„Falsch erzogen“: Interview und Lesung mit Mona Krassu

M. Kruppe spricht mit unserer Autorin Mona Krassu für unseren YouTube-Kanal über Entstehung, Recherchen und Hintergründe ihres Romans „Falsch erzogen“ und Mona Krassu liest auszugweise daraus.

Zitat „Falsch erzogen“: „Anfangs aus Unwissenheit, später als Auflehnung gegen ihren Stiefvater Hartmut, gerät Solveig zunehmend in Konflikt mit dem Diktaturstaat DDR. Heimlich trifft sie sich mit anderen Jugendlichen im „Bau“, einem Abrisshaus, in dem sie die Musik von Udo Lindenberg hören und selbst texten und musizieren.

Was passiert in einer Diktatur mit Kindern, die schon als Schüler nicht ins sozialistische System passen? Die Genossen und Funktionäre in der DDR haben ihre Methoden. Sie nutzen auch die Mittel der Medizin, wenn es darum geht, junge Menschen auf Linie zu bringen.“

Falsch erzogen“ im Verlagsshop: bitte hier entlang.
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KooperationspartnerInnen im Profil: Michael Böhm vom Galeriehaus Hof

Michael Böhm ist in Sachen Kultur und Stadtentwicklung im fränkischen Hof hochengagiert und einer unserer sympathischen KooperationspartnerInnen. Unter anderem betreibt er das Galeriehaus, in dem er gemeinsam mit Peter Prix von der Buchhandlung Kleinschmidt die Lesereihe „Zeilen und Zoigl“ veranstaltet, nicht zuletzt auch „Zeilen und Zoigl noir“ als Lesereihe unseres Verlages. Im Video stellt er das Galeriehaus vor, gibt Einblicke in seine Geschichte und das Konzept, niedrigschwellig nonkonforme Konzerte, Ausstellungen und Lesungen einem wachsenden Stammpublikum vorzustellen.


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„Schreiben ist ein guter Prozess, um sich mit sich selbst zu beschäftigen. An mancher Stelle haben die Untergebrachten das schmerzlich festgestellt.“ – Lisa Swietek im Interview zu „Geschichten aus einer anderen Welt“

„Unlängst erschien in der „Edition Outbird“ die Insassenanthologie „Geschichten aus einer anderen Welt“ von Herausgeberin Lisa Swietek. Mithin das nach Corina Gutmanns Anfang 2019 erschienener Anthologie „Kopfkino“ zweite in unserem Verlag erschienene Buch aus dem „Knast“, welches nunmehr die Erlebens- und Gefühlswelt Untergebrachter in der Sicherungsverwahrung der JVA Werl aufzeigt. Wir befragten Lisa Swietek unter anderem über ihre Beweggründe, in diesem Arbeitsfeld tätig zu werden, die damit verbundenen Herausforderungen und den Arbeitsprozess des Literaturkreises bis zum Zustandekommen des Buches.

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Lisa, welche Gründe führten dazu, dass Sie ausgerechnet in der Sicherungsverwahrung tätig wurden? Zur Erklärung: Die Sicherungsverwahrung ist eine Maßregel der Sicherung und Besserung. Die dort Untergebrachten haben bereits eine zeitige Freiheitsstrafe verbüßt und werden nun zum Schutz der Allgemeinheit verwahrt. Der Fortbestand der Gefährlichkeit der Insassen wird regelmäßig im Rahmen einer Prognosebegutachtung festgestellt.

Im Rahmen meines Rechtsreferendariats habe ich das Arbeitsfeld einer Vollzugsjuristin kennengelernt, das mir so gut gefallen hat, dass ich auch meine Wahlstation in der JVA Werl verbracht habe. Dort war ich zur Sachbearbeitung dann in der Sicherungsverwahrung eingesetzt. Im Unterschied zu der Strafhaft, ist die Sicherungsverwahrung an ein Leben in Freiheit angeglichen, das heißt zum Beispiel, dass die Türen der Sicherungsverwahrten den ganzen Tag offen sind. Sie dürfen sich im Wohnbereich außerhalb des Nachtverschlusses frei bewegen. Die juristische Arbeit in der Sicherungsverwahrung, die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit bspw. Psychologen, dem allgemeinen Vollzugsdienst und dem Sozialdienst haben mir Spaß gemacht und ich erlebe diese auch jetzt noch als sehr abwechslungsreich.

Weil es damals in dem neu errichteten Wohnbereich der Sicherungsverwahrten noch kein eigenständiges – von der Strafhaft unabhängiges Literaturangebot gab – habe ich als Freizeitmaßnahme den Literaturkreis angeboten, bis die Bibliothek eröffnet worden ist. Acht Sicherungsverwahrte zeigten sich interessiert, lasen fleißig die Bücher die wir gemeinsam ausgewählt hatten und schrieben eigenen Texte, die nun in diesem Buch abgedruckt sind.

Wie unterscheiden sich die Unterbringungsbedingungen zwischen dem Strafhaftbereich und dem Bereich der Sicherungsverwahrung?

Die Sicherungsverwahrten haben größere Zimmer, wie oben schon erwähnt ist die Tür außerhalb des Nachtverschlusses geöffnet, sie erhalten in größerem Umfang vollzugsöffnende Maßnahmen etc.

Dadurch, dass die in der Sicherungsverwahrten meist schon sehr hafterfahren und lebensälter sind, ist der Alltag im Vergleich zu dem in der Strafhaft weniger turbulent. Es gibt z.B. fast keine körperlichen Auseinandersetzungen unter den Untergebrachten o.ä. Die „Hörner sind bereits abgestoßen“.

Im Mittelpunkt steht bei vielen, einer Arbeit nachzugehen (wozu die Sicherungsverwahrten anders als die Strafgefangenen nicht verpflichtet sind), die Therapiegespräche zu führen oder eben einfach den Tag so gut es geht zu verbringen.

Symbolbild.

Wie kann man sich Ihre Arbeit in der JVA Werl vorstellen?

Ich bin u.a. zuständig, gemeinsam mit dem Behandlungsteam einen Vollzugsplan für den jeweiligen Untergebrachten zu erstellen. Darin ist festgehalten, welche Einzel- und/oder Gruppenmaßnahmen angezeigt sind, wie der Behandlungsstand ist, ob derjenige arbeitet oder schulische Maßnahmen wünscht, welche vollzugsöffnenden Maßnahmen gewährt werden und auch, welche Maßnahmen noch erfüllt werden müssen, falls der Untergebrachte „entlassen“ wird.

Vom Zeitpunkt Ihrer Kontaktaufnahme mit unserem Verlag bis hin zur Veröffentlichung ist einige Zeit vergangen. Welche Chancen und Hoffnungen verbinden Sie und die Insassen mit der durch das Buch erreichbaren Öffentlichkeit?

Eigentlich wollten wir ursprünglich – wie eine Art Buchclub – gemeinsam über gelesene Literatur sprechen. Die Insassen äußerten dann aber relativ schnell den Wunsch, auch eigene Geschichten schreiben zu wollen. Damit diese tollen Geschichten nicht einfach in der Schublade landen, haben wir einen Verlag gesucht – und zum Glück Sie gefunden – um ein Buch auch wirklich als fertiges Werk am Ende in den Händen halten zu können.

Schreiben ist sicherlich ein guter Prozess, um sich mit sich selbst, seinen Gefühlen, seinem Alltag, Erlebtem und Erträumtem zu beschäftigen. An der einen oder anderen Stelle haben die Untergebrachten das auch – manchmal schmerzlich – festgestellt.

Einerseits war sicherlich der Weg (also das Schreiben) das Ziel. Andererseits ist es wunderbar, dass die Insassen nun ihr fertiges Werk in den Händen halten können und etwas bis zum Ende „durchgezogen“ haben.

Vielen Dank Ihnen, für die Ermöglichung dieses Projektes!

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweise: Edition Outbird, Lisa Swietek / JVA Werl
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„Ich glaube tatsächlich, dass diese Gegenüberstellung ein ewiges Thema aufgreift: das mangelnde Verständnis für die jeweils andere Generation.“ – Arne Ulbricht im Interview zu „Schilksee 1990“

Unlängst erschien in der „Edition Outbird“ der Generationenroman „Schilksee 1990“ des Schriftstellers Arne Ulbricht. Arne Ulbricht war vor einer ganzen Weile an unseren Verlag herangetreten und blickt selbst schon auf zahlreiche Veröffentlichungen zurück.

„Schilksee 1990“ ist eine lebhafte Geschichte, die bei aller Leichtigkeit der Lektüre zum einen Arne Ulbrichts autobiographischster Stoff ist, zum anderen das Kernthema des Generationenkonflikts aufgreift. Erfolgsschriftsteller Fabian steckt in einer Schaffenskrise und reibt sich an seiner Tochter, die sich ihrerseits bei „Fridays for Future“ engagiert. Zwei Wertesysteme stehen sich gegenüber: die Tochter Social Media-affin, der Vater voller Ablehnung dagegen.

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Arne, wie kamst Du auf diesen Stoff? Ist das Deine ureigene Familiengeschichte der letzten Jahre?

Für mich war es toll, mit meiner eigenen Biografie zu spielen – im Kieler Vorort Schilksee bin ich ja wirklich aufgewachsen -, und an vielen Stellen meine Biografie zu verändern, weil es für die Dramaturgie des Romans einfach wichtig war. Und jahrelang war ich ein extremer Kritiker des Handy- und Internetkonsums – und natürlich gab es immer mal Streit, wenn mein Sohn zu lange League of Legends gespielt oder meine Tochter mal wieder irgendein Quatschvideo geguckt hat. Ich bin, und ich staune über mich selbst, gelassener geworden. Das liegt auch daran, dass ich in der Coronazeit begonnen habe, YouTube-Videos zu drehen… und inzwischen bin ich sogar auf Facebook und Instagram.

Du selbst scheinst ja auch eine dieser reichhaltigen Jugendjahre verbracht zu haben: Disco, Prügelei mit Skinheads, Radtouren, die große Liebe. Was hat sich zwischen Deiner Jugend und der heutiger Jugendlicher verändert?

Meine Kinder werden ganz anders groß als ich, und das finde ich total spannend. Ich bin ja ganz dicht dran, auch am Leben meiner Schüler. Und da hatte ich plötzlich diese Idee, diese Generationen gegenüberzustellen und mir auch wirklich die Frage zu stellen: Waren wir damals einerseits ganz anders, aber andererseits auch ganz ähnlich wie die heutige Generation.

Provokant gefragt: Was nützt es, darüber zu schreiben? Oder anders gefragt: Lässt sich aus Deiner Sicht mit einer solchen Geschichte – innerlich oder äußerlich – etwas bewegen?

Puh. Ganz ehrlich: Beim Schreiben denke ich zunächst daran, ob die potentiellen Leserinnen und Leser ein solches Buch mit Lust und Begeisterung lesen. Das möchte ich erreichen, und deshalb versuche ich, Spannungsmomente einzubauen, man soll auch mal lächeln und sich an den Figuren reiben und ihnen folgen wollen. Aber ja, ich glaube tatsächlich, dass diese Gegenüberstellung ein ewiges Thema aufgreift: das mangelnde Verständnis für die jeweils andere Generation! Dabei gibt es in beiden Welten ganz Wunderbares, sogar Wertvolles zu entdecken! Mein Sohn (16) hat das Buch gerade verschlungen und gesagt: „Ich wäre damals gern mal dabei gewesen!“ Ich glaube nicht, weil sein Vater den Roman geschrieben hat, sondern weil es damals eben auch ziemlich cool war! Da habe ich fast geheult…

Warum oder vielmehr durch welche Initialzündung bist Du Schriftsteller geworden? Seit wann schreibst Du?

Ich schreibe seit 1997, 1999 ist mein erster Roman in einem Kostenzuschussverlag erschienen – grässlich. Der Verlag ging dann pleite.
Ich habe immer mit Begeisterung gelesen, und als ich dann während des Zivildienstes einen Roman las, der mich echt umgehauen hat („Germinal“ von Emile Zola), habe ich gedacht: Ich will auch irgendwann mal andere Menschen so begeistern…

Und irgendwann tratest Du an die Edition Outbird heran. Was hat Dich an unserem Verlag angesprochen?

Ich mag die Cover – oft etwas düster. Mit Peter Wawerzinek habt Ihr einen Star im Programm, der dann noch ein Buch über Südschweden geschrieben hat – ich ziehe bald nach Göteborg. Und Euren Kampf für Kultur nehme ich Euch einfach ab.

Du blickst schon auf einige Veröffentlichungen zurück: drei Bücher über das Leben als Gymnasiallehrer, ein Buch über Maupassant, Kinderbücher… Ganz offenbar bietet der Lehrerberuf genug Gesprächsbedarf – woran liegts?

Als Lehrer bist du im pulsierenden Zentrum des Lebens und musst dich ständig verändern. Mein eigener Französischlehrer hat mich übrigens für Maupassant begeistert.

Wie kann man sich Deinen Schreibprozess vorstellen? Hast Du einen Rückzugsort, an dem Du ungestört arbeiten kannst? Schreibst Du nach Zeitplan oder immer, wenn neue Ideen zum Plot nach vorne drängen?

Ich habe ein Arbeitszimmer, klein, vollkommen unaufgeräumt, aber eben „Papas Zimmer“. Hier blicke ich auf unseren Garten… und schreibe momentan an drei Vormittagen pro Woche. (Ich bin ja nur Teilzeitlehrer.) Das mit den Ideen ist eher ein Problem. Ich überarbeite gerade ein Kinderbuch, entwickle die Story für ein neues und auf meine Erwachsenenbücher trifft dasselbe zu: Ich überarbeite einen älteren Text und schreibe einen Roman, dessen Handlung im Jahr 1932 spielt – der Roman ist in Schilksee 1990 schon erschienen!

Wuppertal, Kiel, bald Schweden. Du wirst mit Deiner Familie Deutschland verlassen. Ist es Dir zu eng geworden in dieser erhitzten Gesellschaft?

Nö, in Deutschland ist das ja noch harmlos. Es ist so: Meine Frau ist bei uns Hauptverdienerin, und wir wohnen da, wo sie arbeitet. Nun wechselt sie den Job. Deshalb haben wir vor Wuppertal in Hamburg und Berlin gelebt. Auf Göteborg freue ich mich als Kieler riesig. Von dort fährt direkt eine Fähre über Nacht – ich werde also auch wieder häufiger in Kiel sein. Wenn du in die Kieler Förde einfährst, kannst du von der Fähre aus die Steilküste Schilksees sehen. Das ist für mich immer wieder ein magischer Moment.

Welche Pläne hast Du, als Schriftsteller, Lehrer und Familienvater?

Schriftsteller: siehe oben! Ergänzend dazu: immer weiterschreiben, denn es gibt nichts Tolleres! Lehrer: Mal schauen, ob ich in Göteborg irgendwo unterrichten werde…

Familienvater: Ich freue mich, dass mich meine Kinder in Göteborg mal wieder richtig brauchen werden – ich war ja eher so ein Extremvater und komme gar nicht so gut damit zurecht, dass sie inzwischen alles allein machen. (Das ist eigentlich witzig, weil ich sie genau dazu erzogen habe…)

Arne, vielen Dank für das Interview!

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweise: Edition Outbird, Spitzlicht.de
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„Mir ging es darum, nicht zu vergessen, wie viel Unrecht in einer Diktatur geschieht, ohne dass jemand hinsieht.“ – Mona Krassu im Interview zu „Falsch erzogen“

Mona Krassu veröffentlichte ihren dritten Roman „Falsch erzogen“ unlängst in der Edition Outbird und damit eine umfassende Geschichte über die Entwicklung und das Schicksal eines Mädchens, das die Scheidung ihrer Eltern miterlebt und mit ihrem zunehmenden Aufbegehren gegen den Stiefvater und den Diktaturstaat DDR immer mehr in Konflikt gerät. „Falsch erzogen“ ist von einer atmosphärischen Dichte, die den Leser bald glauben lässt, selbst Bestandteil der elterlichen sowie Konflikte mit der Obrigkeit, ihrer Gespräche mit der Schauspielerin Eleonore Sattler oder ihrer Streifzüge als Herumtreiberin zu sein.

Mona, in Deinem Roman „Falsch erzogen“ greifst Du den Umgang mit geschlechtskranken Mädchen und Frauen in der DDR bzw. deren Einweisung in sogenannte „Tripperburgen“ ohne medizinische Indikation auf. Wie kamst Du zu diesem wenig bekannten Thema der DDR-Aufarbeitung?

Ich hörte dazu einen Beitrag auf MDR Kultur und war sofort gebissen von diesem Thema. Bei ersten Recherchen stieß ich auf das Sachbuch „Disziplinierung durch Medizin“ von Florian Steger und Maximilian Schochow. In mir brannten Fragen, z. Bsp. was wurde genau mit diesen Mädchen und Frauen gemacht? Was hatte das für Folgen für ihr späteres Leben? Viele Mädchen waren noch Jungfrau und in der Pubertät, also in einem Alter, in dem sie die Geschehnisse nicht einordnen konnten und deshalb irgendwann wirklich glaubten, sie seien Abschaum und nichts wert. Ich selbst war erschüttert über die Vorgehensweise von Ärzten und Schwestern in den sogenannten Tripperburgen der DDR und entschloss mich, diesen Roman zu schreiben, um die Gräuel für andere fühlbar zu machen. Das klingt jetzt vielleicht nach Sensationslust. Mir ging es aber darum, dass wir nicht vergessen, wie viel Unrecht in einer Diktatur geschieht, ohne dass jemand wirklich hinsieht und hinterfragt.

Stichwort „fühlbar machen“: Wie schaffst Du es, eine derartig dichte, beklemmende Atmosphäre zu schaffen? Man glaubt ja unweigerlich, dass Du das alles selbst erlebt und darüber Tagebuch geführt hast.

Wenn ich schreibe, bin ich ganz bei meiner Figur. Ich habe nur einen sehr vagen Plot, da meine Figuren schon bald die Oberhand gewinnen und mir diktieren, was sie als nächstes tun und wie sie sich dabei fühlen. In diesem Fall ging es mir teilweise sehr schlecht beim Schreiben. Ich schlief z. Bsp. manche Nächte nicht. Nach der Befragung einer der Frauen, die bereit war, mit mir darüber zu reden, weinte ich schon im Auto während der Heimfahrt.

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Ist ein derartiges Einfühlen für Dich unumgänglich, um den Stoff „um Dich herum“ weben zu können? Verlierst Du Dich beim Prozess des Schreibens mitunter?

Zum Einen ja, ich fühle nicht mehr mich. Ich sehe die Figur vor mir und krieche ins Geschehen. Allerdings gibt es auch Momente, dann bin ich zu bewegt. Dann muss ich mich rausnehmen. Ich höre dann Musik, tanze ein bisschen oder werfe einen kleinen Ball an die Wand.

Wie sah Deine Recherche zum Buch aus, mit wem hast Du gesprochen, welche Orte hast Du aufgesucht?

Meine Recherchen führten mich mehrmals nach Halle / Saale. Ich selbst war so verrückt, mich bis spät in die Nacht im „Kühlen Brunnen“ (Gasse unweit der Poliklinik Mitte) auf einen Klapphocker zu setzen. In einer fremden Umgebung, um mich herum Dunkelheit und Geräusche, die ich nicht zuordnen konnte. Ich hielt es knappe zwei Stunden aus, die sich wie mindestens fünf anfühlten. Wie schon erwähnt, durfte ich mit einer Frau sprechen, die selbst 1979 dort zwangseingewiesen worden war. Das war das traurigste und intensivste Rechercheerlebnis.

Gab es im Rahmen Deiner Recherche auch schöne Erfahrungen?

Ja, es gab auch schöne Rechercheerlebnisse: So durfte ich im Theater Altenburg / Gera im Schauspielsaal bei mehreren Proben anwesend sein. Es war für mich ergreifend, zu sehen, wie so ein Stück Stunde um Stunde ein berauschendes Ganzes wird, wie die Schauspieler sich jede Szene erspielen und aneignen. Natürlich ging ich auch in die Vorstellung, gleich zweimal. Ein anderes interessantes Erlebnis war die Besichtigung der Poliklinik Mitte in Halle. Sie wird derzeit umgebaut und der Architekt Torsten Schwartz von „Bauart“ nahm sich drei Stunden Zeit für eine Besichtigung. Er erklärte mir, wo sich die Waschräume befanden, wo man Wände entfernt hatte usw.

In der Klinik gibt es einen wunderschönen Raum mit Stuck und Säulen und Mosaiken an den Wänden. Also ein totaler Widerspruch zu den Misshandlungen und Demütigungen, die dort vorgefallen sind. Aber natürlich gab es auch dort einen „ganz normalen Klinikalltag“, wie man ihn aus DDR-Zeiten kennt.

Vorgängerroman „Freitagsfische“ im Verlagsshop: Bitte Cover anklicken.

Wie hast Du selbst die DDR erlebt? Und wie konntest Du Dir ein so detailgetreues Gedächtnis bewahren? Du verwendest ja teilweise zeitgenössische mundartliche Begriffe, die längst ausgestorben scheinen.

Ich selbst war auch ziemlich unangepasst. Ich hatte zum Beispiel Ärger, weil ich Udo-Lindenberg-Fan war und dies auch bei jeder Gelegenheit kund tat und seine Songtexte verbreitete. Meine Eltern wurden deshalb vorgeladen, (ernstes Gespräch mit der Schuldirektorin :)), heute unvorstellbar. Ich hatte aber gute Noten und deshalb konnten die mir am Ende nix. Später gab es dann im Betrieb, in dem ich arbeitete, Ärger, weil ich nicht zu Wahl ging. Ich war auch aktives Mitglied des „Neuen Forum“. Auf meiner alten „RUF“-Schreibmaschine tippte ich nachts Flugblätter ab, mit Durchschlagpapier. Ich glaube, ich hatte großes Glück, dass die Wende kam.

Wenn man einmal anfängt, sich zu erinnern, fließt es. Eine Erinnerung bringt die nächste mit. Aber ich habe auch manches nach geschlagen in alten Schulbüchern, die ich noch habe.

Ich erzähle ja eine Geschichte. Zum Erzählen gehört es für mich unbedingt dazu, Ausdrücke und Sprache aus jener Zeit zu verwenden. Es widerstrebt mir, dann beispielsweise zum Broiler Hendl zu sagen.

Was glaubst Du, kann ein solcher Stoff bewirken? Was würdest Du Dir wünschen?

Ich finde, wir durchleben gerade eine Zeit, in der unsere Demokratie ins Wanken gerät. Damit meine ich nicht die Einschränkungen im Rahmen des Coronavirus. Meiner Meinung nach wird zu vieles von vornherein tabuisiert. Anfang des Jahres war ich bei einer Tagung im Literaturhaus Leipzig. Ein Themenpunkt war Political Correctness in der Literatur. Ich finde, wir setzen die Debatte falsch an. In einem literarischen Text muss ich bestimmte Ausdrücke verwenden dürfen. Zum Beispiel „Neger“, wenn der Roman in der Zeit des Sklavenhandels spielt. Aber jeder sollte ganz laut aufschreien, wenn ein Schwarzer auf diese Art beleidigt wird. Entschuldigung, ich schweife ein bisschen ab. Es geht mir darum, dass solche Dinge nicht vergessen werden. Es ist ja noch nicht lange her. Und es gibt Stimmen, die sagen: „Nun ist´s aber mal genug mit der DDR.“ Nein, ist es nicht, weil die Frauen gerade mal 300 EUR Entschädigung bekamen. Besser als nichts, aber viele von Ihnen haben keinen Mann und keine Kinder, weil sie sich nicht von diesen Demütigungen frei machen können.

Vielleicht kann mein Roman einen kleinen Beitrag leisten, dass wir wachsam sind und bleiben gegen Unrecht und Machtmissbrauch jeder Art.

Und nach Fertigstellung: Brauchst Du dann Abstand zum Stoff, Urlaub vom Schreibprozess?

Ich falle erst einmal in ein Loch. Es fühlt sich wie ein Abschied von lieben Freunden an. Manchmal arbeite ich dann an einer Kurzgeschichte, bis die Arbeit mit dem Lektor beginnt.

Am Ende von „Falsch erzogen“ finden Deine LeserInnen eine Gedenktafel. Was hat es damit auf sich?

Dieser Gedenkstein wurde vor der ehemaligen Poliklinik Mitte in Halle am 14. 09. 2015 zur Erinnerung aufgestellt. Wie ich schon erwähnte, war ich mehrmals in Halle und ich war erschüttert, als ich bei einem dieser Besuche entdeckte, dass jemand mit blauem Stift „richtig so“ drauf geschrieben hatte. Zum Glück hat man diese Schmiererei inzwischen entfernt. Dennoch fragte ich mich, wie sich eine Frau fühlen muss, die dort selbst gedemütigt und misshandelt wurde und nun dieses Geschmiere liest, vermutlich von jemandem, der keine Ahnung hat und dem es wahrscheinlich zu gut geht.

Zuguterletzt: Wo wirst Du in Lesungen und Gesprächen zu erleben sein?

Ich bin sehr dankbar, dass es mehrere Lesungen in verschiedenen Städten gibt, vorausgesetzt, die Lesungen können stattfinden. Bisher sind folgende Lesungen geplant:

10. 09. 2020 / 19.30 Uhr / Stadtbibliothek Gera

02. 10. 2020 / 19.00 Uhr / Karl-Theodor-Liebe-Buchhandlung Neustadt / Orla

06. 10. 2020 / 19.00 Uhr / Stadtbibliothek Greiz

09. 10. 2020 / 19.30 Uhr / Stadtbibliothek Bad Klosterlausnitz

10. 10. 2020 / 17.00 Uhr Saale Galerie Saalfeld

16.10.2020 / 19.00Uhr  / Salon Annaberg-Buchholz

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweise: Edition Outbird, Lisa Ginty
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„„Dilemma Nullzone“ ist die symbolische Darstellung meiner inneren Wirklichkeit: die noch immer zerbombten Häuser, Horden von Ratten…“ – Gerry X im Interview zu „Dilemma Nullzone“

Im Mai 2020 veröffentlichte Gerry X, nach einer selbst für Edition Outbird ungewöhnlich langen Reifephase, seine Novelle „Dilemma Nullzone“, ein Stück Erzählkunst, das herkömmliche Genres sprengt bzw. außer Acht lässt. Ein kleiner Haufen abseitiger Charaktere macht sich auf den Weg, den von Rosa Luxemburg definierten Freiheitsbegriff zu erkunden. Die Erde, wie wir sie kennen, existiert nicht mehr. Folglich rasen sie mit ihrem Gefährt über stinkende Hügel zivilisatorischen Restmülls, im Buch auch „planetarische Restmülldeponie“ genannt.

Gerry, entspricht die von dir beschriebene dystopische und charakterliche Welt in „Dilemma Nullzone“ deiner Innenwelt? Oder einer Vision?

Zunächst … innere Welt? Ich bevorzuge von der „inneren Wirklichkeit“ zu reden. Das Wort Welt, oder genauer: der Begriff Welt impliziert eine Totalität, ein Ganzes, das wir nicht erfahren können. Wir begegnen unserer zerrissenen inneren Wirklichkeit, zugleich von Erfahrungen geschaffen und zugleich diese Erfahrungen formend, gestaltend… Wir sind nur Fetzen der Welt… Lass mich Rimbaud zitieren: „Was kann das Blech dafür, wenn es als Trompete erwacht? Und ICH ist immer ein anderer.“ Insofern ist die je eigene Wirklichkeit dystopisch – ein surrealer Dadaismus. Also … sagen wir… „Dilemma Nullzone“ ist die symbolische Darstellung meiner inneren Wirklichkeit: Köln in meiner Kindheit, die auch noch Ende der sechziger Jahre immer noch vorhandenen zerbombten Häuser – unsere Spielplätze. Und Ratten … Horden von Ratten … das prägt und wirkt prägend… Ach ja! Vision! Da lass ich doch mal Jean Genet zu Wort kommen: „Dichtung ist eine Vision der Welt, die erreicht wird durch eine manchmal erschöpfende Anstrengung des gespannten Willens.“ Also … ich bin das Dilemma…

Ist diese Welt die zwangsläufige Konsequenz der unsrigen oder gibt es noch Hoffnung?

Hoffnung!? Ha! Ich beschäftige mich nicht mit Hoffnungen. Und das Szenario von „Dilemma Nullzone“ ist nicht zwangsläufig… Es könnte schlimmer kommen. Der Kampf des Menschen gegen den Menschen für den Menschen um den Sinn von Freiheit ist noch nicht entschieden. Daher verhalte ich mich hoffnungslos solidarisch, um den Verheerungen des Kapitalismus – die permanente Entwertung von allen und allem – entgegen zu wirken. Vermutlich eine Sisyphos-Aufgabe…

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Du vermagst mit wenigen Worten die eigenwilligsten Figuren zu skizzieren: der grobschlächtige, Helligkeit verachtende, Rattenblut saufende Big Sure, der auf technisches, philosophisches und psychologisches Weltverständnis ausgerichtete Arthur, der versoffene Mojo, der hinter allem und jedem eine Sinfonie zu verstehen sucht, die abgehärmte, resignierte Sonia Raskolnikov auf der Suche nach Godot… Woher nahmst du die Inspiration für diese Figuren?

Hm… Ich mache nie vorweg einen Plan für einen Text – sofern er nicht politischer Art ist. Ich denke es geschieht einfach. Gewiss spielen da viele Faktoren eine Rolle: die permanente Auseinandersetzung mit Literatur und Philosophie, aber auch Politik. Und nach und nach verdichtet sich einfach all das, was man erlebt hat, sei es draußen auf den Straßen, bei der Lektüre bestimmter Texte – sie werden zu Bildern und dann zu Figuren, die dann letztlich die symbolische Reproduktion all dessen darstellen, was die eigene Existenz ausmacht. Es geschieht … und man setzt sich an den Schreibtisch… Es muss raus!

Dein Stoff spielt mit Dostojewskis Sonia ebenso wie mit Godot, um letztlich in den Landwehrkanal und die Ermordung Rosa Luxemburgs, Karl Liebknechts und zahlreicher anderer Widerstandskämpfer zu münden. Wo schließt sich in dieser hoffnungslos verlorenen Welt der Kreis? Was ist die Aussage dahinter?

Ho! Ho! Ho! Ich wollte dem Leser keine ausdrückliche Botschaft vermitteln. Es ist doch so: Erst der Leser vervollständigt den Text … Roman, Prosa usw. Er macht sich ein Bild davon. Ich wollte lediglich daran erinnern, dass auch noch eine andere Freiheit möglich ist, als bloß die hedonistische… Nein! Welche Aussage, Botschaft übermittelte uns James Joyces „Ulysses“?

Du selbst bist ja auch politisch engagiert, sitzt im Stadtrat von Meerbusch. Siehst du deine Arbeit dort als das Erbe Luxemburgs und Liebknechts? Was sind deine politischen Schwerpunktinteressen?

Erbe…? Oh, das würde ich mir nicht anmaßen… Gewiss, ich liebe Rosa. Und daher bedeutet sie auch für mich eine Verpflichtung. Und ich verehre Liebknecht. Nun ja … Meerbusch ist die zweitreichste Stadt von NRW – was die Einkommensverhältnisse der Einwohner betrifft. Insofern war es auch schon eine Leistung der Partei „Die Linke“ Meerbusch, überhaupt in den Stadtrat zu kommen. Es ist auch in dieser Stadt nicht alles Gold, was glänzt… Schwerpunkte sind selbstredend sozialer Wohnungsbau – da haperts ungemein -, städtische Maßnahmen zur Eindämmung der heraufziehenden Klimakatastrophe … Integration usw.… Aber zu meinen wesentlichen politischen Punkten zählt: Die simple Koordinate von Oben und Unten, der Herrschenden und Beherrschten aus den Köpfen zu treiben. Also … die X-Achse deutlich zu machen. Das bedeutet: Demokratie beginnt und endet nicht an der Wahlurne. Demokratie ist ein permanenter Diskurs: Was wollen wir und wie gestalten wir sie, wie lassen wir unseren Willen wirkmächtig werden? Dazu muss man keine Parteimitgliedschaft eingehen. Demokratie … der Wille dazu, was soll sie uns bedeuten, wie wollen wir sie gestalten? Demokratie sollten wir alle sein … und nicht nur an Wahltagen. Ansonsten werden wir die genannten Verwerfungen nicht beseitigen können… Du hast ja gefragt… Ich weiß, ich existiere in Widersprüchen. Ein Nihilist… der für die Demokratie in die Bresche springt…

Deinem Sprachbild kann man sich kaum entziehen. Es wirkt bisweilen, als hätte man die Stimmung einer Hollywooddystopie in Worte gegossen und verweist auf einen Autoren, der nie konform ging mit einer Welt des Mainstreams. Welche Filme, Musikstücke oder Bücher waren für dich oder insbesondere für „Dilemma Nullzone“ Einflussgeber? Was hat dich literarisch inspiriert?

Oh, das ist eine lange Liste… Da wären zu nennen William S. Burroughs, Naked Lunch, Soft Machine, Jean Genet, Notre Dame de Fleur, Alfred Döblin, Berlin Alexanderplatz und James Joyce, die Lyrik von Dylan Thomas. Nur um diese zu nennen… Und Musik? Ja. Frank Zappa, Neil Young, Charly Parker, Miles Davis, und natürlich die Doors, Jim Morrison. Und was Filme betrifft … ich gehe gerne ins Kino, wenn ich es mir leisten kann… Aber besonders beindruckt war ich von dem Film „Dead Man“ von Jim Jarmusch. Den dürfte ich an die hundertmal gesehen haben. Ha … Augenblick! Ich möchte etwas über Sprache sagen. Also Sprache spricht über Sprache, über sich selbst. Wir existieren nur in und durch die Sprache, die Vielzahl der symbolischen Zeichen, deren Bedeutung sich jeweils kontextual verändern, unendlich… Ich wurde oft belächelt wegen meiner Behauptung, die Lyrische Sprache sei exakter als die mathematische Sprache der Naturwissenschaften. …Ein Taubenschwarm im Ellenbogen seiner Verzweiflung nistete… Das nenne ich exakt. Das ist die Realität, die wir in und durch die Sprache erleben. Oh, ich höre besser auf, sonst sitzen wir hier noch stundenlang… „Dilemma Nullzone“ bedeutet die Befürchtung, ja, die ANGST, dass die Zeichen verblassen und letztlich vollends verschwinden. Der Tod der Dichter ist gleichbedeutend mit dem Tod des Universums. Übersteigert!? Was soll’s … es ist so für mich.

Vor einigen Jahren standest du in Jena mit M. Kruppe und Uli Linberg auf der Bühne, M. Kruppe und du mit Headset, Linberg mit Saxophon. Was sich da entfaltete, sprengte alsbald den Begriff Lesung, weil sich eure erschütternden, mahnenden und fesselnden Worte zunehmend in einem surrealen, Burroughs´schen Tosen verloren, einem Teppich aus Klängen, der unter Zuhilfenahme von euch ebenso wie vom Publikum greifbarer Gegenstände anschwoll. Die Veranstaltung war Namensgeber für dein Buch. Könnte man sagen, deine Kunst entwickelt sich weiter, sucht sich neue Kanäle?

Bei dem bisher Geschaffenen stehenzubleiben oder irgendwie fortzuführen ist keine Option. Alles muss anders werden, gestalten und umgestalten, immer neue Ausdrucks- und Darstellungsformen finden, schaffen… Literarisch in Sprache und Stil, Erzählweise und auf der Bühne muss die innere Wirklichkeit greifbar werden. Die Leibseele muss tanzen.

Wann bist Du live zu erleben, gibt es schon geplante Lesungen? Und wird es eine Wiederholung eures Bühnenprogramms „Dilemma Nullzone“ geben?

Gegen Ende August wird die Auftaktlesung in Meerbusch-Osterath in der Kneipe Savanne stattfinden. Zuvor werden wir – Uli und ich – eine Generalprobe auf dem Sommerfest „Die Linke Meerbusch“ auf dem Gehöft eines Genossen und Freundes machen. Aber eine wiedergleiche Tour von „Dilemma Nullzone“ wie 2017 wird es nicht mehr geben. Wir werden unnachgiebiger sein… Danach geht es dann in die Region: Krefeld, Duisburg, Düsseldorf und Köln. Genaue Termine gebe ich dann bekannt… Es ist halt schwierig in pandemischen Zeiten. Ein Video ist derzeit in Arbeit. Aber gewiss ist, dass ich mit meinem Kumpel und Kollege Kruppe wieder auf der Bühne stehen werde. Ich campiere immer noch in Kruppes „Weizenfelder“.

Gerry, ich danke dir für dieses Gespräch.

Null Problemo.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweise: Edition Outbird, Lisa Ginty
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„Inklusiv bedeutet ja nur, die Vielfalt und Heterogenität unserer Gesellschaft als grundlegend wahrzunehmen.“ – Benjamin Schmidt im Interview zu „Schon immer ein Krüppel“

Unlängst erschien in der „Edition Outbird“ mit Buch #33 Benjamin Schmidts neuaufgelegter, aktualisierter Roman „Schon immer ein Krüppel“ (aktuell im Verlagsshop mit gratis Postkartenset erhältlich). Wie der Titel erahnen lässt, handelt es sich um Benjamins ureigene Auseinandersetzung mit dem Tag Null, ab dem er vor der Herausforderung stand, sich als nunmehr Querschnittsgelähmter in dieser Welt zurecht zu finden. In einer Welt, in der plötzlich jede Menge – innere wie äußere – Barrieren auftauchten, von der man als gesunder Mensch oftmals nichts mitbekommt. Möglicherweise, weil man sie ausblendet.

Buch im Verlagsshop: Bitte Bild anklicken.

Benjamin, was war damals der Grund, überhaupt dieses Buch zu schreiben? Ein Ventil? Sensibilisierung?

Während meiner Rehabilitation hatte ich das Gefühl, dass Selbstbetrug für viele eine anerkannte Methode zur Verarbeitung einer Behinderung darstellt. Ich schreibe, wenn ich eine Geschichte habe, und Geschichten hatte ich damals viele. Zu erleben, was ich während dieser Zeit erlebt habe, hat ja nun nicht gerade jeder das Vergnügen. Außerdem war ich oft einsam, hatte viel Zeit zum Nachdenken … besondere Lebensumstände, Einsamkeit und Raum für die eigene Gedankenwelt, wann wäre der Zeitpunkt besser, ein Buch zu schreiben? Warum es gerade dieses Buch werden sollte? Meine Methode, diese besonderen Umstände zu verarbeiten war Selbstreflexion. Ich habe meine Gedanken dazu in dieser Geschichte ein Stück weit offengelegt und nachvollziehbar gemacht. Ich wollte nichts mehr schönreden, dabei aber die Schönheit nicht außer Acht lassen.

„Schon immer ein Krüppel“ in der aktuellen Ausgabe ist ja eine Neuauflage. Was war der Grund, das Buch neuauflegen zu wollen, was hat sich – nicht zuletzt inhaltlich – geändert?

Ich war zur Zeit der Erstveröffentlichung wahnsinnig ambitioniert, aber leider fehlte es mir doch an schriftstellerischer Erfahrung. Ein Lektorat hatte es ja nie gegeben, Self-Publishing eben ohne finanzielle Mittel. Dennoch war das Buch recht erfolgreich und ich habe viel Lob dafür erfahren. Deshalb habe ich das Buch auch nie aufgegeben, obwohl ich es schriftstellerisch über die Jahre eher mit einem milden Lächeln hinnehmen musste. Ich habe viele irrelevante und unnötig in die Länge gezogene Passagen gekürzt oder ganz und gar entfernt, wohingegen ich anderen viel mehr Raum gegeben habe, die in der Erstauflage einfach zu kurz gekommen sind. Viele Kapitel wurden regelrecht neu geschrieben und einfach besser ausgeführt, auf den Punkt gebracht. Viel stärker und tiefer vorhanden sind einfach die Einblicke in das Gefühlsleben des Protagonisten. Es ist ein ganz neues Buch, finde ich, auch wenn der rote Faden der Story an sich natürlich gleich geblieben ist. Und dann sind da natürlich noch die charmanten Verbildlichungen von Franziska Appel.

Postkartenset „Schon immer ein Krüppel“ im Verlagsshop: Bitte Bild anklicken (für BuchbestellerInnen gratis).

„Schon immer ein Krüppel“ hat mich durch seine schonungslose Wiedergabe Deiner Erlebenswelt berührt und lässt erahnen, welche innere Spannungen Du zumindest damals in Dir trugst. Wie kam es zu Deiner inkompletten Querschnittslähmung?

Durch einen versuchten Suizid. Ich finde das Buch auch nicht wirklich schonungslos, es ist einfach ehrlich. Der Humor ist vielleicht manchmal etwas dunkelschwarz, aber in intimen Momenten kann das auch sehr einfühlsam sein. Mich selbst schone ich dabei ja am wenigsten. Meinen Lesern muss ich aber nicht alles in Großbuchstaben entgegenschmettern. Wenn sie also wie du bestimmte Dinge nur erahnen, ist das völlig in Ordnung.

Was genau bedeutet „Inkomplette Querschnittslähmung“? Und hat es einen besonderen Grund, dass das Thema Suizid im Buch gar nicht thematisiert wird?

Wird das Rückenmark „nur“ zum Teil durchtrennt, spricht man von einer inkompletten Querschnittslähmung. Was das nun genau bedeutet, ist sehr unterschiedlich und würde jetzt zu weit führen. Dass das Thema Suizid im Buch gar nicht thematisiert wird, stimmt auch „nur“ in Teilen. Oft kann man das Thema „nur“ schonungslos erahnen, vielmehr geht es um das Leben und was es lebenswert macht. Gerade das kommt in der Neuauflage besser zur Geltung. Der Grund ist aber einfach der, dass ich mich nicht so brutal auf Begriffe wie Behinderung oder Suizid stürzen will. Viel wichtiger ist mir die Auseinandersetzung mit dem Leben, mit sich selbst, natürlich im Kontext eines heranwachsenden jungen Mannes, für den diese Begriffe situationsbedingt verstärkt eine Rolle spielen. Interessant ist ja bei näherer Betrachtung des Inhalts, dass diese Begriffe in fast jedem Leben eine Rolle spielen, je nachdem, wie sie interpretiert werden.

Wie wichtig ist mit Deinem heutigen Erfahrungsschatz Suizidprävention?

Selbstverständlich ungeheuer wichtig. Das Problem ist aber, dass es noch immer ein Tabuthema ist, vor allem, da es in der Wahrnehmung geradezu mit Schuld und Schande beladen wird, und weil es ähnlich wie bei Verkehrsunfällen jeden treffen kann. Das schieben wir oft von uns weg, aber im Grunde ist jeder potentiell gefährdet. Unser System lässt es zu, aber wir alle sind Teil dieses Systems.

Es gab und gibt verschiedene (Buch)Projekte, in die Du involviert warst und bist, neben Franziska Appel auch mit Jennifer Sonntag, die ihrerseits hochengagiert unter anderem immer wieder auf Themen wie Mobbing, Depression und Krisenbewältigung zu sprechen kommt. Wie wichtig ist aus Deiner Sicht inklusive Belletristik? Und wie ist es in dieser Hinsicht um den Buchmarkt bestellt?

Aus meiner Sicht so wichtig wie selbstverständlich. Ich meine, inklusiv bedeutet am Ende ja nur, die Vielfalt und Heterogenität unserer Gesellschaft als ganz natürlich und grundlegend wahrzunehmen, also je nachdem wie du die Frage meinst, dass beispielsweise eben behinderte Autoren oder literarische Figuren mit einer Behinderung keine Abnormität darstellen. Die Erlebniswelt eines Behinderten zu beschreiben, ist ohne Behinderung sicher schwierig und nicht immer glaubwürdig, ich kann aber auch Sichtweisen von „außen“ anerkennen. Es geht ja um Unterhaltungsliteratur, die keine 100%ige Realität abbilden muss, auch gar nicht soll. Genauso befremdlich wäre es, wenn es verpflichtend wäre, diese Hererogenität unserer Gesellschaft in jedem Roman 100%ig abzubilden, oder die Vorstellung, man dürfte als Frau nur noch weibliche und als Mann nur noch männliche Protagonisten erfinden. Also wie war die Frage? Ja, Inklusion, eine gute Sache, auch in der Literatur. Im Hinblick auf den Buchmarkt, denke ich, gäbe es zum Thema Behinderung in seiner Vielfalt aber noch einiges zu erfahren. Belletristik könnte da durchaus geeignet sein, um manche Themenbereiche charmant und unverkrampft ins Geschehen einfließen zu lassen.

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Ich habe mir eines Abends vorzustellen versucht, wie (m)eine Welt aussähe, in der eine wichtige körperliche Funktion abhanden gekommen ist – das Augenlicht oder die uneingeschränkte Bewegungsfähigkeit. Es gelang mir nicht. Wie kann man neu leben lernen nach einem so einschneidenden Schicksalsschlag wie einer Querschnittslähmung, wer hilft einem, an welche Institutionen kann man sich wenden?

Du fühlst dich in der Tat uneingeschränkt bewegungsfähig, in deinem Alter? Kleiner Scherz am Rande… Ach, ich denke, jeder trägt das Päckchen, das er kennt, am liebsten. Ich kannte einen Mann, der sagte mir, er könne sich einfach nicht vorstellen, im Rollstuhl zu sitzen, das wäre furchtbar für ihn. Der Mann war blind. Und ich dachte mir, zum Glück sitze ich nur im Rollstuhl und habe mein Augenlicht noch. Wenn man leben will, arrangiert man sich recht schnell mit den unterschiedlichsten Umständen. Aber um zu deiner Frage zurückzukommen: Mir hat die Bekanntschaft zu Menschen geholfen, die ähnliche Veränderungen durchmachen mussten. Wenn sich die Welt verändert, verändert sie dich. Wenn du dich veränderst, veränderst du die Welt. Philosophie kann sehr hilfreich sein, inspirierende Menschen oder Literatur. Mir hat Kunst ja oft im Leben neue Perspektiven ermöglicht. Der fehlende wirtschaftliche Druck war äußerst heilsam, also nicht immer dieser ständige Gedanke ums Geldverdienen. Aber natürlich spielen auch Freunde und Familie eine große Rolle, einfach Menschen, von denen man sich geliebt und vor allem verstanden und nicht allein gelassen fühlt. Wenn es diesen sozialen Anker nicht gibt, kann therapeutische Hilfe sehr hilfreich und wichtig sein.

Welche Hürden gilt es gesellschaftlich noch zu überwinden hinsichtlich Menschen mit Behinderung? Wie steht es um die Barrieren in unseren Köpfen?

Das ist eine so umfangreiche Frage. Behinderungen fallen so unterschiedlich aus, daher bin ich der Meinung, dass Vorurteile ganz und gar unangebracht sind. Vor allem die Vorurteile um den Wert des Lebens. Zu glauben, das Leben sei weniger wert, weil man als Querschnittsgelähmter nicht mehr alles machen kann, ist wie zu glauben, das Leben als Frau sei weniger wert, weil sich da berufliche Nachteile ergeben und man als Mann eh mehr verdient. Da bemerkt man schnell, das generelle Problem ist einfach die Gleichberechtigung, die Möglichkeit für jeden Menschen, sein Leben selbstbestimmt zu leben, ohne Nachteile, die auf Geschlecht, Hautfarbe, Behinderung oder was weiß ich beruhen. Darauf sollten wir hinarbeiten und wenn diese Arbeit nur an unserer inneren Einstellung und Überzeugung stattfindet, so ist selbst das von Bedeutung. Bei dieser Diskussion sollte es auch kein „Ja-Aber“ geben. Es wird verdammt nochmal Zeit.

Hast Du das Gefühl, dass Bücher wie „Fuck[dis]Ability“ oder „Schon immer ein Krüppel“ etwas bewirken? Bekommst Du entsprechende Feedbacks, beispielsweise von LeserInnen?

Oh ja, das glaube ich schon. Gerade zu den beiden genannten Büchern bekomme ich unglaublich viel positives Feedback – das ist wunderbar und berührend. Erst kürzlich war eine Frau mit Behinderung von unserem Buch „Fuck[dis]Ability“ so gerührt, sie hatte extra ihre Deutschkenntnisse aufgefrischt, um es zu lesen, und fühlte sich dabei so wahrgenommen und bestätigt. Ein großes Lob für Franziska und mich. Und das ist ja nur ein Beispiel. Ich finde, lesen ist nur eine von vielen Möglichkeiten, ein Stück Welt zu entdecken, und manchmal entdecken wir ein Stück uns selbst dabei. Bei „Schon immer ein Krüppel“ und auch „Fuck[dis]Ability“ gab es einige, die diese Erfahrung gemacht und etwas Positives daraus mitgenommen haben. Mehr kann ich mir als Autor nicht wünschen.

Du bist ja in diverse Projekte involviert. Was treibst Du noch und was wird in Zukunft von Dir zu erwarten sein?

Eine gefährliche Frage! Da muss man als Künstler immer vorsichtig sein, da ja sowieso immer alles ganz anders kommt. Aber natürlich schreibe ich an einem neuen Roman, der für nächstes Jahr geplant ist. Auch habe ich noch ein, zwei literarische Liebhaberprojekte, die soweit abgeschlossen sind, wo aber noch unklar ist, auf welchem Wege ich sie veröffentlichen werde. Vor allem, da sie eigentlich Literatur, Musik und Grafik in sich vereinen. Ich arbeite mit Brita an neuen Songs für die „Gruftschlampen“, wir sehnen uns so sehr nach dem Bühnenleben, es ist die Hölle. Vielleicht wird es musikalisch auch noch ein paar Solo-Sachen geben. Ich beschäftige mich gerade wirklich sehr viel mit meiner Kunst, da habe ich einiges aus meinen Schubladen abgestaubt und auf den Weg der Fertigstellung gebracht. Damit bin ich sehr zufrieden, ich war lange nicht mehr so produktiv. Und sobald es wieder möglich ist: Live-Auftritte, unbedingt! Sollte es nicht so bald möglich sein… puh, ich bin offen für Vorschläge. Vielleicht melde ich meine Lesungen dann als Demonstrationen bei den zuständigen örtlichen Behörden an.

Lieber Benjamin, vielen Dank für das Gespräch.

Ich danke dir, lieber Tristan. Bleib tapfer!

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweise: Benjamin Schmidt, Emily Schmidt, Edition Outbird
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„Ich neige dazu, den Text als eine Art Karte zu betrachten, mit Markierungen, auf der sich Gebirge von Bezügen und Einflüssen auftun.“ – René Porschen im Interview zu „Kokon“

Mit „Kokon“ hat der Wahlerfurter René Porschen ein eigenwillig fesselndes Romandebüt jenseits der Genregrenzen veröffentlicht. Wenn man Renés in sich ruhende Art kennenlernt und sich in diesen Stoff einliest, wähnt man sich bald in einer komplexen Anderswelt, in einem organischen Dickicht, einem wimmelnden Mythos, der ob seiner Sprachkraft Faszination auslöst.
Wir wollten mehr von diesem Autoren wissen, der gegenwärtig an seiner Dissertation über Dinosaurier in den Literaturen des 19. und 20. Jahrhunderts arbeitet.

René, Dein Roman „Kokon“ besteht aus einer derartigen Bilddichte, dass man als primäres Gefühl Staunen benennen kann. Man wird in ein Szenario hineingewoben, das einem fremdartigen und zugleich urvertrauten Dschungelmythos gleicht. Unweigerlich stellt sich mir die Frage, wie Dein Innenleben aussieht. Voller eigenwilliger Fantasien?

Ja, hm, erstmal bedanke ich mich für die gleichermaßen bildstarke Beschreibung, weiß aber nicht ganz, wie ich der Frage nun gerecht werden kann. Vielleicht erstmal mit einem „Ja“. Also: Ja, mein geistiges Innenleben ist voller eigenwilliger Fantasien, aber ob sich das so sehr von den Innenleben anderer unterscheidet, weiß ich nicht zu sagen.

Ich halte es überhaupt für unmöglich, die Innenleben einer Person klar definieren zu können. Vielleicht gibt es Eindrücke von Innenleben, die spekulativ entstehen. Dann ist mein Innenleben das, was andere denken wahrzunehmen und in Relation zu eigenen Erfahrungen setzen können. Man sieht mich dann und sagt: So ist der bestimmt. Ich kann aber nur schwer sagen: So bin ich! Dann müsste ich vielleicht sagen, weil das erwartet wird: Ich bin vielschichtig und schweigsam. Und plötzlich mache ich einen anzüglichen Witz und alles stimmt wieder nicht. Von daher kann ich die Frage leider nur mit vielen Gegenfragen beantworten, auf die es vielleicht keine klaren Antworten gibt…

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Wenn Du gebeten würdest, in wenigen Worten die Handlung wiederzugeben und auszusagen, was Dein Buch von anderen unterscheidet, was sein literarisches Aroma ausmacht und welche Inspirationen seitens anderer Werke mitschwingen – was würdest Du antworten?

„Kokon“ ist ja an sich recht handlungsarm, muss ich sagen. Es geht um einen Kokon, ein Überbleibsel einer Metamorphose, ein aufgerissenes Außen, das auf einmal mit etwas konfrontiert ist, das er/sie/es nicht kennt: Leben, Bewusstsein, Fragen und Verzweiflung. Der Rest, oder besser: der Kern der Geschichte ist sprachliche Zerstreuung, Konstruktion, Ablenkung, Abzweigung, Sinnführung, Sinnfindung und Sinnverlust; ein Sprechen von „der Welt“, die der Kokon wahrzunehmen glaubt, und die er versucht, sich be-greif-lich zu machen, ihr Geschichte zu geben.

Um die Frage zu beantworten, welche Werke mich am meisten beeinflusst haben:

Eines der ersten Bücher, das ich las, war „Die unendliche Geschichte“. Ich denke, das Buch hat damals schon diesen Drang nach Eskapismus, auch danach, irgendwie etwas besonderes zu sein, in mir geweckt. Das schreibt sich irgendwie in allen Beschäftigungen fort.

Darüber hinaus ist dieser Eskapismus weiter von Arno Schmidts teils recht experimentellen Texten auch sehr gut bedient worden. Ich lese tatsächlich nicht extensiv oder überdurchschnittlich viel, neige jedoch dazu, den Text selbst als organisiertes – wenn auch manchmal konfuses – System zu betrachten. Als Körper, in dem und mit dem unglaublich spannende Sachen passieren können, die oft widersprüchlich sind wie das Leben außerhalb der Texte. Oder als eine Art Karte, mit Textmarkierungen, auf der sich Gebirge von Bezügen und Einflüssen auftun. Schmidt macht das für mich alles sehr deutlich.

Auch mag ich die Werke H. P. Lovecrafts, der zahlreichen AutorInnen, die ihn beeinflusst und der zahlreichen AutorInnen, die er beeinflusst hat (von Blackwood bis King) recht gerne, halte den Lovecraftschen Kosmos in Fragen schrecklicher Erhabenheit jedoch für ziemlich unübertroffen. Dieser Gedanke, wie unvergleichbar klein der Mensch und all sein Streben ist, tröstet mich oft dort, wo andere zu verzweifeln scheinen – nicht zuletzt, weil damit auch alle Sorgen dahinfahren.

„Kokon“ (und nicht zuletzt ich selbst) bin/ist aber auch von einer Vielzahl von Lektüren beeinflusst, die jetzt nicht so kanonisch daherkommen als dass ich sagen müsste, das muss ich jetzt noch als Gesamtwerk erwähnen. Nicht zuletzt, weil ich die Texte selbst nicht verstanden habe (und ob ich das von den anderen so salopp sagen kann, ist auch fraglich.), diese mich aber dennoch in Form und Sprache sehr fasziniert haben: Elfriede Jelineks „Lust“ gehört dazu. Ich las es, verstand kein Wort, war mir aber sicher, dass ich so was auch machen will.

Zur Zeit lese ich aber hauptsächlich Sachen, die mit meiner Dissertation zu tun haben. Also spekulative Philosophie und Erzählungen, in denen es um Dinosaurier und urzeitliche Welten geht, von Lasswitz` „Homchen“ bis hin zu Crichtons „Jurassic Park“.

H. P. Lovecraft

Du bist Mitglied in der H. P. Lovecraft-Gesellschaft. Was hat Dich dazu bewogen, Mitglied zu werden, was genau macht diese Gesellschaft?

Die Gesellschaft ist überaus ambitioniert. Obwohl sie – meines Wissens nach – ursprünglich aus einem Rollenspielhintergrund heraus entstand, bietet sie doch auch allen, die sich für das literarische Erbe der weird fiction nicht nur Lovecrafts, sondern auch einer Vielzahl anderer AutorInnen interessieren, eine sehr fruchtbare Plattform. Vor nicht allzu langer Zeit hat sie das frei zugängliche Rollenspiel FHTAGN veröffentlicht und fördert zahlreiche freie Kunstprojekte – also Dinge, deren Existenz gerade arg auf der Kippe steht.

Huan Wus Filmprojekt „Die Traumlande“ ist eines hiervon (also, was gefördert wird, nicht, das auf Kippe steht) und bereits sein letzter Film „die Farbe aus dem All“ war ein für mich sehr beeindruckendes Werk. Auch ein Gedichtband ist in Planung und dann gibt es auch einen sehr informationsreichen und professionellen Podcast: „Arkham Insiders“. Ich selbst habe schon die Möglichkeit gehabt, für das Vereinsmagazin „Lovecrafter“ zu schreiben und auch ein wenig an den Ambitionen des Vereins mitzuwirken, eine vielleicht europaweite Vernetzung der LeserInnenschaft und Vereine zu initiieren. Großprojekte, wie die AnRufung gibt es darüber hinaus auch noch. Etc. pp.

Die dLG ist also nicht nur eine Gesellschaft der Leserinnen und Leser, sondern auch eine sehr tätige Gesellschaft, die aktiv und mit viel Enthusiasmus und Verantwortungsbewusstsein im – wenigstens europäischen Rahmen der weird fiction-LeserInnenszene mitwirkt und diese mitgestaltet.

Hauptsächlich wollte ich aber auch etwas machen, das für die weird fiction-Szene, aber mehr noch für mich selbst von Bedeutung ist. Es dauert nicht mehr lange, da nähert sich das Erwachen Cthulhus seinem hundertjährigen Jubiläum. Das kann man alles nachlesen … in den Werken … Der Ruf des Cthulhu…1. März 1925, da gab es ein großes Beben, 47°9´ südliche Breite, 126° 43´ westliche Länge … und wenn es so weit ist, möchte ich nicht tatenlos daneben sitzen…wenn die großen Alten kommen… IÄ!…das Sternengezücht vom Himmel stürzt …Ygnaiih…Ygnaiih …… dann muss etwas getan werden…Geister der Himmel! Erinnert Euch! …XAZTUR IA HUBBUR! KUTULU! KUTULU ZI-KURR! (hüstel) ehm, … das können wir herausstreichen, oder?

Darüber hinaus bin ich Mitglied in der Gesellschaft der Arno Schmidt-Leser. Ich hatte meine MA-Arbeit damals über Schmidts Frühwerk „Schwarze Spiegel“ geschrieben, ein kleiner Auszug hieraus ist als Essay im Jahrbuch 2017/18 veröffentlicht worden. An der Stelle möchte ich mich auch bei den HerausgeberInnen bedanken und allen, die meine ersten offiziellen wissenschaftlichen Gehversuche gestützt haben. Damals habe ich mich so sehr in die sprachpsychologisch, ja fast schon mathematisch genaue Detailverliebtheit des Textes hineingesteigert, mit der Schmidt versuchte, gewisse psychologisch bedingte Assoziationsfelder im Text aufzurufen und offenzulegen, dass ich es schlichtweg als konsequent ansah, bei der G.A.S.L. vorstellig zu werden.

Was hat Dich beeinflusst, ein so ausgeprägtes Interesse für kulturelle und literarische „Zwischenräume“ zu entwickeln?

Tatsächlich weiß ich gar nicht genau, wie ich die Frage beantworten soll, oder ob ich sie in dieser Form adäquat beantworten kann. Sicher gibt es jetzt viele Leserinnen und Leser, die nun einen Satz erwarten, der irgendwie mit „Eigentlich habe ich mich schon immer ….“ beginnt und dann mit dem Eingeständnis endet, dass ich irgendwie so erzogen wurde, viel zu lesen. Von meiner Mutter, meinem Vater oder sonst wem aus der Familie. Das stimmt aber nicht und meine Prägung war dahingehend, glaube ich, eine eher a- wenn nicht gar unliterarische. Das zeigt sich für mich auch heute noch, da ich manchmal recht viel Energie aufbringen muss, um einen neuen Roman o. Ä. zu beginnen.

Vielleicht ist das Kulturelle, um es mal so salopp zu sagen, das Literarische, Poetische, Kreative als Schöpfendes-Konstruierendes für mich ein Medium der Ablenkung, Ausschweifung, der Flucht auch in der Verantwortung gegenüber etwas. Und dieser Eskapismus ist ja nicht notwendigerweise ein literarischer, sondern kann sich auch in apokalyptischen Tag(alb)träumereien, Basteleien (ganz klassisch: mit Händen voller Klebstoff) oder anderen Gelegenheiten äußern, in denen sich mir die Möglichkeit bietet, eigene kleine und große Erzählungen zu irgendwas dazuzudichten oder in Zwischenräume zu quetschen. So glaube ich also, um es klarer zu formulieren, dass es weniger der Konsum oder das Anschauen von kulturellen „Dingen“ oder Phänomenen war, der mich in diese Richtung führte, sondern ein Basteln und Konstruieren, Erzählen und Erklären, das ich … ja … eigentlich schon immer … nein … hauptsächlich nachdem ich Michael Endes „Die unendliche Geschichte“ zum ersten Mal gelesen habe.

Zum Interview mit der Covergrafikerin Franca Bartholomäi: Bitte Bild anklicken.

Und dann stand da die Entscheidung, Literatur zu studieren, im Raum?

Auch hier war’s wohl wieder eine Mischung aus konsequentem Eskapismus auf verschiedensten Ebenen und der Empfehlung eines Literaturdozenten. Ich habe eigentlich, wie so viele andere – denke ich, mit Germanistik begonnen. Aus Ratlosigkeit und der stupiden Annahme, Linguistik und Poststrukturalismus hätten was mit dem zu tun, was man im Abi-Leistungskurs Deutsch macht. Ersteres habe ich gehörig verbockt, aber die Diskurse zur Literaturwissenschaft lagen mir irgendwie.

Was macht Dich bzw. Dein Universum sonst noch aus, gibt’s Bezüge zur Gamerszene, und wenn ja, was reizt dich daran, und welche musikalischen Einflüsse haben Dich am meisten geprägt?

Das ist natürlich eine schwierige Frage – vorausgesetzt ich habe sie nun richtig verstanden, weil diesen ganzen Diskurs, der ein Subjekt oder eine Person auf einen festen Kern an Eigenschaften, Interessen, etc. herunterbrechen möchte, immer etwas kritisch sehe. Obschon ich nicht verneinen kann, dass es gewisse Konstanten in meinem Denken und Handeln gibt, die sich als recht stabil erwiesen haben. Vielleicht ist der oben genannte Zweifel ja paradoxerweise eine solche Konstante: die Überzeugung, als Person oder Subjekt so stark von der Umwelt, dem sozialen Milieu, der eigenen Lektüre, neurologischen Reaktionen auf Bestätigung und Strafe und dem Sich-Einschreiben von Verhaltensweisen in das eigene Selbst beeinflusst zu werden, dass man selbst eher sagen müsste, der Mensch besteht mehr aus Fragmenten dieser Umwelt, als aus etwas, das er ein Selbst bezeichnen möchte, das irgendwie von innen heraus wirkt.

Das macht mich vielleicht aus: Ich glaube eher an Sein als an Seele, an Prozess als an Persönlichkeit, an das Ich als etwas, das ständig neu konstruiert und kombiniert wird und das infolge dessen kein Ich ist, sondern eher ein Phänomen aus Sein. Ich als Antwort auf die Fragen, die ein Du stellt.

Darüber hinaus kann man sicher auch behaupten, dass sich der Drang, alles zu zerdenken, zu analysieren etc. recht durchgängig äußert.

Bezüge zur Gamerszene habe ich nur insoweit als dass ich hin und wieder mit Freunden zocke und bei manchen Spielen mehr als 2000 Spielstunden angesammelt habe. Ich zocke aber meistens allein, bastle mir in Open World Games kleine Erzählungen zusammen, die ich über die Storyline stülpe. Ansonsten gehe ich auch kaum zu entsprechenden Events, wenn überhaupt, und schaue mir nur hin und wieder mal ein Letsplay zur Ablenkung an. An der Szene selbst reizt mich an und für sich nicht viel, abgesehen von Menschen und Spielen, die ich mag. Aber die würde ich auch ohne regelmäßige Events und den Nimbus einer Subkultur mögen.

Bei den Musikern hat mich die Band Marilyn Manson wohl von allen am meisten beeinflusst. Hauptsächlich das Album Holy Wood, das 1999 veröffentlicht wurde. Höre ich zur Zeit auch wieder viel. Damals kam ich auch zur Musik und den der provokativen Antiästhetik seiner Texte innewohnenden kritischen und agnostizistischen Position. Ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass ich das selbstständige Denken und Hinterfragen wohl gerade erst durch diesen rebellischen Duktus entwickelt habe, den ich heute leider irgendwie vermisse. In der Zeit – und auch heute – hörte ich noch viel Papa Roach, Slipknot, Bullet for my Valentine, Linkin Park, Sepultura, etc. und alles, womit man sich irgendwie wie ein weißer, amerikanischer Vorstadtteenager fühlen konnte, der mehr Generation X als „Generation Why“ war und gegen irgendwas rebellieren und seine Enttäuschung über die Welt zum Ausdruck bringen wollte. Später kamen noch diverse J Rock-Bands wie D’espairs Ray und Dir en Grey hinzu. Vielleicht bin ich zu nostalgisch, aber heute finde ich es schwierig, Vergleichbares zu finden. Was eigentlich auch gut ist.

Letzte Frage: Wenn Du eine Wahl hättest, quasi (mit)schöpfen könntest: Wie würde die Welt aussehen, in der Du lebst?

Menschenleer…

Vielen Dank für das Interview.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweise: Tina Wagner, IMDb, Franca Bartholomäi, Lars Petersohn, Edition Outbird
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„Es ist kein Konzert, keine Lesung, keine Ausstellung, sondern ein schwarz-romantischer Kunstsalon.“ – Marina Schreckling im Interview zum „Darkerkant“-Festival

Am 16. und 17. Oktober 2020 findet auf dem Hamburger Museumsschiff „Cap San Diego“ zum nunmehr vierten Mal das „Darkerkant“-Festival statt, ein Fest der dunklen Künste zwischen Musik, Kunst und Literatur. Die Tatsache, dass mit Peter und Klaus Märkert, M. Kruppe und Edek Rose dieses Jahr auch Autoren aus unserem Verlag(sumfeld) teilnehmen, ist Grund genug, die Organisatorin und Veranstalterin Marina Schreckling näher vorzustellen. Für das nachfolgende, von uns aktualisierte Interview bedanken wir uns beim „BadBlack-Unicorn“-Magazin.

Kannst du einige Worte zu deiner Person sagen? Was fasziniert dich an der Darkerkant? Seit wann gibt es dieses Event? Wie aufwändig ist es, eine solche Veranstaltung zu organisieren?

Dann stell ich mich gerne vor, mein Name ist Marina Schreckling, ich komme selber aus der bildenden Kunst und male. Der Fokus meiner Arbeiten ist auf den Mensch gerichtet und den Abgründen der menschlichen Seele, nicht unbedingt mit dem verfeinerten Ästhetizismus, der sich bei Dark Art abbildet, eher mit ironischen Anspielungen. Aber Dark Art ist ein Genre, das mich persönlich sehr anspricht.
Mich selbst fasziniert an der Darkerkant die Zusammenkunft von Künstlern, die sich darauf verstehen, die dunkelsten Gedanken auszudrücken, die provozieren, deren Werke genauso erzählerisch poetisch wie bösartig sind. Darüber hinaus ist es für mich eine sehr spannende und interessante Erfahrung, mit einer Vielzahl von unterschiedlichen und großartigen Künstlern zusammen zu arbeiten.
Darkerkant fand erstmalig 2017 statt und jährt sich jetzt zum vierten Mal.
Hinter die Kulissen geschaut, ist eine Veranstaltung zu organisieren tatsächlich aufwendiger als es scheint. Es geht schon zu Anfang des Jahres los, Musiker und bildende Künstler ins „Boot“ zu holen und über eine öffentliche Ausschreibung die Autoren zu finden. Werbung muss platziert werden, Einladungen verschickt, ect. Es ist immer etwas zu tun, bis Ende August die heiße Phase beginnt und die ankommenden Werke für die Ausstellung vorbereitet werden müssen.

Kannst du kurz das Konzept von Darkerkant beschreiben? Wie bist du darauf gekommen, so ein Event zu organisieren? Wie bist du auf den Gedanken gekommen, Literatur, bildende Kunst und Musik zu verbinden? Haben diese drei Elemente etwas Verbindenes? Hast du vorher schon ähnliche Veranstaltungen als Kuratorin geleitet?

Dazu muss ich etwas ausholen. Die Epoche der Romantik vom Ende des 18. bis ins späte 19. Jahrhundert fand im Schaurigen, im Fantastischen, im dargestellten Unbewussten, der Individualität Motive, die die Grenzen des Verstandes überschritten und einen Kontrapunkt gegen das bloße Nützlichkeitsdenken der Industrialisierung und vermeintlich aufgeklärten Moderne bildeten. Heute in Zeiten der Digitalisierung, Statistiken, Algorithmen, Rankings, des auf die Summe seiner Daten reduzierten Menschen, scheint mir die Romantik sehr aktuell zur Neuaneignung unseres Welt- und Selbstverständnisses zu sein und wird konsequent weitergeführt, aus meiner Sicht, in der Dark Art, die andere, dunkle, uns fremde Seiten beleuchtet.
Die zuvor dagewesene simple Idee, auf einem Schiff eine Ausstellung machen zu wollen, wenn man schon in Hamburg wohnt, entwickelte eine eigene Dynamik, als die Cap San Diego als Ausstellungsort gefunden war. Sie selbst erwies sich als inspirierend und es war klar, dass im Inneren des Schiffsbauches nicht irgendeine, sondern eine Dark Art Ausstellung die einzige zur Magie des Schiffes passende war.
Noch einmal zurückblickend wird als Romantik eine Epoche der Kunstgeschichte bezeichnet, die sich in der Literatur, gefolgt von der bildenden Kunst und in der Musik niederschlug. Sich als grenzüberschreitend verstand, bis hin zur Verschmelzung und Niederlegung der Grenzen zwischen den Künsten und zur Sakralisierung des Werks. Angelehnt an einen aus der Epoche stammenden (schwarz)romantischen Kunstsalon, wird diese „romantische“ Idee aufgegriffen und die Kunstformen stehen auf der Darkerkant gleichberechtigt nebeneinander.
Als Kuratorin hab ich mich selbst nie gesehen, obgleich ich in dieser Funktion eine erste Ausstellung 2016 in Hamburg in der Gallery Mytoro mit dem Titel „Kommunikation“ organisierte.

Cap San Diego im Nebel.

Welche Bedeutung hat der Name Darkerkant?

Es ist ein Wortspiel aus Dark (Art) und Waterkant.

Wie rekrutierst du die KünstlerInnen? Nach welchen Kriterien gehst du da vor?

Bei den bildenden Künstlern sind es diejenigen, deren Arbeiten eine dunkle Stimmung ausdrücken und mich persönlich besonders faszinierten, sei es bei Ausstellungen, an denen ich selbst beteiligt war oder die ich besuchte, sei es durch soziale Medien. Mit diesen Künstlern versuch ich in Kontakt zu kommen, um sie einzuladen. So verhält es sich auch mit den beteiligten Bands. Für die Autoren gab es bislang eine öffentliche Ausschreibung für die Genres Mystery Thriller, Horror und Fantasy.
Kannst du folgenden Satz aus einer vorherigen Infoschrift kurz erörtern? „Einsamkeit, Resignation, Tod, das Surreale bis hin zur Faszination des Bösen wird in pittoresker Manier übersteigert dargestellt, so dass unweigerlich beim Betrachter der Eindruck vom Schaurig-Schönen bleibt.
Einsamkeit, Resignation, Tod, das Böse, alles Begriffe, die nicht für die angenehmen Aspekte des Seins stehen, doch die Totalität der ästhetischen Form lässt den Betrachter Schönheit erkennen, selbst da, wo sie die Darstellung frustrierendster Not gelingend in Szene setzt. Je trauriger und schmerzlicher die Schönheit sich offenbart; um so schaurig–schöner wird das Werk empfunden.

Impression vom 2017er Darkerkant-Festival.

Im Infomaterial stand: „Dark Art ist für ihr Empfinden eine Fortführung der Romantik, genauer gesagt, der dunklen Seite der Romantik.“ Kannst du diese Aussage ein wenig ausführen?

Ich denke, dies lässt sich am besten im direkten Vergleich einiger Merkmale der Romantik mit den Arbeiten der Künstler der Darkerkant anschaulich ausführen. Kennzeichnend für das romantische Weltbild war es u. a., die innersten Beweggründe, die Seinserfahrung von ihrer Bindung an eine zeitlich begrenzte Epoche zu lösen. Diese Aufhebung realer Zeitlichkeit findet man auch in den Arbeiten des aus England stammenden Dark Art Künstlers Roberto Segate. Seine Arbeiten sind selten makellos. Sie sind rauh, einschließlich schmutziger, ungeordneter Elemente und Texturen. Dadurch werden sie in Bezug auf Zeit mehrdeutig und mystisch.
Oder die Tendenz zur Entmaterialisierung, Entrückung, daraus folgend die Sublimierung. Eine experimentelle Verschmelzung von persönlichen gnostischen Idealen, eine Suche nach vergangenem spirituellem Wissen, das eine Vielfalt von Theologien und Ideologien verschmelzen lässt und umfassen kann, wie es in den Werken des amerikanischen Künstlers Shawn Slowburn, Nihil aus Norwegen und Gabriel Vorace Portela aus Frankreich vorzufinden ist.
Ferner sind folgende Kriterien zu nennen, wenn ich auf wenige eigene Werke verweise, die mit ausgestellt sind, Emphase und Gebrochenheit, Tendenz zur Subjektivierung jeglicher Erfahrung, so dass jede künstlerische Aussage als Reflex eines Erlebnisses auf das Subjekt anmutet.

Welche KünstlerInnen sind dieses Jahr noch zu erwarten, wo liegt der Schwerpunkt, welches „Thema“ hat die diesjährige „Darkerkant“?

Das Thema der diesjährigen Darkerkant ist angelehnt an „Dante´s Inferno“. Die Trostlosigkeit der Hölle wird atmosphärisch eingefangen. Isolation und Einsamkeit, möglicherweise eine Form der Vorhölle, die einige durch Covid-19 gerade hautnah erleben, wird besonders in den ausgestellten Werken und der Musik von Fatal Casualties aus Schweden und der Hamburger Band OHcy-êspé verdichtet. Die Entwertung des menschlichen Seins und des Lebens an sich, die Verzerrung des Banalen ins Groteske soll in diesem Jahr zeigen, nichts ist so dark wie die Realität und verweist nicht mit einem ausschließlichen, aber deutlichen Fokus auf Photo- und Digital Art bei den ausgestellten Exponaten z. B. des amerikanischen Photografen Brett J. Lawrence, der Berliner Digital-Art-Künstlerin Jaya Suberg und Gemälden von Werk Lichtgrau aus Lübeck, die auch, wie die gesamten ausgestellten Werke, käuflich zu erwerben sind. Ich möchte an der Stelle einmal sagen, es hat eine etwas größere Realitätsnähe als bei den vorherigen Dark Art Events. Ein Realitätsbezug wird auch in den Texten der Hamburger Band Oberer Totpunkt, die mit an Bord ist, deutlich, sowie in der Rock-Gothic Lesung von Darian Dawn, den literarischen Werken von Valesko Reon und besonders der Autoren der Outbird – Agentur + Verlag für alternative Kultur M. Kruppe, Peter und Klaus Märkert sowie Edek Rose, der bei seiner lyrischen Lesung von dem Hamburger Saxophonisten Kurt Buschmann begleitet wird. Eine Tarkowski-artige irreale Zone erschafft die Filderstädter Künstlerin MaMuk mit ihrer 3D-Installation aus realen Fundstücken.
Um den Geist eines schwarz-romantischen Kunstsalons einzufangen, braucht es natürlich auch eine Prise Romantik, dafür sorgen die Autorin K. M. Parker aus Oldenburg, ein Hauch Steampunk mit der Band Jaana Redflower und der Norddeutsche Maker Horatius Steam mit seinen absolut phantastischen Werken, die wunderbar mit den Zeichnungen des Hamburger Künstlers Ralph G. Kretschmann korrespondieren, sowie die musikalische Einbettung des Events in den Dark-Ambient-Sound des Occult Projects Corona Barathri.

Was kommt beim Publikum am besten an: Literatur, bildende Kunst oder Musik? Oder haben alle Bereiche die gleiche Resonanz?

Bisher hatten die Bereiche die gleiche Resonanz. Oder anders ausgedrückt, durch die drei gleichwertigen Bereiche hatte die Darkerkant eine gute Resonanz. Wie es diesmal sein wird!?! Das kann ich dann im Oktober beantworten…:-D

Warum lohnt es sich auf die Darkerkant zu gehen?

Ich wünschte meine eigene Begeisterung, die ich bzgl. der Künstlerauswahl habe könnte überschwappen. Ich habe die Werke der bildenden Künstler, sowie auszugsweise der Autoren und Bands ja schon gehört und gesehen und kann nur sagen: Es kommt was Großes auf uns zu! Die Werke der Visual Artists haben mich persönlich schon bei der Vorauswahl als jpg´s geflasht, umso mehr freue ich mich, die Originale in Empfang zu nehmen und euch zeigen zu dürfen. Das gleiche gilt für Musiker und Autoren. Ich freu mich sehr drauf. Das besonders lohnenswerte ist natürlich die Atmosphäre des Dark Art-Events. Es ist kein Konzert, keine Lesung, keine Ausstellung, sondern ein schwarz-romantischer Kunstsalon bei dem die Grenzen zwischen Publikum und Künstlern eher fließend sind und ein reger Austausch erwünscht ist. Also … ich finde, man muss es mal erlebt haben…:-D

Möchtest du zum Schluß etwas sagen?

Ich bedanke mich recht herzlich für das Interview und hoffe sehr, dass die Corona – Lockerungen bis zum 16. Und 17. Oktober soweit fortgeschritten sind, dass das Event wie gewohnt stattfinden kann. Bitte ganz fest Däumchen drücken … und dann vorbei kommen! Wir alle freuen uns auf euch!

Vielen Dank für das Interview.

Das Ursprungs-Interview führte Roman Golub vom „BadBlack-Unicorn“-Magazin (aktualisiert durch Tristan Rosenkranz), wir danken ihm für die Freigabe zum/r Abdruck / Wiederverwendung.

Bildnachweise: Privat
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„Was mich an Tätowierungen faszinierte, war vermutlich die Aura des Unangepassten und Rebellischen.“ – Dirk-Boris Rödel im Interview zu „Liber Thanatamor“

Dirk-Boris Rödel, 1969er Baujahr, ist eine illustre Persönlichkeit. Als jahrelanger Chefredakteur des TätowierMagazins und profunder Kenner der japanischen Tätowierkunst ist er tief in der Tätowierszene verankert und veröffentlichte mehrere Fachbücher. Er praktiziert als Hexer, stellt in Handarbeit Amulette her, ist Dudelsackspieler und Whiskyliebhaber und hat nun unlängst seinen magischen Erzählband „Liber Thanatamor“ bei Edition Outbird veröffentlicht.

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Hallo Dirk-Boris, schön, Dich zum Interview begrüßen zu können. Du bist in Deiner Tätigkeit als Redakteur und Kulturwissenschaftler weit gereist, hast Fachbücher zur japanischen Tätowierkunst veröffentlicht und warst Chefredakteur des TätowierMagazins. Wenn man Deine Verbundenheit zur Tätowierkunst sieht, stellt sich unweigerlich die Frage, was Dich so früh in Deinem Leben dafür begeistert hat.

Was mich genau an Tätowierungen faszinierte, kann ich gar nicht so genau sagen. Vermutlich war es die Aura des Unangepassten und Rebellischen, Aufmüpfigen. Die ersten Tattoos, die ich bewusst zur Kenntnis genommen hatte, waren die der Mitglieder einer Motorradrocker-Gang aus meinem Heimatort, »Ghost on Wheels«, oder etwas später auch die Tätowierungen der australischen Hardrock-Band »Rose Tattoo«. Meine erste Tätowierung ließ ich mir denn auch im Hinterzimmer einer Rockerkneipe stechen. Für mich war die Verbindung zwischen Tattoos und der Rockerszene immer sehr spannend.

Hing Deine Entscheidung, neben Kulturwissenschaft auch Japanologie zu studieren, mit Deinem Interesse an der Tätowierkunst zusammen? Letzten Endes hat das Interesse für Tattoos ja dann auch Deine Berufswahl geprägt…

Das Interesse für Japan entstand eigentlich zunächst aus meiner Begeisterung für Kampfkunst heraus. Ich betrieb als Jugendlicher Karate und Taekwondo, mit 19 begann ich dann Ninjutsu zu erlernen und reiste dafür Ende der 80er Jahre mehrmals nach Japan, wo ich von Dr. Masaaki Hatsumi, dem 36. Großmeister des Togakure Ryu Ninjutsu, meinen Schwarzgurt verliehen bekam. Während einer dieser Trainingsreisen stieß ich mehr durch Zufall darauf, dass es in Japan eine traditionelle Tätowierkunst gab, über die im Westen zu dieser Zeit praktisch nichts bekannt war.

Als ich dann kurz darauf begann, Japanologie zu studieren und einen einjährigen Studienaufenthalt an der Doshisha Universität in Kyoto absolvierte, nutzte ich das Studienjahr, um Recherchen zu meiner Magisterarbeit im Fach Japanologie über die Entwicklung der japanischen Tätowierkunst durchzuführen. Ich hatte dazu zahlreiche traditionell arbeitende Tätowiermeister in Yokohama, Osaka und Tokyo besucht und viele von ihnen erstmals interviewt sowie Bibliotheken nach den spärlichen Informationen über diese traditionelle japanische Volkskunst durchforstet. Die Magisterarbeit wurde später unter dem Titel »Alles über japanische Tätowierungen« beim Arun-Verlag veröffentlicht.

Als ich dann 1995 aus Japan zurück kam, bot ich dem damals gerade eben gegründeten TätowierMagazin an, einen Artikel über diese Tätowiertradition zu schreiben. 
Die Redaktion war natürlich froh, dass ich aus diesem Bereich fundierte Informationen beisteuern konnte, und relativ rasch weitete ich mein Betätigungsfeld aus und berichtete im TätowierMagazin in Folge auch über verschiedene Tattoo-Messen, Tätowierkünstler und historische Aspekte der westlichen Tätowierkultur. 
Im Jahr 1999, noch bevor ich meine Magisterarbeit beendet hatte, wurde ich Redakteur beim TätowierMagazin, und bereits anderthalb Jahre später Chefredakteur. Insgesamt war ich 18 Jahre lang im Huber-Verlag angestellt. Vor zweieinhalb Jahren verließ ich den Verlag, bin aber weiterhin, wie zu Anfang, als freier Mitarbeiter für das TätowierMagazin, aber auch für andere internationale Tattoo-Zeitschriften wie das britische Total Tattoo oder das italienische Tattoo Life tätig und moderiere Tattoo-Conventions im In- und Ausland.

Als Redakteur und späterer Chefredakteur konntest Du ja schon an so einigen Lebensstationen teilhaben. Wieviel Einfluss hatte und hat diese Arbeit auf Dein Leben, welche Möglichkeiten eröffneten sich Dir dadurch?

Die Arbeit beim TätowierMagazin ermöglichte es mir, viel zu reisen, so besuchte ich beispielsweise jährlich die Tattoo-Conventions in Barcelona oder auch Edinburgh und wurde mehrmals als Preisrichter zur renommierten Tattoo-Messe in Shanghai eingeladen. 
Und die Arbeit beim TätowierMagazin brachte mich auch oftmals in die glückliche Situation, Helden meiner Jugend treffen zu können.

Doktor Mark Benecke interviewte Dich vor einigen Jahren, Du wiederum trafst im Laufe Deines Lebens immer wieder auch mit einigen Schwergewichten der Musik- und Rockerszene zusammen.

Mit Mark bin ich seit vielen Jahren gut befreundet, er ist eine der vielen faszinierenden Persönlichkeiten, die ich durch meine Arbeit beim TätowierMagazin kennen lernen durfte. Ich führte beispielsweise aber auch Interviews mit Angry Anderson und Pete Wells, dem Sänger und dem Bassisten der legendären australischen Rockband »Rose Tattoo«, die ich ja schon erwähnt hatte und die mit ihren Tätowierungen bei mir bereits im Teenageralter die Begeisterung für diese Kunst geweckt hatten, oder auch mit Steve Harris, Gründer und Bassist von »Iron Maiden«, die ich schon als Mofa-Rocker mit 15 Jahren vergöttert hatte. Von Motörhead-Frontmann Lemmy ließ ich mir nach einem Konzert in Stuttgart backstage das Porträt signieren, das ich als Tattoo auf der Wade trage, und habe nun unter seinem tätowierten Porträt auch Lemmys tätowiertes Autogramm. Auf einer Tattoo-Convention in Edinburgh traf ich Queen-Schlagzeuger Roger-Taylor, den ich beinahe gar nicht erkannt hätte, erst meine Fotografin machte mich auf ihn aufmerksam. 
Für die ebenfalls beim Huber-Verlag erscheinende Rocker-Zeitschrift »Bikers News« konnte ich vor ungefähr 17 Jahren ein Interview mit Sonny Barger führen, dem legendären Mitglied der Hells Angels, der damals gerade seine Biografie veröffentlicht hatte; eine interessante Persönlichkeit, denn Barger war derjenige, der ab den späten 50er Jahren die Hells Angels zu einem der weltweit größten Rockerclubs aufbaute.

Wie kommen solche Begegnungen zustande, wie kann man sich diese Gespräche vorstellen? Gerade Dein Interview mit Sonny Barger im Zuge seiner damals veröffentlichten Biographie wurde ja von Mitgliedern der Hells Angels flankiert. Oder Lemmy – sind solche Musikgrößen „leichte“ Interviewpartner oder muss man sich da auf die ein oder andere Herausforderung einstellen?

Zum größten Teil waren das einfach ganz normale Interviewsituationen. Es war ja auch für das TätowierMagazin sehr interessant, wenn Rockstars über ihre Tattoo-Erfahrungen sprachen, und natürlich hatten gerade Leute wie Pete Wells und Angry Anderson da viel zu erzählen und zu zeigen. Bei Steve Harris, das gebe ich zu, hatte ich eine Ausnahme gemacht; seine Tattoos waren lausig und kaum noch zu erkennen, da hatte ich einfach meine Stellung als Chefredakteur einer Tattoo-Zeitschrift ausgenutzt, um einen Helden meiner Jugend zu treffen, obwohl ich wusste, dass seine Tattoos völliger Schrott waren, das ignorierte ich da einfach. Dennoch hatte er sehr kurzweilige Geschichten und Anekdoten zu erzählen, die das Ganze wieder auffingen. Rockstars haben sich immer sehr gefreut, wenn jemand sie mal nicht nach ihrem letzten Album oder ihrem Tourneen befragten, oft habe ich gehört, dass ich der erste sei, der sie auch mal nach ihren Tätowierungen gefragt hätte.

Eines Deiner prägendsten Studienfächer an der Uni Tübingen war Empirische Kulturwissenschaft, Zitat der Uni zum Profil: „Empirische Kulturwissenschaft untersucht Phänomene der Alltagskultur in gegenwartsbezogener und historischer Perspektive. Beide Sichtweisen dienen dazu, die kulturelle Ordnung und Dynamik moderner Gesellschaften zu analysieren und zu interpretieren.“ Und in der Praxis, wie beeinflusste dieses Studienfach Deinen Weg? Und was beeinflusste Dich außerdem? Du bist praktizierender Hexer, stellst Amulette her, beispielsweise aus Materialien wie Mooreiche, Geweih, Bernstein, Mammutelfenbein oder auch mal Flusskiesel.

Während ich mein Wissen und meine Kenntnisse aus meinem Studium der Japanologie heute kaum noch einsetzen kann, verfolge ich einen Bereich aus meinem zweiten Studienhauptfach, der Empirischen Kulturwissenschaft, auch heute noch. Im Fach EKW beschäftigte ich mich insbesondere mit den volkskundlichen Aspekten von Magie, Hexenkunst und Zauberei und habe bedingt durch dieses Studienfach einen weniger esoterischen, sondern mehr akademisch geprägten Blick auf Magie und ähnliche Grenzbereiche.

Wie funktionieren Schamanismus und Hexerei, wie kann man die Wirkung von Amuletten und Magie beschreiben?

Mich beschäftigte immer schon diese Frage, warum Praktiken, die nach allgemeiner Einschätzung in unserer Gesellschaft als wirkungslos oder unsinnig erachtet werden, sich in auffällig ähnlicher Weise über Jahrtausende hinweg bei nahezu allen Kulturen der Erde erhalten haben. Daher untersuchte ich, ob und wenn ja wie Magie funktioniert und konnte dazu im Laufe der Jahre interessante Beobachtungen und Erkenntnisse sammeln. Ich konnte erkennen, auf welche Art magische Praktiken und Rituale tatsächlich funktionieren und wirken, auch wenn sich meine Auffassung von Zauberei grundlegend von der Vorstellung unterscheidet, wie man sie beispielsweise bei Harry Potter findet. Mittelalterliche Segens- und Zaubersprüche, Amulette oder magische Symbole sind tatsächlich unter bestimmten Voraussetzungen wirksam und können durchaus erstaunliche Effekte haben, jedoch hat die Wirkung keine paranormalen, übersinnlichen oder außerweltlichen Ursachen, sondern liegt zum größten Teil in psychologischen, kulturellen und sozialen Zusammenhängen begründet. Insofern könnte man »meine« Art der Hexerei auch als »rationale Magie« bezeichnen, da sich deren Wirkung völlig rational und nachvollziehbar erklären lässt, ohne auf nicht-wissenschaftliche, paranormale Hilfskonstrukte zurückgreifen zu müssen. 
Auch die Seite des modernen Hexentums, die sich weniger mit magischen Praktiken befasst sondern bei der es eher um Selbsterkenntnis und auch Selbstbewusstwerdung geht, interessiert mich sehr, vor allem da ich darin interessanterweise sehr viele Parallelen ausgerechnet zur antiken Philosophie-Schule der Stoiker wie Epiktet, Seneca und Marc Aurel erkenne. 
In beiden Bereichen, sowohl in der praktischen Magie wie auch bei der mehr auf die eigene Entwicklung bezogenen Aspekte moderner Hexenkultur, macht es mir Spaß, aufzuzeigen, dass man echte Wirkungen und Ergebnisse aus alten Überlieferungen, Praktiken und Ritualen ziehen kann.

Wie kann man als Außenstehender die Unterschiede erkennen, die ohne Zweifel zwischen der magischen Arbeit von Schamanen und Hexe(r)n einerseits und der Scharlatanerie und all den selbsternannten Gurus in der Esoterik liegen?

Im Zweifelsfall mit gesundem Menschenverstand. Ich sehe das allerdings nicht als meine Aufgabe an, das für andere auseinander zu dividieren, und hab da auch keinerlei missionarischen Eifer, Menschen vor falschen Propheten zu bewahren. Ich mach meins und habe meine Ansichten und Ideen zu Magie, und wenn jemand sich dafür interessiert, wird er sich an mich wenden und dann erkläre ich das auch gern. Wenn es keinen interessiert, ist es mir auch recht. Aber ich fühle nicht mal im Ansatz das Bedürfnis, mich an diesen Glaubenskriegen zu beteiligen, die da teilweise stattfinden, und da als Aufklärer tätig zu werden. Das ist nicht meine Baustelle; also wenn jemand tausend Euro für einen obskuren Wasser-Energetisierer bezahlen möchte, darf er das von mir aus gern tun.

Stichwort „Magie“: Sind die Texte in Deinem unlängst erschienenen und vom fantastischen Holger Much gestalteten Erzählband „Liber Thanatamor“ über die Jahre, quasi begleitend zu Deiner Arbeit als Hexer, entstanden oder entstand das Manuskript im Zuge einiger abgeschotteter Wochen schriftstellerischer Arbeit?

Die Entstehung der Geschichten und Texte ist ganz heterogen. Texte wie »Die Hexe« oder auch der titelgebende Text »Liber Thanatamor – Das Buch von Tod und Liebe« aus dem Kapitel »Visionen« entstanden tatsächlich auch genau so – wie eine Vision. Sie geben zwar auf sehr vielen Ebenen meine Auffassung von Magie wieder, aber ich habe mir diese Texte nicht aktiv ausgedacht, sie waren einfach irgendwann in meinem Kopf, haben sich irgendwann durch verschiedenste Einflüsse, Ideen, Überlegungen und Erkenntnisse plötzlich zu einem Text verdichtet, den ich nur noch aufschreiben musste. Auch in anderen Texten spiegelt sich meine Vorstellung von Magie wieder, in »Der Waldmann und die Vogelscheuche« geht es beispielsweise um Naturverbundenheit, die für mich untrennbar mit Magie zusammen hängt. »Die schwarze Göttin vom Moor« ist stark beeinflusst von einer neolithischen Göttinnenstatue im National Museum of Edinburgh, eine unglaublich ausdrucksstarke Figur, die mich völlig fasziniert und die ich jedesmal besuche, wenn ich in Schottland bin. »Gjöll« behandelt eine Schlüsselstelle aus dem Nibelungenlied, das mich schon als Kind faszinierte, und in dieser Geschichte stelle ich die Überlegung an, inwieweit die Urheber dieser Erzählung bei der Stelle, an der die Burgunder mit einer Fähre über die Donau übersetzen, ganz archaische Vorstellungen von einem Fährmann über den Totenfluss als Vorbild gehabt haben könnten. Das ist eine Stelle im ansonsten sehr christlich geprägten Nibelungenlied, an dem plötzlich ganz deutlich alte, heidnische Fragmente durchschimmerrn, und das wollte ich mit dieser Geschichte deutlicher heraus stellen. »Erlkönigs Tochter« ist ganz einfach eine moderne Interpretation der Ballade von Johann Gottfried von Herder (nicht der von Goethe), da hab ich noch nicht mal den Titel geändert. »Die Kekshexe« ist eine tiefe Verneigung vor Otfried Preußler, dessen »kleine Hexe« da natürlich Pate stand. Preußlers Interesse für Übernatürliches und die Anderswelt kommt ja in seinen Kinderbüchern wie »Die kleine Hexe«, «Das kleine Gespenst« oder »Der kleine Wassermann« sehr deutlich zum Ausdruck, und sein Magnum Opus, »Krabat«, ist wahrscheinlich mit das Beste zum Thema Magie, was man lesen kann (man darf nur auf gar keinen Fall den entsetzlich miserablen Film ansehen). Seine Bücher haben mich sehr geprägt. Die Idee zur »Moppelfee«, einem dicklichen Kobold mit Berliner Dialekt, der als Fee Sozialstunden ableisten muss, hatte ich schließlich ganz einfach, als ich vor einer Zugfahrt nach Berlin am Bahnhof eine Postkarte mit einem pummeligen Einhorn sah.

Was macht Dein Buch so besonders, was macht es aus, wodurch hebt es sich vom weitreichenden Markt der Fantastik ab?

Das weiß ich gar nicht, darüber mache ich mir eigentlich auch gar keine Gedanken. Ich schreibe einfach, was mir in den Sinn kommt, es gibt da keinen Filter und auch keinen Plan, nichts wo ich mich bewusst einreihen, und nichts, wovon ich mich absichtlich abgrenzen möchte.

Letzte Frage: Wie wird man offizieller Dudelsackspieler der schottischen Clan MacGregor Society und was macht diese Gesellschaft aus?

Die Clan MacGregor Society ist eine Gesellschaft, die sich die Dokumentation der Geschichte des Clan MacGregor zur Aufgabe gemacht hat. Der berühmteste Vertreter des Clans war Rob Roy MacGregor, der »schottische Robin Hood«, den man ja auch aus dem Film mit Liam Neeson kennt. Die Clan MacGregor Society wurde 1822 gegründet und hält alljährlich ein Clantreffen im kleinen Örtchen Kilin im Stammland der MacGregors ab, zu dem MacGregors oder andere Angehörige des Clans aus der ganzen Welt anreisen; vor einigen Jahren nahm zum Beispiel auch die Mutter des Schauspielers Ewan McGregor an einem dieser Treffen teil. Als vor einigen Jahren der bisherige Clan-Piper verstarb, ergab es der Zufall, dass Mitglieder der Society mich baten, diese Aufgabe zu übernehmen, denn die Zugehörigkeit zum Clan und die Tätigkeit für die Society bedarf keiner Blutsverwandtschaft. Das ist natürlich schon eine enorme Ehre, und wenn ich dann am Sonntag des Clantreffens nach dem Gottesdienst in strömendem Regen am Grab von Rob Roy spiele, bekomme ich selber Gänsehaut. Das ist ein Erlebnis, das man mit keinem Geld der Welt bezahlen kann.

Vielen Dank für das Interview.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweise: Tobias Kircher, Edition Outbird
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