„Inklusiv bedeutet ja nur, die Vielfalt und Heterogenität unserer Gesellschaft als grundlegend wahrzunehmen.“ – Benjamin Schmidt im Interview zu „Schon immer ein Krüppel“

Unlängst erschien in der „Edition Outbird“ mit Buch #33 Benjamin Schmidts neuaufgelegter, aktualisierter Roman „Schon immer ein Krüppel“ (aktuell im Verlagsshop mit gratis Postkartenset erhältlich). Wie der Titel erahnen lässt, handelt es sich um Benjamins ureigene Auseinandersetzung mit dem Tag Null, ab dem er vor der Herausforderung stand, sich als nunmehr Querschnittsgelähmter in dieser Welt zurecht zu finden. In einer Welt, in der plötzlich jede Menge – innere wie äußere – Barrieren auftauchten, von der man als gesunder Mensch oftmals nichts mitbekommt. Möglicherweise, weil man sie ausblendet.

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Benjamin, was war damals der Grund, überhaupt dieses Buch zu schreiben? Ein Ventil? Sensibilisierung?

Während meiner Rehabilitation hatte ich das Gefühl, dass Selbstbetrug für viele eine anerkannte Methode zur Verarbeitung einer Behinderung darstellt. Ich schreibe, wenn ich eine Geschichte habe, und Geschichten hatte ich damals viele. Zu erleben, was ich während dieser Zeit erlebt habe, hat ja nun nicht gerade jeder das Vergnügen. Außerdem war ich oft einsam, hatte viel Zeit zum Nachdenken … besondere Lebensumstände, Einsamkeit und Raum für die eigene Gedankenwelt, wann wäre der Zeitpunkt besser, ein Buch zu schreiben? Warum es gerade dieses Buch werden sollte? Meine Methode, diese besonderen Umstände zu verarbeiten war Selbstreflexion. Ich habe meine Gedanken dazu in dieser Geschichte ein Stück weit offengelegt und nachvollziehbar gemacht. Ich wollte nichts mehr schönreden, dabei aber die Schönheit nicht außer Acht lassen.

„Schon immer ein Krüppel“ in der aktuellen Ausgabe ist ja eine Neuauflage. Was war der Grund, das Buch neuauflegen zu wollen, was hat sich – nicht zuletzt inhaltlich – geändert?

Ich war zur Zeit der Erstveröffentlichung wahnsinnig ambitioniert, aber leider fehlte es mir doch an schriftstellerischer Erfahrung. Ein Lektorat hatte es ja nie gegeben, Self-Publishing eben ohne finanzielle Mittel. Dennoch war das Buch recht erfolgreich und ich habe viel Lob dafür erfahren. Deshalb habe ich das Buch auch nie aufgegeben, obwohl ich es schriftstellerisch über die Jahre eher mit einem milden Lächeln hinnehmen musste. Ich habe viele irrelevante und unnötig in die Länge gezogene Passagen gekürzt oder ganz und gar entfernt, wohingegen ich anderen viel mehr Raum gegeben habe, die in der Erstauflage einfach zu kurz gekommen sind. Viele Kapitel wurden regelrecht neu geschrieben und einfach besser ausgeführt, auf den Punkt gebracht. Viel stärker und tiefer vorhanden sind einfach die Einblicke in das Gefühlsleben des Protagonisten. Es ist ein ganz neues Buch, finde ich, auch wenn der rote Faden der Story an sich natürlich gleich geblieben ist. Und dann sind da natürlich noch die charmanten Verbildlichungen von Franziska Appel.

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„Schon immer ein Krüppel“ hat mich durch seine schonungslose Wiedergabe Deiner Erlebenswelt berührt und lässt erahnen, welche innere Spannungen Du zumindest damals in Dir trugst. Wie kam es zu Deiner inkompletten Querschnittslähmung?

Durch einen versuchten Suizid. Ich finde das Buch auch nicht wirklich schonungslos, es ist einfach ehrlich. Der Humor ist vielleicht manchmal etwas dunkelschwarz, aber in intimen Momenten kann das auch sehr einfühlsam sein. Mich selbst schone ich dabei ja am wenigsten. Meinen Lesern muss ich aber nicht alles in Großbuchstaben entgegenschmettern. Wenn sie also wie du bestimmte Dinge nur erahnen, ist das völlig in Ordnung.

Was genau bedeutet „Inkomplette Querschnittslähmung“? Und hat es einen besonderen Grund, dass das Thema Suizid im Buch gar nicht thematisiert wird?

Wird das Rückenmark „nur“ zum Teil durchtrennt, spricht man von einer inkompletten Querschnittslähmung. Was das nun genau bedeutet, ist sehr unterschiedlich und würde jetzt zu weit führen. Dass das Thema Suizid im Buch gar nicht thematisiert wird, stimmt auch „nur“ in Teilen. Oft kann man das Thema „nur“ schonungslos erahnen, vielmehr geht es um das Leben und was es lebenswert macht. Gerade das kommt in der Neuauflage besser zur Geltung. Der Grund ist aber einfach der, dass ich mich nicht so brutal auf Begriffe wie Behinderung oder Suizid stürzen will. Viel wichtiger ist mir die Auseinandersetzung mit dem Leben, mit sich selbst, natürlich im Kontext eines heranwachsenden jungen Mannes, für den diese Begriffe situationsbedingt verstärkt eine Rolle spielen. Interessant ist ja bei näherer Betrachtung des Inhalts, dass diese Begriffe in fast jedem Leben eine Rolle spielen, je nachdem, wie sie interpretiert werden.

Wie wichtig ist mit Deinem heutigen Erfahrungsschatz Suizidprävention?

Selbstverständlich ungeheuer wichtig. Das Problem ist aber, dass es noch immer ein Tabuthema ist, vor allem, da es in der Wahrnehmung geradezu mit Schuld und Schande beladen wird, und weil es ähnlich wie bei Verkehrsunfällen jeden treffen kann. Das schieben wir oft von uns weg, aber im Grunde ist jeder potentiell gefährdet. Unser System lässt es zu, aber wir alle sind Teil dieses Systems.

Es gab und gibt verschiedene (Buch)Projekte, in die Du involviert warst und bist, neben Franziska Appel auch mit Jennifer Sonntag, die ihrerseits hochengagiert unter anderem immer wieder auf Themen wie Mobbing, Depression und Krisenbewältigung zu sprechen kommt. Wie wichtig ist aus Deiner Sicht inklusive Belletristik? Und wie ist es in dieser Hinsicht um den Buchmarkt bestellt?

Aus meiner Sicht so wichtig wie selbstverständlich. Ich meine, inklusiv bedeutet am Ende ja nur, die Vielfalt und Heterogenität unserer Gesellschaft als ganz natürlich und grundlegend wahrzunehmen, also je nachdem wie du die Frage meinst, dass beispielsweise eben behinderte Autoren oder literarische Figuren mit einer Behinderung keine Abnormität darstellen. Die Erlebniswelt eines Behinderten zu beschreiben, ist ohne Behinderung sicher schwierig und nicht immer glaubwürdig, ich kann aber auch Sichtweisen von „außen“ anerkennen. Es geht ja um Unterhaltungsliteratur, die keine 100%ige Realität abbilden muss, auch gar nicht soll. Genauso befremdlich wäre es, wenn es verpflichtend wäre, diese Hererogenität unserer Gesellschaft in jedem Roman 100%ig abzubilden, oder die Vorstellung, man dürfte als Frau nur noch weibliche und als Mann nur noch männliche Protagonisten erfinden. Also wie war die Frage? Ja, Inklusion, eine gute Sache, auch in der Literatur. Im Hinblick auf den Buchmarkt, denke ich, gäbe es zum Thema Behinderung in seiner Vielfalt aber noch einiges zu erfahren. Belletristik könnte da durchaus geeignet sein, um manche Themenbereiche charmant und unverkrampft ins Geschehen einfließen zu lassen.

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Ich habe mir eines Abends vorzustellen versucht, wie (m)eine Welt aussähe, in der eine wichtige körperliche Funktion abhanden gekommen ist – das Augenlicht oder die uneingeschränkte Bewegungsfähigkeit. Es gelang mir nicht. Wie kann man neu leben lernen nach einem so einschneidenden Schicksalsschlag wie einer Querschnittslähmung, wer hilft einem, an welche Institutionen kann man sich wenden?

Du fühlst dich in der Tat uneingeschränkt bewegungsfähig, in deinem Alter? Kleiner Scherz am Rande… Ach, ich denke, jeder trägt das Päckchen, das er kennt, am liebsten. Ich kannte einen Mann, der sagte mir, er könne sich einfach nicht vorstellen, im Rollstuhl zu sitzen, das wäre furchtbar für ihn. Der Mann war blind. Und ich dachte mir, zum Glück sitze ich nur im Rollstuhl und habe mein Augenlicht noch. Wenn man leben will, arrangiert man sich recht schnell mit den unterschiedlichsten Umständen. Aber um zu deiner Frage zurückzukommen: Mir hat die Bekanntschaft zu Menschen geholfen, die ähnliche Veränderungen durchmachen mussten. Wenn sich die Welt verändert, verändert sie dich. Wenn du dich veränderst, veränderst du die Welt. Philosophie kann sehr hilfreich sein, inspirierende Menschen oder Literatur. Mir hat Kunst ja oft im Leben neue Perspektiven ermöglicht. Der fehlende wirtschaftliche Druck war äußerst heilsam, also nicht immer dieser ständige Gedanke ums Geldverdienen. Aber natürlich spielen auch Freunde und Familie eine große Rolle, einfach Menschen, von denen man sich geliebt und vor allem verstanden und nicht allein gelassen fühlt. Wenn es diesen sozialen Anker nicht gibt, kann therapeutische Hilfe sehr hilfreich und wichtig sein.

Welche Hürden gilt es gesellschaftlich noch zu überwinden hinsichtlich Menschen mit Behinderung? Wie steht es um die Barrieren in unseren Köpfen?

Das ist eine so umfangreiche Frage. Behinderungen fallen so unterschiedlich aus, daher bin ich der Meinung, dass Vorurteile ganz und gar unangebracht sind. Vor allem die Vorurteile um den Wert des Lebens. Zu glauben, das Leben sei weniger wert, weil man als Querschnittsgelähmter nicht mehr alles machen kann, ist wie zu glauben, das Leben als Frau sei weniger wert, weil sich da berufliche Nachteile ergeben und man als Mann eh mehr verdient. Da bemerkt man schnell, das generelle Problem ist einfach die Gleichberechtigung, die Möglichkeit für jeden Menschen, sein Leben selbstbestimmt zu leben, ohne Nachteile, die auf Geschlecht, Hautfarbe, Behinderung oder was weiß ich beruhen. Darauf sollten wir hinarbeiten und wenn diese Arbeit nur an unserer inneren Einstellung und Überzeugung stattfindet, so ist selbst das von Bedeutung. Bei dieser Diskussion sollte es auch kein „Ja-Aber“ geben. Es wird verdammt nochmal Zeit.

Hast Du das Gefühl, dass Bücher wie „Fuck[dis]Ability“ oder „Schon immer ein Krüppel“ etwas bewirken? Bekommst Du entsprechende Feedbacks, beispielsweise von LeserInnen?

Oh ja, das glaube ich schon. Gerade zu den beiden genannten Büchern bekomme ich unglaublich viel positives Feedback – das ist wunderbar und berührend. Erst kürzlich war eine Frau mit Behinderung von unserem Buch „Fuck[dis]Ability“ so gerührt, sie hatte extra ihre Deutschkenntnisse aufgefrischt, um es zu lesen, und fühlte sich dabei so wahrgenommen und bestätigt. Ein großes Lob für Franziska und mich. Und das ist ja nur ein Beispiel. Ich finde, lesen ist nur eine von vielen Möglichkeiten, ein Stück Welt zu entdecken, und manchmal entdecken wir ein Stück uns selbst dabei. Bei „Schon immer ein Krüppel“ und auch „Fuck[dis]Ability“ gab es einige, die diese Erfahrung gemacht und etwas Positives daraus mitgenommen haben. Mehr kann ich mir als Autor nicht wünschen.

Du bist ja in diverse Projekte involviert. Was treibst Du noch und was wird in Zukunft von Dir zu erwarten sein?

Eine gefährliche Frage! Da muss man als Künstler immer vorsichtig sein, da ja sowieso immer alles ganz anders kommt. Aber natürlich schreibe ich an einem neuen Roman, der für nächstes Jahr geplant ist. Auch habe ich noch ein, zwei literarische Liebhaberprojekte, die soweit abgeschlossen sind, wo aber noch unklar ist, auf welchem Wege ich sie veröffentlichen werde. Vor allem, da sie eigentlich Literatur, Musik und Grafik in sich vereinen. Ich arbeite mit Brita an neuen Songs für die „Gruftschlampen“, wir sehnen uns so sehr nach dem Bühnenleben, es ist die Hölle. Vielleicht wird es musikalisch auch noch ein paar Solo-Sachen geben. Ich beschäftige mich gerade wirklich sehr viel mit meiner Kunst, da habe ich einiges aus meinen Schubladen abgestaubt und auf den Weg der Fertigstellung gebracht. Damit bin ich sehr zufrieden, ich war lange nicht mehr so produktiv. Und sobald es wieder möglich ist: Live-Auftritte, unbedingt! Sollte es nicht so bald möglich sein… puh, ich bin offen für Vorschläge. Vielleicht melde ich meine Lesungen dann als Demonstrationen bei den zuständigen örtlichen Behörden an.

Lieber Benjamin, vielen Dank für das Gespräch.

Ich danke dir, lieber Tristan. Bleib tapfer!

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweise: Benjamin Schmidt, Emily Schmidt, Edition Outbird
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„Sexualität ist so vielfältig und wandelbar wie die Menschen selbst.“ – Interview mit F. Appel & B. Schmidt zu „Fuck[dis]Ability“

Zum Ende des turbulenten Jahres 2019 erschien druckfrisch Benjamin Schmidts und Franziska Appels neues Buch „Fuck[dis]Ability“. Ein Stück freie Literatur in Form eines Erzählbandes über die Vielfalt körperlicher Beziehungsformen, Gleichberechtigung und Individualität. Als erotische Unterhaltungsliteratur über Sexualität und verschiedene Behinderungen, die dabei aber ganz ohne Moralpredigten oder verstümmelte Aufklärungsversuche auskommt, betritt „Fuck[dis]Ability“ eine längst überfällige Nische auf dem Buchmarkt.

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Beide, Benjamin Schmidt wie auch Franziska Appel, traten schon bei anderen Buchprojekten der „Edition Outbird“ in Erscheinung: Benjamin Schmidt gemeinsam mit dem „Umbra et Imago“-Sänger Mozart im Erwachsenenmärchen „Seelenübertritt“ sowie mit seinem Lyrikband „Fick die Musen“, Franziska Appel als Illustratorin von Jennifer SonntagsSeroquälmärchen“ und damit einer ins Märchenhafte transformierten Erlebenswelt doppelter Ausgrenzung einer blinden Frau in einer psychiatrischen Einrichtung.

Hallo Ihr beiden. Ihr beide engagiert Euch seit Langem in künstlerischen Projekten, die sich Themen wie Inklusion und dem Aufbrechen überholter Denk- und Wahrnehmungsgewohnheiten widmen. Welche Erfahrungen im Leben haben diese hohe Begeisterung in Euch für diese Arbeit entstehen lassen?

Benjamin: Mein Bezug zu dem Thema ist klar. Seit meinem Selbstmordversuch vor etwa 11 Jahren sitze ich selbst im Rollstuhl, wodurch sich mir gewisse Problematiken ja geradezu aufdrängten. Ich durfte aber auch daran wachsen und habe viele beeindruckende und interessante Menschen kennenlernen dürfen, die eben zu einer Gruppe gehören, die in unserer Gesellschaft doch eher ausgegrenzt werden. Nicht überall, aber es gibt großen Aufklärungsbedarf und warum sich nicht dafür einsetzen? Berührungsängste überwinden und Denkbarrieren abtragen ist immer eine gute Sache.

Franziska: In meiner Verwandtschaft gibt es verschiedene Behinderungen. Beispielsweise haben zwei meiner Cousins Glasknochen und ein Onkel ist Stomaträger. Damit bin ich aufgewachsen und das hat vermutlich einige Berührungsängste bei mir erst gar nicht entstehen lassen. Mein Lebensgefährte ist sehbehindert und durch diese Beziehung, aber auch den gemeinsamen Freundeskreis, bekomme ich viele der Barrieren und Probleme durch überholte Denk- und Wahrnehmungsmuster mit. Über einige Ecken lernte ich dann auch Jennifer Sonntag kennen. Sie war es, die mir irgendwann Benjamins Buch „Schon immer ein Krüppel“ in die Hand gedrückt hat. Und dieses Buch hat mich unwahrscheinlich bewegt. Ich habe mich selber vor ein paar Jahren bei einem Reitunfall an der Wirbelsäule verletzt. Diese sind glücklicherweise weitgehend folgenlos verheilt, aber vermutlich ist mir dadurch sehr stark bewusst, wie schmal dieser Grad zwischen „normal“ und behindert sein kann. Es ist sehr wahrscheinlich, dass uns alle Themen wie gesellschaftliche Teilhabe und Barrierefreiheit irgendwann im Leben mal sehr direkt betreffen können.

Wie findet man wieder Lebensmut und die Kraft, das Leben wieder anzupacken, wenn man einen solchen Schicksalsschlag erlebt hat?

Benjamin: Ich denke, diese Frage stellt sich jedem von uns jeden Tag nach dem erwachen, auch ohne Schicksalsschlag. Aber darauf jetzt wirklich fundiert zu antworten, würde den Rahmen sprengen. Ich hänge aber gerne einen Link zu dem Podcast „UNTENDURCH“ von Dirk Bernemann und Fabio La Delia an. Die beiden haben mich im November zu einem Gespräch eingeladen, in dem wir dieses spezielle Thema sehr eingehend diskutieren. Die Folge ist unter diesem Link zu finden.

Im Bild mit Frank Jänsch.

Ach und wenn ich schon mal dabei bin: Der Podcast ist sehr zu empfehlen! Wie gute Gespräche mit Freunden, sehr sympathisch, sehr inspirierend.

Franziska, Du entwickelst Deine künstlerischen Arbeiten beständig weiter und betreust – beispielsweise – Ausstellungsprojekte zum Thema Inklusion, Benjamin, Du schreibst und bist in musikalische Projekte involviert. Wer sind Eure wichtigsten musikalischen, literarischen und künstlerischen EinflussgeberInnen?

Franziska: Auch wenn man das bei den aktuellen Illustrationen wohl eher nicht vermutet, mag ich vor allem die Farbigkeit der expressionistischen Malerei. Allen voran Franz Mark und seine ausdrucksstarken Tiermotive. Ebenso haben mich die weniger bekannten Bilder von Ringelnatz beeindruckt, da sie eine spannende Mischung zwischen expressionistisch und surreal bieten, wenn ich da mal nicht die Stilrichtungen durcheinanderbringe. Aber ebenso schaue ich mir sehr gerne Fotografien an oder beobachte Menschen. Und dabei faszinieren mich oft gerade die Details, die eine Person erst spannend machen: Ein besonders ausdrucksstarker Blick, eine sehr dynamische Art zu gestikulieren oder eben auch ein auffälliges Gangbild. Dabei sind für mich Kategorien wie „schön“, „ästhetisch“ oder „erotisch“ oder deren Gegenteile erstmal nebensächlich. Und irgendwann kann ich dann die ein oder andere dieser Beobachtungen in ein Bild einfließen lassen…

Benjamin: Ach herrje, der wichtigste Einflussgeber ist wohl das Leben in all seinen Facetten und wenn es in einsameren Momenten nachwirkt. Inspiration findet sich aber natürlich auch in Kunst aller Art. Und um dir dann doch ein paar Namen zu nennen: Ich denke da an die Bilder von Leo Rumerstorfer, der sich nicht hinter seinem unglaublichen Talent versteckt und immer wieder Experimente wagt. Ich denke an Brita, meine Bandkollegin, die unserer Musik fernab der genretypischen Paradigmen ihren eigenwilligen Charme verleiht. Ich denke an Ingo Munz, der in seinen Büchern so couragiert Stellung bezieht und unseren Zeitgeist reflektiert. Du siehst, natürlich gibt es Einflüsse, in meinem Falle ganz offensichtlich Hieronymus Bosch, H. P. Lovecraft, Bauhaus und Joy Division, ich könnte unzählige Künstler aufzählen, die mich auf verschiedenste Art begeistern. Aber mehr über meine Kunst habe ich in einer Woche Tour mit M. Kruppe und Michael Schweßinger lernen können oder während der Arbeit an „Fuck[dis]Ability“ mit Franzi.

Apropos, was hat euch beide bewogen, ein gemeinsames Werk zu veröffentlichen? War der Schwerpunkt „Erotik“ von Anfang an da oder kam diese Entscheidung mit der Zeit?

Benjamin: Zunächst gab es da ein gemeinsames Interesse an erotischer Kunst, insbesondere Literatur in Verbindung mit Illustrationen. Ich hatte da noch zwei Geschichten in der Schublade – dass Franzi Bilder malt, war mir bekannt – also dachte ich: Warum nicht mal versuchen? Unsere Vision war es, Diversität in sexuellen Beziehungen abzubilden und auch in den verschiedensten Vorlieben, Körperformen und Persönlichkeiten darzustellen. Alles Stereotypische langweilte uns. Auch mit der Gestaltung wollten wir andere Wege gehen. Auf dem Cover sieht man zum Beispiel Franzis Arbeitstisch und eine halbfertige Zeichnung. Das finde ich sehr spannend und ist für mich ein Sinnbild der Erotik, die eben nicht als perfekte Büste auf einem Sockel steht und die man dann bewundern kann. Das Cover ist eine Andeutung, das Bild entsteht erst noch, manches im Augenblick nur als Kontur wahrnehmbar, hie und da gibt es ein paar Flecken, Unsauberkeiten und egal wie oft man ein Bild malt, es wird nie dasselbe werden…

Franziska: …und meiner Ungeduld war es dann geschuldet, dass es nicht nur beim Malen blieb. Statt weiterhin Ewigkeiten zu warten, bis Benjamin endlich mit der nächsten Kurzgeschichte fertig war, kamen mir selber Ideen, die ich Benjamin vorschlug. „Schreib doch einfach auf“, war seine Antwort und das tat ich dann auch.

Benjamin: Ich brauche manchmal etwas länger für alles und als Franzi dann mit einer Story kam, gefiel mir der Gedanke auch eine weibliche Erlebniswelt mit in das Buch einfließen zu lassen. Natürlich schlüpft man beim Schreiben auch in die ein oder andere Rolle, aber so ist es natürlich viel authentischer, abwechslungsreicher und mir gefallen Franzis Texte ausgesprochen gut. Wir wollten zuerst gar nicht unsere Namen unter die Texte setzen, um offen zu lassen, welcher von einer Frau, welcher von einem Mann geschrieben wurde, aber kann es sein, dass ich abschweife?

Franziska: Nein, eigentlich schweifst du nicht ab, denn die Diversität von Sexualität und die Vielfalt von Körpern darzustellen war ja von Anfang an unser Ansinnen. Da ist so ein Austausch von verschiedenen Perspektiven enorm bereichernd. Uns unterscheidet nicht nur das Geschlecht. Wir sind zwei unterschiedliche Menschen mit ganz unterschiedlichen Wahrnehmungen und Vorlieben. Was uns bei diesem Projekt vereint ist die Neugier am Erleben von Erotik und Sexualität bei ganz unterschiedlichen Voraussetzungen. Vor allem eben bei ganz unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen. Wir wollten beide diesen Schritt weiter gehen: Über die Funktionalität eines Körpers hinaus hin zum Erleben, hin zur Phantasie, zum Experimentieren mit den gegebenen Möglichkeiten. Denn genau da, wo man sich einfach drauf einlässt, verliert die körperliche Funktionsfähigkeit ihre Relevanz; eine Behinderung wird zur Randnotiz.

Wie wichtig ist euch Erotik in der Kunst? Ist dieses Thema nicht in letzter Zeit etwas überstrapaziert worden oder habt ihr das Gefühl, „Sexualität“ ist immer noch ein Tabuthema in unserer Gesellschaft?

Franziska: Es gibt noch immer Bereiche die wenig wahrgenommen werden. Andere wiederum erfahren eine völlige Überzeichnung. Ich denke, da würde ein bisschen Ausgleich guttun. Davon abgesehen sind Sexualität und Erotik eine so essentielle Triebfeder der Menschen, dass dieses Thema wohl nie an Spannung verlieren wird – weder auf individueller noch auf gesellschaftlicher Ebene. Sexualität ist so vielfältig und wandelbar wie die Menschen selbst. Wenn dabei dann noch verschiedene Personen zusammenkommen – was beim Sex ja durchaus nicht ungewöhnlich ist – potenzieren sich diese Möglichkeiten nochmals.

Benjamin: Überzeichnet trifft es ganz gut, denke ich. Ein Tabuthema ist es natürlich nicht, aber es wird meiner Ansicht nach sehr unilateral behandelt, zu plastisch. Und diese Überstrapazierung des Körperlichen beeinflusst uns natürlich, formt unsere sexuelle Wahrnehmung. Es ist schwer, sie selbst zu entdecken und unbefangen zu erkunden, wenn wir von allen Seiten, sei es durch Medien oder Mitmenschen, nur ein sehr engstirniges Bild von Sexualität suggeriert bekommen. Es ist eben sehr oberflächlich und das empfinde ich schon als Verlust im menschlichen Miteinander.

Bei welchen Projekten habt Ihr bislang mitgewirkt bzw. wirkt Ihr mit, wer sind Eure PartnerInnen?

Franziska: Mit den Ausstellungsprojekten kommt da eine ganze Menge zusammen. Darum beschränke ich mich hier mal auf die Bücher. Wie du anfangs schon erwähnt hast, habe ich die Illustrationen für das „Seroquälmärchen“ von Jennifer Sonntag angefertigt. Ebenfalls aus einer Kooperation mit Jennifer und ihren Partner Dirk Rotzsch ist ein Beitrag entstanden, bei dem es darum geht, wie blinde und sehbehinderte Menschen erotische Bilderwelten wahrnehmen. Dieser ist im Oktober letzten Jahres im erotischen Jahrbuch „Mein heimliches Auge“ beim konkursbuch-Verlag erschienen. Im Frühsommer 2020 erscheint zudem bei Springer der Erfahrungsband „Mutterschaft und Wissenschaft. – Die (Un)Vereinbarkeit von Mutterbild und wissenschaftlicher Tätigkeit“, wo ich als Autorin und diesmal sogar ganz ohne Illustrationen beteiligt bin. Es geht dabei um Rollenbilder und den wissenschaftlich-gesellschaftlichen Diskurs zur Pränataldiagnostik, bzw. genetischer Optimierung, der mich stark beschäftigt hat, da die Behinderung meines Partners erblich ist.

Benjamin: An Jennifers „Seroquälmärchen“ habe ich ebenfalls als Grafiker mitgewirkt, wie ich auch einige Cover der Edition Outbird entworfen habe, aber es geht hier sicherlich um ein künstlerisches Wirken? Puh, hier muss ich wirklich mal eine Antwort verweigern, zu viele Projekte, immer viel zu viele…

In euren Notizen zum Interview habt ihr beide Ursula Egglis „Herz im Korsett“. Seht ihr in diesem Themenfeld literarischer Aufarbeitung psychischer oder physischer Behinderung ein bisheriges Brachland?

Benjamin: Es kommt eben immer darauf an, wie. Aufarbeitungen gibt es ziemlich viele, aber wenig überzeugende. An Ursula Eggli gefiel mir die ungehemmte Ehrlichkeit, die so natürlich rüberkommt. Ihre Schreibe ist einfach so bescheiden offenherzig, das finde ich gut.

Franziska: Neben Literatur gibt es noch einige gute andere Formate wie Blogs, Podcasts etc. Es gibt da eine ganze Reihe an spannenden Menschen und Formaten, die in diesem Themenbereich sehr aktiv sind: Raul Krauthausen, Kübra Sekin, Ypsilon, 100percentme, PsychCast, sexabled, … Solche Formate bieten vor allem in Bezug auf Barrierefreiheit einige Vorteile gegenüber einem gedruckten Buch und sind so für Menschen mit den verschiedensten Behinderungen zugänglich. Sie sind aber auch Leuten zu empfehlen, die sich mit dieser Thematik bisher noch nicht intensiver auseinandergesetzt haben, da viele grundlegende Fragen aufgegriffen werden.

Ihr erlebt den Alltag mit Behinderung aus verschiedenen Perspektiven. Was ist gut und woran mangelt es? Und vor allem: Wo seht Ihr die Möglichkeiten, die Mängel zu überwinden?

Franziska: Mir werden am häufigsten die Barrieren in den Köpfen bewusst. Sobald Menschen erfahren, dass ich eine Beziehung mit einem schwerbehinderten Partner führe, werden sie mir und uns sehr deutlich. Oft wird davon ausgegangen, dass ich ihm sehr viel helfen und unterstützen muss und er ohne meine Hilfe im Alltag und mit den Kindern nicht zurechtkommen würde. Das es auch genau anders herum sein kann, nämlich dass ich meine wissenschaftliche Karriere und meine künstlerischen Projekte ohne seine Unterstützung gar nicht in diesem Maße verfolgen könnte, das ist für einige wohl unvorstellbar. Aber genau das bedeutet doch Inklusion. Ein Miteinander auf Augenhöhe, von dem alle Beteiligten etwas haben. Ich denke, essentiell sind dafür gegenseitige Toleranz und Achtung, ergänzt um das notwendige Maß an Gelassenheit und Friedfertigkeit, die allerdings nicht Gleichgültigkeit oder Ignoranz bedeuten. Außerdem mehr aufrichtige (An)Teilnahme und Interesse, die allerdings nicht Voyeurismus und Mitleid sind. Vielleicht lässt sich so ein größeres Maß an Nähe, Menschlichkeit und Zuneigung, fernab von Egoismus, Eifersucht und Instrumentalisierung erreichen. Und bei Diskursen würde uns allen wohl etwas mehr Reflektiertheit und außerdem ein Humor, der auch Selbstironie umfasst, guttun.

Benjamin: In Bezug auf Behinderung kann ich diese Frage gar nicht beantworten. Die Behinderung als solche hat Vor- und Nachteile im Alltag. Aber es mangelt definitiv an Selbstreflektion und das obwohl wir alle so in unseren Ich-Welten gefangen sind. Daran kann man wirklich verzweifeln, diese schon physisch wahrnehmbare Unzufriedenheit überall, gepaart mit dem Unmut, einmal seinen Kokon zu durchbrechen und etwas Neues zuzulassen. Das geht auch auf den Sex… von Liebe will ich gar nicht erst anfangen. Ach, man müsste einfach lieben können, aber wer kommt damit noch zurecht? Fuck, so können wir nicht enden, oder? Franzi, noch ein paar Schlussworte? Es ist noch früh am Morgen, da brauche ich immer ein paar Stunden, um mich mit der Welt zu versöhnen.

Franziska: Das liegt einfach daran, dass du Kaffee verabscheust… Ich fand eigentlich „man müsste einfach lieben können“ ein sehr schönes Schlusswort. Denn darum geht es doch am Ende: Wenn wir unseren Mitmenschen, aber auch uns selbst einfach mit ein bisschen mehr aufrichtiger Liebe begegnen, dann wird das schon…

Vielen Dank für das Interview.

Danke auch!

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweis: Edition Outbird, Matthias Raasch, Stef Schmidt, Franziska Appel
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„Ich finde, dass die Welt etwas mehr Gefühl vertragen könnte, mehr Sensibilität“ – Benjamin Schmidt im Interview zu „Fick die Musen“

Benjamin Schmidt, vor Jahren nach Berlin ausgewanderter Thüringer, im Brotjob bei einer Veranstaltungsagentur tätig, kann´s einfach nicht lassen, gute Bücher zu veröffentlichen und ganz nebenher auch diverse Lesungen und Touren abzuhalten. Unlängst erschien in der „Edition Outbird“ mit seinem Lyrikneuling „Fick die Musen“ ein ziemlich berührendes Stückchen Lyrik, dass im Kern facettenreich die Zerbrechlichkeit und Verlustgefahr von Liebe thematisiert.

Benjamin, das ebenso wunderschöne wie morbide Cover Leo Rumerstorfers für Dein neues Buch „Fick die Musen“ verspricht nicht zu viel, vielmehr zeigt es 1:1 auf, was Deine Leserschaft erwartet: verletzte, verletzliche, manchmal trotzig-resignierende, manchmal beschwingte Lyrik, die zutiefst unter die Haut geht. Man bekommt den Eindruck einer mitreißenden Zäsur, die ihren Weg in Deine Verse fand. Hast Du den Glauben an die Liebe verloren?

Vielen Dank für die lieben Worte zu meinem Buch. Aber natürlich habe ich den Glauben an die Liebe nicht verloren, sofern es da einen Glauben gibt. Ich liebe einfach und höre auch nicht damit auf. „Fick die Musen“ zu schreiben war sehr aufwühlend für mich und mit vielen schlaflosen Nächten verbunden. Lyrik ist für mich immer etwas sehr Intimes und auch Mitreißendes, deshalb würde ich mir wünschen, dass „Fick die Musen“ auch die schönen Seiten des Liebens und des Schreibens aufzeigt, auch wenn die Grundtonart natürlich eher Moll ist. Besonders freue ich mich darüber, dass das Cover so gut ankommt, denn ich halte Leo für einen der größten noch lebenden Künstler und seine dämonischen Musen haben genau das zur Geltung gebracht, was ich versucht habe in Worte zu kleiden. Dabei macht der Mann seit Ewigkeiten keine Federzeichnungen mehr, was mich einfach sprachlos macht.

Wer sich mit Deinen Texten auseinandersetzt und Dich etwas näher kennenlernt, nähert sich auf sehr sympathischer Weise hoher männlicher Sensibilität an. Magst Du wider abgehangener Klischees eine Lanze für sensible Männer brechen (die ja allzu oft ihren Weg in Literatur und Kunst finden, um sich auszudrücken)?

Nein, also… nein. Ich finde generell, dass die Welt etwas mehr Gefühl vertragen könnte, vielleicht auch mehr Sensibilität. Bei all der Rohheit und Verhärtung der Gemüter wäre es mehr als nur erfreulich, könnte ich mit meinen Büchern ein wenig dagegenhalten. Das bezieht sich dann aber auf einen gewissen Zeitgeist, der keine Tiefe mehr kennt, sondern nur noch Härte. Als Mann erfülle ich sicher selbst ein paar abgehangene Klischees – aber bei weitem nicht alle!

Du bist ja schon eine ganze Weile aktiv – als Autor, charmanter Bühnenquerkopf, Multiprojektjunkie. Was treibt Dich an, was füllt Dich aus, was ist die Botschaft hinter Deiner Literatur?

Schwierig. Ich bin nicht intelligenter als jeder andere auch und somit kann die Botschaft oder der Sinn dahinter nur sein, meine Kunst zu teilen und auf diese Weise dazu beizutragen, dass Menschen sich darüber unterhalten, nachdenken, weiterdenken. Es ist schön, zu jemandem durchzudringen und ihm ein Gefühl zu geben, das sein Leben bereichert. Ich verkünde keine Weisheiten, aber ich gebe Denkanstöße, so wie die Kunst keine Befehle erteilen oder Wahrheiten verkünden kann. Aber sie kann, sie sollte wahrhaftig und fühlbar sein und Türen öffnen, nicht verschließen.

Was mich dabei antreibt? Ich weiß es wirklich nicht… Ich habe schon oft darüber nachgedacht, es einfach sein zu lassen, aber am Ende ist es wie eine Sucht, eine Form der Abhängigkeit, die manchmal sehr erbärmlich und hässlich sein kann. Aber eben auch unheimlich berauschend. Kreativität ist meine Droge. Ich brauche das einfach für mich und anders als bei anderen Süchten: Neben der Zerstörung, kann ich etwas erschaffen, was auch anderen etwas bedeutet. Wenn das nicht ein großer Antrieb ist…

Unter anderem engagierst Du Dich mit Jennifer Sonntag und Franziska Appel in (kreativ)literarisch inklusiven Projekten, Du selbst bist durch eine, wie Du auf Deiner Website schreibst, „verhängnisvolle Entscheidung“, körperlich behindert. Willst Du uns mehr darüber erzählen? Welche Projekte sind das, was steckt dahinter?

Mit Franzi arbeite ich derzeit an einem erotischen Kurzgeschichtenband, der Menschen mit verschiedenen Behinderungen in Wort und Bild beim Sex oder anderen sinnlichen Abenteuern zeigen wird. Die Zusammenarbeit ist so spannend und vielseitig. Ich freue mich wie ein Kind, wenn ich auf ihre Bilder und Texte warte. Mich langweilen bei erotischer Literatur eben oft Stereotypen, überhaupt diese strahlende Überblendung, wenn es um Sex geht. Sex hat weniger mit dem Körper zu tun als mit dem Kopf und den haben Behinderte ja auch. Auch sie haben ein Recht anspruchsvolle, erotische Kunst zu genießen, mit der sie sich identifizieren können und auch für alle anderen soll es eine spannende Erfahrung sein. Das Zusammenspiel zweier gesunder und dem Schönheitsideal entsprechender Körper macht noch keinen guten Sex aus. Das Behinderte auch als sexuelle Wesen wahrgenommen werden, wäre daher schon ein wichtiges Anliegen. Abgesehen davon, macht es mir aber einfach nur Spaß darüber zu schreiben – durch meinen Selbstmordversuch und die daraus resultierende Querschnittslähmung habe ich ja selbst so meine Erfahrungen machen dürfen und auch Franzi weiß zu diesem Thema einiges zu sagen. Die Welt ist vielseitig. Sex ist vielseitig. Also schreiben wir darüber, um diese Vielfalt zu erhalten.

Für Jenny habe ich lediglich das Grafikdesign für ihr wundervolles „Seroquälmärchen“ übernommen. Ich liebe wirklich alles, was sie schreibt und in Zukunft wird es sicher noch die eine oder andere Überschneidung unserer Arbeit geben, weil es einfach eine Herzensangelegenheit ist.

Seit vielen Jahren schon bist Du mit M. Kruppe freundschaftlich und als Autoren- und Tourkollegen verbunden. Die letzte „Sex & Drugs & LiteraTOUR“ ist nun aber schon eine ganze Weile her. Wann gibt´s eine Neuauflage?

Ja, M.Kruppe und mich verbindet eine sehr innige Freundschaft und natürlich bewundere ich ihn auch für seine Texte, die kein anderer so schreiben könnte – davon bin ich überzeugt. Ich trinke oft nach einem Solo-Auftritt den ersten Schnaps auf ihn, aber das habe ich ihm nie erzählt. Die SDL-Touren sind deshalb immer etwas Besonderes für mich und auch in diesem Jahr soll es einige Auftritte geben. Dazu kann ich aber derzeit noch nicht viel verraten.

Leider habt Ihr beim damaligen Tourtermin in Gera die Erfahrung machen müssen, wie ein Veranstalter ganz und gar nicht ticken sollte. Einer Deiner Texte greift das Desaster auf. Was war passiert und was sollte ein Veranstalter unbedingt tun und unbedingt vermeiden?

Haha, nicht nur in Gera. Es gibt hier und da immer mal wieder Probleme, wenn Veranstalter glauben, es wäre die Aufgabe des Künstlers, Werbung zu machen. Meistens ist das Desaster vorprogrammiert, wenn Veranstalter nicht an ihre Veranstaltungen glauben, dann sollten sie diese nicht annehmen. Es ist scheiße, als Künstler irgendwo zu Gast zu sein und dann nicht wie ein Gast behandelt zu werden, sondern wie ein Störelement. Es gibt aber auch wahnsinnig sorgsame und engagierte Veranstalter, was wir auch schon sehr oft erleben durften. Ein fairer Deal und Höflichkeit sind eigentlich schon mal gute Voraussetzungen und wenn es mal nicht so läuft, trotz aller Bemühungen – dann Offenheit und der Wunsch für beide Parteien einen annehmbaren Kompromiss zu finden.

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Was wird in naher Zukunft von Dir zu erwarten sein? Und was magst Du Deiner und unserer Leserschaft mit auf den Weg geben?

Oh je – es gibt so viele Projekte, die in Aussicht zu stellen noch etwas gewagt wären. Das Kunstprojekt mit Franziska Appel liegt aber in greifbarer Zukunft, dazu soll es auch mehrere Lesungen und Ausstellungen geben. Mein Fantasy-Roman wartet auch schon ungeduldig auf Fertigstellung, sowie das ein oder andere musikalische Projekt – sehr spannend also!

Zum Schluss würde ich meinen Lesern gerne mein neues Buch mit auf den Weg geben in der Hoffnung, ihnen damit ein nachhaltiges Lesevergnügen zu schenken – und auch von ganzem Herzen im Interview genannte Künstler empfehlen: Leo Rumerstorfer, Jennifer Sonntag, Franziska Appel, M.Kruppe…

Benjamin, wir danken Dir für dieses Gespräch.

Ich habe zu danken. Haut rein!

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweis: Nightqueen.
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