[ Rezension ] Tomas Jungbluth „Kammerflimmern“

[Rezension Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #9 erschienen. In diesem Zusammenhang verweisen wir gern auf das Interview mit ihm sowie sein aktuell in der „Edition Outbird“ erschienenes Buch „Kammerflimmern“ in unserem Onlinestore (siehe auch nachfolgendes Coverfoto).]

„… Mutig ist dieses Buch also ebenso, wie es emotional ist und das Thema Trennung auch aus einer gewissen Entfernung beleuchtet.

Aber nicht nur die Thematik selbst wirkt wie eine Fessel, die den Leser / die Leserin an das Buch bindet und sich erst dann löst, wenn das letzte Wort der letzten Seite gelesen ist. Es ist auch das Sprachbild, das sich zwischen Poesie und Lyrik, Prosa und analytischem Essay bewegt. Es sind die Bilder, die Jungbluth zeichnet, die nicht Kontinente, nicht Welten, die beinahe Universen sind. So schiebt er sein durchaus hartes Thema in eine sprachliche Weichheit, die ihre Vergleiche sucht.

Diese reich bebilderte Sprache fasziniert ebenso, wie der unübersehbare innere Trieb, das Faktische in Metaphern auszudrücken. Oftmals ist eine an Metaphern reiche Sprache aufdringlich, wirkt gekünstelt und ist nicht selten nervig. Nicht so bei Tomas Jungbluth. Der schafft es tatsächlich, seine Gefühle sprachlich dicht zu bebildern, ohne dass man irgendwann übervoll ist und das Buch weglegt. Es sind gerade auch jene Bildwelten, die der Autor zeichnet, die eine Art Zwang bilden, weiter und immer weiter zu lesen. Ein Zwang, der in keiner Minute, in keiner Zeile unschön wirkt.

Zum Ende hin wird es stiller, das Licht seiner Schreibtischlampe scheint dunkler geworden zu sein. Ein Hauch von Alkohol und Zigarettenrauch scheint durch die Stube zu wabern und irgendwie ist da dieses Bedürfnis, ihm auf die Schulter zu klopfen und zu sagen: „Well done Brother! We all now this feeling! Come on… your nose need the smell of heaven!“

Die Rezension verfasste M. Kruppe. Neben Teil 1 der Rezension finden Sie vieles mehr im „Outscapes“-Magazin #9 [Edition Outbird].
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[ Rezension ] Susanne Agnes Fauser „Lilian“

[Rezension Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #9 erschienen. In diesem Zusammenhang verweisen wir gern auf das Interview mit ihr sowie ihr aktuell in der „Edition Outbird“ erscheinendes Buch „Lilian“ in unserem Onlinestore (siehe auch nachfolgendes Coverfoto).]

„… Ich entdeckte Frühlingslaub darin und eine Sonne, welche gesprenkeltes Licht auf das Grün eines Waldes warf. Eine Melodie, keine Worte. Zuletzt sah ich Liebe. Golden glitzerndes Blutrot, marmorierte Flügel der Engel. Das zarte und blasse Silber der Furcht.“

Leichthändig umreißt sie mit dem Vertiefen der Geschichte die Lebenswelt der beiden, die sie in einer Kommune leben und damit die Aufmerksamkeit der ganzen Stadt gewiss haben. Einer Aufmerksamkeit, der letztlich religiöser Hass entspringt. Hier allerdings mehr zu verraten, würde die Leserschaft spoilern. Insofern: dieses Buch lohnt sich, es ist atemlos, verursacht Gänsehaut und bringt so einige Male das eigene tiefe Rätsel und Empfinden der Liebe in innere Resonanz. Danke für dieses Werk!“

Die Rezension verfasste Marius Grün. Neben Teil 1 der Rezension finden Sie vieles mehr im „Outscapes“-Magazin #9 [Edition Outbird].
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[ Rezension ] Kai-Uwe Kohlschmidt „Detzman Walking“

Detzman Walking – Oder die Verwandlung des Hermann Detzner

„Wer ist Hermann Detzner? Die Frage sollte besser lauten: Wer war Hermann Detzner? Haben Sie je von diesem Mann gehört? Ich auch nicht. Und wäre nicht Kai-Uwe Kohlschmidt (siehe „Outscapes“-Magazin #8) einst über das Buch „Vier Jahre unter Kannibalen“ gestolpert, würde dieser Name gewordene Teil deutscher Geschichte noch immer vom Staub der Vergangenheit be- ja … -verdeckt sein und wohl auch bleiben.

Der Regisseur, Autor, Musiker und zur Künstlergruppe „Mangan25“ gehörende Sandow-Frontmann aber las dieses Buch und wurde neugierig. Und wenn Kohlschmidt neugierig ist, wird nicht selten aus Neugier ein Projekt.

„Detzman Walking“, erschienen im Majorlabel, ist denn auch das Ergebnis einer anfänglichen Neugier. Gut, ich sollte vielleicht den gesamten Titel des Hörspiels nennen: „Detzman Walking – Oder die Verwandlung des Hermann Detzner“.

Der Hauptitel klang für mich zunächst wie die schlechte Adaption eines Hollywoodklassikers, der dem gleichnamigen Tatsachen-Roman „Dead Man Walking“ der Ordensschwester Helen Prejean entlehnt ist. Wenn man aber weiß, von wem dieses Hörspiel ist, weiß man auch, dass eine schlechte Titelkopie de facto nicht infrage kommt, denn Kai Uwe Kohlschmidt ist ja nicht irgendwer. Dies ist nicht sein erstes Hörspiel, mitnichten. Und es wird auch nicht sein letztes sein, so viel steht fest.

Aber kommen wir zum Eigentlichen.

„Detzman Walking“ ist mehr als ein Hörspiel. Ein Themen überspannendes Werk, das eigentlich eines längeren Textes bedarf, es zu rezensieren. Ja, man könnte eine Arbeit darüber schreiben.

Da wird der erste Weltkrieg ebenso gestreift wie die Kolonialisierung, die deutsche Missionsgeschichte, die Kaiserzeit, Mystik und Religion und fast nebenbei erfährt man (auch) noch etwas über Papua-Neuguinea, wennschon dieses „etwas über“ fast schon fehl am Platze ist, ist doch der geografische Dreh- und Angelpunkt genau dieser drittgrößte Inselstaat im Pazifik.

Und doch ist dieses Werk – und ja, diesen Namen verdient das Hörstück – nicht überladen, sondern reiht sich trotz seiner Themenvielfalt sinnvoll aneinander. Mehr noch: man wird neugierig und spätestens nach dem ersten Hören greift man direkt zum aufwändig gestalteten Booklet, um mehr zu erfahren. Doch die Informationen hier reichen trotz ihres überraschenden Umfangs nicht wirklich aus. Also nutzt man wie von selbst die Suchfunktion seines Browsers, um mehr zu erfahren. Mehr von diesem ebenso seltsam schrägen, wie später eher tragischen Typen Hermann Detzner, mehr von diesem Christian Keyßer, mehr von Kolonialzeit und überhaupt: der erste Weltkrieg trug sich auch in Ozeanien zu?

In einer parallelen Struktur greift das Stück einerseits die Expedition der Künstlergruppe „Mangan25“ nach Papua-Neuguinea auf, in der es auf Spurensuche nach Hermann Detzner und Christian Keyßer ging, andererseits in Monologen aus Tagebucheinträgen und Dialogen aus der Zeit, der die Protagonisten das deutsche Kaiserreich in damals noch Deutsch Neuguinea zu verteidigen glaubten. Letztere sind freilich größtenteils erfunden oder besser gesagt: „konstruiert“.

Uns so ist „Detzman Walking“ kein gewöhnliches Hörspiel, sondern bewegt sich irgendwo zwischen Reportage, Feature und dann doch klassischen Hörspielelementen, wie man sie von Kai-Uwe Kohlschmidt kennt. Die Soundteppiche, die exakt die Stimmungen des jeweils Erzählten unterstreichen, bewegen sich zwischen sphärischen Klängen und teils surrealen Effekten bis hin zu altem deutschen Liedgut aus der Kaiserzeit.

Im Beginn nimmt uns Detzner, gesprochen von Alexander Scheer, mit in seine Zeit, in dem er einen Auszug aus seinem Tagebuch liest. Die typische Geräuschkulisse des Urwaldes impliziert unterstreichend: Wir sind in der Wildnis Ozeaniens, irgendwann zu Zeiten des ersten Weltkrieges. Und plötzlich spaltet sich die Struktur, eine zweite, nun weibliche Stimme, gesprochen von der Schauspielerin und Ärztin Arta Adler, verschiebt die Sicht und zunächst ist unklar, wohin. Es entsteht eine ungewisse Zweidimensionalität, die durch die Soundkollagen sehr mystisch wirkt. Der sprechende Kakadu, namens Pfefflein, wie man später erfährt, nährt diesen Eindruck eindrücklich und erinnert irgendwie auch an Kult-Hörspielreihe „ Die Drei ???“.

Die Reise beginnt. Nicht nur für mich als Zuhörer, sondern auch für die Expeditionsgruppe „Mangan25“, denn nun stellt sich heraus, dass jene weibliche Stimme die Autorenstimme ist und in einer Art Parallelerzählung vom Trip der Gruppe auf den Spuren des Protagonisten berichtet. Abgewechselt bzw. ergänzt durch Einschübe von Original-Mitschnitten, Aufnahmen und Interviews, erfahre ich nun mehr von der Reise, der Gruppe, den Menschen die man trifft und befragt. Jenen Menschen, die Angst zu haben scheinen. Angst davor, etwas zu erzählen, denn Detzmann, so sagt man, sei noch dort, gegenwärtig, ja justament zugegen.

So tritt der deutsche Landvermesser und Militarist, der sich vier Jahre in Neuguinea vor den Australiern versteckte, die in den ersten Weltkrieg ebenso involviert waren, wie Russen, Franzosen, Engländer und so fort, als Vertreter seiner Zeit, in den Dialog mit Vertretern unserer, der Jetztzeit. Klug kombinierte Sprachspiele in Form von monologischen Ansagen Detzners, antworten auf Gesagtes von Papua-Neuguineern, die im Interview nicht recht wissen, ob sie reden sollten oder nicht. „Ihr seid des Todes, wenn ihr mit jemanden darüber sprecht!“ muss Christian Keyßer, der deutsche Missionar gesagt haben, der einige Jahre vor Hermann Detzner hier her kam und ein Wegbegleiter Detzners gewesen ist. Und da die „Eingeborenen“, als sie zum ersten Mal weiße Menschen sahen, meinten, dass dies die Rückkehr ihrer Urahnen sei, schwebte von Beginn an eine gewisse Ehrfurcht mit, die bis heute anhält. Die Fragenden müssen bohren, um ihre Neugier stillen, um Spuren der Deutschen finden zu können.

In wen oder was verwandelt sich Hermann Detzner? Welche Rolle spielt der Missionar Christian Keyser? Was erlebt die Expeditionsgruppe „Mangan25“? Und: zu welchem Ergebnis kommt sie, will sie kommen?

All diese Fragen will ich offen lassen, denn Sie sollten, dies ist (m)eine absolute Empfehlung, sich dieses Meisterstück des Hörspiels auf keinen Fall entgehen lassen. Ein Versprechen: Sie werden reicher an Wissen, erfahren von geschichtlichen Hintergründen ebenso, wie vom Leben auf dem drittgrößten Inselstaat im Pazifik gestern und heute. Und das alles in einer Gesamtkomposition die Sie von der ersten bis zur letzten Minute nicht los lassen wird. Auch thematisch nicht, denn wie eingangs bereits erwähnt, habe ich persönlich anschließend noch einige Stunden im Netz zugebracht, um mehr zu erfahren. Und ich bin durchaus dankbar, dieses Stück wirklich unbekannter deutscher Geschichte erfahren zu haben.“

Bildnachweis: Majorlabel / Roberto Schirdewahn

Die Rezension verfasste M. Kruppe. Zum Hörbuch „Detzman Walking“ folgen Sie bitte diesem Link.
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[ Rezension ] Christian von Aster (Hrsg.) „Boschs Vermächtnis“

[Vorliegende Rezension ist ebenfalls in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #8 erschienen.]

„Es gibt Werke, die einen ein Leben lang nicht mehr verlassen. Sie schlummern vielleicht manchmal nach der Erstentdeckung Jahre vor sich hin, aber sie gehen nie ganz fort. Beispielsweise „Märchen aus 1001 Nacht“. Ich liebte sie und tue es noch. Erst unlängst nahm ich es wieder in die Hand, bevor andere spannende Stoffe die Hoheit übernahmen. Eines dieser spannenden Neuerscheinungen war und ist „Boschs Vermächtnis“ unter Christian von Asters Herausgeberschaft, ein Buch von mehr als 400 Seiten. Von Aster, dem Hieronymus Bosch im Alter von 14 Jahren ins Leben trat, trug sich lange Jahre mit dem Gedanken, Bosch zum Thema seiner literarischen Arbeit zu machen, bis diese Idee eines Tages herangereift war.

Zum Bestellen bitte anklicken.

Was heute nun vor mir liegt, ist ein Prachtwerk, dass mit AutorInnen wie Luci van Org, Sonja Rüther, Michael Schweßinger, Alex Jahnke, Vera Wehberg, David Gray, Astrid Mosler oder Christian von Aster selbst nicht nur einige der besten ErzählerInnen der deutschen Gegenwartsliteratur versammelt, sondern auch mit einer bestechenden Vielfalt Bosch´scher Deutungen aufwartet, die sich in eine schier unerschöpfliche Vielfalt fantastischer Geschichten ergießt. Oft wähnt man sich von mittelalterlichen Welten umgeben, folgt auf dunkle Pfade zwischen Bedrohlichkeit, Untergang und der Suche nach Erlösung, folgt den Charakteren oder vielmehr DEM Charakter auf psychedelische Rauschfahrten oder durch ihre Wahnvorstellungen. Dann wieder wird man in eine überirdische Nummer zweier Frauen auf dem Boden eines Museums hineingezogen, die in den Seelenverkauf einer ausgebrannten und ausgehungerten Spieleentwicklerin mündet, findet sich Seiten später in einem endlos bösen Trip Boschs wieder, der nur erahnen lässt, wie besessen dieser kongeniale Künstler gewesen sein muss (oder könnte?), um wiederum Seiten später vom obsessiven Briefwechsel zwischen Johanna I. von Kastilien und Hieronymus von Bosch mitgerissen zu werden.

„Boschs Vermächtnis“ besticht in vielen seiner fantastischen Erzählungen durch die wechselnden Perspektiven und Ebenen, die sich durch den Erzählsog mitunter erst später auflösen. Oft musste ich erst wieder auftauchen ins Jetzt und Hier, wenn ich in eine dieser Geschichten geraten war. Um festzustellen, dass man sich auf dieses Buch nur voll und ganz einlassen kann. Ich schätze, man würde – beispielsweise in der U-Bahn – die Welt mit all ihren Pflichten um sich herum vergessen und am Abgleich mit derselben scheitern. Vielleicht erklärt sich damit auch die Magie des Triptychons „Garten der Lüste“ von Hieronymus Bosch: Sein weltberühmtes wie seinerzeit provokantes Gemälde wie auch dieses Buch schillern in so unendlich vielen Facetten, dass es einem Trip gleicht, ein vollendetes Verständnis davon erlangen zu wollen.

Man kann es als Geschenk verstehen, dass man dieses wundervolle Buch niemals ganz entschlüsseln wird, allein schon weil Bosch nur noch als herausragende Künstlerlegende existiert. Und – für mich – jetzt schon ein ähnlich starkes Schlüsselwerk wie ebenjene „Märchen aus 1001 Nacht“. Das nicht zuletzt dadurch glänzt, Bosch eine mehr als gebührende Erinnerung zu verschaffen.

Die Rezension schrieb Tristan Rosenkranz. Mehr Themen und Interviews finden Sie im „Outscapes“-Magazin #8 [Edition Outbird].
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[ Rezension ] Dirk Bernemann „Ich hab die Unschuld kotzen sehen IV“

[Im Zusammenhang mit nachfolgender Rezension verweisen wir gern auf die Verlosung seines handsignierten aktuellen Buches. Informationen dazu gibt es unter diesem Link.]

Dirk Bernemann sucht kleine Wunden und reißt sie brutal auf

Es ist nichts Neues, wenn Attribute wie „melancholisch“, „düster“, zuweilen sogar „pessimistisch“, aber auf jeden Fall auch „humorvoll“ und der Name Dirk Bernemann in einem Satz genannt werden. Bernemann ist kein Unbekannter Autor (mehr) und jene Attribute könnte man als Markenzeichen bezeichnen, wenn da nicht eine Art Lot durch seine Texte ginge, das die Tiefen des in Berlin lebenden Schreibers eindeutig als authentisch ausmachen würde. Was wir in den Büchern Bernemanns lesen, ist keine aufgesetzte Masche, ist kein Haschen nach Aufmerksamkeit und schon gar nicht der krampfhafte Versuch, Pointen zu verfolgen, sie künstlich zu installieren um der „literarischen“ Mode unserer Zeit gerecht zu werden. Dirk Bernemann ist echt, ist ein Mensch mit einem scharfen Blick in einer unscharfen Zeit. Und seine, man muss tatsächlich sagen: depressive Erscheinung zeigt, dass da keine Maske vor einem doch oftmals traurigen Gesicht liegt.

So auch in dem nunmehr vierten Teil des ersten Bestsellers „Ich hab die Unschuld kotzen sehen“.

In seinen Storys beleuchtet er einmal mehr die negativen Seiten des Seins, erzählt vom Suizid eines Teenagers, spricht von einer Beziehung die keine ist und die mehr als unschön endet und von der Veränderung einer anderen Beziehung durch einen wirklich tragischen Schicksalsschlag. Und spätestens hier hatte er mich, wie er mich auch in seinen anderen Büchern bekam.

Allerdings geschah bei Lesen eben dieser erwähnten Story etwas, das mir noch nie beim Lesen einer Story passiert ist. Die Kombination von Sprache in dem für Bernemann so typischen Stil, die Nichtvorhersehbarkeit des Verlaufs und am Ende die Tatsache der Eigentlichkeit, der Wendung der Handlung bauten mir erst einen Kloß in den Hals. Das aber reicht dem Autor nicht. Er will den Schmerz ganz ausdehnen so scheints und reißt die gestochene Wunde ganz langsam, beinahe sorgfältig und doch mit einer derartigen Wucht auf, dass ich ernsthaft heulen musste. Und wie gesagt, das ist mir noch nie beim Lesen eines Buches so gegangen. Und ich wage zu behaupten, dass er sich selbst beim Schreiben dieser Story ein bisschen quälen wollte.

Mit dem für ihn so bekannten schwarzen Humor macht er auch keinen Halt vor Menschen mit Behinderungen, ohne dabei aber beleidigend zu werden, der von oben herab zu wirken. Er nennt das Kind, das in seinen Geschichten oft schon längst in den Brunnen gefallen ist, beim Namen, ja, er ruft hinterher, um zu erfahren, ob es noch lebt. Und wenn es noch lebt, wirft er Steine hinterher, damit es sich im Todeskampf nicht quälen muss. Man könnte auch den Rettungsdienst rufen, aber Dirk Bernemann ist nur Beobachter…

„Ich hab die Unschuld kotzen sehen IV“ ist ein Muss für jeden Optimisten, der einmal die andere Seite der so viel genannten Medaille sehen will, eine absolute Empfehlung für jeden Pessimisten, der sich bestätigt sehen will und eine nicht weniger dringende Empfehlung für alle Anderen, irgendwo zwischendrin, die keinen Bock haben auf die „Friede-Freude-Eierkuchen-Welt“ fernab aller Deutlichkeit.
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Die Rezension verfasste M. Kruppe; in der Dezember-Ausgabe unseres „Outscapes“-Magazins finden Sie im Printformat Teil 1 des Interviews mit Dirk Bernemann, online unter diesem Link Teil 2.

Dirk Bernemann in unserem Onlinestore: Bitte hier entlang.

Bildnachweis: Sophia Vogel
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[ Rezension ] Hellmuth Opitz „In diesen leuchtenden Bernsteinmomenten“

Pünktlich zum Herbstbeginn, wenn alles in den Startlöchern liegt, um für uns in den schönsten Farben zu Schimmern, wir den vergangenen Wochen des Sommers nachsinnieren, mit dem Bernstein des Meeres in der Hand, umhüllt in dem wärmenden Leuchten der Farbenpracht des Waldes, erschien nach langen 6 Jahren des Wartens, das neue Buch von Hellmuth Opitz „In diesen leuchtenden Bernsteinmomenten“ im Pendragon Verlag.
In seiner klaren Sprache macht er preisgekrönt seinem Berufstand des Schriftstellers alle Ehre. Mit gekonnten Worten malt er lebhafte Bilder aus längst vergangenen Zeiten und gegenwärtigen Realitäten, durch welche er die Leser sehr feinfühlig und intelligent führt, damit sich die Möglichkeit bietet, dies in seiner Ganzheit zu durchleben, in ihrem wahren Sinne, eigentlich viel mehr, sie zu schmecken, zu hören, zu sehen und voll und ganz zu erfühlen.

Mit seiner direkten Wortgewandheit, entführt er uns nicht nur in die Schönheit der Vergangenheit und die augenblickliche Wirklichkeit, sondern lässt einen in seinem lyrischen und prosaisch anwirkenden Texten gleichzeitig wie in die Untiefen der menschlichen Seele in einen Spiegel schauen, welche uns die Gratwanderung des Lebens aufführt und durch seine lakonische Anwendung der Sprache deshalb ebenfalls  im Dunkel keinen Schwere auf dem Gemüt liegt, sondern immer einen Schimmer der essenziellen Hoffnung am Horizont erscheinen lässt.

Hellmuth Opitz hat mit seiner kleinen und feinen Gedichtsammlung, welches in sieben Kapiteln geordnet daher kommt, ein Buch geschaffen, welches jeden Leser, der mit offenen Herzen, Augen und Geist, dem Leben gerne, mit all seinen Höhen und Tiefen gegenübersteht und sich nicht scheut, auch in die euphorisch und flüchtig verwirrenden Abgründe unseres menschlichen Dasein zu blicken, ohne den eigentlichen Weg aus den Augen zu verlieren, voll und ganz in seinen Bann ziehen und erreichen kann.

So kommt das Buch mit seinem populistisch anmutendem Cover, einer glatten und unspektakulären Oberfläche daher, beschenkt aber einen jeden in seiner Tiefe, weit darüber hinaus mit einem Wunderwerk der Worte, in seiner reinsten Form, bereichernd und erfüllend für Geist und Seele. Dieses Buch ist ein Geschenk für all die besonderen bernsteinfarbenen Momente der Stille und es ist bei weitem mehr als ein bis zwei Blicke wert.
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Die Rezension verfasste Emma Wolff; freuen Sie sich in der Dezember-Ausgabe unseres „Outscapes“-Printmagazins auf eine weitere Rezension des Pendragon Verlags – zu David Grays „Sarajevo Disco“.

Zur Buchbestellung bitte hier entlang.

Bildnachweis: Isabel Opitz
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Benjamin Schmidt | Schon immer ein Krüppel

„Schon immer ein Krüppel“? – Der Berliner Autor Benjamin Schmidt veröffentlicht seinen zweiten Roman

benjamin-schmidt-titel-667x1024-01-667x1024Würdest du von dir behaupten, ein Krüppel zu sein? Würdest du über dies sagen, dass du schon immer ein Krüppel warst? Ich habe mir diese Frage gestellt, nachdem ich Benjamin Schmidts Buch „Schon immer ein Krüppel“ vor seiner Veröffentlichung in Ansätzen lesen durfte.

Ich kam nicht umhin, zunächst zu fragen: was ist überhaupt ein „Krüppel“?

Das Wort leitet sich vom mittelniederdeutschen Wort Kröpel ab und bezeichnete ursprünglich einen Menschen der in seiner physiologischen Bewegungsfreiheit dauerhaft eingeschränkt ist. Bis zum Anfang der Dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts war dieses Wort mitnichten so negativ behaftet, wie es das heute ist, war es doch nichts anderes als die Nennung eines körperlichen Merkmals. Zugegeben mit Sonderstellung, aber nichtsdestoweniger schlicht ein wertfreier Begriff.

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