet. Ich liebe all diese herrlichen, klugen, teils komplizierten und extrem schöpferischen Geister, die mir auf die ein oder andere Weise gestatten, an ihrem Lebenswerk ein Stückchen mitzugestalten. Und das ist, bedenkt man es, ein großes Geschenk.

Susanne Agnes Fausers „Lilian“: Zum Verlagsshop bitte Cover anklicken.

Ganz zum Schluß, so hoffe ich zumindest, kommt dann vielleicht doch auch ein klein wenig künstlerisches Können und Handwerk dazu und, wie ich von Herrn von Aster gelernt habe, „Magie“!

Wie würdest Du Deine künstlerische Handschrift beschreiben? Mit welchen Techniken und Materialien arbeitest Du?

Hmmm … den ersten Teil der Frage sollten vielleicht besser andere beurteilen als ich selbst. Aber soweit es mir möglich ist, es zu beurteilen, würde ich meinen Stil als düster-märchenhaft beschreiben. Mich interessiert selten bis nie das grelle Licht, das keine Geheimnisse offenlässt, noch das wirkliche absolute Dunkel – es sind jene, die in den Schatten hausen, die mich schon immer faszinieren. Dabei versuche ich den unmöglichen Spagat zu schaffen, das Schattenhaft-Nebelhafte mit meiner Liebe für klitzekleinste Details zu vereinen. Zudem ist es mir wichtig, mich vom Stil her nicht allzu sehr an Bestehendes, Beliebtes anzulehnen – sei es die typische Optik der Fantasy-Illustrationen oder der typische Strich von großen Helden wie Brian Froud, John Bauer, Theodor Kitteln oder John Howe.

Ich arbeite chaotisch. Da kommt alles drauf und rein was passt! Aquarell, Tempera, Acryl, Bleistift, Farbstifte, farbige Tuschen, Ölfarben. Dadurch entstehen die tiefen Oberflächenstrukturen, die ich so mag. Alles lebt und vibriert und wuselt. In den vergangenen Jahren habe ich diesen Stil auf das digitale Zeichnen übertragen.

Du arbeitest als Grafiker und Illustrator, aber auch als Musiker. Was sind Deine künstlerischen Wurzeln, was Deine hervorstechendsten Werke und welche Ziele hast Du noch?

Oh, so viele Fragen auf einmal. 🙂 Ich denke, meine künstlerischen Wurzeln liegen in der ambivalenten Faszination der Natur, von der es bei uns auf der Schwäbischen Alb genug zu erleben gilt. Schon immer „lebte“ dort für mich alles. Dazu kamen einschneidende Erlebnisse wie Tolkiens „Herr der Ringe“, der Film Ralph Bakshis dazu (später dann natürlich Jacksons Verfilmung), „Der dunkle Kristall“ oder die leider völlig verkannten Muminbücher von Tove Jansson. Diese Kostbarkeiten skurriler stiller Schönheit sind nur jedem zu empfehlen, egal welchen Alters.

Meine künstlerischen Heroen – von Froud bis Kittelsen – habe ich schon genannt. Und in der Musik waren es die Klänge von Jethro Tull, Andreas Vollenweider, Clannad oder Kate Bush, die meine frühe Jugend und damit mich bis zum heutigen Tag prägen … Klänge, in denen man die Natur hören kann, voller Magie, skurriler Schönheit – und Melancholie…

Die Frage nach meinen hervorstechendsten Werken ist fast unmöglich zu beantworten, sind es doch mittlerweile so viele. Und ich liebe jedes meiner „Kinder“. Aber vielleicht darf ich die Bücher mit Asp sowie Christian von Aster nennen, das Cover für Ally Storchs Album „Up“, musikalisch den „Koboldtanz“, den es im Buch „Das Koboltikum“ zu hören gibt. Die Sonderedition des Stückes ist komplett vergriffen. Und mein Kelpy-Album „Tanz in den Tod“, auf den so viele wunderbare Menschen mitgewirkt haben … auch hier wieder: Magie! 🙂

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Du kannst auf die einzigartige Erfahrung zurückblicken, mit H. R. Giger zusammengearbeitet zu haben. Wie kam es zu dieser Symbiose und wie gestaltete sich Eure Zusammenarbeit?

Damals hatte ich wirklich die Hosen gestrichen voll. Ich arbeitete mit Achim Schnorrer zusammen (Schwermetall, Comic-Salon-Erlangen), und er wiederum gab ein kleines edles Werk heraus, die „Giger Mini Galerie“. Für die Sonderedition jedes Buches sollte eine Radierung – ein Blatt im Ätz-Tiefdruckverfahren – beigelegt werden, signiert vom Meister. Und da Giger selbst die Technik der Radierung nicht beherrschte, kam ich ins Spiel. Er schickte – meist mitten in der Nacht, wenn alles außer ihm schlief – Skizzen und Motive per Fax (ja, sowas gab es damals noch), und am nächsten Abend telefonierten wir dann und besprachen, was er sich vorstellte. Meine Aufgabe war es dann, seine Motive mittels Kupferplatte, Radiernadel, Asphaltlack und Säure – und Druckerpresse natürlich – zu vervielfältigen. Ich war starr vor Ehrfurcht. Und bin stolz bis heute, dass ich mit ihm zusammenarbeiten durfte. Und ein wenig ungläubig…

Wesentliches Merkmal Deiner Arbeit sind magische, fantastische, dunkle Spielarten, Du gestaltest Cover für Edition Roter Drache, den Leseratten-Verlag, Periplaneta und Edition Outbird und bist mittlerweile eine feste Größe auf dem jährlichen WGT. Immer wieder auch begegnet Deine Arbeit den Werken von Magiern wie Kenneth Grant als Schüler Aleister Crowleys oder der Schamanin Susanne Agnes Fauser. Man kommt um die Vermutung nicht drumherum, dass Magie ein wesentliches Element Deines Wesens ist – ist dem so?

Hm. Da ich aktuell am Cover eines weiteren magischen Buches arbeite – hihi – und das Wort Magie bereits mehrfach fiel, ohne dass ich wusste, dass Du diese Frage stellen würdest, kann ich es schlecht verneinen. Wobei ich nicht zu jenen Menschen gehöre, die nachts an Feuern magische Rituale vollziehen. Zudem könnte man natürlich Bücher darüber füllen, was „Magie“ denn bitteschön ist. Wie bereits vorher gesagt: die Dinge hinter den Dingen. Für mich spielt sie eine mittlerweile immer größere Rolle im Leben, aber eher in dem Sinn, dass ich versuche, einen Zustand zu erreichen, in dem man auf den Wogen von … etwas … treibt, das einen trägt und lenkt – und das durchaus in eine Richtung, die man ansteuert. Ein Flow, den ich auch beim Zeichnen erreiche … vielleicht ist Zeichnen eines meiner Rituale, um jene Mächte oder Götter zu beschwören, die mich beflügeln… (und ja, Kaffee ist die einzige „Droge“, die mich hierbei unterstützt…)

In und seit den letzten Jahren gab und gibt es zahlreiche Entwicklungen, Vernetzungen und Veröffentlichungen, die ihre Wurzeln in der Gothic- oder Fantastik-Kultur verorten und in eine gedeihliche Verlags- und Literaturlandschaft mündeten. Wie schätzt Du diese einzigartige Kultur ein, welche Mängel, Erfolge und Ziele siehst Du?

Das zu beurteilen möchte ich mir als jemand, der sich dennoch eher als Randfigur sieht und definitiv nicht als Fachmann, eher nicht zumuten. Was ich ganz persönlich sagen kann ist, dass ich in dieser Szene und bei diesen Leuten einfach jene Bereitschaft sehe, Träume zu leben, für die Kunst zu leben und Kreativität den ihr gebührenden Raum zu geben. Es sind Idealisten. Es sind – im BESTEN Sinne – Träumer, Zauberer, Macher – und alle, so unterschiedlich sie auch sein mögen, mit Herz. Eine kleine – nun erlaube ich mir, etwas sentimental zu werden – Familie. Und dies erleben zu dürfen, tut mir, und sei es nur aus der Ferne, unheimlich gut. Es wäre schön, wenn all dies möglichst lang erhalten bliebe und nicht zu sehr in reines – ich verwende hier nun bewusst die englische Formulierung – „Business“ abrutschen würde.

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Deine Arbeiten müssen ein Fest für (nicht nur) Synästheten sein, die Buchmesse Saar schreibt: „Es wispert und raunt in seinen Bildern, Blätter rascheln und grüne Augen glimmen in den Schatten.“ Manchmal flattert ein traurig dreinblickender Flummel, manchmal gleitet ein prächtiger Tintenphönix vorbei. Woher nimmst Du Deine Inspirationen?

Ja, das haben sie wirklich schön geschrieben, die Saar-Buchmesse-Leute. Inspiration ist in mir. Jeden Tag. Jede Sekunde. Oft werde ich regelrecht davon überflutet, so dass ich, während ich mit all diesen Wesen und Dingen kommuniziere, nach außen wohl oft etwas abwesend – manche sagten auch schon „arrogant“ – wirke. Und je mehr ich arbeite, desto mehr kommt … von irgendwo … nach … der Flow eben, die Magie…

Blick ins Nähkästchen und zugleich letzte Frage: Was wird in der nächsten Zeit von Dir zu erwarten sein?

Ohhhhkay ;-), nun, wie gesagt, da ist ein wunderbares High-Fantasy-Werk mit einem ebensolchen Cover von mir bei der Edition Roter Drache in der Pipeline, ein herrliches Stück Schauerliteratur von Frau Lüddecke, dann ein magisches Werk eines wunderbaren Herrn, das wohl auch bei Euch erscheinen soll. Und dann ist im Hintergrund mein musikalisches Projekt „Kelpy“ aktiv, dort werden Klänge gewebt mit wunderbaren Menschen, Videos erschaffen, man darf bespannt sein. Und dann bin ich an etwas, in jeder freien Sekunde meiner Zeit, über das ich noch nicht sprechen darf…

Lieber Holger, vielen Dank für das Gespräch.

Lieber Tristan, ich danke Dir! 🙂

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweise: Frank Luger, Holger Much, Edition Outbird
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„Staunen und die Neugier sind bei mir weitaus stärker als Ängste“ – Michael Schweßinger im Interview zu „In Buxtehude ist noch Platz“

Michael Schweßinger hat´s wieder getan. In diesen Tagen erscheint in der „Edition Outbird“ sein Erzählband „In Buxtehude ist noch Platz“, mit dem grafischen Herzblut von Benjamin Schmidt verfeinert und liebevoll lektoriert von Isa Theobald. Spätestens mit diesem Buchtitel dürfte der letzte Zweifel darüber verschwinden, dass Schweßinger charaktervollen, bisweilen gut abgehangenen Humor hat. Dieses Buch ist eine Sammlung von Momentaufnahmen, die auf seinen Reisen und Aufenthalten weit verstreut auf und um diese(r) Erde entstanden. Und so fühlt sich der Lesegenuss auch an: Mal ist sein Erzählsound weich und fließend und beinahe poetisch, mal schimmert da was Holpriges durch, als würde man mit ihm auf irgendeinem klapprigen Bike irgendwo in der Pampa die Mentalität der Umgebung erkunden, mal kommt da die Ahnung auf, dass die ein oder andere Erzählung irgendwo zwischen Suff, Kater und exotischen Dialogen entstanden ist.

Hallo Michael, „In Buxtehude ist noch Platz“ ist ein Buch, dass sich regelrecht entfalten durfte, nirgends hetzte da ein Zeitplan, und nun ist es da. Was hat diesen Erzählband entstehen lassen? Aufräumarbeiten liegengebliebener Texte auf der Festplatte? Pure Lust auf einen erzählerischen Blick in die Ferne? Oder dringend notwendiges Korrektiv zu dieser zunehmenden Kleingeistigkeit besorgter Bürger, diese Welt könne zu groß sein? Was hast Du damit zu sagen?

Ich muss sagen, ich bin nicht der strukturierteste Mensch, wenn es ums Schreiben geht. Manchmal habe ich Lust zwei Tage durchzuschreiben, dann fliegt das wieder in die Ecke, weil die Welt um mich herum gerade spannender ist. Jostein Gaarder prägte in einem seiner unbekannteren Bücher über Aurelius Augustinus mal den Satz: Wir müssen erst leben, dann können wir philosophieren. Also bei mir steht das Erleben immer an erster Stelle und es geht einher mit dieser Neugier auf die Welt, dann schreib ich das irgendwann auf. Der Ursprung der Philosophie ist das Staunen, sagte Aristoteles, wenn ich mich recht entsinne. Auch ein wunderbarer Satz in seiner Einfachheit, weil uns das leicht abhanden kommt, dieses Staunen. Und dieses Staunen und die Neugier sind bei mir weitaus stärker als irgendwelche Ängste, jemand könnte mir etwas Böses wollen. Die Texte für „Buxtehude“ sind in den letzten fünf Jahren entstanden und irgendwo in Europa aufgeschrieben worden, also war mein Anliegen diese Texte zu publizieren, dann weiß ich erstens, wo ich sie finde – denn normalerweise türmen sie sich sonst zu unübersichtlichen Stapeln – und zweitens, dass sie mir egal sein können. So handhabe ich es immer. Was publiziert ist, geht mich als Künstler nix mehr an. Korrektiv? Nun ja, wem die Welt zu groß ist, der wird durch meine Texte auch nicht davon ablassen sie als Bedrohung zu empfinden, da mach ich mir gerade nicht so viele Illusionen, aber wenn einige Menschen ein wenig Freude daran haben, dann ist das doch schon ne schöne Sache.

Dein Erzählsound ist mal weich und fließend, mal Punk, mal verstiegener Humor, und immer schimmert da eine umfangreiche Datenbank an gesammeltem Wissen durch. Wenn Du Dich als Schriftsteller auf dieser literarischen Welt verorten solltest – mit welchen Worten würdest Du Dich beschreiben?

Also Selbstbeschreibung und Verortung ist nicht meine Stärke. Da gibt es nur wieder Zank und Eifersüchteleien zwischen meinen Selbsten. Hat wohl keiner besser beschrieben als Pessoa und deshalb lasse ich ihm hier den Vortritt: „Jeder von uns ist mehrere, ist viele, ist ein Übermaß an Selbsten. Deshalb ist, wer die Umgebung verachtet, nicht derselbe, der sich an ihr erfreut oder unter ihr leidet. In der weitläufigen Kolonie unseres Seins gibt es Leute von mancherlei Art, die auf unterschiedliche Weise denken und fühlen.“

Buch im Verlagsshop: Bitte Cover anklicken.

Verlierst Du ob der vielen Reisen manchmal den Überblick über die Struktur der Welt und über Deine Bestimmung? Manchmal glaubt man, Du bist Globetrotter und Wissenssammler, meistens Bäcker, manchmal hilfst Du Menschen bei Behördenwegen und neben Deinen ethnologischen Wurzeln könnte man Dich für einen Sozialarbeiter halten.

Überblick über die Struktur der Welt und Bestimmung habe ich nicht, braucht es auch nicht. Das ist mir zu statisch und zu kompliziert. Da braucht es eine Menge Baugerüst im Hirn für. Ich liebe es da eher in Assoziationen zu denken, also wie alles aufeinander reagiert, ineinander überfließt, entsteht und vergeht. Die Tage bin ich zufällig auf den Mardalsfossen gestoßen, das ist ein Wasserfall, der stürzt 297 Meter tief ins Tal Eikesdalen und ist der vierthöchste Wasserfall der Welt. Ich fuhr einfach ein wenig durch die Fjorde und dann sieht man diese Urgewalt und denkt sich, da laufe ich jetzt mal hin, das ist ja irre schön, wie der seine eigenen Regenbögen erzeugt. Grundsätzlich mache ich auf meinen Reisen die Erfahrung, dass die wenigsten Menschen, denen ich begegne, mir negativ gesonnen sind. Also gehe ich einfach nach der Maxime: Ach da warst du noch nicht, da gehste jetzt mal hin. Es gibt ja überall was zu entdecken. Und mein Unwissen ist mir immer eine ausgezeichnete Motivation. Ich halt es da mit Paul Bowles: „Jede einzelne Stunde, die er mit offenen Augen verbracht hat, wird ihn ein Stückchen auf dem Weg zu einem Verständnis der Welt weitergebracht haben, und das ist schließlich der wahrhaftigste Gradmesser für Kultur, den wir bisher gefunden haben.“

Welche Länder entdeckt und durchquert Mensch mit Deinem Buch?

Ach das sind jetzt so viele, die mag jetzt gar nicht alle aufzählen, irgendwo zwischen Irland, La Gomera, Rumänien, Finnland, ich glaube es sind ein gutes Dutzend, aber Benjamin Schmidt, der das Buch wunderbar gestaltet hat, hat da so ne tolle Europakarte reingebastelt und ich hab mir die GPS-Daten zu den Entstehungsorten der Geschichten rausgesucht und dann haben wir das verortet, eigentlich weil ich wissen wollte, ob eine bestimmte Gegend einen bestimmten Sound beim Schreiben erzeugt, aber hab das noch nicht weiter verfolgt, weil wieder mal die Welt spannender war.

Dein Buch offenbart recht schnell Deinen Sinn für Humor. Du schreibst über einen Kotzexpress, das Sammeln exotischer Dialoge, die Stunde der Mittagsdämonen, aber auch mit spürbarem Genuss über die bahnbrechende Schweigsamkeit eines Müllers irgendwo kurz vor Lappland. Gerade die Skizzen von Menschen und Szenerien sind pures Herzblut. Haben Dein Wissensdurst und Dein Schreiberhirn irgendwann auch mal Pause?

Ja, wenn ich Brot backe, komme ich ziemlich gut runter. Das ist fast ne meditative Tätigkeit und entspannt die Birne ungemein.

Schweßingers Vorgänger „Robinsonaden vom 40. Breitengrad“ bei Edition Outbird: Zum Verlagsshop bitte anklicken.

Wie „verwaltet“ Dein Wertesystem menschliche Begegnungen, derer Du ja ganz offenbar viele hast? Lässt Du nach der Abreise wieder los? Bleiben Freundschaften auf Distanz?

Ach, ich lass das einfach fließen. Hab da kein festes System. Man bleibt sich natürlich verbunden durch die gemeinsame Erfahrung, auch wenn man nicht ständig miteinander kommuniziert. Ich sags mal so, wenn ich in Lettland ne Autopanne hätte, wüsste ich, dass mich jemand abholen würde und was den größeren Rahmen betrifft, wir sind ja alle nur Gast auf Erden.

Wenn man Dich und Deine Bücher kennenlernt, weiß man um zwei beständige Begleitthemen: das Trinken und der Zustand dieser Welt, in der eine Menge konsumgesättigte, hassgeladene Menschen herumlaufen. Dein Kind fragt Dich in Gedanken, warum Menschen ertrinken, Du selbst siehst Europa als ein Kontinent, der seine Würde verloren hat. Wie siehst Du die derzeitige politische Lage? Warum kann Konsum ganz offensichtlich nicht glücklich machen?

Konsum kann aus dem einfachen Grund nicht glücklich machen, weil die Menschen in unseren Breiten schon längst glücklich wären, sind sie aber anscheinend nicht. Die Fragen an die Welt verändern sich natürlich mit Kind. Es ist nicht schön, einen moralischen Schrottplatz für die nächste Generation zu hinterlassen. Was wollen wir weitergeben? Was macht uns als Menschen denn aus? Die Anhäufung von materiellen Dingen? Je mehr ich unterwegs bin, desto unwichtiger wird mir das alles. Was bleibt, ist ja nicht das Materielle, sondern das Lebendige. Begegnungen mit Menschen und Landschaften. Frag mich nach einem Film oder gekauften Gegenstand aus dem Jahre 2015, keine Ahnung, aber ich weiß wahrscheinlich bis ans Ende meiner Tage, wie wunderbar es ist, wenn man auf der Burg Montségur steht und plötzlich der Himmel aufreißt und den Blick freigibt auf die verschneiten Pyrenäengipfel.

Welche Auswege bieten sich Menschen, die einfach nur noch Frieden und Stille wollen – weglaufen? Ist es damit getan oder wäre das nicht feige?

Keine Ahnung, da fragst du den Falschen. Also bei Frieden und Stille kenn ich mich nicht so gut aus. Wenn du die Antwort kennst, wäre ich auch daran interessiert. Grundsätzlich nimmt man sich immer mit, egal wie weit man reist. Jeder Mensch hat vermutlich seine Form von Eskapismus. Was dem einen die Gartenlaube, ist dem anderen die Ferne. Ich komme ganz gut mit mir klar, wenn mich die Welt vielfach und unterschiedlich spiegelt und mir nicht diese eine Identität aufzwingt. Unterwegs zu sein, heißt sich immer wieder neu erschaffen. Neue Seiten an sich entdecken, sich auf neue Umgebungen und Kulturen einzulassen. Das scheint mir das Gegenteil von feige zu sein. Da muss aber jeder seinen Weg finden. Was dem einen Heilmittel, ist dem anderen Gift.

Thema Trinken. Kaum einer, den ich kenne, der nicht gerne einen trinkt. Selbst, wenn Du die sich beständig wiederholende Steigerungsform Kaffee-Bier-Whiskey in einem abgeranzten Pub irgendwo in der Peripherie Irlands beschreibst, bekommt man Lust, umgehend dort anzudocken. Bist Du mit Leib und Seele Trinker? Und – Frage für Einsteiger – was definiert den Begriff „Trinkermelancholie“?

Trinken ist ein gutes Schmiermittel, manchmal auch um einer lahmen Story auf die Beine zu helfen. In dieser Story, die irgendwo in Kerry spielt, war es aber schon ne recht heftige Trinkerei. Also ich trinke schon gerne. Aber mit Leib und Seele? Also jetzt bin ich gerade in Norwegen und meine grob überschlagene Alkoholdosis liegt wegen der puritanischen Preise für Alkoholika bei 0,1 Liter Bier am Tag und ich bin nach zwei Monaten noch am Leben und beschäftige mich mit anderen angenehmen Sachen, wie Mountain-Biken oder Bergwandern, das habe ich schon Ewigkeiten nicht mehr gemacht und das ist einfach auch super, sich mal den eigenen Gewohnheiten zu verweigern und die Spurrinne zu wechseln. Und natürlich ein gutes Gefühl, hin und wieder König Alkohol eins in die Fresse zu geben, bevor er zu aufdringlich wird.
Trinkermelancholie, hmmh, wenn irgendwann beim Trinken plötzlich der Kanaldeckel aufgeht und du die „Unknown Pleasures“ als zu fröhlich empfindest, dann bist du in der Trinkermelancholie, würde ich sagen, oftmals natürlich dadurch auch viel Erkenntnisgewinn. Erkenntnis kommt ja meistens von den Rändern, nicht von der Mitte. Der Schweizer Schriftsteller Ludwig Hohl, der diesen Erkenntnisgewinn auf vier Stunden nach dem Vollrausch datiert hat, hat das mal so schön pathetisch ausgedrückt: „Dieses Zwischenreich, worin Psychologie und Alchemie, Metamorphose und Transsubstantation, Vergiftung und Leere, Nacht und Tag, Traum und Schrift, Grablegung und Auferstehung sich überlagern und manchmal komprimieren zu jenem herrlichen Moment unseres Lebens, wenn unser Denken vom Subjektiven ins Objektive umschlägt – Moment des überwundenen Todes.“

Irgendwo in Deinem Buch klingt durch, dass Du nach all den Jahren gar keine Lust mehr auf Brot backen hast, dennoch machst Du es, scheint´s, mit ganzem Herzen. Ist das einer Deiner ureigenen Widersprüche?

Ohne meinen Job könnte ich nicht reisen und ohne zu reisen, könnte ich nicht schreiben. Das ist so ein Grundparameter, dass ich nur aus der Entfremdung heraus die Dinge klarer sehe, so eine Art teilnehmende Beobachtung der Welt. Ein Schreibtisch ist mir null Inspiration, ich brauche da das Lebendige um mich herum und auch die Distanz. Manchmal hat man mehr Freude beim Backen, manchmal ist es einfach nur ein Job, da geht es mir grundsätzlich nicht anders als anderen Menschen. Wenn man gerade in einer kreativen oder philosophischen Phase ist, muss man schauen, dass man die Welten nicht zu sehr durcheinander bringt. Nicht jeder interessiert sich morgens in einer Backstube für die existentiellen Fragen der Welt, ebenso wenig wie ich mich dann für Alltagsthemen interessiere und für die Brotqualität ist abstraktes Denken auch selten von Vorteil. Das ist dann ein wenig Clash of Culture. Vor einigen Wochen beschäftigte ich mich mit der Chaostheorie und da gibt es dieses berühmte Beispiel der Baker-Transformation. Dabei wird ein Teig auf die doppelte Länge gezogen und dann zusammengefaltet. Diese Prozedur wiederholt sich, bis eine gute Vermischung entstanden ist. Zwei Rosinen im Teig, die ursprünglich nahe beisammen waren, sind nach mehrfacher Anwendung weit voneinander entfernt. Parallelwelten sozusagen. Das ist sehr faszinierend in seiner Einfachheit, um chaotische Strukturen zu erklären, allerdings nur für mich, nicht für meine beiden Kollegen in der Backstube, die mich ob meiner Erklärungen nur etwas rätselhaft anschauten und wir gingen dann auch zu anderen Themen über und buken unser Tagwerk an Brot und Zimtschnecken. Aber manchmal denke ich mir dann schon: Mann eh, wie kann euch das jetzt nicht interessieren? Trotzdem erscheint es mir meistens als eine recht angenehme Möglichkeit, die Welt zu entdecken, ohne von irgendwelchen Mäzenen abhängig zu sein oder jemanden nach dem Maul schreiben zu müssen.

Welche Frage (samt Antwort) fehlt diesem Interview aus Deiner Sicht noch?

Das waren doch schon recht viele Fragen. Ich denke, es ist gut.

Letzte Frage: Warum sollte und muss man Dein Buch unbedingt haben?

Muss man nicht. Das Leben geht auch so weiter.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz. Das Interview zu seinem Vorgängerbuch „Robinsonaden vom 40. Breitengrad“ entnehmen Sie bitte diesem Link.

Bildnachweise: Susanne Stoll, Christian Haubold, Edition Outbird _____________________________________________________________________________________

„In Wirklichkeit spiegelt die Kunst den Beschauer, nicht das Leben“ – Michael Haas im Interview zu „Die Augen meiner Tochter“

Im September diesen Jahres erscheint mit „Die Augen meiner Tochter“ Michael Haas´ nunmehr drittes Buch. Mit der düsteren Novelle „Becirct“ debütierte er 2010 in der Wiener „Edition Garamond“, 2017 erschien mit dem episodischen Gesellschaftsroman „50. Licht und Schatten – Männer betrügen Frauen, Frauen betrügen sich selbst“ sein erstes Buch in der „Edition Outbird“, nun folgt mit „Die Augen meiner Tochter“ abermals eine Novelle, die sich als tiefe Liebesbekenntnis zu seiner Tochter (und Frau) wesentlich versöhnlicher mit dem Leben und der damit verbundenen Sinnfindung zeigt. Womit auch schon ein Anriss zu Haas´ schriftstellerischem Handwerk geschaffen wäre: Seinen Werken wohnt eine zutiefst elegante Eloquenz und gleichsam kaum zu bändigende Kraft inne, die in enger Ambivalenz zu einer offenbar ausgeprägten Neigung steht, sich aus all dem bunt maskierten Getöse dieser oftmals unaufrichtigen Gesellschaft zurückzuziehen.

Michael, ich hab‘ Dich das bislang nie gefragt: Wo hat Dein so überaus elegantes Sprachbild seinen Ursprung? Man könnte meinen, Dein Schaffen als Autor sei weniger Ventil wie bei vielen Zeitgenossen, als vielmehr pure Lust am Schaffen von Kunst.

Literatur ist – für mich – die Kunst der Sublimation, nicht der Ventilierung von Gefühlen. Die Griechen haben das schöne Wort „rhapsodieren“ – das singende Sprechen –, und dieses singende Sprechen folgt einer heimlichen Partitur, die unsere Sprache in Poesie verwandelt.
Wenn aus Worten Euphonie – das griechische Wort für Wohllaut – und aus Euphonie ein inspirierendes Klangbild entsteht, bin ich glücklich. Ein fein ziselierter, schön komponierter Satz ist für mich Erfüllung, ein gutes Buch immer auch Ausdruck von Musikalität.
Schöne, einzigartige Bücher folgen einer Diktion, die jedes Wort und jede Metapher mit Sorgfalt wählt, entwickelt und inszeniert. Wer glaubt, gute Bücher seien das Resultat eines impulsiven Gefühls, ist der Wahrheit sehr fern. Romanciers wie Lawrence Durrell, aber auch Rilke, Nietzsche und Heinrich Heine, oder, unter den Zeitgenossen Michael Ondaatje, besitzen die große Gabe, Form und Inhalt in ein Amalgam zu verwandeln. Erst damit wird ein Buch vollendet schön und nahezu unantastbar.

Oftmals ist es notwendig, eine Grenzziehung vorzunehmen, um der Fiktion im Buch den Raum zu lassen, den sie verdient, und LeserInnen aus dem insbesondere näheren Lebensumfeld keine falschen Deutungshoheiten zu überlassen. Ähnlich wie Tomas Jungbluth in „Kammerflimmern“ ziehst auch Du diese Grenze. Hast Du mit früheren Werken dahingehend schlechte Erfahrungen gemacht?

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Mittlerweile sehen sich viele Autoren schon fast genötigt, auf den fiktiven Charakter ihres Buches zu verweisen. Das befremdet mich umso mehr, als jeder Roman, jede Novelle oder Erzählung eine Fiktion und kein autobiographischer Sachbericht ist. Vielleicht resultiert das ständige Beharren auf biographische Bezüge u. a. daraus, dass wir heute in einem Meer von Biographien ertrinken.
Bisweilen scheint mir, als besitze Literatur nur noch eine Legitimation, wenn die soziale Realität sie belegt. Das ist nicht nur ein unseliges Paradox, sondern zerstört, was Literatur ihre Seele und ihr Geheimnis verleiht.
So schreibt Jungbluth nicht etwa Tagebuch, sondern skizziert, mit sensiblem Gespür für Nuancen, was einem Menschen widerfährt, dessen Liebe immer nur Ambivalenz, doch keine Klarheit als Antwort erhält. Jungbluths Wahrheiten sind exemplarisch, nicht selbstbezüglich oder gar allein dem Autor zuzuschreiben und „anzudichten“. Mir persönlich wird heute viel zu oft von „Authentizität“ geredet, als dass ich daran glauben könnte, sie wäre überhaupt zu erreichen oder gar wünschenswert. Tatsächlich interessieren mich die persönlichen Lebensverhältnisse eines Autors nur obgleich und nicht etwa weil sie sein Werk berühren. Es verrät einen Mangel an Vorstellungskraft, die Bücher eines Autors auf sein Leben zu reduzieren. Oder, um an Oscar Wildes charmante Definition von Kunst zu erinnern: „In Wirklichkeit spiegelt die Kunst den Beschauer, nicht das Leben.“ So besehen beanspruche ich weder Deutungshoheiten, noch versuche ich Lesern zu sagen, was der Protagonist eines meiner Bücher meinen könnte.
Der Erzähler meiner Bücher und ich sind nicht identisch. Der Erzähler des Buches ist ein emanzipiertes Subjekt, der sich alle Freiheiten nimmt, zu sagen, was ihm beliebt.
Wie verarmt wäre die menschliche Phantasie, wenn alles wäre, wie es scheint. Wie langweilig wäre Literatur, wenn sie nur autobiographische Erlebnisse resümierte. Was einem Sachbuch gut zu Gesicht stehen mag, ist für einen Roman der Niedergang. Romane belehren nicht, sie bereiten, im Idealfall, Vergnügen und ästhetischen Genuss. Und wenn mich, wie bei „50“, vereinzelt empörte Leserbriefe erreichen, die mir nahelegen, meine Anschauungen zu überdenken, amüsiert mich das eher. Ein Roman ist ein Roman und kein persönliches Manifest. Niemand wäre auf den Gedanken gekommen, Flaubert für Aussagen seiner tragischen Romanheldin Madame Bovary zu maßregeln. Mittlerweile scheint es ein gängiger Standard zu sein, Autoren für die Überzeugungen ihrer fiktiven „Helden“ in Regress zu nehmen. Das ist wirklich bizarr.

Andreas Löhr, Sänger der legendären „Fliehenden Stürme“, sagt über das Buch: „Mit der Novelle ,Die Augen meiner Tochter‘ liefert der Autor Michael Haas ein literarisch-philosophisches Meisterwerk. Über der Schönheit seiner Worte schwebt stets die Bitterkeit der Wahrheiten, deren gewaltige Grausamkeiten mitunter nur schwer zu ertragen und nicht zu akzeptieren sind.“ Kommt es nicht einer Schwächung der tiefen Liebe zur Tochter gleich, dass Deine Novelle die schwere Erkrankung des Protagonisten sowie dessen stark misanthropische Weltwahrnehmung – quasi als dunklen Urgrund einer so überaus positiven Gefühlswelt – beinhaltet?

Mir scheint die Weltwahrnehmung des Protagonisten nicht misanthropisch zu sein, im Gegenteil zelebriert er menschliche Schönheit, wann immer sie ihm begegnet. Er verneigt sich vor jedem Akt humaner Fürsorge, der keiner Verpflichtung, sondern einer wahren Empfindung folgt.
Das Buch ist eine liebevolle Hommage, keine Abrechnung oder traurige Erinnerung an ein Leben am Abgrund. Die Liebe zur Tochter gleicht einer diskreten Melodie, die eine lärmende Welt verstummen lässt. Dieser Vater weiß, nein, er fühlt, dieses Kind ist ein Licht ohne Schatten.
Seine vorbehaltlose Liebe schenkt seiner Tochter Gewissheit, dass sie für immer geborgen ist. Die Liebe, die ihre Eltern verbindet, umschließt und beschützt sie in allem.
Und dennoch hat Andreas fraglos recht: Unser Leben ist fragil, wir alle sind verwundbar, sterblich und jede Krankheit kann unsere letzte sein.

Wenn sich diese Frage überhaupt gestattet: Wie hoch ist die Schnittmenge Deiner Werke mit den Alben Deines Freundes Andreas Löhr und seiner gern mit dem Etikett „Düsterpunk“ versehenen Band „Fliehende Stürme“? Seine Musik trägt ja eine ähnlich kraftvolle Dunkelheit in sich.

Aktuelles Album „Neun Leben“ der „Fliehenden Stürme“

Etiketten sind selten hilfreich und bei Andreas’ Musik wohl eher dem Wunsch vieler Menschen geschuldet, in verbindlichen Kategorien zu denken. Mir ist das eher fremd. Düsterpunk? Punk insofern, als Andreas, wie jeder große Musiker, die Rebellion dem Opportunismus vorzieht. Seine Musik ist, wie Du sagst, kraftvoll – kraftvoll beseelt, oft melancholisch, doch immer dem Leben zugewandt. Und seine Leidenschaft ist, wie jene von Joy Division, eher introvertiert und damit besonders wirksam. Beethoven und Gustav Mahler würden heute vielleicht ähnlich komponieren. Für mich komponiert Andreas ohnehin sinfonische Werke für E-Gitarre, Bass, Schlagzeug und Synthesizer. Seine Musik ist ein Bekenntnis zur Harmonie, insofern sie nach Auflösung seelischer Dissonanzen strebt. „Neun Leben“, sein jüngstes Werk, zählt – für mich – zu den seltenen Alben, die sich jedem Klischee von Punk verweigern und längst ihr eigenes Genre bilden.
Andreas ist seit seiner frühesten Jugend ein passionierter Musiker, dem heute alles gelingt, weil sein Talent immer die richtige Übersetzung findet, auch in seinen Versen, die seiner Musik ein grandioses Libretto schenken.
Um jedoch Deine eigentliche Frage zu beantworten: Andreas und mich verbindet, was uns seit früher Jugend verbindet: Freundschaft, im besten – im poetischen Sinn. „Contra mundum“ – gegen die Welt – in der Welt – zu bestehen, auch wenn es schmerzt. Diese Rebellion war immer ein Teil unserer Existenz, ein Lebensgefühl, das uns seit den 1980er Jahren nie ganz verlassen hat. Manche nennen es Punk, ich nenne es Humanismus der Moderne.

Wie gehst Du damit um, wenn Dein Werk von so unterschiedlichen Größen wie dem österreichischen Verfassungsrichter a. D. Rudolf Müller oder eben Andreas Löhr als „Meisterwerk“ empfunden wird?

Komplimente wunderbarer Menschen hinterfrage ich nie; ich nehme sie lächelnd entgegen, freue mich über das Lob und hoffe, sie gelten meinen Büchern und nicht mir selbst. Letzteres wäre mir peinlich, ersteres jedoch ist mir immer willkommen.

Rudolf Müller beschreibt Dich im Vorwort als einen hoch gebildeten Humanisten mit dem Kopf in den Wolken und einer tiefen Zärtlichkeit für Deine Lieben, nimmt Dich gar als Philanthropen wahr. Ein Widerspruch zur Misanthropie im Buch oder einfach zwei Facetten einer literarischen Erlebenswelt?

Wer, wie ich, die Liebe über das Leben und das Leben über sein Wünschen stellt, verliert sich nie in Misanthropie, auch in seinen Büchern nicht. Was ich liebe, sind beseelte Menschen, was ich fürchte, ist die Ignoranz unserer Spezies und mehr noch die aggressive Verleugnung der Wahrheit durch meine Generation. Die 50-jährigen sitzen privilegiert auf dem Oberdeck der Titanic, genießen das milde „Klima“, derweil unter Deck ihre Kinder mit dem Ertrinken ringen. Hemingways Generationenurteil übernehme ich gern: „Ich habe eine große Zärtlichkeit und Bewunderung für die Erde und keine Spur davon für meine Generation.“

Sigmund Freud

Du arbeitest derzeit auch an einem umfassenden Werk über Sigmund Freuds Schaffen, hast eine enge Verbindung zu Wien. Woher rühren diese Liebe zum Urvater der Psychoanalyse und zur Stadt Wien?

Freud war ein furioser Redner, blendender Autor, Essayist und Homme de lettres. Er ist einer der letzten Universalgelehrten, die in jeder Disziplin brillieren und deren Repertoire an Metaphern und Allegorien unerschöpflich scheint. Die Psychoanalyse erzählt uns eine faszinierende Geschichte, bei der es m. E. nicht wirklich entscheidend ist, ob sie, wie einer seiner Kritiker süffisant bemerkte, „ein wissenschaftliches Märchen ist“ oder nicht. Der Vater der Psychoanalyse ist eine phantasiebegabte Ausnahmepersönlichkeit, wie sie in jedem Jahrhundert nur einmal in Erscheinung tritt. Wie Montaigne beschreibt er die Prosa des Alltags mit poetischer Meisterschaft. Sein Blick auf den modernen Menschen – seine Psyche und seelische Konstitution – gewährt uns tiefe Einblicke in unsere Kultur- und Zivilisationsgeschichte. Wer wie ich viele Jahre seines Lebens darauf verwendet, Sigmund Freuds Werk zu studieren, kommt nicht umhin, ihn zu bewundern.
Freud und das Fin de Siècle sind ohne Wien schwer vorstellbar. Bis heute ist Wien eine Stadt für Flaneure und streitbare Geister mit Liebe zur Literatur, und als junger Doktorand habe ich es unglaublich genossen, in Wiens grandioser Kulisse zu leben und wissenschaftlich zu arbeiten. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Mit meiner heutigen Arbeit zu Freud erlaube ich mir den Luxus, ihn im Spiegel der Literatur seiner Epoche zu betrachten und seine Epoche findet in Wien ihren Kulminationspunkt.

Michael, eine letzte Frage: Warum sollte man Dein Buch unbedingt lesen?

Weil es schön ist.

Vielen Dank für Dein Interview und viel Erfolg!

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweise: Privat, Edition Outbird, Majorlabel/Fliehende Stürme, Max Halberstadt.
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„Den einen oder anderen dazu bringen, Flüchtlinge als Menschen zu sehen“ – Mona Krassu im Interview zu „Freitagsfische“

Von Mona Krassu, Geraer Schriftstellerin und Romanautorin, ist dieser Tage bei Edition Outbird ihr zweiter Roman „Freitagsfische“ erschienen. Ein Roman, der den Leser schnell glauben lässt, in die Nachkriegszeit versetzt worden zu sein, so authentisch und genau ist Monas Blick.
Merkwürdiger Name, denkt man, bevor man auf den Klappentext schaut und neben Feridun Zaimoglus unbedingter Leseempfehlung das Thema erfasst: Flucht aus Breslau in die Sowjetische Besatzungszone und damit in ein schweres Leben voller Feindseligkeiten und Schwierigkeiten mit dem System.

Mona, was hat Dich bewogen, dieses Buch zu schreiben? Worum geht es darin?

Schon in frühester Kindheit lauschte ich den Gesprächen zwischen meiner Mutter und ihrer Schwester. Da hieß es immer: „Unsere Mutti hat es so schwer gehabt. Da hat sie Tag und Nacht genäht und wir lebten trotzdem von der Hand in den Mund.“ Nähere Erklärungen dazu gab es nicht. Ich wollte aber wissen, warum und wieso das so war. Die Mutter meiner Mutter, also meine Oma, war aber schon tot, als ich noch nicht mal auf der Welt war. Sie konnte ich also nicht fragen. Mutter und Tante antworteten ausweichend.
Um diesen Roman zu schreiben, befragte ich andere Zeitzeugen. Zu Flucht und Vertreibung, zu Anfeindungen in der neuen Heimat und so weiter. Wie im Roman üblich ist einiges, das hier erzählt wird, fiktiv. Es ging mir darum, diese Zeit für mich selbst begreifbar zu machen und auch darum, meiner Oma ein Literarisches Denkmal zu setzen und damit auch all den anderen Frauen, die in jener Zeit ihre Kinder allein satt kriegen mussten.

Das Buch weist deutliche Parallelen in die Gegenwart auf, Stichwort Flüchtlingspolitik. Ist und war das Deine Absicht, angesichts der seit Jahren laufenden Einwanderungsdebatte einen Rückblick zu gestatten? Welche (gesellschaftliche) Aufgabe siehst Du in Deinem Roman?

Ehrlich gesagt nein. Als ich mit der Arbeit an diesem Roman begann, war dieses Thema noch nicht so präsent. Die Parallelen sind mir erst, während wir zusammen lektorierten, bewusst geworden. Aber ich muss zugeben, es würde mich freuen, wenn dieser Roman den einen oder anderen (möglichst viele Menschen 🙂 ) dazu bringen würde, Flüchtlinge als Menschen wie du und ich zu sehen. Da steht ein Mensch vor mir, ich betone das Wort Mensch. Und dieser Mensch hat Schreckliches erlebt, Kriege, Tod, Armut usw.. Wir, denen es so gut geht, vergessen manchmal, dass es das Geburtsrecht eines jeden Menschen ist, ein Leben in Gesundheit und Freude zu leben. Das könnte also Aufgabe des Romans sein, wenn man in der Literatur überhaupt von Aufgaben sprechen kann. Ein anderes Lesegeschenk, dass der Roman machen kann, ist hauptsächlich an die jüngere Generation gerichtet. Was wissen junge Menschen heute über diese Zeit? Es ist sehr ernüchternd, wenn man manchen 16- bis 25-jährigen diese Frage stellt.

Wenn man sich mit Dir unterhält, merkt man rasch, dass Du das Schreiben sehr ernst nimmst. Wie sieht bei Dir der Schaffensprozess des Schreibens aus?

Ja, das Schreiben hat sich den ersten Rang in meinem Leben erobert. Die Themen finden mich, ich suche nicht nach ihnen. Sie entstehen durch intensives Beobachten der Welt, in der ich lebe oder mir erzählt jemand direkt etwas aus seinem Leben. Es ist, als würde ein Hund mich beißen, meist weiß ich sofort, das ist aber ein packendes Thema. Wenn ich also auf diese Art infiziert bin, mache ich mir Notizen. Ich kann dann genau sagen, wie meine Hauptfigur aussieht, wie alt sie ist, was sie will. Mehr aber nicht. Ich entwickle Romane von Szene zu Szene. Das heißt, die Figuren entwickeln den Roman weiter. Ich kann vorher kein Handlungsgerüst erstellen. Das habe ich versucht. Aber das waren dann keine Menschen, sondern Figuren, die auf Stelzen daher kamen und schnell umkippten. Geschrieben wird möglichst jeden Tag nach dem Brotjob. Das heißt auch an Feiertagen und im Urlaub.

Wie kamst Du zum Schreiben?

Schon als Kind las ich lieber, als draußen zu spielen. Die Bibliothek in Weida war nicht gerade groß, die Auswahl nicht so umfangreich, wie man das heute kennt. Schon im Alter von 13 Jahren hatte ich da alles gelesen, was mich mehr oder weniger interessierte.
Meine Mutter gab mir das Buch „Christa“ von Jurij Brèzan. Das war mein erstes großes Leseerlebnis, weil ich mit Christa fühlte, und wie sie aus Liebeskummer weinte. Mit ihr litt ich, als sie erkannte, was für ein Mensch ihr leiblicher Vater wirklich war. Auch später dachte ich hin und wieder an Christa. Jurij Brèzan hatte es also geschafft, dass Christa eine reale Person für mich wurde. Es dauerte trotzdem noch viele Jahre, bis mich das Schreiben fand. Meine erste Leidenschaft war nämlich die Musik. Meine Kindheit war geprägt durch das Singen im Chor. Singen machte mir Freude und ich kam mit dem Chor viel rum.
Und als ich mein Idol fand, Udo Lindenberg, da träumte ich, zu sein wie er, zu leben wie er, Lieder zu singen wie er, mit den gleichen Inhalten, was natürlich in der DDR unmöglich war. Der Traum platzte, als ich mich kurz nach der Wende bei einer Band als Sängerin bewarb. Ich erschrak selbst darüber, wie schräg mein Gesang beim Vorsingen klang. Ganz zu schweigen von dem Versuch, das Gitarrespielen zu erlernen.
Ich war unzufrieden mit dem öden Leben, als 22-jährige zur Arbeit zu gehen, nach Hause zu kommen, zu putzen, fernzusehen. Das konnte nicht alles sein. Durch die Kölschrock-Gruppe BAP wurde ich auf Heinrich Böll aufmerksam. Als ich „Wo warst du Adam“ und „Und sagte kein einziges Wort“ las, war es endgültig mit mir passiert. Ich wollte schreiben lernen und zwar so großartig wie Heinrich Böll.

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Was sind Deine Träume als Autorin und Mensch?

Natürlich träume ich wie jeder Schreiber davon, vom Verkauf der Romane leben zu können. Außerdem lese ich sehr gerne vor Publikum, auch wenn ich dann kurz vor einer Lesung immer denke: Warum tust du dir das an? Es ist einfach bewegend zu erleben, wie der Text auf die Zuhörer wirkt, wie sie ihn in eigenes Erleben umwandeln. Man wohnt dann einer Metamorphose bei, selbst wenn die Reaktionen negativ ausfallen sollten. Mir wurde ja schon mehr als einmal gesagt, dass meine Texte düster seien. Dazu stehe ich, weil es ein Ansinnen und somit auch ein Traum von mir ist, die Leser für Mitmenschen zu sensibilisieren, denen es nicht so gut geht. In einer Welt, wo Geld und Konsum bei vielen (vielleicht unbewusst) an erster Stelle stehen, finde ich es wichtig, dass wir uns wieder auf die eigentlichen Werte besinnen. Die liegen meiner Meinung nach im Miteinander, im gegenseitigen Austausch, im Ausdruck des Selbst, im Entdecken der Natur und im Weitergeben an nachfolgende Generationen. Amen. Große Worte, und ich zeige dabei auch auf mich, denn ich lebe selbst nicht immer nach diesen Werten. Aber ich bemühe mich.

Wie schätzt Du den Buchmarkt der (nahen) Zukunft ein? Welche Risiken und Chancen siehst Du?

Es wird viel gejammert über rückläufige Verkaufszahlen. Ich aber sage, Totgesagte leben länger. In Büchern steckt ja so viel mehr, als eine Geschichte. Obwohl alle dasselbe Buch lesen, liest doch jeder etwas anderes, weil der Leser eben sich selbst beim Lesen mit einbringt, seine Phantasie, seine Erfahrungen. Lesen kann Anregung oder Entspannung sein, es kann Nachdenken sein und Erkennen. So ein Medium stirbt nicht aus. Die Zahl der Leser wird wieder steigen. Was mich oft ärgert, ist die Vielzahl der Bücher, die auf den Markt geworfen werden. Weil das kein Mehrwert ist, sondern nur der Profitgier großer Verlagsgesellschaften geschuldet ist. Du bist da zum Glück eine positive Ausnahme.

Nicht selten sind kreative Geister sehr selbstkritisch und streng zu sich selbst. Was glaubst Du, woher das rührt? Was rätst Du solchen Skeptikern?

Jetzt hast Du mich aber voll erwischt. Ich bin auch so ein Schreiber. Ich finde immer wieder Textstellen wo ich denke: „mein Gott, was hast Du da bloß für Mist geschrieben?“. Aber ein paar Tage später ist dieselbe Textstelle dann wieder richtig gut.
An Tagen, an denen ich vor Beklemmung und Angst gar nicht schreiben kann, zwinge ich mich, an meinem Schreibtisch sitzen zu bleiben und trotzdem zu schreiben. Man kann es ja notfalls wegwerfen oder löschen, aber man ist in Gedanken in der Geschichte geblieben, das ist wichtig. Mein Rat also: „Sitzen bleiben!“

Horst Sakulowski, Thüringer Künstler (entwarf die Covergrafik)

Eine letzte Frage: Was wird in naher Zukunft von Dir zu erwarten sein? Wo wirst Du lesen, welcher Romanstoff wird auf „Freitagsfische“ folgen?

Lesen möchte ich gern überall. Feste Termine für den Roman Freitagsfische gibt es bisher in Suhl am 22. 8. in der Kulturbaustelle, in Weida am 8. 9. im Rahmen des Tages des offenen Denkmals in der Lohgerberei (bereits ab 11 Uhr), in Gera am 10. 9. in der Stadtbibliothek, am 3. 10. im Clown-Museum Leipzig und in Saalfeld am 2. 11. um 17 Uhr in der Saalegalerie (die fehlenden Uhrzeiten bitte erfragen, d. Red.).
Der nächste Roman ist in der Rohfassung schon fertig. Er spielt wieder in der ehemaligen DDR. Anhand der Hauptfigur, einem Mädchen, 1966 geboren, wird für den Leser sowohl geistig als auch körperlich erfahrbar, wie es war, in einer Diktatur aufzuwachsen. Das wurde schon in einigen Nachwenderomanen erzählt, ich weiß. Aber hier geht es um die Disziplinierung durch Medizin. Ein Thema, dass bisher nur in einem Sachbuch aufgearbeitet wurde. Die Opfer kämpfen noch heute um Entschädigung.
Es wird aber auch weitere Kurzgeschichten und Gedichte geben. Und mich hat schon wieder ein Thema für einen Roman gebissen. 🙂

Liebe Mona, ich wünsch Dir viel Erfolg. Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweis: Privat.
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„Ich sehne mich nach Gesprächen, die tiefer gehen“ – Frank Hildebrandt im Interview zu „Gedankenspiele“

Kurz vor der Leipziger Buchmesse 2019 erschien von Frank Hildebrandt in der „Edition Outbird“ sein Buch „Gedankenspiele“, eine Sammlung aus Gesprächen, Gedanken und Aphorismen. Ähnlich wie in Tomas JungbluthsKammerflimmern“ finden sich auch hier Elemente einer Gesprächsführung, die die Aussagen und Antworten des Gegenübers im Dunklen oder bestenfalls erahnen lässt. Fast könnte man vermuten, „Gedankenspiele“ würde auf moderne Art christliche Werte und Sünden auf den Prüfstand stellen, ohne sich mit religiösen Lebensentwürfen jedoch gemein zu machen. In unaufdringlicher, leichter Sprache stößt Hildebrandt zu Themen wie „Neid“, „Schuld“, „Verlust“, „Schubladendenken“ oder „Schwächen der anderen“ Antworten an, die wir selbst mitnehmen oder für uns finden können.

Frank, mit „Gedankenspiele“ ist es Dir gelungen, Philosophie als etwas Leichtes greifbar zu machen, etwas, dass es uns fernab von elitär-akademischem Theorien ermöglicht, viele Fragen des Lebens zu betrachten und Antworten darauf zu finden. Fast scheint es manchmal, als lösten Deine kurzen Betrachtungen zu verschiedenen Themen deren Schwere auf, die uns so oft in Medien und gesellschaftlichen Debatten glauben gemacht wird. Woher nimmt ein eigenen Aussagen zufolge so tiefer Mensch diese Leichtigkeit?

Ich denke, wer sich einmal mutig auf die Komplexität der Themen des Lebens eingelassen hat, ohne deren Schwere zu verdrängen, der trägt weniger Ballast.

In manchen Deiner Texte, beispielsweise „Das Gute“, reißt Du es als quasi Allgemeingut an, dass wir Menschen in ständiger Auseinandersetzung mit dem Destruktiven in uns stünden. Eine Aussage, die ich so nicht teilen kann. Mir sind immer wieder auch Menschen begegnet, die ihr Inneres bei aller Destruktivität in einer solchen Klarheit und damit mit der Gewissheit, nicht nur perfekt, gut und schön zu sein, nicht ertragen können, es vielmehr ausblenden, verdrängen oder projizieren. Folgt „Gedankenspiele“ mitunter einer Utopie, einem Wunschdenken für ein besseres menschliches Miteinander?

Ja, ich sehne mich nach Gesprächen, die tiefer gehen, die die Auseinandersetzung mit dem Destruktiven, den Mustern in uns, nicht scheuen. Ich gehe davon aus, dass jeder Mensch eine Vorstellung von dem hat, was er leben will. Kommt er darüber mit sich und mit anderen nicht ins Gespräch, in den Dialog, bleibt sein Wert auf der Strecke, d.h. sein Entwicklungsprozess stagniert. Und die Utopie verhilft dem Wert wieder auf die Sprünge.

Wenn man Dir begegnet, begegnet man einem angenehm unaufdringlichen, beinahe stillen Menschen, dessen Worte und Beobachtungen nicht erahnen lassen, dass Du in früheren Lebensjahren sehr politisch warst und dafür auch Unannehmlichkeiten in Kauf zu nehmen hattest. Willst Du uns etwas über Dein Engagement sagen und wie es dazu kam?

Ich war schon in der DDR ein politisch denkender Mensch, der seiner inneren Stimme, dem moralischen Gewissen folgen wollte. Ich setzte mich damals für die Einhaltung von Menschenrechten ein, dafür riskierte ich Gefängnis. Auch heute, in unserer Vorstellung von Demokratie, gilt es, etwas dem Zeitgeist entgegen zu-setzen und für Gerechtigkeit zu kämpfen.

Glaubst Du, dass wir Menschen, wir einzelnen Individuen etwas an einem ungerechten System ändern können? Was ist in Zeiten des Hasses und der Spaltung das Gebot der Stunde, worin liegt Deiner Meinung nach die größte Not für uns alle, zu handeln? Und vor allem: Wie können wir Konsumenten und Wähler und angesichts der alles durchdringenden Manipulation durch Politik und Werbung eine eigene, klare Meinung bilden? Kann „Gedankenspiele“ da nicht ein wichtiger Baustein sein?

Ich bin davon überzeugt, dass jeder Mensch etwas gegen den Hass und die Spaltung tun kann. Je bewusster wir uns der eigenen Stärke sind, je gründlicher wir die Analyse unseres Selbst und der gesellschaftlichen Situation betreiben, je besser werden wir in der Lage sein, uns und die Gesellschaft zu verändern. Gewiss, es kommt auf die kleinen Schritte an. Wir haben mehr Einfluss, als wir denken.

Ich hatte vorhin den Vergleich zur Narzissmus-Novelle „Kammerflimmern“ gezogen, deren Lektüre Dich im vergangenen Jahr sehr berührt hat. Auf der Buchmesse hatten wir das Gespräch, in dem klar wurde, dass diese (Un)Tiefe und bisweilen empfindsame Schwere Jungbluths auch in Dir angelegt ist. Wie kann man aus Deiner Sicht ohne Selbstzensur vermeiden, zu viel davon in engste Beziehungen einzubringen, quasi das Gegenüber zu überlasten?

Du kannst mit deiner Art zu sein, andere belasten. Trotzdem ist man so, wie man ist, ein Teil der Gesellschaft. Man trägt Verantwortung, für sich und für den Umgang mit anderen. Wenn man den anderen Menschen sieht, wer er ist, lässt sich möglicherweise ein Ausgleich finden.

Du sprichst so viele Themen an, die ich immer wieder als „Druckerzeuger“ wahrnehme – Gutmenschen zum Beispiel (in einer neuen, unbelasteten Definition), Schuld (ein sehr schweres Wort, wie ich finde) oder einer moralischen Instanz. Für mich gibt es in dieser Gesellschaft(sdebatte) nur noch die Möglichkeit, sich dem Sturm an Meinungen, Manipulationen, Negativität und Angsterzeugung zu entziehen (beispielsweise durch Vermeidung von Nachrichten) oder sich mit voller Kraft für eine bessere Utopie zu engagieren. Viele Menschen gehen ja in die innere Migration – sie verdrängen, schalten den Kopf ab, berauschen sich, folgen der frustrierten Masse, Stichwort AfD. War „Gedankenspiele“ für Dich eine Art Ventil, eine Art Notwendigkeit zum Druckausgleich?

Sicherlich war „Gedankenspiele“ eine Art Therapie. Etwas aufzuschreiben bedeutet für mich, etwas loszulassen. Und mit dieser Art Notwendigkeit, wie Du es sagst, suchte ich meinen Weg. Ich denke, andere könnten sich auch durch meine Themen mitgenommen fühlen.

Mitunter taucht in mir die Frage auf, wieso Du bisher so wenig veröffentlicht hast. Gibt es dahingehend Zukunftspläne? Was hast Du mit dem frisch erschienenen Buch „Gedankenspiele“ vor?

Jetzt war die Zeit reif dazu, dieses Buch zu schreiben. Ich wünsche mir, mit dem Leser, in Cafe’s, in philosophischen Runden, auch in Schulen vielleicht, in einen anregenden Gedankenaustausch zu kommen, über das Leben, wie es sein könnte. Gegenseitiges Lernen sehe ich als Voraussetzung dafür.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweis: Ingo Heine.
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