[ Lyrik ] Christoph Liedtke „Phänomene auf Zeit“

Am Rand der Galaxie
steht unser Zelt gebaut.
Wir bündeln hier das Licht zu Pfeilen
gegen Zerfall in Asche und Staub.
Zu zweit, zu dritt, zu viert
bilden wir eine Bastion,
gewinnen wir die Oberhand
nur eine Weltsekunde lang.

In der Wanne versunken,
von Wasser und Wärme
pränatal umschlossen,
tauche ich auf,
durchstreife deine Scham.
Meine Finger wollen wissen:
Woher kommen sie.

Unsere Körper bilden Puzzelteile.
Gemeinsam bilden sie Pangäa:
Meine Leiste an deinem Arsch,
Deine Kniekehlen und meine Knie.

Von der Erde geschnitten
blühst du weiter am Hoffnungsfaden.
Für den Bruchteil eines Momentes
ziehen meine Blicke an dir vorüber,
bitte glaube mir, wenn ich dir sage,
ich sehe dich.

Ich sehe deine Wunde,
bekam eine Ahnung
vom Hunger der Zellen.
Wir sind fein entworfen,
kosmische Phänomene auf Zeit,
Täglich kommen wir neu zur Welt,
Aus dem Schlaf zur Deponie.

Ich rasiere dir den Kopf.
Entdecke deinen Haarwirbel,
das Mal unserer Milchstraße,
Ein Abfluss, der goldenen Schnittes Spiralen zieht.

Buchzitat aus „Symmetrie der Risse“ (erscheint im 2. Quartal 2018 in der „Edition Outbird„)
Aquarell: Christoph Liedtke

Michael Schweßinger „Und zwischen den Weltreisen: Gibt es wahre Literatur?“ [Interview Teil 2] | Outscapes #7

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #7 erschienen. In diesem Zusammenhang verweisen wir gern auf sein jüngst in der „Edition Outbird“ erschienenes, neues Buch „Robinsonaden vom 40. Breitengrad“ sowie seine Lesung mit M. Kruppe am 02. 06. 2018 in der Geraer Theaterfabrik.]

… Wie sieht das Ganze im Kleinen für dich aus, wenn wir zum Beispiel vom Buchmarkt reden?

Die Lesegewohnheiten ändern sich, gleichzeitig gibt es immer mehr Publikationen. Wenn man versucht heute ein Buch zu vermarkten, ist das nahezu unmöglich für einen kleinen Verlag. Als ich damals »In Darkest Leipzig« schrieb, haben wir das Buch ohne Marketing und Internettamtam vierstellig verkauft. Das wäre heute nicht mehr möglich. Der Buchmarkt lebt von den Träumen der Schreiber. Er ist vielleicht eine der letzten Bastionen des American Dreams, vom Tellerwäscher zum Millionär, anders ist der Aufwand nicht zu erklären. Niemand würde sich über Jahre an einem Ein-Euro-Job versuchen mit der Hoffnung, davon mal leben zu können. Das ist völlig irrational und nirgends sind die Fantastereien größer als unter Künstlern. Ein Buch zu machen macht nur Spaß, wenn man den Markt weitestgehend ausklammert. Wenn ich ne Woche Brot backe verdiene ich mehr als mit einem Buch, also backe ich Brot und schreib was ich mag, ich bin damit praktisch mein eigener Mäzen und muss mir diese hässliche Seite der Literatur mit ihrem Neidfaktor und Gehacke nicht geben.

In deinen früheren Büchern befasst du dich oft mit Menschen vom Rande der Gesellschaft. Das hat sich zwar nicht signifikant geändert, aber ein anderer Aspekt kam bei den letzen vier Büchern hinzu: das Reisen. Was bedeutet reisen für dich, wie wichtig ist es dir das reisen und was ist es, das dich immer in die Ferne holt?

Reisen ist für mich das wichtigste. Ich kann nicht leben, ohne zu reisen. Wenn ich reise, bin ich lebendig, spüre mich und das Leben und daraus entsteht ein kreativer Prozeß, der dann zu Geschichten führt. Es ist ein Paradox: Wenn ich reise, steht mein Geist still und erholt sich und wenn ich stillstehe, dann denken sich die Gedanken ins Leere. Reisen ist mir Antidepressivum. 2013 hatte ich einen Burn Out und ich hatte nur die Wahl zwischen Psychiatrie und Welt. Ich hab mich für die Welt entschieden.

Abschließend noch einmal zu deinem neuen Buch: zwischen die Erzählungen hast du diesmal, was ich persönlich recht gut finde, Ausflüge in die Welt der Fakten gepackt. Wie kamst du auf die Idee und was hat dich bewogen, das zu tun?

Ich wollte keine durchgängige Erzählstruktur, wie man sie beispielsweise bei meinem letzten Buch »Beim Esel links« findet. Eine durchgängige Struktur glättet. Dieses Buch ist im Affekt entstanden. Ich schrieb viele Texte sehr emotional nach 12 Stunden Arbeit, anders hätte ich diese Welt nicht ertragen. Demgegenüber stehen die faktischen Texte. Diese fragmentarische Schreibweise war mein Weg dieser Machtlosigkeit Ausdruck zu verleihen und auch die Konturen zu schärfen.

Man muss nicht unbedingt ein aufmerksamer Leser sein, um in deinen Zeilen auch Verzweiflung und Wut zu erkennen. Bist du grundsätzlich ein Mensch, der dazu neigt, wütend zu werden und wie oft verzweifelst du woran?

Es braucht einige Zeit bis ich wütend werde, dann aber richtig. Verzweiflung ist das negative Wesen des Zweifels, also Ausweglosigkeit. Kierkegaard beschrieb das mal als »Nicht-Selbst-Sein«. Dazu bin ich zuviel unterwegs. Hat viel mit dem oben geschriebenen zu tun. Sich nicht in die destruktive Leere denken, dann lieber Bewegung. Gerade das Schreiben hilft mir auch zusammen mit dem Humor, diese destruktiven Gefühlen zu verarbeiten. Sind ja jetzt auch nicht die lustigen Taschenbücher, die man von mir erwarten kann, also ich zweifele oftmals, aber Verzweiflung, das ist ein Abgrund, da springe ich nicht mehr gerne rein, weil da hat Nietzsche recht: Wenn du lange genug in den Abgrund schaust, dann schaut er irgendwann in dich und es gibt glaube ich wenige Dinge vor denen ich im Leben Angst habe, aber die Lähmung einer Depression, wer das schon mal erlebt hat, dieses brutale Zersetzen des eigenen Ichs mit immer gleichen Fragen, das möchte ich nie mehr erleben.

Vielen Dank für das Interview.“

Das Interview führte M. Kruppe. Teil 1 des Interviews und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #7 [Edition Outbird]. Bildnachweis: Susanne Stoll.
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David Gray „Mord(s)gedanken – der Leipziger Krimiautor im Interview“ [Interview Teil 2] | Outscapes #7

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #7 erschienen. In diesem Zusammenhang verweisen wir gern auch auf die Verlosung seines aktuellen, handsignierten Kiezkrimis „Sarajevo Disco“ unter Neu-AbonnentInnen.]

„… Amateure erkennt man immer daran, dass sie ihre Schreibarbeit romantisch überhöhen. Es gibt ja gute Amateure und sogar ein paar talentierte. Aber solange man nicht begreift, dass Schreiben auch Arbeit ist und Arbeit sein sollte – zumindest solange das Ergebnis der Schreibtätigkeit ein gewisses Niveau halten soll – dann bleibt man eben Amateur. Eine ganze Menge Erfolgsautoren sind Amateure. Die Regale der Regiokrimis und Lebens- bzw. Beziehungsratgeber sind voller Titel, die von Amateuren verfasst wurden. Und auch ein paar der Titel in den Regalen für sogenannte „Literatur“ wurden von zumindest stilistisch talentierten Amateuren verfasst. Ich konnte mir in den letzten Jahren in aller Regel aussuchen worüber ich schreibe, daher hatte ich nie das Gefühl mich kreativ verrenken zu müssen. Das ist durchaus auch eine Form von Glück.

Du hast einen unheimlichen Output. In den letzen 15 Jahren sieben Romane, diverse Short-Storys in Anthologien, Filmkritiken, Drehbücher… schläfst du auch irgendwann? Woher kommt deiner Meinung nach die Energie?

Sobald mein Konto leer ist, bestehen eine Menge Leute unverschämterweise darauf, dass es entweder wieder gefüllt wird oder sie erwarten eben, dass ich auf gewisse Dienstleistungen und Produkte, die sie vertreiben, zu verzichten hätte. Das ist zwar ein sehr profaner Antrieb, aber auch ein verdammt effektiver.

Wie empfindest du, der du ja schon „professioneller“ Schreiber bist, das Literaturgeschäft, das Business? Es gibt ja nun Autoren, die sich im Lichte der Bestseller Listen sonnen und es scheint ihnen nichts auszumachen, dass doch durch Verträge durchaus ein enormer Druck herrscht. Ist das Klischee oder ist da was dran? Und wie gehst du damit um?

Ich habe diesen Erfolgsdruck so bisher nur einmal gespürt. Als meinen dritten Roman kein Mensch gut fand und ich verzweifelt versuchte zu erklären, weshalb ich ihn verfasst habe und ihn trotz der von überall her einprasselnden Kritik weiterhin mag. Das war ein Fehler. Never explain, never complain ist das Motto, an das man sich in der Kunstbranche halten sollte. Auf einer Bestsellerliste sind bisher auch nur meine selbst veröffentlichten eBooks gelandet. Den Verlagstiteln blieb das bislang erspart. Die fand auch das Feuilleton nur sehr selten einer Erwähnung wert. Immerhin hat eine große Tageszeitung mal vor einem meiner Bücher, nämlich „Kanaken Blues“, gewarnt. Das war eine Leistung, die mich heute noch ein wenig stolz macht.

Hast du einen Tipp für nicht so erfolgreiche Kollegen, was man wie tun muss, um vom Schreiben leben zu können? Muss man – verzeih mir die Frage – (viele) Ärsche lecken und für die Verleger schreiben, oder gibt’s durchaus die Möglichkeit, das Ich zu wahren und trotzdem erfolgreich zu sein?

Wenn ich vor dieser Frage nachlese, wie ich die vorangegangenen beantwortet habe, dann fürchte ich, könnten Leser den Eindruck gewinnen, dass der Gray ein arroganter Arsch ist, der an der (angeblich so) edlen Schreiberprofession, dem (Verlags-)Kulturbetrieb und den darin arbeitenden Menschen kein gutes Haar lässt. Ohne von dem oben gesagten irgendetwas zurücknehmen zu wollen, aber Wunder geschehen. Und immer wieder sind mir in der Verlags- und Filmbranche Menschen begegnet, die wirklich für ihre Aufgabe und ihre Träume brannten und große Risiken dafür eingingen einem Text oder einer Idee, die zuvor dutzende ihrer Kollegen für völlig bescheuert hielten, dennoch zur Realisierung verholfen haben. Die Kunst besteht darin solche Menschen zu finden. Für Kunst gibt’s aber nun mal keine echten Regeln. Außer vielleicht der, dass jeder, der den Hauch einer Chance auf Erfolg erwartet, besser vorher sein Handwerk gelernt hat. Zukünftige Kollegen, die ihr Handwerk nicht beherrschen, haben also schlechte Karten. Alle anderen verfügen immerhin über diesen einen Hauch einer Chance, es irgendwann mal soweit zu bringen mehr als nur den Preis eines Kaffees in einem Bahnhofsrestaurant mit ihren Texten zu verdienen. Ihre Chancen erhöhen sich noch einmal um einige Punkte, sollte sich zum Handwerk auch Talent hinzugesellen. Aber das ist selten. Und Talent allein kann in einem auf Marktanteile und Gewinn getrimmten Gewerbe zuweilen sogar eher abschreckend als einladend wirken. Ich hatte mal einen Mathelehrer, der mich in seiner Stunde beim Gedichte lesen ertappte. Er sagte daraufhin: „Klar, wer so schlecht in Mathe ist wie sie, muss ja Romantiker sein.“ Der Mann hatte recht. Deswegen noch eine letzte Besserwisserwurst an alle Verrückten hier, die es als Schreiber oder Künstler zu irgendetwas bringen wollen: Eine gewisse Romantik im Herzen zu halten ist Voraussetzung dafür, sein Leben nicht völlig an Dinge zu verschwenden, die nie wirklich wichtig waren. Niemand streicht zwar den Himmel je wirklich noch einmal blau an. Trotzdem gibt es genug Menschen, die weiter davon träumen es eines Tages zu tun. Es kann sein, dass es heutzutage mehr Idioten gibt, die solche Menschen für Freaks halten. Aber das Zeitalter der Plastiktittenkunst geht gerade allmählich seinem Ende zu. Vielleicht verabschiedet es sich mit einem Bang, in dem wir alle untergehen. Aber auch genauso gut möglich, dass es seine letzte Verbeugung auf der ganz großen Bühne mit einem Wimmern zelebriert, über dessen Echo wir Freaks nur lauter lachen werden als alle anderen. Fest steht: The beautiful losers are not dead. They are just sleeping. Some even in their own beds.

Mit Kanaken Blues und Sarajevo Disco hast du zwei wundervolle hardboiled Krimis vorgelegt, in denen Boyle, der schwarze Kommissar, die Hauptfigur ist. Es wird doch hoffentlich einen dritten Teil geben?

Den wird es geben. Aber ich habe nicht die geringste Ahnung, worum es da gehen wird. Vielleicht um religiöse Ritualmorde? Einen alternden Schlagerstar á la Dieter Bohlen, der sich als Puffbetreiber versucht? Oder womöglich um einen Innenminister, der zuviel gekokst hat? In letzter Zeit hast du ja wirklich nach dem Blick in die Zeitung das Gefühl, die Satire hinke der Realität hoffnungslos hinterher und selbst als Hardboiled-Autor musst du immer noch tiefer in die Kiste mit den ganz bösen Facetten der Realität greifen, um am Ende des Schreibprozesses deines Buches nicht schon rechts von der Wirklichkeit überholt worden zu sein.

Wann dürfen wir mit der Veröffentlichung rechnen?

Vor dem nächsten Lewis Boyle-Roman hat auch noch ein gewisser SS-Offizier bei einem Herrn Torreck seinen Auftritt. Dieser Offizier hat aus Scham und Reue über die Grausamkeiten des Regimes, dem er dient, beschlossen sich vor der großen Nazi-Götterdämmerung in aller Ruhe in Paris tot zu saufen. Woran ihn jedoch ein historisch belegter Killer und eine Gang von abgehalfterten Ex-Gangstern und Resistancekämpfern hindern wird. Klingt strange, oder? Stimmt. Soll es auch. Ich meine, the beautiful losers are not dead. Das Buch kommt bei Heyne im Frühjahr 2019. Aber Lewis Boyle bei Pendragon wird gleich danach auch zu seinem Recht kommen. Und vielleicht erscheint der nächste Boyle sogar noch früher…

Mit den Boyle-Büchern bist du beim Pendragon Verlag. Wer war eher da, die beiden ebenfalls recht hart und düster schreibenden James Lee Burke und Wallace Stroby oder du?

Das ist keine Frage, die ich ernsthaft beantworten könnte oder dürfte. James Lee Burke ist – zusammen mit James Ellroy – einer der lebenden Götter des Kriminalromans. Und Wallace Stroby befindet sich gerade auf dem direkten Weg dorthin, wo die beiden Gentlemen gerade sind…

Da ihr drei euch wunderbar ergänzt, dürfte doch die Zukunft des Verlages gerettet sein, da deine Kollegen ja auch einen guten Output haben.

Die beiden berühmten Kollegen sind jedenfalls voll dran. Der neue Burke und der nächste Stroby werden fantastisch. Außerdem warten bei Pendragon noch einige andere, nicht weniger coole Damen und Herren, in der Pipeline, auf deren Visitenkarten eigentlich Profikiller stehen sollte, weil sie die (eben gar nicht so simple) Kunst des (rein literarischen) Mordes wie ganz wenige sonst beherrschen und deswegen bei dem kleinen, aber feinen Verlag in Bielefeld veröffentlichen.

Woran arbeitest du aktuell sonst noch? Du bist auch nicht selten an Drehbüchern für Filme und Serien dran. Gibt es da was, was du nennen kannst, das bekannt ist und deiner Mitwirkung entspringt? Wird es bald dahingehend etwas zu sehen geben?

Ach dieses TV-Serienzeugs ist doch immer völlig unvorhersehbar. Und um einen Freund zu zitieren: „Es gibt ein paar gute Leute, die immer noch an mich glauben. Aber es gibt noch deutlich mehr Arschlöcher in der Branche, die es nicht tun. Beiden bin ich es schuldig zu beweisen, dass ich noch lange nicht tot bin“ Man wird also sehen. Bisher klingelt mein Telefon jedenfalls noch ab und zu…

Ich danke dir für das Interview.“

Das Interview führte M. Kruppe. Teil 1 des Interviews und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #7 [Edition Outbird]. Bildnachweis: Erik Weiss / Heyne Verlag.
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[ Rezension ] Dirk Bernemann „Ich hab die Unschuld kotzen sehen IV“

[Im Zusammenhang mit nachfolgender Rezension verweisen wir gern auf die Verlosung seines handsignierten aktuellen Buches. Informationen dazu gibt es unter diesem Link.]

Dirk Bernemann sucht kleine Wunden und reißt sie brutal auf

Es ist nichts Neues, wenn Attribute wie „melancholisch“, „düster“, zuweilen sogar „pessimistisch“, aber auf jeden Fall auch „humorvoll“ und der Name Dirk Bernemann in einem Satz genannt werden. Bernemann ist kein Unbekannter Autor (mehr) und jene Attribute könnte man als Markenzeichen bezeichnen, wenn da nicht eine Art Lot durch seine Texte ginge, das die Tiefen des in Berlin lebenden Schreibers eindeutig als authentisch ausmachen würde. Was wir in den Büchern Bernemanns lesen, ist keine aufgesetzte Masche, ist kein Haschen nach Aufmerksamkeit und schon gar nicht der krampfhafte Versuch, Pointen zu verfolgen, sie künstlich zu installieren um der „literarischen“ Mode unserer Zeit gerecht zu werden. Dirk Bernemann ist echt, ist ein Mensch mit einem scharfen Blick in einer unscharfen Zeit. Und seine, man muss tatsächlich sagen: depressive Erscheinung zeigt, dass da keine Maske vor einem doch oftmals traurigen Gesicht liegt.

So auch in dem nunmehr vierten Teil des ersten Bestsellers „Ich hab die Unschuld kotzen sehen“.

In seinen Storys beleuchtet er einmal mehr die negativen Seiten des Seins, erzählt vom Suizid eines Teenagers, spricht von einer Beziehung die keine ist und die mehr als unschön endet und von der Veränderung einer anderen Beziehung durch einen wirklich tragischen Schicksalsschlag. Und spätestens hier hatte er mich, wie er mich auch in seinen anderen Büchern bekam.

Allerdings geschah bei Lesen eben dieser erwähnten Story etwas, das mir noch nie beim Lesen einer Story passiert ist. Die Kombination von Sprache in dem für Bernemann so typischen Stil, die Nichtvorhersehbarkeit des Verlaufs und am Ende die Tatsache der Eigentlichkeit, der Wendung der Handlung bauten mir erst einen Kloß in den Hals. Das aber reicht dem Autor nicht. Er will den Schmerz ganz ausdehnen so scheints und reißt die gestochene Wunde ganz langsam, beinahe sorgfältig und doch mit einer derartigen Wucht auf, dass ich ernsthaft heulen musste. Und wie gesagt, das ist mir noch nie beim Lesen eines Buches so gegangen. Und ich wage zu behaupten, dass er sich selbst beim Schreiben dieser Story ein bisschen quälen wollte.

Mit dem für ihn so bekannten schwarzen Humor macht er auch keinen Halt vor Menschen mit Behinderungen, ohne dabei aber beleidigend zu werden, der von oben herab zu wirken. Er nennt das Kind, das in seinen Geschichten oft schon längst in den Brunnen gefallen ist, beim Namen, ja, er ruft hinterher, um zu erfahren, ob es noch lebt. Und wenn es noch lebt, wirft er Steine hinterher, damit es sich im Todeskampf nicht quälen muss. Man könnte auch den Rettungsdienst rufen, aber Dirk Bernemann ist nur Beobachter…

„Ich hab die Unschuld kotzen sehen IV“ ist ein Muss für jeden Optimisten, der einmal die andere Seite der so viel genannten Medaille sehen will, eine absolute Empfehlung für jeden Pessimisten, der sich bestätigt sehen will und eine nicht weniger dringende Empfehlung für alle Anderen, irgendwo zwischendrin, die keinen Bock haben auf die „Friede-Freude-Eierkuchen-Welt“ fernab aller Deutlichkeit.
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Die Rezension verfasste M. Kruppe; in der Dezember-Ausgabe unseres „Outscapes“-Magazins finden Sie im Printformat Teil 1 des Interviews mit Dirk Bernemann, online unter diesem Link Teil 2.

Dirk Bernemann in unserem Onlinestore: Bitte hier entlang.

Bildnachweis: Sophia Vogel
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[ Short Story ] Jenz Dieckmann „Das, was du willst“

Meine Fresse. Dieser Abend tobte sich an mir aus.
Er riss an mir herum, wie ein Rudel Piranhas im Zustand der schwärmenden Selbstzerfleischung.
Die Kneipe war voll, ich war es noch nicht, was aber mehr Ursache, als Teil des Problems darstellte und auch als einziges leicht zu lösen schien.
Um mich herum Spaß, Frohsinn, Geilheit, Rausch, Freundschaft, Lust, Anmache, Angebertum, Leidenschaft und Hass.
Blanker Hass. Der Menschheit. Auf mich. Jedenfalls.
Vielleicht erwartete ich aber auch zu viel.
Das mir die gesamte egozentrierte Kackplage an Hirnträgern mal quer über den Arsch lecken konnte, ist nicht nett, interessierte Gottes Erschöpfung aber auch nicht wirklich.
Also redeten sie einfach weiter.
Schnell, laut und ungefragt.
Durcheinander.
Die Fetzen der Gespräche wirbelten mir um den Schädel, wie die Glasscherben des Geisterfahrers beim Frontalaufprall. Da wurden in einer unermüdlichen Dauerschleife Hände geschüttelt, Schultern geklopft, Witzchen gemacht, Nacken genickt, dass es nur so krachte.
Ich dagegen gab mir Mühe. Wirklich. Kurz.
Langsamer trinken, das nette Mädchen mit den kurzen Haaren anlächeln, über die Lage reden.
Gesprächsapps. Bausteine.
Aber ich machte denen nichts vor. Sie durchschauten es. Alle.
Meine Stirn war aus Glas.
Mein Hirn im Schatten.
All diese Menschen prallten an mir ab, wie Eisberge am Bug der Titanic, und hinterließen nur lächerliche Dellen im Schutzschirm meiner überrosteten Selbstlosigkeit. Mehr gaben, mehr gönnten sie mir nicht.
Und ich saß nur da, trank wieder schneller und sehnte mich verzweifelt nach dem einen finalen Einschlag. Endlich etwas, das mich wirklich berührte, das in mich eindringt und mich zu Fall bringen würde.
In den leerenden Abgrund unter mir.
Alles zwecklos. Ich würde ihnen nicht entkommen. Ich versuchte mich zu ducken, hinter ihren aufrechten Rücken, hinter monumentalen Zahnreihen, hinter Muskeln, Titten, Ärschen, Mündern. Ich trieb zu dem tiefsten Punkt jeder Kneipe, der Theke. Neben dem abgekackten Säufer. Dem, den sie nicht mal mehr hassten. Als mich.
Ich bestellte zwei Schnaps. „Hier Mann, trink was …“ Sein Gesicht kam zurück aus der stumpfen, zermürbenden Tiefsee, in der er seit Stunden versank. Unendlich müde, eingefallen. Seine Augen waren durchsichtig. „Kein Geld, Mann …“
Ich schob eins der Gläser zu ihm rüber: „Scheiß drauf Mann, ich mag dich …“ Obwohl er schon am Ende war, zögerte er keine Sekunde und griff schwankend aber entschlossen nach dem Glas.
Unverfälschte Gier. Endlich. Jemand da.
Ich schloss die Augen und kippte meinen Schädel in den Nacken und mit ihm meinen Schnaps ins Gedärm. Als das silberne Brennen im Magen ankam, hörte ich seine Stimme ganz nah an meinem Ohr, wie sie mit geschwollener Zunge flüsterte: „Ist es das, was du willst?!“
Irritiert öffnete ich die Augen und sah in sein schwarzes Gesicht. Es war dasselbe verschwommene Trinkergesicht, nur war es jetzt pechschwarz. Wie stumpfer Asphalt. In der Kneipe war es still. Wie erstarrt. Die Menschen um uns herum hatten sich aufgebrochen. Sie hatten sich die Kleider, die Haut, das Fleisch von den Knochen gerissen. Ihre gekrampften Hände gruben in den Töpfen voller Eingeweide, ihre Gesichter waren in einhelligem Irrsinn gefaltet.
Ich zuckte zusammen. Panik, Angst, Gefühl.
Ganz nah.
Rausch.
Ich knallte das Schnapsglas auf den Tresen und alle um mich herum redeten weiter. Als wäre nichts gewesen.
Die Bedienung hinter dem Tresen stoppte kurz damit, die Gläser zu waschen und starrte mich an: „Alles klar bei dir?!“ Der Säufer neben mir hatte seinen Kopf auf den Unterarmen abgelegt. Das Schnapsglas noch in der Hand.
„Dein Schnaps ist böse.“ Die Bedienung hörte mir längst nicht mehr zu. Sie war weitergezogen. Ich stand noch da und sagte es leise zu mir selbst. Trotz des Lärms konnte ich mich flüstern hören. „Geh.“
Meine Füße tanzten durch die endlosen Wälder von gelenklosen Beinen. Mein vom vielen Bier aufgeblähter Oberkörper taumelte umher, wie eine zu kurz angekettete Boje in einem Sturmtief südlich der Antarktis. Ich versuchte, es nicht wie eine Flucht aussehen zu lassen. Mehr wie ein geordneter Abgang nach einem geglückten Fallschirmabsturz. Doch ihre Augenwinkel hatten mich im Blick. Zu der Gewissheit der Isolation gesellte sich jetzt das Gefühl, ein unentrinnbarer Mittelpunkt zu sein.
Ich fühlte mich ertappt. Ich fühlte Konspiration. Irgendetwas verband sie, was ich niemals fühlen würde.
Als ich durch das Blickfeld des netten Mädchens mit den kurzen Haaren schrammte, leuchteten ihre Augen plötzlich auf. Eine abgrundfreie Freude ließ ihre Wangen erröten, so als wenn sie tiefen und lebenswichtigen Erfahrungen folgen müsste. Sie teilte die wogende Menge an menschlicher Verschwörung zwischen ihr und mir und nahm mich vorsichtig in den Arm. Ich spürte die Wärme ihres Bluts in meinen Adern. Die Weichheit ihres Körpers in meinen verhärteten Knochen. Ich hörte ihre Gedanken knistern. Sie legte ihre Hand hinter meinen Kopf, wie bei einem Baby, das vom Wickeltisch zu fallen droht, und flüsterte mir ins Ohr: „Verlasse niemals einen schönen Ort mit traurigem Herzen, sonst findest du ihn nie wieder …“
Das finstere Kabinett des Daseins ist ein Königreich des Irrtums.
Nicht die Welt war Scheiße. Ich war es.
Die Welt konnte ich nicht verändern.
Aber die Welt würde mich verändern.
Draußen regnete es.
Ich nahm ihre Hand und wir liefen mit eingeschlagenen Köpfen in die Dunkelheit.

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„Das, was du willst“ erschien neben anderer/n Short Stories und Lyrik unlängst in Jenz Dieckmanns Buch „Die totale Verkommenheit“ bei „Rodneys Underground Press“. Bildnachweis: Marcela Bolívar.
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Frau Kopf „Brachialromantik für Hochsensible“ [Interview Teil 2] | Outscapes #6

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #6 [Edition Outbird] erschienen. In diesem Zusammenhang verweisen wir gern auch auf die Verlosung ihres neuen, handsignierten Buches „Brachialromantik“ unter Neu-AbonnentInnen.]

(Zur Buchbestellung bitte Cover anklicken)

„… In wenigen Worten: worum geht es in Deinem aktuellen Buch und warum sollte mensch es unbedingt lesen und weiterempfehlen?

Es geht um die Dinge, die jeder ist, fühlt, mag, hasst und kann. Menschliches. Abgründiges. Trauriges. Zuversicht. Irgendwas mit Sex und Rausch und zwischendurch Aufwachen.
Warum Mensch es lesen sollte? Um sich in den Worten zu finden und sich ein bisschen vor sich selbst zu fürchten und zu schämen. Danach kann man dann stolz auf sich und sein Gemensche sein, egal wie schmutzig, traurig oder eben bemerkenswert man ist.

Letzte Frage (n): Was ist Dein größter Wunsch? Und wo siehst Du Dich in zehn Jahren?

Kühlschrank voll, die Liebe im Bett und ein Wohlgefühl, wenn ich morgens aufwache.“


Das Interview führte Tristan Rosenkranz. Teil 1 des Interviews und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #6 [Edition Outbird].

Frau Kopf in unserem Webstore: bitte hier entlang.

Bildnachweis: Marco Fechner
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Dirk Bernemann „Irgendwo ist da ständig was, was raus will“ [Interview Teil 2] | Outscapes #6

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #6 [Edition Outbird] erschienen. In diesem Zusammenhang verweisen wir gern auch auf die Verlosung seines neuen, handsignierten Buches „Ich hab die Unschuld kotzen sehen – 4“ unter Neu-AbonnentInnen.]

„… Du bist ja auch viel auf den (Lese-)Bühnen des Landes unterwegs. Was ist dir wichtiger, das Schreiben selbst, die Veröffentlichung, oder die Bühne? Und warum ist das so?

Mittlerweile mag ich beides. Früher hab ich mich auf der Bühne geschämt, weil meine Texte eher laut waren und ich persönlich eher ein leiser Mensch, da war es schwierig, die Texte ohne eine gewissen Peinlichkeit zu performen. Das wurde dann im Laufe der Zeit kongrunenter. Einfach durch Übung und Erfahrung. Mittlerweile geht das ganz gut auf der Bühne. Ich versuche mich proffessionell zu verhalten und nicht zu dumm zu wirken. Aber die Arbeit am Schreibtisch zuhause, alleine, die ist das Wesentlichste meiner Arbeit. Da sprudelt alles, da kommt alles zusammen, da knallen die Ideen aufeinander. Bin so eine Art Literaturmessie, ich hebe alles auf, habe 30 Notizbücher und versuche alles auf einmal zu nutzen, wenn ich im Prozeß bin.

(Zur Buchbestellung bitte Cover anklicken)

Gibt es andere künstlerische Ausdrucksformen, an denen du dich probierst bzw. die du verfolgst? Musik zum Beispiel, Malerei, Theater?

Ja, habe schon ein Theaterstück geschrieben, dass 2015 auch in München Premiere hatte. Bella Noir – 2 Zigaretten Demut hieß das und es ging um deutschen Schlager und seine scheiternden Protagonisten. Ansonsten, ja Musik in verschiedene Konstellationen, Improtheater und ich versuche ein bisschen zu zeichnen, was aber über Einbildcomics nicht hinauskommt. Aber immerhin, irgendwo ist da ständig was, was raus will.

Wie kam es, dass Philipp Boa deine Arbeit honorierte?

Ich bin schon ewig Fan von ihm und hab auch immer kleinere Passagen als Hommage in meinen Texten und Büchern gehabt. Irgendwie hat er das mitbekommen und hat sich ein bisschen mit meinem Zeug beschäftigt, er hat ja in seinen Texten auch immer viele Literaturbezüge. Dann haben wir uns mal getroffen und dann hab ich sogar zweimal vor Konzerten von ihm, eine Hommage, bzw. die Ansage machen dürfen. Das war wunderschön.

Wer und/oder was inspiriert dich?

Menschen. Spazierengehen. Lesen. Musikhören. Ich glaube, ich hole mir alles, was ich brauche aus dem Alltag und aus meiner Person. Da liegt genug rum für Literatur bis zu meinem Ableben.

Wie wichtig ist dir Kunst im Allgemeinen? Bist du „privat“ an Kunst interessiert?

Mega wichtig. Die Ausdrucksformen anderer Leute interessieren mich total. Wie die alle so mit der Welt umgehen, ohne sich umzubringen. Aber da begegnen mir auch immer wieder so Honks, die Kunst eher behaupten als machen. Die sind aber schnell zu entlarven. Aber es ist nicht in meinem Interesse, irgendwen zu entlarven, ich bin ganz glücklich in meinem eigenen Universum.

Gibt es für dich alternative Kunst und Kultur oder gehört alles, was Kunst ist, in einen Topf?

Komische Frage. Da muss man halt genauer definieren. Vereinfacht gesagt, ist Kunst eher die Befähigung zur Tätigkeit, irgendwas zu erschaffen und Kultur eher das Umfeld, in dem so etwas stattfindet. Bin kein Wissenschaftler, aber ich glaube, das stimmt trotzdem.

Last but not least interessiert natürlich, ob du derzeit an Neuem arbeitest. Wenn ja, kannst du schon einen kleinen Ausblick geben worum es gehen wird und ob es schon einen vagen VÖ Termin gibt?

Oh ja, ich schreibe gerade ein Buch mit zwei sehr lieben Kollegen zusammen, es geht im weitesten Sinne um Liebe und um deren negative Auswüchse und in meinem Beitrag auch um Theater, Gewalt und Jazz. Wahrscheinlich ist das alles Frühjahr 2018 spruchreif.

Ich bedanke mich…

Ich danke Dir!“

Das Interview führte M. Kruppe (Rezension folgt nach). Teil 1 des Interviews und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #6 [Edition Outbird].

Dirk Bernemann in unserem Webstore: bitte hier entlang.

Bildnachweis: Sophia Vogel
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[ Prosa ] Frau Kopf „Die Liebe“

Ein seltsames Ding ist die.

Auf leisen Sohlen schleicht sie sich an die ausgesuchten Menschen
ran, umhüllt sanft und schnürt und schürt.

Feuerchen in der Brustgegend, kribbelnde Schädeldecken,
Lippen und Körpermitten und der Mensch schaut in den
Spiegel, taucht tiefer als sonst oder jemals zuvor in die eigenen
Augen und erkennt.

Feuer, Wasser, Erde, Luft und etwas Neues.
Die Liebe.

Da steht der Mensch, befühlt das eigene Gesicht, lächelt laut
und liebt ganz leise.

Aus dem Hintergrund schält sich das Gefühlsgegenstück,
bahnt sich seinen Weg und verweilt.

Hände, die auf Schultern, Hüften und in wirren Haaren ruhen.
Hände, die suchen und finden.
Hände, die ineinander greifen und bleiben.
Münder, die einander küssen und Worte flüstern, die nur den
Liebenden gehören.

Herzen, die Blut durch den Leib pumpen, weil die das eben so
tun, dies aber ambitionierter und treibender als zuvor.

Zwei Gesichter in diesem Spiegel.
Lächelnd, sich entdeckend, erkennend und liebend.

Und die Liebe?

Die umhüllt und spinnt und schnürt die Menschen ein, fesselt
sie aneinander, haucht unbekanntes Lebensgefühl ein und ist
sich ihrer so lebensnotwendigen und dankbaren Position bewusst.

Sie beschließt zu bleiben und sich stets in Spiegelbildern,
Streicheleinheiten, geflüsterten Worten, Schweigen, Lachen
und dem großen Ja zu zeigen.

Ganz leise, ganz wahr und einfach da.
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„Die Liebe“ erscheint neben anderer/n Prosa und ShortStories in Kürze in Frau Kopfs Buch „Brachialromantik“ in der „Edition Outbird“ (zur Buchbestellung bitte hier entlang). Im Bild: Eine Fotografie von Franziska Barth (erschienen im Buch „Schattenspiele“ mit Tristan Rosenkranz).

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[ Prosa ] Ralf Bruggmann „Totland“

Ihre Finger gleiten über ihre Haut, suchend, ganz langsam. Sie weiß genau, wo die Stelle liegt, trotzdem ist da keine Eile in ihren Bewegungen, keine Zielstrebigkeit. Schließlich erreicht sie ihn, den Punkt an ihrem rechten Unterschenkel, jenen blinden Fleck auf ihrer Haut. Es bleibt nach wie vor merkwürdig, dass sie dort nichts spüren kann, beinahe befremdlich. Die Stelle ist und bleibt vollkommen taub. Totes Land.

Sie legt Musik auf. Pinô von Otto Totland. Die sanft und leise tröpfelnden Klavierklänge, die Leerstellen zwischen den Tönen, die Abwesenheit von Gesang; sie hat die Musik bewusst ausgesucht. Sie mag niemanden singen hören, sie will keine fremden Geschichten, keine Stimmfarben, nicht jetzt. Sie braucht wohl nur etwas, das die Geräuschlosigkeit aufhebt und zugleich die Stille bewahrt.

Totland spielt, und sie denkt sich zurück, beinahe so, als würde sie in einem Fotoalbum blättern. Doch da sind keine Fotos, keine Bilder voller Farben und Leben. Da sind vor allem nüchterne Skizzen, rudimentäre Formen, blutleere Linien. Da sind leere Abende vor dem Fernseher, mit unzähligen Zigaretten, geröteten Augen und sprödem Hals. Da sind ganze Wochenenden ohne ein einziges Wort. Da sind ihre Fratzen im Spiegel. Einige Male kroch sie in ihren Kleiderschrank, zog die Tür zu und saß einfach da, stundenlang in der Dunkelheit.

Es bleibt nach wie vor merkwürdig, wie viel totes Land in ihrer vergangenen Zeit liegt, wie viele Monate und Jahre kein Leben in sich trugen. Sie fragt sich manchmal, ob sie eigentlich jünger ist, weil jene Jahre nicht zählen. Und sie fragt sich, ob ihr im Ganzen etwas fehlt. Ob das tote Land ihr Ich auch heute noch verkrüppelt.

Sie schiebt ihre Finger wieder zur tauben Stelle am Unterschenkel. Kneift Haut und Fleisch zusammen. Spürt nichts. Und fühlt sich seltsam erleichtert, dass sie trotzdem noch laufen kann.
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„Totland“ erschien neben anderer/n Prosa und ShortStories unlängst in Ralf Bruggmanns Buch „Hornhaut“ in der „Edition Outbird“ (zur Buchbestellung bitte hier entlang). Im Bild: „Besinnung“ von Katrin Hetzel. Fotografien von Katrin Hetzel gibt es ebenfalls in der „Edition Outbird“ (bitte hier entlang).

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Peter Wawerzinek „Schreiben als Befreiung“ [Interviewauszug] | Outscapes #5

„…Was bedeuten Ihnen Würdigungen wie der Ingeborg-Bachmann-Preis? Dankbare Reparation eines langen Heilungsweges? Sichtbarmachung als herausragender Schriftsteller?

Es war die letzte Möglichkeit für mich, den Kopf herauszustecken, mich zu zeigen, meine Schreiberei wichtig werden zu lassen. Ich war bereits abgeschrieben und kam mit diesem Knaller zurück, ganz weit nach vorne. Ich habe ja vorher das Schreiben schon aufgegeben, mich abgeschrieben, ernsthaft gedacht, ich hätte das Zeug nicht dazu, mehr Leute als nur den Freundeskreis zu interessieren. Ich bleibe was ich bin, nur nimmt man mich jetzt viel mehr wahr. Der Preis hat viele, viel Türen und Fenster für mich geöffnet. Ich existiere nun schon sieben Jahre danach, schreibe neu und weiter, weiter…

Einst sagten Sie „Du musst den Blues hassen, um guten Blues zu machen“ – trifft das auch auf die Schriftstellerei zu?

Um dem Leser etwas zu geben muss man die Kollegen gewissenhaft sortieren und den Teil von ihnen ablehnen, der nur nach Ansehen und Finanzen lugt. Also all die Leute, die seltsam werden und eingebildet, sobald sie mit ihrer Taktik Erfolg haben. Sie wenden sich vom alten Leben ab, wenn man sich ihnen zuwendet, die Kritik sie lobt und in die Bestsellerlisten schießt. Man erkennt sie. Sie riechen nach Ruhm. Ich mag sie nach wie vor nicht. Es gibt da eine lange, lange Liste im Hirn von mir, von derartigen Selbstverliebten, die sehr geschickt agieren oder einfach besser vernetzt sind als andere, und dadurch allein schon im Geschäft bleiben. Ich hasse sie nicht mehr. Ich bedauere sie eher. …“

Das Interview führte Tristan Rosenkranz. Das gesamte Gespräch und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #5 [Edition Outbird].

Bildnachweis: Gerd Adloff
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