[ Rezension ] Christian von Aster (Hrsg.) „Boschs Vermächtnis“

[Vorliegende Rezension ist ebenfalls in Druckversion im Magazin für alternative (Genuss)Kultur „Outscapes“- Ausgabe #8 erschienen.]

„Es gibt Werke, die einen ein Leben lang nicht mehr verlassen. Sie schlummern vielleicht manchmal nach der Erstentdeckung Jahre vor sich hin, aber sie gehen nie ganz fort. Beispielsweise „Märchen aus 1001 Nacht“. Ich liebte sie und tue es noch. Erst unlängst nahm ich es wieder in die Hand, bevor andere spannende Stoffe die Hoheit übernahmen. Eines dieser spannenden Neuerscheinungen war und ist „Boschs Vermächtnis“ unter Christian von Asters Herausgeberschaft, ein Buch von mehr als 400 Seiten. Von Aster, dem Hieronymus Bosch im Alter von 14 Jahren ins Leben trat, trug sich lange Jahre mit dem Gedanken, Bosch zum Thema seiner literarischen Arbeit zu machen, bis diese Idee eines Tages herangereift war.

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Was heute nun vor mir liegt, ist ein Prachtwerk, dass mit AutorInnen wie Luci van Org, Sonja Rüther, Michael Schweßinger, Alex Jahnke, Vera Wehberg, David Gray, Astrid Mosler oder Christian von Aster selbst nicht nur einige der besten ErzählerInnen der deutschen Gegenwartsliteratur versammelt, sondern auch mit einer bestechenden Vielfalt Bosch´scher Deutungen aufwartet, die sich in eine schier unerschöpfliche Vielfalt fantastischer Geschichten ergießt. Oft wähnt man sich von mittelalterlichen Welten umgeben, folgt auf dunkle Pfade zwischen Bedrohlichkeit, Untergang und der Suche nach Erlösung, folgt den Charakteren oder vielmehr DEM Charakter auf psychedelische Rauschfahrten oder durch ihre Wahnvorstellungen. Dann wieder wird man in eine überirdische Nummer zweier Frauen auf dem Boden eines Museums hineingezogen, die in den Seelenverkauf einer ausgebrannten und ausgehungerten Spieleentwicklerin mündet, findet sich Seiten später in einem endlos bösen Trip Boschs wieder, der nur erahnen lässt, wie besessen dieser kongeniale Künstler gewesen sein muss (oder könnte?), um wiederum Seiten später vom obsessiven Briefwechsel zwischen Johanna I. von Kastilien und Hieronymus von Bosch mitgerissen zu werden.

„Boschs Vermächtnis“ besticht in vielen seiner fantastischen Erzählungen durch die wechselnden Perspektiven und Ebenen, die sich durch den Erzählsog mitunter erst später auflösen. Oft musste ich erst wieder auftauchen ins Jetzt und Hier, wenn ich in eine dieser Geschichten geraten war. Um festzustellen, dass man sich auf dieses Buch nur voll und ganz einlassen kann. Ich schätze, man würde – beispielsweise in der U-Bahn – die Welt mit all ihren Pflichten um sich herum vergessen und am Abgleich mit derselben scheitern. Vielleicht erklärt sich damit auch die Magie des Triptychons „Garten der Lüste“ von Hieronymus Bosch: Sein weltberühmtes wie seinerzeit provokantes Gemälde wie auch dieses Buch schillern in so unendlich vielen Facetten, dass es einem Trip gleicht, ein vollendetes Verständnis davon erlangen zu wollen.

Man kann es als Geschenk verstehen, dass man dieses wundervolle Buch niemals ganz entschlüsseln wird, allein schon weil Bosch nur noch als herausragende Künstlerlegende existiert. Und – für mich – jetzt schon ein ähnlich starkes Schlüsselwerk wie ebenjene „Märchen aus 1001 Nacht“. Das nicht zuletzt dadurch glänzt, Bosch eine mehr als gebührende Erinnerung zu verschaffen.

Die Rezension schrieb Tristan Rosenkranz. Mehr Themen und Interviews finden Sie im „Outscapes“-Magazin #8 [Edition Outbird].
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