„Ich glaube tatsächlich, dass diese Gegenüberstellung ein ewiges Thema aufgreift: das mangelnde Verständnis für die jeweils andere Generation.“ – Arne Ulbricht im Interview zu „Schilksee 1990“

Unlängst erschien in der „Edition Outbird“ der Generationenroman „Schilksee 1990“ des Schriftstellers Arne Ulbricht. Arne Ulbricht war vor einer ganzen Weile an unseren Verlag herangetreten und blickt selbst schon auf zahlreiche Veröffentlichungen zurück.

„Schilksee 1990“ ist eine lebhafte Geschichte, die bei aller Leichtigkeit der Lektüre zum einen Arne Ulbrichts autobiographischster Stoff ist, zum anderen das Kernthema des Generationenkonflikts aufgreift. Erfolgsschriftsteller Fabian steckt in einer Schaffenskrise und reibt sich an seiner Tochter, die sich ihrerseits bei „Fridays for Future“ engagiert. Zwei Wertesysteme stehen sich gegenüber: die Tochter Social Media-affin, der Vater voller Ablehnung dagegen.

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Arne, wie kamst Du auf diesen Stoff? Ist das Deine ureigene Familiengeschichte der letzten Jahre?

Für mich war es toll, mit meiner eigenen Biografie zu spielen – im Kieler Vorort Schilksee bin ich ja wirklich aufgewachsen -, und an vielen Stellen meine Biografie zu verändern, weil es für die Dramaturgie des Romans einfach wichtig war. Und jahrelang war ich ein extremer Kritiker des Handy- und Internetkonsums – und natürlich gab es immer mal Streit, wenn mein Sohn zu lange League of Legends gespielt oder meine Tochter mal wieder irgendein Quatschvideo geguckt hat. Ich bin, und ich staune über mich selbst, gelassener geworden. Das liegt auch daran, dass ich in der Coronazeit begonnen habe, YouTube-Videos zu drehen… und inzwischen bin ich sogar auf Facebook und Instagram.

Du selbst scheinst ja auch eine dieser reichhaltigen Jugendjahre verbracht zu haben: Disco, Prügelei mit Skinheads, Radtouren, die große Liebe. Was hat sich zwischen Deiner Jugend und der heutiger Jugendlicher verändert?

Meine Kinder werden ganz anders groß als ich, und das finde ich total spannend. Ich bin ja ganz dicht dran, auch am Leben meiner Schüler. Und da hatte ich plötzlich diese Idee, diese Generationen gegenüberzustellen und mir auch wirklich die Frage zu stellen: Waren wir damals einerseits ganz anders, aber andererseits auch ganz ähnlich wie die heutige Generation.

Provokant gefragt: Was nützt es, darüber zu schreiben? Oder anders gefragt: Lässt sich aus Deiner Sicht mit einer solchen Geschichte – innerlich oder äußerlich – etwas bewegen?

Puh. Ganz ehrlich: Beim Schreiben denke ich zunächst daran, ob die potentiellen Leserinnen und Leser ein solches Buch mit Lust und Begeisterung lesen. Das möchte ich erreichen, und deshalb versuche ich, Spannungsmomente einzubauen, man soll auch mal lächeln und sich an den Figuren reiben und ihnen folgen wollen. Aber ja, ich glaube tatsächlich, dass diese Gegenüberstellung ein ewiges Thema aufgreift: das mangelnde Verständnis für die jeweils andere Generation! Dabei gibt es in beiden Welten ganz Wunderbares, sogar Wertvolles zu entdecken! Mein Sohn (16) hat das Buch gerade verschlungen und gesagt: „Ich wäre damals gern mal dabei gewesen!“ Ich glaube nicht, weil sein Vater den Roman geschrieben hat, sondern weil es damals eben auch ziemlich cool war! Da habe ich fast geheult…

Warum oder vielmehr durch welche Initialzündung bist Du Schriftsteller geworden? Seit wann schreibst Du?

Ich schreibe seit 1997, 1999 ist mein erster Roman in einem Kostenzuschussverlag erschienen – grässlich. Der Verlag ging dann pleite.
Ich habe immer mit Begeisterung gelesen, und als ich dann während des Zivildienstes einen Roman las, der mich echt umgehauen hat („Germinal“ von Emile Zola), habe ich gedacht: Ich will auch irgendwann mal andere Menschen so begeistern…

Und irgendwann tratest Du an die Edition Outbird heran. Was hat Dich an unserem Verlag angesprochen?

Ich mag die Cover – oft etwas düster. Mit Peter Wawerzinek habt Ihr einen Star im Programm, der dann noch ein Buch über Südschweden geschrieben hat – ich ziehe bald nach Göteborg. Und Euren Kampf für Kultur nehme ich Euch einfach ab.

Du blickst schon auf einige Veröffentlichungen zurück: drei Bücher über das Leben als Gymnasiallehrer, ein Buch über Maupassant, Kinderbücher… Ganz offenbar bietet der Lehrerberuf genug Gesprächsbedarf – woran liegts?

Als Lehrer bist du im pulsierenden Zentrum des Lebens und musst dich ständig verändern. Mein eigener Französischlehrer hat mich übrigens für Maupassant begeistert.

Wie kann man sich Deinen Schreibprozess vorstellen? Hast Du einen Rückzugsort, an dem Du ungestört arbeiten kannst? Schreibst Du nach Zeitplan oder immer, wenn neue Ideen zum Plot nach vorne drängen?

Ich habe ein Arbeitszimmer, klein, vollkommen unaufgeräumt, aber eben „Papas Zimmer“. Hier blicke ich auf unseren Garten… und schreibe momentan an drei Vormittagen pro Woche. (Ich bin ja nur Teilzeitlehrer.) Das mit den Ideen ist eher ein Problem. Ich überarbeite gerade ein Kinderbuch, entwickle die Story für ein neues und auf meine Erwachsenenbücher trifft dasselbe zu: Ich überarbeite einen älteren Text und schreibe einen Roman, dessen Handlung im Jahr 1932 spielt – der Roman ist in Schilksee 1990 schon erschienen!

Wuppertal, Kiel, bald Schweden. Du wirst mit Deiner Familie Deutschland verlassen. Ist es Dir zu eng geworden in dieser erhitzten Gesellschaft?

Nö, in Deutschland ist das ja noch harmlos. Es ist so: Meine Frau ist bei uns Hauptverdienerin, und wir wohnen da, wo sie arbeitet. Nun wechselt sie den Job. Deshalb haben wir vor Wuppertal in Hamburg und Berlin gelebt. Auf Göteborg freue ich mich als Kieler riesig. Von dort fährt direkt eine Fähre über Nacht – ich werde also auch wieder häufiger in Kiel sein. Wenn du in die Kieler Förde einfährst, kannst du von der Fähre aus die Steilküste Schilksees sehen. Das ist für mich immer wieder ein magischer Moment.

Welche Pläne hast Du, als Schriftsteller, Lehrer und Familienvater?

Schriftsteller: siehe oben! Ergänzend dazu: immer weiterschreiben, denn es gibt nichts Tolleres! Lehrer: Mal schauen, ob ich in Göteborg irgendwo unterrichten werde…

Familienvater: Ich freue mich, dass mich meine Kinder in Göteborg mal wieder richtig brauchen werden – ich war ja eher so ein Extremvater und komme gar nicht so gut damit zurecht, dass sie inzwischen alles allein machen. (Das ist eigentlich witzig, weil ich sie genau dazu erzogen habe…)

Arne, vielen Dank für das Interview!

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweise: Edition Outbird, Spitzlicht.de
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