Tommy Krappweis „A Fantastic Workaholic“ [Interview Teil 2] | Outscapes #9

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #9 erschienen.]

„…  Welche literarischen Empfehlungen würdest Du aussprechen? Und warum sollte man unbedingt „Mara und der Feuerbringer“ gelesen haben?

Das Buch, das mich besonders beeindruckt hat, war die Biographie von Harpo Marx (Marx Brothers) mit dem Titel „Harpo Speaks“, direkt danach „My Wonderful World Of Slapstick“ von Buster Keaton. Ansonsten einfach alles von oben genannten Autoren lesen. „Mara und der Feuerbringer“ sollte man lesen, wenn man Freude an humorvoll erzählter Fantasy hat und sich nicht davon gestört fühlt, nebenbei ein bisschen was über Germanen und Co zu erfahren.

Wie schätzt Du die Chancen und Risiken des rückläufigen Buchmarktes ein? Wie kann man dem grassierenden Smartphone- und Serienwahn entgegen und wieder zu mehr Lesehunger hinwirken?

Ich bin kein Kulturpessimist. Wenn man Smartphone und Co. mitzählt, lesen und schreiben die Leute heutzutage mehr denn je. Es hat sich nur das Werkzeug geändert. Ich bin auch kein Stratege und somit nicht kompetent genug für einen seriösen Ausblick in die Zukunft. Generell geht es mir darum, Geschichten zu erzählen und die Menschen damit gut zu unterhalten. Ob das auf dem Tablet, in einem Buch, auf YouTube oder mit einem Brettspiel geschieht, ist für mich nachrangig. Wichtig ist, ob es was taugt und ob es den Leuten Freude macht. Mit „Mara und der Feuerbringer“ ist mir das gelungen und die Special Edition ist auch ein Dankeschön an die Fangemeinde.

Tommy, wir danken Dir für dieses Gespräch.

Das Interview zeichnete Tristan Rosenkranz auf. Neben Teil 1 des Interviews finden Sie vieles mehr im „Outscapes“-Magazin #9 [Edition Outbird].
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Simone Buchholz „Trotzig, rebellisch, intelligent“ [Interview Teil 2] | Outscapes #9

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #9 erschienen.]

„… Also ist die Tatsache, Mutter zu sein, eine Ursache für ein eher untypisches Buch von dir, denn mit „Jonny und die Pommesbande“ hast du ein Kinder- bzw Jugendbuch geschrieben? Liegt´s ausschließlich daran, wo doch eigentlich die in Richtung Hard Boiled abzielende Krimi-Sache eher deines ist?

Das Buch hab ich tatsächlich nur für meinen zehnjährigen Sohn geschrieben. Er wollte auch gern mal was von seiner Mutter lesen.

Wenn du, wie in deiner Kurzbiografie beschrieben, „Neapel, Tahiti, St. Petersburg und im Grunde auch Brooklyn“ magst – welchen Stellenwert hat das Reisen in deinem Leben? Und was meinst du mit der weiterführenden Aussage: „…aber ich wohne in Hamburg, vor allem wegen des Wetters“?

Ich reise wahnsinnig gern und berufsbedingt auch ziemlich viel, und diese vier Orte sind tatsächlich die, die ich am allerschönsten fand – wobei da natürlich auch London dazu gehört, ist glaub ich meine absolute Lieblingsstadt, passte aber irgendwie nicht in die Reihe. Was ich am Reisen nicht mag, sind Flughäfen und Flugzeuge, und Autos finde ich eigentlich auch blöd, bleibt also meistens nur die Bahn, und die nervt ja auch manchmal. Am liebsten würde ich gern alle meine Reisen mit dem Schiff machen. Von Hamburg aus. Wegen des Wetters. Weil, wenn kein Wind weht, trägt es einen auch nicht fort.

Wenn man sich auf deiner Webseite umsieht, stellt man fest, dass du recht viel unterwegs bist. Auch auf der Salon-Bühne des Corvus e.V. in Gera bist du ja im April diesen Jahres gewesen und hier fiel mir auf, dass deine Lesungen auch sprachlich sehr mitnehmend sind. Das ist leider bei vielen AutorInnen nicht der Fall. Hast du einen gewissen Anspruch an dich selbst, wenn du auf der Bühne sitzt?

Ja klar. Wenn sich nur eine oder einer langweilt, hab ich was falsch gemacht, dann hätten auch alle auf der Couch bleiben können. Ich finde, sich auf eine Bühne zu stellen, impliziert eine Verantwortung für gute Unterhaltung.

Woran arbeitest du aktuell? Ermittelt Chastity Riley wieder und gibt es schon eine Ahnung, wann wir die sympathische Staatsanwältin wieder erleben dürfen?

Im Moment arbeite ich am achten Band, aber es ist noch viel zu früh, darüber was zu sagen, das bringt ja Unglück. Im September erscheint der siebte Band, „Mexikoring.“

Wie viel Simone Buchholz steckt in deiner sympathisch verwegenen Hauptfigur Chastity Riley?

Du findest Riley sympathisch? Interessant. Ich finde die ja eher schwierig. Also, ich mag sie natürlich, aber sie hat schon ordentlich einen an der Waffel. Das habe ich eventuell auch, aber wir sind uns nicht besonders ähnlich. Ich glaube, es ist so: Wir schauen in ähnliche Abgründe. Und wir sehen da auch das Gleiche.

Hast du schon einmal eine Flaschenpost gefunden?

Ja, an einem Neujahrsmorgen am Hamburger Hafen. Ich war mit einem Freund unterwegs und da war plötzlich diese Flasche mit dem Brief drin. Werde ich nie vergessen, das war ein sehr schöner Moment.

Woher kommt diese Marotte, am Neujahrsmorgen den Hafen nach Flaschenpost abzusuchen?

Eben genau daher.

Ok… wir müssen leider schon wieder zum Ende kommen. Letzte Frage: gibt es etwas, das du dir für die Zukunft im Allgemeinen und für dich ganz persönliche wünschst?

Ich wünsche mir das Ende der patriarchalen Systeme, auf allen Ebenen. Ich glaube, unsere Welt könnte eine viel bessere, friedlichere und schönere sein, wenn die Männer sich endlich mal ein bisschen zurückhalten würden. Für mich selbst wünsche ich mir, dass ich gesund bleibe, dass meine Familie gesund bleibt, weil ohne Gesundheit ja doch alles nichts wert ist.

Ich danke dir für das Interview und hoffe, dass wir uns bald wieder sehen.

Das hoffe ich auch.

Immer am Neujahrsmorgen suche ich den Hafen nach Flaschenpost ab. Falls Sie also irgendwo festsitzen und dringend Rum und Zigaretten brauchen: Versuchen Sie ruhig, mit mir Kontakt aufzunehmen.“

Das Interview zeichnete M. Kruppe auf. Neben Teil 1 des Interviews finden Sie vieles mehr im „Outscapes“-Magazin #9 [Edition Outbird].

Bildnachweise: Gerald von Foris
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Tomas Jungbluth „Hochentzündliche Grenzgänge“ [Interview Teil 2] | Outscapes #9

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #9 erschienen. In diesem Zusammenhang verweisen wir gern auf die Rezension zu seinem aktuell in der „Edition Outbird“ erscheinenden Buch „Kammerflimmern“ in unserem Onlinestore (siehe auch nachfolgendes Coverfoto).]

„… Es lehnt sich also schon an real Erlebtes an, ist aber, wenn ich dich richtig verstehe, ein Puzzle aus vielem? Oder gibt es hier eine konkrete Beziehung aus deiner Vergangenheit, die hier Modell stand? Hast du eigene Erfahrungen in Sachen „Grenzverletzung“?

Ich selbst habe eine sehr fordernde Beziehungserfahrung hinter mir, wovon sich einige Verhaltensmuster meiner Partnerin deutlich im Spannungsfeld Narzissmus bewegten. Grenzverletzungen, mangelndes Abgrenzungsvermögen und Projektion gingen Hand in Hand. Insofern war das Thema für mich schon auch Kernthema der letzten Jahre. Nicht zuletzt, um mich selbst zu fragen nach meinen destruktiven Anteilen oder, warum ich solche Charaktere angezogen habe.

Und mein Protagonist, dessen innere Welt sich tatsächlich aus verschiedenen Schicksalen zu einem ganzen, fiktiven, eigenen zusammensetzte, sagt dazu: Dieselbe Frau, die mich in der Beziehung immer wieder wegstieß, konnte mich nach ihrer Trennung nicht gehen lassen. Grenzen wurden beständig überschritten. Und in dem Zustand eines noch voller Liebe steckenden Trennungsschmerzes meldete sich die Frau monatlich immer wieder unter verschiedensten Gründen, obwohl ich um Stille bat und darunter litt, weil es einem dauerhaft unerfüllten Versprechen und dem gelegentlichen Abernten meiner Flammen glich. Das klingt genauso, wie es ist bzw. war: eine sehr reiche, komplizierte, kaum zu verarbeitende Bindung unter andauernder emotionaler Ausreizung meiner komplexen Gefühls- und Verletzungsresonanzen.

Meinst du, Künstler brauchen solche Niedergänge? Braucht die Kunst das Absacken in die Keller der Emotionen?

Ja, Kunst braucht meiner Meinung nach mehr noch Schmerz als höchste Höhen, um großartig sein zu können. Unzählige Werke verschiedenster Disziplinen beweisen das sehr eindrucksvoll. Aber ich bin mir nicht sicher, ob „Niedergang“ und „Absacken“ die passendsten Worte sind. Ich bin ein sehr tiefer und in der Liebe mitunter auch sehr hochfühlender Mensch, der ebenfalls fiktive Charakter meiner Ex-Partnerin, mit der ich im Buch ja einen Monolog führe, sprach im Trennungsgespräch von ihrem Wunsch nach Leichtigkeit und ihrer Sucht nach Tiefe, an der sie scheiterte. Das Buch zu schreiben lässt sich mit dem Trennungsgefühl des Protagonisten vergleichen, nur eben „geliehen“ und komprimiert: ich war unter Wasser, wie im Tunnel, durchtauchte meine tiefe Gefühlswelt und schrieb darüber. Und bekam ganz nebenbei eine Ahnung davon, was Schauspieler beim Einnehmen intensiver Rollen aushalten können müssen. Und klar, mit Narzissmus, im Buch abgebildet, haben auch die Begriffe Leichtigkeit und Tiefe im Beziehungs- und Trennungsverlauf ziemlich dunkle Schatten bekommen.

Was heißt das genau?

In der stärksten emotionalen Wachstumskurve der Liebe der beiden, quasi am Anfang noch dazu obendrein zu Weihnachten, geht sie fremd. Ein Muster, was sie bei jeder der drei Liebesbeziehungen ihres bisherigen Lebens bereits frühzeitig vollzog. Und auf dem absoluten Zenit der Beziehung, die beiden haben ihre schönste Zeit und schwingen vollständig synchron, fragt sie ihn in einer der innigsten gemeinsamen Sommernächte bei Rotwein und Gesprächen plötzlich, ob es okay sei, auf Partys andere Männer zu küssen. Zu einer anderen Gelegenheit fährt sie mit ihrem Ex, den sie noch immer liebt, baden, er nackt, weil er keine Badesachen dabei hat. Und zwar an derselben Stelle, an der die beiden kurz vorher ebenfalls nackt badend ihr höchstes Liebesglück genossen haben. Eine stärkere Entweihung ist kaum vorstellbar. Auch gab es diverse Rauswürfe, On/Offs und Erniedrigungen. Solche Dinge werfen dunkle Schatten auf diese von ihr gelebte Leichtigkeit vor dem Hintergrund ihrer enormen Verletzlichkeit und lassen den beständigen Hang zur Grenzverletzung erkennen.

Nun ist „Kammerflimmern“ ja ein für dich insofern untypisches Buch, als dass deine Texte stets eher kurze, wenn auch intensive Abrisse eines Zustandes waren. Hier liegt uns nun ein Monolog von einer recht ausführlichen Länge vor. Wie fühlt es sich an, wenn der letzte Punkt gesetzt ist? Kannst du, nach dem letzten Zeichen direkt aufhören oder modellierst du noch an deinen Sachen herum und wenn ja, wie lange?

Das Schreiben selbst war ein Ventil, ein Verbrennungsprozess und Verstehenwollen sehr intensiv erlebter Borderlinewelten, wenn man so will. Meinem Wesen entsprechend durchdenke ich bis zu einem Ende des Loslassens immer wieder Passagen, Fragmente, Ebenen, Zusammenhänge, fehlende Aussagen. Erst heute sagte mir eine gute Freundin, ihrerseits Therapeutin, dass ich ein ganzes Stück weit der komplexen Art des Erzählers, zu fühlen und zu durchdenken, gleiche: im Grunde sehr weiblich. Es sind ja im Übrigen weit mehr Frauen als Männer von Borderline betroffen, der Protagonist ist da ein untypischer Fall.
Du würdest mich für verrückt erklären, wie oft ich das Skript, nachdem es sein endgültiges Gerüst hatte, gelesen und bearbeitet habe. Heißt, das Schreiben selbst war in einer extrem kurzen Zeit vollendet, der Spannungsbogen und Feinschliff dauerte aber mindestens weitere drei Wochen täglicher Stundenarbeit.

Du bist also so etwas wie ein Perfektionist? Einer, der die Finger einfach nicht still halten kann, weil hier und da immer wieder ein Gedanke einschießt, der das Ganze vielleicht noch besser machen kann?

Ich hab mich als Chaot nie als solcher gesehen, aber ja – Du hast Recht. Ich scheine tatsächlich ein extremer Perfektionist beim Entstehungsprozess des Buches gewesen zu sein. Ich bekam eine Ahnung davon, dass andere Autoren, die ihr Skript lieben, es an manchen Tagen einfach nur grundbeschissen finden und am liebsten entsorgen würden, oder was es für Künstler heißt, irgendwann loslassen zu müssen, weil man sonst beginnt, den Zenit des Werkes zu überschreiten und den Glanz wieder abzutragen, quasi zu dekonstruieren, was man geschaffen hat.

Das impliziert ja, dass du gewissermaßen ein Problem mit dem Loslassen hast?

Nun ja, ich als Autor, der Erzähler in Position des Liebenden definitiv auch, jedenfalls aus herkömmlicher Sicht… er liebt diese Frau ja noch heute, hat ja mehr als ein halbes Jahr gebraucht, um überhaupt klar zu sehen, wie scheiße er sich in der Beziehung über die Maßen lange hat behandeln lassen. Nicht, dass er es nicht schon immer reflektiert hätte… Insofern kam er in seiner tiefen Liebe auch nie los von ihr, die sie sich über Monate immer wieder in seinem (Gefühls-)Leben sichtbar machte, ihn bewusst oder unbewusst immer wieder triggerte. Und natürlich manifestierte sich mit dem Buch die Frage, wie lange ein Verarbeiten und Loslassen denn eigentlich braucht oder maximal brauchen sollte und wer das überhaupt sagen kann. Jeder Mensch liebt ja anders, und Borderliner beziehungsweise Narzissten wahrscheinlich noch einmal ganz anders.
Umso wichtiger empfinde ich Konsequenz, die in jeder Hinsicht wichtig ist: Ich kann nur um etwas kämpfen oder es loslassen, aber zwischen den Polen hin- und herspringen, wie es die Ex-Partnerin im Buch monatelang machte, ist Qual und verhindert beiden, weiterzukommen, zu heilen und sich irgendwann vielleicht gesünder wiederbegegnen zu können, weil es destruktive Reaktionsmuster aufruft. Klar, dass das Buch auch eine erhebliche Ladung an Zerrissenheit in sich birgt.

Und da sind wir auch thematisch bei deinem Buch. Wie war das für dich, dir die Erinnerungen an offenbar schmerzliche Momente deiner Vergangenheit hervorzurufen, sie zu vergegenwärtigen und zu analysieren bzw. einen Charakter zu schaffen, der verschiedene Trennungssituationen vereint? Würdest du die Arbeit daran Kraftakt nennen?

Es war ein enormer Kraftakt, ja. Das Einnehmen eines anderen Charakters zum Einen, das Eintauchen in eine Gefühlswelt, die der meinen nicht unähnlich ist. Man geht mit diesem Gedankenspiel in eine tiefrote Welt des Schmerzes und der Liebe. Leiden, um Schmerzschichten abzuschälen – vielleicht so. Dieses aus dem Buch heraus schimmernde Gefühlsprofil ist ja der stete Tanz von „zu viel“ Liebe und Schmerz in allzu enger Verwandtschaft. Was man liebt, versucht man zu zerstören bzw. man ritualisiert Ablehnung, die man durch das Zufügen von Schmerz dem Anderen gegenüber erreicht. Das Buch hat diese Gefühlswelten komplett nach vorne geholt.

Du sagtest mir vorhin im Vorgespräch, dass du „Kammerflimmern“ in weniger als drei Wochen geschrieben hast. Offenbar nagten Dinge aus deiner Vergangenheit an dir, die du loswerden wolltest. War das eine Art Druck, eine Art Zwang zum Loslassen, um los zu werden?

Ja, ab diesem im Buch erwähnten „Point of no Return“ gab es keine andere Möglichkeit mehr. Ich musste schreiben, ich musste diese in mir gespeicherten Narben abtragen, ich musste den „geliehenen“ Vulkanismus bedienen. Ich rannte tagelang wie Falschgeld rum, wollte immer nur zum Skript zurück, weil der Kopf selbst unterwegs ständig weiterschrieb.

Du sprichst in „Kammerflimmern“ einige Mal das Wort Hochsensibilität in Bezug auf dich, aber auch die Protagonistin, an. Was macht aus Deiner Sicht Hochsensibilität aus?

Ich verstehe es so: Hochsensibilität ist eine Gabe, aber auch eine Last, ein tiefes, inneres Spannungsfeld. Es ist wie mit dem Tanz auf dem Vulkan, einem fast permanenten unter Spannung stehen, einem beständigem Switchen zwischen diversen Wahrnehmungs- und Verständnisebenen vergleichbar und erklärt sich mit einer oftmals oder dauerhaft sehr hohen Wahrnehmung. Vom Erinnerungsvermögen von vor Monaten besprochenen Gesprächsdetails ganz abgesehen. Allerdings: Das normale Leben hat seine Unwuchten, ist aber als Single im Sinne zu verarbeitender Impulse und Energien um Einiges leichter.

Als Mann ist es allerdings tatsächlich schwieriger, in seiner Hochsensibilität und Verletzlichkeit angenommen zu werden. Das öffentliche Bild impliziert den starken, souveränen Macher – ein fast schon „ewiggestriges“ Bild. Und Frauen, die dieses Einfühlsame, Feinempfindende und Verständnisvolle als so wundervoll empfinden, vermissen nicht selten irgendwann, krass formuliert, doch auch wieder einen Alphatypen, der nicht hinterfragt, sondern einfach entscheidet, wo es lang geht. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel. Wir Menschen haben noch jede Menge Spielraum nach oben, um Urmuster in uns zu etwas Größerem, Besserem reifen zu lassen. Und für mich ist eine einfühlsame und „gefühlsehrliche“ Welt definitiv die bessere als diese Maske der Härte und Coolness, die so über die Maßen viele glauben, vor sich hertragen zu müssen.

Ich hatte mit Fertigstellung ja auch einige Telefonate mit Tami Weissenberg, der ja quasi zeitgleich mit seinem Buch „Darjeeling Pur“ in der „Edition Outbird“ erscheint, worin er seine vielen Jahre erfahrener Ehegewalt erzählt. Ich entschuldigte mich fast bei ihm, weil die von mir literarisch gespiegelte Leidenswelt wesentlich geringer gewesen sei. Er sagte „Wer will das entscheiden? Schmerzempfinden ist ja bei jedem anders.“ Und natürlich sprachen wir über weiche, sensible Männer, die wie umgekehrt Frauen in gewissen Beziehungen Herabwürdigung, Respektlosigkeit oder gar Misshandlung erfahren müssen und da nicht herausfinden. Kurz gefasst: es gleicht der Suche nach der Nadel im Heuhaufen und bedarf einer gewissen Reife und feiner Antennen, einem/r gereiften, in sich ruhenden PartnerIn zu begegnen, die / der diese Eigenschaften achtet.

Ich weiß ja auch von dir, dass es zumindest die Verdachts-Diagnose Borderline gibt. Meinst du, es gibt einen Bezug zwischen Hochsensibilität und Borderline?

Das ist eine gute Frage. Erstens: die Diagnose ist mittlerweile widerlegt, die Schnittmenge der Aussagen verschiedener Therapeuten, auch aus dem Freundeskreis und mit entsprechender Nähe zu mir, ist „einfach“, dass ich sehr reichhaltig an Emotionen und Wahrnehmung bin und sich daraus auch beständige Spannungszustände ableiten lassen. Selbst gewisse Reaktionsmuster in einer Liebesbeziehung treffen darauf nicht zu. Vielleicht greift bei dieser Fehldiagnose das noch mangelhafte Fachwissen hochsensibler Männlichkeit.

Zweitens: Hier fehlt mir die Kenntnis, aber vermutlich ist die Schnittmenge sehr hoch, wenn man bedenkt, dass Borderliner in der Regel hochintelligente und sehr sensible Menschen sind. Ich denke, dass die Defizite fehlender Regulierungswerkzeuge der Gefühls- und Spannungswelten sehr ähnlich sind. Manchmal kann man deren Wesenswelten mit Naivität vergleichen: sie wissen einfach nicht, wie man diese massive Menge täglicher Spannungen, Impulse und Energien effizient, gelassen und möglichst schadlos verarbeiten kann, wo die eigenen und anderen Grenzen liegen und wie man seinen Bedarf zum Auftanken und Runterkommen erkennen und organisieren kann. Man will ja auch beständig äußeren Anforderungen und Bedürfnissen gerecht werden.

Freilich ist ein Buch, so steht es im Abspann, fiktiv, aber ein bisschen Wahrheit, das haben wir ja nun festgestellt, als wir vom Puzzle diverser Erlebnisse in deiner Vergangenheit sprachen, ist ja in jedem Werk. Hattest Du Gewissensbisse mit Fertigstellung des Buches?

Ja, weil es hochverletzliche Menschen widerspiegelt und das da draußen tagtäglich vielfach Realität ist. Und weil ich mit dem „Okkupieren“ der Liebesgefühle der Protagonisten ja nicht nur in deren beider Welt eindrang, sondern auch noch mit chirurgischer Präzision all die Fasern und Prozesse aus einer zerbrochenen Liebe sichtbar machte. Dabei will das Buch nur dieses so unbegreiflich Hochverletzliche verstehen und schützen. Ein scheinbarer Widerspruch. Neben der Gefahr, darin nicht die alles tragende einzigartige Liebe, sondern die Risse, Blutungen und Spiegelungen zuvorderst wahrzunehmen, hatte ich auch lange mit dem Punkt der künstlerischen Freiheit zu tun, sprach aus eigenem Interesse auch viel mit meinem Verleger, anderen Autoren, Freunden, einem Dramaturgen.
Oft stellte sich meinem vorhin schon erwähnten Freund in der Zeit seiner Männerarbeit und diesen sich so oft wiederholenden Mustern scheiternder Beziehungen die Frage, wie weit man gehen kann, weil sie alles an einer Borderlinebeziehung in ihrer beständigen Grenzüberschreitung sich und dem Anderen gegenüber ausdrückt. Und klar hab ich auch die Position des Karma hinterfragt, weil ich diese so fragilen wie wundervollen Charaktere schützen will. Für einen Schutz aber braucht es Klarheit, beispielsweise in Form der Offenlegung von Mechanismen, die so einfach ein klares „No Go!“ erkennen lassen, aber in abhängigen Paardynamiken so selten durchbrochen und überwunden werden können. Solche Reflektionen finde ich wichtig.

Zum Schluss interessiert mich noch, ob es aus deiner Sicht ein Konzept gab, was den Sprachstil angeht. Du hättest ja auch wesentlich direkter und klarer schreiben können, nutzt aber eine sehr poetische, ja fast lyrische und an Metaphern reiche Sprache. Woran liegt das?

Darauf gibt es eine für mich einfache Antwort: Ich kann nicht anders. Meine Sprache kann gerade, wenn sie von Emotionen angetrieben wird, sehr bildreich und intensiv sein. Unter dem Antrieb, dieses Buch zu schreiben, bewegten sich viel Liebe und Schmerz aus eigenen früheren Erfahrenswelten. Sicher hat das ganz wesentlich dazu beigetragen.

Ich danke dir für das Interview und wünsch dir viel Erfolg mit deinem Buch…

Das Interview zeichnete Tristan Rosenkranz auf. Neben Teil 1 des Interviews finden Sie vieles mehr im „Outscapes“-Magazin #9 [Edition Outbird].

Bildnachweis: Maud Susann Unger
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Susanne Agnes Fauser „Schamanismus und literarische Tiefenreisen“ [Interview Teil 2] | Outscapes #9

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #9 erschienen. In diesem Zusammenhang verweisen wir gern auf die Rezension zu ihrem aktuell in der „Edition Outbird“ erscheinenden Buch „Lilian“ in unserem Onlinestore (siehe auch nachfolgendes Coverfoto).]

„… Immer neue Erfahrungen zu machen und mich immer wieder selbst neu zu erfinden, das ist für mich ein Lebenselixier. Ich wäre geradezu tödlich gelangweilt, wenn alles immer vorhersehbar und geplant wäre.

Dieses Schamanische, das habe ich viele Jahre einfach gemacht, ohne dafür überhaupt einen Namen zu haben. Das wurde mir im Grunde erst klar, als ich vor 15 Jahren bei Clemens Kuby Seminare besucht habe.

So richtig ernsthaft damit begonnen habe ich, als der Vater meiner Tochter an AIDS erkrankt ist. Wir waren damals schon kein Paar mehr, aber ich habe ihn gepflegt bis zu seinem Tod und in dieser Zeit und den 15 darauffolgenden Jahren, in denen beinahe mein gesamter damaliger Freundeskreis starb, war ich quasi gezwungen, mich mit diesen Themen zu befassen. Tod. Krankheit. Sinnfragen. Alles, was man ja eigentlich von sich fernhalten will oder erst in einem hohen Alter beginnt, sich damit auseinander zu setzen, wenn überhaupt, das brach in mein Leben schon sehr frühzeitig ein. Doch durch all den Schmerz, all die Verluste traten mit einem Mal aber auch Fähigkeiten in mir zutage und Connections zu, ich sage mal, anderen Wesenheiten, nenn es Lehrer, nenn es Spirits, die mich sehr viel gelehrt haben und es immer noch tun.

Manchmal durch Träume, manchmal durch Begegnungen mit Tieren und Pflanzen, manchmal durch Stimmen, die mir irgendetwas erklären oder innere Bilder… das ist für mich alles miteinander verwoben.

Ich war schon immer eine Gefühls-Synästhetikerin. Das heißt, ich habe zu allem, was geschieht, zu allem, was ich wahrnehme, Bilder, manchmal regelrechte Filme.

Um dem Ganzen aber auch einen rechtlichen Rahmen zu geben, habe ich eine Ausbildung als psychotherapeutische Heilpraktikerin gemacht. Mich hat auch die schulmedizinische Sicht interessiert.

Davor habe ich bei Wolfgang Döbereiner in München 9 Jahre lang Astrologie studiert.

Wie muss man sich die Arbeit einer Schamanin vorstellen, welche Arbeitsfelder gibt es?

Ich sehe mich als moderne Schamanin. Ich brauche das ganze Brimborium drum herum nicht. Und ich bin auch nicht der Typ Frau, der sich in Felle hüllt oder sowas. Das sind ja nur Äußerlichkeiten. Und wir leben in der heutigen Zeit.

Die Leute, die zu mir kommen, haben ganz unterschiedliche Anliegen. Die einen haben regelrechte Odyseen hinter sich an Psychotherapien, die ihnen nicht helfen konnten, andere wiederum haben schwere Erkrankungen, wieder andere haben geliebte Menschen verloren oder haben andere schwere Lebenskrisen. Depressionen, Ängste, spirituelle Krisen… da ist alles dabei.

Ich arbeite mit jedem Klienten, jeder Klientin anders. Es ist immer ganz individuell. Was ich sagen kann, ist, dass ich mich leiten lasse von meinen Helfern, nennen wir das mal so. „Sie“ wissen dann immer, besser als ich es täte, was zu tun ist.

Wie ich arbeite… je nachdem, was die bestmögliche individuelle Methode ist. Ich bringe Klienten dazu, sich an die längst vergessene Situation zu erinnern, die ihrer Symptomatik oder ihres Problems zugrunde liegt. Das ist wie ein Film, dessen Drehbuch man dann schlussendlich umschreibt. Die Gehirnforschung hat ja längst bewiesen, dass Gefühle IMMER echt sind und wirken, selbst wenn wir im Kino sind und wissen, dass es nur ein Film ist.

Wenn jemand erkrankt ist oder unter Mobbing leidet oder was auch immer, liegt dem Ganzen stets eine bestimmte Situation zugrunde, die man zumeist verdrängt hat. Doch dieses Gefühl, das man dabei hatte, das erlebt man wieder und wieder in den unterschiedlichsten Begebenheiten.

Ich lese das morphogenetische Feld aus und kann dort sehen, was los ist. Und was man tun kann, um eine Veränderung herbeizuführen. Manchmal ist es auch besser, schamanisch zu reisen, um mit den Spirits zu verhandeln. Zu erfahren, was man tun kann, was nötig ist. Das kann manchmal auch eine Entschuldigung sein, die vor langer Zeit getanes Unrecht wiedergutmacht.

Also wie Du siehst, gibt es da sehr viele Möglichkeiten. Und jedes Symptom, jeder Mensch und auch jeder Weg zur Heilung ist da ganz individuell.

Gestatte mir eine Doppelfrage: Worin unterscheidest Du Dich von anderen SchamanInnen und wie kann ein spiritueller, Antwort suchender Mensch einen guten Geistarbeiter von einem Scharlatan unterscheiden?

Das ist eine gute Frage! Heutzutage ist es sehr „in“, sich „Schamane“ oder wie auch immer zu nennen. Ich kann nur sagen, dass die Menschen, die ich kennenlernen durfte, die wirklich etwas können, nie laut sind. Es sind immer Menschen, die selbst sehr viel Schweres erlebt haben und Ausstrahlung, Charisma besitzen. Bescheidenheit. Und doch sehr klar sind.

Ich denke Vorsicht ist immer geboten bei Leuten, die anderen ihre Ideologie verkaufen wollen oder solchen, die so wahnsinnig „erleuchtet“ daherkommen. Da bin ich immer ganz schnell weg ^^

„Lilian“ spiegelt zu einem Gutteil Deine Lebensgeschichte wieder. Gibt es schon Ideen für weiteren Romanstoff?

Ja! Eine neue Geschichte voller Farben… und Morbidität ^^

Und eine Sammlung von Kurzgeschichten, die darauf warten, geschrieben zu werden.

Susanne, ich danke Dir für das Gespräch.

Das Interview zeichnete Tristan Rosenkranz auf. Neben Teil 1 des Interviews finden Sie vieles mehr im „Outscapes“-Magazin #9 [Edition Outbird].

Bildnachweis: Maud Susann Unger
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[ Rezension ] Tomas Jungbluth „Kammerflimmern“

[Rezension Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #9 erschienen. In diesem Zusammenhang verweisen wir gern auf das Interview mit ihm sowie sein aktuell in der „Edition Outbird“ erschienenes Buch „Kammerflimmern“ in unserem Onlinestore (siehe auch nachfolgendes Coverfoto).]

„… Mutig ist dieses Buch also ebenso, wie es emotional ist und das Thema Trennung auch aus einer gewissen Entfernung beleuchtet.

Aber nicht nur die Thematik selbst wirkt wie eine Fessel, die den Leser / die Leserin an das Buch bindet und sich erst dann löst, wenn das letzte Wort der letzten Seite gelesen ist. Es ist auch das Sprachbild, das sich zwischen Poesie und Lyrik, Prosa und analytischem Essay bewegt. Es sind die Bilder, die Jungbluth zeichnet, die nicht Kontinente, nicht Welten, die beinahe Universen sind. So schiebt er sein durchaus hartes Thema in eine sprachliche Weichheit, die ihre Vergleiche sucht.

Diese reich bebilderte Sprache fasziniert ebenso, wie der unübersehbare innere Trieb, das Faktische in Metaphern auszudrücken. Oftmals ist eine an Metaphern reiche Sprache aufdringlich, wirkt gekünstelt und ist nicht selten nervig. Nicht so bei Tomas Jungbluth. Der schafft es tatsächlich, seine Gefühle sprachlich dicht zu bebildern, ohne dass man irgendwann übervoll ist und das Buch weglegt. Es sind gerade auch jene Bildwelten, die der Autor zeichnet, die eine Art Zwang bilden, weiter und immer weiter zu lesen. Ein Zwang, der in keiner Minute, in keiner Zeile unschön wirkt.

Zum Ende hin wird es stiller, das Licht seiner Schreibtischlampe scheint dunkler geworden zu sein. Ein Hauch von Alkohol und Zigarettenrauch scheint durch die Stube zu wabern und irgendwie ist da dieses Bedürfnis, ihm auf die Schulter zu klopfen und zu sagen: „Well done Brother! We all now this feeling! Come on… your nose need the smell of heaven!“

Die Rezension verfasste M. Kruppe. Neben Teil 1 der Rezension finden Sie vieles mehr im „Outscapes“-Magazin #9 [Edition Outbird].
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[ Rezension ] Susanne Agnes Fauser „Lilian“

[Rezension Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #9 erschienen. In diesem Zusammenhang verweisen wir gern auf das Interview mit ihr sowie ihr aktuell in der „Edition Outbird“ erscheinendes Buch „Lilian“ in unserem Onlinestore (siehe auch nachfolgendes Coverfoto).]

„… Ich entdeckte Frühlingslaub darin und eine Sonne, welche gesprenkeltes Licht auf das Grün eines Waldes warf. Eine Melodie, keine Worte. Zuletzt sah ich Liebe. Golden glitzerndes Blutrot, marmorierte Flügel der Engel. Das zarte und blasse Silber der Furcht.“

Leichthändig umreißt sie mit dem Vertiefen der Geschichte die Lebenswelt der beiden, die sie in einer Kommune leben und damit die Aufmerksamkeit der ganzen Stadt gewiss haben. Einer Aufmerksamkeit, der letztlich religiöser Hass entspringt. Hier allerdings mehr zu verraten, würde die Leserschaft spoilern. Insofern: dieses Buch lohnt sich, es ist atemlos, verursacht Gänsehaut und bringt so einige Male das eigene tiefe Rätsel und Empfinden der Liebe in innere Resonanz. Danke für dieses Werk!“

Die Rezension verfasste Marius Grün. Neben Teil 1 der Rezension finden Sie vieles mehr im „Outscapes“-Magazin #9 [Edition Outbird].
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[ Rezension ] Kai-Uwe Kohlschmidt „Detzman Walking“

Detzman Walking – Oder die Verwandlung des Hermann Detzner

„Wer ist Hermann Detzner? Die Frage sollte besser lauten: Wer war Hermann Detzner? Haben Sie je von diesem Mann gehört? Ich auch nicht. Und wäre nicht Kai-Uwe Kohlschmidt (siehe „Outscapes“-Magazin #8) einst über das Buch „Vier Jahre unter Kannibalen“ gestolpert, würde dieser Name gewordene Teil deutscher Geschichte noch immer vom Staub der Vergangenheit be- ja … -verdeckt sein und wohl auch bleiben.

Der Regisseur, Autor, Musiker und zur Künstlergruppe „Mangan25“ gehörende Sandow-Frontmann aber las dieses Buch und wurde neugierig. Und wenn Kohlschmidt neugierig ist, wird nicht selten aus Neugier ein Projekt.

„Detzman Walking“, erschienen im Majorlabel, ist denn auch das Ergebnis einer anfänglichen Neugier. Gut, ich sollte vielleicht den gesamten Titel des Hörspiels nennen: „Detzman Walking – Oder die Verwandlung des Hermann Detzner“.

Der Hauptitel klang für mich zunächst wie die schlechte Adaption eines Hollywoodklassikers, der dem gleichnamigen Tatsachen-Roman „Dead Man Walking“ der Ordensschwester Helen Prejean entlehnt ist. Wenn man aber weiß, von wem dieses Hörspiel ist, weiß man auch, dass eine schlechte Titelkopie de facto nicht infrage kommt, denn Kai Uwe Kohlschmidt ist ja nicht irgendwer. Dies ist nicht sein erstes Hörspiel, mitnichten. Und es wird auch nicht sein letztes sein, so viel steht fest.

Aber kommen wir zum Eigentlichen.

„Detzman Walking“ ist mehr als ein Hörspiel. Ein Themen überspannendes Werk, das eigentlich eines längeren Textes bedarf, es zu rezensieren. Ja, man könnte eine Arbeit darüber schreiben.

Da wird der erste Weltkrieg ebenso gestreift wie die Kolonialisierung, die deutsche Missionsgeschichte, die Kaiserzeit, Mystik und Religion und fast nebenbei erfährt man (auch) noch etwas über Papua-Neuguinea, wennschon dieses „etwas über“ fast schon fehl am Platze ist, ist doch der geografische Dreh- und Angelpunkt genau dieser drittgrößte Inselstaat im Pazifik.

Und doch ist dieses Werk – und ja, diesen Namen verdient das Hörstück – nicht überladen, sondern reiht sich trotz seiner Themenvielfalt sinnvoll aneinander. Mehr noch: man wird neugierig und spätestens nach dem ersten Hören greift man direkt zum aufwändig gestalteten Booklet, um mehr zu erfahren. Doch die Informationen hier reichen trotz ihres überraschenden Umfangs nicht wirklich aus. Also nutzt man wie von selbst die Suchfunktion seines Browsers, um mehr zu erfahren. Mehr von diesem ebenso seltsam schrägen, wie später eher tragischen Typen Hermann Detzner, mehr von diesem Christian Keyßer, mehr von Kolonialzeit und überhaupt: der erste Weltkrieg trug sich auch in Ozeanien zu?

In einer parallelen Struktur greift das Stück einerseits die Expedition der Künstlergruppe „Mangan25“ nach Papua-Neuguinea auf, in der es auf Spurensuche nach Hermann Detzner und Christian Keyßer ging, andererseits in Monologen aus Tagebucheinträgen und Dialogen aus der Zeit, der die Protagonisten das deutsche Kaiserreich in damals noch Deutsch Neuguinea zu verteidigen glaubten. Letztere sind freilich größtenteils erfunden oder besser gesagt: „konstruiert“.

Uns so ist „Detzman Walking“ kein gewöhnliches Hörspiel, sondern bewegt sich irgendwo zwischen Reportage, Feature und dann doch klassischen Hörspielelementen, wie man sie von Kai-Uwe Kohlschmidt kennt. Die Soundteppiche, die exakt die Stimmungen des jeweils Erzählten unterstreichen, bewegen sich zwischen sphärischen Klängen und teils surrealen Effekten bis hin zu altem deutschen Liedgut aus der Kaiserzeit.

Im Beginn nimmt uns Detzner, gesprochen von Alexander Scheer, mit in seine Zeit, in dem er einen Auszug aus seinem Tagebuch liest. Die typische Geräuschkulisse des Urwaldes impliziert unterstreichend: Wir sind in der Wildnis Ozeaniens, irgendwann zu Zeiten des ersten Weltkrieges. Und plötzlich spaltet sich die Struktur, eine zweite, nun weibliche Stimme, gesprochen von der Schauspielerin und Ärztin Arta Adler, verschiebt die Sicht und zunächst ist unklar, wohin. Es entsteht eine ungewisse Zweidimensionalität, die durch die Soundkollagen sehr mystisch wirkt. Der sprechende Kakadu, namens Pfefflein, wie man später erfährt, nährt diesen Eindruck eindrücklich und erinnert irgendwie auch an Kult-Hörspielreihe „ Die Drei ???“.

Die Reise beginnt. Nicht nur für mich als Zuhörer, sondern auch für die Expeditionsgruppe „Mangan25“, denn nun stellt sich heraus, dass jene weibliche Stimme die Autorenstimme ist und in einer Art Parallelerzählung vom Trip der Gruppe auf den Spuren des Protagonisten berichtet. Abgewechselt bzw. ergänzt durch Einschübe von Original-Mitschnitten, Aufnahmen und Interviews, erfahre ich nun mehr von der Reise, der Gruppe, den Menschen die man trifft und befragt. Jenen Menschen, die Angst zu haben scheinen. Angst davor, etwas zu erzählen, denn Detzmann, so sagt man, sei noch dort, gegenwärtig, ja justament zugegen.

So tritt der deutsche Landvermesser und Militarist, der sich vier Jahre in Neuguinea vor den Australiern versteckte, die in den ersten Weltkrieg ebenso involviert waren, wie Russen, Franzosen, Engländer und so fort, als Vertreter seiner Zeit, in den Dialog mit Vertretern unserer, der Jetztzeit. Klug kombinierte Sprachspiele in Form von monologischen Ansagen Detzners, antworten auf Gesagtes von Papua-Neuguineern, die im Interview nicht recht wissen, ob sie reden sollten oder nicht. „Ihr seid des Todes, wenn ihr mit jemanden darüber sprecht!“ muss Christian Keyßer, der deutsche Missionar gesagt haben, der einige Jahre vor Hermann Detzner hier her kam und ein Wegbegleiter Detzners gewesen ist. Und da die „Eingeborenen“, als sie zum ersten Mal weiße Menschen sahen, meinten, dass dies die Rückkehr ihrer Urahnen sei, schwebte von Beginn an eine gewisse Ehrfurcht mit, die bis heute anhält. Die Fragenden müssen bohren, um ihre Neugier stillen, um Spuren der Deutschen finden zu können.

In wen oder was verwandelt sich Hermann Detzner? Welche Rolle spielt der Missionar Christian Keyser? Was erlebt die Expeditionsgruppe „Mangan25“? Und: zu welchem Ergebnis kommt sie, will sie kommen?

All diese Fragen will ich offen lassen, denn Sie sollten, dies ist (m)eine absolute Empfehlung, sich dieses Meisterstück des Hörspiels auf keinen Fall entgehen lassen. Ein Versprechen: Sie werden reicher an Wissen, erfahren von geschichtlichen Hintergründen ebenso, wie vom Leben auf dem drittgrößten Inselstaat im Pazifik gestern und heute. Und das alles in einer Gesamtkomposition die Sie von der ersten bis zur letzten Minute nicht los lassen wird. Auch thematisch nicht, denn wie eingangs bereits erwähnt, habe ich persönlich anschließend noch einige Stunden im Netz zugebracht, um mehr zu erfahren. Und ich bin durchaus dankbar, dieses Stück wirklich unbekannter deutscher Geschichte erfahren zu haben.“

Bildnachweis: Majorlabel / Roberto Schirdewahn

Die Rezension verfasste M. Kruppe. Zum Hörbuch „Detzman Walking“ folgen Sie bitte diesem Link.
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[ Rezension ] Johannes Berthold & Holger Much „Narrenturm“

„Ich war mir nicht sicher, was ich zuerst auf mich wirken lassen sollte: das Buch selbst oder die beiliegende CD. Dass ich mich für die CD entschied, schien konsequent, bekam ich nur wenige Minuten später im sommerlichen Garten eine Gänsehaut, die mich ins Buch, nein ins Gesamtkonzept mitnehmen sollte. Unheil- und verheißungsvolle Klangläufe, die tragschwer wie romantisch ins Gemüt fahren, um den Weg eines aus der Bahn Geratenen durch die Wiener Irrenanstalt „Narrenturm“ nachzuzeichnen.

Eindrückliche, suchende, die Dunkelheit des Wahns bis hin zur (vermeintlichen?) Heilung fassbar machende Klangcollagen des Masterminds der Dark Wave-Band „Illuminate“, Johannes Berthold, die sich in ihrer lyrischen Tiefe und Zeitverlorenheit, in ihrem Wechsel zwischen kraftvollen Lyrics und Chorälen hervorragend für einen zweisamen Abend bei Rotwein und Kerzenlicht eignen.

Genug Kerzenlicht aber, um das vom Fantastikillustrator Holger Much in dunkles Grün getauchte Buch auf sich wirken zu lassen. Bebilderte Songtexte, die die enge Verwandtschaft von Wahnsinn und abgründigen Fabelreichen (der Tiefsee? des endlosen Waldes? surrealer Räume?) in weiche, schwungvolle, fast leichthändige Welten legen, um so die ins tausendfache Nichts führenden Raumverschiebungen, die Verlorenheit, Angst, endlose Suche und rebellische Ablehnung der vermeintlich normalen Welt greifbar zu machen.

Den beiden Köpfen des Projektes, Johannes Berthold und Holger Much, ist hier zum 15jährigen Jubiläum des Tonträgers ein kleiner Sammlerschatz gelungen, der Vergleiche missen lässt. Eine edel gestaltete Sonderausgabe in Hardcover als eine CD umfassende Welt poetischer Tiefe, hoffende, sehnende, klagende Zeilen, schicksalhafte Klänge als Projekt verschiedener Disziplinen, das man mit Abstand zur Welt genießen sollte: jenseits immer bereiter sozialer Medien in der Stille des Abends. All die umgebenden Dinge abschalten, drauf einlassen und nachfühlen – die Zeit eines vergangenen Jahrhunderts und den Bruch eines liebenden Wesens.

Begleitend zur künstlerischen Weite führt das Buch den Leser in die dunkle und schreckliche Welt der Irrenanstalt „Narrenturm“ ein und stellt beide Macher, Johannes Berthold und Holger Much, ergiebig vor. Man möchte am Ende des Hör- und Lesegenusses „Mehr!“ rufen und bleibt mit der Hoffnung auf weitere Schätze dieses Formates allein. Ein Alleinsein, das dem Erlebten nachspürt.

„Der Narrenturm“ ist eine Empfehlung von und für sensible Herzen und eine mehr als nur gute Idee, sollte jemand nach passenden Geburtstags- oder schon jetzt Weihnachtsgeschenken für geneigte Herzen suchen. Tipp!“

Die Rezension verfasste Tristan Rosenkranz. Zur Jubiläumsausgabe „Narrenturm“ folgen Sie bitte diesem Link.
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[ Rezension ] Christian von Aster (Hrsg.) „Boschs Vermächtnis“

[Vorliegende Rezension ist ebenfalls in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #8 erschienen.]

„Es gibt Werke, die einen ein Leben lang nicht mehr verlassen. Sie schlummern vielleicht manchmal nach der Erstentdeckung Jahre vor sich hin, aber sie gehen nie ganz fort. Beispielsweise „Märchen aus 1001 Nacht“. Ich liebte sie und tue es noch. Erst unlängst nahm ich es wieder in die Hand, bevor andere spannende Stoffe die Hoheit übernahmen. Eines dieser spannenden Neuerscheinungen war und ist „Boschs Vermächtnis“ unter Christian von Asters Herausgeberschaft, ein Buch von mehr als 400 Seiten. Von Aster, dem Hieronymus Bosch im Alter von 14 Jahren ins Leben trat, trug sich lange Jahre mit dem Gedanken, Bosch zum Thema seiner literarischen Arbeit zu machen, bis diese Idee eines Tages herangereift war.

Zum Bestellen bitte anklicken.

Was heute nun vor mir liegt, ist ein Prachtwerk, dass mit AutorInnen wie Luci van Org, Sonja Rüther, Michael Schweßinger, Alex Jahnke, Vera Wehberg, David Gray, Astrid Mosler oder Christian von Aster selbst nicht nur einige der besten ErzählerInnen der deutschen Gegenwartsliteratur versammelt, sondern auch mit einer bestechenden Vielfalt Bosch´scher Deutungen aufwartet, die sich in eine schier unerschöpfliche Vielfalt fantastischer Geschichten ergießt. Oft wähnt man sich von mittelalterlichen Welten umgeben, folgt auf dunkle Pfade zwischen Bedrohlichkeit, Untergang und der Suche nach Erlösung, folgt den Charakteren oder vielmehr DEM Charakter auf psychedelische Rauschfahrten oder durch ihre Wahnvorstellungen. Dann wieder wird man in eine überirdische Nummer zweier Frauen auf dem Boden eines Museums hineingezogen, die in den Seelenverkauf einer ausgebrannten und ausgehungerten Spieleentwicklerin mündet, findet sich Seiten später in einem endlos bösen Trip Boschs wieder, der nur erahnen lässt, wie besessen dieser kongeniale Künstler gewesen sein muss (oder könnte?), um wiederum Seiten später vom obsessiven Briefwechsel zwischen Johanna I. von Kastilien und Hieronymus von Bosch mitgerissen zu werden.

„Boschs Vermächtnis“ besticht in vielen seiner fantastischen Erzählungen durch die wechselnden Perspektiven und Ebenen, die sich durch den Erzählsog mitunter erst später auflösen. Oft musste ich erst wieder auftauchen ins Jetzt und Hier, wenn ich in eine dieser Geschichten geraten war. Um festzustellen, dass man sich auf dieses Buch nur voll und ganz einlassen kann. Ich schätze, man würde – beispielsweise in der U-Bahn – die Welt mit all ihren Pflichten um sich herum vergessen und am Abgleich mit derselben scheitern. Vielleicht erklärt sich damit auch die Magie des Triptychons „Garten der Lüste“ von Hieronymus Bosch: Sein weltberühmtes wie seinerzeit provokantes Gemälde wie auch dieses Buch schillern in so unendlich vielen Facetten, dass es einem Trip gleicht, ein vollendetes Verständnis davon erlangen zu wollen.

Man kann es als Geschenk verstehen, dass man dieses wundervolle Buch niemals ganz entschlüsseln wird, allein schon weil Bosch nur noch als herausragende Künstlerlegende existiert. Und – für mich – jetzt schon ein ähnlich starkes Schlüsselwerk wie ebenjene „Märchen aus 1001 Nacht“. Das nicht zuletzt dadurch glänzt, Bosch eine mehr als gebührende Erinnerung zu verschaffen.

Die Rezension schrieb Tristan Rosenkranz. Mehr Themen und Interviews finden Sie im „Outscapes“-Magazin #8 [Edition Outbird].
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Kai-Uwe Kohlschmidt „Kunst im Hauptberuf“ [Interview Teil 2] | Outscapes #8

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #8 erschienen. In diesem Zusammenhang verweisen wir gern auf seine Hörbücher in unserem Onlinestore (siehe auch nachfolgendes Coverfoto)]

„… Und das war dann eher so der Sound, den wir uns reinzogen. Da gab es dann auch dementsprechend schräges Personal. Und in der Boheme der Künstler, der Maler wuchsen wir dann eben ohnehin in einem Denken auf, dass die Künste sich überschneiden, dass es Crossings gibt. So kamen wir dazu, schon 1988 auch Performances zu machen. Das war dann eben so eine Art Labor, in dem wir dann Sachen ausprobierten, die später bei Sandow auch zum Tragen kamen. Wir haben dann Instrumentarien ausprobiert, Sprache untersucht und so war das immer eine permanente Entwicklung. Ebenfalls 1988 kam dann Theater dazu. 1991 habe ich schon die erste Filmmusik geschrieben, damals noch für einen Studentenfilm. Und so kommt es mit der Zeit, dass auch Leute an dich herantreten und dich fragen, ob du dir vorstellen kannst, mit ihnen zu arbeiten. Auf diese Weise entsteht ein Kontinuum, und nicht wirklich etwas, das man sich ausgedacht hat, unter dem Motto: „Ich werde ab jetzt …“. Der Kreis von Leuten, die mit dir etwas machen wollen, wird immer größer.

Ich hatte auch immer wieder Heurekas. Zum Beispiel 2004 am Nanga Parbat. Da wollte ich ja „die Sinfonie der Todeszone“ schreiben (http://www.alpinclub.com/pdf/kunstexp.pdf), mit Sounds rund um die Bergsteiger und solchen, die ich selbst in 4500 m Höhe aufnehmen kann. Dann wurde das aber ein Hörspiel, weil sehr dramatische Dinge passiert sind und plötzlich erinnerte ich mich auch wieder, dass mir das ja liegt, also, das Schreiben. Ich hatte das schon länger nicht mehr gemacht. Ich hatte zu dem Zeitpunkt seit fast zehn Jahren nicht mehr geschrieben. Freilich Songtexte, aber nicht Dramatik und dann war das irgendwie eine Entdeckung. Auch die Entdeckung, sich fortzubewegen in schwerem, kompliziertem Habitat, in der Wildnis. Dieses Wachsein, diese Befreiung von Routine und diesem routinierten Denken, das war eine recht maßgebliche Entdeckung.

Was bedeutet Kunst bzw. künstlerische Arbeit für dich? Würdest du das, was du tust, jetzt mal unabhängig von der Bezahlung, als Job, als harten Beruf bezeichnen, oder macht dir alles Spaß und wird somit eher zu einer unvermeidlichen Sache … gewissermaßen einer Passion, die den positiven Nebeneffekt hat, davon leben zu können?

Wie Bukowski sagte: „Du kannst dich nicht dafür entscheiden. Wenn überhaupt wird es sich für dich entscheiden.“ Die ersten 15 Jahre sind verdammt trocken. Trocken in Sachen Geld verdienen meine ich. Das ist schon recht hart, weil du lange überhaupt kein Geld verdienst. Manchmal verdienst du etwas und dann reicht das auch mal ein halbes Jahr. Aber dann ist es auch wieder vorbei und was machst du dann? Auf die Baustelle willst du auf keinen Fall zurück und dann gibt es eben all die Künstler-Jobs. In diesen 15 Jahren entscheidet sich das dann eben, aber es ist auch wahnsinnig viel Arbeit. Es ist also keine Sache des Daran – Glaubens, keiner tut sich so etwas freiwillig an, viel zu schreiben und keiner liest es, oder viel Musik zu machen und keiner kommt zu deinen Konzerten, und das in Verbindung mit dem immensen Arbeitsaufwand.

Ich selbst bin jetzt in der Lage, dass ich ein sehr reiches und ausgefülltes künstlerisches Leben habe, mit immer wieder neuen und abwechslungsreichen Projekten. Das wäre vor 20 Jahren undenkbar gewesen und ich hätte es mir auch so nicht ausdenken können, weil manche Dinge ja erst entstehen, indem du dich mal ordentlich ins Gebüsch schmeißt, weil da kein Weg ist. Und plötzlich entsteht da ein Weg.

Also könnte man sagen, dass du dich mit deiner Kunst und deine Kunst sich mit dir entwickelt hat?

Das ist bestimmt richtig, ja. Ich hatte ein Stück weit auch großes Glück, denn es betrifft ja nicht nur Fleiß oder Talent. Es betrifft ja die Tatsache, dass man die richtigen Leute trifft und man manchmal die falschen Leute auch wieder abstößt und sich auch mal durchsetzt in Momenten, in denen man lieber sterben als leben möchte. Nicht unwichtig ist auch, dass man sich nahezu von Allem inspirieren lassen kann. Und das muss nicht immer nur Kunst sein. Das kann zum Beispiel auch eine Landschaft sein.

Wer oder was inspiriert dich noch, also mal abgesehen von Landschaften und Reisen? Gibt es so etwas wie Hauptinspirationspunkte für dich? Welches war zum Beispiel dein zuletzt gekauftes Buch, deine zuletzt gekauftes Album?

Ich habe zuletzt von Jörg Friedrich „Der Brand“ gelesen, ein Buch über den Bombenkrieg, vor allem den alliierten Bombenkrieg und das in einer Sprache, die wahrscheinlich seit Golo Mann kein Historiker mehr hervorbrachte. Er zeigt auf, was dieser Bombenkrieg für Konsequenzen hatte und das ist dann so ein Moment, wo ich länger darüber nachdenke, weil es mir keiner vorher so erzählt hat. Und manchmal schlägt sich so etwas dann auch in Dingen nieder, die ich tue. Das kann auch mal zehn Jahre dauern, denn es geht auch darum, Muster zu erkennen in einer recht chaotischen Welt und manchmal dauert es eben, das jeweilige Muster zu erkennen und das dann auch abzugleichen. Ich bestehe immer auch auf eigenen Erfahrungen. Alles, was so auf dem Bildschirm gesehen werden kann, ist zwar auch Futter, aber vieles wirklich selbst gesehen zu haben, ist wesentlich elementarer.

Du spielst ja neben den vielen anderen künstlerischen Arbeiten und Sandow in zwei weiteren Bands. Bei allem, was du tust, gibt es ein einzelnes Projekt, das dir besonders am Herzen liegt?

Ich glaube das sind immer die Tage, an denen man sich mit Inspiration betankt. Wenn ich auf einer Mangan25-Reise (siehe unten) bin zum Beispiel, dann wird daraus ja nicht nur ein Hörspiel. Da fließt vielleicht was zu Sandow rüber, manches geht komplett in den Kompott-Keller oder ins geistige Archiv und wartet dort auf Verwendung. Und da ich immer mit einer Thematik reise, ist das eigentlich immer das Spannendste. Was ich auch sehr mag ist, wenn Arbeiten sich finalisieren, wenn die Mischung kurz vorm Ende steht, wenn der Rohschnitt also steht und man das Werk zu spüren beginnt und alles, was man zum Beispiel zwei Jahre zuvor begonnen hat allmählich seinen Charakter entblößt. Das ist eben wie der Stein an dem man meißelt, oder ein anderes Material… das Material bringt ja auch ein eigenes Leben mit und deswegen ist es immer auch wieder überraschend, wenn dann alles zusammenkommt.

Gibt es bei dieser Fülle an Arbeit eigentlich auch den Privatmann Kai-Uwe Kohlschmidt, der sich Auszeiten nimmt, in denen er nicht über Projekte, Band, Musik, Texte, Features und so weiter nachdenkt? Hast du überhaupt Zeit für Auszeiten? Kannst du „abschalten“ wie man sagt und wenn ja, wie sieht das aus?

Das brauche ich eigentlich kaum. Das letzte Mal im Urlaub war ich, glaube ich, 1990 oder `93. Hin und wieder sind wir auch mal mit den Kindern verreist, dann aber auch meist nur ins Waldhaus meiner Eltern, um mit den Kindern Ferien zu machen. Wenn ich abschalte, mache ich etwas auf der Hazienda hier zu Haus, hacke Holz oder so was… (lacht).

Also gibt es schon so Tage, an denen du nichts machst, an denen du sagst „Heute lege ich mal die Füße hoch“?

Es ist immer gut, wenn man am Tag öfters mal für eine halbe, dreiviertel Stunde etwas anderes macht, das hilft schon. Wir wohnen hier an einem See, quasi wie im Urlaub und hin und wieder gehe ich ne Runde segeln oder treffe Freunde.

Kommen wir noch kurz zum Thema Reisen. Das scheint ja eine deiner Passionen zu sein. Du warst in den letzten 14 Jahren unter Anderem in Schottland, 2016 Papua Neuguinea, 2015 Maputo (Mosambik), 2014 Gotland / Christians Oe, 2013 Grenzland (Neisse), 2012 Namibwüste / Naukluft (Namibia), 2012 Grenzland (Oder), 2011 Rub-Al-Chaly (Vereinte Arabische Emirate), 2010 Anden / Regenwald (Venezuela), 2009 Spitzbergen (Arktis), 2008 Simpson Wüste (Australien), 2004 Nanga Parbat (Pakistan) … Bei vielen deiner Trips entstanden Radio-Features oder Hörspiele. Waren das Aufträge oder hast du hier das Nützliche mit dem Wesentlichen verbunden?

Es gibt schon auch Reisen, bei denen ich vorher keinen Sender hatte und ich mir sagte: „Das mache ich trotzdem, das wird schon.“ Das war zum Beispiel so, als ich nach Venezuela ging. Und diesen Stoff habe ich bis heute noch nicht verkauft. Ich müsste die Zeit finden, ihn nochmal neu anzugehen. Natürlich war die Reise nicht umsonst. Da ist ja zum Beispiel auch ein Text für Sandow entstanden. Vielleicht mache ich auch ein Theaterstück draus. Man muss einfach die richtigen Leute dafür finden.

Also das passiert durchaus. Aber dann gibt es eben sehr erfolgreiche Arbeiten, die finanzieren dann solche Ausfälle mit. Im günstigsten Fall, und das ist in zwei von drei Fällen so, habe ich einen Sender, der mir sein Vertrauen ausspricht und sagt „Das machen wir.“

In der Anfangszeit war das natürlich wesentlich schwieriger als heute. Es wird zunehmend gedeckter.

Bist du damals an die Sender herangetreten?

Ja na klar. Am Anfang hast du da erst mal niemanden, du weißt noch nicht mal, wo die Tür ist, geschweige wie derjenige heißt, zu dem du willst. Und selbst wenn, bist du dann auch nur jemand auf einem gigantischen Stapel.

Ihr habt 2004 die Künstlergruppe Mangan25 gegründet, die „bereisbare Erfahrungsräume aufsucht und ungewöhnliche Landschaften, schwer zugängliche Habitate und Expeditionen im Grenzbereich in ihren Fokus stellt“, wie der Webseite zu entnehmen ist. Ist diese Gruppe eigens ein Produkt deiner Reiselust oder entstand dieses Kollektiv quasi „nebenbei“?

Wir hießen erst recht umständlich und unglücklich „Deutsche Künstlerexpedition“, als wir 2004 zum Nanga Parbat fuhren. Danach haben wir eine gemeinsame Performance gemacht und hatten, auch in anderen Sparten, recht viele Arbeitsergebnisse. Und so dachten wir, dass wir nun einen richtigen Künstlergruppennamen brauchen und haben dann Mangan25 als Namen erwählt. Das ist aber auch eine eher lockere Vereinigung, also, wir kein sind Kunst-Verein mit Reise-Abo. Das hängt immer am Thema, wer fährt.

Was ist deine Intention in Sachen Reisen? Würdest du sagen, dass du eine Art Fernweh hast? Was zieht dich weg und wie wählst du deine Ziele aus?

Mich interessieren einfach immer bestimmte Themen und nach 14 Expeditionen kann man sagen, dass es da eine Tendenz zu historischen Themen gibt. Mein Vater ist ja auch Historiker, vielleicht gibt’s da auch eine erbliche Bestimmung.

Manchmal sind das Stoffe, die ich eher zufällig entdecke, manchmal aber suche ich auch direkt danach. Manchmal interessiert mich auch eine Landschaft und ich schau dann, ob es einen Stoff in der Gegend gibt. Und man kriegt inzwischen auch im Freundes- und Bekanntenkreis richtig viele Tipps und Anregungen.

Ich bin jedenfalls kein Geschichten-Nacherzähler. Das muss dann schon auch etwas mit mir zu tun haben. Es muss da eine Konfliktlinie geben, die ich sehen will, die auch mit Heute zu tun hat, selbst wenn die Geschichte 300 Jahre früher spielt. Und so habe ich etwa 10-15 Reiseideen, die vor sich hin gären, die aber noch nicht ausgereift, angereichert sind.

Gibt es denn konkret schon ein nächstes Ziel?

Ja, wir werden dieses Jahr nach Amerika gehen, also in die Vereinigten Staaten. Das sind zwei sehr schöne Geschichten, die ich jetzt aber nicht erzähle. In der Branche wird man auch mal abgeschöpft.

„Reisen fördert die Kreativität“, würdest du diesen Satz bestätigen?

Fürst Hermann von Pückler hat einmal gesagt: „Es geht nicht ums Reisen, es geht ums gereist zu haben.“ Er meint damit vor allen Dingen, dass Reisen sehr lange in einem nachwirkt. Papua-Neuguinea ist nun schon eine ganze Weile her, aber das hat so ein langes Echo in mir nach wie vor. Oder auch, wenn du am Nanga Parbat bist.

Es geht nicht darum, dass so innere Postkarten immer wieder hochfahren, sondern darum, dass man da echte Erkenntnisse erlangt hat und zwar die Eigenen und manche sind dann freilich auch mit Mühsal verbunden und mache auch mit Gefahren, auch, wenn wir die nie bewusst suchen. Und genau das kann man auch nur in eben dieser Form erleben. Das hilft, Muster zu erkennen. Wenn man beispielsweise im Fernsehen etwas über Schiiten und Sunniten sieht und hört, dass die sich da aufs Dach hauen… also ich war bei Schiiten, ich war aber auch bei Sunniten und zwar in Pakistan, wo es auch echt richtig gekracht hat und man hat plötzlich eine ganz klare Vorstellung und nicht diese Abziehbilder. Man weiß, dass die ja letztendlich auch eine Kultur verteidigen müssen. Eine komplett eigene Kultur, mit ganz eigenen Linien und Strukturen. So was kann dir kein schlaues Buch erzählen.

Was wünschst du dir für die Zukunft, vielleicht auch für dich ganz persönlich?

(überlegt) … Wünschen ist halt immer so etwas Profanes. (Lacht) Man wünscht sich, dass alles gut ist im Leben und dass man noch viele Entdeckungen vor sich hat. Das Meiste muss man sich erarbeiten.“

Das Interview führte M. Kruppe. Teil 1 des Interviews und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #8 [Edition Outbird]. Bildnachweis: Roberto Schirdewahn.
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