Peter Wawerzinek „Schreiben als Befreiung“ [Interviewauszug] | Outscapes #5

„…Was bedeuten Ihnen Würdigungen wie der Ingeborg-Bachmann-Preis? Dankbare Reparation eines langen Heilungsweges? Sichtbarmachung als herausragender Schriftsteller?

Es war die letzte Möglichkeit für mich, den Kopf herauszustecken, mich zu zeigen, meine Schreiberei wichtig werden zu lassen. Ich war bereits abgeschrieben und kam mit diesem Knaller zurück, ganz weit nach vorne. Ich habe ja vorher das Schreiben schon aufgegeben, mich abgeschrieben, ernsthaft gedacht, ich hätte das Zeug nicht dazu, mehr Leute als nur den Freundeskreis zu interessieren. Ich bleibe was ich bin, nur nimmt man mich jetzt viel mehr wahr. Der Preis hat viele, viel Türen und Fenster für mich geöffnet. Ich existiere nun schon sieben Jahre danach, schreibe neu und weiter, weiter…

Einst sagten Sie „Du musst den Blues hassen, um guten Blues zu machen“ – trifft das auch auf die Schriftstellerei zu?

Um dem Leser etwas zu geben muss man die Kollegen gewissenhaft sortieren und den Teil von ihnen ablehnen, der nur nach Ansehen und Finanzen lugt. Also all die Leute, die seltsam werden und eingebildet, sobald sie mit ihrer Taktik Erfolg haben. Sie wenden sich vom alten Leben ab, wenn man sich ihnen zuwendet, die Kritik sie lobt und in die Bestsellerlisten schießt. Man erkennt sie. Sie riechen nach Ruhm. Ich mag sie nach wie vor nicht. Es gibt da eine lange, lange Liste im Hirn von mir, von derartigen Selbstverliebten, die sehr geschickt agieren oder einfach besser vernetzt sind als andere, und dadurch allein schon im Geschäft bleiben. Ich hasse sie nicht mehr. Ich bedauere sie eher. …“

Das Interview führte Tristan Rosenkranz. Das gesamte Gespräch und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #5 [Edition Outbird].

Bildnachweis: Gerd Adloff
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Luci van Org „Kunst inspiriert mich, wenn ich sie fühle“ [Interview Teil 2] | Outscapes #5

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #5 [Edition Outbird] erschienen. In diesem Zusammenhang verweisen wir gern auch auf die Verlosung ihres neuen, handsignierten Buches „Die Geschichten von Yggdrasil – das kleine Familienbuch der nordischen Sagen“ unter Neu-AbonnentInnen.]

Antwortteil 2 zu Frage 1:

„… Auch hinter dem ersten Lucilectric- Album stehe ich bis heute voll und ganz. Wir waren in Deutschland immerhin die erste Band, die Technobeats mit Punkrock kombiniert hat. Auf unseren Konzerten wurde Pogo getanzt. Und „Mädchen“ musste erst in Holland ein Hit werden, bis deutsche Radios sich getraut haben, es zu spielen, weil der Song – so albern das heute klingt – zu „schräg“ und zu „rebellisch“ war. Am Anfang waren Lucilectric wundervoller, lustiger Krawall, ganz nach meinem Geschmack. Dann aber hat die Plattenfirma uns durch jede noch so blöde Mainstream-TV-Show gejagt, übel in unserem 2. Album herumgepfuscht und mit heftigsten Vertragsstrafen gedroht, wenn wir uns nicht fügen. Da wurde es kurz mal schlimm. Heute würde ich in solchen Situationen nur den Mittelfinger zeigen, aber mit Anfang 20 habe ich mich von sowas leider noch beeindrucken lassen.

Immerhin haben wir es dann geschafft, die Firma zu wechseln. und mit dem dritten Lucilectric- Album „Tiefer“, von dem es ein Song damals sogar schon auf einen Gothic-Sampler geschafft hat, begann dann eigentlich bereits die Rückkehr zur Ursuppe. Allerdings erstmal ohne dass ich es gemerkt hätte. Bis zum Debütalbum von „Das Haus von Luci“, dem ersten Album, das ich komplett allein produziert habe. Da wollte ich einfach nur ein richtig tolles Album machen. Wollte der Welt und mir selbst zeigen wie ich mich anhöre, wenn ich keine Kompromisse machen muss, und ich selbst fand das Album sehr fröhlich und poppig. Für Radio, Presse und die Booker der großen Festivals war es aber „schräg“ und „düster“; und das erste Festival, auf dem „Das Haus von Luci“ dann schließlich gespielt haben, war das WGT 2004… Soviel zu dem, was aus mir rauskommt, wenn ich keine Kompromisse machen muss. Die Begeisterung und Offenheit, mit der mich das Publikum damals in der Moritzbastei empfangen hat, hat mich dann komplett überwältigt. Das war ein echtes Nach-Hause-Kommen.“

Interview Teil 2

„… Erst Ende der Neunziger hat mich ein sehr netter Journalist ermutigt, es mal mit dem Kolumnenschreiben zu versuchen, was dann so gut geklappt hat, dass ich nicht mehr aufhören konnte zu schreiben.

Was macht mehr Spaß, das Schreiben oder die Musik (fiese Frage 😉)?

Bei Fleißarbeiten macht immer das am meisten Spaß, was ich gerade nicht tue. Beim Gitarre üben oder beim Spuren editieren im Studio würde ich viel lieber was schreiben; wenn ich Romankapitel oder Drehbücher überarbeiten muss, würde ich gern viel lieber Musik machen. Aber wenn´s einfach läuft, gibt es keinen Unterschied. Dann bin ich einfach nur glücklich mit dem, was ich mache.

Was unterscheidet „Üebermutter“ von Deinem Elektroprojekt „Meystersinger“?

Viel weniger, als es zunächst scheint. Beide Projekte sind unterschiedliche Pole desselben Planeten. In beiden geht es – oft ziemlich politisch – mit ganz viel ehrlichen Emotionen um Zwischenmenschliches. Bei Üebermutter speisen sich diese Emotionen aber vor allem aus Wut und bei Meystersinger aus Mitgefühl und dem Willen zur Versöhnung. Diese beiden Extreme, zwischen denen ich in meinem Leben ständig hin- und herpendele, in einem musikalischen Kosmos zu vereinen, habe ich bisher noch nicht geschafft. Da braucht es einfach zwei Bands – mindestens…

Liegt dir eins der Projekte mehr am Herzen und wenn ja warum?

Immer das Projekt, an dem ich gerade arbeite, ist mein wichtigstes Projekt und liegt mir am meisten am Herzen. Das kann morgens ein anderes sein als mittags und nachmittags wieder ein anderes.

Kunst ist Ausdruck des Ichs…. Ganz klar. Was Kunst für dich persönlich aus der Schöpferinnensicht bedeutet, liegt bei der Fülle an Projekten die du da am Laufen hast, auf der Hand. Gibt es auch Luci van Org die Konsumentin von Kunst? Was gefällt dir persönlich, was inspiriert dich und warum?

Kunst inspiriert mich immer dann, wenn ich echte Emotion spüre. Wenn ich das Gefühl habe, dass jemand nicht nur mit irgendeiner Masche, Mode, Form oder einem vermeintlichen Gefühl kokettiert, sondern wirklich den Drang hat, mir etwas mitzuteilen. So, wie zum Beispiel bei Trey Parker, dem Schöpfer von Southpark. In so gut wie allem, was er macht, und sei es noch so schwarzhumorig, ist der gnadenlos ehrliche Wunsch nach einer besseren Welt, nach einem besseren, liebevolleren menschlichen Dasein zu spüren. Wenn ich das irgendwann mal auch nur halb so überzeugend hinkriege, führe ich ein Tänzchen auf.

Seit wann ist Kunst und Kultur (so) wichtig für dich? Wie hast du entdeckt, dass du ein Faible für Kunst und Kultur hast?

Ich habe kein Faible für Kunst ins Kultur. Ich kann einfach nichts anderes, und nichts anderes würde mich glücklich machen.

Du nutzt Namen, Erfolge und Kontakte unter anderem auch als Schirmfrau des „Bundesverbandes verwaiste Eltern und trauernde Geschwister in Deutschland e.V. (VEID.e.V.)“. Welchen Bezug hast Du zu diesem Thema?

Den der Empathie und den der Einsicht, dass es Dinge gibt, die so entsetzlich und so grausam sind, dass ich sie nicht nachempfinden kann, wenn ich sie nicht selbst erlebt habe.

Ich kann Eltern, die den Tod ihres Kindes erleiden müssen, aber zumindest ein klein wenig beim Überleben helfen, und das versuche ich. Indem ich mich, wo immer es geht, darum bemühe, die Öffentlichkeit für die Wichtigkeit der Vereinsarbeit zu sensibilisieren und – ganz profan – auch Menschen davon zu überzeugen, Geld zu spenden. Am Wichtigsten ist mir aber, Berührungsängste gegenüber betroffenen Eltern abzubauen. Zu zeigen, dass im VEID trotz – oder sogar gerade wegen – der allgegenwärtigen Trauer auch gelacht und geliebt und gefeiert und geschimpft und sich gestritten wird. Davon zu erzählen, was für bewundernswerten Menschen mit oft übermenschlichen Kräften ich dort immer wieder begegne und wie viel ich von ihnen lerne. Genau dieser Kontakt mit den Betroffenen ist auch meine größte Motivation. Ich bin so dankbar für alles, was ich von ihnen schon lernen durfte und für das große Vertrauen, das mir entgegengebracht wird.“

Das Interview führten M. Kruppe und Tristan Rosenkranz. Teil 1 des Interviews und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #5 [Edition Outbird].

Luci van Org in unserem Webstore: bitte hier entlang.

Bildnachweise: Axel Hildebrand

M. Kruppe „Im Land der Dichter und Denker“ [Kolumnenauszug] | Outscapes #4

„… So lange unsereins nicht die Zeit gegeben wird, das zu tun, was wir vielleicht wirklich könn(t)en, solange wird’s auch nichts mit der professionellen Schreiberei. Klar haben wir uns unser Leben so ausgesucht, aber die Zwänge, vertretend zum Beispiel vom hämisch grinsenden Jobcenter-Mitarbeiter, sind garstige Klauen, die sich in deinen Schopf graben und dich am selben durch die Botanik deines Daseins zerren. […]

Durch meine Arbeit im Kunst- und Kulturverein Corvus e.V. kenne ich einige Künstler*innen, deren Bilanz eben die eines Künstlers ist, und deswegen gezwungen werden, sich zum Altenpfleger, Kinderpfleger, Kloputzer weiterbilden zu lassen, um als solche ihr Dasein fernab aller Kreativität zu fristen. Bestenfalls werden sie so Wochenend- oder Hobbykünstler, deren Schaffen nichts Halbes und nichts Ganzes ist.

[…]

Ein Land, das sich stets darauf beruft, das der „Dichter und Denker“ zu sein, das sich stolz geschwollener Brust in die vorderen Reihen stellt und seine Künstler lobt, seine kulturelle Tradition in alle Himmel hebt, lässt dieselben am ausgestreckten Arm verhungern und schlimmer noch: es geißelt sie, es peinigt sie, es macht sie lächerlich, stellt sie bloß und reduziert den Ruf. „Oh sie sind Künstler?! Sie schlafen also bis Mittags, spielen dann mit Pinsel und Farbe und machen sich gegen fünf die erste Flasche Wein auf, um sich dann im Laufe des Abends vollends abzuschießen!“ …“

Die gesamte Kolumne finden Sie im „Outscapes“-Magazin #4 [Edition Outbird].

Bildnachweis: Stef Schmidt

Emma Wolff | Symbiose zwischen Lyrik + Engagement (Interview Teil 2)

(Teil 1 ist im „Outscapes“-Magazins #3 abgedruckt)

… Erst vor Kurzem ist im Telescope Verlag „Leben erblühen“ erschienen, wo Du einmal mehr Deine Liebe für Haikus zum Ausdruck bringst. Was verbindet Dich mit dieser besonderen Form der Lyrik? Kann man sagen, sie entspricht am Ehesten Deinem inneren Klang?

Obgleich die Arbeit an dem Buch „Leben erblühen – Schlüssel des Augenblicks“ die längste Zeit aller Veröffentlichungen brauchte, so war dies ein großer Entwicklungsprozess in sich, der viele Ideen in sich trug, die am Ende auch wieder verworfen wurden, bis ich mit dem Buch im Einklang war. Auch hier war es mir wichtig, nicht einfach nur ein Buch mit Haikus auf den Markt zu bringen, sondern etwas wovon der Leser viel mehr hat, als ein Buch voller Lyrik. Infolgedessen haben sich die Haikus dann mit Bildern verbunden. Ebenso war es mir wichtig, dass auch hier, wie in allen anderen Texten auch, der Leser genügend Raum hat, sich zu entfalten und wieder zu finden.

Da ein Haiku immer ein Ereignis, eine Erkenntnis oder einen Augenblick festhält, ein Moment in dem es entspringt, ist es in der Sekunde seiner Entstehung immer der Klang meiner inneren Stimme. Die Stimme in dem gegenwärtigen Zeitpunkt. Es ist die Kürze, die mir oft schwer fällt. Etwas mit wenigen Worten erzählen und alles gesagt zu haben. Das war nicht nur die reizvolle Herausforderung am Anfang, sondern es fand sich eine Liebe darin, die vollkommen erfüllen kann.

Haikus als traditionelle japanische Gedichtform mag in seinen ungeraden Verszahlen mitunter vielleicht irritieren, bei Dir drängt sich die Frage auf, ob Deine Lyrik, ob Du spirituellen Hintergrund in Deinem Leben trägst?

Es ist nicht die ungerade Zahl. Es ist im Allgemeinen die vorgeschriebene Kürze die Irritieren mag. „Mir wurde mal gesagt, das ist viel zu begrenzt für deine Kreativität und nichts für dich.“ Genau das ist aber der Irrglaube. Es ist genau diese Begrenztheit die Grenzenlos machen lässt. Das Denken auf das Wesentliche zu bündeln, wirkt wie ein sprudelndes Feuerwerk der Inspiration. Es wäre gelogen wenn ich sagen würde, dass ich keinen spirituellen Hintergrund hätte. Denn wenn man sich intensiv mit dem Haiku auseinandersetzt, wird man nicht nur feststellen, dass ein Haiku nicht nur die kürzeste Gedichtform der Welt ist, die ihren Ursprung in Japan hat, so wird man herausfinden, dass es traditionell im Zen – Buddhismus zu Hause ist. Ich habe nur mit dem Begriff Spirituell ein Problem, weil es im Bezug auf zu viele Dinge in unserer westlichen Welt verwendet wird. Aber da ich ein spirituelles Leben, für mich alleine führe, sind sie automatisch auch mit einem spirituellen Hintergrund. So sind viele Haikus auch direkt nach einer Meditation oder nach einer Yogastunde entstanden, wobei die meisten direkt im Leben entsprangen.

Spirituell, was ist das überhaupt? Ist es nicht viel mehr das offen Sein für das Leben, den Augenblick, andere Menschen und vor allem für die Dinge zwischen Himmel und Erde, die wir nicht begreifen oder erklären können, aber existent sind. Die Offenheit erlaubt es mir auch über die Grenzen zu schauen, zu sehen, in wie vielen Punkten sich die unterschiedlichsten Religionen in ihren Büchern ähneln. Aber viel wichtiger ist es seinen Weg zu finden. Seinen ganz persönlichen Weg.

Hinter all diesem Hintergrund, war es deswegen mein Wunsch, all die Haikus nicht für mich zu behalten, sondern sie zu teilen, denn sie können eben viel mehr sein, als nur ein kurzes Gedicht.

Was zeichnet für Dich eine gesunde Spiritualität aus?

Das ist eine schwierige Frage, denn es müsste jetzt erst geklärt werden, was ist für jeden Einzelnen Spiritualität? Oft ist das Leben alleine und für sich, ohne die Gesellschaftlichen Konditionierungen schon spirituell.

Eine gesunde Spiritualität ist für mich, offen zu sein, dem Leben, den Menschen und dem gegenwärtigen Augenblick gegenüber, für all die Dinge die einfach sind, um sie zu leben oder zu erleben. Das Wichtigste dabei ist, gleichzeitig den Blick für das Wesentliche nicht zu verlieren, dann können wir sogar verstehen, egal auf welcher Ebene wir die Welt betrachten.

Wenn wir nach meinem Empfinden spirituell leben, dann werden wir sehen, dass es nur einen Weg gibt. Diesen kann aber nur jeder für sich alleine herausfinden, denn die Wege sind ebenso individuell wie wir Menschen es sind. Ebenso wie Spiritualität und Wissenschaft z.B Physik oder Psychologie ineinander greifen können. Wie heißt es so schön…. „Der Buddhismus fängt da an, wo die Psychologie aufhört.“ *Lächeln*

Mit einem kurzen Blick auf unsere Gesellschaft einerseits und alternative Kultur andererseits: was wünschst Du Dir?

Wenn ich meinen Blick auf unsere Gesellschaft und die derzeitige Entwicklung, auch in vielen kulturellen Bereichen wende, dann läuft mir ein kalter Schauer über den Rücken, denn es graut mir.

Wenn wir ehrlich sind, greift ja beides auch ineinander. Man kann es nicht wirklich trennen.

Es muss grundsätzlich ein Umdenken geschehen, trotz all der ganzen medialen Möglichkeiten die wir haben, geht das Verständnis für Kultur zurück, da es nur noch um Macht, Geld und Aufmerksamkeitssucht geht. Ebenso wie wir uns in die Abhängigkeiten der Technologie begeben, die uns so einnehmen, das viele Menschen manipuliert werden ohne es zu merken, oder wir für die wirklich schönen Dinge des Lebens keinen Platz mehr haben. Es fällt uns sogar schwer zu erkennen, was wir wirklich brauchen und was nicht.

Grundsätzlich wünsche ich mir ein Umdenken, mehr Offenheit und Mitgefühl für alle Menschen, damit sich ein friedvolleres Miteinander entwickeln kann. Zudem kann aber eben auch dies, zusammen mit den medialen Möglichkeiten, die Chance sein, das sich alternative Kultur noch mehr durchsetzen kann. Das auch die Freigeister und Visionäre in dieser Welt wieder einen Platz finden und somit auch die alternative Kultur wieder mehr Gehör, Leser oder Betrachter findet.

Deswegen finde ich auch Outbird ein tolles und unterstützenswertes Projekt, denn je mehr Künstler dieser Sparte sich zusammenschließen, umso größer ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass die alternative Kultur ein breiteres Spektrum an Liebhabern finden wird. Eben die Aufmerksamkeit bekommt, die es haben sollte.

Du siehst, auch wenn ich das Grauen sehe, bin ich mir der Möglichkeiten bewusst und kann auch etwas Positives finden. Somit muss es nicht nur ein Wunsch sein und bleiben, sondern kann Realität werden. Es braucht nur seine Zeit, Geduld und Ausdauer, wie in so vielen Dingen im Leben.

Lebenspoesie und (literarische) Geheimniserkundung | Ralf Schönfelder

Als einer der beeindruckendsten und umtriebigsten Kooperationspartner des „Outbird„-Netzwerkes gilt der Projektmanager des „Lese-Zeichen e. V.“ und damit der Thüringer Literatur Ralf Schönfelder. Wir freuen uns sehr über seine Bereitschaft, sich im Interview mit uns zu öffnen, zu zeigen und Einsichten nicht nur in seine weit vernetzte und erfolgreiche Literaturarbeit, sondern auch sein Innenleben zu gewähren. Das Interview ist in Gänze sehenswert und spannend. Und wer ganz nebenbei unseren „YouTube“-Kanal abonnieren möchte: herzlich willkommen!

Wir wünschen viel Vergnügen und eine aufschlussreiche Videoschau.

Bildnachweis: Privat.

M. Kruppe „Ein Abend im Frühling“

Die Idee zum jüngst (nebst unserer Printmagazine) im Eigenverlag „Edition Outbird“ erschienenen Buch „Von Sein und Zeit“ des Pößnecker Autoren und (Literatur)Veranstalters M. Kruppe sowie des Saalfelder Künstlers Stefan Jüttner erwuchs aus langen Vorplanungen M. Kruppes zu seinem nächsten Manuskript. Entstanden ist anstelle des bisher unveröffentlichten „Vom Kaff der guten Hoffnungen“ das erste Buch unter unserem Eigenlabel, und damit ein kleines, feines Konvolut mit naturalistischen, philosophischen, ebenso nachdenklichen und emotionalen wie auch gelösten Texten, die in ihrer Skepsis und stoischen Lebensbejahung zwangsläufig eine Einheit mit Stefan Jüttners surrealistisch zeitlosen, morbide suchenden oder einfach nur stillstehenden Arbeiten eingehen musste.

Einen Einblick erhalten Interessenten dieses kleinen Leseschatzes mit vorliegendem Video, in dem M. Kruppe mit „Ein Abend im Frühling“ einen seiner gelungensten Texte vorträgt. Wir wünschen viel Vergnügen!

Hanna-Linn Hava | Märchenhaft morbide

autorenweltprofilFrau Havas Roman „Schneewittchens Geister“ ist ein sehr vergnügliches Fantasy-Spektakel, in dem sich diverse uns wohlbekannte Märchenfiguren in einer modernen Welt unter anderem mit Auftragsmördern und Gewichtsproblemen herumschlagen müssen.
Widersprüchliche Biografien erklären die Autorin einerseits als Würth-Literaturpreisträgerin, andererseits behaupten sie, dass sie bei einem Biss von einem genmanipulierten Tagpfauenauge mit einem unheilbaren Überschuss an Fantasie infiziert worden sei. In einem Gespräch mit Franziska Dreke äußert sich Hanna-Linn Hava zu diesen schillernden Seiten ihres Lebenslaufes, erklärt, warum Märchen nach wie vor in sind und mit welchen ihrer Charaktere sie gern mal einen Kaffee trinken würde.

„Schneewittchens Geister“ spielt mit den Genres und Klischees, in die man Literatur einordnet und an dem sich Leser ja auch orientieren. Wie würdest Du einem Interessierten helfen, ohne allzuviel von der Geschichte zu verraten?

Wie bestimmt viele Autoren hatte ich die Absicht, ein Buch zu schreiben, welches ich selbst vergnüglich lesen würde. Und da mich nichts mehr langweilt als vorhersehbare Charaktere und allzu einfache Genre-Zuordnungen, vermeide ich diese. Hingegen faszinieren mich abseitige Persönlichkeiten; von denen packe ich deswegen gleich eine ganze Menge in die Geschichte. Und weil die Protagonisten so bunt sind, spielt die Handlung in Dunkelheit und Schnee. Kurz zusammengefasst: Sonderbare Leute (von denen einige keine Leute sind) treffen in düsterer Kulisse aufeinander. Und dann passiert eine ganze Menge.

Kann man dein Buch vielleicht auch als ein modernes Märchen verstehen? Schließlich geht es immer noch um den alten Kampf zwischen Gut und Böse …

Gut und Böse sind in “Schneewittchens Geister” weniger schwarz und weiß gezeichnet, und auch die Protagonisten sind nicht gerade die klassischen Vertreter der dunklen oder hellen Seite. Vor allem die Prinzessinnen müssen sich größtenteils ohne Hilfe der obligatorischen Prinzen herumschlagen – wobei „herumschlagen“ ganz wörtlich gemeint ist. Und wer sagt eigentlich, dass auch das Ur-Schneewittchen nicht ab und zu Selbstmord in Betracht gezogen hat, bei dem schrecklichen Schicksal! Aber so verändern sich eben die Zeiten, und die Märchen verändern sich mit ihnen…

Haben Märchen heutzutage überhaupt noch eine Bedeutung?

Haben sie, eine wichtige Bedeutung sogar. Für Kinder sind die klassischen Märchen mit Sicherheit immer noch eine Bereicherung. Ich habe ihnen früher selbst begeistert gelauscht, wenn sie uns vorgelesen wurden (mein Lieblingsmärchen war „Jorinde und Joringel“), und ich habe sie später nicht minder begeisterten Kindern erzählt. Und anscheinend besteht nach wie vor eine Sehnsucht nach Geschichten – in den letzten Jahren vermehrt nach jenen, in denen Magie und Mythen zum Leben erweckt werden. Vermutlich genau deswegen, weil die Menschen einen Ausgleich zu ihren entzauberten, technikdominierten Leben brauchen. Und sind nicht alle Geschichten irgendwo und irgendwie Märchen?

Wahrscheinlich schon. Was „Schneewittchens Geister“ betrifft: ist das Buch nun eher ein modernes Märchen für Erwachsene oder eine Märchen-Persiflage, die mit den gängigen Weichspülelementen des klassischen Märchens bricht und diese durch explizit blutige Schockmomente ad absurdum führt?

Definitiv: beides! Wobei ich sofort anmerken möchte, dass die alten Volksmärchen selbst recht brutal daherkommen; weichgespült wurden sie ja erst durch diese bekannten Zeichentrickversionen, in denen alle singen. In den Märchenbüchern wird munter Blut vergossen und gestorben, es gibt brachiale Strafen für die Bösen und dramatische Prüfungen für die Guten. Insofern verfolge ich eigentlich nur brav die Tradition, wenn ich nicht zimperlich mit meinen Protagonisten umgehe. Womit ich aber tatsächlich und bewusst breche, ist die oft zu simple Moral. Moral ist inzwischen etwas hochkomplexes; unsere Gesellschaft ist mittlerweile ausgezeichnet informiert und gebildet, was bedeutet, dass wir auch komplexe Lösungen für Konflikte verstehen und verdienen.

gruenerkaefer-1024x724Eine weiße, perfekt gestylte Hexe, ein aalglatter und charismatischer Auftragskiller, ein geistesgestörter Prinz mit einem blutigen Hobby – im „Schneewittchen“ treiben sich eine Menge komischer Gestalten herum. Hast du eine Lieblingsfigur oder eine, in der vielleicht auch etwas von dir selbst steckt?

Möglicherweise ist jede Figur ein kleiner Aspekt meiner Persönlichkeit. Vielleicht bin ich insgeheim so zutiefst sarkastisch wie der Killer, aber zu nett, um das auszuleben. Vielleicht kompensiere ich meine eigenen Anwandlungen von Lebensmüdigkeit über mein suizidales Schneewittchen. Vielleicht auch nicht. Jedenfalls habe ich zu jedem einzelnen Charakter während des Schreibens eine innige Beziehung entwickelt, sogar zu den Ghulen. Aber ich würde mit keinem einzigen von ihnen zusammenleben wollen. Wenn man mich zwingen würde, zu wählen, würde ich sagen: Okay, mit den Prinzessinnen gehe ich gern mal einen Kaffee trinken. Und die weiße Hexe könnte mir Make-Up-Tipps geben. Das nächste Mal engagiere ich weniger kapriziöse Charaktere!

Wie hast du die Arbeit am „Schneewittchen” im Gegensatz zu der an deinem Gedichtband „Trotzigschön“, der im letzten Jahr errschien, empfunden? Gab es da Unterschiede?

Vom Typ her gehöre ich zu den impulsiven Spontankreativen, das heißt, wenn mich die Inspiration ruft, dann folge ich und arbeite völlig versunken stundenlang an was auch immer, bis es eben fertig ist. Das funktioniert mit Zeichnungen, mit Gedichten, ja, sogar mit Kurzgeschichten und Gemälden. Mit einem Roman funktioniert das nicht. „Schneewittchens Geister“ war in vielerlei Hinsicht das anstrengendste, was ich jemals produziert habe. Ich musste eine Handlung konstruieren, an der ich ganze zwei Jahre gefeilt habe. Ich hatte eine Vielzahl von Persönlichkeiten zu managen. Und es gab immer wieder Stellen, an denen ich enorme Probleme hatte, weiterzuschreiben. Bei einem Bild hätte ich alles wieder übermalt und noch mal neu angefangen. Hier musste ich mich durch die Durststrecken quälen. Dieser erste Roman hat mich also einiges an Nerven gekostet und einiges gelehrt: Disziplin, zum Beispiel. Geduld. Die frühen Morgenstunden zu nutzen. Alles Tugenden, die ich früher belächelt hätte.

Neben dem Schreiben malst und synchronsprichst du auch noch – wie vereinbarst du das alles miteinander im Alltag, und was ist eigentlich dein Hauptberuf?

Mein Alltag besteht aus all diesen kreativen Tätigkeiten, wahrscheinlich handelt es sich dabei darum nicht um einen Alltag im herkömmlichen Sinn. So gesehen ist die Kreativität mein Hauptberuf. Wie das so genau funktioniert, weiß ich auch nicht. Manchmal muss ich mir einen Groschen dazuverdienen, indem ich Babysitter für den Nachwuchs der benachbarten Warzengnome spiele. Die gute Bezahlung entschädigt für die Bisswunden, außerdem habe ich oft Zeit, zu schreiben, während die kleinen Biester schlafen.

Apropos Warzengnome: Wie erklärst du dir eigentlich, dass zwei sich völlig widersprechende Biografien von dir existieren? Und wie kamst du nach deinem Wanderzirkus-Leben, dem Züchten von Seegurken und Oxymoronen und dem Café für Geister ausgerechnet auf die Idee, Bücher zu schreiben?

Die eine Biografie ist natürlich frei erfunden, nämlich die, in der ich behaupte, in Stuttgart geboren zu sein und Freie Malerei studiert zu haben. Aber nachdem ich herausfand, dass sowohl die Kunst der Irrlichterjonglage als auch Gespräche mit Yetis im Lebenslauf nur zu irritierten Fragen führen, musste ich mir einen ausdenken, der mehr den gesellschaftlichen Normen entspricht. Nun ist meine wahre Vergangenheit also wieder ans Licht gekommen… Wenn man diese kennt, ist es aber doch nicht verwunderlich, wenn ich mich inzwischen nach etwas Ruhe und Abgeschiedenheit sehne, um aus meinem reichen Erfahrungsschatz schöpfend Geschichten zu Papier zu bringen. Ich kann aber zukünftige Leser beruhigen: Das Kapitel über die Seegurkenzucht werde ich nie einfließen lassen, das ist dann doch zu unappetitlich.

Das lässt zukünftige „Schneewittchen-Fans“ sicherlich beruhigt aufatmen. Planst du weitere literarische Projekte mit Periplaneta, ja sogar vielleicht neue Abenteuer um die Schneewittchen-Clique?

Ich hoffe selbstverständlich, dass dieser Roman nur der erste von vielen sein wird! Ideen hätte ich für mindestens eintausendundeine Geschichte; die praktische Umsetzung ist ein anderes Kapitel. Momentan arbeite ich bereits beinahe ausreichend diszipliniert an einem zweiten Manuskript, das aber mit „Schneewittchen“ so gar nichts zu tun hat. Dafür war ich einfach zu erleichtert, als ich diese ganzen Verrückten endlich alle so weit hatte, sich mit einem abgeschlossenen Ende zufrieden zu geben. Allerdings ist mir natürlich bewusst, dass ich nicht zu allen von ihnen fair war und die eine oder der andere eine Zukunft verdient hat. Tatsächlich besteht bereits schon länger eine grobe Handlung für eine Fortsetzung…

Wie vielversprechend! Liebe Hanna-Linn Hava, vielen Dank für das Interview.

Das gekürzte Interview und vieles mehr: in unserer Printausgabe Nr. 2 vom Dezember 2016 (mit freundlicher Genehmigung des Periplaneta Verlages).
Verfasserin:
Franziska Dreke
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Bildnachweis: Hanna-Linn Hava.

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Mark Jischinski (adakia Verlag) | Literaturleidenschaft an Single Malt

markNach vielen Jahrens parallelen Lebens und Wirkens in unserer Geburtsstadt führen mich meine Wege mit dem Geraer Verleger und Autoren Mark Jischinski in einem Café in meinem Kiez zusammen. Die Folge: ein angeregtes Gespräch über Verlagserfahrungen, Einsichten in die Denkweise diverser Veranstalter wie auch Befindlichkeiten im Leben als Autor und Literaturnetzwerker.

Hallo Mark, schön Dich persönlich kennenzulernen. Welcher Teufel hat Dich geritten, vom Kolumnisten zum Buchautoren zu werden und dann auch noch den Sprung ins Verlagswesen zu wagen? Was war und ist Dein Antrieb dahinter?

Die pure Einsicht und Abbitte. Wenn man als Autor schon keinen Erfolg hat, will man den wenigstens als Verleger durch die Ergüsse der richtigen Autoren haben. Im Wege einer symbiotischen Verbindung mit jemandem, der es kann gewissermaßen. Und die Verlagsgründung ist die einzig logische Steigerungsform der eigenen Schwachsinnigkeit als Bibliomane. Wenn der Markt die perfekten Bücher nicht bieten kann, drucke ich die eben selbst und das auch noch mit unglaublich sympathischen Autoren, die ich alle sehr mag.

Du hast ja mittlerweile eine recht ansehnliche Liste an Veröffentlichungen vorrangig (ost)thüringischer Autoren. Nach welchen Kriterien entscheidest Du pro oder contra Veröffentlichung? Was hebt den adakia-Verlag von anderen Verlagen ab?

Bei uns geht es natürlich primär ums Aussehen. Nicht wenige Autorenfotos legen den Verdacht nahe, dass der einzige Broterwerb des Abgelichteten die Möglichkeit ist, in einer dunklen Kammer Seiten voller literarischer Schätze abzusondern und ansonsten das Tageslicht zu meiden. Aus purer Rücksicht vor dem Leser. Weiterlesen

Zwischen Blindheit und Kunst | Jennifer Sonntag

Die blinde Hallenser MDR-Moderatorin und Autorin Jennifer Sonntag ist seit vielen Jahren über verschiedene Projekte mit den Machern hinter „Outbird“ verbunden. Im Anfang November ausgestrahlten Interview im Rahmen der MDR-Sendung „MenschPromi“ berichtet sie eindrucksvoll und für jeden Nichtblinden besser verständlich über ihr Leben ohne Augenlicht und ihre zunehmende Neigung zu Kunst und Literatur als Ausdrucks- und ästhetisches Stilmittel. Wir erlauben uns anbei auf den knapp sechseinhalbminütigen Sendemitschnitt zu verweisen.

Wer Interesse an ihren Veröffentlichungen als Autorin hat, wird im Outbird-Shop unter diesem Link (das 2010 herausgegebene Hörbuch „Zigaretten danach“ mit Prosa und Lyrik zwischen ätherisch und morbide) sowie unter diesem Link (das 2015 veröffentlichte Buch mit CD „Liebe mit Laufmaschen“ mit Kurzgeschichten zwischen Fetisch und obskur) fündig.

Bildnachweis: Blindverstehen.de

Benjamin Schmidt | Schon immer ein Krüppel

„Schon immer ein Krüppel“? – Der Berliner Autor Benjamin Schmidt veröffentlicht seinen zweiten Roman

benjamin-schmidt-titel-667x1024-01-667x1024Würdest du von dir behaupten, ein Krüppel zu sein? Würdest du über dies sagen, dass du schon immer ein Krüppel warst? Ich habe mir diese Frage gestellt, nachdem ich Benjamin Schmidts Buch „Schon immer ein Krüppel“ vor seiner Veröffentlichung in Ansätzen lesen durfte.

Ich kam nicht umhin, zunächst zu fragen: was ist überhaupt ein „Krüppel“?

Das Wort leitet sich vom mittelniederdeutschen Wort Kröpel ab und bezeichnete ursprünglich einen Menschen der in seiner physiologischen Bewegungsfreiheit dauerhaft eingeschränkt ist. Bis zum Anfang der Dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts war dieses Wort mitnichten so negativ behaftet, wie es das heute ist, war es doch nichts anderes als die Nennung eines körperlichen Merkmals. Zugegeben mit Sonderstellung, aber nichtsdestoweniger schlicht ein wertfreier Begriff.

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