„Ich finde, dass die Welt etwas mehr Gefühl vertragen könnte, mehr Sensibilität“ – Benjamin Schmidt im Interview zu „Fick die Musen“

Benjamin Schmidt, vor Jahren nach Berlin ausgewanderter Thüringer, im Brotjob bei einer Veranstaltungsagentur tätig, kann´s einfach nicht lassen, gute Bücher zu veröffentlichen und ganz nebenher auch diverse Lesungen und Touren abzuhalten. Unlängst erschien in der „Edition Outbird“ mit seinem Lyrikneuling „Fick die Musen“ ein ziemlich berührendes Stückchen Lyrik, dass im Kern facettenreich die Zerbrechlichkeit und Verlustgefahr von Liebe thematisiert.

Benjamin, das ebenso wunderschöne wie morbide Cover Leo Rumerstorfers für Dein neues Buch „Fick die Musen“ verspricht nicht zu viel, vielmehr zeigt es 1:1 auf, was Deine Leserschaft erwartet: verletzte, verletzliche, manchmal trotzig-resignierende, manchmal beschwingte Lyrik, die zutiefst unter die Haut geht. Man bekommt den Eindruck einer mitreißenden Zäsur, die ihren Weg in Deine Verse fand. Hast Du den Glauben an die Liebe verloren?

Vielen Dank für die lieben Worte zu meinem Buch. Aber natürlich habe ich den Glauben an die Liebe nicht verloren, sofern es da einen Glauben gibt. Ich liebe einfach und höre auch nicht damit auf. „Fick die Musen“ zu schreiben war sehr aufwühlend für mich und mit vielen schlaflosen Nächten verbunden. Lyrik ist für mich immer etwas sehr Intimes und auch Mitreißendes, deshalb würde ich mir wünschen, dass „Fick die Musen“ auch die schönen Seiten des Liebens und des Schreibens aufzeigt, auch wenn die Grundtonart natürlich eher Moll ist. Besonders freue ich mich darüber, dass das Cover so gut ankommt, denn ich halte Leo für einen der größten noch lebenden Künstler und seine dämonischen Musen haben genau das zur Geltung gebracht, was ich versucht habe in Worte zu kleiden. Dabei macht der Mann seit Ewigkeiten keine Federzeichnungen mehr, was mich einfach sprachlos macht.

Wer sich mit Deinen Texten auseinandersetzt und Dich etwas näher kennenlernt, nähert sich auf sehr sympathischer Weise hoher männlicher Sensibilität an. Magst Du wider abgehangener Klischees eine Lanze für sensible Männer brechen (die ja allzu oft ihren Weg in Literatur und Kunst finden, um sich auszudrücken)?

Nein, also… nein. Ich finde generell, dass die Welt etwas mehr Gefühl vertragen könnte, vielleicht auch mehr Sensibilität. Bei all der Rohheit und Verhärtung der Gemüter wäre es mehr als nur erfreulich, könnte ich mit meinen Büchern ein wenig dagegenhalten. Das bezieht sich dann aber auf einen gewissen Zeitgeist, der keine Tiefe mehr kennt, sondern nur noch Härte. Als Mann erfülle ich sicher selbst ein paar abgehangene Klischees – aber bei weitem nicht alle!

Du bist ja schon eine ganze Weile aktiv – als Autor, charmanter Bühnenquerkopf, Multiprojektjunkie. Was treibt Dich an, was füllt Dich aus, was ist die Botschaft hinter Deiner Literatur?

Schwierig. Ich bin nicht intelligenter als jeder andere auch und somit kann die Botschaft oder der Sinn dahinter nur sein, meine Kunst zu teilen und auf diese Weise dazu beizutragen, dass Menschen sich darüber unterhalten, nachdenken, weiterdenken. Es ist schön, zu jemandem durchzudringen und ihm ein Gefühl zu geben, das sein Leben bereichert. Ich verkünde keine Weisheiten, aber ich gebe Denkanstöße, so wie die Kunst keine Befehle erteilen oder Wahrheiten verkünden kann. Aber sie kann, sie sollte wahrhaftig und fühlbar sein und Türen öffnen, nicht verschließen.

Was mich dabei antreibt? Ich weiß es wirklich nicht… Ich habe schon oft darüber nachgedacht, es einfach sein zu lassen, aber am Ende ist es wie eine Sucht, eine Form der Abhängigkeit, die manchmal sehr erbärmlich und hässlich sein kann. Aber eben auch unheimlich berauschend. Kreativität ist meine Droge. Ich brauche das einfach für mich und anders als bei anderen Süchten: Neben der Zerstörung, kann ich etwas erschaffen, was auch anderen etwas bedeutet. Wenn das nicht ein großer Antrieb ist…

Unter anderem engagierst Du Dich mit Jennifer Sonntag und Franziska Appel in (kreativ)literarisch inklusiven Projekten, Du selbst bist durch eine, wie Du auf Deiner Website schreibst, „verhängnisvolle Entscheidung“, körperlich behindert. Willst Du uns mehr darüber erzählen? Welche Projekte sind das, was steckt dahinter?

Mit Franzi arbeite ich derzeit an einem erotischen Kurzgeschichtenband, der Menschen mit verschiedenen Behinderungen in Wort und Bild beim Sex oder anderen sinnlichen Abenteuern zeigen wird. Die Zusammenarbeit ist so spannend und vielseitig. Ich freue mich wie ein Kind, wenn ich auf ihre Bilder und Texte warte. Mich langweilen bei erotischer Literatur eben oft Stereotypen, überhaupt diese strahlende Überblendung, wenn es um Sex geht. Sex hat weniger mit dem Körper zu tun als mit dem Kopf und den haben Behinderte ja auch. Auch sie haben ein Recht anspruchsvolle, erotische Kunst zu genießen, mit der sie sich identifizieren können und auch für alle anderen soll es eine spannende Erfahrung sein. Das Zusammenspiel zweier gesunder und dem Schönheitsideal entsprechender Körper macht noch keinen guten Sex aus. Das Behinderte auch als sexuelle Wesen wahrgenommen werden, wäre daher schon ein wichtiges Anliegen. Abgesehen davon, macht es mir aber einfach nur Spaß darüber zu schreiben – durch meinen Selbstmordversuch und die daraus resultierende Querschnittslähmung habe ich ja selbst so meine Erfahrungen machen dürfen und auch Franzi weiß zu diesem Thema einiges zu sagen. Die Welt ist vielseitig. Sex ist vielseitig. Also schreiben wir darüber, um diese Vielfalt zu erhalten.

Für Jenny habe ich lediglich das Grafikdesign für ihr wundervolles „Seroquälmärchen“ übernommen. Ich liebe wirklich alles, was sie schreibt und in Zukunft wird es sicher noch die eine oder andere Überschneidung unserer Arbeit geben, weil es einfach eine Herzensangelegenheit ist.

Seit vielen Jahren schon bist Du mit M. Kruppe freundschaftlich und als Autoren- und Tourkollegen verbunden. Die letzte „Sex & Drugs & LiteraTOUR“ ist nun aber schon eine ganze Weile her. Wann gibt´s eine Neuauflage?

Ja, M.Kruppe und mich verbindet eine sehr innige Freundschaft und natürlich bewundere ich ihn auch für seine Texte, die kein anderer so schreiben könnte – davon bin ich überzeugt. Ich trinke oft nach einem Solo-Auftritt den ersten Schnaps auf ihn, aber das habe ich ihm nie erzählt. Die SDL-Touren sind deshalb immer etwas Besonderes für mich und auch in diesem Jahr soll es einige Auftritte geben. Dazu kann ich aber derzeit noch nicht viel verraten.

Leider habt Ihr beim damaligen Tourtermin in Gera die Erfahrung machen müssen, wie ein Veranstalter ganz und gar nicht ticken sollte. Einer Deiner Texte greift das Desaster auf. Was war passiert und was sollte ein Veranstalter unbedingt tun und unbedingt vermeiden?

Haha, nicht nur in Gera. Es gibt hier und da immer mal wieder Probleme, wenn Veranstalter glauben, es wäre die Aufgabe des Künstlers, Werbung zu machen. Meistens ist das Desaster vorprogrammiert, wenn Veranstalter nicht an ihre Veranstaltungen glauben, dann sollten sie diese nicht annehmen. Es ist scheiße, als Künstler irgendwo zu Gast zu sein und dann nicht wie ein Gast behandelt zu werden, sondern wie ein Störelement. Es gibt aber auch wahnsinnig sorgsame und engagierte Veranstalter, was wir auch schon sehr oft erleben durften. Ein fairer Deal und Höflichkeit sind eigentlich schon mal gute Voraussetzungen und wenn es mal nicht so läuft, trotz aller Bemühungen – dann Offenheit und der Wunsch für beide Parteien einen annehmbaren Kompromiss zu finden.

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Was wird in naher Zukunft von Dir zu erwarten sein? Und was magst Du Deiner und unserer Leserschaft mit auf den Weg geben?

Oh je – es gibt so viele Projekte, die in Aussicht zu stellen noch etwas gewagt wären. Das Kunstprojekt mit Franziska Appel liegt aber in greifbarer Zukunft, dazu soll es auch mehrere Lesungen und Ausstellungen geben. Mein Fantasy-Roman wartet auch schon ungeduldig auf Fertigstellung, sowie das ein oder andere musikalische Projekt – sehr spannend also!

Zum Schluss würde ich meinen Lesern gerne mein neues Buch mit auf den Weg geben in der Hoffnung, ihnen damit ein nachhaltiges Lesevergnügen zu schenken – und auch von ganzem Herzen im Interview genannte Künstler empfehlen: Leo Rumerstorfer, Jennifer Sonntag, Franziska Appel, M.Kruppe…

Benjamin, wir danken Dir für dieses Gespräch.

Ich habe zu danken. Haut rein!

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweis: Nightqueen.
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„Der wichtigste Gedanke für uns ist, Leben und Denken als etwas Labyrinthisches zu verstehen“ – Axel Kores & Christoph Liedtke im Interview

Ein dunkler Zuschauerraum. Eine große Bühne, die tiefrot beleuchtet ist. Im Hintergrund eine Leinwand auf der Bilder in schneller Abfolge als eine Art Film laufen. Die Szenen: schwarz, weiß und düster. Düster auch die gesamte Szenerie. An einem Tisch, auf dem allerhand technische Gerätschaften stehen, lehnt eine große Glasscheibe, über die eine dunkle Gestalt mit dem Finger reibt. Tonabnehmer sorgen dafür, dass jenes Geräusch durch die Kabel in einen Verzerrer und von aus in eine Loopstation geschickt werden.

Daneben die Silhouette eines weiteren Künstlers, der am Boden kniend seinen Bass bearbeitet. Auch dieser Sound verzerrt und geloopt, entsteht eine Komposition irgendwo zwischen Industrial und Avantgarde-Noise. Viele würden meinen, das sei Krach, aber hinter dieser musikalischen Symbiose steht ein Konzept. Das war im Februar auf der Bühne des Boots-Schuppen im längst aus den Grenzen des Geheimtipps getretenen Clubs „Hühnermanhattan“ in Halle/Saale zu sehen und zu hören. Mit dieser Performance schloss ein Abend des Kunstkollektives Rhizom Halle-Leipzig, der fast alles bot, was Kunst bereitzuhalten imstande ist.

Axel Kores und Christoph Liedtke, in Halle mit Sicherheit keine Unbekannten, waren als Gründer des Kollektives an jenem Abend die Veranstalter, dieses Abends, den sie „Aorta“ nannten. Der Leipziger Schriftsteller David Gray saß ebenso auf der Bühne, wie der Pößnecker Autor und Rezitator M. Kruppe. Auch lasen Axel Kores aus seinem bei Edition Outbird erschienen Buch „Verschwendete Jugend“, sowie Christoph Liedtke, dessen Lyrikband „Symmetrie der Risse“ noch in diesem Jahr im selben Verlag erscheinen wird.

Zwischendurch gab es Kurzfilme und weitere Sound – orientierte Performances, die Rhizom Halle-Leipzig vorstellten. Wir haben beide Gründer im Anschluss ins Interview genommen.

Hallo ihr beiden. Stellt euch doch bitte zunächst mal vor. Wer seid ihr, was macht ihr?

L.: Mein Name ist Christoph Liedtke. Ich bin 1985 in Saalfeld geboren, lernte Holzbildhauer und studierte 2010 bis 2016 an der University of Art and Design Burg Giebichenstein. Ich bin Bildhauer, Maler, Sound-Performer, Lyrik-Autor, spiele bei Klinke und bin Gründungsmitglied des Kunstkollektivs Rhizom Halle-Leipzig. Insofern habe ich an zahlreichen Ausstellungen teilgenommen.

Momentan arbeite ich an der Veröffentlichung meines Gedichtbandes „Symmetrie der Risse“ und an der Publikation eines Bildbandes über Kunst mit mutmaßlich geistig behinderten Menschen.

Ich organisiere Kunstaktionen mit der Rhizom-Halle-Leipzig-Gruppe und trete auf verschiedenen Veranstaltungen auf, die mit den besagten Inhalten zu tun haben.

Christoph Liedtke

K.: Ich bin Axel Kores und bin ebenfalls Burg-Absolvent, allerdings im Bereich Grafik-Design, habe einige Jahre in einer Leipziger Design-Agentur zugebracht und arbeite seit 2010 freischaffend als Illustrator und Grafiker. Im Sommer 1993, das weiß ich noch wie heute, hat mir ein Freund sein altes Amati-Schlagzeug vermacht. Von da an ging´s mit der Musik los. ´94 standen wir dann mit unserer ersten Punk-Band auf der Bühne. Zum Schreiben bin ich erst später gekommen, einige Jahre nach dem Studium, glaub´ ich. Remarque, Beckett, Kafka, Sartre, Goetz und viele andere haben mir die entscheidenden Peitschenhiebe versetzt, um meine eigenen Worte zu finden. Dann feilt man lange am individuellen Stil. Ich bin froh, dass es im letzten Jahr mit der Veröffentlichung meines Debüt-Romans geklappt hat („Verschwendete Jugend“ – Edition Outbird). Jetzt bündeln wir unsere Energien im Rhizom-Projekt, Literatur, Musik, Performance. Das Einzelkämpfer-Dasein behagt uns nicht, da bleibt schnell etwas sehr wichtiges auf der Strecke: Freude! Die gibt´s nur, wenn man sie teilt.

Axel Kores

Warum lebt ihr in Halle? Was zog euch her, was hält euch?

L.: Ich studierte hier und hab hier eine Menge wunderbarer Menschen kennengelernt, mit denen ich immer noch gemeinsam verrückte Sachen mache und das auch nicht missen möchte. Warum Halle, ich weiß nicht, reines Verhängnis, wenn ich im Ruhrpott geboren wäre, würde ich jetzt vielleicht in Düsseldorf leben. Ich mag die Saale und schätze die günstigen Mieten, Halle hat Freiraum für künstlerische Aktivitäten, ohne dass man dafür ein Vermögen hinblättern muss.

K: Man kennt ja mittlerweile die eine oder andere Stadt recht gut und lernt deshalb Halle schnell schätzen. Hier gibt es zum Beispiel keinerlei provinziellen Hauptstadtstolz, logisch. Auf der Straße wird häufig das Gesicht zur Faust geballt, aber tief drinnen sind die Leute ziemlich kuschelig. Es ist rauer hier, aber immer gerade heraus. Wer das Klima einer alten Arbeiterstadt und den Esprit ihrer agilen Subkultur sucht, ist in Halle genau richtig.

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Ihr beide habt bei „Edition Outbird“ veröffentlicht: Du den Roman „Verschwendete Jugend„, Axel, Du den Lyrikband „Symmetrie der Risse„, Christoph. Worum geht es?

L.: „Symmetrie der Risse“ beinhaltet feinfühlige, bisweilen fast schwerelose Poesie, die sich im weitesten Sinne der organischen Wahrnehmung und Struktur der Welt widmet.

K: Mit „Verschwendete Jugend“ bin ich in mein eigenes Leben eingetaucht: Meine Prägung aus der Hausbesetzerzeit in einer mitunter wilden Community und mit spontanen Aktionen und Konzerten. Der Protagonist im Buch versucht, die Liebe seines Lebens, die er aus einer fehlinterpretierten Freundschaft heraus als solche erinnert, mit verschiedenen Maskeraden „zurück“ zu bekommen.

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Wie kam es zur Gründung, wessen Idee war es, ein Kollektiv zu gründen und welchen Zweck bedient das?

C. L.: Wir haben eh schon die ganze Zeit zusammen Musik und Kunst gemacht. Die Gründe hängen auch damit zusammen, als Kollektiv größere Handlungsspielräume öffnen zu können. Kunst wirft für uns auch immer wieder die Frage auf: Wie wollen wir leben? Was können wir tun? Das ist ein Suchen nach neuen Anfängen. Und da stellt sich auch die Frage nach der Gemeinschaft, wir haben also beschlossen das Künstler-Ego einzudampfen, zu durchlöchern und einzuschmelzen. Das ist ein Versuch, Kontrolle abzugeben und Dinge passieren zu lassen. Das entspricht einer Form von kollektiver Weisheit. Zusammenarbeiten ist eine wunderbare Sache, wenn es funktioniert.

A. K.: Das ist auf Christophs und meinem Mist gewachsen, vermutlich im Proberaum; da haben wir die besten Ideen. „Rhizom Halle-Leipzig“ ist im Grunde nur eine nachträgliche Taufe für die gegenseitige Inspiration zwischen Leuten, die es schon zuvor gab. Wenn so etwas dann einen Namen bekommt, wird es plötzlich greifbar, lässt sich in der Welt verorten. Das erschien uns sinnvoll.
Rhizom musste ich erst recherchieren und fand schnell heraus, dass der Begriff aus der Biologie stammt. Als ich weiter suchte, stellte ich fest, dass es doch einige Vereine und Kollektive allein in Deutschland gibt, die sich diesen Namen gegeben haben. Ward ihr euch dessen bewusst?

Rhizom musste ich erst recherchieren und fand schnell heraus, dass der Begriff aus der Biologie stammt. Als ich weiter suchte, stellte ich fest, dass es doch einige Vereine und Kollektive allein in Deutschland gibt, die sich diesen Namen gegeben haben. Ward ihr euch dessen bewusst?

C. L.: Das war mir gar nicht so klar, obwohl ich es mir hätte denken können. Hat uns eigentlich auch nicht interessiert. Die Idee des Rhizoms ist einfach sehr überzeugend. Ich bin während des Studiums darauf gestoßen, als ich mich mit Gilles Deleuze beschäftigt habe. Er und Felix Guattari haben diesen Begriff philosophisch vertieft und als Idee sehr interessant beleuchtet. Das sich davon Menschen inspirieren lassen, kann ich sehr gut nachvollziehen, hat aber nichts damit zu tun, was Menschen damit anfangen. Aber es ist wohl ein gutes Zeichen dafür, dass auf einer gewissen Ebene Menschen gleiche Ideen befürworten.

Wie seht ihr das? Meint ihr, das ist ein Risiko oder seht ihr darin vielleicht sogar einen Vorteil?

C. L.: Risiko, vielleicht insoweit, dass man uns im Internet schwerer findet, aber daran soll die Unternehmung nicht scheitern. Ein Vorteil könnte darin liegen, dass ähnliche Ideen natürlich verbinden, aber ich hab mich bisher noch nicht mit anderen Kollektiven beschäftigt, das könnte man durchaus in Betracht ziehen.

Wer waren Deleuze und Guattari und wo seht ihr euren Verknüpfungspunkt zu den beiden?

C. L.: Deleuze und Guattari, Philosoph und Psychoanalytiker, haben in einer Co-Autorenschaft über diese Idee geschrieben. Der wichtigste Gedanke für uns daran war, Leben und Denken als etwas Labyrinthisches zu verstehen, ohne Anfang, ohne Ende und ohne Ariadnefaden, aber auch als einen Raum der Vernetzung und zufälligen Begegnungen, in dem Ereignisse aufeinandertreffen können. Eine Art Generator, der die Karten neu mischt.

Genug des Theoretischen. Was wollt ihr erreichen, habt ihr Ziele und Strategien, diese zu erreichen? Was genau steht hinter Rhizom Halle-Leipzig? Gibt es kurz-, mittel- und langfristige Pläne?

C. L.: Wir verstehen uns als Plattform für künstlerisches Handeln. Wir verstehen künstlerisches Handeln ganz allgemein als Vorschläge, mit dem was da ist umzugehen. Der Künstler ist für mich jemand, der das Nichtkönnen kann und dafür nach neuen Ansätzen sucht, wie man das anstellt. Da draußen ist Chaos und Absurdität, der Künstler geht raus und macht was draus. Jenseits von „Ismen“, Gott und Utopie. Unsere Strategie: Alles was nützt, im Rahmen unserer Werte und Fähigkeiten Menschen zu mobilisieren, ihr gestalterisches Potenzial zu vergegenwärtigen, dass es besser wird, als es ist. Ich denke, alle Kunst zielt darauf ab, den Menschen zu erheben.

A. K.: Hinter allem steht im Grunde der Wunsch nach Verknüpfung. Rhizom soll möglichst interdisziplinär werden und wir stehen noch am Anfang der Reise. Im Videoformat lassen sich Arbeiten bestens dokumentieren bzw. präsentieren – deshalb der Youtube-Kanal. Wir haben mit den musikalischen und literarischen Projekten begonnen. Das muss wachsen. Verbissenheit ist uns jedoch fremd – es geschieht oder geschieht nicht. Wir experimentieren intuitiv und schauen, was sich auf der Bühne miteinander verbinden lässt.

Wie viele KünstlerInnen sind derzeit im Kollektiv aktiv, was machen sie, woher kennt ihr sie?

C. L.: Wir stecken in den Kinderschuhen und haben Frauenmangel. Es gibt einen organisatorischen Stamm und dann alle die bei Veranstaltungen auf der Bühne stehen. Du hast ja auch schon dazugehört (lacht).

Wieso Halle-Leipzig? Was ist der Beweggrund, Leipzig mit einzubeziehen, dass ja in Sachen Kunst schon ein bisschen overdosed ist? Also ich hoffe, man versteht mich nicht falsch, aber die zunehmende Gentrifizierung hat in Leipzig ja nun schon erschreckende Ausmaße angenommen, was in Halle glücklicherweise (noch) nicht der Fall ist.

C. L.: Das ist lediglich eine lokale Verortung. Ein paar von uns kommen aus Leipzig. Was die da mit den Mietpreisen machen ist blöd, soll uns aber jetzt nicht davon abhalten. Uns interessieren da die Menschen.

A. K.: Diese Region ist sehr speziell und voller querschießender Energien, wie ich finde. Beide Städte liegen so dicht beieinander, dass sie in subkultureller Hinsicht gewisse Symbiosen bilden – spannende Wechselwirkungen, die man nur selten findet. Es gibt in unserem Umfeld etliche Leute, die sowohl hier, als auch dort aktiv sind. Da öffnen sich interessante Aktionsradien.

Seht ihr die Gefahr der Gentrifizierung auch für Halle und wenn ja, was meint ihr, wann es so schlimm sein wird wie in Leipzig? Und habt ihr vor, dem entgegenzuwirken? Wenn ja, wie?

C. L.: Das überschreitet meine Kapazität. Bevor ich mich direkt gegen Gentrifizierung engagiere, setzte ich mich in ein Schlauchboot und versuche damit, Öltanker zum Kentern zu bringen. Vielleicht gebe ich mal ein illegales Konzert auf ´nem Dach, aber dann würde ich auch eher Freedom und Peace von den Dächern schreien, als „Stoppt die Gentrifizierung“ (lacht). Bevor die Probleme nicht real sind, mache ich da wenig, es gibt einfach zu viele Probleme, für deren Lösung man sich einsetzen könnte.

A. K.: Gentrifizierung ist auch hier in vollem Gange. Ich will jetzt nicht zur umfassenden Kapitalismuskritik ausholen; aber die Raffgier hat sich an Allgemeingütern, zu der bezahlbarer Wohnraum definitiv gehört, einfach nicht zu vergreifen! Wenn wieder mal ein Hausprojekt platt gemacht wird, müssen alle loslegen, um das zu verhindern.

Halle ist das neue Leipzig. Würdet ihr dem zustimmen?

C. L.: Ich vergleiche diese zwei Städte ungern. Beide haben ihre Vorzüge und ich glaube nicht, dass Halle sich so urbanisiert wie Leipzig. Braucht es auch nicht, denn die Städte sind auch nur ´ne halbe Stunde voneinander entfernt und da ist es auch gut, dass sie verschieden sind.

A. K.: Ich halte wenig von solchen Vergleichen. Der Halle´sche Blick auf Leipzig ist häufig ein defätistischer; und ich frage mich stets: Warum? Man schwirrt doch eh in der halben Welt rum und erkennt überall Vielfalt. Wenn es jetzt heißt: Halle ist im Kommen. Umso besser! Hier geht auf jeden Fall was. Das ist allerdings schon seit Jahren so.

Allgemein gefragt: Kunst ist ein wirtschaftlich schwieriges Metier. Könnt ihr von eurer Kunst und dem, was ihr tut, leben?

C. L.: 2016 hab ich mein Studium beendet, vieles beginnt gerade anzulaufen. Davon richtig leben kann ich noch nicht. Viele Sachen die ich mache haben auch nichts mit „Schöner wohnen“ zu tun, da muss ich einfach durchhalten.

A. K.: Vom Grafik-Design kann ich leben. Vielleicht kommt in Sachen Literatur und Musik langfristig mal was rum. Aber was soll´s? Man fällt eh irgendwann einfach um, und das wird vermutlich deutlich vor ´m Renteneintrittsalter sein, gell. (lacht)

Wer oder was inspiriert euch?

C. L.: Das Geräusch von klappernden Pflastersteinen, wenn man mit dem Fahrrad darüber fährt.

A. K.: Brillanter Humor, der das Leid auffrisst.

Ich hörte, dass eure Band Klinke seit einigen Monaten immer erfolgreicher wird. Wie würdet ihr eure Musik beschreiben und was meint der Begriff Erfolg in eurem Sinne?

C. L.: Axel hat das notiert: Irgendwas mit „Tataminimo mit autistischer Stimme und Hang zur Manie und Repetition“. Erfolg wie wir ihn verstehen, ich sag mal … Anerkennung und Moneten dafür was wir tun, ohne dabei unsere Seele an Dieter Bohlen zu verscherbeln.

A. K.: Christoph hat´s schon angedeutet. Ich konkretisiere: Klinke ist Post-Voodoo-Kraut mit autistisch beseelter Stimme und gesunder Aversion gegenüber Hörgewohnheiten – dekonstruktivistisches Tata-Minimo mit Hang zum Zwang. Erfolg ist, wenn man den ganzen Saal zum Explodieren bringt und das schon als Vorband.

Abschließend: Kann man Mitglied bei Rhizom Halle-Leipzig werden und wenn ja, was setzt das voraus? Was muss ich mitbringen, können und wollen, um mich dem Kollektiv anzuschließen?

C. L.: Er, Sie, Es sollte Telefonbücher zerreißen können, wir nehmen aber auch Leute auf, mit denen wir gerne Ideen aushecken und verrückt genug sein können, „es“ durchzuziehen. Ich glaube, das ergibt sich, wenn man aufeinander zukommt und wächst wie ein Rhizom.

Ich danke euch für das Interview und freue mich auf weitere Kooperationen.

Das Interview führte M. Kruppe.

Bildnachweise: Privat.
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„Geschichten für die Sehnsucht“ – Antje Horn im Interview

Antje Horn, angesichts ihres Charismas unschätzbar jung, ist mit Herz und Seele Erzählerin und als solche unter anderem auch Mitglied unseres „Genuss & Kultur“-Künstlernetzwerkes. Sesshaft in Jena, tourt sie allein oder mit befreundeten KünstlerInnen durch die Lande – nicht ohne parallel mit schier endloser Energie zu netzwerken. Vorstandsmitgliedschaft im Lese-Zeichen e. V., alte und neue Kooperationen pflegen und eingehen, auftreten – eben brennen für die unzähligen Geschichten, die es wert sind, erzählt zu werden. Beispielsweise im Rahmen des Erzählkunstfestivals in Jena am 19. und 20. Oktober 2018.

Antje, wie bist Du zur Erzählkunst gekommen? Was hat Dich inspiriert und wann wurde Dir klar, dass Du Dein Brot als Erzählerin verdingen willst?

Eigentlich bin nicht ich zur Erzählkunst gekommen, die Erzählkunst kam zu mir. Ich bin eine Spätberufene. Vor 10 Jahren wusste ich noch nicht einmal, dass es hauptberufliche Erzähler gibt. Ich beschäftigte mich einige Zeit intensiv mit Trauerarbeit, Trauma- und Notfallpädagogik, und stieß dabei auf das Märchen- und Geschichtenerzählen. Beim Absolvieren meines ersten Seminares diesbezüglich bekam ich einen kräftigen Schubs von der Seminarleiterin Jana Raile in Richtung künstlerische Laufbahn. Ein Jahr lang hörte ich mir unzählige ErzählerInnen an und begann dann eine Ausbildung bei Jana Raile in Hannover. Zwei Jahre später erzählte ich während einer Veranstaltung gemeinsam mit Frau Prof. Kristin Wardetzky, welche mir nach der Veranstaltung einen kräftigen Schubs in Richtung UDK Berlin (Universität der Künste, d. Red.) gab. Ich hatte eigentlich keine zweite Erzählausbildung geplant, bekam aber ein Stipendium und in Berlin ganz viele wunderbare Lehrer aus aller Welt. Im Jahr 2014 reduzierte ich meine Arbeitszeit in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und begann mit dem Erzählen mein Brot zu verdienen. Ich bekam neben den Kopfschüttlern („…jetzt spinnt sie…“) unglaublich viel Rückenwind und Unterstützung. Die Stadt Jena , der Lese-Zeichen e.V. (speziell Dr. Martin Straub), ganz Thüringen und viele Menschen förderten mein neues Tun. Manchmal wurde mir selbst schwindelig von all den Veränderungen innerhalb weniger Jahre. Inzwischen kann ich vom Erzählen leben. Aber ohne all die Menschen, welche meine Geschichten hören wollen, wäre ich nicht dort, wo ich heute sein darf. Ich verspüre eine große Dankbarkeit und finde, ich habe den schönsten Beruf der Welt!

Du hast eine Ausbildung im Ausdruckstanz gemacht? Was ist das Elementare, das Spannende am Ausdruckstanz, und wo liegt die Brücke zur Erzählkunst?

Das stimmt nicht… ich habe Tanz und Bewegung während der Ausbildung (Storytelling) gehabt und tanze auch regelmäßig… habe aber keine Ausbildung im Ausdruckstanz… dafür studieren 2 meiner 3 Söhne zeitgenössischen Tanz 😉 ….

Du verbindest Künste miteinander, um deren Wirkung zu verstärken, aber auch mit sozialen Handlungsfeldern. Handelst Du hauptsächlich intuitiv, wenn Du Bündnisse eingehst?

Ich schließe meine Bündnisse absolut aus dem Bauch heraus. In erster Linie muss ich bei meinen „Partnern“ die gleiche Begeisterung und Freude am Arbeiten spüren, worin auch immer diese Arbeit besteht. Ich mag es, mich mit Menschen zu umgeben, welche für ihr Tun brennen. Das macht froh… auch das Publikum.

Nun ist das Erzählen ja in den letzten Jahren immer mehr in den Fokus und auf die Bühnen des Landes gerückt, die Grenzen zwischen Märchen für Kleinkinder und mit vollem Körpereinsatz vorgetragenen Geschichten sind fließend, andererseits ist auch der Fantastikmarkt ein Wachstumsmarkt. Wie erklärst Du Dir das Interesse an guten Geschichten?

Wir leben in einer Zeit der schnellen Kommunikation. Die Welt scheint kleiner zu werden, viele Menschen verlassen ihre Heimat und suchen anderswo ein zu Hause. Ebenso viele Menschen sind hierdurch verängstigt und verunsichert. Es herrscht eine Zeit der kulturellen Verwirrung, eine Zeit hektischer Betriebsamkeit, eine Zeit der Orientierungslosigkeit. Das Hören und Erleben frei erzählter Geschichten aus verschiedensten Kulturkreisen bietet die Möglichkeit der Entschleunigung, der Begegnung, der Identifikation, des Trostes und mehr. ErzählerInnen geben Geschichten weiter. Sie begegnen den Zuhörern ganz persönlich und schaffen mit dem Erzählen der verschiedensten Geschichten einen Raum, in welchem wir alle zuhause sein dürfen. Die Geschichten erzählen von der Sehnsucht nach Gerechtigkeit, nach Liebe, Sinn und Glück. Sie sind zeitlos und universal. Sie beschäftigen sich mit den Grundfragen der Menschheit. Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? Wie kann ein Miteinander gelingen? Es ist Zeit für Geschichten!

Narrare 2018 in der Villa Rosenthal Jena

Wie finden die Geschichten zu Dir? Treffen sich in regelmäßigen Abständen ErzählerInnen aller Windrichtungen am Lagerfeuer und tauschen ihre Geschichten aus? Gibt es Symposien, Netzwerke, Fachzeitschriften oder gar Erzählschulen?

Es gibt alles… vor allem aber Bücher…

Du sammelst ja gute Geschichten, nicht umsonst bietest Du verschiedene Programme an. Auch schöpft Dein Fundus aus Geschichten aus aller Welt. Muss bzw sollte man sich in die jeweiligen Landesmentalitäten hineinfühlen können, wenn man beispielsweise afrikanische Geschichten vorträgt?

Ich maße mir nicht an, mich in eine Landesmentalität einfühlen zu können. Ich suche immer nach der allgemeingültigen Botschaft der Geschichte. Oft gibt es die gleiche Geschichte in vielen Kulturen, mit nur minimalen Unterschieden. Es macht immer Sinn, dies zu recherchieren.

Was sollte, was muss ein guter (Nachwuchs)Erzähler an Talenten mitbringen? Was würdest Du an wichtigen Dingen mit auf den Weg geben?

In erster Linie Freude, Begeisterung, Selbstzweifel, Humor, Präsenz, Ausdauer… ach ich weiß nicht…

Wie schätzt Du das Potential, generell und insbesondere hinsichtlich Erzählen, Verlegen und öffentliches Lesen guter Geschichten wie auch mit Blick auf die vielen Aktiven, in Ostthüringen ein? Was bedarf Deiner Meinung nach kulturell noch einer besseren politischen Lobby?

Das weiß ich nicht wirklich…

Wenn man mit Dir zu tun hat, bekommt man schnell den Eindruck, dass Du ein enormes Arbeitspensum leistest. Wie sieht Dein energetischer Ausgleich aus? Und wo siehst Du Dich in fünf oder zehn Jahren?

Ich brauche viel Zeit mit mir allein und gönne mir mehr und mehr Zeiten des Rückzuges. In zehn Jahren… bin ich sicher immer noch lernend und suchend und hoffentlich freudvoll erzählend.

Antje, wir danken Dir herzlich für dieses Gespräch.

Bitteschön 😉

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweis: Gerhard P. Bosche.
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[ Lyrik ] Christoph Liedtke „Phänomene auf Zeit“

Am Rand der Galaxie
steht unser Zelt gebaut.
Wir bündeln hier das Licht zu Pfeilen
gegen Zerfall in Asche und Staub.
Zu zweit, zu dritt, zu viert
bilden wir eine Bastion,
gewinnen wir die Oberhand
nur eine Weltsekunde lang.

In der Wanne versunken,
von Wasser und Wärme
pränatal umschlossen,
tauche ich auf,
durchstreife deine Scham.
Meine Finger wollen wissen:
Woher kommen sie.

Unsere Körper bilden Puzzelteile.
Gemeinsam bilden sie Pangäa:
Meine Leiste an deinem Arsch,
Deine Kniekehlen und meine Knie.

Von der Erde geschnitten
blühst du weiter am Hoffnungsfaden.
Für den Bruchteil eines Momentes
ziehen meine Blicke an dir vorüber,
bitte glaube mir, wenn ich dir sage,
ich sehe dich.

Ich sehe deine Wunde,
bekam eine Ahnung
vom Hunger der Zellen.
Wir sind fein entworfen,
kosmische Phänomene auf Zeit,
Täglich kommen wir neu zur Welt,
Aus dem Schlaf zur Deponie.

Ich rasiere dir den Kopf.
Entdecke deinen Haarwirbel,
das Mal unserer Milchstraße,
Ein Abfluss, der goldenen Schnittes Spiralen zieht.

Buchzitat aus „Symmetrie der Risse“ (erscheint im 2. Quartal 2018 in der „Edition Outbird„)
Aquarell: Christoph Liedtke
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„Die Sehnsucht nach Perfektion zu vermeiden, erscheint mir wichtig, denn Perfektion ist der Tod“ – Michael Schweßinger im Interview zu „Robinsonaden vom 40. Breitengrad“

Michael Schweßinger dürfte zu den Autoren gehören, die nicht mehr ganz so unbekannt sind und trotzdem in der Welt der Großen noch nicht ankamen. Schweßingers Sprache ist deutlich, zuweilen mahnend, ist erzählend und beschreibend und zwinkert nicht selten mit einem Auge, aus dem immer mal wieder blitzartig ein grelles Licht der bitterbösen Ironie aufleuchtet.

Michael Schweßinger schreibt über Menschen, über das Reisen und über sich, seine Sicht auf die Dinge. Hier geht es ums pure (Über-)Leben, da geht’s um ein System, das längst an Beatmungsmaschinen hängt, dort wieder geht es um Liebe, um Weichheiten im Sein. Aber immer geht es um die Realität. Schweßinger braucht keine Erfindungen, keine ewig trägen Fantasy-Stränge oder fest strukturierte Plots. Schweßinger braucht, so scheint es, nur einen Stift, ein Notizbuch und den Drang, an den Menschen zu sein, am Leben zu sein. Das lesen wir auch in seinem nunmehr achten Buch, den „Robinsonaden vom vierzigsten Breitengrad“, einem weiteren – wie wir finden – Meisterwerk, erschienen bei „Edition Outbird“. M. Kruppe traf Michael Schweßinger und stellte ihm einige Fragen:

Hallo Micha, in der Einleitung zum Interview steht, dass du noch nicht in der Welt der „großen Schriftsteller“ angekommen bis, was mich persönlich wundert, gleichsam aber auch beruhigt. Wie siehst du das selbst, ist es dein Ziel, in der obersten Liga der Literatur mitzuspielen? Was bewegt dich überhaupt, den Stift in die Hand zu nehmen?

Was soll das sein, diese Welt der großen Schriftsteller? Ich kann mit solchen Formulierungen wenig anfangen. Haben die eine gemeinsame Welt? Wer bestimmt die Größe von etwas? Verkaufszahlen oder wie oft sie im Feuilleton auftauchen? Ich interessiere mich auch nicht für Ankunft. Ankunft ist statisch. Ich bin gerne in Bewegung und schreibe aus der Dynamik des Lebens heraus. Das hat wenig mit Lehnstuhl-Schriftstellerei zu tun. Um es kurz zu sagen: Mich interessiert diese Frage rein gar nicht.

Mit den Robinsonaden vom vierzigsten Breitengrad erscheint inzwischen, wenn ich richtig gezählt habe, dein achtes Buch. Kannst du dich an die die Veröffentlichung deines ersten erinnern? Welches war das und wie kam es dazu, bzw. wie und wann hast du angefangen zu schreiben?

Buch im Verlagsshop: bitte Cover anklicken.

Das erste Buch, ja das war 2006 und enthielt philosophisch angehauchte Stories, die ich ursprünglich für SM-Magazine geschrieben hatte. Sehr romantisch und düster und weil ich gerade Thomas Wolfe hier liegen habe, könnte man mit ihm sagen, der »Hunger des Menschen in seiner Jugend«. Faustische Nachtstücke irgendwie, das klingt pathetisch, war es auch.

Während der Zeit des beinahe legendären Verlages Edition PaperOne in Leipzig gab es zu eine Gruppe von Undergroundschriftstellern, zu denen neben dir auch Hauke von Grimm und Volly Tanner gehörten, die Revierköter. Wer zählte da noch dazu und was verband euch damals, abgesehen vom Verlag selbst?

Das war eine Idee von Hauke von Grimm. Damals hatte einer ´ne Idee und dann machte man das, das war PaperONE und war auch Leipzig zu dieser Zeit. Einfach machen. Oliver Baglieri druckte als Verleger damals so ziemlich alles, solange es kein Nazimüll war. Bei der Ursprungsbesetzung war noch Kurt Mondaugen dabei. Kurt schrieb damals in seiner wunderbaren psychologisch-humorvollen Art über Plagwitz, ich hatte gerade »In Darkest Leipzig« am Start, was mächtig polarisierte und Vollys Poesie war auch tief im Social Beat, dazu kam Hauke, der damals einige feine Literaturshows in Leipzig hatte und tausend Leute in der Kulturszene kannte, darunter auch gute Fotografen, die dann die Bilder gemacht haben, also das war literarisch und menschlich sehr heterogen.

Vermisst du diese Zeiten und meinst du, dass der Underground noch einmal ein Comeback erleben könnte?

Ja, manchmal, wenn ich mir diese perfektionierten Literaturveranstaltungen in Leipzig ansehe, dann vermisse ich das. Die meisten schon mit 20 Jahren hochprofessionell im Vortrag, aber nix zu sagen. Ich erinnere mich an eine Lesung in Connewitz im Jahre 2006, da wurde starkes Zeug geraucht und irgendwann konnte ich nicht mehr lesen und hab das Publikum gefragt, ob sie nicht diesen Scheißjob übernehmen wollen, weil ich das Buch ja schon geschrieben habe und keinen Bock habe, das immer wieder vorzulesen. Das klappte damals und so gab es eine Lesung, wo der Autor zu Gast war. Heute überwiegt der ökonomische Gedanke. Wie werde ich erfolgreich und schadet sowas nicht dabei? Das interessierte damals nicht, man war einfach in seinem Element. Mit der Kategorisierung von Underground und Mainstream im Kopf hat man schon verloren, dann gibt es A oder B, da kommt dann auch A oder B raus. Als ich anfing zu schreiben, hatte ich keinen Plan davon, was ich schreiben will, ich schrieb einfach. Comebacks haben immer diesen Retro-Beigeschmack, sie zeigen auf, dass man der Welt keine eigene Deutung mehr geben kann, sondern, dass man die Krücken der Vergangenheit bemüht. Der Underground ist vielleicht schon da, nur wir sehen ihn nicht, weil wir Romantiker sind und auf den Underground warten, wie er uns vertraut ist.

Denken wir mal utopisch und an die Gruppe der sogenannten „Beat Generation“ und bilden uns ein, diese kleine Gruppe, die sich in den letzten zwei Jahren gebildet hat, ich denke da an dich, Benjamin Schmidt, Hauke von Grimm, Klaus Märkert, ich denke da auch an Markus Böhme, Axel Kores oder Christoph Liedtke und einige andere Autoren rund um den Verlag Edition Outbird… also hältst du es angesichts dieses Netzwerks für wahrscheinlich, dass man in zwanzig, fünfzig oder mehr Jahren von einer „neuen Avantgarde“ auf dem Literaturmarkt reden könnte?

Das ist wieder so eine Frage, die mich nicht die Bohne interessiert. Alleine, weil ich Literatur nicht als Markt begreife, das sind Vermarktungsmechanismen oder Eitelkeiten, die dann ein Label bekommen, das ist beim Schreiben nicht förderlich. Texte sprechen zu mir oder nicht, ob da jemand irgendwann ´ne Banderole draufklebt, ist mir völlig wurscht.

Machen wir einen kleinen politischen Schwenk und kommen auf diese Weise auch indirekt zu deinem neuen Buch. Siehst du Parallelen unserer heutigen Zeit zur grauen Vorgeschichte, die bekannter Maßen zu einer der größten Katastrophen der Geschichte, den 2. Weltkrieg und den Holocaust führte?

Die politischen Parallelen sind scheinbar offensichtlich, allerdings sind diese historischen Vergleiche immer etwas tricky. Wir leben in einer völlig anderen Zeit. Das 20. Jahrhundert war das Zeitalter der Massenbewegungen, also politisch. Heute haben wir die Situation, dass die Politik praktisch aufgehört hat, eigenständig zu existieren. Es geht nicht mehr um den Willen des Volkes oder um demokratische Diskurse, die dann zu Entscheidungen führen. Es geht um die effiziente Steuerung neoliberaler Verwertung, mit dem Dekor demokratischer Teilhabe. Da kommen ganz andere Dinge auf uns zu. Wenn man alleine in die Pränataldiagnostik schaut, dann kann man sich des Gedankens nicht erwehren, dass wir es da in wenigen Jahren mit einer neuen Eugenik zu tun haben werden. Eine Behinderung ist unnützer Aufwand für eine Gesellschaft, die den Leistungsgedanken verinnerlicht hat. Auch im Bereich der Natur haben wir Perfektionierungen. Vor 15 Jahren war es in meinem Beruf als Bäcker weitaus schwieriger mit Getreide zu arbeiten, es gab saisonale Schwankungen, heute ist das alles gleichbleibend. Diese Perfektionierungen machen mir Angst, weil sie das Spektrum des Lebens einengen.

Was kann man deiner Meinung nach dagegen tun? Die Menschen scheinen ja immer dümmer zu werden. Wie kann man deiner Meinung nach dagegen vorgehen?

Die Sehnsucht nach Perfektion zu vermeiden, erscheint mir persönlich sehr wichtig, denn Perfektion ist der Tod.

In den Robinsonaden erzählst du von einem Job, der schon ein bisschen an freiwillige Versklavung erinnert. Wie kamst du zu dem Job und würdest du ihn nochmal annehmen?

Ich arbeitet diesen Sommer in der Tourismusbranche für ein großes deutsches Unternehmen in Süditalien. Freiwillige Versklavung ist das sicherlich nicht. Das macht ja niemand freiwillig. Es ist die Realität in weiten Teilen Europas. Die Leute werden systematisch ausgebeutet und der Gewinn fließt nach Deutschland zurück. Es waren brutale vier Monate und nein, ich würde das nicht mehr machen. Diese vier Monate haben mir gezeigt, dass dieses System zum Scheitern verurteilt ist. Hoffen wir, dass es sich nicht mehr so lange hinzieht.

Was läuft deiner Meinung nach schief auf der Welt? Gehen wir einer Art (indirektem) Untergang entgegen?

Die Gier des Menschen scheint stärker zu sein als die Solidarität. Niemand muss sich wundern, wenn sich der Süden irgendwann seine Anteil holt. Ich nehm mich da nicht raus. Ich lebe kosmopolitisch, das heißt mein ökologischer Fußabdruck gleicht vermutlich einen Dinosaurier, ich badete im Sommer im Mittelmeer, wo die Leute 200 km weiter ersaufen. Ich bin kein moralischer Mensch, der asketisch lebt, und wenn da irgendwann jemand vorbeikommt und sagt, die nächsten dreißig Jahre Arbeitslager, weil du hast doch von diesem Scheiß gewusst, dann könnte ich ihm auch nicht böse sein. Der Mensch ist selektiv und egoistisch, manchmal kann er auch mehr sein. Zu diesem »mehr« hat jeder einen anderen Zugang. Niemand kann glaube ich ständig gut sein, aber sein Herz nicht zu vernachlässigen, diese Verletzlichkeit und das Berührtwerden von der Welt zulassen, das ist enorm wichtig. Mich stören Ungerechtigkeiten, deshalb schreibe ich dagegen an.

Die Welt ist schon so oft untergegangen, als dass ich unbedingt in das Geheule vom Weltuntergang einstimmen mag. Die Dinge sind immer im Wandel. Ich glaube, dass unsere Lebensart des Individualismus vergehen wird, alleine schon aus demografischer Betrachtung. Unsere Vorstellung von Romantik, alleine mit der Natur, das Ertragen von Einsamkeiten. Wo findet sich das noch? Facebook ist immer dabei. Ist das ein Problem? Probleme gibt es nur, wenn man das andere kennt. Für die Menschen, die nach uns kommen, wird es viele Probleme nicht mehr geben, über denen wir uns ´nen Kopf gemacht haben.

Wie sieht das Ganze im Kleinen für dich aus, wenn wir zum Beispiel vom Buchmarkt reden?

Die Lesegewohnheiten ändern sich, gleichzeitig gibt es immer mehr Publikationen. Wenn man versucht heute ein Buch zu vermarkten, ist das nahezu unmöglich für einen kleinen Verlag. Als ich damals »In Darkest Leipzig« schrieb, haben wir das Buch ohne Marketing und Internettamtam vierstellig verkauft. Das wäre heute nicht mehr möglich. Der Buchmarkt lebt von den Träumen der Schreiber. Er ist vielleicht eine der letzten Bastionen des American Dreams, vom Tellerwäscher zum Millionär, anders ist der Aufwand nicht zu erklären. Niemand würde sich über Jahre an einem Ein-Euro-Job versuchen mit der Hoffnung, davon mal leben zu können. Das ist völlig irrational und nirgends sind die Fantastereien größer als unter Künstlern. Ein Buch zu machen macht nur Spaß, wenn man den Markt weitestgehend ausklammert. Wenn ich ne Woche Brot backe verdiene ich mehr als mit einem Buch, also backe ich Brot und schreib was ich mag, ich bin damit praktisch mein eigener Mäzen und muss mir diese hässliche Seite der Literatur mit ihrem Neidfaktor und Gehacke nicht geben.

In deinen früheren Büchern befasst du dich oft mit Menschen vom Rande der Gesellschaft. Das hat sich zwar nicht signifikant geändert, aber ein anderer Aspekt kam bei den letzen vier Büchern hinzu: das Reisen. Was bedeutet reisen für dich, wie wichtig ist es dir das reisen und was ist es, das dich immer in die Ferne holt?

Reisen ist für mich das wichtigste. Ich kann nicht leben, ohne zu reisen. Wenn ich reise, bin ich lebendig, spüre mich und das Leben und daraus entsteht ein kreativer Prozeß, der dann zu Geschichten führt. Es ist ein Paradox: Wenn ich reise, steht mein Geist still und erholt sich und wenn ich stillstehe, dann denken sich die Gedanken ins Leere. Reisen ist mir Antidepressivum. 2013 hatte ich einen Burn Out und ich hatte nur die Wahl zwischen Psychiatrie und Welt. Ich hab mich für die Welt entschieden.

Abschließend noch einmal zu deinem neuen Buch: zwischen die Erzählungen hast du diesmal, was ich persönlich recht gut finde, Ausflüge in die Welt der Fakten gepackt. Wie kamst du auf die Idee und was hat dich bewogen, das zu tun?

Ich wollte keine durchgängige Erzählstruktur, wie man sie beispielsweise bei meinem letzten Buch »Beim Esel links« findet. Eine durchgängige Struktur glättet. Dieses Buch ist im Affekt entstanden. Ich schrieb viele Texte sehr emotional nach 12 Stunden Arbeit, anders hätte ich diese Welt nicht ertragen. Demgegenüber stehen die faktischen Texte. Diese fragmentarische Schreibweise war mein Weg dieser Machtlosigkeit Ausdruck zu verleihen und auch die Konturen zu schärfen.

Man muss nicht unbedingt ein aufmerksamer Leser sein, um in deinen Zeilen auch Verzweiflung und Wut zu erkennen. Bist du grundsätzlich ein Mensch, der dazu neigt, wütend zu werden und wie oft verzweifelst du woran?

Es braucht einige Zeit bis ich wütend werde, dann aber richtig. Verzweiflung ist das negative Wesen des Zweifels, also Ausweglosigkeit. Kierkegaard beschrieb das mal als »Nicht-Selbst-Sein«. Dazu bin ich zuviel unterwegs. Hat viel mit dem oben geschriebenen zu tun. Sich nicht in die destruktive Leere denken, dann lieber Bewegung. Gerade das Schreiben hilft mir auch zusammen mit dem Humor, diese destruktiven Gefühlen zu verarbeiten. Sind ja jetzt auch nicht die lustigen Taschenbücher, die man von mir erwarten kann, also ich zweifele oftmals, aber Verzweiflung, das ist ein Abgrund, da springe ich nicht mehr gerne rein, weil da hat Nietzsche recht: Wenn du lange genug in den Abgrund schaust, dann schaut er irgendwann in dich und es gibt glaube ich wenige Dinge vor denen ich im Leben Angst habe, aber die Lähmung einer Depression, wer das schon mal erlebt hat, dieses brutale Zersetzen des eigenen Ichs mit immer gleichen Fragen, das möchte ich nie mehr erleben.

Vielen Dank für das Interview.

Das Interview führte M. Kruppe.

Bildnachweis: Susanne Stoll.
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„Eine gewisse Romantik im Herzen zu halten ist Voraussetzung dafür, sein Leben nicht völlig an Dinge zu verschwenden, die nie wirklich wichtig waren“ – David Gray im Interview

David Gray, erfolgreicher Leipziger Krimiautor und eng mit einigen AutorInnen der „Edition Outbird“ befreundet, im Interview:

Moin Dave. Endlich haben wir die Gelegenheit, uns für das Outscapes Magazin zu unterhalten. Und ich würde auch gar nicht groß drum herumreden und direkt mit der ersten Frage beginnen…

Ich hab mich neulich belehren lassen, dass man Künstler mit einem Pseudonym nicht nach ihrem Pseudonym fragt. Ich frage mich: Wer sagt das? – und mache es jetzt erst recht. Wie also kam es, dass aus Ulf Torrek David Gray wurde und warum dieser Name, der ja nun oft mit dem singenden David Grey verwechselt wird? Steckt da vielleicht sogar ein bisschen Kalkül dahinter?

Mein Agent war schuld an meinem pseudonym. einer muss ja immer schuld sein und Agenten sind Leute, denen man alles mögliche in die Schuhe schieben kann. Ich habe ja eigentlich als Filmkritiker angefangen und daneben immer Shortstorys oder Romane geschrieben. Außerdem habe ich schon mal die ein oder andere Drehbuchbearbeitung gemacht, weil das gut bezahlt wurde damals. Aber ich habe mehrere Agenturen verschlissen, bis ich zu meiner ersten Romanveröffentlichung kam. Das einzige, was von denen bis dahin mal wer unterbringen konnte, war eine pornöse Story im „Penthouse Magazine“. Keiner wartet ja im Verlagsgeschäft auf noch einen Autor mehr. Aber als 2011 dann Amazon.de auch hier begann einen Markt für eBooks zu schaffen, habe ich die drei fertigen Romane aus meiner Schublade gezogen und dort hoch geladen. Weil aber mein damaliger (und heutiger!) Agent meinte: „Wenn’s schief geht, dann haben Sie bei den überängstlichen Verlagsgranden Ihren Namen verbrannt, also schreiben Sie gefälligst ein Pseudonym drüber!“, tat ich das und schrieb statt Ulf Torreck, David Gray in das Kästchen für den Verfassernamen. Woher der Name kam, weiß ich heute nicht mehr. Vielleicht tatsächlich von dem britischen Sänger David Gray. Vielleicht war’s aber auch ein halb postmodernes Spielchen mit Oscar Wildes Dorian Gray Figur, wer weiß? Von einem gewissen Frauen verhauenden Milliardär namens Christian Grey war damals jedenfalls noch nichts zu ahnen. Ich finde den auch gar nicht lustig. Denn seit der in aller Munde ist (bzw. inzwischen zum Glück eher war) durfte ich mir entweder anhören, ich reite mit meinem Pseudonym die Shades-of-Grey-Welle (LANGWEILIG!) oder ich hatte zu tun mein Pseudonym bei Journalisten und Bloggern zu verbessern, die ständig Grey statt Gray schrieben. Daher: Danke für nichts Misses E L James! Ein paar meiner eBooks waren ziemlich erfolgreich. Weswegen die Verhandlungsposition meines Agenten gegenüber den Verlagen sich verbesserte. Aber trotzdem war zunächst nur ein kleiner unabhängiger Verlag, nämlich Pendragon in Bielefeld, bereit das Risiko einzugehen eines davon auch für die Buchhandlungen in Papierform herauszubringen. Die kleineren Verlage sind diejenigen, die die Risiken mit neuen Autoren eingehen.

Wie und wann hast du das Schreiben für dich entdeckt? Was war und ist dein Beweggrund, überhaupt zu schreiben?

Ich schreibe, weil ich für alle anderen Arten des Geldverdienens, die ich daneben bisher bereits versucht habe, eindeutig entweder zu doof oder motorisch zu ungeschickt bin. Außerdem hab ich ein leicht cholerisches Temperament und schreiben ist die einzige Tätigkeit, mit deren Hilfe ich meine Aggressionen für längere Perioden am Stück zügeln kann. Außerdem hatte ich schon immer ein seltsames Faible für gut gebaute Sätze und Formeln. Das könnte sogar genetisch bedingt sein. Keine Ahnung.

Wie ist das bei dir, das Schreiben, ist das für dich ein eher strukturierter Prozess bei dem du von bis, also zu festen Zeiten am Rechner sitzt, oder geschieht das bei dir eher intuitiv?

Das ist wie bei jedem anderen professionell betriebenen Geschäft auch: Du stehst auf, gehst ins Bad, putzt dir die Zähne, wäschst dich, trinkst den ersten Kaffee, setzt dich an dein Arbeitsgerät und fängst an. Das ziehst du Tag für Tag um die 360 Tage pro Jahr durch. Je nachdem, bearbeitest du dein Produkt eben solange, bis du es nicht mehr erträgst oder dein Produkt dich und deine Arbeit an ihm nicht mehr länger erträgt. Was das Produkt in meinem Falle dadurch zum Ausdruck bringt, dass mir die Figuren, die ich darin gerade bearbeite, reihenweise die Zusammenarbeit aufkündigen oder mir den Finger schnippen.

Woher kommen die Ideen für deine Storys? Wer oder was inspiriert dich?

Da existiert keine Regel. Ideen sind Einfälle, die fallen einem eben ein. Oder hin und wieder auch mal nicht. Aber das kann immer und überall geschehen.

Du bist ja ein durchaus erfolgreicher Autor, so dass man weniger Autor, als eher schon Schriftsteller sagen kann. Du lebst, wenn ich richtig informiert bist, vom Schreiben. Da liegt die Frage auf der Hand: Ist Schreiben für dich immer noch Kreativität, ein Ausdruck des Ichs oder würdest du das als (deine) Arbeit bezeichnen, bzw. gibt es hierbei für dich einen Unterschied?

Schreiben ist immer Ausdruck von Persönlichkeit. Selbst die Wetternachrichten in der Tageszeitung oder die in aller Regel von einem Volontär verfassten Tageshoroskope in der Presse spiegeln zu einem gewissen Grad die Erfahrungen und Erwartungen der Verfasser bzw. Verfasserinnen wieder. Diesem unwillkürlichen Anteil der eigenen Persönlichkeit in Texten kann keiner, der irgendwie schreiberisch kreativ ist, entgehen. Wer trotzdem behauptet, dass er es könne, lügt. Ich habe aber auch gar nichts gegen den Begriff Arbeit in Zusammenhang mit meinem Job. Amateure erkennt man immer daran, dass sie ihre Schreibarbeit romantisch überhöhen. Es gibt ja gute Amateure und sogar ein paar talentierte. Aber solange man nicht begreift, dass Schreiben auch Arbeit ist und Arbeit sein sollte – zumindest solange das Ergebnis der Schreibtätigkeit ein gewisses Niveau halten soll – dann bleibt man eben Amateur. Eine ganze Menge Erfolgsautoren sind Amateure. Die Regale der Regiokrimis und Lebens- bzw. Beziehungsratgeber sind voller Titel, die von Amateuren verfasst wurden. Und auch ein paar der Titel in den Regalen für sogenannte „Literatur“ wurden von zumindest stilistisch talentierten Amateuren verfasst. Ich konnte mir in den letzten Jahren in aller Regel aussuchen worüber ich schreibe, daher hatte ich nie das Gefühl mich kreativ verrenken zu müssen. Das ist durchaus auch eine Form von Glück.

Du hast einen unheimlichen Output. In den letzen 15 Jahren sieben Romane, diverse Short-Storys in Anthologien, Filmkritiken, Drehbücher… schläfst du auch irgendwann? Woher kommt deiner Meinung nach die Energie?

Sobald mein Konto leer ist, bestehen eine Menge Leute unverschämterweise darauf, dass es entweder wieder gefüllt wird oder sie erwarten eben, dass ich auf gewisse Dienstleistungen und Produkte, die sie vertreiben, zu verzichten hätte. Das ist zwar ein sehr profaner Antrieb, aber auch ein verdammt effektiver.

Wie empfindest du, der du ja schon „professioneller“ Schreiber bist, das Literaturgeschäft, das Business? Es gibt ja nun Autoren, die sich im Lichte der Bestseller Listen sonnen und es scheint ihnen nichts auszumachen, dass doch durch Verträge durchaus ein enormer Druck herrscht. Ist das Klischee oder ist da was dran? Und wie gehst du damit um?

Ich habe diesen Erfolgsdruck so bisher nur einmal gespürt. Als meinen dritten Roman kein Mensch gut fand und ich verzweifelt versuchte zu erklären, weshalb ich ihn verfasst habe und ihn trotz der von überall her einprasselnden Kritik weiterhin mag. Das war ein Fehler. Never explain, never complain ist das Motto, an das man sich in der Kunstbranche halten sollte. Auf einer Bestsellerliste sind bisher auch nur meine selbst veröffentlichten eBooks gelandet. Den Verlagstiteln blieb das bislang erspart. Die fand auch das Feuilleton nur sehr selten einer Erwähnung wert. Immerhin hat eine große Tageszeitung mal vor einem meiner Bücher, nämlich „Kanaken Blues“, gewarnt. Das war eine Leistung, die mich heute noch ein wenig stolz macht.

Hast du einen Tipp für nicht so erfolgreiche Kollegen, was man wie tun muss, um vom Schreiben leben zu können? Muss man – verzeih mir die Frage – (viele) Ärsche lecken und für die Verleger schreiben, oder gibt’s durchaus die Möglichkeit, das Ich zu wahren und trotzdem erfolgreich zu sein?

Wenn ich vor dieser Frage nachlese, wie ich die vorangegangenen beantwortet habe, dann fürchte ich, könnten Leser den Eindruck gewinnen, dass der Gray ein arroganter Arsch ist, der an der (angeblich so) edlen Schreiberprofession, dem (Verlags-)Kulturbetrieb und den darin arbeitenden Menschen kein gutes Haar lässt. Ohne von dem oben gesagten irgendetwas zurücknehmen zu wollen, aber Wunder geschehen. Und immer wieder sind mir in der Verlags- und Filmbranche Menschen begegnet, die wirklich für ihre Aufgabe und ihre Träume brannten und große Risiken dafür eingingen einem Text oder einer Idee, die zuvor dutzende ihrer Kollegen für völlig bescheuert hielten, dennoch zur Realisierung verholfen haben. Die Kunst besteht darin solche Menschen zu finden. Für Kunst gibt’s aber nun mal keine echten Regeln. Außer vielleicht der, dass jeder, der den Hauch einer Chance auf Erfolg erwartet, besser vorher sein Handwerk gelernt hat. Zukünftige Kollegen, die ihr Handwerk nicht beherrschen, haben also schlechte Karten. Alle anderen verfügen immerhin über diesen einen Hauch einer Chance, es irgendwann mal soweit zu bringen mehr als nur den Preis eines Kaffees in einem Bahnhofsrestaurant mit ihren Texten zu verdienen. Ihre Chancen erhöhen sich noch einmal um einige Punkte, sollte sich zum Handwerk auch Talent hinzugesellen. Aber das ist selten. Und Talent allein kann in einem auf Marktanteile und Gewinn getrimmten Gewerbe zuweilen sogar eher abschreckend als einladend wirken. Ich hatte mal einen Mathelehrer, der mich in seiner Stunde beim Gedichte lesen ertappte. Er sagte daraufhin: „Klar, wer so schlecht in Mathe ist wie sie, muss ja Romantiker sein.“ Der Mann hatte recht. Deswegen noch eine letzte Besserwisserwurst an alle Verrückten hier, die es als Schreiber oder Künstler zu irgendetwas bringen wollen: Eine gewisse Romantik im Herzen zu halten ist Voraussetzung dafür, sein Leben nicht völlig an Dinge zu verschwenden, die nie wirklich wichtig waren. Niemand streicht zwar den Himmel je wirklich noch einmal blau an. Trotzdem gibt es genug Menschen, die weiter davon träumen es eines Tages zu tun. Es kann sein, dass es heutzutage mehr Idioten gibt, die solche Menschen für Freaks halten. Aber das Zeitalter der Plastiktittenkunst geht gerade allmählich seinem Ende zu. Vielleicht verabschiedet es sich mit einem Bang, in dem wir alle untergehen. Aber auch genauso gut möglich, dass es seine letzte Verbeugung auf der ganz großen Bühne mit einem Wimmern zelebriert, über dessen Echo wir Freaks nur lauter lachen werden als alle anderen. Fest steht: The beautiful losers are not dead. They are just sleeping. Some even in their own beds.

Mit Kanaken Blues und Sarajevo Disco hast du zwei wundervolle hardboiled Krimis vorgelegt, in denen Boyle, der schwarze Kommissar, die Hauptfigur ist. Es wird doch hoffentlich einen dritten Teil geben?

Den wird es geben. Aber ich habe nicht die geringste Ahnung, worum es da gehen wird. Vielleicht um religiöse Ritualmorde? Einen alternden Schlagerstar á la Dieter Bohlen, der sich als Puffbetreiber versucht? Oder womöglich um einen Innenminister, der zuviel gekokst hat? In letzter Zeit hast du ja wirklich nach dem Blick in die Zeitung das Gefühl, die Satire hinke der Realität hoffnungslos hinterher und selbst als Hardboiled-Autor musst du immer noch tiefer in die Kiste mit den ganz bösen Facetten der Realität greifen, um am Ende des Schreibprozesses deines Buches nicht schon rechts von der Wirklichkeit überholt worden zu sein.

Wann dürfen wir mit der Veröffentlichung rechnen?

Vor dem nächsten Lewis Boyle-Roman hat auch noch ein gewisser SS-Offizier bei einem Herrn Torreck seinen Auftritt. Dieser Offizier hat aus Scham und Reue über die Grausamkeiten des Regimes, dem er dient, beschlossen sich vor der großen Nazi-Götterdämmerung in aller Ruhe in Paris tot zu saufen. Woran ihn jedoch ein historisch belegter Killer und eine Gang von abgehalfterten Ex-Gangstern und Resistancekämpfern hindern wird. Klingt strange, oder? Stimmt. Soll es auch. Ich meine, the beautiful losers are not dead. Das Buch kommt bei Heyne im Frühjahr 2019. Aber Lewis Boyle bei Pendragon wird gleich danach auch zu seinem Recht kommen. Und vielleicht erscheint der nächste Boyle sogar noch früher…

Mit den Boyle-Büchern bist du beim Pendragon Verlag. Wer war eher da, die beiden ebenfalls recht hart und düster schreibenden James Lee Burke und Wallace Stroby oder du?

Das ist keine Frage, die ich ernsthaft beantworten könnte oder dürfte. James Lee Burke ist – zusammen mit James Ellroy – einer der lebenden Götter des Kriminalromans. Und Wallace Stroby befindet sich gerade auf dem direkten Weg dorthin, wo die beiden Gentlemen gerade sind…

Da ihr drei euch wunderbar ergänzt, dürfte doch die Zukunft des Verlages gerettet sein, da deine Kollegen ja auch einen guten Output haben.

Die beiden berühmten Kollegen sind jedenfalls voll dran. Der neue Burke und der nächste Stroby werden fantastisch. Außerdem warten bei Pendragon noch einige andere, nicht weniger coole Damen und Herren, in der Pipeline, auf deren Visitenkarten eigentlich Profikiller stehen sollte, weil sie die (eben gar nicht so simple) Kunst des (rein literarischen) Mordes wie ganz wenige sonst beherrschen und deswegen bei dem kleinen, aber feinen Verlag in Bielefeld veröffentlichen.

Woran arbeitest du aktuell sonst noch? Du bist auch nicht selten an Drehbüchern für Filme und Serien dran. Gibt es da was, was du nennen kannst, das bekannt ist und deiner Mitwirkung entspringt? Wird es bald dahingehend etwas zu sehen geben?

Ach dieses TV-Serienzeugs ist doch immer völlig unvorhersehbar. Und um einen Freund zu zitieren: „Es gibt ein paar gute Leute, die immer noch an mich glauben. Aber es gibt noch deutlich mehr Arschlöcher in der Branche, die es nicht tun. Beiden bin ich es schuldig zu beweisen, dass ich noch lange nicht tot bin“ Man wird also sehen. Bisher klingelt mein Telefon jedenfalls noch ab und zu…

Ich danke dir für das Interview.“

Das Interview führte M. Kruppe.

Bildnachweis: Erik Weiss / Heyne Verlag.
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[ Short Story ] Jenz Dieckmann „Das, was du willst“

Meine Fresse. Dieser Abend tobte sich an mir aus.
Er riss an mir herum, wie ein Rudel Piranhas im Zustand der schwärmenden Selbstzerfleischung.
Die Kneipe war voll, ich war es noch nicht, was aber mehr Ursache, als Teil des Problems darstellte und auch als einziges leicht zu lösen schien.
Um mich herum Spaß, Frohsinn, Geilheit, Rausch, Freundschaft, Lust, Anmache, Angebertum, Leidenschaft und Hass.
Blanker Hass. Der Menschheit. Auf mich. Jedenfalls.
Vielleicht erwartete ich aber auch zu viel.
Das mir die gesamte egozentrierte Kackplage an Hirnträgern mal quer über den Arsch lecken konnte, ist nicht nett, interessierte Gottes Erschöpfung aber auch nicht wirklich.
Also redeten sie einfach weiter.
Schnell, laut und ungefragt.
Durcheinander.
Die Fetzen der Gespräche wirbelten mir um den Schädel, wie die Glasscherben des Geisterfahrers beim Frontalaufprall. Da wurden in einer unermüdlichen Dauerschleife Hände geschüttelt, Schultern geklopft, Witzchen gemacht, Nacken genickt, dass es nur so krachte.
Ich dagegen gab mir Mühe. Wirklich. Kurz.
Langsamer trinken, das nette Mädchen mit den kurzen Haaren anlächeln, über die Lage reden.
Gesprächsapps. Bausteine.
Aber ich machte denen nichts vor. Sie durchschauten es. Alle.
Meine Stirn war aus Glas.
Mein Hirn im Schatten.
All diese Menschen prallten an mir ab, wie Eisberge am Bug der Titanic, und hinterließen nur lächerliche Dellen im Schutzschirm meiner überrosteten Selbstlosigkeit. Mehr gaben, mehr gönnten sie mir nicht.
Und ich saß nur da, trank wieder schneller und sehnte mich verzweifelt nach dem einen finalen Einschlag. Endlich etwas, das mich wirklich berührte, das in mich eindringt und mich zu Fall bringen würde.
In den leerenden Abgrund unter mir.
Alles zwecklos. Ich würde ihnen nicht entkommen. Ich versuchte mich zu ducken, hinter ihren aufrechten Rücken, hinter monumentalen Zahnreihen, hinter Muskeln, Titten, Ärschen, Mündern. Ich trieb zu dem tiefsten Punkt jeder Kneipe, der Theke. Neben dem abgekackten Säufer. Dem, den sie nicht mal mehr hassten. Als mich.
Ich bestellte zwei Schnaps. „Hier Mann, trink was …“ Sein Gesicht kam zurück aus der stumpfen, zermürbenden Tiefsee, in der er seit Stunden versank. Unendlich müde, eingefallen. Seine Augen waren durchsichtig. „Kein Geld, Mann …“
Ich schob eins der Gläser zu ihm rüber: „Scheiß drauf Mann, ich mag dich …“ Obwohl er schon am Ende war, zögerte er keine Sekunde und griff schwankend aber entschlossen nach dem Glas.
Unverfälschte Gier. Endlich. Jemand da.
Ich schloss die Augen und kippte meinen Schädel in den Nacken und mit ihm meinen Schnaps ins Gedärm. Als das silberne Brennen im Magen ankam, hörte ich seine Stimme ganz nah an meinem Ohr, wie sie mit geschwollener Zunge flüsterte: „Ist es das, was du willst?!“
Irritiert öffnete ich die Augen und sah in sein schwarzes Gesicht. Es war dasselbe verschwommene Trinkergesicht, nur war es jetzt pechschwarz. Wie stumpfer Asphalt. In der Kneipe war es still. Wie erstarrt. Die Menschen um uns herum hatten sich aufgebrochen. Sie hatten sich die Kleider, die Haut, das Fleisch von den Knochen gerissen. Ihre gekrampften Hände gruben in den Töpfen voller Eingeweide, ihre Gesichter waren in einhelligem Irrsinn gefaltet.
Ich zuckte zusammen. Panik, Angst, Gefühl.
Ganz nah.
Rausch.
Ich knallte das Schnapsglas auf den Tresen und alle um mich herum redeten weiter. Als wäre nichts gewesen.
Die Bedienung hinter dem Tresen stoppte kurz damit, die Gläser zu waschen und starrte mich an: „Alles klar bei dir?!“ Der Säufer neben mir hatte seinen Kopf auf den Unterarmen abgelegt. Das Schnapsglas noch in der Hand.
„Dein Schnaps ist böse.“ Die Bedienung hörte mir längst nicht mehr zu. Sie war weitergezogen. Ich stand noch da und sagte es leise zu mir selbst. Trotz des Lärms konnte ich mich flüstern hören. „Geh.“
Meine Füße tanzten durch die endlosen Wälder von gelenklosen Beinen. Mein vom vielen Bier aufgeblähter Oberkörper taumelte umher, wie eine zu kurz angekettete Boje in einem Sturmtief südlich der Antarktis. Ich versuchte, es nicht wie eine Flucht aussehen zu lassen. Mehr wie ein geordneter Abgang nach einem geglückten Fallschirmabsturz. Doch ihre Augenwinkel hatten mich im Blick. Zu der Gewissheit der Isolation gesellte sich jetzt das Gefühl, ein unentrinnbarer Mittelpunkt zu sein.
Ich fühlte mich ertappt. Ich fühlte Konspiration. Irgendetwas verband sie, was ich niemals fühlen würde.
Als ich durch das Blickfeld des netten Mädchens mit den kurzen Haaren schrammte, leuchteten ihre Augen plötzlich auf. Eine abgrundfreie Freude ließ ihre Wangen erröten, so als wenn sie tiefen und lebenswichtigen Erfahrungen folgen müsste. Sie teilte die wogende Menge an menschlicher Verschwörung zwischen ihr und mir und nahm mich vorsichtig in den Arm. Ich spürte die Wärme ihres Bluts in meinen Adern. Die Weichheit ihres Körpers in meinen verhärteten Knochen. Ich hörte ihre Gedanken knistern. Sie legte ihre Hand hinter meinen Kopf, wie bei einem Baby, das vom Wickeltisch zu fallen droht, und flüsterte mir ins Ohr: „Verlasse niemals einen schönen Ort mit traurigem Herzen, sonst findest du ihn nie wieder …“
Das finstere Kabinett des Daseins ist ein Königreich des Irrtums.
Nicht die Welt war Scheiße. Ich war es.
Die Welt konnte ich nicht verändern.
Aber die Welt würde mich verändern.
Draußen regnete es.
Ich nahm ihre Hand und wir liefen mit eingeschlagenen Köpfen in die Dunkelheit.

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„Das, was du willst“ erschien zwar nicht in der bei „Edition Outbird“ von Tomas Jungbluth herausgegebenen Anthologie „Apokalyptischer Alltag„, dafür aber drei andere Texte finsterster Schönheit.

Bildnachweis: Marcela Bolívar.
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„Du kannst nicht vor 100 Leuten reden, wenn du einen Funken des Selbstzweifels zulässt“ – Hauke von Grimm im Interview zu „WortLand“

Moin Hauke. Irgendwie verbinde ich mit Dir immer so´n Seemannsding – kannst Du Dir das erklären? Liegts am „Obermaat der NVA“ in Deiner Flunkervita oder steckt da vielleicht auch der Seemannsgarn dahinter, der Dir als passioniertem Erzähler ja quasi im Blut liegt?

Du sagst es. Zum Geschichten erzählen gehört eine ordentliche Packung Phantasie und ein gut sortiertes Halbwissen. Alls was ich gern getan hätte, kann ich dir erzählen, wie ich es schon gemacht habe. Ich habe mir immerschon vorgestellt jemand anders zu sein, ohne das JETZT als unbefriedigend zu empfinden. Mein Leben ist OK und was noch fehlt, kann ich mir ja imaginieren. Ich habe keinen Fernseher und brauche ihn auch nicht.

Irgendwie rauscht in meinen Adern der Wunsch nach Brandung und Seegang. Ich sauge alles auf, was mit Ozean zu tun hat. Daher auch mein Output an maritimen Geschichten.

Wie (und vor allem wann) bist Du zum Schreiben gekommen? Elterliche Prägung oder ein einfach aus Dir selbst heraus wachsender, unbändiger Drang? Woraus ziehst Du Deine Inspirationen? In welchem Setting lässt es sich für den Autoren in Dir am Besten arbeiten?

Irgendwann war ein Drang da zu schreiben. Vielleicht am Anfang, weil ich nicht Alles jedem erzählen konnte und wollte, vielleicht ist es einfach so, das Dinge sich von einem tun lassen müssen. Meine Eltern wollten, wohl eher unbewusst, das mein ICH sich entfaltet und haben mich zu nichts gezwungen, so bin ich dem Flötenuntersicht und dem Turnverein entkommen, musste mich aber selber durch die Möglichkeiten wühlen. Schreiben hat mir auch immer zum Kanalisieren meiner Emotionen genutzt. Es war also alles da und wollte raus. Ist auch heute noch so. Die Texte kommen zu mir und beauftragen mich sie zu schreiben. Meine Inspiration ist das Leben. Die Menschen und ihre Arten zu sein. Ich bin neugierig und schaue gern zu. Und dann kommt das „Was wäre wenn“ und ich spinne eine Möglichkeit, eine Geschichte, eine Option, die sie vielleicht nicht sehen oder haben.

Um schreiben zu können brauch ich Zeit und Ruhe. Die hab ich eigentlich nie. Job, Familie, Alltag wollen auch ihren Anteil von mir. Aber irgendwie klappt es dann doch ab und an.

Eine Frage der Selbstbeweihräucherung: warum sollte man ausgerechnet Dein neues Buch „WortLand“ unbedingt haben? Und warum sollte man ausgerechnet Bücher von Edition Outbird haben?

Es klänge bestimmt gut, wenn ich sagen würde, „weil es das Beste ist“. Aber das ist es bestimmt nicht. Es ist nur mein Buch. Nur meine Geschichten. Nur der Kram aus meinem Kopf. Nur ein paar Worte von einem Spinner von Hundert1000. Ich kann irgendwie niemanden dazu überreden mein Zeug gut zu finden. Ich setzt mich einfach hin und erzähle oder lese vor. Das kann ich gut, mehr nicht.

Outbird ist glaub ich die Vogeltränke wo Vögel wie ich gern rumhängen. Und wer nicht bei den langweiligen Wasserstellen mit den langweiligen Vögeln abhängen will, der kommt halt zu uns.

Gleiches Thema, andere Fragestellung: wie weit darf Selbstbewusstsein gehen, wo ist die Grenze zum Narzissmus überschritten?

Das kann dir ein Egomane leider nicht beantworten. Ich muss mich geil finden um auf die Bühne zu gehen und ich muss an meine Geschichten selber glauben um sie zu erzählen. Selbstüberschätzung ist unser Schild, dass uns vor den Stichen der Kritik schützt. Auf der Bühne sind wir nackt. Du kannst nicht vor 10 oder 100 oder 1000 Leuten reden, wenn du einen Funken des Selbstzweifels zulässt. Die Frage ist also genau andersrum. Wie gering muss das Ego sein, damit die Lippen verschlossen bleiben und das Blatt Papier leer. Wie viel großartiger Geschichten fehlen der Welt, weil jemand zu wenig Mut hatte oder zu viele Zweifel. Ja, vor allem muss das Schild gegen die Zweifel halten.

Die Buch- und eBook-Verkäufe erodieren, immer mehr Menschen gehen den sozialen Medien und Streamingangeboten auf den Leim, „verlernen“ quasi das Lesen. Wie kann man Deiner Meinung nach das Interesse am Buch wieder zum kulturellen und Bildungsgrundgebot in der Gesellschaft machen?

Die Welt ist im Wandel. Das Rad dreht sich. Wir sind nur ein Teil der Geschichte. Sprache verändert sich und die Art wie Erzählungen zu den Menschen kommen auch. Die mündliche Überlieferung wurde durch die Schrift abgelöst, dann kam die Druckkunst und das Buch begann seinen Siegeszug. Wir werden das alles nicht aufhalten. Was bleibt ist, dass die Menschen unterhalten werden wollen. Wir bieten eine Möglichkeit. Und Leser wird es noch eine ganze Weile geben. Mit den PoetrySlams und den LeseBühnen erleben wir seit einiger Zeit eine Art von dem Bedürfnis Kurzweile durch Geschichten zu erfahren. Und noch lesen genug Leute. Was sie allerdings konsumieren finde ich eher bedenklich. Aber ich ticke eh anders als die Andern. Wir können unsere Angebote nach unseren Möglichkeiten anbieten. Wir können Menschen durch unsere Art überzeugen und auf uns aufmerksam machen. Ändern können wir den Lauf der Zeit oder die Menschen nicht.
Vielleicht können wir unsere Angebote ändern. Hörbücher oder Kurzfilme aus unseren Texten machen. Und dann sollen sie Streamen, wenn es sie glücklich macht.

Was macht gute Literatur aus?

Sie muss eine gewisse Stimmung erzeugen, und sie muss fesseln. Wenn man den ganzen Tag an ein Buch denkt wie an eine Geliebte. Aber sie muss auch unterhalten. Mich unterhält auch die Sprache, nicht jeder kann alles gleich gut beschreiben. Ein gutes Buch ist, wie einem Freund zuzuhören. Man muss nicht immer seiner Meinung sein, aber wenn es schön gesagt wird, beglückt mich das auch.

Was sind Deine persönlichen Favoriten der Welt- und Untergrundliteratur?

Ich mag gern die Kollegen aus meinem Dunstkreis. Wie sie mit mir reden, so schreiben sie. Schweßinger, Tanner, Kruppe, HC Roth und die Lesebühnen-Kolleg/innen. Aber ich mag auch die alten Piraten- und Seebärengeschichten und mal einen guten Western. Ich lese gern historische Geschichten. Wenn sie nicht zu sehr in die Romanzen abdriften. Wenn mich ein Thema packt, versuche ich mich dem über die Literatur zu nähern. Bernard Cornwells „Waterloo“ war gut. Fakten, spannen und nicht zu sachlich erzählt. Ansonsten hab ich noch etwas für Christian Kracht übrig. Und ich lese viel Lyrik.

(Zur Buchbestellung bitte Cover anklicken)

Letzte Frage: welchen Whisky (zum Buch oder unter Freunden) empfiehlst Du ganz besonders?

Das ist sehr schwer. Wer Whisky trinkt weiß was für ihn am besten ist. Was in meinen Flaschen drin ist, mag nicht jedem munden. Ob Rotwein, IPA oder Eierlikör. Zu meinen Geschichten passt alles. Der Leser soll sich wohl fühlen und das geht wohl am besten wenn er in seinem Element ist. Ich stopfe meine Pfeife mit „Kentucky Bird“ Tabak und würde mir etwas rauchiges aus den Norden von Schottland ins Glas schütten. Und kann nur jedem sagen, dass mir das gut gefällt. Dazu Musik von Sigur Ros oder Mogwai oder Nils Fram. Aber auch Pink Floyd und ein Grau Burgunder passt hervorragend. Oder ein dunkles Bier zu Mahler oder Bruckner vom Plattenspieler. Je nach Wetterlage oder Gemütszustand. Ich kann auch mit Tee im ICE lesen. Aber solange kein Cola im Whisky ist, seid ihr auf dem richtigen Weg.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweis: ToniK Picturesque
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„Ohne Liebe kein Leben und ohne Leben keine Liebe“ – Frau Kopf im Interview zu „Brachialromantik“

Frau Kopf, 34 Jahre alt, nimmt kein Blatt vor den Mund. Sie ist direkt, laut, und viele ihrer oftmals polarisierenden Texte greifen die Lethargie unserem ausblutenden Planeten gegenüber, die weit verbreitete Intoleranz, oftmals aber auch intime Innenwelten wie die eigene, wie sie es einst nannte, „Schmerzgeilheit“ als Licht und Schatten eines kaum zu stillenden Lebens- und Liebeshungers auf. Bemerkenswert an Frau Kopf ist neben einer umfangreichen Fangemeinde und einem ihr vorauseilenden Ruf auch die Tatsache, dass sie sich einerseits nicht nehmen lässt, ihre Weiblichkeit vorzuzeigen, andererseits jeden zur Rede stellt, der sie allein an optischen Merkmalen festzumachen Schrägstrich zu bewerten versucht.

Frau Kopf hat im November in unserer „Edition Outbird“ ihr zweites Buch „Brachialromantik“ veröffentlicht. Anlass genug, sie per Interview näher vorzustellen.

Frau Kopf, wer bist Du, wie würdest Du Dich selbst beschreiben?

Definitiv eine Frau und manchmal eine mit Kopf. Selbstbeschreibungen liegen mir nicht, aber ich wohl irgendwas zwischen hell und dunkel, Großstadt und Provinz, Laut und leise, Liebe und Hass.

Wie überlebt ein hochsensibler Mensch wie Du in einer Stadt wie Berlin, ohne sich zu verlieren?

Ich verliere mich ja eigentlich täglich. Das Gute ist, dass ich die Wege kenne, sie manchmal ablaufe und mich wieder einsammle.

Was bedeutet Leben, was bedeutet Liebe für Dich?

Ohne Liebe kein Leben und ohne Leben keine Liebe. Liebe ist, so abgeschmackt es auch klingen mag, mein Antrieb. Ich kann Liebe eigentlich am besten.

Wer Dir in sozialen Netzwerken folgt, spielt unweigerlich mit Schubladen wie „Hedonismus“, „Sinnsuche“, aber auch „Promiskuität“. Welche Assoziationen wecken Worte wie „Beziehung“ und „Bindungsfähigkeit“ in Dir?

Dass diese Begriffe und damit einhergehenden Gefühle, Ansprüche und Erwartungen dehnbar sind.

Sie erzeugen in mir ein wohliges Gefühl.

Ich empfinde Beziehungen und die Fähigkeit, das Wollen sich zu binden, als eine Art des sich selbst Schenkens.

Welchen Sinn hat das Leben?

Manche sagen 42, andere behaupten, es wäre das Leben und ich kann diese Frage nicht beantworten.

Ich würde mich in Faselei verlieren und so lässt sich auch keine Antwort finden.

Ich gebe Laut, wenn ich eine Antwort habe.

Buch im Verlagsshop: bitte Cover anklicken.

Das Ego ist ein gefräßiges Tier; Du selbst sagst, Du bist eine Egosau. Steht das nicht im Widerspruch zu Deiner Stimme für die Ausgegrenzten, Abgewerteten, Gemobbten dieser Welt? Welche Funktion hat Dein Ego aus Deiner Sicht?

Mein Ego ist für den Selbstschutz zuständig. Egosau sein schließt meines Erachtens nicht aus, sich für jene einzusetzen, die aufs Maul bekommen. Im Gegenteil. Da ich selbst zu den Gemobbten und Abgewerteten gehörte, hat sich das Ego ausgesucht, das anders anzugehen und laut zu werden.

Du beschäftigst Dich bis heute mit einer Lebensphase des Leides, in der Du Mobbingopfer warst. Was konntest Du – aus heutiger Sicht – aus dieser Zeit mitnehmen? Wie lässt sich Mobbing bekämpfen oder überwinden?

Es stärkt und schwächt zu gleichen Teilen. Es animierte mich, mich aufzustellen, zu hinterfragen und zu wachsen. Ich habe keine Patentlösung, um Mobbing zu bekämpfen.

Hätte ich auch nur den Ansatz einer funktionierenden Idee, hätte ich das bereits verfasst.

Du sagtest einst, Du seist schmerzgeil. Hat Schreiben, hat diese unglaubliche Tiefe Deiner Texte mit dieser vehement mitschwingenden Verletzbarkeit eine befreiende Funktion für Dich? Was ist Deine Motivation, warum schreibst Du?

Ja, es ist tatsächlich eine Art Therapie und eine Intensivierung dessen, was man sieht, fühlt und fürchtet. Die geschriebenen Worte leben all das ein zweites Mal. Das ist heilsam. Meine Motivation variiert. Heilung, Ventil, Weiterentwicklung, Anerkennung.

„…“ ist Dein zweites Buch, Dein Debut „Kopf Schweine Sterben“ erschien 2014. Warum diesmal „Edition Outbird“?

Weil ich so charmant gefragt wurde und weil da jemand am anderen Ende der Leitung sitzt, der versteht, wer ich bin und was ich sagen möchte.

In wenigen Worten: worum geht es in Deinem aktuellen Buch und warum sollte mensch es unbedingt lesen und weiterempfehlen?

Es geht um die Dinge, die jeder ist, fühlt, mag, hasst und kann. Menschliches. Abgründiges. Trauriges. Zuversicht. Irgendwas mit Sex und Rausch und zwischendurch Aufwachen.
Warum Mensch es lesen sollte? Um sich in den Worten zu finden und sich ein bisschen vor sich selbst zu fürchten und zu schämen. Danach kann man dann stolz auf sich und sein Gemensche sein, egal wie schmutzig, traurig oder eben bemerkenswert man ist.

Letzte Frage (n): Was ist Dein größter Wunsch? Und wo siehst Du Dich in zehn Jahren?

Kühlschrank voll, die Liebe im Bett und ein Wohlgefühl, wenn ich morgens aufwache.“


Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweis: Marco Fechner
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[ Prosa ] Frau Kopf „Die Liebe“

Ein seltsames Ding ist die.

Auf leisen Sohlen schleicht sie sich an die ausgesuchten Menschen
ran, umhüllt sanft und schnürt und schürt.

Feuerchen in der Brustgegend, kribbelnde Schädeldecken,
Lippen und Körpermitten und der Mensch schaut in den
Spiegel, taucht tiefer als sonst oder jemals zuvor in die eigenen
Augen und erkennt.

Feuer, Wasser, Erde, Luft und etwas Neues.
Die Liebe.

Da steht der Mensch, befühlt das eigene Gesicht, lächelt laut
und liebt ganz leise.

Aus dem Hintergrund schält sich das Gefühlsgegenstück,
bahnt sich seinen Weg und verweilt.

Hände, die auf Schultern, Hüften und in wirren Haaren ruhen.
Hände, die suchen und finden.
Hände, die ineinander greifen und bleiben.
Münder, die einander küssen und Worte flüstern, die nur den
Liebenden gehören.

Herzen, die Blut durch den Leib pumpen, weil die das eben so
tun, dies aber ambitionierter und treibender als zuvor.

Zwei Gesichter in diesem Spiegel.
Lächelnd, sich entdeckend, erkennend und liebend.

Und die Liebe?

Die umhüllt und spinnt und schnürt die Menschen ein, fesselt
sie aneinander, haucht unbekanntes Lebensgefühl ein und ist
sich ihrer so lebensnotwendigen und dankbaren Position bewusst.

Sie beschließt zu bleiben und sich stets in Spiegelbildern,
Streicheleinheiten, geflüsterten Worten, Schweigen, Lachen
und dem großen Ja zu zeigen.

Ganz leise, ganz wahr und einfach da.
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„Die Liebe“ erschien neben anderer/n Prosa und ShortStories in Frau Kopfs Buch Prosa-Band „Brachialromantik“ in der „Edition Outbird“ (zur Buchbestellung bitte hier entlang). Im Bild: Eine Fotografie von Franziska Barth (erschienen im Buch „Schattenspiele“ mit Tristan Rosenkranz).

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