„Geschichten für die Sehnsucht“ – Antje Horn im Interview

Antje Horn, angesichts ihres Charismas unschätzbar jung, ist mit Herz und Seele Erzählerin und als solche unter anderem auch Mitglied unseres „Genuss & Kultur“-Künstlernetzwerkes. Sesshaft in Jena, tourt sie allein oder mit befreundeten KünstlerInnen durch die Lande – nicht ohne parallel mit schier endloser Energie zu netzwerken. Vorstandsmitgliedschaft im Lese-Zeichen e. V., alte und neue Kooperationen pflegen und eingehen, auftreten – eben brennen für die unzähligen Geschichten, die es wert sind, erzählt zu werden. Beispielsweise im Rahmen des Erzählkunstfestivals in Jena am 19. und 20. Oktober 2018.

Antje, wie bist Du zur Erzählkunst gekommen? Was hat Dich inspiriert und wann wurde Dir klar, dass Du Dein Brot als Erzählerin verdingen willst?

Eigentlich bin nicht ich zur Erzählkunst gekommen, die Erzählkunst kam zu mir. Ich bin eine Spätberufene. Vor 10 Jahren wusste ich noch nicht einmal, dass es hauptberufliche Erzähler gibt. Ich beschäftigte mich einige Zeit intensiv mit Trauerarbeit, Trauma- und Notfallpädagogik, und stieß dabei auf das Märchen- und Geschichtenerzählen. Beim Absolvieren meines ersten Seminares diesbezüglich bekam ich einen kräftigen Schubs von der Seminarleiterin Jana Raile in Richtung künstlerische Laufbahn. Ein Jahr lang hörte ich mir unzählige ErzählerInnen an und begann dann eine Ausbildung bei Jana Raile in Hannover. Zwei Jahre später erzählte ich während einer Veranstaltung gemeinsam mit Frau Prof. Kristin Wardetzky, welche mir nach der Veranstaltung einen kräftigen Schubs in Richtung UDK Berlin (Universität der Künste, d. Red.) gab. Ich hatte eigentlich keine zweite Erzählausbildung geplant, bekam aber ein Stipendium und in Berlin ganz viele wunderbare Lehrer aus aller Welt. Im Jahr 2014 reduzierte ich meine Arbeitszeit in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und begann mit dem Erzählen mein Brot zu verdienen. Ich bekam neben den Kopfschüttlern („…jetzt spinnt sie…“) unglaublich viel Rückenwind und Unterstützung. Die Stadt Jena , der Lese-Zeichen e.V. (speziell Dr. Martin Straub), ganz Thüringen und viele Menschen förderten mein neues Tun. Manchmal wurde mir selbst schwindelig von all den Veränderungen innerhalb weniger Jahre. Inzwischen kann ich vom Erzählen leben. Aber ohne all die Menschen, welche meine Geschichten hören wollen, wäre ich nicht dort, wo ich heute sein darf. Ich verspüre eine große Dankbarkeit und finde, ich habe den schönsten Beruf der Welt!

Du hast eine Ausbildung im Ausdruckstanz gemacht? Was ist das Elementare, das Spannende am Ausdruckstanz, und wo liegt die Brücke zur Erzählkunst?

Das stimmt nicht… ich habe Tanz und Bewegung während der Ausbildung (Storytelling) gehabt und tanze auch regelmäßig… habe aber keine Ausbildung im Ausdruckstanz… dafür studieren 2 meiner 3 Söhne zeitgenössischen Tanz 😉 ….

Du verbindest Künste miteinander, um deren Wirkung zu verstärken, aber auch mit sozialen Handlungsfeldern. Handelst Du hauptsächlich intuitiv, wenn Du Bündnisse eingehst?

Ich schließe meine Bündnisse absolut aus dem Bauch heraus. In erster Linie muss ich bei meinen „Partnern“ die gleiche Begeisterung und Freude am Arbeiten spüren, worin auch immer diese Arbeit besteht. Ich mag es, mich mit Menschen zu umgeben, welche für ihr Tun brennen. Das macht froh… auch das Publikum.

Nun ist das Erzählen ja in den letzten Jahren immer mehr in den Fokus und auf die Bühnen des Landes gerückt, die Grenzen zwischen Märchen für Kleinkinder und mit vollem Körpereinsatz vorgetragenen Geschichten sind fließend, andererseits ist auch der Fantastikmarkt ein Wachstumsmarkt. Wie erklärst Du Dir das Interesse an guten Geschichten?

Wir leben in einer Zeit der schnellen Kommunikation. Die Welt scheint kleiner zu werden, viele Menschen verlassen ihre Heimat und suchen anderswo ein zu Hause. Ebenso viele Menschen sind hierdurch verängstigt und verunsichert. Es herrscht eine Zeit der kulturellen Verwirrung, eine Zeit hektischer Betriebsamkeit, eine Zeit der Orientierungslosigkeit. Das Hören und Erleben frei erzählter Geschichten aus verschiedensten Kulturkreisen bietet die Möglichkeit der Entschleunigung, der Begegnung, der Identifikation, des Trostes und mehr. ErzählerInnen geben Geschichten weiter. Sie begegnen den Zuhörern ganz persönlich und schaffen mit dem Erzählen der verschiedensten Geschichten einen Raum, in welchem wir alle zuhause sein dürfen. Die Geschichten erzählen von der Sehnsucht nach Gerechtigkeit, nach Liebe, Sinn und Glück. Sie sind zeitlos und universal. Sie beschäftigen sich mit den Grundfragen der Menschheit. Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? Wie kann ein Miteinander gelingen? Es ist Zeit für Geschichten!

Narrare 2018 in der Villa Rosenthal Jena

Wie finden die Geschichten zu Dir? Treffen sich in regelmäßigen Abständen ErzählerInnen aller Windrichtungen am Lagerfeuer und tauschen ihre Geschichten aus? Gibt es Symposien, Netzwerke, Fachzeitschriften oder gar Erzählschulen?

Es gibt alles… vor allem aber Bücher…

Du sammelst ja gute Geschichten, nicht umsonst bietest Du verschiedene Programme an. Auch schöpft Dein Fundus aus Geschichten aus aller Welt. Muss bzw sollte man sich in die jeweiligen Landesmentalitäten hineinfühlen können, wenn man beispielsweise afrikanische Geschichten vorträgt?

Ich maße mir nicht an, mich in eine Landesmentalität einfühlen zu können. Ich suche immer nach der allgemeingültigen Botschaft der Geschichte. Oft gibt es die gleiche Geschichte in vielen Kulturen, mit nur minimalen Unterschieden. Es macht immer Sinn, dies zu recherchieren.

Was sollte, was muss ein guter (Nachwuchs)Erzähler an Talenten mitbringen? Was würdest Du an wichtigen Dingen mit auf den Weg geben?

In erster Linie Freude, Begeisterung, Selbstzweifel, Humor, Präsenz, Ausdauer… ach ich weiß nicht…

Wie schätzt Du das Potential, generell und insbesondere hinsichtlich Erzählen, Verlegen und öffentliches Lesen guter Geschichten wie auch mit Blick auf die vielen Aktiven, in Ostthüringen ein? Was bedarf Deiner Meinung nach kulturell noch einer besseren politischen Lobby?

Das weiß ich nicht wirklich…

Wenn man mit Dir zu tun hat, bekommt man schnell den Eindruck, dass Du ein enormes Arbeitspensum leistest. Wie sieht Dein energetischer Ausgleich aus? Und wo siehst Du Dich in fünf oder zehn Jahren?

Ich brauche viel Zeit mit mir allein und gönne mir mehr und mehr Zeiten des Rückzuges. In zehn Jahren… bin ich sicher immer noch lernend und suchend und hoffentlich freudvoll erzählend.

Antje, wir danken Dir herzlich für dieses Gespräch.

Bitteschön 😉

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweis: Gerhard P. Bosche.
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