Jennifer Sonntag „Individuelle Pfade der Selbstbestimmung“ [Interview Teil 2] | Outscapes #8

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #8 erschienen. In diesem Zusammenhang verweisen wir gern auf ihr aktuelles in der „Edition Outbird“ erschienenes Buch „Seroquälmärchen“ in unserem Onlinestore (siehe auch nachfolgendes Coverfoto).]

„… Als blinder Mensch kann man quasi schon den Strick um den Hals haben und die verantwortlichen Therapieeinrichtungen lehnen einen ab, weil sie sich mit nichtsehenden Patienten überfordert sehen. Die Berührungsängste in den Köpfen des Klinikpersonals sind hier die eigentlichen Barrieren.
Als Inklusionsbotschafterin wünsche ich mir den Zusatz im Portfolio aller Kliniken auch in anderen medizinischen Bereichen, in denen es oft die gleichen Probleme gibt: Wir öffnen uns der Barrierefreiheit und sind für Menschen mit Behinderungen gern Ansprechpartner. Leider ist dies noch alles andere als selbstverständlich und natürlich müssen auch für die Kliniken vertretbare Bedingungen geschaffen werden.

Die beinahe surrealen, zerbrechlich-zarten Illustrationen fertigte Franziska Appel an, ebenfalls Hallenserin und Trägerin des Inklusionspreises. Wie kam es zu Eurer Zusammenarbeit, was verbindet Euch?

Willst du das wirklich wissen? Das ist nicht ganz jugendfrei! Menschen die etwas miteinander anfangen können erkennen sich glaub ich am Geruch. Darf ich das kurz erklären? Um das Unschöne besser beim Kragen packen zu können, befasse ich mich sehr intensiv mit Schönem und das definiere ich nach meinen Sinnesfreuden. Ich feiere meine Sinnesfreuden und veröffentliche auch erotische Kurzgeschichten. Mit meinem sehenden Partner habe ich erotische Kohle- und Kreidezeichnungen zu unserem Buch „Liebe mit Laufmaschen“ angefertigt. Wie man als blinde Zeichnerin mit einem sehenden Partner auf Papier agiert und mehr zu meinen erotischen „Eskapaden“ findet man auf der Website „Liebe mit Laufmaschen„. Und hier kommt auch Franziska Appel ins Spiel. Da auch blinde Menschen an erotischen Bilderwelten interessiert sind, hat sie unsere Zeichnungen für die blinden Besucher unserer Homepage wunderbar wortmalerisch beschrieben. Für blinde Menschen Bilder zu beschreiben und dann auch noch erotisch, das ist nicht einfach und es ermöglicht einen wahnsinnig aufregenden Dialog. Aber mit Franzi und mir ist es eine Art magnetische Anziehung und wir passen mit unseren Ideen immer wie ein köstlicher Cocktail zusammen. Sie kann nicht nur super Bilder beschreiben und Texte verfassen, sie ist eine sehr vielseitige Malerin und Zeichnerin und für mein „Seroquälmärchen“ fragte ich sie ob sie sich vorstellen könnte für mich Bilder zu entwickeln, die so oder so ähnlich auch in einer Psychiatrie hätten entstehen können. Wir verstehen uns in dieser Hinsicht blind und Franzis Stifte machen meine Gedanken immer wieder auf beeindruckende Weise sichtbar.

Stichpunkt Depression: Depression ist ja schon für Menschen ohne Behinderung ein schwarzes Monster; wie kann Mensch sich das zuzüglich einer Behinderung vorstellen? Haben es Menschen mit Behinderung ungleich schwerer, sich Selbstvertrauen und Souveränität anzueignen?

Behinderung plus Depression ist tatsächlich ein ungünstiger Doppel-Whopper. Nicht jeder behinderte Mensch erlebt im Laufe seines Lebens eine Depression, aber wie bei jedem anderen Menschen ohne Behinderung auch, kann das natürlich vorkommen. Das ist jedoch leider ein Tabuthema und man erlebt den Behinderten lieber als Optimisten und Frohnatur, der seinem Gegenüber mit einem Lächeln auf den Lippen die Befangenheit und die Berührungsängste nimmt. Betroffene fallen tragischer Weise allzu häufig aus dem System, da dieses nur auf „normale“ Depressionen ausgelegt ist. Ich habe psychiatrisch Tätige z. B. oft sagen hören: „Was soll ich denn mit einem Blinden in der Ergo- oder in der Sporttherapie anfangen? Ich weiß doch gar nicht, was ich mit dem machen soll!“ Diese Ablehnungserfahrungen verbessern natürlich nicht gerade das Selbstwertgefühl des Hilfesuchenden, der vielleicht kürzlich durch einen Unfall sein Augenlicht verlor. Ich arbeitete viele Jahre lang in einem helfenden Beruf und musste später leider auch in einer schwierigen Lebenslage am eigenen Leib erfahren wie es sich anfühlt, auf Hilfe angewiesen zu sein und keine zu bekommen, weil man mit der Blindheit fremdelte. Dann kam immer die Aussage: „Ach Sie sehen gar nichts mehr, überhaupt nichts mehr? Dann können Sie nicht kommen, Sie können sich ja gar nicht zu den einzelnen Therapiestationen orientieren und wir haben kein Personal, was Ihnen die Therapieinhalte erklärt“. Ein Mensch mit Behinderung ist auch nur ein Mensch und er kann, wie jeder andere auch, psychisch erkranken. Dabei muss die Behinderung nicht die Ursache sein, sie wiegt aber schwerer in einer depressiven Episode, wenn ohnehin die Welt um einen herum in schwarz versinkt, dann wird man auch die Blindheit nicht gerade als „Lichtblick“ empfinden.

Du bist aufgrund einer Krankheit allmählich erblindet. Wie kann man sich das vorstellen, immer weniger bis irgendwann gar nichts mehr sehen zu können? Wie ist es überhaupt möglich, damit umzugehen und den Lebensmut nicht zu verlieren?

Wir alle verarbeiten herausfordernde Lebensveränderungen in Phasen. Am Anfang ist man natürlich schockiert, will das nicht wahr haben, lehnt das ab, verdrängt, rebelliert, zieht sich zurück, ist neidisch auf alle, die noch sehen können, da ist das volle Programm an Gefühlen dabei. In meinen Vorträgen nenne ich das Modell zur Behinderungsverarbeitung „Hinter den sieben Bergen“ und am Ende des Tunnels ist metaphorisch gesprochen immer Licht, wenn man selber will und sich Zeit gibt. In der Mitte der sieben Phasen kommt die Trauerarbeit, die ist ganz wichtig und auch hier muss man den Gefühlen Raum geben, um in die nächsten Phasen übergleiten zu können. Manchmal stagniert das auch oder man überspringt eine Phase, später beginnt man aber zu schauen, wie man sein Leben neu strukturiert und organisiert, welche Potenziale, Menschen, Talente man aus dem Leben davor mitnimmt, man lernt seine Grenzen zu kommunizieren und viele neue Lichtschalter zu aktivieren. Leben heißt nicht Sehen, man kann blind selbstbestimmt und glücklich leben.
Rückfälle in eine frühere Verarbeitungsphase sind möglich, z. B. wenn ein sehr belastendes Ereignis hinzukommt, etwa Mobbing am Arbeitsplatz, der Tod eines geliebten Menschen, eine zusätzliche Erkrankung. Bei mir war es die Depression, die mich unter Wasser zog und ich kann sagen, die macht es erst wirklich finster, nicht die Blindheit, mit der kann man lustvoll und sinnlich leben, nicht aber mit der Grabesplatte der Depression auf der Seele. Die legte sich auf mich wie ein verzehrender Schleier und das nicht wegen meiner Behinderung sondern wegen einer zermürbenden und unfairen Situation am Arbeitsplatz, die zu einer gesundheitlichen Abwärtsspirale führte.

Eines Deiner Lebensthemen ist (inklusive) Sexualität. Brauchen Menschen mit Behinderung eine Lobby für dieses Thema? Was unterscheidet sich vom sexuellen Selbstverständnis nichtbehinderter Menschen?

Ein großes Anliegen ist für mich die sexuelle Selbstbestimmung von Mädchen und Frauen mit Behinderungen, die im Vergleich zu ihren nicht behinderten Geschlechtsgenossinnen überdurchschnittlich häufig von sexuellen Übergriffen betroffen und bedroht sind. Hier spielt die Sozialisation durch Schule und Elternhaus auch eine entscheidende Rolle und die eigene Körperbildwahrnehmung ist im Falle der Blindheit oft auf eine bestimmte Weise durch sehende Bezugspersonen geprägt, die ihre Vorstellungen auf das blinde Mädchen oder die blinde Frau übertragen. Das ist oft gut gemeint, kann aber im negativen Fall nachhaltig Narben hinterlassen. Oft mussten sich blinde Frauen sehr selbstwertschädigende Sätze anhören, wie ich während meiner Arbeit an der Anthologie „Hinter Aphrodites Augen“ erkennen musste. Sie berichteten von Sätzen wie: „Du kannst froh sein, wenn du überhaupt einen Mann abbekommst“, „Deine Augen sehen zum Kotzen aus“, „Als Blinde kannst du keine langen Haare tragen, die kannst du gar nicht pflegen“, „Wer mit einer Blinden zusammen ist, muss ja einen Helferkomplex haben“ oder „Wenn du als Blinde einen kurzen Rock trägst, muss du dich nicht wundern, wenn dir was passiert.“
Mutige Seminarteilnehmer fragten mich manchmal, ob ich überhaupt schon mal einen Freund hatte und wie das so funktionieren kann mit dem Kennenlernen, dem Verlieben, der Sexualität und dem Beziehungsalltag, wenn ich doch blind bin. Nicht selten ging man auch davon aus, dass mein sehender Partner meine Outfits zusammenstellt und mich wie ein Püppchen zurechtmacht und man zollte ihm großen Respekt dafür, dass er überhaupt mit mir zusammen ist. Seine „Lebenslaufmaschen“ waren ihm ja nicht auf die Stirn geschrieben.
All das macht natürlich auch etwas mit dem erotischen Selbstverständnis oder der Selbstbehauptung von Frauen mit Behinderungen und zeigt, dass diese Themen noch nicht ausreichend angenommen und angekommen sind. Ich möchte natürlich in die andere Richtung, ich möchte Frauen und Mädchen mit Behinderungen in ihrer Selbstwahrnehmung und im Ausdrücken ihrer Bedürfnisse stärken und tue dies auch in zahlreichen Projekten, etwa in meiner verschriftlichten Workshop-Sammlung „Der Geschmack von Lippenrot“, die zur Leipziger Buchmesse 2019 erscheint und in welcher ich blinde und auch sehende Frauen zu einer selbstbestimmten Auseinandersetzung mit dem äußeren und inneren Spiegelbild anrege.

Liebe Jennifer, wir danken Dir für dieses Gespräch.

Noch ein Wort zu Veranstaltungsreihen konkret zu Behinderung und Sexualität, ich erhalte dazu häufig Anfragen. Fachvorträge oder Schulungen diesbezüglich biete ich schon deshalb nicht an, weil wir Menschen mit Behinderungen sehr unterschiedlich ticken und wie alle anderen auch, sehr unterschiedliche Vorlieben haben. Ich bin nicht der Weisheit letzter Schluss, ich bin nur eine Idee. Aber ich möchte mit meiner Arbeit Türen aufstoßen und Interessierte anregen, dahinter noch viele weitere Türen, Spielräume und Spielarten zu entdecken. Deshalb möchte ich die Lesereihe „Querschnitte für Querköpfe“ meiner „Verlagsgeschwister“ Franziska Appel und Benjamin Schmidt leidenschaftlich empfehlen, denn hier werden zahlreiche dieser Türen und ungeahnte Erkenntnisaugen geöffnet. Wir erfahren, wie sich blinde Menschen erotische Bilderwelten erschließen, wie die Klänge unkonventioneller Berührungen zu Ganzkörperorgasmen anschwellen und wir lernen Querköpfe mit und ohne Querschnittslähmung kennen, die uns eine Menge über Körperflüssigkeiten aller Art erzählen können. Auch wenn dies kein Fachvortrag oder keine Schulung im eigentlichen Sinn ist, so werden doch verschiedenste Aspekte im Zusammenspiel von Sexualität und Behinderung thematisiert und erklärt. Und sind erst einmal die Türen geöffnet und anfängliche Hemmschwellen mit einer Rampe versehen, kann zudem der anschließende Austausch in lockerer Atmosphäre sehr aufschlussreich sein. Neugierig geworden? Interessierte wenden sich bitte an: Franziska Appel (appel.franziska[at]gmail.com).“

Das Interview führte Tristan Rosenkranz. Teil 1 des Interviews und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #8 [Edition Outbird]. Bildnachweis: malsehn! Media.
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Tami Weissenberg „Gewalt und neue Wege“ [Interview Teil 2] | Outscapes #8

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #8 erschienen. In diesem Zusammenhang verweisen wir auf Tami Weissenbergs in Kürze in unserer „Edition Outbird“ erscheinendes und bereits vorbestellbares Buch „Darjeeling pur„.]

„… Bekommt sie nicht was sie will oder spielt das Umfeld nicht mit, wie sie will, wird sich das Geforderte erzwungen – mit Gewalt. Sie hat schnell erkannt, dass sich Menschen mit Gewalt, Kontrolle und Unterdrückung perfekt kontrollieren und benutzen lassen – und ihr damit jeden Wunsch erfüllen. Wieso sie die Eigenart entwickelte am Höhepunkt ihrer Gewaltexzesse stets ein Abreagieren in Form von Sex mit fremden Männern zu suchen kann ich bis heute nicht erklären. Diese Methode kommunizierte sie jedoch stets sehr offen und lebte dies als völlige Normalität.

War eine körperliche Gegenwehr nie Thema für Dich?

Körperliche Gegenwehr war nie ein Thema für mich. Ich verachte bis heute jegliche Form von Gewalt. Ich lebe streng nach der Annahme, dass sich jegliche Konflikte gewaltfrei lösen lassen. Sie gab mir auch jederzeit unmissverständlich zu verstehen, dass sie – sollte ich mich wehren – mich jederzeit wegen Ausübung häuslicher Gewalt anzeigen würde. Zu oft verletzte sie sich vor meinen Augen selbst, fotografierte dies, und sagte dann das dies ein Beweis wäre das ich sie misshandle, sofern ich mich trauen würde mich zu wehren oder ihre Übergriffe zur Anzeige zu bringen.

Wie bist Du der Situation letztlich entkommen? Welche Hilfe wurde Dir zuteil und wie wirksam sind Therapien in Fällen wie deinem?

Welcher Impuls mich letztendlich hat gehen lassen ist mir bis heute unbekannt. Ich kann nur sagen, dass ich an einem Tag starke Halsschmerzen hatte. Ich war so unendlich sauer, dass ich mir es nicht mal erlauben kann Medizin dagegen zu kaufen (da jede Sekunde meines Tages kontrolliert wurde), dass ich aus einem mir bis heute unbekannten Impuls das Handy ausschaltete und nicht nach Hause fuhr. Ich fuhr in die Apotheke und kaufte Halstabletten, kaufte mir danach ein paar Unterhosen und fuhr ab diesem Moment nie wieder zu dieser Frau zurück.

Meine größte Hilfe war damals, dass ich all meine Erlebnisse aufschrieb und mich Tag für Tag bewusst mit dem Erlebten auseinandersetzte. Eine Männerschutzwohnung oder gar ein Männerhilfsnetzwerk gab es damals noch nicht. Mit Freunden, Bekannten oder gar meiner Familie redete ich nicht darüber, da ich schnell merkte, dass in der Gesellschaft eine gewisse Ablehnung beim Thema „Häusliche Gewalt gegen Männer“ besteht. Eine kurzzeitige Hilfe erhielt ich damals von meiner Arbeitskollegin und deren Mann, welcher Pfarrer ist. Ihnen konnte ich in Bruchteilen erzählen was mir widerfahren ist und ich fand Unterkunft im Pfarrhaus. Ein weiterer wichtiger Hilfsaspekt war eine gezielte Psychotherapie um das Erlebte aufzuarbeiten. Das Niederschreiben meiner Erlebnisse und die gezielte Psychotherapie waren im nachhinein betrachtet eine für mich sehr gute Verarbeitungshilfe. Das bewusste Auseinandersetzen mit meinen Erlebnissen – und dass ich mich im Nachhinein nicht als Opfer sehe – war mir die beste Basis. Ohne die hätte ich es nie geschafft ein eigenes Hilfsnetzwerk zu gründen.

Wie ist die statistische Opferquote zwischen Männern und Frauen aufgeteilt?

Anbei ein paar Zahlen aus dem ‚Lagebild Häusliche Gewalt‘ des LKA Sachsen. Dort gab es im Jahr 2016 1804 männliche und 4277 weibliche Opfer über 18 Jahre. Im Durchschnitt der Jahre 2010 bis 2016 beträgt die männliche Betroffenheitsquote 25,7%. Überproportional häufig mit 43% werden Männer Opfer in der Kategorie „schwere Körperverletzung“. Um Missverständnissen vorzubeugen sei aber darauf hingewiesen, dass Männer auch etwa 78% aller Tatverdächtigen (bei genereller Gewalt) ausmachen.

Bundesweit lag die Zahl der zur Anzeige gebrachten Übergriffe auf Männer im Jahr 2012 bei ca. 20.000, 2015 lag diese bei ca. 23.000. Sachsenweit wurden letztes Jahr ca. 1.700 Fälle zur Anzeige gebracht, 3 davon endeten tödlich. Auf die Polizeidirektion Zwickau herunter gebrochen gab es 86 Fälle, 61 davon fanden im Vogtland statt.

Im Januar 2018 wurde im Freistaat Thüringen eine Statistik veröffentlicht, aus welcher hervorging, dass in Thüringen mehr Männer als Frauen Opfer von häuslicher Gewalt geworden sind. Die Studie zog sich über den Zeitraum von 2011 bis 2016 und wurde vom Innenministerium sowie der Polizei geführt. Bei den aufgelisteten Fällen handelte es sich u. A. um versuchte und vollendete Tötungsdelikte im sozialen Nahraum (Quelle: www.inSüdthüringen.de ).

Wie schätzt Du die derzeitige Situation in Deutschland, spezielle Mitteldeutschland und Sachsen ein, was Gewalt- und Opferschutz sowie Interventionsarbeit betrifft? Wie weit sind wir diesbezüglich in Sachen Gleichstellung?

Hier muss man eingangs sagen, dass man hier wirklich noch recht am Anfang steht. Sachsen zeigt sich stark engagiert, da es nunmehr seit Ende 2016 ein Pilotprojekt „Männerschutzwohnungen in Sachsen“ gibt, welches vom Freistaat Sachsen finanziert wird. Es existieren zwei Männerschutzwohnungen sowie dazugehörige Trägervereine. Die Landesfachstelle Männerarbeit Sachsen begleitet das Pilotprojekt fachlich und zusätzlich durch die Kampagne „Mann, gib dich nicht geschlagen.“ (www.gib-dich-nicht-geschlagen.de). Grundsätzlich können von Gewalt betroffene Männer jede Anlaufstelle aufsuchen die auch Frauen aufsuchen, wie z.B. die Interventions- und Koordinierungsstellen, die es in verschiedenen Bundesländern gibt, sowie die Beratungsstellen der Opferhilfe und des Weißen Rings. Jedoch existiert hier eine große Scham seitens der betroffenen Männer, sich zum einen erst einmal zu outen und zum anderen, sich an eine Stelle zu wenden, welche Gewalt mehr oder weniger im „Allgemeinen“ behandelt.
In Sachen Gewaltschutz sollte es zuerst eine einheitliche Regelung in allen Bundesländern sowie deutschlandweit geben, denn ohne diese Grundlage wird man keine wirkliche Gleichberechtigung schaffen. Sachsen z. B. verfolgt das Thema intensiv. Das Pilotprojekt Männerschutzwohnungen wird 2019/2020 für zwei weitere Jahre gefördert, um noch mehr Erfahrungen für den Betrieb von Männerschutzprojekten zu sammeln. Thüringen als benachbartes Bundesland hat zwar in den letzten Jahren große Versprechungen seitens der Politik gemacht – aber es wurde weder eingehalten noch umgesetzt. Somit musste der Thüringer Männerschutz, welcher in Gera einen sehr guten Anfang nahm und mit einem durchdachten Konzept eine Gewaltschutzwohnung umsetzte, nach nur kurzer Lebensdauer wieder eingestellt werden.

Gerade in Anbetracht der erst im Januar 2018 veröffentlichen Studie, dass in Thüringen mehr Männer als Frauen Opfer von häuslicher Gewalt im sozialen Nahfeld waren, ist dies nicht nachzuvollziehen. Hier herrscht, neben der allgemein fehlenden Lobby für dieses Thema, ein massives Ungleichgewicht, was die Wichtigkeit des Themas angeht.

Warum haben wir dieses extreme Ungleichgewicht? Abgesehen von der absolut indiskutablen AfD und in Teilen der FDP fahren ja alle Parteien ausschließlich frauenrechtliche Programme – wie kann daraus ein humanistisches Hilfesystem ohne diskriminierende Geschlechtergrenzen entstehen?

Dies ist eine Frage die mich sehr beschäftigt, auf die ich aber keine Antwort parat habe. Ich grüble momentan auch nicht über diese Frage nach, denn sonst wäre die Arbeit die wir leisten nicht machbar – sondern würde mich und uns nur resignieren lassen. Ich denke jedoch das es hier ein grundsätzliches Problem gibt von welchem alles ausgeht: der Mann ist jeher das stärkere Geschlecht. Er ist groß und stark und zeitlebens der Beschützer und Macher in der Entwicklung der Menschheit. Das auch dieser vermeintlich starke Mensch Hilfe benötigt und in Angst, Gewalt und Hilflosigkeit leben kann, ist in weiten Teilen der Gesellschaft praktisch nicht existent – in den Köpfen wie auch im wahren Leben. Dies gilt es zu allererst zu überwinden – es mangelt an Aufklärung.

Welche Akteure arbeiten in Deutschland derzeit am und für den Männerschutz? Wie viele Männerschutzwohnungen gibt es bei wie vielen Frauenhäusern?

In Oldenburg (Niedersachsen) engagieren sich Männer über den Männerwohnhilfe e.V. seit 2002 und bieten seitdem eine Zufluchtsstätte für gewaltbetroffene Männer an. Eine Zeitlang wurde das durch eine Beratungsstelle flankiert, die leider derzeit nicht mehr gefördert wird. In Sachsen betreiben der LEMANN e.V. in Leipzig sowie das Männernetzwerk Dresden e.V. Männerschutzwohnungen für jeweils 3 Männer und bei Bedarf auch ihre Kinder. In Plauen habe ich im Januar 2018 ebenso einen Verein zum Männerschutz gegründet – welcher auch eine Schutzwohnung betreibt. Seit Sommer 2018 existiert eine weitere Männerschutzwohung in Stuttgart, die durch die Sozialberatung Stuttgart betrieben wird. In Berlin und Ketzin (Brandenburg) werden Schutzprojekte ehrenamtlich ohne Förderung betrieben. Die Männerschutzwohnungen in Osterode am Harz und in Gera mussten leider inzwischen aufgrund mangelnder Rahmenbedingungen wieder geschlossen werden. Zum Vergleich: In Deutschland gibt es rund 353 Frauenschutzhäuser mit insgesamt über 6.000 Plätze. Hinzu kommen ca. 750 Fachberatungsstellen bei Gewalt gegen Frauen. In Deutschland existiert ein sehr dichtes Netz an Unterstützungseinrichtungen für gewaltbetroffene Frauen und ihre Kinder. Den 5 Männerschutzprojekten stehen somit bundesweit 353 Frauenschutzprojekte gegenüber. Politisch und fachlich werden derzeit 3 – 5 Männerschutzprojekte für jedes Bundesland gefordert.

Seit 2016 tauschen sich die existierenden Projekte sporadisch in bundesweiten Netzwerktreffen aus.

Symbolfoto

Du selbst hast in Plauen den Weissenberg e. V. initiiert, in dem zahlreiche hochrangige Fachleute sitzen bzw. ein kompetentes Netzwerk besteht – vom Fachanwalt über Therapeuten bis hin zu Ärzten und Leuten aus Politik und Medien. Darüber hinaus interessieren sich seit geraumer Zeit Leitmedien wie ZDF info, der Spiegel oder MDR Kultur für Deine Geschichte. Wie erklärst Du Dir diesen Zuspruch und dieses Vertrauen?

Ich gehe sehr offen mit meinem Erlebten um, berichte darüber und zeige mich als einen Mensch der daran nicht zerbrochen ist. Ich sehe mich nicht mehr als Opfer – sondern als einen ehemaligen Betroffenen, der noch auf beiden Beinen steht und sein Erlebtes nutzt um anderen Betroffenen zu helfen. Ich glaube, dass diese offene und selbstbewusste Art, die ich zu diesem Thema habe, dem ganzen ein Gesicht gibt – bzw. anfängt, dem ein Gesicht zu geben.

Dieser offene Umgang scheint ein Signal gesetzt zu haben. Ein Signal, was da heißt „dies ist kein Tabuthema“. Und gerade weil es bisher so ein Tabuthema ist, wird es als sehr willkommen gesehen das hier jemand so offen und selbstverständlich damit umgeht. Dies ist der erste Schritt dem Thema ein Gesicht zu geben und eine Lobby zu schaffen. Die Mitglieder und Unterstützer meines Vereines kennen mich als lebensfrohen, witzigen und stets offenen und hilfsbereiten Menschen. Dass auch ich viele Jahre von häuslicher Gewalt und Misshandlung betroffen war zeigt vielen Menschen die Gegensätzlichkeit und Unfassbarkeit auf – besonders im Hinblick darauf, dass es weder einen bestimmten Typ Mensch noch eine gewisse soziale Struktur bedarf, um von Gewalt betroffen zu sein.

Welche Ziele hast du dir über die Errichtung der Gewaltschutzwohnung und das nun erschienene Buch hinaus gesetzt?

Das wichtigste Ziel ist für mich, dass ich durch Offenheit und durch selbstbewusstes Umgehen mit dem Thema „Häusliche Gewalt gegen Männer“ eine Lobby und ein Gesicht für dieses Thema schaffe. Kein Wegschauen mehr, keine Scham, kein Belächeln – sondern volle Akzeptanz, Gleichberechtigung und vollen Respekt. Jedes Lebewesen auf der Erde hat das Recht auf körperliche und seelische Unversehrtheit !

Tami, wir bedanken uns für das Gespräch und dein Vertrauen.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz. Teil 1 des Interviews und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #8 [Edition Outbird]. Bildnachweis: Privat / Stockbroker.
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Emma Wolff | Symbiose zwischen Lyrik + Engagement (Interview Teil 2)

(Teil 1 ist im „Outscapes“-Magazins #3 abgedruckt)

… Erst vor Kurzem ist im Telescope Verlag „Leben erblühen“ erschienen, wo Du einmal mehr Deine Liebe für Haikus zum Ausdruck bringst. Was verbindet Dich mit dieser besonderen Form der Lyrik? Kann man sagen, sie entspricht am Ehesten Deinem inneren Klang?

Obgleich die Arbeit an dem Buch „Leben erblühen – Schlüssel des Augenblicks“ die längste Zeit aller Veröffentlichungen brauchte, so war dies ein großer Entwicklungsprozess in sich, der viele Ideen in sich trug, die am Ende auch wieder verworfen wurden, bis ich mit dem Buch im Einklang war. Auch hier war es mir wichtig, nicht einfach nur ein Buch mit Haikus auf den Markt zu bringen, sondern etwas wovon der Leser viel mehr hat, als ein Buch voller Lyrik. Infolgedessen haben sich die Haikus dann mit Bildern verbunden. Ebenso war es mir wichtig, dass auch hier, wie in allen anderen Texten auch, der Leser genügend Raum hat, sich zu entfalten und wieder zu finden.

Da ein Haiku immer ein Ereignis, eine Erkenntnis oder einen Augenblick festhält, ein Moment in dem es entspringt, ist es in der Sekunde seiner Entstehung immer der Klang meiner inneren Stimme. Die Stimme in dem gegenwärtigen Zeitpunkt. Es ist die Kürze, die mir oft schwer fällt. Etwas mit wenigen Worten erzählen und alles gesagt zu haben. Das war nicht nur die reizvolle Herausforderung am Anfang, sondern es fand sich eine Liebe darin, die vollkommen erfüllen kann.

Haikus als traditionelle japanische Gedichtform mag in seinen ungeraden Verszahlen mitunter vielleicht irritieren, bei Dir drängt sich die Frage auf, ob Deine Lyrik, ob Du spirituellen Hintergrund in Deinem Leben trägst?

Es ist nicht die ungerade Zahl. Es ist im Allgemeinen die vorgeschriebene Kürze die Irritieren mag. „Mir wurde mal gesagt, das ist viel zu begrenzt für deine Kreativität und nichts für dich.“ Genau das ist aber der Irrglaube. Es ist genau diese Begrenztheit die Grenzenlos machen lässt. Das Denken auf das Wesentliche zu bündeln, wirkt wie ein sprudelndes Feuerwerk der Inspiration. Es wäre gelogen wenn ich sagen würde, dass ich keinen spirituellen Hintergrund hätte. Denn wenn man sich intensiv mit dem Haiku auseinandersetzt, wird man nicht nur feststellen, dass ein Haiku nicht nur die kürzeste Gedichtform der Welt ist, die ihren Ursprung in Japan hat, so wird man herausfinden, dass es traditionell im Zen – Buddhismus zu Hause ist. Ich habe nur mit dem Begriff Spirituell ein Problem, weil es im Bezug auf zu viele Dinge in unserer westlichen Welt verwendet wird. Aber da ich ein spirituelles Leben, für mich alleine führe, sind sie automatisch auch mit einem spirituellen Hintergrund. So sind viele Haikus auch direkt nach einer Meditation oder nach einer Yogastunde entstanden, wobei die meisten direkt im Leben entsprangen.

Spirituell, was ist das überhaupt? Ist es nicht viel mehr das offen Sein für das Leben, den Augenblick, andere Menschen und vor allem für die Dinge zwischen Himmel und Erde, die wir nicht begreifen oder erklären können, aber existent sind. Die Offenheit erlaubt es mir auch über die Grenzen zu schauen, zu sehen, in wie vielen Punkten sich die unterschiedlichsten Religionen in ihren Büchern ähneln. Aber viel wichtiger ist es seinen Weg zu finden. Seinen ganz persönlichen Weg.

Hinter all diesem Hintergrund, war es deswegen mein Wunsch, all die Haikus nicht für mich zu behalten, sondern sie zu teilen, denn sie können eben viel mehr sein, als nur ein kurzes Gedicht.

Was zeichnet für Dich eine gesunde Spiritualität aus?

Das ist eine schwierige Frage, denn es müsste jetzt erst geklärt werden, was ist für jeden Einzelnen Spiritualität? Oft ist das Leben alleine und für sich, ohne die Gesellschaftlichen Konditionierungen schon spirituell.

Eine gesunde Spiritualität ist für mich, offen zu sein, dem Leben, den Menschen und dem gegenwärtigen Augenblick gegenüber, für all die Dinge die einfach sind, um sie zu leben oder zu erleben. Das Wichtigste dabei ist, gleichzeitig den Blick für das Wesentliche nicht zu verlieren, dann können wir sogar verstehen, egal auf welcher Ebene wir die Welt betrachten.

Wenn wir nach meinem Empfinden spirituell leben, dann werden wir sehen, dass es nur einen Weg gibt. Diesen kann aber nur jeder für sich alleine herausfinden, denn die Wege sind ebenso individuell wie wir Menschen es sind. Ebenso wie Spiritualität und Wissenschaft z.B Physik oder Psychologie ineinander greifen können. Wie heißt es so schön…. „Der Buddhismus fängt da an, wo die Psychologie aufhört.“ *Lächeln*

Mit einem kurzen Blick auf unsere Gesellschaft einerseits und alternative Kultur andererseits: was wünschst Du Dir?

Wenn ich meinen Blick auf unsere Gesellschaft und die derzeitige Entwicklung, auch in vielen kulturellen Bereichen wende, dann läuft mir ein kalter Schauer über den Rücken, denn es graut mir.

Wenn wir ehrlich sind, greift ja beides auch ineinander. Man kann es nicht wirklich trennen.

Es muss grundsätzlich ein Umdenken geschehen, trotz all der ganzen medialen Möglichkeiten die wir haben, geht das Verständnis für Kultur zurück, da es nur noch um Macht, Geld und Aufmerksamkeitssucht geht. Ebenso wie wir uns in die Abhängigkeiten der Technologie begeben, die uns so einnehmen, das viele Menschen manipuliert werden ohne es zu merken, oder wir für die wirklich schönen Dinge des Lebens keinen Platz mehr haben. Es fällt uns sogar schwer zu erkennen, was wir wirklich brauchen und was nicht.

Grundsätzlich wünsche ich mir ein Umdenken, mehr Offenheit und Mitgefühl für alle Menschen, damit sich ein friedvolleres Miteinander entwickeln kann. Zudem kann aber eben auch dies, zusammen mit den medialen Möglichkeiten, die Chance sein, das sich alternative Kultur noch mehr durchsetzen kann. Das auch die Freigeister und Visionäre in dieser Welt wieder einen Platz finden und somit auch die alternative Kultur wieder mehr Gehör, Leser oder Betrachter findet.

Deswegen finde ich auch Outbird ein tolles und unterstützenswertes Projekt, denn je mehr Künstler dieser Sparte sich zusammenschließen, umso größer ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass die alternative Kultur ein breiteres Spektrum an Liebhabern finden wird. Eben die Aufmerksamkeit bekommt, die es haben sollte.

Du siehst, auch wenn ich das Grauen sehe, bin ich mir der Möglichkeiten bewusst und kann auch etwas Positives finden. Somit muss es nicht nur ein Wunsch sein und bleiben, sondern kann Realität werden. Es braucht nur seine Zeit, Geduld und Ausdauer, wie in so vielen Dingen im Leben.