[ Rezension ] Christian von Aster (Hrsg.) „Boschs Vermächtnis“

[Vorliegende Rezension ist ebenfalls in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #8 erschienen.]

„Es gibt Werke, die einen ein Leben lang nicht mehr verlassen. Sie schlummern vielleicht manchmal nach der Erstentdeckung Jahre vor sich hin, aber sie gehen nie ganz fort. Beispielsweise „Märchen aus 1001 Nacht“. Ich liebte sie und tue es noch. Erst unlängst nahm ich es wieder in die Hand, bevor andere spannende Stoffe die Hoheit übernahmen. Eines dieser spannenden Neuerscheinungen war und ist „Boschs Vermächtnis“ unter Christian von Asters Herausgeberschaft, ein Buch von mehr als 400 Seiten. Von Aster, dem Hieronymus Bosch im Alter von 14 Jahren ins Leben trat, trug sich lange Jahre mit dem Gedanken, Bosch zum Thema seiner literarischen Arbeit zu machen, bis diese Idee eines Tages herangereift war.

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Was heute nun vor mir liegt, ist ein Prachtwerk, dass mit AutorInnen wie Luci van Org, Sonja Rüther, Michael Schweßinger, Alex Jahnke, Vera Wehberg, David Gray, Astrid Mosler oder Christian von Aster selbst nicht nur einige der besten ErzählerInnen der deutschen Gegenwartsliteratur versammelt, sondern auch mit einer bestechenden Vielfalt Bosch´scher Deutungen aufwartet, die sich in eine schier unerschöpfliche Vielfalt fantastischer Geschichten ergießt. Oft wähnt man sich von mittelalterlichen Welten umgeben, folgt auf dunkle Pfade zwischen Bedrohlichkeit, Untergang und der Suche nach Erlösung, folgt den Charakteren oder vielmehr DEM Charakter auf psychedelische Rauschfahrten oder durch ihre Wahnvorstellungen. Dann wieder wird man in eine überirdische Nummer zweier Frauen auf dem Boden eines Museums hineingezogen, die in den Seelenverkauf einer ausgebrannten und ausgehungerten Spieleentwicklerin mündet, findet sich Seiten später in einem endlos bösen Trip Boschs wieder, der nur erahnen lässt, wie besessen dieser kongeniale Künstler gewesen sein muss (oder könnte?), um wiederum Seiten später vom obsessiven Briefwechsel zwischen Johanna I. von Kastilien und Hieronymus von Bosch mitgerissen zu werden.

„Boschs Vermächtnis“ besticht in vielen seiner fantastischen Erzählungen durch die wechselnden Perspektiven und Ebenen, die sich durch den Erzählsog mitunter erst später auflösen. Oft musste ich erst wieder auftauchen ins Jetzt und Hier, wenn ich in eine dieser Geschichten geraten war. Um festzustellen, dass man sich auf dieses Buch nur voll und ganz einlassen kann. Ich schätze, man würde – beispielsweise in der U-Bahn – die Welt mit all ihren Pflichten um sich herum vergessen und am Abgleich mit derselben scheitern. Vielleicht erklärt sich damit auch die Magie des Triptychons „Garten der Lüste“ von Hieronymus Bosch: Sein weltberühmtes wie seinerzeit provokantes Gemälde wie auch dieses Buch schillern in so unendlich vielen Facetten, dass es einem Trip gleicht, ein vollendetes Verständnis davon erlangen zu wollen.

Man kann es als Geschenk verstehen, dass man dieses wundervolle Buch niemals ganz entschlüsseln wird, allein schon weil Bosch nur noch als herausragende Künstlerlegende existiert. Und – für mich – jetzt schon ein ähnlich starkes Schlüsselwerk wie ebenjene „Märchen aus 1001 Nacht“. Das nicht zuletzt dadurch glänzt, Bosch eine mehr als gebührende Erinnerung zu verschaffen.

Die Rezension schrieb Tristan Rosenkranz. Mehr Themen und Interviews finden Sie im „Outscapes“-Magazin #8 [Edition Outbird].
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Jennifer Sonntag „Individuelle Pfade der Selbstbestimmung“ [Interview Teil 2] | Outscapes #8

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #8 erschienen. In diesem Zusammenhang verweisen wir gern auf ihr aktuelles in der „Edition Outbird“ erschienenes Buch „Seroquälmärchen“ in unserem Onlinestore (siehe auch nachfolgendes Coverfoto).]

„… Als blinder Mensch kann man quasi schon den Strick um den Hals haben und die verantwortlichen Therapieeinrichtungen lehnen einen ab, weil sie sich mit nichtsehenden Patienten überfordert sehen. Die Berührungsängste in den Köpfen des Klinikpersonals sind hier die eigentlichen Barrieren.
Als Inklusionsbotschafterin wünsche ich mir den Zusatz im Portfolio aller Kliniken auch in anderen medizinischen Bereichen, in denen es oft die gleichen Probleme gibt: Wir öffnen uns der Barrierefreiheit und sind für Menschen mit Behinderungen gern Ansprechpartner. Leider ist dies noch alles andere als selbstverständlich und natürlich müssen auch für die Kliniken vertretbare Bedingungen geschaffen werden.

Die beinahe surrealen, zerbrechlich-zarten Illustrationen fertigte Franziska Appel an, ebenfalls Hallenserin und Trägerin des Inklusionspreises. Wie kam es zu Eurer Zusammenarbeit, was verbindet Euch?

Willst du das wirklich wissen? Das ist nicht ganz jugendfrei! Menschen die etwas miteinander anfangen können erkennen sich glaub ich am Geruch. Darf ich das kurz erklären? Um das Unschöne besser beim Kragen packen zu können, befasse ich mich sehr intensiv mit Schönem und das definiere ich nach meinen Sinnesfreuden. Ich feiere meine Sinnesfreuden und veröffentliche auch erotische Kurzgeschichten. Mit meinem sehenden Partner habe ich erotische Kohle- und Kreidezeichnungen zu unserem Buch „Liebe mit Laufmaschen“ angefertigt. Wie man als blinde Zeichnerin mit einem sehenden Partner auf Papier agiert und mehr zu meinen erotischen „Eskapaden“ findet man auf der Website „Liebe mit Laufmaschen„. Und hier kommt auch Franziska Appel ins Spiel. Da auch blinde Menschen an erotischen Bilderwelten interessiert sind, hat sie unsere Zeichnungen für die blinden Besucher unserer Homepage wunderbar wortmalerisch beschrieben. Für blinde Menschen Bilder zu beschreiben und dann auch noch erotisch, das ist nicht einfach und es ermöglicht einen wahnsinnig aufregenden Dialog. Aber mit Franzi und mir ist es eine Art magnetische Anziehung und wir passen mit unseren Ideen immer wie ein köstlicher Cocktail zusammen. Sie kann nicht nur super Bilder beschreiben und Texte verfassen, sie ist eine sehr vielseitige Malerin und Zeichnerin und für mein „Seroquälmärchen“ fragte ich sie ob sie sich vorstellen könnte für mich Bilder zu entwickeln, die so oder so ähnlich auch in einer Psychiatrie hätten entstehen können. Wir verstehen uns in dieser Hinsicht blind und Franzis Stifte machen meine Gedanken immer wieder auf beeindruckende Weise sichtbar.

Stichpunkt Depression: Depression ist ja schon für Menschen ohne Behinderung ein schwarzes Monster; wie kann Mensch sich das zuzüglich einer Behinderung vorstellen? Haben es Menschen mit Behinderung ungleich schwerer, sich Selbstvertrauen und Souveränität anzueignen?

Behinderung plus Depression ist tatsächlich ein ungünstiger Doppel-Whopper. Nicht jeder behinderte Mensch erlebt im Laufe seines Lebens eine Depression, aber wie bei jedem anderen Menschen ohne Behinderung auch, kann das natürlich vorkommen. Das ist jedoch leider ein Tabuthema und man erlebt den Behinderten lieber als Optimisten und Frohnatur, der seinem Gegenüber mit einem Lächeln auf den Lippen die Befangenheit und die Berührungsängste nimmt. Betroffene fallen tragischer Weise allzu häufig aus dem System, da dieses nur auf „normale“ Depressionen ausgelegt ist. Ich habe psychiatrisch Tätige z. B. oft sagen hören: „Was soll ich denn mit einem Blinden in der Ergo- oder in der Sporttherapie anfangen? Ich weiß doch gar nicht, was ich mit dem machen soll!“ Diese Ablehnungserfahrungen verbessern natürlich nicht gerade das Selbstwertgefühl des Hilfesuchenden, der vielleicht kürzlich durch einen Unfall sein Augenlicht verlor. Ich arbeitete viele Jahre lang in einem helfenden Beruf und musste später leider auch in einer schwierigen Lebenslage am eigenen Leib erfahren wie es sich anfühlt, auf Hilfe angewiesen zu sein und keine zu bekommen, weil man mit der Blindheit fremdelte. Dann kam immer die Aussage: „Ach Sie sehen gar nichts mehr, überhaupt nichts mehr? Dann können Sie nicht kommen, Sie können sich ja gar nicht zu den einzelnen Therapiestationen orientieren und wir haben kein Personal, was Ihnen die Therapieinhalte erklärt“. Ein Mensch mit Behinderung ist auch nur ein Mensch und er kann, wie jeder andere auch, psychisch erkranken. Dabei muss die Behinderung nicht die Ursache sein, sie wiegt aber schwerer in einer depressiven Episode, wenn ohnehin die Welt um einen herum in schwarz versinkt, dann wird man auch die Blindheit nicht gerade als „Lichtblick“ empfinden.

Du bist aufgrund einer Krankheit allmählich erblindet. Wie kann man sich das vorstellen, immer weniger bis irgendwann gar nichts mehr sehen zu können? Wie ist es überhaupt möglich, damit umzugehen und den Lebensmut nicht zu verlieren?

Wir alle verarbeiten herausfordernde Lebensveränderungen in Phasen. Am Anfang ist man natürlich schockiert, will das nicht wahr haben, lehnt das ab, verdrängt, rebelliert, zieht sich zurück, ist neidisch auf alle, die noch sehen können, da ist das volle Programm an Gefühlen dabei. In meinen Vorträgen nenne ich das Modell zur Behinderungsverarbeitung „Hinter den sieben Bergen“ und am Ende des Tunnels ist metaphorisch gesprochen immer Licht, wenn man selber will und sich Zeit gibt. In der Mitte der sieben Phasen kommt die Trauerarbeit, die ist ganz wichtig und auch hier muss man den Gefühlen Raum geben, um in die nächsten Phasen übergleiten zu können. Manchmal stagniert das auch oder man überspringt eine Phase, später beginnt man aber zu schauen, wie man sein Leben neu strukturiert und organisiert, welche Potenziale, Menschen, Talente man aus dem Leben davor mitnimmt, man lernt seine Grenzen zu kommunizieren und viele neue Lichtschalter zu aktivieren. Leben heißt nicht Sehen, man kann blind selbstbestimmt und glücklich leben.
Rückfälle in eine frühere Verarbeitungsphase sind möglich, z. B. wenn ein sehr belastendes Ereignis hinzukommt, etwa Mobbing am Arbeitsplatz, der Tod eines geliebten Menschen, eine zusätzliche Erkrankung. Bei mir war es die Depression, die mich unter Wasser zog und ich kann sagen, die macht es erst wirklich finster, nicht die Blindheit, mit der kann man lustvoll und sinnlich leben, nicht aber mit der Grabesplatte der Depression auf der Seele. Die legte sich auf mich wie ein verzehrender Schleier und das nicht wegen meiner Behinderung sondern wegen einer zermürbenden und unfairen Situation am Arbeitsplatz, die zu einer gesundheitlichen Abwärtsspirale führte.

Eines Deiner Lebensthemen ist (inklusive) Sexualität. Brauchen Menschen mit Behinderung eine Lobby für dieses Thema? Was unterscheidet sich vom sexuellen Selbstverständnis nichtbehinderter Menschen?

Ein großes Anliegen ist für mich die sexuelle Selbstbestimmung von Mädchen und Frauen mit Behinderungen, die im Vergleich zu ihren nicht behinderten Geschlechtsgenossinnen überdurchschnittlich häufig von sexuellen Übergriffen betroffen und bedroht sind. Hier spielt die Sozialisation durch Schule und Elternhaus auch eine entscheidende Rolle und die eigene Körperbildwahrnehmung ist im Falle der Blindheit oft auf eine bestimmte Weise durch sehende Bezugspersonen geprägt, die ihre Vorstellungen auf das blinde Mädchen oder die blinde Frau übertragen. Das ist oft gut gemeint, kann aber im negativen Fall nachhaltig Narben hinterlassen. Oft mussten sich blinde Frauen sehr selbstwertschädigende Sätze anhören, wie ich während meiner Arbeit an der Anthologie „Hinter Aphrodites Augen“ erkennen musste. Sie berichteten von Sätzen wie: „Du kannst froh sein, wenn du überhaupt einen Mann abbekommst“, „Deine Augen sehen zum Kotzen aus“, „Als Blinde kannst du keine langen Haare tragen, die kannst du gar nicht pflegen“, „Wer mit einer Blinden zusammen ist, muss ja einen Helferkomplex haben“ oder „Wenn du als Blinde einen kurzen Rock trägst, muss du dich nicht wundern, wenn dir was passiert.“
Mutige Seminarteilnehmer fragten mich manchmal, ob ich überhaupt schon mal einen Freund hatte und wie das so funktionieren kann mit dem Kennenlernen, dem Verlieben, der Sexualität und dem Beziehungsalltag, wenn ich doch blind bin. Nicht selten ging man auch davon aus, dass mein sehender Partner meine Outfits zusammenstellt und mich wie ein Püppchen zurechtmacht und man zollte ihm großen Respekt dafür, dass er überhaupt mit mir zusammen ist. Seine „Lebenslaufmaschen“ waren ihm ja nicht auf die Stirn geschrieben.
All das macht natürlich auch etwas mit dem erotischen Selbstverständnis oder der Selbstbehauptung von Frauen mit Behinderungen und zeigt, dass diese Themen noch nicht ausreichend angenommen und angekommen sind. Ich möchte natürlich in die andere Richtung, ich möchte Frauen und Mädchen mit Behinderungen in ihrer Selbstwahrnehmung und im Ausdrücken ihrer Bedürfnisse stärken und tue dies auch in zahlreichen Projekten, etwa in meiner verschriftlichten Workshop-Sammlung „Der Geschmack von Lippenrot“, die zur Leipziger Buchmesse 2019 erscheint und in welcher ich blinde und auch sehende Frauen zu einer selbstbestimmten Auseinandersetzung mit dem äußeren und inneren Spiegelbild anrege.

Liebe Jennifer, wir danken Dir für dieses Gespräch.

Noch ein Wort zu Veranstaltungsreihen konkret zu Behinderung und Sexualität, ich erhalte dazu häufig Anfragen. Fachvorträge oder Schulungen diesbezüglich biete ich schon deshalb nicht an, weil wir Menschen mit Behinderungen sehr unterschiedlich ticken und wie alle anderen auch, sehr unterschiedliche Vorlieben haben. Ich bin nicht der Weisheit letzter Schluss, ich bin nur eine Idee. Aber ich möchte mit meiner Arbeit Türen aufstoßen und Interessierte anregen, dahinter noch viele weitere Türen, Spielräume und Spielarten zu entdecken. Deshalb möchte ich die Lesereihe „Querschnitte für Querköpfe“ meiner „Verlagsgeschwister“ Franziska Appel und Benjamin Schmidt leidenschaftlich empfehlen, denn hier werden zahlreiche dieser Türen und ungeahnte Erkenntnisaugen geöffnet. Wir erfahren, wie sich blinde Menschen erotische Bilderwelten erschließen, wie die Klänge unkonventioneller Berührungen zu Ganzkörperorgasmen anschwellen und wir lernen Querköpfe mit und ohne Querschnittslähmung kennen, die uns eine Menge über Körperflüssigkeiten aller Art erzählen können. Auch wenn dies kein Fachvortrag oder keine Schulung im eigentlichen Sinn ist, so werden doch verschiedenste Aspekte im Zusammenspiel von Sexualität und Behinderung thematisiert und erklärt. Und sind erst einmal die Türen geöffnet und anfängliche Hemmschwellen mit einer Rampe versehen, kann zudem der anschließende Austausch in lockerer Atmosphäre sehr aufschlussreich sein. Neugierig geworden? Interessierte wenden sich bitte an: Franziska Appel (appel.franziska[at]gmail.com).“

Das Interview führte Tristan Rosenkranz. Teil 1 des Interviews und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #8 [Edition Outbird]. Bildnachweis: malsehn! Media.
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Tami Weissenberg „Gewalt und neue Wege“ [Interview Teil 2] | Outscapes #8

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #8 erschienen. In diesem Zusammenhang verweisen wir auf Tami Weissenbergs in Kürze in unserer „Edition Outbird“ erscheinendes und bereits vorbestellbares Buch „Darjeeling pur„.]

„… Bekommt sie nicht was sie will oder spielt das Umfeld nicht mit, wie sie will, wird sich das Geforderte erzwungen – mit Gewalt. Sie hat schnell erkannt, dass sich Menschen mit Gewalt, Kontrolle und Unterdrückung perfekt kontrollieren und benutzen lassen – und ihr damit jeden Wunsch erfüllen. Wieso sie die Eigenart entwickelte am Höhepunkt ihrer Gewaltexzesse stets ein Abreagieren in Form von Sex mit fremden Männern zu suchen kann ich bis heute nicht erklären. Diese Methode kommunizierte sie jedoch stets sehr offen und lebte dies als völlige Normalität.

War eine körperliche Gegenwehr nie Thema für Dich?

Körperliche Gegenwehr war nie ein Thema für mich. Ich verachte bis heute jegliche Form von Gewalt. Ich lebe streng nach der Annahme, dass sich jegliche Konflikte gewaltfrei lösen lassen. Sie gab mir auch jederzeit unmissverständlich zu verstehen, dass sie – sollte ich mich wehren – mich jederzeit wegen Ausübung häuslicher Gewalt anzeigen würde. Zu oft verletzte sie sich vor meinen Augen selbst, fotografierte dies, und sagte dann das dies ein Beweis wäre das ich sie misshandle, sofern ich mich trauen würde mich zu wehren oder ihre Übergriffe zur Anzeige zu bringen.

Wie bist Du der Situation letztlich entkommen? Welche Hilfe wurde Dir zuteil und wie wirksam sind Therapien in Fällen wie deinem?

Welcher Impuls mich letztendlich hat gehen lassen ist mir bis heute unbekannt. Ich kann nur sagen, dass ich an einem Tag starke Halsschmerzen hatte. Ich war so unendlich sauer, dass ich mir es nicht mal erlauben kann Medizin dagegen zu kaufen (da jede Sekunde meines Tages kontrolliert wurde), dass ich aus einem mir bis heute unbekannten Impuls das Handy ausschaltete und nicht nach Hause fuhr. Ich fuhr in die Apotheke und kaufte Halstabletten, kaufte mir danach ein paar Unterhosen und fuhr ab diesem Moment nie wieder zu dieser Frau zurück.

Meine größte Hilfe war damals, dass ich all meine Erlebnisse aufschrieb und mich Tag für Tag bewusst mit dem Erlebten auseinandersetzte. Eine Männerschutzwohnung oder gar ein Männerhilfsnetzwerk gab es damals noch nicht. Mit Freunden, Bekannten oder gar meiner Familie redete ich nicht darüber, da ich schnell merkte, dass in der Gesellschaft eine gewisse Ablehnung beim Thema „Häusliche Gewalt gegen Männer“ besteht. Eine kurzzeitige Hilfe erhielt ich damals von meiner Arbeitskollegin und deren Mann, welcher Pfarrer ist. Ihnen konnte ich in Bruchteilen erzählen was mir widerfahren ist und ich fand Unterkunft im Pfarrhaus. Ein weiterer wichtiger Hilfsaspekt war eine gezielte Psychotherapie um das Erlebte aufzuarbeiten. Das Niederschreiben meiner Erlebnisse und die gezielte Psychotherapie waren im nachhinein betrachtet eine für mich sehr gute Verarbeitungshilfe. Das bewusste Auseinandersetzen mit meinen Erlebnissen – und dass ich mich im Nachhinein nicht als Opfer sehe – war mir die beste Basis. Ohne die hätte ich es nie geschafft ein eigenes Hilfsnetzwerk zu gründen.

Wie ist die statistische Opferquote zwischen Männern und Frauen aufgeteilt?

Anbei ein paar Zahlen aus dem ‚Lagebild Häusliche Gewalt‘ des LKA Sachsen. Dort gab es im Jahr 2016 1804 männliche und 4277 weibliche Opfer über 18 Jahre. Im Durchschnitt der Jahre 2010 bis 2016 beträgt die männliche Betroffenheitsquote 25,7%. Überproportional häufig mit 43% werden Männer Opfer in der Kategorie „schwere Körperverletzung“. Um Missverständnissen vorzubeugen sei aber darauf hingewiesen, dass Männer auch etwa 78% aller Tatverdächtigen (bei genereller Gewalt) ausmachen.

Bundesweit lag die Zahl der zur Anzeige gebrachten Übergriffe auf Männer im Jahr 2012 bei ca. 20.000, 2015 lag diese bei ca. 23.000. Sachsenweit wurden letztes Jahr ca. 1.700 Fälle zur Anzeige gebracht, 3 davon endeten tödlich. Auf die Polizeidirektion Zwickau herunter gebrochen gab es 86 Fälle, 61 davon fanden im Vogtland statt.

Im Januar 2018 wurde im Freistaat Thüringen eine Statistik veröffentlicht, aus welcher hervorging, dass in Thüringen mehr Männer als Frauen Opfer von häuslicher Gewalt geworden sind. Die Studie zog sich über den Zeitraum von 2011 bis 2016 und wurde vom Innenministerium sowie der Polizei geführt. Bei den aufgelisteten Fällen handelte es sich u. A. um versuchte und vollendete Tötungsdelikte im sozialen Nahraum (Quelle: www.inSüdthüringen.de ).

Wie schätzt Du die derzeitige Situation in Deutschland, spezielle Mitteldeutschland und Sachsen ein, was Gewalt- und Opferschutz sowie Interventionsarbeit betrifft? Wie weit sind wir diesbezüglich in Sachen Gleichstellung?

Hier muss man eingangs sagen, dass man hier wirklich noch recht am Anfang steht. Sachsen zeigt sich stark engagiert, da es nunmehr seit Ende 2016 ein Pilotprojekt „Männerschutzwohnungen in Sachsen“ gibt, welches vom Freistaat Sachsen finanziert wird. Es existieren zwei Männerschutzwohnungen sowie dazugehörige Trägervereine. Die Landesfachstelle Männerarbeit Sachsen begleitet das Pilotprojekt fachlich und zusätzlich durch die Kampagne „Mann, gib dich nicht geschlagen.“ (www.gib-dich-nicht-geschlagen.de). Grundsätzlich können von Gewalt betroffene Männer jede Anlaufstelle aufsuchen die auch Frauen aufsuchen, wie z.B. die Interventions- und Koordinierungsstellen, die es in verschiedenen Bundesländern gibt, sowie die Beratungsstellen der Opferhilfe und des Weißen Rings. Jedoch existiert hier eine große Scham seitens der betroffenen Männer, sich zum einen erst einmal zu outen und zum anderen, sich an eine Stelle zu wenden, welche Gewalt mehr oder weniger im „Allgemeinen“ behandelt.
In Sachen Gewaltschutz sollte es zuerst eine einheitliche Regelung in allen Bundesländern sowie deutschlandweit geben, denn ohne diese Grundlage wird man keine wirkliche Gleichberechtigung schaffen. Sachsen z. B. verfolgt das Thema intensiv. Das Pilotprojekt Männerschutzwohnungen wird 2019/2020 für zwei weitere Jahre gefördert, um noch mehr Erfahrungen für den Betrieb von Männerschutzprojekten zu sammeln. Thüringen als benachbartes Bundesland hat zwar in den letzten Jahren große Versprechungen seitens der Politik gemacht – aber es wurde weder eingehalten noch umgesetzt. Somit musste der Thüringer Männerschutz, welcher in Gera einen sehr guten Anfang nahm und mit einem durchdachten Konzept eine Gewaltschutzwohnung umsetzte, nach nur kurzer Lebensdauer wieder eingestellt werden.

Gerade in Anbetracht der erst im Januar 2018 veröffentlichen Studie, dass in Thüringen mehr Männer als Frauen Opfer von häuslicher Gewalt im sozialen Nahfeld waren, ist dies nicht nachzuvollziehen. Hier herrscht, neben der allgemein fehlenden Lobby für dieses Thema, ein massives Ungleichgewicht, was die Wichtigkeit des Themas angeht.

Warum haben wir dieses extreme Ungleichgewicht? Abgesehen von der absolut indiskutablen AfD und in Teilen der FDP fahren ja alle Parteien ausschließlich frauenrechtliche Programme – wie kann daraus ein humanistisches Hilfesystem ohne diskriminierende Geschlechtergrenzen entstehen?

Dies ist eine Frage die mich sehr beschäftigt, auf die ich aber keine Antwort parat habe. Ich grüble momentan auch nicht über diese Frage nach, denn sonst wäre die Arbeit die wir leisten nicht machbar – sondern würde mich und uns nur resignieren lassen. Ich denke jedoch das es hier ein grundsätzliches Problem gibt von welchem alles ausgeht: der Mann ist jeher das stärkere Geschlecht. Er ist groß und stark und zeitlebens der Beschützer und Macher in der Entwicklung der Menschheit. Das auch dieser vermeintlich starke Mensch Hilfe benötigt und in Angst, Gewalt und Hilflosigkeit leben kann, ist in weiten Teilen der Gesellschaft praktisch nicht existent – in den Köpfen wie auch im wahren Leben. Dies gilt es zu allererst zu überwinden – es mangelt an Aufklärung.

Welche Akteure arbeiten in Deutschland derzeit am und für den Männerschutz? Wie viele Männerschutzwohnungen gibt es bei wie vielen Frauenhäusern?

In Oldenburg (Niedersachsen) engagieren sich Männer über den Männerwohnhilfe e.V. seit 2002 und bieten seitdem eine Zufluchtsstätte für gewaltbetroffene Männer an. Eine Zeitlang wurde das durch eine Beratungsstelle flankiert, die leider derzeit nicht mehr gefördert wird. In Sachsen betreiben der LEMANN e.V. in Leipzig sowie das Männernetzwerk Dresden e.V. Männerschutzwohnungen für jeweils 3 Männer und bei Bedarf auch ihre Kinder. In Plauen habe ich im Januar 2018 ebenso einen Verein zum Männerschutz gegründet – welcher auch eine Schutzwohnung betreibt. Seit Sommer 2018 existiert eine weitere Männerschutzwohung in Stuttgart, die durch die Sozialberatung Stuttgart betrieben wird. In Berlin und Ketzin (Brandenburg) werden Schutzprojekte ehrenamtlich ohne Förderung betrieben. Die Männerschutzwohnungen in Osterode am Harz und in Gera mussten leider inzwischen aufgrund mangelnder Rahmenbedingungen wieder geschlossen werden. Zum Vergleich: In Deutschland gibt es rund 353 Frauenschutzhäuser mit insgesamt über 6.000 Plätze. Hinzu kommen ca. 750 Fachberatungsstellen bei Gewalt gegen Frauen. In Deutschland existiert ein sehr dichtes Netz an Unterstützungseinrichtungen für gewaltbetroffene Frauen und ihre Kinder. Den 5 Männerschutzprojekten stehen somit bundesweit 353 Frauenschutzprojekte gegenüber. Politisch und fachlich werden derzeit 3 – 5 Männerschutzprojekte für jedes Bundesland gefordert.

Seit 2016 tauschen sich die existierenden Projekte sporadisch in bundesweiten Netzwerktreffen aus.

Symbolfoto

Du selbst hast in Plauen den Weissenberg e. V. initiiert, in dem zahlreiche hochrangige Fachleute sitzen bzw. ein kompetentes Netzwerk besteht – vom Fachanwalt über Therapeuten bis hin zu Ärzten und Leuten aus Politik und Medien. Darüber hinaus interessieren sich seit geraumer Zeit Leitmedien wie ZDF info, der Spiegel oder MDR Kultur für Deine Geschichte. Wie erklärst Du Dir diesen Zuspruch und dieses Vertrauen?

Ich gehe sehr offen mit meinem Erlebten um, berichte darüber und zeige mich als einen Mensch der daran nicht zerbrochen ist. Ich sehe mich nicht mehr als Opfer – sondern als einen ehemaligen Betroffenen, der noch auf beiden Beinen steht und sein Erlebtes nutzt um anderen Betroffenen zu helfen. Ich glaube, dass diese offene und selbstbewusste Art, die ich zu diesem Thema habe, dem ganzen ein Gesicht gibt – bzw. anfängt, dem ein Gesicht zu geben.

Dieser offene Umgang scheint ein Signal gesetzt zu haben. Ein Signal, was da heißt „dies ist kein Tabuthema“. Und gerade weil es bisher so ein Tabuthema ist, wird es als sehr willkommen gesehen das hier jemand so offen und selbstverständlich damit umgeht. Dies ist der erste Schritt dem Thema ein Gesicht zu geben und eine Lobby zu schaffen. Die Mitglieder und Unterstützer meines Vereines kennen mich als lebensfrohen, witzigen und stets offenen und hilfsbereiten Menschen. Dass auch ich viele Jahre von häuslicher Gewalt und Misshandlung betroffen war zeigt vielen Menschen die Gegensätzlichkeit und Unfassbarkeit auf – besonders im Hinblick darauf, dass es weder einen bestimmten Typ Mensch noch eine gewisse soziale Struktur bedarf, um von Gewalt betroffen zu sein.

Welche Ziele hast du dir über die Errichtung der Gewaltschutzwohnung und das nun erschienene Buch hinaus gesetzt?

Das wichtigste Ziel ist für mich, dass ich durch Offenheit und durch selbstbewusstes Umgehen mit dem Thema „Häusliche Gewalt gegen Männer“ eine Lobby und ein Gesicht für dieses Thema schaffe. Kein Wegschauen mehr, keine Scham, kein Belächeln – sondern volle Akzeptanz, Gleichberechtigung und vollen Respekt. Jedes Lebewesen auf der Erde hat das Recht auf körperliche und seelische Unversehrtheit !

Tami, wir bedanken uns für das Gespräch und dein Vertrauen.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz. Teil 1 des Interviews und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #8 [Edition Outbird]. Bildnachweis: Privat / Stockbroker.
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Markus Heitkamp & Wolfgang Schroeder „Ist Dabeisein wirklich alles?“ [Interview Teil 2] | Outscapes #8

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #8 erschienen. In diesem Zusammenhang verweisen wir gern auf das im Verlag Torsten Low unter diesem Link erhältliche Buch „Phantastische Sportler“ (siehe auch nachfolgendes Coverfoto).]

Markus Heitkamp

„… Genau diese Verknüpfung haben wir übrigens bei den beiden Western-Anthologien, die ebenfalls im Verlag Torsten Low erschienen sind, versucht, nämlich Western und Horror (Der Fluch des Colorado River) sowie Western und Steampunk (Dampfmaschinen und rauchende Colts).

Träumt Ihr Fantastik? Quasi so, dass man nachts so manche Idee ausbrütet, die sich später in Büchern wiederfindet? Oder lasst Ihr Euch von Serien, anderen Büchern oder im vorliegenden Fall gar der Sportschau inspirieren?

Wolfgang: Das mit dem Träumen funktioniert bei mir leider nicht, da ich mich in den seltensten Fällen an meine Träume erinnern kann. Allerdings fallen mir beim Einschlafen oft ganze Dialoge ein, die ich dann irgendwie zu notieren versuche. Dummerweise kann ich mein Gekritzel am nächsten Morgen meistens nicht mehr entziffern.
Ansonsten denke ich, dass es kaum einen Autor gibt, der sich nicht von anderen Schriftstellern oder auch von Filmen und Fernsehserien inspirieren und beeinflussen lässt.
Bei mir geht es oftmals in die Richtung von „Was wäre, wenn …“. Was wäre, wenn sich die Figur nicht wie beschrieben verhalten würde, sondern ganz anders oder wenn die Ausgangslage/das Setting für die Geschichte eine vollkommen andere wäre? Wie würde sich die Handlung, wie würden sich die Figuren dann entwickeln?
Bei der Sportschau sind mir diese Gedanken allerdings bisher noch nicht gekommen …

Markus: Auch hier eindeutig beides. Ich wache oft auf und muss zuallererst etwas Geträumtes aufschreiben. Vor dem ersten Kaffee, was für viel undenkbar ist. Von Serien und Büchern lasse ich meist nur visuell beeinflussen, heißt, ich versuche eine Stimmung nachzuahmen oder nachzustellen/schreiben. Was ich an der Frage vermisse, ist, dass man am meisten inspiriert wird, wenn man mit den Kollegen und den Lesern in regen Austausch tritt. Da kommen die besten Ideen auf den Tisch.

Wolfgang Schroeder

Wie muss man sich den Fantastikmarkt vorstellen? Als spleeniges, eigenwilliges Milieu? Er scheint ja seit Jahren kontinuierlich zu wachsen – wie erklärt Ihr Euch die wachsende Begeisterung der Leserschaft?

Markus: Wir sind eben das nicht. Spleenig und eigenwillig. Der Fantastikmarkt ist offen, warmherzig und wesentlich zugänglicher als manch anderes Genre.

Wolfgang: Wie Markus sagt, die Phantastik bietet durch ihre Vielfältigkeit eigentlich jedem, der will, die Möglichkeit, in ihr seinen Platz oder auch seine Nische zu finden. Das ist toll und das macht die phantastische Literatur so attraktiv – für uns Autoren, aber auch für die Leserinnen und Leser.

Wie entsteht eine Anthologie wie die Eure? Schreibt man Verlage an und bittet sie um Streuung eines Aufrufs unter AutorInnen, nutzt man Netzwerke oder nimmt man gar den Börsenverein des Deutschen Buchhandels in Anspruch?

Wolfgang: Zuerst muss man natürlich eine zündende Idee, einen Aufhänger für die Anthologie haben. Das sollte schon etwas sein, was Autoren dazu motiviert, sich mit einer Geschichte daran beteiligen zu wollen.
Anschließend sollte man versuchen, einen Verleger von dieser Idee zu überzeugen und ihr/ihm die Zusage abzuringen, dass sie/er die Anthologie veröffentlichen wird. Der nächste Schritt ist der Ausschreibungstext, der die Idee näher beschreibt und der die Vorgaben enthält, die die Geschichten zu erfüllen haben.
Dieser Ausschreibungstext muss dann möglichst breit gestreut werden, sei es über soziale Netzwerke wie z.B. Facebook und Twitter, über Autorenforen wie z.B. die „Edition Geschichtenweber“ oder den „Tintenzirkel“ oder aber über (Literatur)blogs, die als Service Ausschreibungen veröffentlichen.
Und dann heißt es warten …

Apropos Netzwerke: Was ist das Phantastik-Autoren-Netzwerk? Was sind seine Aufgaben und Ziele?

Markus: Das Phantastik-Autoren-Netzwerk, PAN. e.V., ist ein Verein zur Stärkung und Vernetzung von Autoren der Phantastik-Branche. Der Verein versucht kurz gesagt, die Autoren der Phantastik Szene in unterschiedlichsten Belangen zu unterstützen und die Akzeptanz der Phantastik dauerhaft zu steigern und auszubauen. Jährlich stattfindende Branchentreffen, Kooperationen mit Verlagen, Teilnahme an literarischen Veranstaltungen und Vernetzung zu anderen Institutionen/Verbänden und Vereinen spiegeln sich in stetig wachsenden Mitgliederzahlen des Vereins wider.

Zahlreiche Texte flattern ins Haus – was kommt dann? Eignungsprüfung, Spannungsbogen ins Skript bringen, Coverentwürfe durchdenken…wielange dauerte es von der Idee bis zum fertigen Buch bei Euch? Welche Aufgaben waren zu bewältigen?

Wolfgang: Die Phantastischen Sportler haben aus organisatorischen und privaten Gründen etwas länger als normalerweise gebraucht, um das Licht der Buchwelt zu erblicken. Die ersten Gespräche mit Markus und Torsten Low als Verleger fanden September 2015 statt, Anfang Oktober ging dann die Ausschreibung online. Wir hatten uns für eine Ausschreibungsfrist von vier Monaten entschieden, was relativ kurz ist. Viele Ausschreibungen laufen ein halbes Jahr und manche sogar noch länger, weil sie thematisch sehr speziell sind oder durch umfangreiche Vorgaben die Autoren zu intensiven Recherchen „zwingen“.
Das war bei den Phantastischen Sportlern nicht der Fall, bis auf das übergreifende Thema haben wir eigentlich keine großen Vorgaben gemacht. Interessant ist übrigens, dass die meisten Autoren ihre Beiträge in der Regel erst wenige Tage vor Ausschreibungsende abschicken, gern auch erst am letzten Tag. Man muss sich also während einer Ausschreibung keine Sorgen machen, dass man nicht genug gute Geschichten zusammenbekommt, der große Packen kommt zum Schluss … Autoren sind halt so.

“Unsere“ Geschichten haben wir gleich nach Eingang gelesen und grob nach drei Kategorien eingeteilt, „muss rein“, „könnte rein“ und „passt nicht so ganz“. Und da Torsten von Anfang an die geniale Idee hatte, das Buch mit zwei Covern auszustatten, haben wir bereits beim ersten Lesen überlegt, welche Geschichte von der Grundstimmung her hinter welches Cover passen könnte.
Von den fast achtzig eingesandten Beiträgen wählten wir zwanzig aus und schickten diese zusammen mit den beiden Geschichten unserer Wunschautoren Luci van Org und David Falk zum endgültigen Abnicken an den Verleger. Und während die Autoren vom Lektorat gequält wurden, haben Chris Schlicht und Detlef Klever unsere laienhaften Coverideen phantastisch umgesetzt.
Womit die Anthologie eigentlich fertig war, aber dann machte uns das Schicksal einen Strich durch die Rechnung.
Doch frei nach dem Motto „Was lange währt, …“, konnten die Phantastischen Sportler die literarische Arena zum ersten Mal auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse betreten. Und seitdem darf der geneigte Leser entdecken, wie vielseitig und faszinierend das Thema Sport in der Phantastik sein kann.“

Das Interview führte Tristan Rosenkranz. Teil 1 des Interviews und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #8 [Edition Outbird]. Bildnachweise: Hanna Nolden / Nina Horvath.
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[ Rezension ] Dirk Bernemann „Ich hab die Unschuld kotzen sehen IV“

[Im Zusammenhang mit nachfolgender Rezension verweisen wir gern auf die Verlosung seines handsignierten aktuellen Buches. Informationen dazu gibt es unter diesem Link.]

Dirk Bernemann sucht kleine Wunden und reißt sie brutal auf

Es ist nichts Neues, wenn Attribute wie „melancholisch“, „düster“, zuweilen sogar „pessimistisch“, aber auf jeden Fall auch „humorvoll“ und der Name Dirk Bernemann in einem Satz genannt werden. Bernemann ist kein Unbekannter Autor (mehr) und jene Attribute könnte man als Markenzeichen bezeichnen, wenn da nicht eine Art Lot durch seine Texte ginge, das die Tiefen des in Berlin lebenden Schreibers eindeutig als authentisch ausmachen würde. Was wir in den Büchern Bernemanns lesen, ist keine aufgesetzte Masche, ist kein Haschen nach Aufmerksamkeit und schon gar nicht der krampfhafte Versuch, Pointen zu verfolgen, sie künstlich zu installieren um der „literarischen“ Mode unserer Zeit gerecht zu werden. Dirk Bernemann ist echt, ist ein Mensch mit einem scharfen Blick in einer unscharfen Zeit. Und seine, man muss tatsächlich sagen: depressive Erscheinung zeigt, dass da keine Maske vor einem doch oftmals traurigen Gesicht liegt.

So auch in dem nunmehr vierten Teil des ersten Bestsellers „Ich hab die Unschuld kotzen sehen“.

In seinen Storys beleuchtet er einmal mehr die negativen Seiten des Seins, erzählt vom Suizid eines Teenagers, spricht von einer Beziehung die keine ist und die mehr als unschön endet und von der Veränderung einer anderen Beziehung durch einen wirklich tragischen Schicksalsschlag. Und spätestens hier hatte er mich, wie er mich auch in seinen anderen Büchern bekam.

Allerdings geschah bei Lesen eben dieser erwähnten Story etwas, das mir noch nie beim Lesen einer Story passiert ist. Die Kombination von Sprache in dem für Bernemann so typischen Stil, die Nichtvorhersehbarkeit des Verlaufs und am Ende die Tatsache der Eigentlichkeit, der Wendung der Handlung bauten mir erst einen Kloß in den Hals. Das aber reicht dem Autor nicht. Er will den Schmerz ganz ausdehnen so scheints und reißt die gestochene Wunde ganz langsam, beinahe sorgfältig und doch mit einer derartigen Wucht auf, dass ich ernsthaft heulen musste. Und wie gesagt, das ist mir noch nie beim Lesen eines Buches so gegangen. Und ich wage zu behaupten, dass er sich selbst beim Schreiben dieser Story ein bisschen quälen wollte.

Mit dem für ihn so bekannten schwarzen Humor macht er auch keinen Halt vor Menschen mit Behinderungen, ohne dabei aber beleidigend zu werden, der von oben herab zu wirken. Er nennt das Kind, das in seinen Geschichten oft schon längst in den Brunnen gefallen ist, beim Namen, ja, er ruft hinterher, um zu erfahren, ob es noch lebt. Und wenn es noch lebt, wirft er Steine hinterher, damit es sich im Todeskampf nicht quälen muss. Man könnte auch den Rettungsdienst rufen, aber Dirk Bernemann ist nur Beobachter…

„Ich hab die Unschuld kotzen sehen IV“ ist ein Muss für jeden Optimisten, der einmal die andere Seite der so viel genannten Medaille sehen will, eine absolute Empfehlung für jeden Pessimisten, der sich bestätigt sehen will und eine nicht weniger dringende Empfehlung für alle Anderen, irgendwo zwischendrin, die keinen Bock haben auf die „Friede-Freude-Eierkuchen-Welt“ fernab aller Deutlichkeit.
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Die Rezension verfasste M. Kruppe; in der Dezember-Ausgabe unseres „Outscapes“-Magazins finden Sie im Printformat Teil 1 des Interviews mit Dirk Bernemann, online unter diesem Link Teil 2.

Dirk Bernemann in unserem Onlinestore: Bitte hier entlang.

Bildnachweis: Sophia Vogel
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[ Short Story ] Jenz Dieckmann „Das, was du willst“

Meine Fresse. Dieser Abend tobte sich an mir aus.
Er riss an mir herum, wie ein Rudel Piranhas im Zustand der schwärmenden Selbstzerfleischung.
Die Kneipe war voll, ich war es noch nicht, was aber mehr Ursache, als Teil des Problems darstellte und auch als einziges leicht zu lösen schien.
Um mich herum Spaß, Frohsinn, Geilheit, Rausch, Freundschaft, Lust, Anmache, Angebertum, Leidenschaft und Hass.
Blanker Hass. Der Menschheit. Auf mich. Jedenfalls.
Vielleicht erwartete ich aber auch zu viel.
Das mir die gesamte egozentrierte Kackplage an Hirnträgern mal quer über den Arsch lecken konnte, ist nicht nett, interessierte Gottes Erschöpfung aber auch nicht wirklich.
Also redeten sie einfach weiter.
Schnell, laut und ungefragt.
Durcheinander.
Die Fetzen der Gespräche wirbelten mir um den Schädel, wie die Glasscherben des Geisterfahrers beim Frontalaufprall. Da wurden in einer unermüdlichen Dauerschleife Hände geschüttelt, Schultern geklopft, Witzchen gemacht, Nacken genickt, dass es nur so krachte.
Ich dagegen gab mir Mühe. Wirklich. Kurz.
Langsamer trinken, das nette Mädchen mit den kurzen Haaren anlächeln, über die Lage reden.
Gesprächsapps. Bausteine.
Aber ich machte denen nichts vor. Sie durchschauten es. Alle.
Meine Stirn war aus Glas.
Mein Hirn im Schatten.
All diese Menschen prallten an mir ab, wie Eisberge am Bug der Titanic, und hinterließen nur lächerliche Dellen im Schutzschirm meiner überrosteten Selbstlosigkeit. Mehr gaben, mehr gönnten sie mir nicht.
Und ich saß nur da, trank wieder schneller und sehnte mich verzweifelt nach dem einen finalen Einschlag. Endlich etwas, das mich wirklich berührte, das in mich eindringt und mich zu Fall bringen würde.
In den leerenden Abgrund unter mir.
Alles zwecklos. Ich würde ihnen nicht entkommen. Ich versuchte mich zu ducken, hinter ihren aufrechten Rücken, hinter monumentalen Zahnreihen, hinter Muskeln, Titten, Ärschen, Mündern. Ich trieb zu dem tiefsten Punkt jeder Kneipe, der Theke. Neben dem abgekackten Säufer. Dem, den sie nicht mal mehr hassten. Als mich.
Ich bestellte zwei Schnaps. „Hier Mann, trink was …“ Sein Gesicht kam zurück aus der stumpfen, zermürbenden Tiefsee, in der er seit Stunden versank. Unendlich müde, eingefallen. Seine Augen waren durchsichtig. „Kein Geld, Mann …“
Ich schob eins der Gläser zu ihm rüber: „Scheiß drauf Mann, ich mag dich …“ Obwohl er schon am Ende war, zögerte er keine Sekunde und griff schwankend aber entschlossen nach dem Glas.
Unverfälschte Gier. Endlich. Jemand da.
Ich schloss die Augen und kippte meinen Schädel in den Nacken und mit ihm meinen Schnaps ins Gedärm. Als das silberne Brennen im Magen ankam, hörte ich seine Stimme ganz nah an meinem Ohr, wie sie mit geschwollener Zunge flüsterte: „Ist es das, was du willst?!“
Irritiert öffnete ich die Augen und sah in sein schwarzes Gesicht. Es war dasselbe verschwommene Trinkergesicht, nur war es jetzt pechschwarz. Wie stumpfer Asphalt. In der Kneipe war es still. Wie erstarrt. Die Menschen um uns herum hatten sich aufgebrochen. Sie hatten sich die Kleider, die Haut, das Fleisch von den Knochen gerissen. Ihre gekrampften Hände gruben in den Töpfen voller Eingeweide, ihre Gesichter waren in einhelligem Irrsinn gefaltet.
Ich zuckte zusammen. Panik, Angst, Gefühl.
Ganz nah.
Rausch.
Ich knallte das Schnapsglas auf den Tresen und alle um mich herum redeten weiter. Als wäre nichts gewesen.
Die Bedienung hinter dem Tresen stoppte kurz damit, die Gläser zu waschen und starrte mich an: „Alles klar bei dir?!“ Der Säufer neben mir hatte seinen Kopf auf den Unterarmen abgelegt. Das Schnapsglas noch in der Hand.
„Dein Schnaps ist böse.“ Die Bedienung hörte mir längst nicht mehr zu. Sie war weitergezogen. Ich stand noch da und sagte es leise zu mir selbst. Trotz des Lärms konnte ich mich flüstern hören. „Geh.“
Meine Füße tanzten durch die endlosen Wälder von gelenklosen Beinen. Mein vom vielen Bier aufgeblähter Oberkörper taumelte umher, wie eine zu kurz angekettete Boje in einem Sturmtief südlich der Antarktis. Ich versuchte, es nicht wie eine Flucht aussehen zu lassen. Mehr wie ein geordneter Abgang nach einem geglückten Fallschirmabsturz. Doch ihre Augenwinkel hatten mich im Blick. Zu der Gewissheit der Isolation gesellte sich jetzt das Gefühl, ein unentrinnbarer Mittelpunkt zu sein.
Ich fühlte mich ertappt. Ich fühlte Konspiration. Irgendetwas verband sie, was ich niemals fühlen würde.
Als ich durch das Blickfeld des netten Mädchens mit den kurzen Haaren schrammte, leuchteten ihre Augen plötzlich auf. Eine abgrundfreie Freude ließ ihre Wangen erröten, so als wenn sie tiefen und lebenswichtigen Erfahrungen folgen müsste. Sie teilte die wogende Menge an menschlicher Verschwörung zwischen ihr und mir und nahm mich vorsichtig in den Arm. Ich spürte die Wärme ihres Bluts in meinen Adern. Die Weichheit ihres Körpers in meinen verhärteten Knochen. Ich hörte ihre Gedanken knistern. Sie legte ihre Hand hinter meinen Kopf, wie bei einem Baby, das vom Wickeltisch zu fallen droht, und flüsterte mir ins Ohr: „Verlasse niemals einen schönen Ort mit traurigem Herzen, sonst findest du ihn nie wieder …“
Das finstere Kabinett des Daseins ist ein Königreich des Irrtums.
Nicht die Welt war Scheiße. Ich war es.
Die Welt konnte ich nicht verändern.
Aber die Welt würde mich verändern.
Draußen regnete es.
Ich nahm ihre Hand und wir liefen mit eingeschlagenen Köpfen in die Dunkelheit.

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„Das, was du willst“ erschien neben anderer/n Short Stories und Lyrik unlängst in Jenz Dieckmanns Buch „Die totale Verkommenheit“ bei „Rodneys Underground Press“. Bildnachweis: Marcela Bolívar.
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Hauke von Grimm „Seemannsgarn“ [Interview Teil 2] | Outscapes #6

[Interview Teil 1 ist in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #6 [Edition Outbird] erschienen.]

Die Buch- und eBook-Verkäufe erodieren, immer mehr Menschen gehen den sozialen Medien und Streamingangeboten auf den Leim, „verlernen“ quasi das Lesen. Wie kann man Deiner Meinung nach das Interesse am Buch wieder zum kulturellen und Bildungsgrundgebot in der Gesellschaft machen?

Die Welt ist im Wandel. Das Rad dreht sich. Wir sind nur ein Teil der Geschichte. Sprache verändert sich und die Art wie Erzählungen zu den Menschen kommen auch. Die mündliche Überlieferung wurde durch die Schrift abgelöst, dann kam die Druckkunst und das Buch begann seinen Siegeszug. Wir werden das alles nicht aufhalten. Was bleibt ist, dass die Menschen unterhalten werden wollen. Wir bieten eine Möglichkeit. Und Leser wird es noch eine ganze Weile geben. Mit den PoetrySlams und den LeseBühnen erleben wir seit einiger Zeit eine Art von dem Bedürfnis Kurzweile durch Geschichten zu erfahren. Und noch lesen genug Leute. Was sie allerdings konsumieren finde ich eher bedenklich. Aber ich ticke eh anders als die Andern. Wir können unsere Angebote nach unseren Möglichkeiten anbieten. Wir können Menschen durch unsere Art überzeugen und auf uns aufmerksam machen. Ändern können wir den Lauf der Zeit oder die Menschen nicht.
Vielleicht können wir unsere Angebote ändern. Hörbücher oder Kurzfilme aus unseren Texten machen. Und dann sollen sie Streamen, wenn es sie glücklich macht.

Was macht gute Literatur aus?

Sie muss eine gewisse Stimmung erzeugen, und sie muss fesseln. Wenn man den ganzen Tag an ein Buch denkt wie an eine Geliebte. Aber sie muss auch unterhalten. Mich unterhält auch die Sprache, nicht jeder kann alles gleich gut beschreiben. Ein gutes Buch ist, wie einem Freund zuzuhören. Man muss nicht immer seiner Meinung sein, aber wenn es schön gesagt wird, beglückt mich das auch.

Was sind Deine persönlichen Favoriten der Welt- und Untergrundliteratur?

Ich mag gern die Kollegen aus meinem Dunstkreis. Wie sie mit mir reden, so schreiben sie. Schweßinger, Tanner, Kruppe, HC Roth und die Lesebühnen-Kolleg/innen. Aber ich mag auch die alten Piraten- und Seebärengeschichten und mal einen guten Western. Ich lese gern historische Geschichten. Wenn sie nicht zu sehr in die Romanzen abdriften. Wenn mich ein Thema packt, versuche ich mich dem über die Literatur zu nähern. Bernard Cornwells „Waterloo“ war gut. Fakten, spannen und nicht zu sachlich erzählt. Ansonsten hab ich noch etwas für Christian Kracht übrig. Und ich lese viel Lyrik.

(Zur Buchbestellung bitte Cover anklicken)

Letzte Frage: welchen Whisky (zum Buch oder unter Freunden) empfiehlst Du ganz besonders?

Das ist sehr schwer. Wer Whisky trinkt weiß was für ihn am besten ist. Was in meinen Flaschen drin ist, mag nicht jedem munden. Ob Rotwein, IPA oder Eierlikör. Zu meinen Geschichten passt alles. Der Leser soll sich wohl fühlen und das geht wohl am besten wenn er in seinem Element ist. Ich stopfe meine Pfeife mit „Kentucky Bird“ Tabak und würde mir etwas rauchiges aus den Norden von Schottland ins Glas schütten. Und kann nur jedem sagen, dass mir das gut gefällt. Dazu Musik von Sigur Ros oder Mogwai oder Nils Fram. Aber auch Pink Floyd und ein Grau Burgunder passt hervorragend. Oder ein dunkles Bier zu Mahler oder Bruckner vom Plattenspieler. Je nach Wetterlage oder Gemütszustand. Ich kann auch mit Tee im ICE lesen. Aber solange kein Cola im Whisky ist, seid ihr auf dem richtigen Weg.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz. Teil 1 des Interviews und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #6 [Edition Outbird].

Hauke von Grimm in unserem Webstore: bitte hier entlang.

Bildnachweis: ToniK Picturesque
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[ Rezension ] Hellmuth Opitz „In diesen leuchtenden Bernsteinmomenten“

Pünktlich zum Herbstbeginn, wenn alles in den Startlöchern liegt, um für uns in den schönsten Farben zu Schimmern, wir den vergangenen Wochen des Sommers nachsinnieren, mit dem Bernstein des Meeres in der Hand, umhüllt in dem wärmenden Leuchten der Farbenpracht des Waldes, erschien nach langen 6 Jahren des Wartens, das neue Buch von Hellmuth Opitz „In diesen leuchtenden Bernsteinmomenten“ im Pendragon Verlag.
In seiner klaren Sprache macht er preisgekrönt seinem Berufstand des Schriftstellers alle Ehre. Mit gekonnten Worten malt er lebhafte Bilder aus längst vergangenen Zeiten und gegenwärtigen Realitäten, durch welche er die Leser sehr feinfühlig und intelligent führt, damit sich die Möglichkeit bietet, dies in seiner Ganzheit zu durchleben, in ihrem wahren Sinne, eigentlich viel mehr, sie zu schmecken, zu hören, zu sehen und voll und ganz zu erfühlen.

Mit seiner direkten Wortgewandheit, entführt er uns nicht nur in die Schönheit der Vergangenheit und die augenblickliche Wirklichkeit, sondern lässt einen in seinem lyrischen und prosaisch anwirkenden Texten gleichzeitig wie in die Untiefen der menschlichen Seele in einen Spiegel schauen, welche uns die Gratwanderung des Lebens aufführt und durch seine lakonische Anwendung der Sprache deshalb ebenfalls  im Dunkel keinen Schwere auf dem Gemüt liegt, sondern immer einen Schimmer der essenziellen Hoffnung am Horizont erscheinen lässt.

Hellmuth Opitz hat mit seiner kleinen und feinen Gedichtsammlung, welches in sieben Kapiteln geordnet daher kommt, ein Buch geschaffen, welches jeden Leser, der mit offenen Herzen, Augen und Geist, dem Leben gerne, mit all seinen Höhen und Tiefen gegenübersteht und sich nicht scheut, auch in die euphorisch und flüchtig verwirrenden Abgründe unseres menschlichen Dasein zu blicken, ohne den eigentlichen Weg aus den Augen zu verlieren, voll und ganz in seinen Bann ziehen und erreichen kann.

So kommt das Buch mit seinem populistisch anmutendem Cover, einer glatten und unspektakulären Oberfläche daher, beschenkt aber einen jeden in seiner Tiefe, weit darüber hinaus mit einem Wunderwerk der Worte, in seiner reinsten Form, bereichernd und erfüllend für Geist und Seele. Dieses Buch ist ein Geschenk für all die besonderen bernsteinfarbenen Momente der Stille und es ist bei weitem mehr als ein bis zwei Blicke wert.
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Die Rezension verfasste Emma Wolff; freuen Sie sich in der Dezember-Ausgabe unseres „Outscapes“-Printmagazins auf eine weitere Rezension des Pendragon Verlags – zu David Grays „Sarajevo Disco“.

Zur Buchbestellung bitte hier entlang.

Bildnachweis: Isabel Opitz
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Jörg Mathieu „Im Spannungsfeld von Zeit und Independentkultur“ [Interview] | Outscapes #5

„Jörg, Du bist seit Jahren Herausgeber von Zeitschriften, die Nischen besetzen, bist Kulturschaffender, Veranstalter, Netzwerker und setzt neue Maßstäbe – was treibt Dich an?

Das frage ich mich selbst oft. Am Ende komme ich immer zu dem gleichen Ergebnis. Ich will meine Spuren hinterlassen, wo mir das möglich ist. Das Geld ist es ja nicht, da keine meiner Aktivitäten bisher wirklich Gewinn abwirft, auch wenn das natürlich das Fernziel ist wie wohl bei jedem Selbstständigen. Der Hauptgrund ist aber, dass ich das machen kann was mir Spaß macht und für mich diese Freiheit mehr Gewicht hat als finanzielle Sicherheit, die ja doch vergänglich ist. Schön ist es natürlich auch, Dinge zu schaffen, die andere Menschen begeistern.

Besonderes Merkmal Deiner Herausgebertätigkeit waren und sind Zeitschriften wie das „Papa-Ya-Magazin“ und das „35mm-Retro-Filmmagazin“, die einer enormen Recherche und Fachtiefe bedürfen. Im „Papa-Ya“ waren es Fachthemen zum Familien- und Väterrecht, im „35mm“ wird über den Film noir und Expressionismus im Film sowie das Kino der Weimarer Republik berichtet, auch sind Interviews mit beispielsweise Anke Wilkening, Restauratorin der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, zu finden, die die Rechte an vielen deutschen Stumm- und frühen Tonfilmen besitzt. Wie erschließt man in solchen speziellen Themenkomplexen Kontakte? Wie hoch ist der prozentuale Anteil der Recherche an der Redaktionsarbeit?

Die redaktionelle Tätigkeit ist ja immer gleich, auch die journalistische Recherchearbeit ist immer dieselbe. Egal, ob man nur ein Magazin über Anglerbedarf, über den zweiten Weltkrieg oder eben über das Familienrecht oder ein Filmmagazin zum klassischen Film macht. Die Basics habe ich ja in vielen Jahren im Beruf und in der Ausbildung dazu gelernt. Um da seine eigene Nische – oder nennen wir es Passion – zu finden, muss man ja nur das eigene Wissen zu einem bestimmten Thema abrufen. Und für all das, was man dann zu diesem bestimmten Thema eben nicht weiß, muss man sich Mitstreiter und Experten suchen, die die eigenen Lücken schließen können. Es ist also kein Hexenwerk ein Magazin herauszugeben. Kennt man mich dann auch noch persönlich, dann liegt es auf der Hand, warum es in meinem Fall diese beiden Magazine sind. Ich würde auch gerne noch eine Magazin zur Indie-Kultur und –Musik herausbringen, aber da scheint mir die Konkurrenz zu stark zu sein.

Ist die frühe Filmkultur ein wiederkehrendes Thema, kann man von einem wachsenden Interesse dafür auch bei jüngeren Generationen sprechen? Oder geht es Dir und Deiner Redaktion in erster Linie ums Bewahren?

Beides würde ich sagen. Vor allem junge Filmwissenschaftler lernen schnell, dass es nicht ohne Kenntnisse über das frühe Kino geht, wenn man ernsthaft im Bereich des modernen Films arbeiten möchte. Hier baut alles aufeinander auf, und wiederholt sich auch alle paar Jahrzehnte. Das zeigen ja sowohl offensichtliche Remakes wie auch versteckte Zitate historischer Vorbilder, die die meisten Filmliebhaber leider all zu oft übersehen. Film verstehen heißt also für uns auch, seine Geschichte zu entdecken und zu begreifen. Und letztendlich geht es uns auch um das Filmerbe, dessen Erhalt und dessen Beachtung. Je mehr es uns gelingt hier ein breiteres Bewusstsein zu schaffen, desto mehr wir auch der Markt darauf reagieren, und desto mehr werden auch die Studios und die Label auf die wachsende Nachfrage reagieren.

Wie sieht es bei der Kinolandschaft aus, gibt es eine nennenswerte oder gar wachsende Zahl von Lichtspielhäusern, die alte Filme anbieten?

Ich glaube, dass große Kinosterben ist jetzt an seinem Ende angekommen. Da sich die Sehgewohnheiten und die Zielgruppen verschoben und stark verändert haben, bemerken wir, dass immer mehr Enthusiasten des klassischen Kinos sich selbst kleine Orte – man könnte sie „Schachtelkinos“ nennen – schaffen. Die freie Kulturszene generiert sich zusehends selbst ihre Räume für Kino, wie sie es sich vorstellen. Man will dabei unabhängig und frei entscheiden können, welches Programm gezeigt wird. Das darf man nichts als Konkurrenz zum Mainstream- und Großraumkino sehen, sondern als notwendiges Befriedigen einer vorhandenen Nachfrage nach dem Nischen- und Arthaus-Kino.

Als Veranstalter zeichnest Du in diesem Zusammenhang für das „Cinefonie“-Festival verantwortlich, dass dieses Jahr zum dritten Mal in Deiner Heimatstadt Saarbrücken stattfindet. Was genau kann Mensch sich darunter vorstellen?

Das ist recht einfach zu erklären. „Cine“ kommt von Cinema, und „Fonie“ kommt von Sinfonie. Der Begriff „CINEFONIE“ fasst somit zusammen, was den Besucher auf dem Festival erwartet. Es gibt immer Filme, und es gibt immer Live-Musik. Eine Sinfonie aus Bild und Ton, wenn man so will. Der 3. CINEFONIE-TAG 2017 bietet audiovisuell die Symbiose zwischen früher Filmästhetik und cybermodernen Klangwelten, wie man sie nur selten in der Kulturlandschaft zu sehen bekommt. In diesem Sinne haben wir das LineUp zusammengestellt und die Künstler darum gebeten, ihre Sets speziell für diesen Tag dem Festival anzupassen. Wir werden also einige Premieren und exklusive Auftritte erleben, die es so nur bei uns zu sehen und zu hören geben wird.

Aus wirtschaftlicher, aber auch emotionaler Perspektive gefragt: funktioniert das Festival, wird es gut angenommen? Was nehmen die BesucherInnen mit?

Das kann man nicht pauschal beantworten. Auf emotionaler Ebene ist das Festival für mich als Veranstalter dann ein Erfolg, wenn Künstler und Besucher und auch das Team einen schönen und unvergesslichen Tag hatten, mehr kann man da nicht erwarten. Wirtschaftlich braucht es bei einer Veranstaltungsreihe, viel Geduld und Jahre des beharrlichen Aufbaus. Ich gehe die ersten 4-5 Editionen also nicht mit der Erwartung heran, dass das Festival Gewinn einfährt. Wenn wir am Ende unsere Kosten wieder drin haben, ist auch das für mich bereits ein Erfolg. Dinge die mich finanziell ruinieren würden, würde ich kein zweites Mal machen. Was die Besucher mitnehmen müsste man sie selbst fragen. Da wir das Programm jedes Jahr stark verändern, ist es auch immer ein völlig anderes Publikum. Man kann also nicht abschätzen, ob die Leute kommen, weil es ihnen im Jahr zuvor gut gefallen hat. Da die Besucherzahlen aber jedes Jahr steigen, scheinen wir irgendwas richtig zu machen.

2016 war Schwerpunkt des Festivals eine Vincent-Price-Retrospektive, wer war Vincent Price und was hat es mit der Vincent-Price-Legacy-Familie auf sich, aus der ein weltweites Netzwerk entstehen soll und dessen Deutschlandvertreter Du bist?

Vincent Price war ein amerikanischer Schauspieler, den ich persönlich sehr verehre. 2016 habe ich deshalb seine Tochter Victoria zum 2. CINEFONIE-TAG nach Deutschland eingeladen um das Festival zu bereichern. Sie brachte dann den Vertreter der Vincent-Price-Legacy-England mit nach Saarbrücken. In einem persönlichen Gespräch bat man mich dann das für Deutschland zu übernehmen und 2018 eine erste Veranstaltung dazu zu leiten. Dieses Angebot habe ich angenommen und das Projekt ist in der Planungsphase. Wir werden sehen, wohin sich das noch entwickelt.

Eine deiner Passionen ist eine Veranstaltungsagentur für Independentmusik und im Zuge dessen die Mitgliedschaft im PopRat-Saarland. Verstehst Du Dich in dieser Funktion eher als Botschafter oder vielmehr als Koordinator für Festivals und kleinere Musikveranstaltungen? Was ist und macht der PopRat-Saarland?

Ja, das ist ein ganz frisches Projekt, das noch im Geburtskanal schlummert. Das INDIERA SOUND & ART-FESTIVAL ist eines von insgesamt acht Konzepten, dass ich dem PopRat-Saarland vorgeschlagen habe und über das dieser Ende August entscheiden will. Zu diesem Zweck gibt es dazu die Promotion-Agentur INDIERA PROMO. Auch hier werde ich als Projektleiter und Veranstalter fungieren. Dieses neue Musik- und Kulturfestival im Bereich Indie- und Alternative-Musik soll in seinem jährlichen Modus zu einem Multivenue-/ Multistage-Festival heranwachsen. Der PopRat-Saarland ist ein Verein, indem sich Kulturschaffende, Künstler und andere Akteure der saarländischen Popkultur zusammen geschlossen haben. Seine Aufgabe ist es, das Saarland zum „Home of Pop“ zu machen – das kulturelle Herz Europas könnte man sagen. Ein großes Vorhaben und ich bin sehr stolz, ein Teil dieses Vorhabens zu sein.

Was zeichnet aus alternativkultureller Sicht das Saarland und / oder Saarbrücken aus? Und, aus entfernterer Perspektive gefragt, wie schätzt Du die derzeitigen Chancen und Risiken der insbesondere deutschen Independentmusikkultur ein?

Dem Saarland und seiner Landeshauptstadt kommt eine besondere Rolle zu. Zuerst wäre da die Lage in einem Dreiländereck (Frankreich/Luxemburg/Deutschland) zu nennen. Wir sind also von Haus aus international und vor allem französisch geprägt. Das hat aus meiner Sicht nur Vorteile. So kann in meiner Heimat Kultur entstehen, die sich gleich aus mehreren nationalen und internationalen Einflüssen befruchten kann. Uns unterscheidet natürlich auch die eigenständige Geschichte von anderen Bundesländern. Oder weiß man im Rest der Republik wirklich, dass das Saarland mal ein eigenes Land war, eine Nationalmannschaft hatte, ein eigenes Olympia-Team, eine eigene Flagge und eigenes Geld hatte? Das Saarland und seine Bevölkerung ist also im Grunde schon selbst „alternative Kultur“.

Als Musikfan, der gerade die Independent-Kultur seit den frühen 80er Jahren im Blick hat, habe ich natürlich auch immer die deutsche Szene dazu beobachtet. Leider haben wir heute keine Kaliber wie Kraftwerk oder die Einstürzende Neubauten mehr, die auch international große Reputation erfahren (von Rammstein und den Toten Hosen mal abgesehen). Dennoch sind wir seit vielen Jahren weltweit in der Gothic-Kultur gegenüber anderen Ländern weit vorne. Das zeigen Festivals wie das WGT und Mera Luna, auf die über 20.000 Besucher aus der ganzen Welt kommen. Das ist in der Größenordnung sonst nicht mehr zu finden. Selbst die Briten haben in dieser Szene längst nicht mehr diesen Zulauf. Dafür hängt der Rest von Europa uns aber im Indie-Bereich meilenweit ab. Selbst unsere direkten Nachbarn wie Belgien, Frankreich und Spanien bringen immer wieder neue Bands hervor, die den Zeitgeist einfach besser umsetzen können und unter dem gerade blühenden Hipster-Trend eine schnell wachsende Fanbase aufbauen können. Dieses Glück ist der deutschen Indie-Szene leider nicht beschieden. Selbst wenn der Markt sich auch in Deutschland Richtung Internet verlagert hat, geht es hier nicht ohne GEMA und Masterlabel, wenn man von der Musik auch einigermaßen leben will. Ich habe das Gefühl, dass deutsche Acts, selbst wenn sie sich international aufstellen und englisch singen, es immer noch sehr schwer haben, z.B. auf Festivals im Ausland gebucht zu werden.

Was waren bzw. sind Deine musikalischen Wurzeln?

Zu meinem großen Glück habe ich drei ältere Geschwister, die alle auch in ihrer Jugend völlig unterschiedliche Musik gehört haben. Ich wurde also schon sehr früh mit allem Möglichen aus den 70er-Jahren beschallt, und da blieb einiges hängen. Altersbedingt bin ich natürlich ein NDW-Kind, aber auch schon da waren es eher Bands wie Grauzone, Fehlfarben und DAF als Nena und Markus. Mit 14 war ich dann in meiner kleinen Provinz einer von drei „New Wave“-Vertretern, mit allem was dazu gehörte. Um da auf Gleichgesinnte zu treffen mussten wir schon 20 Kilometer zur nächsten Disco fahren. Besonders geprägt haben mich dann Depeche Mode, The Cure, Bauhaus, The Sisters of Mercy, Nick Cave, aber auch viel, heute völlig vergessene Bands wie Die Erde, Cyan Revue oder einige die schon damals eher Underground waren. Anfang der 90er wurde mir die Szene zu pubertär, oder ich bin einfach raus gewachsen, keine Ahnung. Für die nächsten Jahre war ich dann in der Psychobilly-Szene verwachsen. Heute ist es eher allgemein Indie- und Alternative Musik, die mich begeistert. Zu meinen Helden aus der Jugend gehe ich aber noch heute zu den Konzerten.

Eine letzte Frage: wo nimmst Du die Energie für diese umfassenden Tätigkeiten her? Was verschafft Dir Ruhepol und Ausgleich?

Ich finde es einfach extrem spannend, am Puls der Zeit zu leben und zu beobachten wie sich gegenwärtige Jugendkultur entwickelt. Wenn es mir dann auch noch gelingt sogar weiterhin ein Teil davon zu sein, selbst mit fast 50, dann hält mich das jung und fit, auch wenn mein Körper mir selbst schon längst andere Signale gibt. Ich bleibe dann einfach nicht mehr auf Konzerten bis die Kehrmaschine kommt, und stehe auch nicht mehr mit dem Fotoapparat in der ersten Reihe, und die Lautstärke zu Hause ruft nicht mehr die Nachbarn auf den Plan, aber ich bin musikalisch auf der Höhe und verfolge sehr genau, was gerade angesagt ist, und wohin sich Trends entwickeln. Um ehrlich zu sein, sind es diese Aktivitäten und meine Arbeit, die für mich den Ausgleich bieten – der Ruhepol ist meine Beziehung. Kultur ist für mich eine Insel, eine Oase, Realitätsflucht und Ablenkung. Hätte ich nicht die Kultur, würde mich das Leben völlig überfordern.“

Das Interview führte Tristan Rosenkranz. Es erschien ebenfalls in der Printausgabe des „Outscapes“-Magazins #5 [Edition Outbird].

Die „35mm Retro-Filmmagazine“ in unserem Webstore: bitte hier entlang.

Bildnachweise: Alex Wolfanger, Jörg Mathieu

INSIDE ARTzine / Jenz Dieckmann „Jenseits geschmacklicher Moral“ [Interview Teil 2] | Outscapes #5

[Interview Teil 1 ist auszugsweise in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #5 [Edition Outbird] erschienen. Die fehlenden Teile des Interviews nachfolgend:]

Teil 1:

„…Was muss für dich ein Bild, ein Künstler erfüllen, damit er im INSIDE aufgenommen wird, gibt es da irgendwelche Kriterien und auf was legst du am meisten Wert?

Da das INSIDE artzine im weitesten Sinne ein Egozine ist, gibt es nur eine Hürde die man nehmen muss um ins Heft zu kommen: Mein Geschmack. Wenn mich eine Arbeit flasht, dann auch meistens ohne groß drüber nach zu denken. Kennt ja jeder (z. B. bei Musik), manchmal hauen einen Sachen direkt vom Hocker, ohne das man genau weiß warum. Es gibt also keine Checkliste… „krank“, „durchgedreht“, „finster“… nach der ich Bilder sortiere. Manchmal ist es die handwerkliche Qualität, die mich an einem Kunstwerk beeindruckt, manchmal die Schlichtheit. Manchmal weil es krass hässlich wirkt, oder weil es eine tiefe dunkle Schönheit ausstrahlt. Wobei das Problem „Hässlichkeit vs. Schönheit“ ja auch eher eine oberflächliche Entscheidung ist. Ist eine Blume hässlich, wenn man weiß das sie auf einem Massengrab wächst? Ist wohl eher eine innere Einstellung zu den Dingen, was Sachen schön oder hässlich erscheinen lässt!?

Wenn man dein Magazin durchblättert, gewinnt man schnell den Eindruck, als würdest du beinahe auf jegliche Werbung verzichten oder dir deine Werbepartner/-kunden (die hauptsächlich aus dem Punk/HC- und linkspolitischen Umfeld stammen) selbst aussuchen. Dabei besticht das Heft mit 170 Gramm schweren Papierseiten und einer professionellen Aufmachung; wie kannst du das preislich stemmen, bei einem Verkaufspreis von gerade mal 7,50€ Euro? Ich glaube da verlangen andere Kunstmagazine erheblich mehr und sind zudem noch mit massig Werbeanzeigen vollgestopft?

Yep, das Heft ist bewußt werbefrei, das was man ab und an sieht, sind befreundete Projekte die ich pushen will oder Tauschanzeigen (old school halt ;-). Ich denke, das muss jeder Herausgeber für sich entscheiden. Bei mir steht der kommerzielle Aspekt nicht im Vordergrund, da ich nicht von dem Mag leben muss. Sagen wir mal, der materielle Teil ist in Zeiten von Flyeralarm & Co. durchaus machbar (auch mit einem Verkaufspreis von 5 Euro), die Zeit die ich reinstecke ist dagegen nicht mit Geld zu bezahlen. Dafür macht es zu viel Spaß. Und das man mit Spaß kein Geld verdienen kann, wissen wir doch alle, oder?! Schwer zu sagen wie lange ich noch in der Art weitermache. Irgendwann werde ich mit Sicherheit aber auch dazu übergehen, schon morgens beim Durchsehen der neuen Beiträge Cocktails zu trinken. Mittags dann mal kurz in die Redaktion, Handy aufzuladen und ein paar Leute entlassen und abends dann auf illegalen Ausstellungen in ausgetrockneten Abklingbecken Bestechungsgelder von japanischen Kunstsammlern kassieren…“

Teil 2:

„…Du kommst aus der Punk-/Hardcoreszene, kannst du uns mal deine Sozialisation schildern/erläutern? Wie und wann hast du mit Punk/HC in Kontakt gekommen bist und wie du persönlich Punk + HC definierst?

Teil eins der Frage ist einfach: Nach AC/DC und Judas Priest kam Discharge und U. K. Subs, bevor dann alles vom „This is Boston Not LA“ Sampler weggetrasht wurde. Speziell die Gang Green-Nummern sind für mich bis heute die Maßeinheit für „Ausrasten“, und ab da wußte ich: Wow, so klingt mein Soundtrack beim Abfahrtslauf. Und mir wurde klar, dass diese Power nicht auf kompositorischem Wissen und instrumentalem Geschick basierte, sondern schlicht weg auf Leidenschaft. Mach es, wenn du Bock drauf hast! Scheiss egal wie es klingt, aussieht und/oder schmeckt. DIY! Und damit kommen wir zu dem zweiten, weitaus schwierigeren Teil deiner Frage. Um sich jetzt nicht in endlose Laberei zu verfilzen (ja ja, strenggenommen ist „Punk“ ja auch noch mal was anderes als „Hardcore“ bla bla): Ich finde, was die meisten Aktivitäten dieser Szene vereint, ist der Wille „sein Ding zu machen“. Sei es eine Band, ein Zine, eine Konzertgruppe, eine Kneipe, ein Crustcorestammtisch. Das klingt nach Egonummer, meint aber eigentlich nur, dass man Dinge immer weiter entwickeln soll. So wie man denkt, dass sie besser sind und einem persönlich noch mehr Spaß bringen. In „Punk“ muss man Energie stecken um welche zurück zu bekommen. Und damit meine ich nicht 20 Paletten Dosenbier auf irgend einem RedBullMercedesTelecom-Festival mit berühmten, etablierten Punkbands zu stemmen. Ansonsten erlebt man nur Oberfläche.

Auch wenn es durch die zahlreichen und oftmals gestalterisch aufwendigen Cover und Flyerartworks, sowie die in deinem Heft provokanten und aussagekräftigen Abbildungen offensichtlich sein sollte das Punk, Hardcore und Kunst einhergehen – Kannst uns vielleicht doch nochmal erklären wie für dich Punk/HC oder die Subkultur im allgemeinen mit der Kunst zusammenpasst?

Würde ich vielleicht gar nicht so eng formulieren. Klar eine Menge Kunst kann man durch seine provokative, unangepasste Art dem „Punkkontext“ zuordnen, einfach weil es scheinbar ähnliche Werte sind, die da transportiert werden. Aber jetzt so etwas wie „Punkkunst“ zu konstruieren, finde ich unsinnig. Da schafft man sich nur neue Ghettos im Kopf. Die Kunst ist frei. Ob im Punk, Hip Hop, Death Metal oder Country & Western.

Und wenn wir gerade schon mal beim Punkkontext angelangt sind. Welche Künstler aus diesem Genre schätzt du am meisten?

Hm, du meinst Künstler die im Zusammenhang mit Punk-Plattencovern auftauchen?! Jeff Gaither/R. K. Sloan (Accüsed), Mad Marc Rude (Misfists) oder Michael Seiff (das legendäre „No Mercy“-Cover). Bands? Classics: Dead Kennedys (Fresh Fruit…), Plasmatics (Last Hope…), Black Flag (My War), R. K. L. (RnR Nightmare), +++ Aktuell: Horse the Band, Lewd Act, Waltari, Melt Banana, The Swellers, Christmas (letztens als Vorband REAGAN YOUTH die Show gestohlen), +++.

Ansonsten ging 2014 H. R. Giger von uns, der an den Folgen eines Sturzes verstarb. Siehst du dich von Giger beeinflusst? Oder lass uns die Frage weiter ausholen, welche Vorreiter gab es in der Vergangenheit, die das was ihr publiziert etablierten oder den Grundstein dafür legten?

Auf allerjedenfalls. Der Hans Rüdi war als Künstler ein absolut eigenes Universum! Leider in den Augen vieler über die Jahre zu einem HeavyMetalCover-Künstler geschrumpelt, hat der Mann die Finsternis in der Malerei neu definiert. Bezeichnend dafür ist, dass, um die Einzigartigkeit der Wirkung seiner Bilder auf den Betrachter zu erklären ein eigenes Wort erfunden werden musste: Gigeresk. Ein Künstler, der sein Werk nur durch sich selbst erklären kann. Crazy shit!!! Ich war gerade dran, mit ihm ein Interview für das INSIDE artzine anzuleiern, als das passierte, aber scheiss auf das verfickte Interview: H. R…. sei auf ewig bedankt für deine Einsichten hinter den schwarzen Vorhang! Hm, Grundsteine… Auf jeden Fall inspirierend fand ich schon immer die Urpunker des Dadaismus. Nichts ernst nehmen, dabei immer schön ernst wirken und die mentale Brechstange der Provokation in der Tasche bereit halten. Die haben Grundlagen geschaffen. Guckt euch die Sachen eines John Heartfields an! Da sind Collagen dabei, die sind über 70-80 Jahre alt und würden 1:1 auf das Cover der nächsten Crustpunkscheibe passen. Speziell seine Anti-Hitler-Collagen sind beeindruckend. Wohlgemerkt zu einer Zeit, wo man für Naziverarsche durchaus mehr befürchten musste, als „nur“ eine aufs Maul zu bekommen.

Auf den ersten Blick wirken die Kunstwerke in deinem Heft schon etwas verstörend/psychotisch. Einigen Leuten denen ich das INSIDE zeigte, fanden es sogar zu derb und mental herunterziehend, haha… Was sind so die gängigen Reaktionen auf dein Heft und welche war bisher die heftigste?

Ha ha, „mental herunterziehend“. Das ist aber eine nette Formulierung für „destruktive Scheisse“ (auch schon gehört). Ja, kenn ich so Reaktionen. So im Sinne von „Kunst muss doch positiv sein und mich weiterbringen“. Das kommt dann aber meistens von Leuten, die ihren Geschmack als Maßstab für alle anderen nehmen. Was weiß’ ich denn, was ihn „weiterbringt“?! Es gibt aber auch durchaus differenziertere, negative Meinungen. Auf einer Ausstellung meinte eine ältere Frau mal zu einem meiner Bilder „Ich find dieses Bild abgrundtief hässlich und abstoßend und ich würde es mir nie an die Wand hängen (ha ha, was für eine absurde Idee nebenbei bemerkt), aber es berührt mich.“ Na das ist doch schon mal was. Mir ist es lieber, eine negative Reaktion zu erzeugen als vorbeigeplätscherte Beliebigkeit. Hat wohl auch was mit der nächsten Frage nach der „Provokation“ zu tun, also liest du da weiter. Noch kurz zu den Reaktionen: Es gibt natürlich auch positives Feedback, im Sinne von „geilster Scheiss auf Erden“. Ich bin dankbar für jedes nettes Wort, nicht weil es ein angenehmes Gefühl ist (das ist es), sondern weil es ein Ansporn ist, weiter zu machen. Also mal ein weltumspannendes „Dankeschön“ an all die Irren da draußen, die unseren Stuff mögen! Und lass euch nicht belabern… ihr seid nicht (wesentlich) kranker als die andern…

Was fasziniert dich genau an der Provokation und wieso hältst du die Provokation für wichtig? Nun ist Provokation aber auch ein sehr weites Spielfeld, bei dem die Grenzen (soweit sie eben im Auge des Betrachters existieren) gewollt überschritten werden. Gibt es für dich diese Grenzen oder eine gewisse Grauzone in der z. B. Nazisymbole zur Provokation genützt werden?

Die Provokation ist ein erprobtes Mittel speziell in der Kunst um Aufmerksamkeit zu erregen. Sid Vicious und sein Hakenkreuzshirt. GG Allin frisst seine eigene Scheisse. Duchamp stellt ein gewöhnliches Pissbecken mit Unterschrift im Museum aus. Die Provokation zwingt den Betrachter zu einer Reaktion. Im besten Fall ist diese ein konstruktiver Beitrag. So haben die Reaktionen auf Duchamps Pissbecken („Fountain“ 1917) z. B. das Selbstverständnis von Kunst („was ist Kunst“) entscheidend beschleunigt. Im schlechtesten Fall gibt’s eines aufs Maul für den Künstler (siehe GG Allin, der stand aber auch drauf). Kann man sich dann ja überlegen, was besser ist, oder?! Und… ja klar gibt es auch Grenzen! Es gab mal den Fall eines nikaraguanischen Künstlers, der im Rahmen einer Installation einen verwahrlosten Straßenhund im Museum ankettete und (angeblich) verhungern ließ. “Wenn ich den Hund als Kunstobjekt vor eine Wand binde, wird er plötzlich zum Fokus. Wenn er in der Straße vor Hunger stirbt, kümmert das keinen.” Er hat ja Recht, aber das kann man auch anders mitteilen, oder? Grundsätzlich bin ich aber der Meinung, sollte es in der Kunst keinerlei Zensur geben. Wo sonst, als auf der hypothetischen Spielwiese der Kunst, kann man alles thematisieren, ausprobieren, visualisieren ohne direkt von seinem Chef entlassen zu werden?! Ein Labor für Neues, Ungewöhnliches, Unangepasstes, Irres… zu Testzwecken einfach mal laut ausgesprochen um es öffentlich zu hinterfragen. Das heißt ja nicht, dass man sich in einem geistig rechtsfreien Raum befindet. Respektiert eure Umwelt und alles wird gut! Und noch zur Abteilung Hakenkreuzshirt: Wenn jemand meint, mit so etwas so symbolhaft Dummen und Beschissenem wie einem Hakenkreuz posen zu müssen, dann soll er das mal machen, sich aber dann nicht wundern, dass man ihn für genauso dumm und beschissen hält!

Zudem gibt es zwischen all den Bildern auch kritische, politische oder nihilistische Texte (in englischer Sprache) zu lesen. Um was handelt es sich meist in den geschriebenen Artikeln?

Das was ich in Flyern immer als „Stories“ zusammenfasse, sind in der Regel Kurzgeschichten, Lyrikmonster, Statements, Ansagen und Umsturzversuche. Es gibt seltsame Reports über Fickmaschinen („Art that will fuck you“, (Gas)Masken („The art of suffocation) oder die Wahrheit über H. P. Lovecraft („Lovecraft wasn’t wrong“). Außerdem gibt es Interviews, in denen oft die Grenzen zwischen Sinn und Unsinn bzw. Wahrheit und ausufernden Lügen auf einen kleinen juckenden Klumpen Hirn zusammengeschmolzen werden („Gonzo“ genannte). Lest den krassen Copacabana-Sambaabsturz meinerseits mit dem brasilianischen DeathMetalArtist Marcelo Vasco im aktuellen Heft durch und ihr werdet mir Recht geben: Das wäre ja in echt kaum aus zu halten…“

Teil 3:

In welchem preislichen Rahmen befinden sich ungefähr die Bilder und kannst du oder deine Kollegen davon leben?

Das ist wahrscheinlich unterschiedlich. Die allermeisten Leute aus dem Heft kenne ich ja nicht persönlich, deswegen kann ich da nur mutmaßen. Ein Chris Mars kostet im Original (Öl) schon seine 9000 Dollar. Da sind schon eine ganze Reihe an Vollzeitkünstlern dabei, die auch durchaus davon ihre Miete bezahlen können. Genau so sind aber auch immer noch die kranken, verrückten Irren im Magazin, die im schallisolierten Keller ihres Reihenhauses, Bilder mit abgebrochenen Filzstiften auf Pizzakarton krickeln um nicht verrückt zu werden. Die leben natürlich von ihren Sachbearbeitergehältern. Wie weiter oben schon mal erwähnt, versuche ich nicht von meiner Kunst zu leben. Im Brotjob bin ich selbstständiger Grafiker.

Im Verhältnis zur Musik ist Kunst meistens ziemlich (über)teuert. Und dabei denke ich gar nicht, das Kunst einen solch enormen Mehraufwand bedeutet. Ich meine, bis eine gut eingespielte Band ihre Songs richtig gut im Kasten hat, vergehen auch unzählig viele Stunden, was dabei aber rum kommt, ist meist sehr spärlich. Daher die kritische Frage, die mich schon seit langem interessiert – Warum ist Kunst so teuer? Und wenn man bedenkt, wie schnell es im Punk-/Hardcore-Underground zu einem Ausverkaufsvorwurf kommen kann, dann frage ich mich ob es diese Vorwürfe auch im Kunstbusiness gibt?

Denke, das hat mit einer der vorherigen Fragen zu tun, nach der Trennung zwischen Mainstream und Underground in der Kunst. Mainstreamkunst hat neben der äußeren Gestalt den Wert zum Inhalt. Und damit ist der reine kommerzielle Marktwert gemeint, sprich wie schaffe ich es einen Künstler noch teurer zu machen!? Dafür gibt es dann eine eingespielte Maschinerie zwischen Magazinen, Galleristen, Kuratoren – da wird dann im PingPongverfahren ein Objekt hochgepitcht, abkassiert und fallen gelassen. Diese Leute schaffen sich selber den Preis, zu dem sie dann verkaufen. Deshalb ist manche Kunst sauteuer und andere nicht. Ich geb zu, dass ist jetzt eine sehr vereinfachte Sicht der Dinge, aber diese gutgeölte Maschinerie der Wertsteigerung findet sich an allen Ecken und Enden in unserer kapitalistischen Gesellschaft. Der ideelle Wert spielt da leider nur noch eine untergeordnete Rolle. In Bezug auf „Ausverkauf“: Ich kann es niemanden verübeln, dass er mit seiner Arbeit Geld verdienen will. Haut rein, Leute. Irgendwann geht aber wohl jeder persönliche Reichtum auf Kosten anderer, oder?! Im Gegensatz zur PunkrockHardcoreMusikszene scheint der „Aufstieg“ aus dem Kunstunderground in Gefilde, in denen man seine Miete davon bezahlen kann, aber weniger argwöhnisch betrachtet zu werden. Ich denke, es wird eher als verdienter Erfolg gewertet. Wie weit man sich als Künstler für den Erfolg bückt, muss jeder für sich selbst entscheiden.

Inwieweit kannst du dich mit der (ich weiß gar nicht, wie ich dazu sagen soll) „normalen“ bzw. jener Kunstszene identifizieren, die Prosseco schlürfend vor ihren oftmals für den objektiven Betrachter sinnentleerten Bildern stehen um diesen doch eine höhere Bedeutung hinein interpretieren?

Ha, ha, ich weiß genau was du meinst. Diese Leute gibt es IMMER auf Ausstellungen, völlig unabhängig davon, wo und was an der Wand hängt. Ich identifizier mich grundsätzlich mit gar nichts, also kann ich mich auch ganz entspannt mit solchen Leuten unterhalten und dabei meine Forschung über aufrecht gehende Einzeller vorantreiben.

In einem anderen Interview hast du unterschieden zwischen dummer und intelligenter Kunst, was wären hierfür die Kriterien, ab wann ist Kunst für dich dumm oder intelligent?

Hm, so verkürzt klingt das sehr arrogant, so als wenn ich die Weisheit mit großen Löffeln gefressen hätte. „Dumm“ würde ich mal eher im Sinne von „leidenschaftslos“ betrachten. Sachen, die sich einem Trend anbiedern, die sichtbar berechnend sind oder offensichtliche Propaganda (für was auch immer) sind, könnte man als „dumm“ bezeichnen. Dumm, weil es schade ist, eine ultimativ kreative Ausdrucksmöglichkeit, wie der Kunst, nur mit egoistischen, angeberischen Inhalten zu verschwenden!? Da macht es doch mehr Sinn, seine Gefühle, seine Wünsche, seine Verzweiflung in seine Arbeit zu packen und so seiner eigenen Existenz, dem Universum und all den durchzechten Nächten einen Sinn zu geben, oder? Damit wir uns nicht missverstehen: Am Ende ist es aber dann auch wieder der persönliche Geschmack, der einem das Kunstfeuer durch den Arsch jagt oder nur einen blassen Furz aus dem Arsch der Empfindung entlässt. Ich würde niemals einzelne Kunst/Künstler als „dumm“ oder „intelligent“ aburteilen! Bin ich Mr. Knowitall, oder was?

Inwieweit verfolgst du die Mainstream-Kunstszene? Wohin steuert die Kunst, was sind die Entwicklungen usw.?

Gar nicht. Kein Plan. Ist mir scheissegal…

Du arbeitest, wie ich das als unwissender Laie erkennen kann, hauptsächlich mit dem Computer und auch viele der anderen Puplizisten im INSIDE verwenden Grafikprogramme. Welche Rolle spielt heutzutage die Computertechnologie und inwieweit vereinfacht es die gestalterischen Fähigkeiten? Und welche Gestaltungsmaterialien und Techniken werden ansonsten angewendet?

Der Computer ist nur ein weiteres Werkzeug im Kampf den kreativen Druck im Größthirn sichtbar zu machen. Allerdings ein Werkzeug mit einem entscheidenden Vorteil: Die Undo-Taste! Das nimmt ein wenig von der Last der Entgültigkeit von Entscheidungen. Blau oder Rot? Groß oder klein? Du kannst es einfach ausprobieren und dann entscheiden wie es aussieht und ob es das ist, was du sehen willst. Ansonsten ist der Rechner auch immer so gut wie der, der ihn bedient.

Gibt es noch weitere Magazine im Stile des INSIDE-Magazines?

Nein. …“

Teil 4:

„… Und zum Abschluss noch die obligatorische Bitte um ein abschließendes Wort, Lebensmotto oder dergleichen?

Um mit den Worten deines Kollegen Jan zu sprechen: AC/DC! Auf jeden Fall. KISS ist Kinderkacke! Bela, sei bedankt fürs Interview. Wer Lust hat, schaut sich mal meine Website an – Falling Sky – ich bin immer auf der Suche nach Ausstellungsmöglichkeiten egal wo und in welchem Rahmen. Neben meinen Arbeiten, gibt es natürlich auch die Möglichkeit einer INSIDE artzine Ausstellung. Kontaktet mich für Details. Wem das noch nicht reicht, wir haben auch einen Blog laufen, in dem sich noch mehr Bilder/Interviews/Veröffendlichungen der beteiligten INSIDE artzine-Künstler befinden, sowie massig Reviews, Links und ein Shop mit Mags & Shirts: Artscum.org. In diesem Sinne: Follow the Scum…“

Das Interview führte Dolf Hermannstädter vom „Trust Fanzine“, wir danken ihm für die Freigabe zum/r Abdruck / Wiederverwendung. Teil 1 des Interviews (auszugsweise) und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #5 [Edition Outbird].

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Bildnachweise: Jenz Dieckmann, Seth Siro Anton, Cristina Otero/Jenz Dieckmann, Trevor Brown