„Manchmal bekommen Menschen Hilfe und erleben diese gegen ihre Selbstbestimmung.“ – Jennifer Sonntag im Interview zu „Seroquälmärchen“

Jennifer Sonntag, MDR-Moderatorin der „Sonntagsfragen“, langjährige Autorin und mit dem Inklusionspreis ausgezeichnete Inklusionsbotschafterin, veröffentlichte unlängst in der „Edition Outbird“ gemeinsam mit der Illustratorin Franziska Appel das „Seroquälmärchen“. Ein Erwachsenenmärchen, was den depressionsbedingten, stationären Aufenthalt in der Psychiatrie thematisiert und in eine merkwürdig „schwerelose Schmerzform“ bringt. Gründe für ein Interview gibt es auch darüber hinaus mehr als genug:

Jennifer, aufgrund Deiner Erblindung und damit verbundenen Sensibilisierung bist Du schon seit vielen Jahren und auf verschiedenen Ebenen Inklusionsbotschafterin: Du stellst an Prominente und aus Sicht beeinträchtigter Menschen „Sonntagsfragen“ beim MDR, Du steckst viel Herzblut in eine größere Wahrnehmung der Problematik, dass eingeschränkte Menschen allzu oft (noch) auf Alltagshindernisse stoßen, setzt Dich für die Selbststärkung von Menschen mit Behinderung ein, siehst inklusive Sexualität als eines Deiner Herzblutthemen, schreibst Bücher, vertonst mit der Deutschen Zentralbücherei für Blinde Hörbücher… und hast unlängst obengenanntes Buch veröffentlicht. Woher nimmst Du diese Energie? Was treibt Dich und was strebst Du an?

Als „Outbird“ bringt man sicher häufig eine höhere Energie auf, weil man alternative und kreative Lösungen für das eigene Leben und auch für die Menschen finden muss, für die gängige „Otto-Normalverbraucher-Strategien“ nicht funktionieren. Generell muss ich als blinde Frau an viele Dinge vollkommen anders herangehen und auch in meiner 16-jährigen Tätigkeit als Sozialpädagogin, in der ich mit Menschen arbeitete, die im Laufe ihres Lebens ihr Augenlicht verloren, ging es stets darum, die jeweils passenden inneren Lichtschalter der einzelnen Betroffenen anzuknipsen. Menschen kommen auf sehr unterschiedliche Weise zu ihren „Ansichten“ und Erkenntnissen, „erfassen“ und „begreifen“ verschieden und müssen für sich herausfinden, was für sie stimmig ist.
Aber egal ob blind oder sehend, im Grunde wünsche ich jedem Menschen seine eigenen individuellen Pfade zu finden, die oftmals gewundener, mühsamer und mit mehr Umwegen versehen sind als die geraden Wege. Wer man ist und wo man steht weiß man erst, wenn man sich mal verloren hat, viele Abzweige kennt, auch die brüchigen Straßen, die Wälder am Straßenrand, auch die Tunnel und Sackgassen und Möglichkeiten, wieder herauszufinden. Ich habe glaube ich nicht mehr Energie als andere, aber ich brauche mehr Energie und durch die Reibung am Leben zeigen sich mir sehr viele unbeackerte Landschaften, viele blinde Flecken, die ich beleuchten möchte.
Da das „sich Durchbeißen“ aber auch immer ein Mehraufwand ist und viel Kraft kostet, musste ich lernen, in die andere Schale der Waage Dinge hineinzulegen, die Körper und Geist entspannen. Klingt vielleicht abgedroschen, hat aber gedauert, eh ich das wirklich konnte. Ich bin noch mit dem Leitsatz „Blinde müssen immer zehnmal besser sein als Sehende, um in der Gesellschaft etwas wert zu sein“ aufgewachsen. Das kann schnell zur Überforderung führen, denn man ist ja auch nur ein Mensch. Ich strebe deshalb heute nichts mehr an, was mit den Erwartungen anderer zu tun hat und ich wünsche mir für jeden Menschen den passenden Lebenspullover, in dem er sich echt und frei von schädigenden Glaubenssätzen und den Strickmustern anderer in der Gesellschaft bewegen kann, der respektvolle Umgang miteinander und auch immer ein angemessenes Verantwortungsbewusstsein für sich und andere sei natürlich vorausgesetzt. Es kann unheimlich bereichernd sein, die unterschiedlichen Potenziale ganz verschiedener Menschen zu nutzen und zu leben, wie man es ja auch bei „Outbird“ sieht. Das lenkt dann auch weniger die Aufmerksamkeit auf die vermeintlichen Defizite, die ein Mensch mitbringt.

Besagtes Buch erschien bei „Edition Outbird“ und heißt „Seroquälmärchen“. Was steckt hinter dem ungewöhnlichen Namen? Was ist das Thema und was bewog Dich zu diesem besonderen Buch?

Ich habe einen nicht ganz so leichtfüßigen Schwerpunkt symbolisch in Pastell gehüllt. Mit „Seroquäl“ entschloss ich mich zur Veröffentlichung eines Psychiatriemärchens, welches ich in seiner Form und Thematik bewusst sehr schmal und sinnbildlich gehalten habe. Der Begriff „Seroquäl“ ist dabei als Literarisierung eines Medikamentennamens zu verstehen. Manchmal kämpfen Menschen händeringend um Hilfe und bekommen keine, manchmal bekommen Menschen Hilfe und erleben diese gegen ihre Selbstbestimmung. Das kann sehr quälend sein. Mein Text entstand, als ich Beobachterin dieser Kontraste wurde. Vielleicht können Kunst und Literatur etwas anstoßen, was fachliche Auseinandersetzungen manchmal nicht schaffen. Ich möchte mein modernes Märchen einerseits auf den Weg schicken, um auf mangelnde Teilhabemöglichkeiten von Menschen mit Behinderungen in therapeutischen Einrichtungen aufmerksam zu machen und andererseits für den heiklen Tanz zwischen Stabilisierungsmedikation und Selbstbestimmung zu sensibilisieren. Nicht immer ist dieser Balanceakt leicht für die Ärzte. Mein Märchenbuch ist nicht für Kinder geschrieben und nicht für Menschen in schweren depressiven Episoden geeignet, ich habe es aber trotz oder gerade wegen seines nicht leichten Kontextes mit all meinen Sinnen dem Leben gewidmet. Und ich möchte mich für die Menschen äußern, die es nicht oder nicht mehr können. Das Buch will nicht werten, es will lediglich Denkanstoß sein und ein Bewusstsein für Entscheidungen und die daraus resultierenden Flügelschläge schaffen.
Ich persönlich spreche mich klar für die Aufnahme von Menschen in schweren psychischen Notlagen in therapeutische Einrichtungen aus (eine Behinderung darf hier kein „Handicap“ sein) und auch für die Stabilisierungsmedikation bei schweren depressiven Episoden. Leider habe ich erleben müssen was passierte, wenn Menschen zu früh aufgaben und von dieser Stabilisierung nicht mehr profitieren konnten oder aufgrund ihrer Behinderung von gesundheitlicher Versorgung ausgeschlossen blieben.
Als blinder Mensch kann man quasi schon den Strick um den Hals haben und die verantwortlichen Therapieeinrichtungen lehnen einen ab, weil sie sich mit nichtsehenden Patienten überfordert sehen. Die Berührungsängste in den Köpfen des Klinikpersonals sind hier die eigentlichen Barrieren.
Als Inklusionsbotschafterin wünsche ich mir den Zusatz im Portfolio aller Kliniken auch in anderen medizinischen Bereichen, in denen es oft die gleichen Probleme gibt: Wir öffnen uns der Barrierefreiheit und sind für Menschen mit Behinderungen gern Ansprechpartner. Leider ist dies noch alles andere als selbstverständlich und natürlich müssen auch für die Kliniken vertretbare Bedingungen geschaffen werden.

Die beinahe surrealen, zerbrechlich-zarten Illustrationen fertigte Franziska Appel an, ebenfalls Hallenserin und Trägerin des Inklusionspreises. Wie kam es zu Eurer Zusammenarbeit, was verbindet Euch?

Willst du das wirklich wissen? Das ist nicht ganz jugendfrei! Menschen die etwas miteinander anfangen können erkennen sich glaub ich am Geruch. Darf ich das kurz erklären? Um das Unschöne besser beim Kragen packen zu können, befasse ich mich sehr intensiv mit Schönem und das definiere ich nach meinen Sinnesfreuden. Ich feiere meine Sinnesfreuden und veröffentliche auch erotische Kurzgeschichten. Mit meinem sehenden Partner habe ich erotische Kohle- und Kreidezeichnungen zu unserem Buch „Liebe mit Laufmaschen“ angefertigt. Wie man als blinde Zeichnerin mit einem sehenden Partner auf Papier agiert und mehr zu meinen erotischen „Eskapaden“ findet man auf der Website „Liebe mit Laufmaschen„. Und hier kommt auch Franziska Appel ins Spiel. Da auch blinde Menschen an erotischen Bilderwelten interessiert sind, hat sie unsere Zeichnungen für die blinden Besucher unserer Homepage wunderbar wortmalerisch beschrieben. Für blinde Menschen Bilder zu beschreiben und dann auch noch erotisch, das ist nicht einfach und es ermöglicht einen wahnsinnig aufregenden Dialog. Aber mit Franzi und mir ist es eine Art magnetische Anziehung und wir passen mit unseren Ideen immer wie ein köstlicher Cocktail zusammen. Sie kann nicht nur super Bilder beschreiben und Texte verfassen, sie ist eine sehr vielseitige Malerin und Zeichnerin und für mein „Seroquälmärchen“ fragte ich sie ob sie sich vorstellen könnte für mich Bilder zu entwickeln, die so oder so ähnlich auch in einer Psychiatrie hätten entstehen können. Wir verstehen uns in dieser Hinsicht blind und Franzis Stifte machen meine Gedanken immer wieder auf beeindruckende Weise sichtbar.

Stichpunkt Depression: Depression ist ja schon für Menschen ohne Behinderung ein schwarzes Monster; wie kann Mensch sich das zuzüglich einer Behinderung vorstellen? Haben es Menschen mit Behinderung ungleich schwerer, sich Selbstvertrauen und Souveränität anzueignen?

Behinderung plus Depression ist tatsächlich ein ungünstiger Doppel-Whopper. Nicht jeder behinderte Mensch erlebt im Laufe seines Lebens eine Depression, aber wie bei jedem anderen Menschen ohne Behinderung auch, kann das natürlich vorkommen. Das ist jedoch leider ein Tabuthema und man erlebt den Behinderten lieber als Optimisten und Frohnatur, der seinem Gegenüber mit einem Lächeln auf den Lippen die Befangenheit und die Berührungsängste nimmt. Betroffene fallen tragischer Weise allzu häufig aus dem System, da dieses nur auf „normale“ Depressionen ausgelegt ist. Ich habe psychiatrisch Tätige z. B. oft sagen hören: „Was soll ich denn mit einem Blinden in der Ergo- oder in der Sporttherapie anfangen? Ich weiß doch gar nicht, was ich mit dem machen soll!“ Diese Ablehnungserfahrungen verbessern natürlich nicht gerade das Selbstwertgefühl des Hilfesuchenden, der vielleicht kürzlich durch einen Unfall sein Augenlicht verlor. Ich arbeitete viele Jahre lang in einem helfenden Beruf und musste später leider auch in einer schwierigen Lebenslage am eigenen Leib erfahren wie es sich anfühlt, auf Hilfe angewiesen zu sein und keine zu bekommen, weil man mit der Blindheit fremdelte. Dann kam immer die Aussage: „Ach Sie sehen gar nichts mehr, überhaupt nichts mehr? Dann können Sie nicht kommen, Sie können sich ja gar nicht zu den einzelnen Therapiestationen orientieren und wir haben kein Personal, was Ihnen die Therapieinhalte erklärt“. Ein Mensch mit Behinderung ist auch nur ein Mensch und er kann, wie jeder andere auch, psychisch erkranken. Dabei muss die Behinderung nicht die Ursache sein, sie wiegt aber schwerer in einer depressiven Episode, wenn ohnehin die Welt um einen herum in schwarz versinkt, dann wird man auch die Blindheit nicht gerade als „Lichtblick“ empfinden.

Du bist aufgrund einer Krankheit allmählich erblindet. Wie kann man sich das vorstellen, immer weniger bis irgendwann gar nichts mehr sehen zu können? Wie ist es überhaupt möglich, damit umzugehen und den Lebensmut nicht zu verlieren?

Wir alle verarbeiten herausfordernde Lebensveränderungen in Phasen. Am Anfang ist man natürlich schockiert, will das nicht wahr haben, lehnt das ab, verdrängt, rebelliert, zieht sich zurück, ist neidisch auf alle, die noch sehen können, da ist das volle Programm an Gefühlen dabei. In meinen Vorträgen nenne ich das Modell zur Behinderungsverarbeitung „Hinter den sieben Bergen“ und am Ende des Tunnels ist metaphorisch gesprochen immer Licht, wenn man selber will und sich Zeit gibt. In der Mitte der sieben Phasen kommt die Trauerarbeit, die ist ganz wichtig und auch hier muss man den Gefühlen Raum geben, um in die nächsten Phasen übergleiten zu können. Manchmal stagniert das auch oder man überspringt eine Phase, später beginnt man aber zu schauen, wie man sein Leben neu strukturiert und organisiert, welche Potenziale, Menschen, Talente man aus dem Leben davor mitnimmt, man lernt seine Grenzen zu kommunizieren und viele neue Lichtschalter zu aktivieren. Leben heißt nicht Sehen, man kann blind selbstbestimmt und glücklich leben.
Rückfälle in eine frühere Verarbeitungsphase sind möglich, z. B. wenn ein sehr belastendes Ereignis hinzukommt, etwa Mobbing am Arbeitsplatz, der Tod eines geliebten Menschen, eine zusätzliche Erkrankung. Bei mir war es die Depression, die mich unter Wasser zog und ich kann sagen, die macht es erst wirklich finster, nicht die Blindheit, mit der kann man lustvoll und sinnlich leben, nicht aber mit der Grabesplatte der Depression auf der Seele. Die legte sich auf mich wie ein verzehrender Schleier und das nicht wegen meiner Behinderung sondern wegen einer zermürbenden und unfairen Situation am Arbeitsplatz, die zu einer gesundheitlichen Abwärtsspirale führte.

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Eines Deiner Lebensthemen ist (inklusive) Sexualität. Brauchen Menschen mit Behinderung eine Lobby für dieses Thema? Was unterscheidet sich vom sexuellen Selbstverständnis nichtbehinderter Menschen?

Ein großes Anliegen ist für mich die sexuelle Selbstbestimmung von Mädchen und Frauen mit Behinderungen, die im Vergleich zu ihren nicht behinderten Geschlechtsgenossinnen überdurchschnittlich häufig von sexuellen Übergriffen betroffen und bedroht sind. Hier spielt die Sozialisation durch Schule und Elternhaus auch eine entscheidende Rolle und die eigene Körperbildwahrnehmung ist im Falle der Blindheit oft auf eine bestimmte Weise durch sehende Bezugspersonen geprägt, die ihre Vorstellungen auf das blinde Mädchen oder die blinde Frau übertragen. Das ist oft gut gemeint, kann aber im negativen Fall nachhaltig Narben hinterlassen. Oft mussten sich blinde Frauen sehr selbstwertschädigende Sätze anhören, wie ich während meiner Arbeit an der Anthologie „Hinter Aphrodites Augen“ erkennen musste. Sie berichteten von Sätzen wie: „Du kannst froh sein, wenn du überhaupt einen Mann abbekommst“, „Deine Augen sehen zum Kotzen aus“, „Als Blinde kannst du keine langen Haare tragen, die kannst du gar nicht pflegen“, „Wer mit einer Blinden zusammen ist, muss ja einen Helferkomplex haben“ oder „Wenn du als Blinde einen kurzen Rock trägst, muss du dich nicht wundern, wenn dir was passiert.“
Mutige Seminarteilnehmer fragten mich manchmal, ob ich überhaupt schon mal einen Freund hatte und wie das so funktionieren kann mit dem Kennenlernen, dem Verlieben, der Sexualität und dem Beziehungsalltag, wenn ich doch blind bin. Nicht selten ging man auch davon aus, dass mein sehender Partner meine Outfits zusammenstellt und mich wie ein Püppchen zurechtmacht und man zollte ihm großen Respekt dafür, dass er überhaupt mit mir zusammen ist. Seine „Lebenslaufmaschen“ waren ihm ja nicht auf die Stirn geschrieben.
All das macht natürlich auch etwas mit dem erotischen Selbstverständnis oder der Selbstbehauptung von Frauen mit Behinderungen und zeigt, dass diese Themen noch nicht ausreichend angenommen und angekommen sind. Ich möchte natürlich in die andere Richtung, ich möchte Frauen und Mädchen mit Behinderungen in ihrer Selbstwahrnehmung und im Ausdrücken ihrer Bedürfnisse stärken und tue dies auch in zahlreichen Projekten, etwa in meiner verschriftlichten Workshop-Sammlung „Der Geschmack von Lippenrot“, die zur Leipziger Buchmesse 2019 erscheint und in welcher ich blinde und auch sehende Frauen zu einer selbstbestimmten Auseinandersetzung mit dem äußeren und inneren Spiegelbild anrege.

Liebe Jennifer, wir danken Dir für dieses Gespräch.

Noch ein Wort zu Veranstaltungsreihen konkret zu Behinderung und Sexualität, ich erhalte dazu häufig Anfragen. Fachvorträge oder Schulungen diesbezüglich biete ich schon deshalb nicht an, weil wir Menschen mit Behinderungen sehr unterschiedlich ticken und wie alle anderen auch, sehr unterschiedliche Vorlieben haben. Ich bin nicht der Weisheit letzter Schluss, ich bin nur eine Idee. Aber ich möchte mit meiner Arbeit Türen aufstoßen und Interessierte anregen, dahinter noch viele weitere Türen, Spielräume und Spielarten zu entdecken. Deshalb möchte ich die Lesereihe „Querschnitte für Querköpfe“ meiner „Verlagsgeschwister“ Franziska Appel und Benjamin Schmidt leidenschaftlich empfehlen, denn hier werden zahlreiche dieser Türen und ungeahnte Erkenntnisaugen geöffnet. Wir erfahren, wie sich blinde Menschen erotische Bilderwelten erschließen, wie die Klänge unkonventioneller Berührungen zu Ganzkörperorgasmen anschwellen und wir lernen Querköpfe mit und ohne Querschnittslähmung kennen, die uns eine Menge über Körperflüssigkeiten aller Art erzählen können. Auch wenn dies kein Fachvortrag oder keine Schulung im eigentlichen Sinn ist, so werden doch verschiedenste Aspekte im Zusammenspiel von Sexualität und Behinderung thematisiert und erklärt. Und sind erst einmal die Türen geöffnet und anfängliche Hemmschwellen mit einer Rampe versehen, kann zudem der anschließende Austausch in lockerer Atmosphäre sehr aufschlussreich sein. Neugierig geworden? Interessierte wenden sich bitte an: Franziska Appel (appel.franziska[at]gmail.com).“

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweis: malsehn! Media.
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„Es gelang mir nicht den Kreislauf zu durchbrechen, obgleich mir die Faktoren bekannt waren“ – Tami Weissenberg im Interview zu „Darjeeling Pur“

Tami Weissenberg, 36 Jahre alt, erlitt in seiner Ehe viele Jahre lang zum Teil massive Gewalt durch seine damalige Partnerin. Um vor allem psychisch zu überleben, dokumentierte er das Geschehen akribisch. Aus der Aufarbeitung seiner Notlage entstanden zahlreiche Medienberichte und mit Plauen die mittlerweile dritte Gewaltschutzwohnung für Männer in Sachsen.

Seine Aufzeichnungen erscheinen aktuell im romanhaften Tagebuch „Darjeeling pur“ in der „Edition Outbird“. Es liegt auf der Hand, dass wir Tami zu seiner Person und zur Gewaltschutzsituation in Deutschland im Allgemeinen befragten.

Tami, warum verwendest Du ein Pseudonym?

Ich habe noch immer Bedenken und Respekt vor meiner Peinigerin. Die Trennung und Scheidung ist zwar Jahre her und sie ist nun wieder verheiratet und hat ein neues „Opfer“, aber ich kann noch immer nicht abschätzen wie sie reagiert wenn sie erfährt das ich ihre Misshandlungen zum Anlass genommen habe etwas gegen das Thema „Häusliche Gewalt gegen Männer“ zu tun. Außerdem lege ich ja in meinem Buch ihren Charakter und ihre „Taten“ offen. Hier bestehen meine größten Bedenken das sie diese Offenlegung als Anlass nehmen könnte ihre Gewaltübergriffe – die am Ende sogar in der Öffentlichkeit stattgefunden haben – wieder aufzunehmen. All das möchte ich mir ersparen.

Wie erklärst Du Dir heute mit großem zeitlichen Abstand, dass es zu einer derartigen Abhängigkeit kam, die Dich viele Jahre lang nicht aus einer massiven Gewaltspirale hat ausbrechen lassen können? Wie kam es soweit?

Eine wirklich abschließende Erklärung habe ich dafür bis heute nicht. Ich war mir zu jedem Zeitpunkt bewusst in welcher Situation ich stecke und das diese nur durch Abhängigkeiten, Angst und Unterwürfigkeit aufrecht gehalten wird. Ich war hier völlig reflektiert. Dennoch gelang es mir nicht den Kreislauf zu durchbrechen, obgleich mir die Faktoren bekannt waren. Sie schuf anfangs eine Umgebung die einen Beschützerinstinkt in mir hervorgerufen hat. Diese Charaktereigenschaft erkannte sie sehr schnell an mir, nämlich meine Schwäche für hilflose und benachteiligte Menschen. Ich kann es bis heute nicht ertragen, wenn Menschen in hilflosen Situationen ungerecht behandelt werden. Da sie damals angab von ihrem Ehemann misshandelt zu werden rief sie sofort diese Eigenschaft in mir hervor. Diese Verletzlichkeit hielt sie sehr lange aufrecht.
Nach ihren ersten Gewaltangriffen folgten stets Tränen und Einsichtigkeit. Dies machte sie, trotz ihrer Angriffe, für mich verletzlich und bedauernswert. Dies war meines Erachtens nach eine bewusst ausgeführte Handlung von ihr, da sie deutlich merkte, dass sie mich damit immer wieder halten konnte. Darauf folgten dann immer intensiver ihre Wünsche und Forderungen die, sofern sie nicht erfüllt wurden, stets in Gewalt und Misshandlung ausuferten. Da ich von klein auf jegliche Form der Gewalt ablehne, hatte ich stets große Angst vor ihren Übergriffen und den damit verbundenen Schmerzen – physisch wie psychisch. Ich ging immer den Weg des geringsten Widerstandes. Folgte ich ihren Forderungen, konnte ich ihre Übergriffe abschwächen.
Dinge wie ein gemeinsames Konto, eine gemeinsame Wohnung, das Abschaffen meiner persönlichen Dinge, das Unterbinden sämtlicher Kontakte zu Freunden und Familie sowie die ständige Kontrolle über meinen Alltag schlichen sich mehr und mehr in die Beziehung ein. Sie stellte dies stets sehr geschickt an, da sie jede Sanktion mit vermeintlichen Vorteilen und positiven Aspekten verband. Außerdem gab sie mit jedem Gewaltübergriff immer deutlicher zu verstehen was mir widerfahren würde wenn ich ihre Forderungen missachte. Trotz klaren Bewusstseins war es eine Spirale aus Angst, Abhängigkeit und dem Hoffen, dass es aufhören würde. Mit Angst und Abhängigkeit kann man Menschen aller Bevölkerungsschichten auf der ganzen Welt kontrollieren. Dies beherrschte sie in Perfektion.

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Du erzähltest in einem unserer Gespräche, dass besagte Ex-Partnerin nach Gewaltexzessen wie dem, in dessen Resultat Du mit gebrochenem Bein und blutüberströmt im Keller des Hauses lagst, regelmäßig in einen Swingerclub fuhr und Sex mit anderen Männern hatte. Wie muss man sich das psychische Profil eines solchen Menschen vorstellen?

Ob ich diese Frage wirklich beantworten kann, vermag ich nicht einzuschätzen. Ich kann im Nachhinein teilweise sagen wie die Entwicklung dieser Frau verlief, vielleicht gibt dies einen Einblick in die Gründe wieso sie das alles getan hat – und heute noch tut. Sie wuchs in einem winzigen Ort innerhalb der Deutsch-Deutschen Grenze auf. Schon in jungen Kinderjahren lebten ihre Eltern in Streit, Trennung und Scheidung. Dies wurde auch in großen Teilen zu ihren Lasten ausgetragen. Sie erfuhr viel Ablehnung, Gewalt, Missachtung und Gleichgültigkeit. Auch wurde sie in sehr jungen Jahren mit dem Verlust geliebter Menschen konfrontiert – so zum Beispiel verstarb ihre Großmutter am Tag der Jugendweihe. Diesen Verlust konnte sie durch die besagten Umstände nie wirklich verarbeiten. Auch lernte die Mutter einen neuen Mann kennen. Die Mutter hatte wohl nur den neuen Mann im Sinn und demzufolge stand sie als Tochter stets ganz am Ende der Kette. Diese stetige Ablehnung und Missachtung kompensierte sie zunehmend mit Ersatzbefriedigung. Diese bestand aus finanziellen und materiellen Ersatz. Besaß sie etwas tolles, so staunten die Leute um sie herum. Die fehlende Aufmerksamkeit konnte man also mit Geld und Besitz kaufen. Dies erkannte sie sehr schnell. Das immer größer werdende Bedürfnis nach Geltung war ab einem Zeitpunkt nur noch mit Hilfe anderer Menschen umsetzbar, da sie von ihrem Ausbildungsstand her keinen Beruf ausüben konnte der ihr diese enormen finanziellen Mittel in Aussicht stellte. Aus dem Bedürfnis hat sich eine regelrechte Sucht entwickelt.

Bekommt sie nicht was sie will oder spielt das Umfeld nicht mit, wie sie will, wird sich das Geforderte erzwungen – mit Gewalt. Sie hat schnell erkannt, dass sich Menschen mit Gewalt, Kontrolle und Unterdrückung perfekt kontrollieren und benutzen lassen – und ihr damit jeden Wunsch erfüllen. Wieso sie die Eigenart entwickelte am Höhepunkt ihrer Gewaltexzesse stets ein Abreagieren in Form von Sex mit fremden Männern zu suchen kann ich bis heute nicht erklären. Diese Methode kommunizierte sie jedoch stets sehr offen und lebte dies als völlige Normalität.

War eine körperliche Gegenwehr nie Thema für Dich?

Körperliche Gegenwehr war nie ein Thema für mich. Ich verachte bis heute jegliche Form von Gewalt. Ich lebe streng nach der Annahme, dass sich jegliche Konflikte gewaltfrei lösen lassen. Sie gab mir auch jederzeit unmissverständlich zu verstehen, dass sie – sollte ich mich wehren – mich jederzeit wegen Ausübung häuslicher Gewalt anzeigen würde. Zu oft verletzte sie sich vor meinen Augen selbst, fotografierte dies, und sagte dann das dies ein Beweis wäre das ich sie misshandle, sofern ich mich trauen würde mich zu wehren oder ihre Übergriffe zur Anzeige zu bringen.

Wie bist Du der Situation letztlich entkommen? Welche Hilfe wurde Dir zuteil und wie wirksam sind Therapien in Fällen wie deinem?

Welcher Impuls mich letztendlich hat gehen lassen ist mir bis heute unbekannt. Ich kann nur sagen, dass ich an einem Tag starke Halsschmerzen hatte. Ich war so unendlich sauer, dass ich mir es nicht mal erlauben kann Medizin dagegen zu kaufen (da jede Sekunde meines Tages kontrolliert wurde), dass ich aus einem mir bis heute unbekannten Impuls das Handy ausschaltete und nicht nach Hause fuhr. Ich fuhr in die Apotheke und kaufte Halstabletten, kaufte mir danach ein paar Unterhosen und fuhr ab diesem Moment nie wieder zu dieser Frau zurück.

Meine größte Hilfe war damals, dass ich all meine Erlebnisse aufschrieb und mich Tag für Tag bewusst mit dem Erlebten auseinandersetzte. Eine Männerschutzwohnung oder gar ein Männerhilfsnetzwerk gab es damals noch nicht. Mit Freunden, Bekannten oder gar meiner Familie redete ich nicht darüber, da ich schnell merkte, dass in der Gesellschaft eine gewisse Ablehnung beim Thema „Häusliche Gewalt gegen Männer“ besteht. Eine kurzzeitige Hilfe erhielt ich damals von meiner Arbeitskollegin und deren Mann, welcher Pfarrer ist. Ihnen konnte ich in Bruchteilen erzählen was mir widerfahren ist und ich fand Unterkunft im Pfarrhaus. Ein weiterer wichtiger Hilfsaspekt war eine gezielte Psychotherapie um das Erlebte aufzuarbeiten. Das Niederschreiben meiner Erlebnisse und die gezielte Psychotherapie waren im nachhinein betrachtet eine für mich sehr gute Verarbeitungshilfe. Das bewusste Auseinandersetzen mit meinen Erlebnissen – und dass ich mich im Nachhinein nicht als Opfer sehe – war mir die beste Basis. Ohne die hätte ich es nie geschafft ein eigenes Hilfsnetzwerk zu gründen.

Wie ist die statistische Opferquote zwischen Männern und Frauen aufgeteilt?

Anbei ein paar Zahlen aus dem ‚Lagebild Häusliche Gewalt‘ des LKA Sachsen. Dort gab es im Jahr 2016 1804 männliche und 4277 weibliche Opfer über 18 Jahre. Im Durchschnitt der Jahre 2010 bis 2016 beträgt die männliche Betroffenheitsquote 25,7%. Überproportional häufig mit 43% werden Männer Opfer in der Kategorie „schwere Körperverletzung“. Um Missverständnissen vorzubeugen sei aber darauf hingewiesen, dass Männer auch etwa 78% aller Tatverdächtigen (bei genereller Gewalt) ausmachen.

Bundesweit lag die Zahl der zur Anzeige gebrachten Übergriffe auf Männer im Jahr 2012 bei ca. 20.000, 2015 lag diese bei ca. 23.000. Sachsenweit wurden letztes Jahr ca. 1.700 Fälle zur Anzeige gebracht, 3 davon endeten tödlich. Auf die Polizeidirektion Zwickau herunter gebrochen gab es 86 Fälle, 61 davon fanden im Vogtland statt.

Im Januar 2018 wurde im Freistaat Thüringen eine Statistik veröffentlicht, aus welcher hervorging, dass in Thüringen mehr Männer als Frauen Opfer von häuslicher Gewalt geworden sind. Die Studie zog sich über den Zeitraum von 2011 bis 2016 und wurde vom Innenministerium sowie der Polizei geführt. Bei den aufgelisteten Fällen handelte es sich u. A. um versuchte und vollendete Tötungsdelikte im sozialen Nahraum (Quelle: www.inSüdthüringen.de ).

Wie schätzt Du die derzeitige Situation in Deutschland, spezielle Mitteldeutschland und Sachsen ein, was Gewalt- und Opferschutz sowie Interventionsarbeit betrifft? Wie weit sind wir diesbezüglich in Sachen Gleichstellung?

Hier muss man eingangs sagen, dass man hier wirklich noch recht am Anfang steht. Sachsen zeigt sich stark engagiert, da es nunmehr seit Ende 2016 ein Pilotprojekt „Männerschutzwohnungen in Sachsen“ gibt, welches vom Freistaat Sachsen finanziert wird. Es existieren zwei Männerschutzwohnungen sowie dazugehörige Trägervereine. Die Landesfachstelle Männerarbeit Sachsen begleitet das Pilotprojekt fachlich und zusätzlich durch die Kampagne „Mann, gib dich nicht geschlagen.“ (www.gib-dich-nicht-geschlagen.de). Grundsätzlich können von Gewalt betroffene Männer jede Anlaufstelle aufsuchen die auch Frauen aufsuchen, wie z.B. die Interventions- und Koordinierungsstellen, die es in verschiedenen Bundesländern gibt, sowie die Beratungsstellen der Opferhilfe und des Weißen Rings. Jedoch existiert hier eine große Scham seitens der betroffenen Männer, sich zum einen erst einmal zu outen und zum anderen, sich an eine Stelle zu wenden, welche Gewalt mehr oder weniger im „Allgemeinen“ behandelt.
In Sachen Gewaltschutz sollte es zuerst eine einheitliche Regelung in allen Bundesländern sowie deutschlandweit geben, denn ohne diese Grundlage wird man keine wirkliche Gleichberechtigung schaffen. Sachsen z. B. verfolgt das Thema intensiv. Das Pilotprojekt Männerschutzwohnungen wird 2019/2020 für zwei weitere Jahre gefördert, um noch mehr Erfahrungen für den Betrieb von Männerschutzprojekten zu sammeln. Thüringen als benachbartes Bundesland hat zwar in den letzten Jahren große Versprechungen seitens der Politik gemacht – aber es wurde weder eingehalten noch umgesetzt. Somit musste der Thüringer Männerschutz, welcher in Gera einen sehr guten Anfang nahm und mit einem durchdachten Konzept eine Gewaltschutzwohnung umsetzte, nach nur kurzer Lebensdauer wieder eingestellt werden.

Gerade in Anbetracht der erst im Januar 2018 veröffentlichen Studie, dass in Thüringen mehr Männer als Frauen Opfer von häuslicher Gewalt im sozialen Nahfeld waren, ist dies nicht nachzuvollziehen. Hier herrscht, neben der allgemein fehlenden Lobby für dieses Thema, ein massives Ungleichgewicht, was die Wichtigkeit des Themas angeht.

Warum haben wir dieses extreme Ungleichgewicht? Abgesehen von der absolut indiskutablen AfD und in Teilen der FDP fahren ja alle Parteien ausschließlich frauenrechtliche Programme – wie kann daraus ein humanistisches Hilfesystem ohne diskriminierende Geschlechtergrenzen entstehen?

Dies ist eine Frage die mich sehr beschäftigt, auf die ich aber keine Antwort parat habe. Ich grüble momentan auch nicht über diese Frage nach, denn sonst wäre die Arbeit die wir leisten nicht machbar – sondern würde mich und uns nur resignieren lassen. Ich denke jedoch das es hier ein grundsätzliches Problem gibt von welchem alles ausgeht: der Mann ist jeher das stärkere Geschlecht. Er ist groß und stark und zeitlebens der Beschützer und Macher in der Entwicklung der Menschheit. Das auch dieser vermeintlich starke Mensch Hilfe benötigt und in Angst, Gewalt und Hilflosigkeit leben kann, ist in weiten Teilen der Gesellschaft praktisch nicht existent – in den Köpfen wie auch im wahren Leben. Dies gilt es zu allererst zu überwinden – es mangelt an Aufklärung.

Welche Akteure arbeiten in Deutschland derzeit am und für den Männerschutz? Wie viele Männerschutzwohnungen gibt es bei wie vielen Frauenhäusern?

In Oldenburg (Niedersachsen) engagieren sich Männer über den Männerwohnhilfe e.V. seit 2002 und bieten seitdem eine Zufluchtsstätte für gewaltbetroffene Männer an. Eine Zeitlang wurde das durch eine Beratungsstelle flankiert, die leider derzeit nicht mehr gefördert wird. In Sachsen betreiben der LEMANN e.V. in Leipzig sowie das Männernetzwerk Dresden e.V. Männerschutzwohnungen für jeweils 3 Männer und bei Bedarf auch ihre Kinder. In Plauen habe ich im Januar 2018 ebenso einen Verein zum Männerschutz gegründet – welcher auch eine Schutzwohnung betreibt. Seit Sommer 2018 existiert eine weitere Männerschutzwohung in Stuttgart, die durch die Sozialberatung Stuttgart betrieben wird. In Berlin und Ketzin (Brandenburg) werden Schutzprojekte ehrenamtlich ohne Förderung betrieben. Die Männerschutzwohnungen in Osterode am Harz und in Gera mussten leider inzwischen aufgrund mangelnder Rahmenbedingungen wieder geschlossen werden. Zum Vergleich: In Deutschland gibt es rund 353 Frauenschutzhäuser mit insgesamt über 6.000 Plätze. Hinzu kommen ca. 750 Fachberatungsstellen bei Gewalt gegen Frauen. In Deutschland existiert ein sehr dichtes Netz an Unterstützungseinrichtungen für gewaltbetroffene Frauen und ihre Kinder. Den 5 Männerschutzprojekten stehen somit bundesweit 353 Frauenschutzprojekte gegenüber. Politisch und fachlich werden derzeit 3 – 5 Männerschutzprojekte für jedes Bundesland gefordert.

Seit 2016 tauschen sich die existierenden Projekte sporadisch in bundesweiten Netzwerktreffen aus.

Symbolfoto

Du selbst hast in Plauen den Weissenberg e. V. initiiert, in dem zahlreiche hochrangige Fachleute sitzen bzw. ein kompetentes Netzwerk besteht – vom Fachanwalt über Therapeuten bis hin zu Ärzten und Leuten aus Politik und Medien. Darüber hinaus interessieren sich seit geraumer Zeit Leitmedien wie ZDF info, der Spiegel oder MDR Kultur für Deine Geschichte. Wie erklärst Du Dir diesen Zuspruch und dieses Vertrauen?

Ich gehe sehr offen mit meinem Erlebten um, berichte darüber und zeige mich als einen Mensch der daran nicht zerbrochen ist. Ich sehe mich nicht mehr als Opfer – sondern als einen ehemaligen Betroffenen, der noch auf beiden Beinen steht und sein Erlebtes nutzt um anderen Betroffenen zu helfen. Ich glaube, dass diese offene und selbstbewusste Art, die ich zu diesem Thema habe, dem ganzen ein Gesicht gibt – bzw. anfängt, dem ein Gesicht zu geben.

Dieser offene Umgang scheint ein Signal gesetzt zu haben. Ein Signal, was da heißt „dies ist kein Tabuthema“. Und gerade weil es bisher so ein Tabuthema ist, wird es als sehr willkommen gesehen das hier jemand so offen und selbstverständlich damit umgeht. Dies ist der erste Schritt dem Thema ein Gesicht zu geben und eine Lobby zu schaffen. Die Mitglieder und Unterstützer meines Vereines kennen mich als lebensfrohen, witzigen und stets offenen und hilfsbereiten Menschen. Dass auch ich viele Jahre von häuslicher Gewalt und Misshandlung betroffen war zeigt vielen Menschen die Gegensätzlichkeit und Unfassbarkeit auf – besonders im Hinblick darauf, dass es weder einen bestimmten Typ Mensch noch eine gewisse soziale Struktur bedarf, um von Gewalt betroffen zu sein.

Welche Ziele hast du dir über die Errichtung der Gewaltschutzwohnung und das nun erschienene Buch hinaus gesetzt?

Das wichtigste Ziel ist für mich, dass ich durch Offenheit und durch selbstbewusstes Umgehen mit dem Thema „Häusliche Gewalt gegen Männer“ eine Lobby und ein Gesicht für dieses Thema schaffe. Kein Wegschauen mehr, keine Scham, kein Belächeln – sondern volle Akzeptanz, Gleichberechtigung und vollen Respekt. Jedes Lebewesen auf der Erde hat das Recht auf körperliche und seelische Unversehrtheit !

Tami, wir bedanken uns für das Gespräch und dein Vertrauen.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweis: Privat / Stockbroker.
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