Hauke von Grimm „Seemannsgarn“ [Interview Teil 2] | Outscapes #6

Die Buch- und eBook-Verkäufe erodieren, immer mehr Menschen gehen den sozialen Medien und Streamingangeboten auf den Leim, „verlernen“ quasi das Lesen. Wie kann man Deiner Meinung nach das Interesse am Buch wieder zum kulturellen und Bildungsgrundgebot in der Gesellschaft machen?

Die Welt ist im Wandel. Das Rad dreht sich. Wir sind nur ein Teil der Geschichte. Sprache verändert sich und die Art wie Erzählungen zu den Menschen kommen auch. Die mündliche Überlieferung wurde durch die Schrift abgelöst, dann kam die Druckkunst und das Buch begann seinen Siegeszug. Wir werden das alles nicht aufhalten. Was bleibt ist, dass die Menschen unterhalten werden wollen. Wir bieten eine Möglichkeit. Und Leser wird es noch eine ganze Weile geben. Mit den PoetrySlams und den LeseBühnen erleben wir seit einiger Zeit eine Art von dem Bedürfnis Kurzweile durch Geschichten zu erfahren. Und noch lesen genug Leute. Was sie allerdings konsumieren finde ich eher bedenklich. Aber ich ticke eh anders als die Andern. Wir können unsere Angebote nach unseren Möglichkeiten anbieten. Wir können Menschen durch unsere Art überzeugen und auf uns aufmerksam machen. Ändern können wir den Lauf der Zeit oder die Menschen nicht.
Vielleicht können wir unsere Angebote ändern. Hörbücher oder Kurzfilme aus unseren Texten machen. Und dann sollen sie Streamen, wenn es sie glücklich macht.

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Was macht gute Literatur aus?

Sie muss eine gewisse Stimmung erzeugen, und sie muss fesseln. Wenn man den ganzen Tag an ein Buch denkt wie an eine Geliebte. Aber sie muss auch unterhalten. Mich unterhält auch die Sprache, nicht jeder kann alles gleich gut beschreiben. Ein gutes Buch ist, wie einem Freund zuzuhören. Man muss nicht immer seiner Meinung sein, aber wenn es schön gesagt wird, beglückt mich das auch.

Was sind Deine persönlichen Favoriten der Welt- und Untergrundliteratur?

Ich mag gern die Kollegen aus meinem Dunstkreis. Wie sie mit mir reden, so schreiben sie. Schweßinger, Tanner, Kruppe, HC Roth und die Lesebühnen-Kolleg/innen. Aber ich mag auch die alten Piraten- und Seebärengeschichten und mal einen guten Western. Ich lese gern historische Geschichten. Wenn sie nicht zu sehr in die Romanzen abdriften. Wenn mich ein Thema packt, versuche ich mich dem über die Literatur zu nähern. Bernard Cornwells „Waterloo“ war gut. Fakten, spannen und nicht zu sachlich erzählt. Ansonsten hab ich noch etwas für Christian Kracht übrig. Und ich lese viel Lyrik.

Letzte Frage: welchen Whisky (zum Buch oder unter Freunden) empfiehlst Du ganz besonders?

Das ist sehr schwer. Wer Whisky trinkt weiß was für ihn am besten ist. Was in meinen Flaschen drin ist, mag nicht jedem munden. Ob Rotwein, IPA oder Eierlikör. Zu meinen Geschichten passt alles. Der Leser soll sich wohl fühlen und das geht wohl am besten wenn er in seinem Element ist. Ich stopfe meine Pfeife mit „Kentucky Bird“ Tabak und würde mir etwas rauchiges aus den Norden von Schottland ins Glas schütten. Und kann nur jedem sagen, dass mir das gut gefällt. Dazu Musik von Sigur Ros oder Mogwai oder Nils Fram. Aber auch Pink Floyd und ein Grau Burgunder passt hervorragend. Oder ein dunkles Bier zu Mahler oder Bruckner vom Plattenspieler. Je nach Wetterlage oder Gemütszustand. Ich kann auch mit Tee im ICE lesen. Aber solange kein Cola im Whisky ist, seid ihr auf dem richtigen Weg.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz. Teil 1 des Interviews und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #6 [Edition Outbird].

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Bildnachweis: ToniK Picturesque
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[ Rezension ] Hellmuth Opitz „In diesen leuchtenden Bernsteinmomenten“

Pünktlich zum Herbstbeginn, wenn alles in den Startlöchern liegt, um für uns in den schönsten Farben zu Schimmern, wir den vergangenen Wochen des Sommers nachsinnieren, mit dem Bernstein des Meeres in der Hand, umhüllt in dem wärmenden Leuchten der Farbenpracht des Waldes, erschien nach langen 6 Jahren des Wartens, das neue Buch von Hellmuth Opitz „In diesen leuchtenden Bernsteinmomenten“ im Pendragon Verlag.
In seiner klaren Sprache macht er preisgekrönt seinem Berufstand des Schriftstellers alle Ehre. Mit gekonnten Worten malt er lebhafte Bilder aus längst vergangenen Zeiten und gegenwärtigen Realitäten, durch welche er die Leser sehr feinfühlig und intelligent führt, damit sich die Möglichkeit bietet, dies in seiner Ganzheit zu durchleben, in ihrem wahren Sinne, eigentlich viel mehr, sie zu schmecken, zu hören, zu sehen und voll und ganz zu erfühlen.

Mit seiner direkten Wortgewandheit, entführt er uns nicht nur in die Schönheit der Vergangenheit und die augenblickliche Wirklichkeit, sondern lässt einen in seinem lyrischen und prosaisch anwirkenden Texten gleichzeitig wie in die Untiefen der menschlichen Seele in einen Spiegel schauen, welche uns die Gratwanderung des Lebens aufführt und durch seine lakonische Anwendung der Sprache deshalb ebenfalls  im Dunkel keinen Schwere auf dem Gemüt liegt, sondern immer einen Schimmer der essenziellen Hoffnung am Horizont erscheinen lässt.

Hellmuth Opitz hat mit seiner kleinen und feinen Gedichtsammlung, welches in sieben Kapiteln geordnet daher kommt, ein Buch geschaffen, welches jeden Leser, der mit offenen Herzen, Augen und Geist, dem Leben gerne, mit all seinen Höhen und Tiefen gegenübersteht und sich nicht scheut, auch in die euphorisch und flüchtig verwirrenden Abgründe unseres menschlichen Dasein zu blicken, ohne den eigentlichen Weg aus den Augen zu verlieren, voll und ganz in seinen Bann ziehen und erreichen kann.

So kommt das Buch mit seinem populistisch anmutendem Cover, einer glatten und unspektakulären Oberfläche daher, beschenkt aber einen jeden in seiner Tiefe, weit darüber hinaus mit einem Wunderwerk der Worte, in seiner reinsten Form, bereichernd und erfüllend für Geist und Seele. Dieses Buch ist ein Geschenk für all die besonderen bernsteinfarbenen Momente der Stille und es ist bei weitem mehr als ein bis zwei Blicke wert.
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Die Rezension verfasste Emma Wolff; freuen Sie sich in der Dezember-Ausgabe unseres „Outscapes“-Printmagazins auf eine weitere Rezension des Pendragon Verlags – zu David Grays „Sarajevo Disco“.

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Bildnachweis: Isabel Opitz
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Jörg Mathieu „Im Spannungsfeld von Zeit und Independentkultur“ [Interview] | Outscapes #5

„Jörg, Du bist seit Jahren Herausgeber von Zeitschriften, die Nischen besetzen, bist Kulturschaffender, Veranstalter, Netzwerker und setzt neue Maßstäbe – was treibt Dich an?

Das frage ich mich selbst oft. Am Ende komme ich immer zu dem gleichen Ergebnis. Ich will meine Spuren hinterlassen, wo mir das möglich ist. Das Geld ist es ja nicht, da keine meiner Aktivitäten bisher wirklich Gewinn abwirft, auch wenn das natürlich das Fernziel ist wie wohl bei jedem Selbstständigen. Der Hauptgrund ist aber, dass ich das machen kann was mir Spaß macht und für mich diese Freiheit mehr Gewicht hat als finanzielle Sicherheit, die ja doch vergänglich ist. Schön ist es natürlich auch, Dinge zu schaffen, die andere Menschen begeistern.

Besonderes Merkmal Deiner Herausgebertätigkeit waren und sind Zeitschriften wie das „Papa-Ya-Magazin“ und das „35mm-Retro-Filmmagazin“, die einer enormen Recherche und Fachtiefe bedürfen. Im „Papa-Ya“ waren es Fachthemen zum Familien- und Väterrecht, im „35mm“ wird über den Film noir und Expressionismus im Film sowie das Kino der Weimarer Republik berichtet, auch sind Interviews mit beispielsweise Anke Wilkening, Restauratorin der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, zu finden, die die Rechte an vielen deutschen Stumm- und frühen Tonfilmen besitzt. Wie erschließt man in solchen speziellen Themenkomplexen Kontakte? Wie hoch ist der prozentuale Anteil der Recherche an der Redaktionsarbeit?

Die redaktionelle Tätigkeit ist ja immer gleich, auch die journalistische Recherchearbeit ist immer dieselbe. Egal, ob man nur ein Magazin über Anglerbedarf, über den zweiten Weltkrieg oder eben über das Familienrecht oder ein Filmmagazin zum klassischen Film macht. Die Basics habe ich ja in vielen Jahren im Beruf und in der Ausbildung dazu gelernt. Um da seine eigene Nische – oder nennen wir es Passion – zu finden, muss man ja nur das eigene Wissen zu einem bestimmten Thema abrufen. Und für all das, was man dann zu diesem bestimmten Thema eben nicht weiß, muss man sich Mitstreiter und Experten suchen, die die eigenen Lücken schließen können. Es ist also kein Hexenwerk ein Magazin herauszugeben. Kennt man mich dann auch noch persönlich, dann liegt es auf der Hand, warum es in meinem Fall diese beiden Magazine sind. Ich würde auch gerne noch eine Magazin zur Indie-Kultur und –Musik herausbringen, aber da scheint mir die Konkurrenz zu stark zu sein.

Ist die frühe Filmkultur ein wiederkehrendes Thema, kann man von einem wachsenden Interesse dafür auch bei jüngeren Generationen sprechen? Oder geht es Dir und Deiner Redaktion in erster Linie ums Bewahren?

Beides würde ich sagen. Vor allem junge Filmwissenschaftler lernen schnell, dass es nicht ohne Kenntnisse über das frühe Kino geht, wenn man ernsthaft im Bereich des modernen Films arbeiten möchte. Hier baut alles aufeinander auf, und wiederholt sich auch alle paar Jahrzehnte. Das zeigen ja sowohl offensichtliche Remakes wie auch versteckte Zitate historischer Vorbilder, die die meisten Filmliebhaber leider all zu oft übersehen. Film verstehen heißt also für uns auch, seine Geschichte zu entdecken und zu begreifen. Und letztendlich geht es uns auch um das Filmerbe, dessen Erhalt und dessen Beachtung. Je mehr es uns gelingt hier ein breiteres Bewusstsein zu schaffen, desto mehr wir auch der Markt darauf reagieren, und desto mehr werden auch die Studios und die Label auf die wachsende Nachfrage reagieren.

Wie sieht es bei der Kinolandschaft aus, gibt es eine nennenswerte oder gar wachsende Zahl von Lichtspielhäusern, die alte Filme anbieten?

Ich glaube, dass große Kinosterben ist jetzt an seinem Ende angekommen. Da sich die Sehgewohnheiten und die Zielgruppen verschoben und stark verändert haben, bemerken wir, dass immer mehr Enthusiasten des klassischen Kinos sich selbst kleine Orte – man könnte sie „Schachtelkinos“ nennen – schaffen. Die freie Kulturszene generiert sich zusehends selbst ihre Räume für Kino, wie sie es sich vorstellen. Man will dabei unabhängig und frei entscheiden können, welches Programm gezeigt wird. Das darf man nichts als Konkurrenz zum Mainstream- und Großraumkino sehen, sondern als notwendiges Befriedigen einer vorhandenen Nachfrage nach dem Nischen- und Arthaus-Kino.

Als Veranstalter zeichnest Du in diesem Zusammenhang für das „Cinefonie“-Festival verantwortlich, dass dieses Jahr zum dritten Mal in Deiner Heimatstadt Saarbrücken stattfindet. Was genau kann Mensch sich darunter vorstellen?

Das ist recht einfach zu erklären. „Cine“ kommt von Cinema, und „Fonie“ kommt von Sinfonie. Der Begriff „CINEFONIE“ fasst somit zusammen, was den Besucher auf dem Festival erwartet. Es gibt immer Filme, und es gibt immer Live-Musik. Eine Sinfonie aus Bild und Ton, wenn man so will. Der 3. CINEFONIE-TAG 2017 bietet audiovisuell die Symbiose zwischen früher Filmästhetik und cybermodernen Klangwelten, wie man sie nur selten in der Kulturlandschaft zu sehen bekommt. In diesem Sinne haben wir das LineUp zusammengestellt und die Künstler darum gebeten, ihre Sets speziell für diesen Tag dem Festival anzupassen. Wir werden also einige Premieren und exklusive Auftritte erleben, die es so nur bei uns zu sehen und zu hören geben wird.

Aus wirtschaftlicher, aber auch emotionaler Perspektive gefragt: funktioniert das Festival, wird es gut angenommen? Was nehmen die BesucherInnen mit?

Das kann man nicht pauschal beantworten. Auf emotionaler Ebene ist das Festival für mich als Veranstalter dann ein Erfolg, wenn Künstler und Besucher und auch das Team einen schönen und unvergesslichen Tag hatten, mehr kann man da nicht erwarten. Wirtschaftlich braucht es bei einer Veranstaltungsreihe, viel Geduld und Jahre des beharrlichen Aufbaus. Ich gehe die ersten 4-5 Editionen also nicht mit der Erwartung heran, dass das Festival Gewinn einfährt. Wenn wir am Ende unsere Kosten wieder drin haben, ist auch das für mich bereits ein Erfolg. Dinge die mich finanziell ruinieren würden, würde ich kein zweites Mal machen. Was die Besucher mitnehmen müsste man sie selbst fragen. Da wir das Programm jedes Jahr stark verändern, ist es auch immer ein völlig anderes Publikum. Man kann also nicht abschätzen, ob die Leute kommen, weil es ihnen im Jahr zuvor gut gefallen hat. Da die Besucherzahlen aber jedes Jahr steigen, scheinen wir irgendwas richtig zu machen.

2016 war Schwerpunkt des Festivals eine Vincent-Price-Retrospektive, wer war Vincent Price und was hat es mit der Vincent-Price-Legacy-Familie auf sich, aus der ein weltweites Netzwerk entstehen soll und dessen Deutschlandvertreter Du bist?

Vincent Price war ein amerikanischer Schauspieler, den ich persönlich sehr verehre. 2016 habe ich deshalb seine Tochter Victoria zum 2. CINEFONIE-TAG nach Deutschland eingeladen um das Festival zu bereichern. Sie brachte dann den Vertreter der Vincent-Price-Legacy-England mit nach Saarbrücken. In einem persönlichen Gespräch bat man mich dann das für Deutschland zu übernehmen und 2018 eine erste Veranstaltung dazu zu leiten. Dieses Angebot habe ich angenommen und das Projekt ist in der Planungsphase. Wir werden sehen, wohin sich das noch entwickelt.

Eine deiner Passionen ist eine Veranstaltungsagentur für Independentmusik und im Zuge dessen die Mitgliedschaft im PopRat-Saarland. Verstehst Du Dich in dieser Funktion eher als Botschafter oder vielmehr als Koordinator für Festivals und kleinere Musikveranstaltungen? Was ist und macht der PopRat-Saarland?

Ja, das ist ein ganz frisches Projekt, das noch im Geburtskanal schlummert. Das INDIERA SOUND & ART-FESTIVAL ist eines von insgesamt acht Konzepten, dass ich dem PopRat-Saarland vorgeschlagen habe und über das dieser Ende August entscheiden will. Zu diesem Zweck gibt es dazu die Promotion-Agentur INDIERA PROMO. Auch hier werde ich als Projektleiter und Veranstalter fungieren. Dieses neue Musik- und Kulturfestival im Bereich Indie- und Alternative-Musik soll in seinem jährlichen Modus zu einem Multivenue-/ Multistage-Festival heranwachsen. Der PopRat-Saarland ist ein Verein, indem sich Kulturschaffende, Künstler und andere Akteure der saarländischen Popkultur zusammen geschlossen haben. Seine Aufgabe ist es, das Saarland zum „Home of Pop“ zu machen – das kulturelle Herz Europas könnte man sagen. Ein großes Vorhaben und ich bin sehr stolz, ein Teil dieses Vorhabens zu sein.

Was zeichnet aus alternativkultureller Sicht das Saarland und / oder Saarbrücken aus? Und, aus entfernterer Perspektive gefragt, wie schätzt Du die derzeitigen Chancen und Risiken der insbesondere deutschen Independentmusikkultur ein?

Dem Saarland und seiner Landeshauptstadt kommt eine besondere Rolle zu. Zuerst wäre da die Lage in einem Dreiländereck (Frankreich/Luxemburg/Deutschland) zu nennen. Wir sind also von Haus aus international und vor allem französisch geprägt. Das hat aus meiner Sicht nur Vorteile. So kann in meiner Heimat Kultur entstehen, die sich gleich aus mehreren nationalen und internationalen Einflüssen befruchten kann. Uns unterscheidet natürlich auch die eigenständige Geschichte von anderen Bundesländern. Oder weiß man im Rest der Republik wirklich, dass das Saarland mal ein eigenes Land war, eine Nationalmannschaft hatte, ein eigenes Olympia-Team, eine eigene Flagge und eigenes Geld hatte? Das Saarland und seine Bevölkerung ist also im Grunde schon selbst „alternative Kultur“.

Als Musikfan, der gerade die Independent-Kultur seit den frühen 80er Jahren im Blick hat, habe ich natürlich auch immer die deutsche Szene dazu beobachtet. Leider haben wir heute keine Kaliber wie Kraftwerk oder die Einstürzende Neubauten mehr, die auch international große Reputation erfahren (von Rammstein und den Toten Hosen mal abgesehen). Dennoch sind wir seit vielen Jahren weltweit in der Gothic-Kultur gegenüber anderen Ländern weit vorne. Das zeigen Festivals wie das WGT und Mera Luna, auf die über 20.000 Besucher aus der ganzen Welt kommen. Das ist in der Größenordnung sonst nicht mehr zu finden. Selbst die Briten haben in dieser Szene längst nicht mehr diesen Zulauf. Dafür hängt der Rest von Europa uns aber im Indie-Bereich meilenweit ab. Selbst unsere direkten Nachbarn wie Belgien, Frankreich und Spanien bringen immer wieder neue Bands hervor, die den Zeitgeist einfach besser umsetzen können und unter dem gerade blühenden Hipster-Trend eine schnell wachsende Fanbase aufbauen können. Dieses Glück ist der deutschen Indie-Szene leider nicht beschieden. Selbst wenn der Markt sich auch in Deutschland Richtung Internet verlagert hat, geht es hier nicht ohne GEMA und Masterlabel, wenn man von der Musik auch einigermaßen leben will. Ich habe das Gefühl, dass deutsche Acts, selbst wenn sie sich international aufstellen und englisch singen, es immer noch sehr schwer haben, z.B. auf Festivals im Ausland gebucht zu werden.

Was waren bzw. sind Deine musikalischen Wurzeln?

Zu meinem großen Glück habe ich drei ältere Geschwister, die alle auch in ihrer Jugend völlig unterschiedliche Musik gehört haben. Ich wurde also schon sehr früh mit allem Möglichen aus den 70er-Jahren beschallt, und da blieb einiges hängen. Altersbedingt bin ich natürlich ein NDW-Kind, aber auch schon da waren es eher Bands wie Grauzone, Fehlfarben und DAF als Nena und Markus. Mit 14 war ich dann in meiner kleinen Provinz einer von drei „New Wave“-Vertretern, mit allem was dazu gehörte. Um da auf Gleichgesinnte zu treffen mussten wir schon 20 Kilometer zur nächsten Disco fahren. Besonders geprägt haben mich dann Depeche Mode, The Cure, Bauhaus, The Sisters of Mercy, Nick Cave, aber auch viel, heute völlig vergessene Bands wie Die Erde, Cyan Revue oder einige die schon damals eher Underground waren. Anfang der 90er wurde mir die Szene zu pubertär, oder ich bin einfach raus gewachsen, keine Ahnung. Für die nächsten Jahre war ich dann in der Psychobilly-Szene verwachsen. Heute ist es eher allgemein Indie- und Alternative Musik, die mich begeistert. Zu meinen Helden aus der Jugend gehe ich aber noch heute zu den Konzerten.

Eine letzte Frage: wo nimmst Du die Energie für diese umfassenden Tätigkeiten her? Was verschafft Dir Ruhepol und Ausgleich?

Ich finde es einfach extrem spannend, am Puls der Zeit zu leben und zu beobachten wie sich gegenwärtige Jugendkultur entwickelt. Wenn es mir dann auch noch gelingt sogar weiterhin ein Teil davon zu sein, selbst mit fast 50, dann hält mich das jung und fit, auch wenn mein Körper mir selbst schon längst andere Signale gibt. Ich bleibe dann einfach nicht mehr auf Konzerten bis die Kehrmaschine kommt, und stehe auch nicht mehr mit dem Fotoapparat in der ersten Reihe, und die Lautstärke zu Hause ruft nicht mehr die Nachbarn auf den Plan, aber ich bin musikalisch auf der Höhe und verfolge sehr genau, was gerade angesagt ist, und wohin sich Trends entwickeln. Um ehrlich zu sein, sind es diese Aktivitäten und meine Arbeit, die für mich den Ausgleich bieten – der Ruhepol ist meine Beziehung. Kultur ist für mich eine Insel, eine Oase, Realitätsflucht und Ablenkung. Hätte ich nicht die Kultur, würde mich das Leben völlig überfordern.“

Das Interview führte Tristan Rosenkranz. Es erschien ebenfalls in der Printausgabe des „Outscapes“-Magazins #5 [Edition Outbird].

Die „35mm Retro-Filmmagazine“ in unserem Webstore: bitte hier entlang.

Bildnachweise: Alex Wolfanger, Jörg Mathieu

INSIDE ARTzine / Jenz Dieckmann „Jenseits geschmacklicher Moral“ [Interview Teil 2] | Outscapes #5

[Interview Teil 1 ist auszugsweise in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #5 [Edition Outbird] erschienen. Die fehlenden Teile des Interviews nachfolgend:]

Teil 1:

„…Was muss für dich ein Bild, ein Künstler erfüllen, damit er im INSIDE aufgenommen wird, gibt es da irgendwelche Kriterien und auf was legst du am meisten Wert?

Da das INSIDE artzine im weitesten Sinne ein Egozine ist, gibt es nur eine Hürde die man nehmen muss um ins Heft zu kommen: Mein Geschmack. Wenn mich eine Arbeit flasht, dann auch meistens ohne groß drüber nach zu denken. Kennt ja jeder (z. B. bei Musik), manchmal hauen einen Sachen direkt vom Hocker, ohne das man genau weiß warum. Es gibt also keine Checkliste… „krank“, „durchgedreht“, „finster“… nach der ich Bilder sortiere. Manchmal ist es die handwerkliche Qualität, die mich an einem Kunstwerk beeindruckt, manchmal die Schlichtheit. Manchmal weil es krass hässlich wirkt, oder weil es eine tiefe dunkle Schönheit ausstrahlt. Wobei das Problem „Hässlichkeit vs. Schönheit“ ja auch eher eine oberflächliche Entscheidung ist. Ist eine Blume hässlich, wenn man weiß das sie auf einem Massengrab wächst? Ist wohl eher eine innere Einstellung zu den Dingen, was Sachen schön oder hässlich erscheinen lässt!?

Wenn man dein Magazin durchblättert, gewinnt man schnell den Eindruck, als würdest du beinahe auf jegliche Werbung verzichten oder dir deine Werbepartner/-kunden (die hauptsächlich aus dem Punk/HC- und linkspolitischen Umfeld stammen) selbst aussuchen. Dabei besticht das Heft mit 170 Gramm schweren Papierseiten und einer professionellen Aufmachung; wie kannst du das preislich stemmen, bei einem Verkaufspreis von gerade mal 7,50€ Euro? Ich glaube da verlangen andere Kunstmagazine erheblich mehr und sind zudem noch mit massig Werbeanzeigen vollgestopft?

Yep, das Heft ist bewußt werbefrei, das was man ab und an sieht, sind befreundete Projekte die ich pushen will oder Tauschanzeigen (old school halt ;-). Ich denke, das muss jeder Herausgeber für sich entscheiden. Bei mir steht der kommerzielle Aspekt nicht im Vordergrund, da ich nicht von dem Mag leben muss. Sagen wir mal, der materielle Teil ist in Zeiten von Flyeralarm & Co. durchaus machbar (auch mit einem Verkaufspreis von 5 Euro), die Zeit die ich reinstecke ist dagegen nicht mit Geld zu bezahlen. Dafür macht es zu viel Spaß. Und das man mit Spaß kein Geld verdienen kann, wissen wir doch alle, oder?! Schwer zu sagen wie lange ich noch in der Art weitermache. Irgendwann werde ich mit Sicherheit aber auch dazu übergehen, schon morgens beim Durchsehen der neuen Beiträge Cocktails zu trinken. Mittags dann mal kurz in die Redaktion, Handy aufzuladen und ein paar Leute entlassen und abends dann auf illegalen Ausstellungen in ausgetrockneten Abklingbecken Bestechungsgelder von japanischen Kunstsammlern kassieren…“

Teil 2:

„…Du kommst aus der Punk-/Hardcoreszene, kannst du uns mal deine Sozialisation schildern/erläutern? Wie und wann hast du mit Punk/HC in Kontakt gekommen bist und wie du persönlich Punk + HC definierst?

Teil eins der Frage ist einfach: Nach AC/DC und Judas Priest kam Discharge und U. K. Subs, bevor dann alles vom „This is Boston Not LA“ Sampler weggetrasht wurde. Speziell die Gang Green-Nummern sind für mich bis heute die Maßeinheit für „Ausrasten“, und ab da wußte ich: Wow, so klingt mein Soundtrack beim Abfahrtslauf. Und mir wurde klar, dass diese Power nicht auf kompositorischem Wissen und instrumentalem Geschick basierte, sondern schlicht weg auf Leidenschaft. Mach es, wenn du Bock drauf hast! Scheiss egal wie es klingt, aussieht und/oder schmeckt. DIY! Und damit kommen wir zu dem zweiten, weitaus schwierigeren Teil deiner Frage. Um sich jetzt nicht in endlose Laberei zu verfilzen (ja ja, strenggenommen ist „Punk“ ja auch noch mal was anderes als „Hardcore“ bla bla): Ich finde, was die meisten Aktivitäten dieser Szene vereint, ist der Wille „sein Ding zu machen“. Sei es eine Band, ein Zine, eine Konzertgruppe, eine Kneipe, ein Crustcorestammtisch. Das klingt nach Egonummer, meint aber eigentlich nur, dass man Dinge immer weiter entwickeln soll. So wie man denkt, dass sie besser sind und einem persönlich noch mehr Spaß bringen. In „Punk“ muss man Energie stecken um welche zurück zu bekommen. Und damit meine ich nicht 20 Paletten Dosenbier auf irgend einem RedBullMercedesTelecom-Festival mit berühmten, etablierten Punkbands zu stemmen. Ansonsten erlebt man nur Oberfläche.

Auch wenn es durch die zahlreichen und oftmals gestalterisch aufwendigen Cover und Flyerartworks, sowie die in deinem Heft provokanten und aussagekräftigen Abbildungen offensichtlich sein sollte das Punk, Hardcore und Kunst einhergehen – Kannst uns vielleicht doch nochmal erklären wie für dich Punk/HC oder die Subkultur im allgemeinen mit der Kunst zusammenpasst?

Würde ich vielleicht gar nicht so eng formulieren. Klar eine Menge Kunst kann man durch seine provokative, unangepasste Art dem „Punkkontext“ zuordnen, einfach weil es scheinbar ähnliche Werte sind, die da transportiert werden. Aber jetzt so etwas wie „Punkkunst“ zu konstruieren, finde ich unsinnig. Da schafft man sich nur neue Ghettos im Kopf. Die Kunst ist frei. Ob im Punk, Hip Hop, Death Metal oder Country & Western.

Und wenn wir gerade schon mal beim Punkkontext angelangt sind. Welche Künstler aus diesem Genre schätzt du am meisten?

Hm, du meinst Künstler die im Zusammenhang mit Punk-Plattencovern auftauchen?! Jeff Gaither/R. K. Sloan (Accüsed), Mad Marc Rude (Misfists) oder Michael Seiff (das legendäre „No Mercy“-Cover). Bands? Classics: Dead Kennedys (Fresh Fruit…), Plasmatics (Last Hope…), Black Flag (My War), R. K. L. (RnR Nightmare), +++ Aktuell: Horse the Band, Lewd Act, Waltari, Melt Banana, The Swellers, Christmas (letztens als Vorband REAGAN YOUTH die Show gestohlen), +++.

Ansonsten ging 2014 H. R. Giger von uns, der an den Folgen eines Sturzes verstarb. Siehst du dich von Giger beeinflusst? Oder lass uns die Frage weiter ausholen, welche Vorreiter gab es in der Vergangenheit, die das was ihr publiziert etablierten oder den Grundstein dafür legten?

Auf allerjedenfalls. Der Hans Rüdi war als Künstler ein absolut eigenes Universum! Leider in den Augen vieler über die Jahre zu einem HeavyMetalCover-Künstler geschrumpelt, hat der Mann die Finsternis in der Malerei neu definiert. Bezeichnend dafür ist, dass, um die Einzigartigkeit der Wirkung seiner Bilder auf den Betrachter zu erklären ein eigenes Wort erfunden werden musste: Gigeresk. Ein Künstler, der sein Werk nur durch sich selbst erklären kann. Crazy shit!!! Ich war gerade dran, mit ihm ein Interview für das INSIDE artzine anzuleiern, als das passierte, aber scheiss auf das verfickte Interview: H. R…. sei auf ewig bedankt für deine Einsichten hinter den schwarzen Vorhang! Hm, Grundsteine… Auf jeden Fall inspirierend fand ich schon immer die Urpunker des Dadaismus. Nichts ernst nehmen, dabei immer schön ernst wirken und die mentale Brechstange der Provokation in der Tasche bereit halten. Die haben Grundlagen geschaffen. Guckt euch die Sachen eines John Heartfields an! Da sind Collagen dabei, die sind über 70-80 Jahre alt und würden 1:1 auf das Cover der nächsten Crustpunkscheibe passen. Speziell seine Anti-Hitler-Collagen sind beeindruckend. Wohlgemerkt zu einer Zeit, wo man für Naziverarsche durchaus mehr befürchten musste, als „nur“ eine aufs Maul zu bekommen.

Auf den ersten Blick wirken die Kunstwerke in deinem Heft schon etwas verstörend/psychotisch. Einigen Leuten denen ich das INSIDE zeigte, fanden es sogar zu derb und mental herunterziehend, haha… Was sind so die gängigen Reaktionen auf dein Heft und welche war bisher die heftigste?

Ha ha, „mental herunterziehend“. Das ist aber eine nette Formulierung für „destruktive Scheisse“ (auch schon gehört). Ja, kenn ich so Reaktionen. So im Sinne von „Kunst muss doch positiv sein und mich weiterbringen“. Das kommt dann aber meistens von Leuten, die ihren Geschmack als Maßstab für alle anderen nehmen. Was weiß’ ich denn, was ihn „weiterbringt“?! Es gibt aber auch durchaus differenziertere, negative Meinungen. Auf einer Ausstellung meinte eine ältere Frau mal zu einem meiner Bilder „Ich find dieses Bild abgrundtief hässlich und abstoßend und ich würde es mir nie an die Wand hängen (ha ha, was für eine absurde Idee nebenbei bemerkt), aber es berührt mich.“ Na das ist doch schon mal was. Mir ist es lieber, eine negative Reaktion zu erzeugen als vorbeigeplätscherte Beliebigkeit. Hat wohl auch was mit der nächsten Frage nach der „Provokation“ zu tun, also liest du da weiter. Noch kurz zu den Reaktionen: Es gibt natürlich auch positives Feedback, im Sinne von „geilster Scheiss auf Erden“. Ich bin dankbar für jedes nettes Wort, nicht weil es ein angenehmes Gefühl ist (das ist es), sondern weil es ein Ansporn ist, weiter zu machen. Also mal ein weltumspannendes „Dankeschön“ an all die Irren da draußen, die unseren Stuff mögen! Und lass euch nicht belabern… ihr seid nicht (wesentlich) kranker als die andern…

Was fasziniert dich genau an der Provokation und wieso hältst du die Provokation für wichtig? Nun ist Provokation aber auch ein sehr weites Spielfeld, bei dem die Grenzen (soweit sie eben im Auge des Betrachters existieren) gewollt überschritten werden. Gibt es für dich diese Grenzen oder eine gewisse Grauzone in der z. B. Nazisymbole zur Provokation genützt werden?

Die Provokation ist ein erprobtes Mittel speziell in der Kunst um Aufmerksamkeit zu erregen. Sid Vicious und sein Hakenkreuzshirt. GG Allin frisst seine eigene Scheisse. Duchamp stellt ein gewöhnliches Pissbecken mit Unterschrift im Museum aus. Die Provokation zwingt den Betrachter zu einer Reaktion. Im besten Fall ist diese ein konstruktiver Beitrag. So haben die Reaktionen auf Duchamps Pissbecken („Fountain“ 1917) z. B. das Selbstverständnis von Kunst („was ist Kunst“) entscheidend beschleunigt. Im schlechtesten Fall gibt’s eines aufs Maul für den Künstler (siehe GG Allin, der stand aber auch drauf). Kann man sich dann ja überlegen, was besser ist, oder?! Und… ja klar gibt es auch Grenzen! Es gab mal den Fall eines nikaraguanischen Künstlers, der im Rahmen einer Installation einen verwahrlosten Straßenhund im Museum ankettete und (angeblich) verhungern ließ. “Wenn ich den Hund als Kunstobjekt vor eine Wand binde, wird er plötzlich zum Fokus. Wenn er in der Straße vor Hunger stirbt, kümmert das keinen.” Er hat ja Recht, aber das kann man auch anders mitteilen, oder? Grundsätzlich bin ich aber der Meinung, sollte es in der Kunst keinerlei Zensur geben. Wo sonst, als auf der hypothetischen Spielwiese der Kunst, kann man alles thematisieren, ausprobieren, visualisieren ohne direkt von seinem Chef entlassen zu werden?! Ein Labor für Neues, Ungewöhnliches, Unangepasstes, Irres… zu Testzwecken einfach mal laut ausgesprochen um es öffentlich zu hinterfragen. Das heißt ja nicht, dass man sich in einem geistig rechtsfreien Raum befindet. Respektiert eure Umwelt und alles wird gut! Und noch zur Abteilung Hakenkreuzshirt: Wenn jemand meint, mit so etwas so symbolhaft Dummen und Beschissenem wie einem Hakenkreuz posen zu müssen, dann soll er das mal machen, sich aber dann nicht wundern, dass man ihn für genauso dumm und beschissen hält!

Zudem gibt es zwischen all den Bildern auch kritische, politische oder nihilistische Texte (in englischer Sprache) zu lesen. Um was handelt es sich meist in den geschriebenen Artikeln?

Das was ich in Flyern immer als „Stories“ zusammenfasse, sind in der Regel Kurzgeschichten, Lyrikmonster, Statements, Ansagen und Umsturzversuche. Es gibt seltsame Reports über Fickmaschinen („Art that will fuck you“, (Gas)Masken („The art of suffocation) oder die Wahrheit über H. P. Lovecraft („Lovecraft wasn’t wrong“). Außerdem gibt es Interviews, in denen oft die Grenzen zwischen Sinn und Unsinn bzw. Wahrheit und ausufernden Lügen auf einen kleinen juckenden Klumpen Hirn zusammengeschmolzen werden („Gonzo“ genannte). Lest den krassen Copacabana-Sambaabsturz meinerseits mit dem brasilianischen DeathMetalArtist Marcelo Vasco im aktuellen Heft durch und ihr werdet mir Recht geben: Das wäre ja in echt kaum aus zu halten…“

Teil 3:

In welchem preislichen Rahmen befinden sich ungefähr die Bilder und kannst du oder deine Kollegen davon leben?

Das ist wahrscheinlich unterschiedlich. Die allermeisten Leute aus dem Heft kenne ich ja nicht persönlich, deswegen kann ich da nur mutmaßen. Ein Chris Mars kostet im Original (Öl) schon seine 9000 Dollar. Da sind schon eine ganze Reihe an Vollzeitkünstlern dabei, die auch durchaus davon ihre Miete bezahlen können. Genau so sind aber auch immer noch die kranken, verrückten Irren im Magazin, die im schallisolierten Keller ihres Reihenhauses, Bilder mit abgebrochenen Filzstiften auf Pizzakarton krickeln um nicht verrückt zu werden. Die leben natürlich von ihren Sachbearbeitergehältern. Wie weiter oben schon mal erwähnt, versuche ich nicht von meiner Kunst zu leben. Im Brotjob bin ich selbstständiger Grafiker.

Im Verhältnis zur Musik ist Kunst meistens ziemlich (über)teuert. Und dabei denke ich gar nicht, das Kunst einen solch enormen Mehraufwand bedeutet. Ich meine, bis eine gut eingespielte Band ihre Songs richtig gut im Kasten hat, vergehen auch unzählig viele Stunden, was dabei aber rum kommt, ist meist sehr spärlich. Daher die kritische Frage, die mich schon seit langem interessiert – Warum ist Kunst so teuer? Und wenn man bedenkt, wie schnell es im Punk-/Hardcore-Underground zu einem Ausverkaufsvorwurf kommen kann, dann frage ich mich ob es diese Vorwürfe auch im Kunstbusiness gibt?

Denke, das hat mit einer der vorherigen Fragen zu tun, nach der Trennung zwischen Mainstream und Underground in der Kunst. Mainstreamkunst hat neben der äußeren Gestalt den Wert zum Inhalt. Und damit ist der reine kommerzielle Marktwert gemeint, sprich wie schaffe ich es einen Künstler noch teurer zu machen!? Dafür gibt es dann eine eingespielte Maschinerie zwischen Magazinen, Galleristen, Kuratoren – da wird dann im PingPongverfahren ein Objekt hochgepitcht, abkassiert und fallen gelassen. Diese Leute schaffen sich selber den Preis, zu dem sie dann verkaufen. Deshalb ist manche Kunst sauteuer und andere nicht. Ich geb zu, dass ist jetzt eine sehr vereinfachte Sicht der Dinge, aber diese gutgeölte Maschinerie der Wertsteigerung findet sich an allen Ecken und Enden in unserer kapitalistischen Gesellschaft. Der ideelle Wert spielt da leider nur noch eine untergeordnete Rolle. In Bezug auf „Ausverkauf“: Ich kann es niemanden verübeln, dass er mit seiner Arbeit Geld verdienen will. Haut rein, Leute. Irgendwann geht aber wohl jeder persönliche Reichtum auf Kosten anderer, oder?! Im Gegensatz zur PunkrockHardcoreMusikszene scheint der „Aufstieg“ aus dem Kunstunderground in Gefilde, in denen man seine Miete davon bezahlen kann, aber weniger argwöhnisch betrachtet zu werden. Ich denke, es wird eher als verdienter Erfolg gewertet. Wie weit man sich als Künstler für den Erfolg bückt, muss jeder für sich selbst entscheiden.

Inwieweit kannst du dich mit der (ich weiß gar nicht, wie ich dazu sagen soll) „normalen“ bzw. jener Kunstszene identifizieren, die Prosseco schlürfend vor ihren oftmals für den objektiven Betrachter sinnentleerten Bildern stehen um diesen doch eine höhere Bedeutung hinein interpretieren?

Ha, ha, ich weiß genau was du meinst. Diese Leute gibt es IMMER auf Ausstellungen, völlig unabhängig davon, wo und was an der Wand hängt. Ich identifizier mich grundsätzlich mit gar nichts, also kann ich mich auch ganz entspannt mit solchen Leuten unterhalten und dabei meine Forschung über aufrecht gehende Einzeller vorantreiben.

In einem anderen Interview hast du unterschieden zwischen dummer und intelligenter Kunst, was wären hierfür die Kriterien, ab wann ist Kunst für dich dumm oder intelligent?

Hm, so verkürzt klingt das sehr arrogant, so als wenn ich die Weisheit mit großen Löffeln gefressen hätte. „Dumm“ würde ich mal eher im Sinne von „leidenschaftslos“ betrachten. Sachen, die sich einem Trend anbiedern, die sichtbar berechnend sind oder offensichtliche Propaganda (für was auch immer) sind, könnte man als „dumm“ bezeichnen. Dumm, weil es schade ist, eine ultimativ kreative Ausdrucksmöglichkeit, wie der Kunst, nur mit egoistischen, angeberischen Inhalten zu verschwenden!? Da macht es doch mehr Sinn, seine Gefühle, seine Wünsche, seine Verzweiflung in seine Arbeit zu packen und so seiner eigenen Existenz, dem Universum und all den durchzechten Nächten einen Sinn zu geben, oder? Damit wir uns nicht missverstehen: Am Ende ist es aber dann auch wieder der persönliche Geschmack, der einem das Kunstfeuer durch den Arsch jagt oder nur einen blassen Furz aus dem Arsch der Empfindung entlässt. Ich würde niemals einzelne Kunst/Künstler als „dumm“ oder „intelligent“ aburteilen! Bin ich Mr. Knowitall, oder was?

Inwieweit verfolgst du die Mainstream-Kunstszene? Wohin steuert die Kunst, was sind die Entwicklungen usw.?

Gar nicht. Kein Plan. Ist mir scheissegal…

Du arbeitest, wie ich das als unwissender Laie erkennen kann, hauptsächlich mit dem Computer und auch viele der anderen Puplizisten im INSIDE verwenden Grafikprogramme. Welche Rolle spielt heutzutage die Computertechnologie und inwieweit vereinfacht es die gestalterischen Fähigkeiten? Und welche Gestaltungsmaterialien und Techniken werden ansonsten angewendet?

Der Computer ist nur ein weiteres Werkzeug im Kampf den kreativen Druck im Größthirn sichtbar zu machen. Allerdings ein Werkzeug mit einem entscheidenden Vorteil: Die Undo-Taste! Das nimmt ein wenig von der Last der Entgültigkeit von Entscheidungen. Blau oder Rot? Groß oder klein? Du kannst es einfach ausprobieren und dann entscheiden wie es aussieht und ob es das ist, was du sehen willst. Ansonsten ist der Rechner auch immer so gut wie der, der ihn bedient.

Gibt es noch weitere Magazine im Stile des INSIDE-Magazines?

Nein. …“

Teil 4:

„… Und zum Abschluss noch die obligatorische Bitte um ein abschließendes Wort, Lebensmotto oder dergleichen?

Um mit den Worten deines Kollegen Jan zu sprechen: AC/DC! Auf jeden Fall. KISS ist Kinderkacke! Bela, sei bedankt fürs Interview. Wer Lust hat, schaut sich mal meine Website an – Falling Sky – ich bin immer auf der Suche nach Ausstellungsmöglichkeiten egal wo und in welchem Rahmen. Neben meinen Arbeiten, gibt es natürlich auch die Möglichkeit einer INSIDE artzine Ausstellung. Kontaktet mich für Details. Wem das noch nicht reicht, wir haben auch einen Blog laufen, in dem sich noch mehr Bilder/Interviews/Veröffendlichungen der beteiligten INSIDE artzine-Künstler befinden, sowie massig Reviews, Links und ein Shop mit Mags & Shirts: Artscum.org. In diesem Sinne: Follow the Scum…“

Das Interview führte Dolf Hermannstädter vom „Trust Fanzine“, wir danken ihm für die Freigabe zum/r Abdruck / Wiederverwendung. Teil 1 des Interviews (auszugsweise) und vieles mehr finden Sie im „Outscapes“-Magazin #5 [Edition Outbird].

INSIDE ARTzine in unserem Webstore: bitte hier entlang.

Bildnachweise: Jenz Dieckmann, Seth Siro Anton, Cristina Otero/Jenz Dieckmann, Trevor Brown

Vom ewigen Neulandhunger | M. Kruppe

Spätestens mit unserem ersten „Edition Outbird„-Buch „Von Sein und Zeit“ wurde uns bewusst, dass bis jetzt noch kein Interview mit einem der treibenden Energien hinter dem „Outbird„-Netzwerk, M. Kruppe, vorliegt. Weshalb dem hier und jetzt abgeholfen und mit Antworten zu seiner Intention und seinem Antrieb hinter und für „Outbird“ begegnet wird. Und wer ganz nebenbei unseren „YouTube“-Kanal abonnieren möchte: herzlich willkommen!

Wir wünschen viel Vergnügen und eine aufschlussreiche Videoschau.

M. Kruppe „Ein Abend im Frühling“

Die Idee zum jüngst (nebst unserer Printmagazine) im Eigenverlag „Edition Outbird“ erschienenen Buch „Von Sein und Zeit“ des Pößnecker Autoren und (Literatur)Veranstalters M. Kruppe sowie des Saalfelder Künstlers Stefan Jüttner erwuchs aus langen Vorplanungen M. Kruppes zu seinem nächsten Manuskript. Entstanden ist anstelle des bisher unveröffentlichten „Vom Kaff der guten Hoffnungen“ das erste Buch unter unserem Eigenlabel, und damit ein kleines, feines Konvolut mit naturalistischen, philosophischen, ebenso nachdenklichen und emotionalen wie auch gelösten Texten, die in ihrer Skepsis und stoischen Lebensbejahung zwangsläufig eine Einheit mit Stefan Jüttners surrealistisch zeitlosen, morbide suchenden oder einfach nur stillstehenden Arbeiten eingehen musste.

Einen Einblick erhalten Interessenten dieses kleinen Leseschatzes mit vorliegendem Video, in dem M. Kruppe mit „Ein Abend im Frühling“ einen seiner gelungensten Texte vorträgt. Wir wünschen viel Vergnügen!

Mark Jischinski (adakia Verlag) | Literaturleidenschaft an Single Malt

markNach vielen Jahrens parallelen Lebens und Wirkens in unserer Geburtsstadt führen mich meine Wege mit dem Geraer Verleger und Autoren Mark Jischinski in einem Café in meinem Kiez zusammen. Die Folge: ein angeregtes Gespräch über Verlagserfahrungen, Einsichten in die Denkweise diverser Veranstalter wie auch Befindlichkeiten im Leben als Autor und Literaturnetzwerker.

Hallo Mark, schön Dich persönlich kennenzulernen. Welcher Teufel hat Dich geritten, vom Kolumnisten zum Buchautoren zu werden und dann auch noch den Sprung ins Verlagswesen zu wagen? Was war und ist Dein Antrieb dahinter?

Die pure Einsicht und Abbitte. Wenn man als Autor schon keinen Erfolg hat, will man den wenigstens als Verleger durch die Ergüsse der richtigen Autoren haben. Im Wege einer symbiotischen Verbindung mit jemandem, der es kann gewissermaßen. Und die Verlagsgründung ist die einzig logische Steigerungsform der eigenen Schwachsinnigkeit als Bibliomane. Wenn der Markt die perfekten Bücher nicht bieten kann, drucke ich die eben selbst und das auch noch mit unglaublich sympathischen Autoren, die ich alle sehr mag.

Du hast ja mittlerweile eine recht ansehnliche Liste an Veröffentlichungen vorrangig (ost)thüringischer Autoren. Nach welchen Kriterien entscheidest Du pro oder contra Veröffentlichung? Was hebt den adakia-Verlag von anderen Verlagen ab?

Bei uns geht es natürlich primär ums Aussehen. Nicht wenige Autorenfotos legen den Verdacht nahe, dass der einzige Broterwerb des Abgelichteten die Möglichkeit ist, in einer dunklen Kammer Seiten voller literarischer Schätze abzusondern und ansonsten das Tageslicht zu meiden. Aus purer Rücksicht vor dem Leser. Weiterlesen