[ Rezension ] Johannes Berthold & Holger Much „Narrenturm“

„Ich war mir nicht sicher, was ich zuerst auf mich wirken lassen sollte: das Buch selbst oder die beiliegende CD. Dass ich mich für die CD entschied, schien konsequent, bekam ich nur wenige Minuten später im sommerlichen Garten eine Gänsehaut, die mich ins Buch, nein ins Gesamtkonzept mitnehmen sollte. Unheil- und verheißungsvolle Klangläufe, die tragschwer wie romantisch ins Gemüt fahren, um den Weg eines aus der Bahn Geratenen durch die Wiener Irrenanstalt „Narrenturm“ nachzuzeichnen.

Eindrückliche, suchende, die Dunkelheit des Wahns bis hin zur (vermeintlichen?) Heilung fassbar machende Klangcollagen des Masterminds der Dark Wave-Band „Illuminate“, Johannes Berthold, die sich in ihrer lyrischen Tiefe und Zeitverlorenheit, in ihrem Wechsel zwischen kraftvollen Lyrics und Chorälen hervorragend für einen zweisamen Abend bei Rotwein und Kerzenlicht eignen.

Genug Kerzenlicht aber, um das vom Fantastikillustrator Holger Much in dunkles Grün getauchte Buch auf sich wirken zu lassen. Bebilderte Songtexte, die die enge Verwandtschaft von Wahnsinn und abgründigen Fabelreichen (der Tiefsee? des endlosen Waldes? surrealer Räume?) in weiche, schwungvolle, fast leichthändige Welten legen, um so die ins tausendfache Nichts führenden Raumverschiebungen, die Verlorenheit, Angst, endlose Suche und rebellische Ablehnung der vermeintlich normalen Welt greifbar zu machen.

Den beiden Köpfen des Projektes, Johannes Berthold und Holger Much, ist hier zum 15jährigen Jubiläum des Tonträgers ein kleiner Sammlerschatz gelungen, der Vergleiche missen lässt. Eine edel gestaltete Sonderausgabe in Hardcover als eine CD umfassende Welt poetischer Tiefe, hoffende, sehnende, klagende Zeilen, schicksalhafte Klänge als Projekt verschiedener Disziplinen, das man mit Abstand zur Welt genießen sollte: jenseits immer bereiter sozialer Medien in der Stille des Abends. All die umgebenden Dinge abschalten, drauf einlassen und nachfühlen – die Zeit eines vergangenen Jahrhunderts und den Bruch eines liebenden Wesens.

Begleitend zur künstlerischen Weite führt das Buch den Leser in die dunkle und schreckliche Welt der Irrenanstalt „Narrenturm“ ein und stellt beide Macher, Johannes Berthold und Holger Much, ergiebig vor. Man möchte am Ende des Hör- und Lesegenusses „Mehr!“ rufen und bleibt mit der Hoffnung auf weitere Schätze dieses Formates allein. Ein Alleinsein, das dem Erlebten nachspürt.

„Der Narrenturm“ ist eine Empfehlung von und für sensible Herzen und eine mehr als nur gute Idee, sollte jemand nach passenden Geburtstags- oder schon jetzt Weihnachtsgeschenken für geneigte Herzen suchen. Tipp!“

Die Rezension verfasste Tristan Rosenkranz. Zur Jubiläumsausgabe „Narrenturm“ folgen Sie bitte diesem Link.
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Kai-Uwe Kohlschmidt „Kunst im Hauptberuf“ [Interview Teil 2] | Outscapes #8

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #8 erschienen. In diesem Zusammenhang verweisen wir gern auf seine Hörbücher in unserem Onlinestore (siehe auch nachfolgendes Coverfoto)]

„… Und das war dann eher so der Sound, den wir uns reinzogen. Da gab es dann auch dementsprechend schräges Personal. Und in der Boheme der Künstler, der Maler wuchsen wir dann eben ohnehin in einem Denken auf, dass die Künste sich überschneiden, dass es Crossings gibt. So kamen wir dazu, schon 1988 auch Performances zu machen. Das war dann eben so eine Art Labor, in dem wir dann Sachen ausprobierten, die später bei Sandow auch zum Tragen kamen. Wir haben dann Instrumentarien ausprobiert, Sprache untersucht und so war das immer eine permanente Entwicklung. Ebenfalls 1988 kam dann Theater dazu. 1991 habe ich schon die erste Filmmusik geschrieben, damals noch für einen Studentenfilm. Und so kommt es mit der Zeit, dass auch Leute an dich herantreten und dich fragen, ob du dir vorstellen kannst, mit ihnen zu arbeiten. Auf diese Weise entsteht ein Kontinuum, und nicht wirklich etwas, das man sich ausgedacht hat, unter dem Motto: „Ich werde ab jetzt …“. Der Kreis von Leuten, die mit dir etwas machen wollen, wird immer größer.

Ich hatte auch immer wieder Heurekas. Zum Beispiel 2004 am Nanga Parbat. Da wollte ich ja „die Sinfonie der Todeszone“ schreiben (http://www.alpinclub.com/pdf/kunstexp.pdf), mit Sounds rund um die Bergsteiger und solchen, die ich selbst in 4500 m Höhe aufnehmen kann. Dann wurde das aber ein Hörspiel, weil sehr dramatische Dinge passiert sind und plötzlich erinnerte ich mich auch wieder, dass mir das ja liegt, also, das Schreiben. Ich hatte das schon länger nicht mehr gemacht. Ich hatte zu dem Zeitpunkt seit fast zehn Jahren nicht mehr geschrieben. Freilich Songtexte, aber nicht Dramatik und dann war das irgendwie eine Entdeckung. Auch die Entdeckung, sich fortzubewegen in schwerem, kompliziertem Habitat, in der Wildnis. Dieses Wachsein, diese Befreiung von Routine und diesem routinierten Denken, das war eine recht maßgebliche Entdeckung.

Was bedeutet Kunst bzw. künstlerische Arbeit für dich? Würdest du das, was du tust, jetzt mal unabhängig von der Bezahlung, als Job, als harten Beruf bezeichnen, oder macht dir alles Spaß und wird somit eher zu einer unvermeidlichen Sache … gewissermaßen einer Passion, die den positiven Nebeneffekt hat, davon leben zu können?

Wie Bukowski sagte: „Du kannst dich nicht dafür entscheiden. Wenn überhaupt wird es sich für dich entscheiden.“ Die ersten 15 Jahre sind verdammt trocken. Trocken in Sachen Geld verdienen meine ich. Das ist schon recht hart, weil du lange überhaupt kein Geld verdienst. Manchmal verdienst du etwas und dann reicht das auch mal ein halbes Jahr. Aber dann ist es auch wieder vorbei und was machst du dann? Auf die Baustelle willst du auf keinen Fall zurück und dann gibt es eben all die Künstler-Jobs. In diesen 15 Jahren entscheidet sich das dann eben, aber es ist auch wahnsinnig viel Arbeit. Es ist also keine Sache des Daran – Glaubens, keiner tut sich so etwas freiwillig an, viel zu schreiben und keiner liest es, oder viel Musik zu machen und keiner kommt zu deinen Konzerten, und das in Verbindung mit dem immensen Arbeitsaufwand.

Ich selbst bin jetzt in der Lage, dass ich ein sehr reiches und ausgefülltes künstlerisches Leben habe, mit immer wieder neuen und abwechslungsreichen Projekten. Das wäre vor 20 Jahren undenkbar gewesen und ich hätte es mir auch so nicht ausdenken können, weil manche Dinge ja erst entstehen, indem du dich mal ordentlich ins Gebüsch schmeißt, weil da kein Weg ist. Und plötzlich entsteht da ein Weg.

Also könnte man sagen, dass du dich mit deiner Kunst und deine Kunst sich mit dir entwickelt hat?

Das ist bestimmt richtig, ja. Ich hatte ein Stück weit auch großes Glück, denn es betrifft ja nicht nur Fleiß oder Talent. Es betrifft ja die Tatsache, dass man die richtigen Leute trifft und man manchmal die falschen Leute auch wieder abstößt und sich auch mal durchsetzt in Momenten, in denen man lieber sterben als leben möchte. Nicht unwichtig ist auch, dass man sich nahezu von Allem inspirieren lassen kann. Und das muss nicht immer nur Kunst sein. Das kann zum Beispiel auch eine Landschaft sein.

Wer oder was inspiriert dich noch, also mal abgesehen von Landschaften und Reisen? Gibt es so etwas wie Hauptinspirationspunkte für dich? Welches war zum Beispiel dein zuletzt gekauftes Buch, deine zuletzt gekauftes Album?

Ich habe zuletzt von Jörg Friedrich „Der Brand“ gelesen, ein Buch über den Bombenkrieg, vor allem den alliierten Bombenkrieg und das in einer Sprache, die wahrscheinlich seit Golo Mann kein Historiker mehr hervorbrachte. Er zeigt auf, was dieser Bombenkrieg für Konsequenzen hatte und das ist dann so ein Moment, wo ich länger darüber nachdenke, weil es mir keiner vorher so erzählt hat. Und manchmal schlägt sich so etwas dann auch in Dingen nieder, die ich tue. Das kann auch mal zehn Jahre dauern, denn es geht auch darum, Muster zu erkennen in einer recht chaotischen Welt und manchmal dauert es eben, das jeweilige Muster zu erkennen und das dann auch abzugleichen. Ich bestehe immer auch auf eigenen Erfahrungen. Alles, was so auf dem Bildschirm gesehen werden kann, ist zwar auch Futter, aber vieles wirklich selbst gesehen zu haben, ist wesentlich elementarer.

Du spielst ja neben den vielen anderen künstlerischen Arbeiten und Sandow in zwei weiteren Bands. Bei allem, was du tust, gibt es ein einzelnes Projekt, das dir besonders am Herzen liegt?

Ich glaube das sind immer die Tage, an denen man sich mit Inspiration betankt. Wenn ich auf einer Mangan25-Reise (siehe unten) bin zum Beispiel, dann wird daraus ja nicht nur ein Hörspiel. Da fließt vielleicht was zu Sandow rüber, manches geht komplett in den Kompott-Keller oder ins geistige Archiv und wartet dort auf Verwendung. Und da ich immer mit einer Thematik reise, ist das eigentlich immer das Spannendste. Was ich auch sehr mag ist, wenn Arbeiten sich finalisieren, wenn die Mischung kurz vorm Ende steht, wenn der Rohschnitt also steht und man das Werk zu spüren beginnt und alles, was man zum Beispiel zwei Jahre zuvor begonnen hat allmählich seinen Charakter entblößt. Das ist eben wie der Stein an dem man meißelt, oder ein anderes Material… das Material bringt ja auch ein eigenes Leben mit und deswegen ist es immer auch wieder überraschend, wenn dann alles zusammenkommt.

Gibt es bei dieser Fülle an Arbeit eigentlich auch den Privatmann Kai-Uwe Kohlschmidt, der sich Auszeiten nimmt, in denen er nicht über Projekte, Band, Musik, Texte, Features und so weiter nachdenkt? Hast du überhaupt Zeit für Auszeiten? Kannst du „abschalten“ wie man sagt und wenn ja, wie sieht das aus?

Das brauche ich eigentlich kaum. Das letzte Mal im Urlaub war ich, glaube ich, 1990 oder `93. Hin und wieder sind wir auch mal mit den Kindern verreist, dann aber auch meist nur ins Waldhaus meiner Eltern, um mit den Kindern Ferien zu machen. Wenn ich abschalte, mache ich etwas auf der Hazienda hier zu Haus, hacke Holz oder so was… (lacht).

Also gibt es schon so Tage, an denen du nichts machst, an denen du sagst „Heute lege ich mal die Füße hoch“?

Es ist immer gut, wenn man am Tag öfters mal für eine halbe, dreiviertel Stunde etwas anderes macht, das hilft schon. Wir wohnen hier an einem See, quasi wie im Urlaub und hin und wieder gehe ich ne Runde segeln oder treffe Freunde.

Kommen wir noch kurz zum Thema Reisen. Das scheint ja eine deiner Passionen zu sein. Du warst in den letzten 14 Jahren unter Anderem in Schottland, 2016 Papua Neuguinea, 2015 Maputo (Mosambik), 2014 Gotland / Christians Oe, 2013 Grenzland (Neisse), 2012 Namibwüste / Naukluft (Namibia), 2012 Grenzland (Oder), 2011 Rub-Al-Chaly (Vereinte Arabische Emirate), 2010 Anden / Regenwald (Venezuela), 2009 Spitzbergen (Arktis), 2008 Simpson Wüste (Australien), 2004 Nanga Parbat (Pakistan) … Bei vielen deiner Trips entstanden Radio-Features oder Hörspiele. Waren das Aufträge oder hast du hier das Nützliche mit dem Wesentlichen verbunden?

Es gibt schon auch Reisen, bei denen ich vorher keinen Sender hatte und ich mir sagte: „Das mache ich trotzdem, das wird schon.“ Das war zum Beispiel so, als ich nach Venezuela ging. Und diesen Stoff habe ich bis heute noch nicht verkauft. Ich müsste die Zeit finden, ihn nochmal neu anzugehen. Natürlich war die Reise nicht umsonst. Da ist ja zum Beispiel auch ein Text für Sandow entstanden. Vielleicht mache ich auch ein Theaterstück draus. Man muss einfach die richtigen Leute dafür finden.

Also das passiert durchaus. Aber dann gibt es eben sehr erfolgreiche Arbeiten, die finanzieren dann solche Ausfälle mit. Im günstigsten Fall, und das ist in zwei von drei Fällen so, habe ich einen Sender, der mir sein Vertrauen ausspricht und sagt „Das machen wir.“

In der Anfangszeit war das natürlich wesentlich schwieriger als heute. Es wird zunehmend gedeckter.

Bist du damals an die Sender herangetreten?

Ja na klar. Am Anfang hast du da erst mal niemanden, du weißt noch nicht mal, wo die Tür ist, geschweige wie derjenige heißt, zu dem du willst. Und selbst wenn, bist du dann auch nur jemand auf einem gigantischen Stapel.

Ihr habt 2004 die Künstlergruppe Mangan25 gegründet, die „bereisbare Erfahrungsräume aufsucht und ungewöhnliche Landschaften, schwer zugängliche Habitate und Expeditionen im Grenzbereich in ihren Fokus stellt“, wie der Webseite zu entnehmen ist. Ist diese Gruppe eigens ein Produkt deiner Reiselust oder entstand dieses Kollektiv quasi „nebenbei“?

Wir hießen erst recht umständlich und unglücklich „Deutsche Künstlerexpedition“, als wir 2004 zum Nanga Parbat fuhren. Danach haben wir eine gemeinsame Performance gemacht und hatten, auch in anderen Sparten, recht viele Arbeitsergebnisse. Und so dachten wir, dass wir nun einen richtigen Künstlergruppennamen brauchen und haben dann Mangan25 als Namen erwählt. Das ist aber auch eine eher lockere Vereinigung, also, wir kein sind Kunst-Verein mit Reise-Abo. Das hängt immer am Thema, wer fährt.

Was ist deine Intention in Sachen Reisen? Würdest du sagen, dass du eine Art Fernweh hast? Was zieht dich weg und wie wählst du deine Ziele aus?

Mich interessieren einfach immer bestimmte Themen und nach 14 Expeditionen kann man sagen, dass es da eine Tendenz zu historischen Themen gibt. Mein Vater ist ja auch Historiker, vielleicht gibt’s da auch eine erbliche Bestimmung.

Manchmal sind das Stoffe, die ich eher zufällig entdecke, manchmal aber suche ich auch direkt danach. Manchmal interessiert mich auch eine Landschaft und ich schau dann, ob es einen Stoff in der Gegend gibt. Und man kriegt inzwischen auch im Freundes- und Bekanntenkreis richtig viele Tipps und Anregungen.

Ich bin jedenfalls kein Geschichten-Nacherzähler. Das muss dann schon auch etwas mit mir zu tun haben. Es muss da eine Konfliktlinie geben, die ich sehen will, die auch mit Heute zu tun hat, selbst wenn die Geschichte 300 Jahre früher spielt. Und so habe ich etwa 10-15 Reiseideen, die vor sich hin gären, die aber noch nicht ausgereift, angereichert sind.

Gibt es denn konkret schon ein nächstes Ziel?

Ja, wir werden dieses Jahr nach Amerika gehen, also in die Vereinigten Staaten. Das sind zwei sehr schöne Geschichten, die ich jetzt aber nicht erzähle. In der Branche wird man auch mal abgeschöpft.

„Reisen fördert die Kreativität“, würdest du diesen Satz bestätigen?

Fürst Hermann von Pückler hat einmal gesagt: „Es geht nicht ums Reisen, es geht ums gereist zu haben.“ Er meint damit vor allen Dingen, dass Reisen sehr lange in einem nachwirkt. Papua-Neuguinea ist nun schon eine ganze Weile her, aber das hat so ein langes Echo in mir nach wie vor. Oder auch, wenn du am Nanga Parbat bist.

Es geht nicht darum, dass so innere Postkarten immer wieder hochfahren, sondern darum, dass man da echte Erkenntnisse erlangt hat und zwar die Eigenen und manche sind dann freilich auch mit Mühsal verbunden und mache auch mit Gefahren, auch, wenn wir die nie bewusst suchen. Und genau das kann man auch nur in eben dieser Form erleben. Das hilft, Muster zu erkennen. Wenn man beispielsweise im Fernsehen etwas über Schiiten und Sunniten sieht und hört, dass die sich da aufs Dach hauen… also ich war bei Schiiten, ich war aber auch bei Sunniten und zwar in Pakistan, wo es auch echt richtig gekracht hat und man hat plötzlich eine ganz klare Vorstellung und nicht diese Abziehbilder. Man weiß, dass die ja letztendlich auch eine Kultur verteidigen müssen. Eine komplett eigene Kultur, mit ganz eigenen Linien und Strukturen. So was kann dir kein schlaues Buch erzählen.

Was wünschst du dir für die Zukunft, vielleicht auch für dich ganz persönlich?

(überlegt) … Wünschen ist halt immer so etwas Profanes. (Lacht) Man wünscht sich, dass alles gut ist im Leben und dass man noch viele Entdeckungen vor sich hat. Das Meiste muss man sich erarbeiten.“

Das Interview führte M. Kruppe. Teil 1 des Interviews und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #8 [Edition Outbird]. Bildnachweis: Roberto Schirdewahn.
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Axel Kores & Christoph Liedtke „Zwischen Kontrollabgabe & Neuanfang“ [Interview Teil 2] | Outscapes #8

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #8 erschienen. In diesem Zusammenhang verweisen wir gern auf Axel Kores´ Roman „Verschwendete Jugend“ in unserem Onlinestore (siehe auch nachfolgendes Coverfoto). Den Rhizom Halle-Leipzig Youtube-Kanal findet ihr unter diesem Link.]

Axel Kores

„… Das entspricht einer Form von kollektiver Weisheit. Zusammenarbeiten ist eine wunderbare Sache, wenn es funktioniert.

A. K.: Das ist auf Christophs und meinem Mist gewachsen, vermutlich im Proberaum; da haben wir die besten Ideen. „Rhizom Halle-Leipzig“ ist im Grunde nur eine nachträgliche Taufe für die gegenseitige Inspiration zwischen Leuten, die es schon zuvor gab. Wenn so etwas dann einen Namen bekommt, wird es plötzlich greifbar, lässt sich in der Welt verorten. Das erschien uns sinnvoll.
Rhizom musste ich erst recherchieren und fand schnell heraus, dass der Begriff aus der Biologie stammt. Als ich weiter suchte, stellte ich fest, dass es doch einige Vereine und Kollektive allein in Deutschland gibt, die sich diesen Namen gegeben haben. Ward ihr euch dessen bewusst?

Rhizom musste ich erst recherchieren und fand schnell heraus, dass der Begriff aus der Biologie stammt. Als ich weiter suchte, stellte ich fest, dass es doch einige Vereine und Kollektive allein in Deutschland gibt, die sich diesen Namen gegeben haben. Ward ihr euch dessen bewusst?

C. L.: Das war mir gar nicht so klar, obwohl ich es mir hätte denken können. Hat uns eigentlich auch nicht interessiert. Die Idee des Rhizoms ist einfach sehr überzeugend. Ich bin während des Studiums darauf gestoßen, als ich mich mit Gilles Deleuze beschäftigt habe. Er und Felix Guattari haben diesen Begriff philosophisch vertieft und als Idee sehr interessant beleuchtet. Das sich davon Menschen inspirieren lassen, kann ich sehr gut nachvollziehen, hat aber nichts damit zu tun, was Menschen damit anfangen. Aber es ist wohl ein gutes Zeichen dafür, dass auf einer gewissen Ebene Menschen gleiche Ideen befürworten.

Wie seht ihr das? Meint ihr, das ist ein Risiko oder seht ihr darin vielleicht sogar einen Vorteil?

C. L.: Risiko, vielleicht insoweit, dass man uns im Internet schwerer findet, aber daran soll die Unternehmung nicht scheitern. Ein Vorteil könnte darin liegen, dass ähnliche Ideen natürlich verbinden, aber ich hab mich bisher noch nicht mit anderen Kollektiven beschäftigt, das könnte man durchaus in Betracht ziehen.

Christoph Liedtke

Wer waren Deleuze und Guattari und wo seht ihr euren Verknüpfungspunkt zu den beiden?

C. L.: Deleuze und Guattari, Philosoph und Psychoanalytiker, haben in einer Co-Autorenschaft über diese Idee geschrieben. Der wichtigste Gedanke für uns daran war, Leben und Denken als etwas Labyrinthisches zu verstehen, ohne Anfang, ohne Ende und ohne Ariadnefaden, aber auch als einen Raum der Vernetzung und zufälligen Begegnungen, in dem Ereignisse aufeinandertreffen können. Eine Art Generator, der die Karten neu mischt.

Genug des Theoretischen. Was wollt ihr erreichen, habt ihr Ziele und Strategien, diese zu erreichen? Was genau steht hinter Rhizom Halle-Leipzig? Gibt es kurz-, mittel- und langfristige Pläne?

C. L.: Wir verstehen uns als Plattform für künstlerisches Handeln. Wir verstehen künstlerisches Handeln ganz allgemein als Vorschläge, mit dem was da ist umzugehen. Der Künstler ist für mich jemand, der das Nichtkönnen kann und dafür nach neuen Ansätzen sucht, wie man das anstellt. Da draußen ist Chaos und Absurdität, der Künstler geht raus und macht was draus. Jenseits von „Ismen“, Gott und Utopie. Unsere Strategie: Alles was nützt, im Rahmen unserer Werte und Fähigkeiten Menschen zu mobilisieren, ihr gestalterisches Potenzial zu vergegenwärtigen, dass es besser wird, als es ist. Ich denke, alle Kunst zielt darauf ab, den Menschen zu erheben.

A. K.: Hinter allem steht im Grunde der Wunsch nach Verknüpfung. Rhizom soll möglichst interdisziplinär werden und wir stehen noch am Anfang der Reise. Im Videoformat lassen sich Arbeiten bestens dokumentieren bzw. präsentieren – deshalb der Youtube-Kanal. Wir haben mit den musikalischen und literarischen Projekten begonnen. Das muss wachsen. Verbissenheit ist uns jedoch fremd – es geschieht oder geschieht nicht. Wir experimentieren intuitiv und schauen, was sich auf der Bühne miteinander verbinden lässt.

Wie viele KünstlerInnen sind derzeit im Kollektiv aktiv, was machen sie, woher kennt ihr sie?

C. L.: Wir stecken in den Kinderschuhen und haben Frauenmangel. Es gibt einen organisatorischen Stamm und dann alle die bei Veranstaltungen auf der Bühne stehen. Du hast ja auch schon dazugehört (lacht).

Wieso Halle-Leipzig? Was ist der Beweggrund, Leipzig mit einzubeziehen, dass ja in Sachen Kunst schon ein bisschen overdosed ist? Also ich hoffe, man versteht mich nicht falsch, aber die zunehmende Gentrifizierung hat in Leipzig ja nun schon erschreckende Ausmaße angenommen, was in Halle glücklicherweise (noch) nicht der Fall ist.

C. L.: Das ist lediglich eine lokale Verortung. Ein paar von uns kommen aus Leipzig. Was die da mit den Mietpreisen machen ist blöd, soll uns aber jetzt nicht davon abhalten. Uns interessieren da die Menschen.

A. K.: Diese Region ist sehr speziell und voller querschießender Energien, wie ich finde. Beide Städte liegen so dicht beieinander, dass sie in subkultureller Hinsicht gewisse Symbiosen bilden – spannende Wechselwirkungen, die man nur selten findet. Es gibt in unserem Umfeld etliche Leute, die sowohl hier, als auch dort aktiv sind. Da öffnen sich interessante Aktionsradien.

Seht ihr die Gefahr der Gentrifizierung auch für Halle und wenn ja, was meint ihr, wann es so schlimm sein wird wie in Leipzig? Und habt ihr vor, dem entgegenzuwirken? Wenn ja, wie?

C. L.: Das überschreitet meine Kapazität. Bevor ich mich direkt gegen Gentrifizierung engagiere, setzte ich mich in ein Schlauchboot und versuche damit, Öltanker zum Kentern zu bringen. Vielleicht gebe ich mal ein illegales Konzert auf ´nem Dach, aber dann würde ich auch eher Freedom und Peace von den Dächern schreien, als „Stoppt die Gentrifizierung“ (lacht). Bevor die Probleme nicht real sind, mache ich da wenig, es gibt einfach zu viele Probleme, für deren Lösung man sich einsetzen könnte.

A. K.: Gentrifizierung ist auch hier in vollem Gange. Ich will jetzt nicht zur umfassenden Kapitalismuskritik ausholen; aber die Raffgier hat sich an Allgemeingütern, zu der bezahlbarer Wohnraum definitiv gehört, einfach nicht zu vergreifen! Wenn wieder mal ein Hausprojekt platt gemacht wird, müssen alle loslegen, um das zu verhindern.

Halle ist das neue Leipzig. Würdet ihr dem zustimmen?

C. L.: Ich vergleiche diese zwei Städte ungern. Beide haben ihre Vorzüge und ich glaube nicht, dass Halle sich so urbanisiert wie Leipzig. Braucht es auch nicht, denn die Städte sind auch nur ´ne halbe Stunde voneinander entfernt und da ist es auch gut, dass sie verschieden sind.

A. K.: Ich halte wenig von solchen Vergleichen. Der Halle´sche Blick auf Leipzig ist häufig ein defätistischer; und ich frage mich stets: Warum? Man schwirrt doch eh in der halben Welt rum und erkennt überall Vielfalt. Wenn es jetzt heißt: Halle ist im Kommen. Umso besser! Hier geht auf jeden Fall was. Das ist allerdings schon seit Jahren so.

Allgemein gefragt: Kunst ist ein wirtschaftlich schwieriges Metier. Könnt ihr von eurer Kunst und dem, was ihr tut, leben?

C. L.: 2016 hab ich mein Studium beendet, vieles beginnt gerade anzulaufen. Davon richtig leben kann ich noch nicht. Viele Sachen die ich mache haben auch nichts mit „Schöner wohnen“ zu tun, da muss ich einfach durchhalten.

A. K.: Vom Grafik-Design kann ich leben. Vielleicht kommt in Sachen Literatur und Musik langfristig mal was rum. Aber was soll´s? Man fällt eh irgendwann einfach um, und das wird vermutlich deutlich vor ´m Renteneintrittsalter sein, gell. (lacht)

Wer oder was inspiriert euch?

C. L.: Das Geräusch von klappernden Pflastersteinen, wenn man mit dem Fahrrad darüber fährt.

A. K.: Brillanter Humor, der das Leid auffrisst.

Ich hörte, dass eure Band Klinke seit einigen Monaten immer erfolgreicher wird. Wie würdet ihr eure Musik beschreiben und was meint der Begriff Erfolg in eurem Sinne?

C. L.: Axel hat das notiert: Irgendwas mit „Tataminimo mit autistischer Stimme und Hang zur Manie und Repetition“. Erfolg wie wir ihn verstehen, ich sag mal … Anerkennung und Moneten dafür was wir tun, ohne dabei unsere Seele an Dieter Bohlen zu verscherbeln.

A. K.: Christoph hat´s schon angedeutet. Ich konkretisiere: Klinke ist Post-Voodoo-Kraut mit autistisch beseelter Stimme und gesunder Aversion gegenüber Hörgewohnheiten – dekonstruktivistisches Tata-Minimo mit Hang zum Zwang. Erfolg ist, wenn man den ganzen Saal zum Explodieren bringt und das schon als Vorband.

Abschließend: Kann man Mitglied bei Rhizom Halle-Leipzig werden und wenn ja, was setzt das voraus? Was muss ich mitbringen, können und wollen, um mich dem Kollektiv anzuschließen?

C. L.: Er, Sie, Es sollte Telefonbücher zerreißen können, wir nehmen aber auch Leute auf, mit denen wir gerne Ideen aushecken und verrückt genug sein können, „es“ durchzuziehen. Ich glaube, das ergibt sich, wenn man aufeinander zukommt und wächst wie ein Rhizom.

Ich danke euch für das Interview und freue mich auf weitere Kooperationen.

Das Interview führte M. Kruppe. Teil 1 des Interviews und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #8 [Edition Outbird]. Bildnachweise: Privat.
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Line Bogh „Ich hab nie etwas anderes in Betracht gezogen“ [Interview Teil 2] | Outscapes #7

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #7 erschienen. Line Bogh ist am 21. 04. 2018 auf Burg Ranis live zu erleben.]

… Wo werdet ihr noch unterwegs sein?

Im Frühjahr 2018 spielen wir 16-20 Konzerte in Deutschland und ich hoffe noch einmal so viel im Oktober. Hier habt ihr eine Übersicht der bisher bestätigten Termine: 14. 02. – Koppelschleuse Meppen, 15. 02. – Café Ludwig, Halle, 17. 02. – Kultur Schlachterei, Rendsburg, 21. 02. – Tonfink, Lübeck, 23. 02. – Strudelhof Magdeburg, 24. 02. – Prinz Willy, Kiel, 13. 04. – Spieker Eckernförde, 14. 04. – Café Book, Jesteburg, 18. 04. – Lesecafé Odradek, Chemnitz, 19. 04. – Wulbert’s Cafe und Bar, Dresden, 20. 04. – Wohnzimmer, Chemnitz, 21. 04. – Literatur- und Kunstburg, Ranis, 06. 06. – Bei Hempels auf dem Sofa, Leipzig, 08. 06. – Mastul, Berlin, 09. 06. – Komm Du, Harburg, Hamburg, 10. 06. – Noch Jemand Wein, Bielefeld.

Wie ist dein Fankreis in deiner Heimat Dänemark, bzw wie wirst du deiner Meinung nach in Deutschland wahrgenommen?

Dänemark ist ein kleines Land, was zugleich gut und schlecht ist. Das Gute ist, es gibt eine gute Förderung für Künstler, so dass auch die kleinen Künstler überleben können. Die schlechte Seite ist die, dass es zu wenig Raum für all die vielen unterschiedlichen Musikstile gibt und es kleine, unbekannte Künstler schwer haben, selbst ein kleines Publikum auf sich aufmerksam zu machen und zu einem Konzertbesuch zu locken. Das ist etwas was ich an Deutschland sehr mag und schätze, trotzdem die klassischen Medien wie Rundfunk und Fernsehen vom Mainstream dominiert sind, gibt es so viele tolle kleine Läden wo die Leute hingehen, um neue Musik zu entdecken. In dieser Hinsicht habe ich wirklich so viele tolle Erfahrungen in Deutschland gemacht. Und es macht für mich auch viel mehr Sinn mich hierauf zu fokussieren anstatt den Code zum Airplay im dänischen Radio zu knacken (lacht).

Als ich Anfang 2017 zum ersten mal deine Musik hörte, musste ich zwangsläufig an Björk denken. Heute kann ich gar nicht mehr genau sagen, warum. Passiert dir das öfter, dass du mit der isländischen Musikerin verglichen wirst? Wenn ja, was meinst du, woran das liegt? Und wie ist das für dich?

Ich bin ein grosser Björk-Fan, daher freue ich mich, dass du da eine Ähnlichkeit entdeckt hast, aber ehrlich gesagt höre ich das nicht sehr oft, ich glaube du bist der Erste… die meisten Leute sagen eher Feist oder Joni Mitchell, hahaha.

Wer inspiriert dich?

Ich höre immer noch gerne das alte Zeug wie Dylan, die Beatles, Nick Drake und Paul Simon. Kürzlich habe ich die Norwegische Sängerin Ane Brun für mich entdeckt, welche wirklich grossartig ist.

Was bedeutet Kunst allgemein für dich?

Kürzlich bin ich aus dem Zentrum von Kopenhagen gezogen, raus an den Stadtrand und näher an meinen Arbeitsplatz. Mein Freund und ich teilen uns einen Arbeitsplatz in einer alten Fabrik. Dort gibt es sehr viele Künstler und da unser Herbst sehr arbeitsreich war, haben wir viel Zeit mit den unterschiedlichen Leuten dort verbracht.
Dort herrscht so eine gewisse Atmosphäre. Wenn viele Leute versuchen, etwas neues zu entwickeln – jede/r hat hierbei ja seine/ihre eigene Idee wie die Sache umzusetzen ist und alle haben so eine große Leidenschaft für ihre Arbeit. Ich glaube, diese Energie die in diesem Prozess entsteht, zu der habe ich eine Abhängigkeit entwickelt was auch mit ein Grund ist, warum ich nichts anderes tun kann. Ich brauche dieses Gefühl von Potential was es gilt zu Tage zu fördern, wunderbare Musik, die ich eventuell zu Papier bringe. Und das hört nicht auf – die Ziele und auch die Ideen drumherum ändern sich ständig und das ist was meine Welt ausmacht und lebendig hält.

Hast du Ziele und Wünsche, deine Musik, aber auch dich ganz persönlich betreffend?

Ich mache gerade meinen Führerschein, also das ist mein großes Ziel für 2018. Ich möchte ein Auto fahren können. Davon abgesehen, bin ich so begeistert über die neue Show mit meinem Freund und diesen visuellen Inputs, ich glaube die Sache wird ein Burner, ein Highlight 2018! Also liegt mein Fokus darauf, richtig… richtig gut zu werden in meinem Spiel, um dann so oft wie möglich aufzutreten.

Eine abschließende Frage, die mich persönlich sehr interessiert: Wird, wie in Deutschland zur Zeit, auch in Dänemark über das Bedingungslose Grundeinkommen, ein staatliches Einkommen also, als Grundstock zur Finanzierung des Lebens ohne Bedingungen, diskutiert? Wenn ja, wie stehst du dazu, gerade hinsichtlich der Förderung und Unterstützung von Künstlern und Kulturschaffenden?

Ja, diese Diskussion führen wir auch und ich glaube es gab auch ein Experiment in diese Richtung vor nicht allzu langer Zeit. Sie hatten eine Gruppe Leute, die seit geraumer Zeit vom Arbeitsmarkt entfernt waren und sie bekamen alle Sozialhilfe/Arbeitslosengeld. Ihnen wurden gestattet, zu tun was sie wollten, sie hatten unbezahlte Arbeitsplätze an Orten an denen sie gerne tätig sein wollten und so. Der Versuch war ein voller Erfolg – einige Leute haben wieder in den Arbeitsmarkt zurück gefunden und insgesamt hat man heraus gefunden das die Menschen glücklicher, weniger gestresst und gesünder usw. waren. Wir haben eine Partei in Dänemark, die diesen Ansatz stark unterstützt ( Alternativet ) und ich denke, es ist eine spannende Idee. Für mich macht dieser Ansatz sehr viel Sinn.

Vielen Dank für das Interview.“

Das Interview führte M. Kruppe. Teil 1 des Interviews und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #7 [Edition Outbird]. Bildnachweis: Christian Gundtoft.
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[ Rezension ] Yeah But No „Yeah But No“

Der Postmann bringt mir den edlen Schotten einer langjährigen Freundin, der – eigentlich für Heiligabend bestimmt – gerade leise meine Kehle hinunterbrennt. Heute fühlt sich alles anders an, so frei von Energie, als müsse sich der Energiehaushalt zu Weihnachten und Jahreswechsel hin erst reorganisieren. Zwei zu kurze Nächte, eine davon fast restlos verfeiert. Und ich sitze an der liegengebliebenen Rezension zum emotionalen Flugteppich namens „Yeah But No“ mit ihrem unfassbaren gleichnamigen Album.

Es gibt ja keine Zufälle, sonst hätte ich mit „es ist einem Zufall geschuldet“ begonnen, den Weg von Yeah But No in meine Gehörgänge zu rekonstruieren. Mario Willms´ alias Douglas Greed´s Lebensweg läuft schon seit vielen Jahren parallel zu mir oder meiner Wahrnehmung, was mit Wurzeln in der gleichen Heimatstadt und teilweise Szene nicht ausbleibt. Irgendwann vor wenigen Monaten wurde ich auf ein Video aufmerksam, was der seit Langem zum Musiker herangereifte Willms postete, und kam seitdem nicht mehr runter davon.

Yeah But No frisst sich in den eigenen emotionalen Resonanzkörper, setzt sich fest in Form massiver Gänsehaut und lässt einen übermütig dazu neigen, alles Schwerwiegende loszulassen. Weiche, sanfte, logische Klangläufe, die jede Disharmonie vermissen lassen. Elektronisch schwingende Minimalismen, die bei aller Reduktion eine Dichte beim Hörer erzeugen, dass es ein Leichtes ist, zum – man verzeihe mir dieses abgetragene Wort – Dauerbrenner zu mutieren.

In meinem Autoradio lief die Scheibe rauf und runter, meine Tochter und Freunde waren flugs angefixt. Und sahen sich bemüßigt, Mario Willms und Fabian Kuss´ Popprojekt mit „heute leider nicht mehr möglichen Depeche Mode“ zu beschreiben, als Musik auch, die Erinnerungen wachruft. Mir fallen Referenzen wie Fever Ray ein, mitunter auch Burial und irgendwo im Hintergrund Massive Attack. Und ich merke beim Schreiben, dass dieser Sound alles andere als Rotweinmusik ist und klar zu gutem Single Malt passt.

Unfassbar, was Fabian Kuss vor diesem soundarchitektonischen Background da als Gesangspart liefert. Mit einer festen, weichen Stimme, die  zwischen Fragilität und dem Verlust von Raum-Zeit-Strukturen changiert und Unterschiede zwischen Fragen und Antworten vergessen lässt.

Problematisch nur: man sollte solche Musik nicht hören, wenn man verliebt ist (doch, sollte man, und zwar genau dann!), weil man sie verliert, sollte man seine Liebe verlieren. Man kommt nicht mehr ran, und vielleicht ist genau das der Grund, warum ich heute Whisky trinke – um die Rezension zu diesem Ausnahmeprojekt zu schreiben.

Yeah But No ist Leichtigkeit, ist tiefe Liebe, ist Zerbrechlichkeit und Angst, ist Sanftheit und ein weiter, weiter Weg durchs Leben. Den ebenjene beiden Musiker da auch auf brillante Weise widerspiegeln. Mit Yeah But No ist es wie mit einer tiefen Liebe oder einem edlen Whisky: so etwas findet einen, wenn man Jahre weit gelaufen ist…
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Die Rezension verfasste Tristan Rosenkranz; in der Dezember-Ausgabe unseres „Outscapes“-Magazins finden Sie im Printformat Teil 1 des Interviews mit Yeah But No, online unter diesem Link Teil 2.

Anna K. O.
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Yeah But No „Melancholisches Rauschmittel“ [Interview Teil 2] | Outscapes #6

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #6 [Edition Outbird] erschienen.]

Antwortteil 2 zur vorangegangenen Frage:

„… Ich war fasziniert davon welche Tiefe die Produktionen hatten und das ich manchmal selbst nach dem tausendsten mal Hören noch Kleinigkeiten im Sounddesign entdecken konnte. Wahrscheinlich fing damals meine ProduzentenLeidenschaft an.

Wenn man Yeah But No hört und sich an den puren Schalk Mario Willms da draußen in der Realität erinnert, meint man fast, Du habest Deinen Humor verloren. Ist Yeah But No musikalisches Gegengewicht zu Deinem Wesen?

M: Das geht ja immer alles zusammen. Ohne Humor könnte man manchen Dinge nicht ertragen und manche Dinge sind so tragisch das sie schon wieder lustig sind. Wenn es um Musik geht dann sind meine favorisierten Klangfarben allerdings immer dunkel, immer melancholisch. Melancholie ist meine Batterie. Wenn ich lustige oder fröhliche Musik höre bekomme ich Kopfschmerzen und schlechte Laune. Läuft Radiohead dann geht die Sonne auf.

Fabian, warum diese fast schmerzliche Schönheit? Wieviel Schmerz verbirgt sich in Yeah But No?

F: In jeder Schönheit liegt auch ein Schmerz. Ohne Schmerz kein geschlossenes, ausgewogenes Emotionsbild. Bei der ganzen happy clappy Musik im deutschen Popradio sehnt es uns nach Fragilität und Zerbrechlichkeit. Das Melancholische bei Seite: In jedem Schmerz und in jeder Vergänglichkeit liegt ja auch wieder etwas Neues, ein Neuanfang oder eine schmerzliche Erfahrung, die man machen musste, um Dinge wieder positiver zu sehen.

Was hebt Yeah But No von der Popwelt ab? Und was markiert Eure musikalische Heimat beim Berliner Label Sinnbus?

F: Wir haben keine musikalischen Rahmen, wir schreiben und schrauben so lange bis es sich für uns gut anfühlt. Bei uns muss der Refrain nicht nach einer Minute kommen und wenn es keinen Refrain gibt, auch ok. Das Dreiergespann Sinnbus macht einen fabelhaften Job. Wir hatten schon beim ersten Treffen das Gefühl, dass wir bei Sinnbus an der richtigen Adresse sind.

Zu einem derart kreativen Output gehört immer eine Portion Wahnsinn. Welche Farbe hat der Eure?

Ein dunkles Blau.

Nach Gera kommt Jena kommt Berlin… Letzte, und zwar unvermeidliche Fragen: was ist Gera für Dich (geblieben)? Was spricht für diese unterschätzte Stadt? Welche Nahrung braucht sie?

M: Die Stadt ist natürlich immer noch irgendwie Heimat. Ich freue mich darauf meine Eltern zu besuchen und die süß-saure Erinnerung an meine Teenagertage einatmen zu können. Es ist aber auch sehr schade zu sehen wie die Stadt nahezu zerbrochen ist. Aber die Kindheitserinnerungen trösten darüber hinweg.“

Das Interview führte Tristan Rosenkranz (Rezension folgt nach). Teil 1 des Interviews und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #6 [Edition Outbird].

Bildnachweis: Anna K. O.
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[ Interview ] Beating Signal | In keiner Schublade – Beating Signal weichen Genregrenzen auf

Beating Signal sind eine musikalische Formation, die einerseits geografisch nicht richtig zu verorten sind, andererseits auch musikalisch schwer in einer Schublade Platz finden. Die vier Jungs aus Dresden, Nordernham und Kassel halten sich auch nur ungern in einem Kasten auf, der sie zu kategorisieren versucht. Irgendwo zwischen neunziger Jahre Dancefloor, Dark Elektro und SynthiPop bewegt sich das Quartett, auch, wenn sie alle das alles ein bisschen anders sehen. OUTSCAPES hat Beating Signal einige Wochen vor ihrem Gig im Planetarium zu Jena (30. 10. 2017) über sich selbst, Auftritte, Kunst und die schwarze Szene befragt.

Hallo Jungs…

Ich durfte euch ja im letzten Jahr schon einmal live im Freiraum Pößneck erleben. Vornweg gesagt; ne coole Truppe, die musikalisch recht vielfältig ist. Aber dazu später mehr. Wenn ihr gefragt werdet, wer ihr seid, wie stellt ihr euch im Allgemeinen vor?

Ich bin Luca und bin zuständig für den instrumentalen Part aller Songs. Auf der Bühne wechsle ich zwischen Synthesizer und Gitarre.

Ich bin Basti, der Sänger und Texter von Beating Signal und komme aus Nordenham.

Mein Name ist Mick und ich übernehme das Management der Band. Derzeit wohne ich in der Nähe von Kassel.

Ich heiße Max, spiele den Livebassisten und komm aus Dresden.

Wenn ihr in so verschiedenen Teilen Deutschlands zu leben scheint, wie macht ihr das mit den Proben, mit dem Zusammenhalt innerhalb der Band?

Mik: Wir haben zuletzt im Sommer 2015 zu viert geprobt. Seitdem spielen wir das selbe Programm in verschiedenen Längen. Zuletzt beim Benefiz for Kids Festival in Magdeburg mit 5 Songs, nun in Jena werden wir mit 18 Stücken das bisher längste Set spielen. Aufgrunddessen, dass wir letztes Jahr sehr ausgedehnt auf Tour waren, war kein Probebedarf vorhanden. Lediglich für die ersten Songs des zweiten Albums (!) haben Luca und Basti in Nordenham geprobt, während Max sich das im Alleingang einverleibt. Der Zusammenhalt findet durch den fast täglichen Austausch auf WhatsApp statt, dadurch entsteht gar kein Abriss.

Wie habt ihr euch kennen gelernt?

Mick: Luca und ich „trafen“ uns 2010 in einem Rammstein-Fanforum und hielten den Kontakt über Skype. Bei meinem ersten Besuch in Nordenham lernte ich Basti kennen, der mit Luca für das damalige Bandprojekt proben wollte. Max kenne ich schon seit 2008 als wir noch gemeinsam in Freiburg wohnten, irgendwann hatte er Lust auf Liveauftritte und da seine damaligen Bands noch nicht soweit waren lud ich ihn zu einer unserer Proben ein.

Wie seid ihr dazu gekommen, euch musikalisch auszudrücken bzw. woher kommt die Ambition, Musik zu machen?

Luca: Woher die Ambition zur Musik bei mir genau kommt weiß ich gar nicht so wirklich. Ich glaube es liegt einfach in der Familie. Musik war daher schon immer ein Teil meines Lebens, seitdem ich denken kann. Angefangen selber Musik zu machen habe ich bereits im frühen Kindesalter mit Schlagzeug. Später folgten dann diverse andere Instrumente.

Basti: Wo meine musikalischen Ambitionen herkommen, weiß ich nicht. In der Familie liegt es jedenfalls nicht. Ich habe mit 12 Jahren angefangen, Akustikgitarre zu lernen und das war der Ursprung für die Freude an der Musik, denke ich. Dann irgendwann bin ich zur E-Gitarre gewechselt, und ein bisschen später erlernte ich noch ein wenig das Schlagzeugspielen. Aber als richtigen Sänger habe ich mich nie gesehen, ich wollte bloß immer einer werden, und bin es gefühlt heute nichtmal richtig (haha).

Mick: Bei dieser Frage muss ich immer lächeln, da ich früher nicht die Muße hatte ein Instrument zu erlernen und nun fehlt mir leider die Zeit. Allerdings bin ich mit Luca schon seit nun fast acht Jahren befreundet und durfte damals schon seinen musikalischen Tätigkeiten mit Basti beiwohnen. Nach mehreren Projekten kam irgendwann Beating Signal ans Licht und ich organisierte kurzerhand den zweiten öffentlichen Auftritt im Hamburger Logo. Anschließend wurde mir nicht nur das allgemeine Management und Booking anvertraut, sondern ich wurde als festes Livemitglied eingestellt um die Sequenzen und den visuellen Aspekt unserer Show zu steuern. Zusätzlich achtet der Rest darauf, dass meine Stimme auf der Bühne möglichst stumm bleibt.

Max: Als ich 16 war habe ich mich oft gelangweilt; da dacht‘ ich mir dann, fang doch an Musik zu machen – und es hat ziemlich gebockt. Ich mache Musik tatsächlich nicht, um irgendetwas auszudrücken – ich kann mich schon ganz gut artikulieren und verständigen. Ich habe auch nicht das Bedürfnis irgendjemanden mit meiner Kunst irgendwie erreichen zu müssen. Ich mach Musik nur für mich.

Wer sind eure Einflussgeber? Liegen die allein in der Schwarzen Szene?

Luca: Mich inspiriert immer das, was ich gerade höre bzw. erlebe/durchlebe.

Basti: Meine Einflüsse für diese Band liegen teils in der schwarzen Szene, zumindest was die tiefen Stimmlagen betrifft. Mit den höheren Tönen richte ich mich eigentlich nach niemandem, es muss nur zum jeweiligen Song passen. Natürlich habe ich ein paar stimmliche Vorbilder wie zum Beispiel Chris Corner (IAMX), Jared Leto (30 Seconds To Mars) oder Marilyn Manson.

Das OUTSCAPES Magazin ist ja nun kein Gothik-Magazin. Habt ihr weitere Einflüsse (falls oben nicht schon die Antwort steht) bzw. habt ihr einen Hang zur schwarzen Szene und wenn ja, wo kommt der her?

Mick: Grundsätzlich gefällt mir vielerlei aus der schwarzen Szene, sowohl Musik und deren Texte als auch die Ästhetik. Zur schwarzen Szene kam ich als ich anfing Rammstein für mich zu entdecken und zu einer wahren Leidenschaft wurde.

Luca: Ich mag die Musik der schwarzen Szene, jedoch bin ich was andere Genres angeht absolut offen für alles und vorallem auch immer offen für Neues. Somit reicht mein Musikgeschmack von der schwarzen Szene über Metal, bis hin zu Hip Hop oder RnB.

Basti: Für neuere Songs sind teilweise sogar Rap-Einflüsse geplant, bzw. schon halbwegs im Spiel.

Max: Ich bin das schwarze Schaf der Band: Mit der schwarzen Szene hab‘ ich nichts am Hut. Es gibt vielleicht zwei oder drei Bands, die wiederum zwei bis drei Songs haben, die mir dann gefallen. Meine Einflüsse sind Punk, progressive Rock, Blues, Pop oder so.

Seht ihr euch als Teil dieser Szene und wenn ja, warum?

Luca: Jein. Einerseits schon, weil unsere Musik größtenteils das Publikum der schwarzen Szene anspricht. Andererseits stecke ich mich ungerne in eine gewisse Schublade. Sowohl auf die Band als auch auf mich persönlich bezogen, da ich gerne auch mal über den Tellerrand hinaus schaue.

Basti: Ich würde grob gesagt schon behaupten, dass wir Teil der schwarzen Szene sind, allerdings ist unsere Musik auch außerhalb der Szene hörbar, im Gegensatz zu dem härteren Hell-Electro oder Aggrotech-Zeugs. Zwar klingt unsere Musik eher düster als fröhlich, aber dennoch wurden wir schon mehrmals von Nicht-Szene-Angehörigen gefeiert, was mich natürlich sehr gefreut hat.

Max: Is mir egal zu welcher Szene wir gehören.

Mick: Nein, ich fühle mich generell keiner Szene gehörig. Allerdings fühle ich mich in dieser am Wohlsten.

Ich sagte es ja vorhin schonmal: Eure Musik ist zwar vorwiegend elektronisch, aber dennoch recht breit gefächert. Wie würdet ihr selbst eure Musik beschreiben?

Basti: Ich beschreibe unsere Musik immer am liebsten als Gothic-Pop, weil es das Dunkle und das poppig-elektronische relativ einfach in einem Namen vereint.

Mick: Das finde ich immer recht schwer, aber wir haben uns auf die Bezeichnung „Dark Electro Pop“ geeinigt und das fasst es ganz gut zusammen: Dunkler, elektronischer Pop.

Luca: Dunkler facettenreicher Electro Pop, der zum Tanzen einlädt.

Max: Elektronischer tanzbarer Hüpfburg-Metal-Rock-Darkpop.

Die Palette der Einflüsse ist ja recht breit. Ist man dann mit einem Bandprojekt zufrieden, oder habt ihr Nebenprojekte?

Max: Derzeit nicht.

Basti: Zufrieden ist man eigentlich nie zu 100%, es gibt, bei mir zumindest, immer noch andere Musikrichtungen, die man gerne ebenfalls machen würde. Aber für meine eigene musikalische Kreativität habe ich ein Projekt namens „Three Nil Three“, mit dem es allerdings recht schleppend voran geht, da ich nicht der fleißigste oder begabteste Songwriter bin. Dennoch füllt es ein gewisses Loch und man hat etwas, in das man sämtliche andere Ideen einbringen kann. (Es ist auch eine Single „Pull me up again“ auf dem Markt – Schleichwerbung dumdidumdidumm..) http://threenilthree.bandcamp.com

Luca: Ich habe neben Beating Signal noch mein Soloprojekt „U-Manoyed“, welches musikalisch eine ähnliche Richtung einschlägt. Da ich für dieses Projekt auch den gesanglichen Teil übernehme, ist es perfekt um mich noch zusätzlich ein wenig mehr auszuleben.

Mick: Wie auch bei Beating Signal unterstütze ich Luca für U-Manoyed sowohl auf der Bühne als auch beim Booking und Management. http://u-manoyed.bandcamp.com

Gibt es denn schon ein Album auf Platte oder CD? Oder gar mehrere? Habt ihr ein Label bzw. wo seid ihr raus gekommen?

Mick: Leider noch nicht, aber wir sind dran! Wir arbeiten zurzeit noch an unserem ersten Album, was sich leider etwas hinzieht. Die 13 Songs sind schon fertig und müssen nur noch nachproduziert werden, da manche schon 4 Jahre alt sind. Wir hoffen, damit bis zum Frühjahr 2018 fertig zu sein.

Luca: Bisher gibt es nur eine EP und eine Single. Letztere namens „Captured Life“ liegt allerdings mittlerweile bereits 3 Jahre zurück, aber ist im Internet und als CD bei uns erhältlich.

Basti: Ein Label haben wir nicht, da wir uns im Kollektiv dagegen entschieden haben. Es gäbe Zeitdruck bei der Produktion von Alben, Singles oder EPs, da Plattenfirmen immer Deadlines für Releases setzen. Und der Preis für freie Promotion ist oft sehr teuer.

Max: Ich glaube ein Album ist in Planung.

Nun führt euch euer Tourweg am 30.10.17 nach Jena. Warum ausgerechnet Jena und wie kam es zu dem Gig im Planetarium?

Basti: Wie es zu diesem Gig in Jena kam? Keine Ahnung, er war einfach da. Wie es genau dazu kam weiß ich gar nicht mehr.

Luca: Ich weiß nur dass es durchaus ein besonderer Gig in unserer Bandgeschichte wird und man diesen Event daher nicht verpassen sollte. Mick kümmert sich um das Organisatorische, der kann diese Frage vermutlich am besten beantworten.

Max: Stimmt eigentlich; warum spielen wir eigentlich in einem Planetarium Mick?

Mick: Im Grunde genommen habe ich mir im Winter 2015 vorgenommen mehrere hundert Locations anzuschreiben, die ich vorher aus jeglichen Gig-Listen von anderen Szenebands gesammelt habe. Unter den Rückmeldungen befand sich der sehr interessierte Veranstalter des Zeiss-Planetariums in Jena, welche ich anfragte, da Staubkind dort schon spielten. Nachdem wir uns letztes Jahr dann persönlich trafen kam die konkrete Planung langsam zustande, da man diese riesige Kuppel natürlich in die Show einbeziehen werde. Es wird definitiv ein unvergessliches Ereignis für uns werden. Tickets gibt es vor Ort bei der Touristeninformation in Jena und selbstverständlich auch beim Planetarium, sowie online auf deren Homepage. Als Vorband dient aus logistischen Gründen unser erwähntes Nebenprojekt U-Manoyed.

Ich weiß auch, dass hinter euch schon so etwas wie ein kleines Netzwerk an Bands steht. Wie kommt das?

Luca: Naja, man spielt halt mit anderen Bands zusammen einen Gig und kommt ins Gespräch. Da die Szene recht überschaubar ist, geht es an sich relativ schnell sich ein kleines Netzwerk auf zu bauen. Wenn man dazu noch öfter mal den ein oder anderen Auftritt hat, geht das natürlich umso schneller. Beispielsweise verstehen wir uns mit der Band „Alienare“ sehr gut und haben schon mehrere Auftritte mit ihnen zusammen gespielt.

Mick: Tim von Alienare suchte ursprünglich eine Vorband, wir sagten zu und er trat plötzlich als Vorband auf, da wir das längere Set hatten. Allein diese Großzügigkeit erlebt man viel zu selten. Das hat mich motiviert seine Band uneingeschränkt zu empfehlen; in den kommenden Jahren sollten noch weitere Bands folgen.

Basti: Aber leider macht man natürlich nicht nur positive Erfahrungen wie mit Alienare, sondern es entpuppt sich auch mal jemand im Nachhinein als Griff ins vollgeschissene Klo. Aber das lässt sich nicht vermeiden, solche Leute gibt’s immer.

War nicht auch einmal die Rede von einer kleinen Booking-Agentur?

Luca: Wir arbeiten nun schon seit einer Weile mit R.A.U. Entertainment zusammen. Dahinter steckt ein befreundeter Musiker, der sich nach und nach seine kleine Agentur aufbaut mit einem Pool aus verschiedenen Newcomer-Bands. Tolle Sache!

Mick: Richtig, Tim betreibt R.A.U. Entertainment. Mit diesem Namen organisiert er Konzerte, kleine Festivalreihen und vertreibt auf eigene Faust seine Musik. Unser Debutalbum „Time for Reality“ wird demnach auch über ihn veröffentlicht werden.

Welche Rolle spielt Kunst und Kultur in eurem Leben? Lest ihr, seht ihr euch Ausstellungen an? Seid ihr, abgesehen von der Musik, künstlerisch aktiv?

Basti: Ich gehe weder auf Kunstausstellungen, noch lese ich irgendwelche Bücher. Allerdings zeichne ich manchmal gerne für mich selber, meistens irgendwelche Motive, die ich selbst fotografiert habe.

Luca: Ich bin, wie schon bei der zweiten Frage gesagt, sehr weltoffen. Nicht nur auf Musik bezogen, sondern auf alles was irgendwie mit Kunst im Zusammenhang steht. Zwar bin ich kein Mensch der jede Woche mehrere Bücher liest oder regelmäßig Kunstausstellungen besucht, jedoch bin ich nie abgeneigt. Es kommt immer drauf an.

Mick: Weltoffenheit ist das Stichwort, ich bevorzuge keinen bestimmten Kulturkreis oder eine Kunstform. Gemälden oder abstrakter Kunst in jeglicher Form kann ich meist nichts abgewinnen, jedoch interessiert mich meist Architektur oder Lyrik. Selber schreibe ich ab und an mal ein paar kurze Texte nieder.

Max: An Kunst gefällt mir, was dahinter steckt – die Motivation. Wenn ich mich vor ein Bild stelle langweilt es mich. Wenn das Bild aber eine Story hat, die mich bewegt, dann bin ich beeindruckt von der Kunst. Ich war zum Bespiel letztens in Paris im Louvre und es war stellenweise sehr langweilig, allerdings gibt dort Werke wie „le radeau de la méduse“, das eigentlich kein schönes Gemälde ist, der Anlass des Künstler aber, dieses Bild zu malen, einen sehr mitreißenden und interessanten Hintergrund hat. Jetzt hängt es in meinem Zimmer. Also eine Kopie.

Wo und wie kann man euch buchen, falls es den mindestens tausend Leuten im Planetarium gefallen sollte und sie mehr von euch sehen wollen?

Basti: Entweder, man spricht uns nach dem Konzert in Jena direkt an und tauscht Nummern aus, oder man kontaktiert unsere Facebook-Seite um dann alles weitere zu besprechen, wo wir immer so schnell wie möglich persönlich antworten. Wir freuen uns natürlich auch immer über konstruktive Kritik.

Mick: Bei unseren Konzerten verteilen wir mehrere unserer zehntausend Aufkleber; sie dienen als Visitenkarte, auf denen steht die Adresse unserer Homepage, die alle möglichen Infos und Kontaktmöglichkeiten beinhält. Mundpropaganda und Empfehlungen bei entsprechenden Veranstaltungen sind für uns bisher auch immer hilfreich gewesen.

Max: Einfach Mick anrufen: 0176 53607465

Vielen Dank für das Interview.

Das Interview verfasste M. Kruppe; Bildnachweise: Estra Dragon / Steph Lensky.
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[ Preview ] Line Bogh „Like Fire Like Fire“ | Wanderung in eine andere Welt

Am 15. 09. 2017 erscheint das neue Album „Like Fire Like Fire“ der dänischen Songwriterin Line Bøgh, die seit mehr als zwei Jahren immer wieder erfolgreich durch Dänemark und Deutschland tourt. Musikalisch wird sie unterstützt von ihrer Schwester Johanne Bøgh (Drums, Keyboard, Ukulele, Gesang) und ihrem Schwager Rasmus Ploug (Gitarre). In dieser Formation ist das Trio seit 2015 unterwegs und zeigt sich dem Publikum in einer nahezu perfekten Symbiose. Wir sind uns sicher, dass von der sympathischen Dame aus Kopenhagen in nicht all zu ferner Zukunft auf dem internationalen Markt noch die Rede sein wird.

Mit „Like Fire Like Fire“ legt Musikerin Line Bøgh nun ein Album vor, das sich zwischen melancholischen Sphären und verspielten Arrangements bewegt ohne dabei aufdringlich zu wirken.

Schon mit ihrem Debut Album „Something else, something else and something else again“ weiß die in Kopenhagen lebende Songwriterin mit ihrer fragilen Stimme zu verzaubern. Schnell fühlt man sich wohl in ihrer musikalischen Welt, die in einer Atmosphäre vieler aufbrechender Emotionen liegt.

Mit dem ersten Titel des Albums Like Fire Like Fire umgarnt Line Bøgh den Zuhörer und begleitet ihn sanft in jene Welt, die man nun gern und ohne zu zögern betritt. Selbst, wenn die innere Stimme warnen würde, man lässt sich von der Dänin an der Hand nehmen und in sein Schicksal führen und sei es der tiefste Abgrund. Aber Line Bøgh ist keine Sirene, keine Banshee, kein Dämon… sie ist die Songwriterin mit der beeindruckend fragilen Stimme, die nach dem dunklen Weg in die Weite ihrer Musik mit Titel zwei des Albums den gelben Mond präsentiert, der gern für dieses noch wie ein musikalisches Mysterium wirkendes Gebilde zu thronen scheint.

„I now a place“ flüstert sie im dritten Song und nun zeigt sich die Pracht der versteckten Welt, des Avalons, das Line Bøgh einst in einer weichen Nacht erschaffen haben muss.

Weiter geht es, still, als wolle sie niemanden aufwecken. „Out of air“, ein Chorus flüstert mit. Spätestens jetzt ist man eingeweiht, fühlt sich willkommen von den Bewohnern dieser Welt. Line Bøgh hält noch immer zart die Hand des Zuhörers und lächelt zufrieden.

Airplanes, der wohl beste Song des Albums, liegt fast in dessen Mitte und erzählt von dem dem gefrorenen Rauch der Flugzeuge in der Luft. Die aufkommende Kühle kann auch „Shot for Sophie“ nicht wett machen. Jetzt liegt das Land düster, eine Melancholie legt sich wie feiner Nieselregen aufs Gemüt und die Tragik der jungen Sophie ergreift, macht traurig.

Tragisch klingt auch „The sun hangs on string“ und doch scheint Line Bøgh die Stimmung ihres Gastes bemerkt zu haben. Beinahe tröstend singt sie, die Musik hebt sich auf ein verspieltes Umgarnen, das zu sagen scheint: „komm schon, klar ist nich alles fein, aber morgen wird’s besser.“ Und doch zieht sich textlich die Melancholie weiter. Die Welt, durch die Line Bøgh den Zuhörer folgt ist weich, und dennoch düster. Sie fühlt sich gut an und tragisch zugleich. Aber immer ist es die Stimme der Sängerin, eben jene Fragilität, die eine Geschichte erzählt und trösten will. Wen, bleibt offen. Vielleicht sich selbst? Vielleicht uns, die wir ihr folgen, freiwillig und gern?

Die Backing Vocals von Johanne Bøgh ergänzen das Gesamtbild. Die Ehrlichkeit, die Nacktheit der Musik und die experimentellen Arrangements des Produzenten-Duos David Elberling und Rasmus Glendorf schürfen weitere Tiefen in diese Welt aus Wohlfühlen und mitleiden, aus diesem schon erwähnten, seltsam undefinierbaren Glücksgefühl und fesselnder Melancholie.

Musikalisch bietet sich diese Welt in Klavier und seichten Syntharrangements, ab und an begleitet von leisen Bläsern, Glockenspielen, Ukulele und Gitarre. Ein Genre, in das sich Line Bøgh einordnen lassen müsste, gibt so so richtig nicht. Zwischen Pop und dem für Singer/Songwriter typischen Klang, Einflüsse aus der dunklen Ecke des Gothic ist Like Fire Like Fire schwer zu verorten.

Zur Hörprobe – Singleauskopplung „Yellow Moon“:

Auch textlich erweist sich Line Bøgh als sensible Künstlerin. So entsteht beim Lesen des Inlets der Eindruck, es lägen Gedichte vor, die für sich allein stehen könnten. Feingeistig beleuchtete Momente einer Seele, die in ihrem englischen Klang auch der Härte der dänischen, oder deutschen Sprache entgehen.

Als Fazit lässt sich sagen, dass mit „Like Fire Like Fire“ ein weiteres wundervolles Album der dänischen Musikerin und ihrer Mitmusiker vorliegt, das an dieser Stelle jedem ans Herz gelegt sei.

Die Preview verfasste M. Kruppe; freuen Sie sich in der März-Ausgabe unseres „Outscapes“-Printmagazins auf das Interview mit Line Bogh.

Bildnachweise: Cover: Niklas Antonsson / Porträt: Marie Rosenberg

Luci van Org „Kunst inspiriert mich, wenn ich sie fühle“ [Interview Teil 2] | Outscapes #5

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #5 [Edition Outbird] erschienen. In diesem Zusammenhang verweisen wir gern auch auf die Verlosung ihres neuen, handsignierten Buches „Die Geschichten von Yggdrasil – das kleine Familienbuch der nordischen Sagen“ unter Neu-AbonnentInnen.]

Antwortteil 2 zu Frage 1:

„… Auch hinter dem ersten Lucilectric- Album stehe ich bis heute voll und ganz. Wir waren in Deutschland immerhin die erste Band, die Technobeats mit Punkrock kombiniert hat. Auf unseren Konzerten wurde Pogo getanzt. Und „Mädchen“ musste erst in Holland ein Hit werden, bis deutsche Radios sich getraut haben, es zu spielen, weil der Song – so albern das heute klingt – zu „schräg“ und zu „rebellisch“ war. Am Anfang waren Lucilectric wundervoller, lustiger Krawall, ganz nach meinem Geschmack. Dann aber hat die Plattenfirma uns durch jede noch so blöde Mainstream-TV-Show gejagt, übel in unserem 2. Album herumgepfuscht und mit heftigsten Vertragsstrafen gedroht, wenn wir uns nicht fügen. Da wurde es kurz mal schlimm. Heute würde ich in solchen Situationen nur den Mittelfinger zeigen, aber mit Anfang 20 habe ich mich von sowas leider noch beeindrucken lassen.

Immerhin haben wir es dann geschafft, die Firma zu wechseln. und mit dem dritten Lucilectric- Album „Tiefer“, von dem es ein Song damals sogar schon auf einen Gothic-Sampler geschafft hat, begann dann eigentlich bereits die Rückkehr zur Ursuppe. Allerdings erstmal ohne dass ich es gemerkt hätte. Bis zum Debütalbum von „Das Haus von Luci“, dem ersten Album, das ich komplett allein produziert habe. Da wollte ich einfach nur ein richtig tolles Album machen. Wollte der Welt und mir selbst zeigen wie ich mich anhöre, wenn ich keine Kompromisse machen muss, und ich selbst fand das Album sehr fröhlich und poppig. Für Radio, Presse und die Booker der großen Festivals war es aber „schräg“ und „düster“; und das erste Festival, auf dem „Das Haus von Luci“ dann schließlich gespielt haben, war das WGT 2004… Soviel zu dem, was aus mir rauskommt, wenn ich keine Kompromisse machen muss. Die Begeisterung und Offenheit, mit der mich das Publikum damals in der Moritzbastei empfangen hat, hat mich dann komplett überwältigt. Das war ein echtes Nach-Hause-Kommen.“

Interview Teil 2

„… Erst Ende der Neunziger hat mich ein sehr netter Journalist ermutigt, es mal mit dem Kolumnenschreiben zu versuchen, was dann so gut geklappt hat, dass ich nicht mehr aufhören konnte zu schreiben.

Was macht mehr Spaß, das Schreiben oder die Musik (fiese Frage 😉)?

Bei Fleißarbeiten macht immer das am meisten Spaß, was ich gerade nicht tue. Beim Gitarre üben oder beim Spuren editieren im Studio würde ich viel lieber was schreiben; wenn ich Romankapitel oder Drehbücher überarbeiten muss, würde ich gern viel lieber Musik machen. Aber wenn´s einfach läuft, gibt es keinen Unterschied. Dann bin ich einfach nur glücklich mit dem, was ich mache.

Was unterscheidet „Üebermutter“ von Deinem Elektroprojekt „Meystersinger“?

Viel weniger, als es zunächst scheint. Beide Projekte sind unterschiedliche Pole desselben Planeten. In beiden geht es – oft ziemlich politisch – mit ganz viel ehrlichen Emotionen um Zwischenmenschliches. Bei Üebermutter speisen sich diese Emotionen aber vor allem aus Wut und bei Meystersinger aus Mitgefühl und dem Willen zur Versöhnung. Diese beiden Extreme, zwischen denen ich in meinem Leben ständig hin- und herpendele, in einem musikalischen Kosmos zu vereinen, habe ich bisher noch nicht geschafft. Da braucht es einfach zwei Bands – mindestens…

Liegt dir eins der Projekte mehr am Herzen und wenn ja warum?

Immer das Projekt, an dem ich gerade arbeite, ist mein wichtigstes Projekt und liegt mir am meisten am Herzen. Das kann morgens ein anderes sein als mittags und nachmittags wieder ein anderes.

Kunst ist Ausdruck des Ichs…. Ganz klar. Was Kunst für dich persönlich aus der Schöpferinnensicht bedeutet, liegt bei der Fülle an Projekten die du da am Laufen hast, auf der Hand. Gibt es auch Luci van Org die Konsumentin von Kunst? Was gefällt dir persönlich, was inspiriert dich und warum?

Kunst inspiriert mich immer dann, wenn ich echte Emotion spüre. Wenn ich das Gefühl habe, dass jemand nicht nur mit irgendeiner Masche, Mode, Form oder einem vermeintlichen Gefühl kokettiert, sondern wirklich den Drang hat, mir etwas mitzuteilen. So, wie zum Beispiel bei Trey Parker, dem Schöpfer von Southpark. In so gut wie allem, was er macht, und sei es noch so schwarzhumorig, ist der gnadenlos ehrliche Wunsch nach einer besseren Welt, nach einem besseren, liebevolleren menschlichen Dasein zu spüren. Wenn ich das irgendwann mal auch nur halb so überzeugend hinkriege, führe ich ein Tänzchen auf.

Seit wann ist Kunst und Kultur (so) wichtig für dich? Wie hast du entdeckt, dass du ein Faible für Kunst und Kultur hast?

Ich habe kein Faible für Kunst ins Kultur. Ich kann einfach nichts anderes, und nichts anderes würde mich glücklich machen.

Du nutzt Namen, Erfolge und Kontakte unter anderem auch als Schirmfrau des „Bundesverbandes verwaiste Eltern und trauernde Geschwister in Deutschland e.V. (VEID.e.V.)“. Welchen Bezug hast Du zu diesem Thema?

Den der Empathie und den der Einsicht, dass es Dinge gibt, die so entsetzlich und so grausam sind, dass ich sie nicht nachempfinden kann, wenn ich sie nicht selbst erlebt habe.

Ich kann Eltern, die den Tod ihres Kindes erleiden müssen, aber zumindest ein klein wenig beim Überleben helfen, und das versuche ich. Indem ich mich, wo immer es geht, darum bemühe, die Öffentlichkeit für die Wichtigkeit der Vereinsarbeit zu sensibilisieren und – ganz profan – auch Menschen davon zu überzeugen, Geld zu spenden. Am Wichtigsten ist mir aber, Berührungsängste gegenüber betroffenen Eltern abzubauen. Zu zeigen, dass im VEID trotz – oder sogar gerade wegen – der allgegenwärtigen Trauer auch gelacht und geliebt und gefeiert und geschimpft und sich gestritten wird. Davon zu erzählen, was für bewundernswerten Menschen mit oft übermenschlichen Kräften ich dort immer wieder begegne und wie viel ich von ihnen lerne. Genau dieser Kontakt mit den Betroffenen ist auch meine größte Motivation. Ich bin so dankbar für alles, was ich von ihnen schon lernen durfte und für das große Vertrauen, das mir entgegengebracht wird.“

Das Interview führten M. Kruppe und Tristan Rosenkranz. Teil 1 des Interviews und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #5 [Edition Outbird].

Luci van Org in unserem Webstore: bitte hier entlang.

Bildnachweise: Axel Hildebrand

Mozart (Umbra et Imago) | Alles, was ist – ein Frühstücksgespräch

mozart-4Bereits im September war ich mit meinem Kollegen Benjamin Schmidt und unserem Programm Sex & Drugs & LiteraTour auf Tour. Station und krönender Abschluss war dabei die Villa Oppidum Licentia, was soviel heißt wie „Stadt der Freiheit“ wie mir der virtuelle Übersetzer sagt. Gibt man die Begriffe einzeln ein, erhält man das Ergebnis „Verlassene Stadt“. Kein Geringerer als Umbra et Imago-Frontmann Mozart ist hier Herr des Hauses, das er zusammen mit der Künstlerin Madeleine Le Roy bewohnt. Im Keller der Villa veranstalten die beiden so manches und wenn man sich die tiefdüstre Einrichtung betrachtet, ist es nicht schwer zu erahnen, dass Fetisch- und SM-Partys einen Hauptaspekt bilden. Die „Gerätschaften“ allerdings waren an diesem Abend weitestgehend beiseite geräumt, ein Buffet war aufgebaut und die kleine Bühne war Podium der Lesung.

Um diese soll es aber nicht gehen an dieser Stelle, denn vielmehr darum, Mozart selbst zu Wort kommen zu lassen, denn natürlich habe ich die Gunst der Stunde genutzt, am Morgen danach, zwischen Kaffee und Brötchen, Mozart ins Kreuzverhör zu nehmen. Aus einem geplanten Interview von höchstens zehn Minuten wurde eine spannende Unterhaltung, die fast eine Stunde dauerte. Mozart, der gesprächige und intelligent-witzige Hühne plauderte, hob Schätze aus dem Boden der Erinnerung, sprach von aktuellen gesellschaftlichen Themen, von der Bedeutung von Kunst und Kultur und der Wichtigkeit, subkulturelle Bestrebungen, das, was wir den „Underground“ nennen, zu fördern und zu fordern. Zumal der Underground am Ende das ist, was die Kulturszene im Mainstream beeinflusst. Die wahre Avantgarde quasi…

Es ist ein herrlicher Septembermorgen. Wir sitzen im Gold der frühen Sonne, an einer Rehraufe, die inmitten eines parkähnlich angelegten Garten steht, nicht so groß wie Park, aber begrünt von Gesträuch, bestückt mit morbiden Skulpturen und einigen Umbra et Imago-Devotionalien.
Es duftet nach Spätsommer und Kaffee, nach Zigarettenrauch und frisch aufgebackenen Brötchen. Der Altweibersommer heizt die Atmosphäre, es ist warm und nichts erinnert daran, dass der Herbst im Anmarsch ist.
Ein bisschen zerknittert von der letzten Nacht sitzen wir also und ich stelle Mozart ein paar Fragen und lasse das Diktiergerät mitlaufen.

Moin Mozart… die Nacht war lang, aber ich habe trotzdem ein paar Fragen, auch, wenn der Tag noch jung ist. Zunächst einmal, denn das interessiert mich grundsätzlich bei Künstlern, wie bist du zur Kunst und zur Musik gekommen, wer hat dich beeinflusst?

Bei mir war das komisch. Es gibt so Menschen, die fragst du „was willst denn du mal werden?“ und dann heißt es Lokführer… Pilot und so. Ich habe von Anfang an gewusst, was ich werden wollte und hatte nur Widerständ (lacht). In der Schule hat man uns gefragt, was wir werden wollen und alle nannten ihre Traumberufe und ich sagte Sänger. Da haben alle gelacht. Das fand ich komisch, dass die meinen Beruf auslachen, bis ich eines Tages begriffen habe, dass man das nicht so ernst nimmt. Als es dann soweit war, habe ich überlegt, was ich nun machen sollte und entschied mich, Schauspieler zu werden. Ich bewarb mich in Köln an einer frisch eröffneten Schauspielschule und bekam einen Platz, aber mein Vater verhinderte das, weil er wollte, dass ich einen gescheiten Beruf erlerne. Daran scheiterte schon einmal dieser Entschluss.

Dann versuchte ich, Musik zu studieren, hatte aber auch da recht wenig Lust, also ging ich weiter nach Hamburg zu einer Musical-Schule, um da mal reinzuschnuppern. Das war das Grauen. Hauptfach Tanz und so. Und mit Musicals kann ich eigentlich sowieso nichts anfangen. Aber das war die einzige Chance, ein Musikstudium zu machen, wo du quasi in moderne Gefilde gehen kannst. So richtig ist da aber auch nichts draus geworden, ich hatte immer Kohle-Probleme. Eines Tages sagte der Jörg Eisel von Love Like Blood, der ja damals der schlaue Kopf hinter Lacrimosa und ein sehr schlauer Mensch war, zu mir: Mozart… bei deiner kranken Mucke musst du ein Label gründen. Schau mal, wenn du hier bleibst, dauert es sechs Semester, drei Jahre. Überleg mal, was du dann kannst. Nix! Du kannst weder komponieren noch dirigieren, aber hast sechs Semester studiert. Was willste denn dann machen? In die Oper gehen? Und das hat mich überzeugt.

Ich hatte damals schon mit vielen Berufsmusikern zu tun, die immer Klinken geputzt haben und irgendwann einfach verzweifelten, obwahl das richtig geniale Musker waren. Und es ist ja auch so, dass sich mit Berufsmusikern nie richtige Freundschaften entwickeln, weil du mit denen arbeitest und die arbeiten auch nur mit dir, wenn du sie bezahlst. Das war das Problem bei meinem ersten Projekt The Electric Avantgard. Wir waren eben alle Berufsmusiker, die sind fit aber das war halt alles sehr steril und das merkst du auch an den Kompositionen, die waren komplett schräg, auch, wenn das natürlich eine gewisse Professionalität hat, denn das sind ja Berufsmusker und das merkst du auch. Deswegen habe ich dann recht schnell mit Autodidakten Umbra et Imago gegründet. Das war jetzt mal wirklich sehr kurz umschrieben (lacht).

Was hat dich denn beeinflusst, gerade diese musikalische Schiene zu befahren? Welche Künstler und Bands haben dich denn auf eben diesen Weg gebracht, den du mit Umbra seit nunmehr 20 Jahren gehst?

Also die ersten Eindrücke damals zu Teenie-Zeiten, die mich geprägt haben, waren Bay City Rollers und Sweet. Ich war absoluter Sweet-Fan und kann mich nicht erinnern, dass ich später noch einmal ein Fan von etwas war. Ich habe mich auch endlich getraut, auf der neuen Platte mit Ballroom Blitz, ein Cover zu veröffentlichen. Von der Persönlichkeit her hat mich Bob Marley beeinruckt, obwohl mir Reggae anfangs gar nicht gefallen hat. Aber die Biografie hat mich sehr beeindruckt. Ich habe gemerkt, dass ich, wenn ich etwas lese, auch etwas lernen und erfahren kann über die Persönlichkeit eines Künstlers, ohne das Genre das er vertritt im eigentlichen zu mögen.

Dann haben mich natürlich die Punk- und NewWave-Zeiten geprägt, bis dann der Gothic kam. Und weil ich das gerade so erzähle: Ganz wichtig sind auch The Doors, die mich sehr geprägt haben, denn ich habe schon damals gedacht, dass das eigentlich weniger Blues, als eher Gothic ist.

Es gibt da so eine Geschichte… ich erzähl sie einfach. Damals gab es das WOM (World of Music) noch, der Laden, wo diese Kopfhörer hingen, wo du in die Alben reinhören konntest, die angeboten wurden. Gothic-Zeugs hast du damals noch eher selten gekriegt, Sisters, Cure, klar, auf Bestellung, aber ansonsten gabs da eher nichts. Ich geh so durch und sehe eine Platte von Fields of the Nephilim. Wegen des kranken Covers wurde ich darauf aufmerksam. Ich setz den Kopfhörer also auf und habe ihn nicht wieder runtergekriegt. Ich saß da, zwei oder drei Stunden komplett versunken und war völlig fasziniert, bis der Verkäufer kam und dachte, ich sei so ein Vollarschloch, das sich nur die Mucke anhört, aber nichts kauft. Er tippt mich von hinten an und pustet mich voll zu. Ich habe seinen Schwall bis zum Ende ertragen und dann völlig baff gesagt: „Ich möchte alles von dieser Band!“ (lachen). Der Typ guckt mich fassungslos an und sagt „Wirklich alles?“ Und ich so: „alles, alles!“ Dann durfte ich mit in sein Büro, er hat mir sogar die EPs noch mit bestellt und war völlig beschämt, dass er mich so angemacht hat. Alles was ich noch sagen konnte war: „Ich hatte soeben ein Schlüsselerlebnis!“ Dann habe ich mir wirklich alles von den Fields bestellt, was ich kriegen konnte und ich fand, DAS war meine Mucke. Diese Schichtmusik, wo man nicht durchhüpft, sondern durchfliegen kann. Und dann dieser Pathos-Gesang… alles was ich geliebt habe, war in dieser Mucke drin, dieses Orchestrale, dieses Bombastische, aber dann auch wieder dieses Zurückgenommene.
Das war wirklich die GANZ kurze Fassung dessen, was mich beeinflusst und geprägt hat (lacht).

Auch auf die Gefahr hin, dass die nächste Frage wieder zu einem sehr ausführlichen Exkurs führt (lachen) werde ich sie stellen. Ihr feiert ja in diesem Jahr euer 20 jähriges Jubiläum mit Umbra et Imago. Wenn du zurückblickst, Mozart, kannst du mir einen guten, wirklich herausragenden Moment der Band und einen wirklich beschissenen Moment nennen?

Nun ja, es gibt wirklich sehr viele Momente, die gut und die nicht gut waren. So richtig kann ichs nicht differenzieren. Ich kann vielleicht für mich so persönliche Höhepunkte heraus ziehen. Negativ war zum Beispiel ein Moment in der „Alten Spinnerei“ in Glauchau. Wir hatten unseren Aufbau mit Flaschenzug und die Rowdies hatten nicht richtig aufgepasst. Unser Hauptrowdy hängt sich also an den Flaschenzug, der andere zieht ihn hoch. Der am Flaschenzug schrie, weil er Höhenangst hatte, lies los und fiel zu Boden. Das Ergebnis war ein offener Bruch. Das war ziemlich scheiße. Der Knochen hing raus, er hat geblutet wie wild und alle sind auseinander gerannt. Ich dachte damals, ich kann mit Blut nicht umgehen, aber unser Drummer und ich haben ihm dann geholfen, denn zum Glück war unser Drummer ausgebildeter Sanitäter. Der Rowdy hat geschrien wie am Spieß, das muss echt höllisch weh getan haben. Na ja und am Abend stehst du dann auf der Bühne und musst spielen, das ist schon sehr, sehr unangenehm. Wir sind nach dem Gig direkt ins Krankenhaus gefahren. Das war wohl ein sehr komplizierter Bruch, denn der Typ hatte dann ein Jahr lang noch Probleme. Am Ende war es dann so, dass die Zwei sich auch noch zu streiten angefangen haben. Die Schuldfrage und so und du stehst halt irgendwie dazwischen.

mozart-2Positiv sind so Auftritte, wenn du unterwegs bist und bist total knülle und du sitzt im Tourbus. Hier passieren so viele Geschichten. Ein Bandkollege hatte die Angewohnheit, wenn er total breit war, hat er mit dir geredet, so wie ich gerade mit dir rede und hat plötzlich mitten im Satz aufgehört und dann knickte der Kopf ab und er war eingeschlafen. Es verging dann so eine halbe oder eine Stunde, wir haben ihn alle ausgelacht. Der Hammer ist, er wacht dann irgendwann wieder auf, wir sind schon zwei Stunden bei einem ganz anderen Thema und er sagt den Satz genau an der Stelle fertig, den er vor zwei Stunden einschlafend abgebrochen hat. Anfangs haben wir gar nicht begriffen, was er sagt, doch dann ist das öfter passiert. Wir haben uns dann ein Spaß draus gemacht, ihn schön breit zu machen, weil wir das immer wieder erleben wollten.

Was auch sehr schön war, in Glauchau, das ist mir auf jeden Fall in Erinnerung geblieben. Wir hatten ein neues LineUp und während der Proben mit den neuen Menschen kriegen die ja gar nicht so mit, was wir eigentlich für eine Bühnenshow haben, Und dann stehen die da und kriegen das mit. Das verarbeitet nicht jeder gleich (lacht). Und da hatte ich so eine Truppe gehabt, die sind irgendwann vulgär geworden. Es ging immer nur ums Ficken und die Sprache war extrem … vulgär eben und das hat mich total angekotzt, dass ich mir dachte, da musst du was machen. Ich hatte damals ein Model, eine Dame, die ab und zu für mich gearbeitet hat und ziemlich unerschrocken war. Die hab ich mir zur Seite genommen, das war ein Gig in Glauchau wie gesagt, und ich fragte sie, ob sie mitmachen würde, die Jungs mal so richtig vorzuführen. Ich schlug ihr vor, sich im Tourbus komplett nackt auf den Tisch zu setzen, die Beine auseinander und anzufangen zu masturbieren mit dem Satz. „Los fickt mich alle“. Sie sagt erst, dass sie das nicht bringen könne, doch weil ich wusste, was passieren würde, sagte ich, dass es hier nur um den pädagogischen Wert ginge, es würde sie keiner anfassen. Und dann hat sie das echt gemacht. Es war so still im Bus auf einmal. Einer von uns drehte sich damals immer Zigaretten. Er sieht das, ihm schläft das Gesicht ein, der ganze Tabak krümelt zu Boden (lacht)… es war eine Totenstille und plötzlich sind alle aus dem Bus raus (lacht).

Ich hab mich bei ihr bedankt, bin raus und hab meine Jungs zusammen gerufen und sagte: Ey, ihr habt euch so blamiert und ihr habt mich blamiert und ihr habt genau das gemacht, was die Arschlöcher da draußen erwarten. Ihr habt mir voll in die Fresse gehauen. Und jetzt kommt da eine Frau rein und ihr seid nicht mal fähig, danke zu sagen und haut ab wie die Volltrottel. Ich möchte kein Wort mehr hören über so ne Scheiße, außer, es ist ernst gemeint, sonst passiert echt was. Seitdem war Ruhe.

Die Sache ist, dass du im Mittelpunkt stehst, gerade, wenn du solche Shows machst und die meisten Leute gar nicht verstehen, was du da machst. Wir werden so oft kritisiert. Ich habe überhaupt nichts gegen Kritik, denn Kritik kann dich eigentlich nur vorwärtsbringen, aber ich habe keine Lust, mir Kritiken so auf Bildzeitungsniveau anhören zu müssen so von Menschen, die überhaupt keine Ahnung haben von dem, was ich überhaupt mache und sich dann noch zu erdreisten, mir erzählen zu wollen, was ich zu tun habe. „Wie tief steckt Regina Halmich im SM-Sumpf“ war so eine Schlagzeile Ende der Neunziger (wegen einer musikalischen Kooperation mit der Ex-Boxerin, Anm. d. Verf.). Und dann kommen diese Schlagworte… „SM-Sumpf“ und so oder „Swinger-Flittchen“, das geht mir auf den Sack.

Nachvollziehbar. Es sind ja oft die Unwissenden, die am lautesten schreien. Eine Frage, die für unser Magazin auch von sehr eigenem Interesse ist lautet, welchen Stellenwert denn die Literatur bei dir hat. Hat sie denn einen Stellenwert?

Ich hatte nie gedacht, dass ich überhaupt schreibe. Das war ein Prozess, der ziemlich schnell ging. Ich bin nicht einer von den Typen, die noch im Alter mit Leggins und nacktem Oberkörper auf die Bühne müssen. Das habe ich alles gemacht, aber meine Meinung ist, dass man sich mit dem Alter auch künstlerisch verändern sollte ohne seinen roten Faden zu verlieren, und trotzdem seine Würde noch zu zeigen. Auf der Bühne, das hat ja alles was mit Würde zu tun, deswegen mache ich Kunst. Du kannst auch würdevoll über Sexualität erzählen, du kannst würdevoll über Gewalt berichten, du kannst im Grunde alles würdevoll machen. Das ist für mich wichtig. Ich habe einen ästhetischen Anspruch und bin ein stolzer Mensch. Und das ist elementar. Aber gleichzeitig ist es auch wichtig, sich nicht reinlabern zu lassen (überlegt sehr lange). Ich glaube als Künstler arbeitet man in einem Beruf, bzw hat eine Berufung, die unterschwellig immer so schwelt und die da ist. Irgendwann habe ich gemerkt, ich kann mich mit meinen Songtexten nicht so deutlich ausdrücken. Die Jungs sagen immer, kürz mal da etwas weg, und lass mal dort deinen literarischen Anspruch weg, und ich habe festgestellt, dass ich das, was ich sagen will, nicht so richtig in den Text packen kann. Und deshalb habe ich angefangen mit so philosophischen Texten, weil zuerst, das ist ja immer so, kommt die Philosophie dann kommt die Politik und dann kommt die Exekutive. Wir leben zum Beispiel noch immer in der Scholastik, die Kriche spielt noch immer eine Rolle. Das war der Ursprünglich aber war ich auch damals, als ich diese Erkenntnis hatte, noch immer nicht richtig überzeugt davon, dass ich schreiben müsste. Was sollte ich berichten?

Und dann habe ich gemerkt, nachdem ich sehr viele Biografien von Kollegen gelesen habe, unter Anderem von den Rolling Stones, dass in den wenigsten wirklich was drin steht. Wie zum beispiel die Deals ablaufen, wie sie bei dem oder dem Ding so viel Glück gehabt habem wie das eigentlich alle sso war im Hintergrund, wie das mit den Hells Angels und dem Toten war, aber sowas stand da nicht drin, nur heile Welt… Bei Lemmy Kilmister wars recht lustig, aber er hatte wiederum das Hauptaugenmerk darauf, wie ihn die Plattenfirmen alle abgezockt haben und wie er sich so durchgeschlängelt hat. Aber eigentlich stand nirgends so richtig das drin, was mich persönlich interessiert hat. Und dann habe ich Kai Hawai gelesen, von Extrabreit. Und das hat mich beeindruckt, Das war so knallhart offen und ehrlich. Der Umgang mit seiner Sucht zum Beispiel, also wirklich … knallhart und das war etwas, was mich wirklich beeindruckt, hat, etwas, wovon ich dachte, dass ich das auch könnte. Also nicht nur stur und ernst, sondern auch ein bisschen… weißt du, das ganze Leben ist sarkastisch, das war ein gewisser Sarkasmus, aber auch eine befreiende Ehrlichkeit, weil du bist nicht angreifbar. Wie soll dich jemand angreifen, wenn du absolut ehrlich bist?

Als ich mein Buch geschrieben habe, sagte meine Frau immer „das kannste nicht bringen, jeder Depp der was im Hirn hat, erkennt dich darin“, woraufhin ich sagte: „Ja, aber genau das ist ja mein Schutz.“ Mir ist das doch scheißegal. Wer mich beobachtet, erkennt mich doch auch. Aber zumindest kann ich es so in meinen Worten formulieren und ich kann meine Erlebnisse so nach außen tragen, ohne dass ich jemanden beleidigen muss. Dann ändere ich freilich entsprechende Namen aber eben nur so, dass man trotzdem noch erkennt, um wen es geht. Es gibt eben Menschen, mit denen bist du sehr gut befreundet, ein Herz und Seele quasi und auf einmal geschieht etwas und du bist dir spinnefeind. Aber auch so etwas will ich erzählen. So habe ich eben gemerkt, in längeren Texten, da geht ja was. Da kann ich Gedanken ausdrücken, die die ein bisschen länger sind. Dann habe ich schlechte Lesungen gesehen. Ich hab innerhalb von drei Jahren sechzig Lesungen veranstaltet. Irgendwann lernte ich einen Schauspieler im Rahmen einer dieser Lesungen kennen, der hat mir eine Einzelvorstellung von Faust präsentiert, das hat mich ungehauen. Diese Präsenz und dieses unaufdringliche Können, da waren auch nur 20 Leute da aber ich hatte so Gänsehaut, das war der Hammer. Im Anschluss an die Lesung habe ich ihn dann gefragt, wie er das macht und habe herausgefunden, dass er, wenn er auf Lesungen geht, immer die Sachen nimmt, die er mit seinem jeweiligen Ensemble ohnehin spielt, aber solo interpretiert er sie endlich mal so, wie er das gern möchte. Und das ist der Punkt: er kennt die Texte in- und auswendig und kann so eben aus dem Vollen schöpfen. Und so legt er seinen ganzen Schwerpunkt in die jeweilige Figur, was mir sehr, sehr gut gefallen hat. Und da habe ich mir so gedacht: DAS mache ich auch. Da habe ich angefangen, zu schreiben.

Du machst ja nun auch Lesungen, warst mit deinem Buch auf Tour. Gibt es einen Unterschied zwischen dem Mozart, der auf mit Umbra auf der Bühne steht und dem Mozart, der als Autor vor einem Publikum sitzt?

Aber ganz klar ja. Meine ersten Lesungen habe ich mit acht Leuten auf einer Bühne gemacht. Das waren so Texte mit Inquisitionsstimmung. Die Leute waren alles Profis, das war toll. Danach habe ich dann allein gelesen und habe gemerkt, dass das eine komplett andere Baustelle ist. Du hast keine Musikwand hinter dir. Du hast keine Ablenkung. Die Leute schauen dich an. Du muss unglaublich Wert darauf legen, jeder Versprecher wird deutlich wahr genommen. Als Musiker kannst du sowas auf der Bühne wegnuscheln, da hast du Hall drauf oder so. Aber also Auor ist das komplett anders. Du merkst, wie du Pointen falsch setzt, wie du dich voll zum Trottel machen kannst. Und das hat mich angetörnt! Das fand ich voll geil. Ich hab dann angefangen, in kleinen Locations zu lesen und das hat mich ebenfalls unglaublich geprägt. Von diesen Gigs habe ich auch einiges mit „rübergenommen“ zu Umbra, weil das eine komplett andere Ansprache ist. Man muss eben einfach anders arbeiten, muss sich viel besser vorbereiten. Klar, jeder verliest sich mal, aber schlimm wird es, wenn du da gar nicht mehr raus kommst. Es gibt ja so unmögliche Situationen, da hast du einen Verleser drin, ärgerst dich deshalb über dich selbst und in dem Moment, wo du dich über dich selber ärgerst, kommt dann das volle Chaos. Ich habe in solchen Momenten für mich gelernt, dass du da einfach abbrechen muss und wichtiger noch ist, auch mal über dich selbst lachen zu können, musst komplett aus dem Thema aussteigen, weil klar, du hast es gerade echt versaut. Fazit also, ja, es ist etwas ganz anderes, allein auf einer Bühne zu sitzen, oder eben mit Band da zu stehen.

Ohne zu überlegen Mozart, ganz spontan: Fünf Lieblingsautoren…

Gary Jennings … (überlegt sehr lange), Erich Fromm, Friedrich Nietzsche, Immanuel Kant, lange nicht so musikalisch wie Friedrich Nietzsche, aber trotzdem gut. Im Moment lese ich Schopenhauer und finde ihn gut, weil er nur abkotzt. Nicht zu vergessen Pauline Réage (Dominique Aury), weil ihre Romane mir gezeigt haben, dass es erotisch sein kann, nicht von Pornografie zu erzählen, sondern das Innenleben auszubreiten. Das hat mich fasziniert. Das Innenleben auszubreiten und damit eine andere Art von Lust zu erzeugen, nämlich eine intellektuelle Lust, die unbedingt dazu gehört. Außerdem Sigfried Obermeier, der auch sehr gute historische Romane geschrieben hat.

mozart-3Du hattest gestern erzählt, dass du einen Teil deines Hauses gern ausbauen willst um einen Raum für Kultur zu schaffen. Wie genau sehen deine Pläne aus, und wie wichtig ist es, (Frei-)Räume für Kunst und Kultur zu schaffen?

Ja, ich habe 1994 angefangen, die Kulturruine hier in Karlsruhe zu betreiben. Innerhalb dieses Gebäudes, das waren immerhin knapp 1000 qm, gab es drei Einheiten. Das war einmal ein SM-Club, zum anderen ein Café und eine Disco und das andere war unser Tonstudio. Das habe ich sehr gern gemacht, das hat mich auch sehr geprägt, aber ich habe irgendwann gemerkt, dass es weder mir, noch den Leuten auf Dauer gereicht hat, weil die Zeiten sich verändert haben. Die Idee ist nun, das Ganze verkleinert wiederzubeleben. Das obliegt verschiedenen Beobachtungen. Zum einen werden die Leute älter und wenn sie fort gehen, wollen, brauchen sie ein gewisses Niveau. Außerdem hat das ja auch inzwischen etwas mit gewissen Aufwendungen zu tun. Du brauchst ein Kindermädchen, du musst dir den zeitlichen Freiraum schaffen, du musst meist weit fahren. Früher hast du das gemacht, weil du Leute kennen lernen wolltest, das machst du heute ab einem gewissen Alter nicht mehr.

Kurz: die Zielgruppe, die wir eigentlich erreichen wollen, hockt zu Hause. Außer, du bietest ihnen etwas an, das es lohnt, diese Aufwendungen in Kauf zu nehmen, zum Beipsiel, um Kultur aufzunehmen, was viele ja schon lange nicht mehr gemacht haben. Oder einfach, um mal wieder raus zu kommen, Gespräche zu führen. Auch geht es darum, Künstler selbst zu treffen, einen Gedankenaustausch zu führen, was Künstler ja widerum auch sehr gerne machen, wenn das Publikum intellektuell ist. Das fällt mir eben seit längerem auf und deshalb habe ich hier in der Villa Oppidum Lecentia inzwischen einige kleinere Test-Veranstaltungen gemacht, die recht gut ankamen. Und das ist, was ich will. Es sollte so sein, wie zum Beispiel gestern nach eurer Lesung. Alle, wirklich ausnahmslos alle sind raus und sahen aus, als hätten sie einen Heiligenschein. Es waren alle zufrieden, habt ihr das beobachten können? Sie haben sich bei euch bedankt, sie haben sich bei mir bedankt und es waren wirklich alle total glücklich. Das lag eben daran, dass sie etwas gehört haben, was sie bewegt hat und weil sie im Anschluss einen Austausch führen konnten. Und genau DAS ist es, was uns heute fehlt. Es fehlt eben auch, den Menschen mal wieder zu zeigen, dass Solidarität extrem wichtig ist. Ich meine auch die Solidarität im gemeinsamen Denken und im gemeinsamen Verarbeiten von etwas. Und das kann man – glaube ich – nur bis zu einer Höchstgrenze von 50 Leuten schaffen.

Und dazu ist es wichtig, dass der Rahmen passt. Du musst den Menschen zum Beispiel auch ein Abendessen bieten. Nicht umsonst gab es früher in den Salons unter anderem Tee und Buffet. Schau, allein, wenn ich das Essen abhole, habe ich einen sozialen Kontakt. Übers Essen habe ich einen Gesprächsstoff, ohne dass eine Situation irgendwie peinlich wird und ich muss auch nicht unbedingt auf irgendwen zugehen, sondern ich kann einfach anfangen zu reden. Das heißt, allein über das gemeinsame Essen habe ich eine unglaubliche Hemmschwellenüberwindung. Ich habe dann das Gefühl, wenn das alles stimmt, einen wunderbaren Abend gehabt zu haben. Ich habe gut gegessen, habe Kultur genossen, habe andere Menschen kennen gelernt und ich habe mich obendrein noch super unterhalten. Und wenn, wie gesagt, das alles passt, dann kannst du davon ausgehen, dass die Leute wiederkommen. Ich weiß, dass ich damit nicht meinen Lebensunterhalt verdienen kann, aber ich habe gemerkt, dass ich das selber, ganz für mich schon brauche. Ich habe mich gestern so wohl gefühlt, weil ich endlich mal wieder etwas Vernünftiges gehört habe.

Es gibt auch Lesungen bei denen man eben nicht so ergiebig raus geht. Ich bin auch schon aus Lesungen raus und wusste nicht, was man mir eigentlich sagen wollte. Für mich war das gestern ein Highlight, schon weil ich da in dem Raum saß und froh war, das alles ist, wie es ist. Es war total angenehm, es war gut und ich habe das so genossen, obwohl ich total müde war. Und ich glaube, genau DAS müssen wir schaffen, den Leuten solche Abende zu bieten und das können wir unter anderem über den Schwarzen Salon schaffen. Und man schafft das, indem man sich untereinander Jobs gibt. Das ist das einfachste Mafia System überhaupt (lachen). Ja, das hat schon immer funktioniert. Weißte, mich macht es traurig, dass es mittleweile nicht mehr geht, einfach aus Spaß an der Freude mit anderen Künstlern zusammen zu arbeiten. Heute hat irgendwo die Plattenfirma mitzureden und mit Sicherheit gibt es viele, die gern mit mir zusammen arbeiten wollen würden, sich aber gar nicht trauen, weil ich gar nicht so hohe Verkaufszahlen habe wie sie und es sich für sie eben nicht lohnt, mit mir zu arbeiten und das ist letzlich das, worum sich alles dreht. Es geht heute kaum noch um das, was am Ende als Ergebnis heraus kommt.

Es geht auch darum, Menschen mal eine Plattform zu geben, die große Künstler sind, es aber gar nicht wissen oder solche, die einfach kein Podium haben. Es gibt so viele eher introvertierte Menschen, die es richtig drauf haben, die geniale Gedanken haben, die sich aber oft nicht trauen, vor vielen Leuten zu lesen. Aber genau DAS will ich schaffen, weil ich dann auch an der Kunst selbst dran bleibe und nicht in den Elfenbeinturm gehe. Weißt du, ich habe mich selbst beobachtet und ich bin mir sicher, dass es dir da auch so geht, wenn ich irgendwie weg gehen will, sagen wir, in Stuttgart ist irgend eine Gothic-Party und ich will da hin. So, nun ist am Nachmittag irgendwas passiert, irgendeine Kleinigkeit. Vielleicht hat etwas nicht so geklappt, wie ich das wollte. Ich gehe einfach davon aus, dass sechzig Prozent dann sagen, ach komm, wir fahren doch nicht… Stuttgart ist ja auch ne Ecke weg, dann ist das noch und jenes, wenn wir heim kommen, müssen wir noch Wäsche waschen, lass uns einfach da bleiben. Lass uns ein feines Weinchen trinken… und so weiter. Und ich glaube, das passiert oft. Wenn du jung bist, da willst du raus, da ist echt fast alles egal. Du willst raus, willst eine Frau kennen lernen, willst deine Kumpels treffen, da gibt’s tausend Gründe. Wenn du nun aber älter bist, eine Familie hast, da geht das dann so nicht mehr. Und wenn ich Künstler bin, dann muss ich mir auch solche Gelegenheiten schaffen, um überhaupt mal wieder ins Gerede zu kommen, um mal aufzunehmen, was überhaupt aktuell angesagt ist.

Ich habe zum Beispiel bis gestern nicht gewusst, dass ihr als Sex & Drugs & Literature auch um Themen kümmert wie die EU und diese unglaubliche Tendenz nach Rechts bzw. die Salonfähigkeit rechter Tendenzen. Auf einmal sind alle wieder salonfähig, weil sie einen Scheiß lügen und wenn man die reden hört, dann frierts einem am Arsch, weißte. Und DAS ist etwas, wo ich gar nicht mehr mit Leuten reden kann, weil sie solche Sachen sagen wie „Ja, aber es geht doch so nicht weiter. Wir müssen doch für Recht und Ordnung sorgen, schau mal, da ist schon wieder jemand vergewaltigt worden“ und so. Und ich hasse Männer, die Frauen zwingen, einen Burkini anzuziehen. Ich möchte in keiner Gesellschaft leben, in der ich keine Frau zu Gesicht bekomme. Das heißt, dass ich quasi ein totales Gewissensproblem mit mir selber habe, weil ich irgendwie auch nicht unbedingt für die Araber bin, die Frauen zu irgendwas zwingen, aber ich bin andererseits total dagegen, wie man diese Menschen behandelt, verstehst du, was ich meine?! Das sind Menschen, die Hilfe suchen und dann denke ich, ich bin kein Bundeskanzler oder so was, aber es gibt mit Sicherheit Lösungen, diesen Menschen wirklich zu helfen. Man kann ihnen auch mal über Jahre hinweg kurz helfen. Man kann doch nicht einfach die Grenzen dicht machen?!

mozart1Das beschäftigt mich dermaßen, dass die nächste Platte sich damit beschäftigen wird. Seit dem ich darüber nachdenke, ist meine Musik auch viel aggressiver geworden. Das Album sollte eigentlich einen ganz anderen Titel haben, aber eben weil mich das alles so beschäftigt, wird es „Die Unsterblichen – das zweite Buch“ heißen. Ich hätte es auch gern „Demokratur“ genannt, aber das ist dann zu einseitig, obwohl Demokratur ein so geiles Wort ist. Und so ist es doch auch, das ist, worin wir leben. Sie sagen mir, ich dürfte wählen, aber ich hab doch überhaupt keine Chance. Ich wähle und wähle und wähle und immer kommt die Merkel raus und jetzt sägen sie die Merkel ab für eine Sache, die ich nun wieder gutheißen muss, so dass ich ja jetzt gar nicht gegen sie sein kann. Und dann höre ich so einen Hetzer wie den Seehofer, der einer der Schlimmsten ist, der den ganzen Rechten auch noch den Weg aufmacht und dann merke ich, wie sie jetzt alle rumhecheln, sogar der dumme SPD Fritze schwenkt jetzt um und greift diese Flüchtlingspolitik an. Das geht mir echt auf den Sack. Es ist ein Gelaber um nichts und die Probleme, die wirklich da sind, die werden gar nicht behandelt.

Die Wohnraumprobleme zum Beispiel, die wir schon so lange haben, dass alles verkauft wird, bis hin zu den Wasserwerken, dass sie, dass wir nichts mehr haben außer Schulden, weil die einfach blöd sind. Sie haben uns immer vorgemacht, die Globalisierung sei der Deal. Jeder der denken kann weiß, dass das gar nicht gehen kann, nicht mal nach marktwirtschaftlichen Gesetzen, denn wenn ich Monopolisten habe wird’s nicht billiger, es wird nur zeitweise einen Konkurrenzkampf geben, aber es wird teurer werden. Wir werden abhängig sein von jedem Scheiß und ich glaube, es geht nur weiter, wenn man wieder Nischen baut. Wenn jeder sein eigenes Gemüse anbaut zum Beispiel. Und jeder macht was anderes, eben das, was er kann. Ich geb dem dann eben meine CD und er gibt mir ein Kilo Kartoffeln. Ich glaube, so wird’s kommen. Ich hab schon vor dem Tag Angst, wenn hier mal der Strom ausfällt. Stell dir das mal vor. Wir wären platt. Wir könnten uns nicht mal mehr anrufen. Man schreibt ja auch keine Briefe mehr, wie sollen wir denn kommunizieren?! Mal dir das mal aus, zwei Tage kein Strom! Alles würde zusammenbrechen. Jeder Supermarkt wird überfallen, keiner kann mehr kommunizieren, es wird Psychopathen geben, die ihr Pokemon nicht mehr finden, verfickte Scheiße, die drehen doch alle durch… die würden doch ihre eigene Oma zusammenschlagen, nur weil ihr dämliches Pokemon nicht mehr geht… (lachen). Dieser ganze Mist ist doch wie Tranquilizer. Stell dir mal vor, du nimmst denen das weg?! Was machen die dann?

Letzte Frage, Mozart. Ist Provokation ein Stilmittel und wenn ja, welche Bedeutung hat es?

Unbedingt ja. Provokation gehört zu Kunst. Provokation heißt aber für mich auch, nicht unverschämt zu sein. Provozieren heißt schockieren. Ich glaube, das ist ist ganz wichtig. Weißte, ich habe früher über Show provoziert, aber inzwischen provoziere ich eher über Ansagen und auch, das ist ganz wichtig, über und mit Selbstironie. Und es ist nun einmal so, dass wir als Künstler die Verpflichtung haben, der Spiegel der Gesellschaft zu sein. Ich sehe sonst keinen Sinn drin. Es soll unterhalten, aber es war eben auch schon immer so, dass Spott und Provokation zu etwas geführt haben. Wir haben eben alle auch einen Bildungsauftrag. Ich such den zwar bei Unheilig immer noch, aber im Prinzip ist es so. Und manche Künstler verpassen den auch (lacht).

Ein sehr schönes Schlusswort Mozart. Wenn es nach mir geht, könnten wir jetzt noch Stunden hier sitzen und reden. Aber der Platz im Magazin ist begrenzt und wenn ich daran denke, all das Gesagte demnächst abtippen zu müssen, überlege ich schon jetzt, vielelicht doch wieder Hausmeister zu werden… Ich bedanke mich also für das Interview und freue mich, wenn wir uns im März hier an der selben Stelle wiedersehen.

Das gekürzte Interview und vieles mehr: in unserer Printausgabe Nr. 2 vom Dezember 2016.
Verfasser: M. Kruppe.
Bildnachweis: M. Kruppe.

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