[ Rezension ] Yeah But No „Yeah But No“

Der Postmann bringt mir den edlen Schotten einer langjährigen Freundin, der – eigentlich für Heiligabend bestimmt – gerade leise meine Kehle hinunterbrennt. Heute fühlt sich alles anders an, so frei von Energie, als müsse sich der Energiehaushalt zu Weihnachten und Jahreswechsel hin erst reorganisieren. Zwei zu kurze Nächte, eine davon fast restlos verfeiert. Und ich sitze an der liegengebliebenen Rezension zum emotionalen Flugteppich namens „Yeah But No“ mit ihrem unfassbaren gleichnamigen Album.

Es gibt ja keine Zufälle, sonst hätte ich mit „es ist einem Zufall geschuldet“ begonnen, den Weg von Yeah But No in meine Gehörgänge zu rekonstruieren. Mario Willms´ alias Douglas Greed´s Lebensweg läuft schon seit vielen Jahren parallel zu mir oder meiner Wahrnehmung, was mit Wurzeln in der gleichen Heimatstadt und teilweise Szene nicht ausbleibt. Irgendwann vor wenigen Monaten wurde ich auf ein Video aufmerksam, was der seit Langem zum Musiker herangereifte Willms postete, und kam seitdem nicht mehr runter davon.

Yeah But No frisst sich in den eigenen emotionalen Resonanzkörper, setzt sich fest in Form massiver Gänsehaut und lässt einen übermütig dazu neigen, alles Schwerwiegende loszulassen. Weiche, sanfte, logische Klangläufe, die jede Disharmonie vermissen lassen. Elektronisch schwingende Minimalismen, die bei aller Reduktion eine Dichte beim Hörer erzeugen, dass es ein Leichtes ist, zum – man verzeihe mir dieses abgetragene Wort – Dauerbrenner zu mutieren.

In meinem Autoradio lief die Scheibe rauf und runter, meine Tochter und Freunde waren flugs angefixt. Und sahen sich bemüßigt, Mario Willms und Fabian Kuss´ Popprojekt mit „heute leider nicht mehr möglichen Depeche Mode“ zu beschreiben, als Musik auch, die Erinnerungen wachruft. Mir fallen Referenzen wie Fever Ray ein, mitunter auch Burial und irgendwo im Hintergrund Massive Attack. Und ich merke beim Schreiben, dass dieser Sound alles andere als Rotweinmusik ist und klar zu gutem Single Malt passt.

Unfassbar, was Fabian Kuss vor diesem soundarchitektonischen Background da als Gesangspart liefert. Mit einer festen, weichen Stimme, die  zwischen Fragilität und dem Verlust von Raum-Zeit-Strukturen changiert und Unterschiede zwischen Fragen und Antworten vergessen lässt.

Problematisch nur: man sollte solche Musik nicht hören, wenn man verliebt ist (doch, sollte man, und zwar genau dann!), weil man sie verliert, sollte man seine Liebe verlieren. Man kommt nicht mehr ran, und vielleicht ist genau das der Grund, warum ich heute Whisky trinke – um die Rezension zu diesem Ausnahmeprojekt zu schreiben.

Yeah But No ist Leichtigkeit, ist tiefe Liebe, ist Zerbrechlichkeit und Angst, ist Sanftheit und ein weiter, weiter Weg durchs Leben. Den ebenjene beiden Musiker da auch auf brillante Weise widerspiegeln. Mit Yeah But No ist es wie mit einer tiefen Liebe oder einem edlen Whisky: so etwas findet einen, wenn man Jahre weit gelaufen ist…
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Die Rezension verfasste Tristan Rosenkranz; in der Dezember-Ausgabe unseres „Outscapes“-Magazins finden Sie im Printformat Teil 1 des Interviews mit Yeah But No, online unter diesem Link Teil 2.

Anna K. O.
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Yeah But No „Melancholisches Rauschmittel“ [Interview Teil 2] | Outscapes #6

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #6 [Edition Outbird] erschienen.]

Antwortteil 2 zur vorangegangenen Frage:

„… Ich war fasziniert davon welche Tiefe die Produktionen hatten und das ich manchmal selbst nach dem tausendsten mal Hören noch Kleinigkeiten im Sounddesign entdecken konnte. Wahrscheinlich fing damals meine ProduzentenLeidenschaft an.

Wenn man Yeah But No hört und sich an den puren Schalk Mario Willms da draußen in der Realität erinnert, meint man fast, Du habest Deinen Humor verloren. Ist Yeah But No musikalisches Gegengewicht zu Deinem Wesen?

M: Das geht ja immer alles zusammen. Ohne Humor könnte man manchen Dinge nicht ertragen und manche Dinge sind so tragisch das sie schon wieder lustig sind. Wenn es um Musik geht dann sind meine favorisierten Klangfarben allerdings immer dunkel, immer melancholisch. Melancholie ist meine Batterie. Wenn ich lustige oder fröhliche Musik höre bekomme ich Kopfschmerzen und schlechte Laune. Läuft Radiohead dann geht die Sonne auf.

Fabian, warum diese fast schmerzliche Schönheit? Wieviel Schmerz verbirgt sich in Yeah But No?

F: In jeder Schönheit liegt auch ein Schmerz. Ohne Schmerz kein geschlossenes, ausgewogenes Emotionsbild. Bei der ganzen happy clappy Musik im deutschen Popradio sehnt es uns nach Fragilität und Zerbrechlichkeit. Das Melancholische bei Seite: In jedem Schmerz und in jeder Vergänglichkeit liegt ja auch wieder etwas Neues, ein Neuanfang oder eine schmerzliche Erfahrung, die man machen musste, um Dinge wieder positiver zu sehen.

Was hebt Yeah But No von der Popwelt ab? Und was markiert Eure musikalische Heimat beim Berliner Label Sinnbus?

F: Wir haben keine musikalischen Rahmen, wir schreiben und schrauben so lange bis es sich für uns gut anfühlt. Bei uns muss der Refrain nicht nach einer Minute kommen und wenn es keinen Refrain gibt, auch ok. Das Dreiergespann Sinnbus macht einen fabelhaften Job. Wir hatten schon beim ersten Treffen das Gefühl, dass wir bei Sinnbus an der richtigen Adresse sind.

Zu einem derart kreativen Output gehört immer eine Portion Wahnsinn. Welche Farbe hat der Eure?

Ein dunkles Blau.

Nach Gera kommt Jena kommt Berlin… Letzte, und zwar unvermeidliche Fragen: was ist Gera für Dich (geblieben)? Was spricht für diese unterschätzte Stadt? Welche Nahrung braucht sie?

M: Die Stadt ist natürlich immer noch irgendwie Heimat. Ich freue mich darauf meine Eltern zu besuchen und die süß-saure Erinnerung an meine Teenagertage einatmen zu können. Es ist aber auch sehr schade zu sehen wie die Stadt nahezu zerbrochen ist. Aber die Kindheitserinnerungen trösten darüber hinweg.“

Das Interview führte Tristan Rosenkranz (Rezension folgt nach). Teil 1 des Interviews und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #6 [Edition Outbird].

Bildnachweis: Anna K. O.
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[ Preview ] Line Bogh „Like Fire Like Fire“ | Wanderung in eine andere Welt

Am 15. 09. 2017 erscheint das neue Album „Like Fire Like Fire“ der dänischen Songwriterin Line Bøgh, die seit mehr als zwei Jahren immer wieder erfolgreich durch Dänemark und Deutschland tourt. Musikalisch wird sie unterstützt von ihrer Schwester Johanne Bøgh (Drums, Keyboard, Ukulele, Gesang) und ihrem Schwager Rasmus Ploug (Gitarre). In dieser Formation ist das Trio seit 2015 unterwegs und zeigt sich dem Publikum in einer nahezu perfekten Symbiose. Wir sind uns sicher, dass von der sympathischen Dame aus Kopenhagen in nicht all zu ferner Zukunft auf dem internationalen Markt noch die Rede sein wird.

Mit „Like Fire Like Fire“ legt Musikerin Line Bøgh nun ein Album vor, das sich zwischen melancholischen Sphären und verspielten Arrangements bewegt ohne dabei aufdringlich zu wirken.

Schon mit ihrem Debut Album „Something else, something else and something else again“ weiß die in Kopenhagen lebende Songwriterin mit ihrer fragilen Stimme zu verzaubern. Schnell fühlt man sich wohl in ihrer musikalischen Welt, die in einer Atmosphäre vieler aufbrechender Emotionen liegt.

Mit dem ersten Titel des Albums Like Fire Like Fire umgarnt Line Bøgh den Zuhörer und begleitet ihn sanft in jene Welt, die man nun gern und ohne zu zögern betritt. Selbst, wenn die innere Stimme warnen würde, man lässt sich von der Dänin an der Hand nehmen und in sein Schicksal führen und sei es der tiefste Abgrund. Aber Line Bøgh ist keine Sirene, keine Banshee, kein Dämon… sie ist die Songwriterin mit der beeindruckend fragilen Stimme, die nach dem dunklen Weg in die Weite ihrer Musik mit Titel zwei des Albums den gelben Mond präsentiert, der gern für dieses noch wie ein musikalisches Mysterium wirkendes Gebilde zu thronen scheint.

„I now a place“ flüstert sie im dritten Song und nun zeigt sich die Pracht der versteckten Welt, des Avalons, das Line Bøgh einst in einer weichen Nacht erschaffen haben muss.

Weiter geht es, still, als wolle sie niemanden aufwecken. „Out of air“, ein Chorus flüstert mit. Spätestens jetzt ist man eingeweiht, fühlt sich willkommen von den Bewohnern dieser Welt. Line Bøgh hält noch immer zart die Hand des Zuhörers und lächelt zufrieden.

Airplanes, der wohl beste Song des Albums, liegt fast in dessen Mitte und erzählt von dem dem gefrorenen Rauch der Flugzeuge in der Luft. Die aufkommende Kühle kann auch „Shot for Sophie“ nicht wett machen. Jetzt liegt das Land düster, eine Melancholie legt sich wie feiner Nieselregen aufs Gemüt und die Tragik der jungen Sophie ergreift, macht traurig.

Tragisch klingt auch „The sun hangs on string“ und doch scheint Line Bøgh die Stimmung ihres Gastes bemerkt zu haben. Beinahe tröstend singt sie, die Musik hebt sich auf ein verspieltes Umgarnen, das zu sagen scheint: „komm schon, klar ist nich alles fein, aber morgen wird’s besser.“ Und doch zieht sich textlich die Melancholie weiter. Die Welt, durch die Line Bøgh den Zuhörer folgt ist weich, und dennoch düster. Sie fühlt sich gut an und tragisch zugleich. Aber immer ist es die Stimme der Sängerin, eben jene Fragilität, die eine Geschichte erzählt und trösten will. Wen, bleibt offen. Vielleicht sich selbst? Vielleicht uns, die wir ihr folgen, freiwillig und gern?

Die Backing Vocals von Johanne Bøgh ergänzen das Gesamtbild. Die Ehrlichkeit, die Nacktheit der Musik und die experimentellen Arrangements des Produzenten-Duos David Elberling und Rasmus Glendorf schürfen weitere Tiefen in diese Welt aus Wohlfühlen und mitleiden, aus diesem schon erwähnten, seltsam undefinierbaren Glücksgefühl und fesselnder Melancholie.

Musikalisch bietet sich diese Welt in Klavier und seichten Syntharrangements, ab und an begleitet von leisen Bläsern, Glockenspielen, Ukulele und Gitarre. Ein Genre, in das sich Line Bøgh einordnen lassen müsste, gibt so so richtig nicht. Zwischen Pop und dem für Singer/Songwriter typischen Klang, Einflüsse aus der dunklen Ecke des Gothic ist Like Fire Like Fire schwer zu verorten.

Zur Hörprobe – Singleauskopplung „Yellow Moon“:

Auch textlich erweist sich Line Bøgh als sensible Künstlerin. So entsteht beim Lesen des Inlets der Eindruck, es lägen Gedichte vor, die für sich allein stehen könnten. Feingeistig beleuchtete Momente einer Seele, die in ihrem englischen Klang auch der Härte der dänischen, oder deutschen Sprache entgehen.

Als Fazit lässt sich sagen, dass mit „Like Fire Like Fire“ ein weiteres wundervolles Album der dänischen Musikerin und ihrer Mitmusiker vorliegt, das an dieser Stelle jedem ans Herz gelegt sei.

Die Preview verfasste M. Kruppe; freuen Sie sich in der März-Ausgabe unseres „Outscapes“-Printmagazins auf das Interview mit Line Bogh.

Bildnachweise: Cover: Niklas Antonsson / Porträt: Marie Rosenberg