„Der wichtigste Gedanke für uns ist, Leben und Denken als etwas Labyrinthisches zu verstehen“ – Axel Kores & Christoph Liedtke im Interview

Ein dunkler Zuschauerraum. Eine große Bühne, die tiefrot beleuchtet ist. Im Hintergrund eine Leinwand auf der Bilder in schneller Abfolge als eine Art Film laufen. Die Szenen: schwarz, weiß und düster. Düster auch die gesamte Szenerie. An einem Tisch, auf dem allerhand technische Gerätschaften stehen, lehnt eine große Glasscheibe, über die eine dunkle Gestalt mit dem Finger reibt. Tonabnehmer sorgen dafür, dass jenes Geräusch durch die Kabel in einen Verzerrer und von aus in eine Loopstation geschickt werden.

Daneben die Silhouette eines weiteren Künstlers, der am Boden kniend seinen Bass bearbeitet. Auch dieser Sound verzerrt und geloopt, entsteht eine Komposition irgendwo zwischen Industrial und Avantgarde-Noise. Viele würden meinen, das sei Krach, aber hinter dieser musikalischen Symbiose steht ein Konzept. Das war im Februar auf der Bühne des Boots-Schuppen im längst aus den Grenzen des Geheimtipps getretenen Clubs „Hühnermanhattan“ in Halle/Saale zu sehen und zu hören. Mit dieser Performance schloss ein Abend des Kunstkollektives Rhizom Halle-Leipzig, der fast alles bot, was Kunst bereitzuhalten imstande ist.

Axel Kores und Christoph Liedtke, in Halle mit Sicherheit keine Unbekannten, waren als Gründer des Kollektives an jenem Abend die Veranstalter, dieses Abends, den sie „Aorta“ nannten. Der Leipziger Schriftsteller David Gray saß ebenso auf der Bühne, wie der Pößnecker Autor und Rezitator M. Kruppe. Auch lasen Axel Kores aus seinem bei Edition Outbird erschienen Buch „Verschwendete Jugend“, sowie Christoph Liedtke, dessen Lyrikband „Symmetrie der Risse“ noch in diesem Jahr im selben Verlag erscheinen wird.

Zwischendurch gab es Kurzfilme und weitere Sound – orientierte Performances, die Rhizom Halle-Leipzig vorstellten. Wir haben beide Gründer im Anschluss ins Interview genommen.

Hallo ihr beiden. Stellt euch doch bitte zunächst mal vor. Wer seid ihr, was macht ihr?

L.: Mein Name ist Christoph Liedtke. Ich bin 1985 in Saalfeld geboren, lernte Holzbildhauer und studierte 2010 bis 2016 an der University of Art and Design Burg Giebichenstein. Ich bin Bildhauer, Maler, Sound-Performer, Lyrik-Autor, spiele bei Klinke und bin Gründungsmitglied des Kunstkollektivs Rhizom Halle-Leipzig. Insofern habe ich an zahlreichen Ausstellungen teilgenommen.

Momentan arbeite ich an der Veröffentlichung meines Gedichtbandes „Symmetrie der Risse“ und an der Publikation eines Bildbandes über Kunst mit mutmaßlich geistig behinderten Menschen.

Ich organisiere Kunstaktionen mit der Rhizom-Halle-Leipzig-Gruppe und trete auf verschiedenen Veranstaltungen auf, die mit den besagten Inhalten zu tun haben.

Christoph Liedtke

K.: Ich bin Axel Kores und bin ebenfalls Burg-Absolvent, allerdings im Bereich Grafik-Design, habe einige Jahre in einer Leipziger Design-Agentur zugebracht und arbeite seit 2010 freischaffend als Illustrator und Grafiker. Im Sommer 1993, das weiß ich noch wie heute, hat mir ein Freund sein altes Amati-Schlagzeug vermacht. Von da an ging´s mit der Musik los. ´94 standen wir dann mit unserer ersten Punk-Band auf der Bühne. Zum Schreiben bin ich erst später gekommen, einige Jahre nach dem Studium, glaub´ ich. Remarque, Beckett, Kafka, Sartre, Goetz und viele andere haben mir die entscheidenden Peitschenhiebe versetzt, um meine eigenen Worte zu finden. Dann feilt man lange am individuellen Stil. Ich bin froh, dass es im letzten Jahr mit der Veröffentlichung meines Debüt-Romans geklappt hat („Verschwendete Jugend“ – Edition Outbird). Jetzt bündeln wir unsere Energien im Rhizom-Projekt, Literatur, Musik, Performance. Das Einzelkämpfer-Dasein behagt uns nicht, da bleibt schnell etwas sehr wichtiges auf der Strecke: Freude! Die gibt´s nur, wenn man sie teilt.

Axel Kores

Warum lebt ihr in Halle? Was zog euch her, was hält euch?

L.: Ich studierte hier und hab hier eine Menge wunderbarer Menschen kennengelernt, mit denen ich immer noch gemeinsam verrückte Sachen mache und das auch nicht missen möchte. Warum Halle, ich weiß nicht, reines Verhängnis, wenn ich im Ruhrpott geboren wäre, würde ich jetzt vielleicht in Düsseldorf leben. Ich mag die Saale und schätze die günstigen Mieten, Halle hat Freiraum für künstlerische Aktivitäten, ohne dass man dafür ein Vermögen hinblättern muss.

K: Man kennt ja mittlerweile die eine oder andere Stadt recht gut und lernt deshalb Halle schnell schätzen. Hier gibt es zum Beispiel keinerlei provinziellen Hauptstadtstolz, logisch. Auf der Straße wird häufig das Gesicht zur Faust geballt, aber tief drinnen sind die Leute ziemlich kuschelig. Es ist rauer hier, aber immer gerade heraus. Wer das Klima einer alten Arbeiterstadt und den Esprit ihrer agilen Subkultur sucht, ist in Halle genau richtig.

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Ihr beide habt bei „Edition Outbird“ veröffentlicht: Du den Roman „Verschwendete Jugend„, Axel, Du den Lyrikband „Symmetrie der Risse„, Christoph. Worum geht es?

L.: „Symmetrie der Risse“ beinhaltet feinfühlige, bisweilen fast schwerelose Poesie, die sich im weitesten Sinne der organischen Wahrnehmung und Struktur der Welt widmet.

K: Mit „Verschwendete Jugend“ bin ich in mein eigenes Leben eingetaucht: Meine Prägung aus der Hausbesetzerzeit in einer mitunter wilden Community und mit spontanen Aktionen und Konzerten. Der Protagonist im Buch versucht, die Liebe seines Lebens, die er aus einer fehlinterpretierten Freundschaft heraus als solche erinnert, mit verschiedenen Maskeraden „zurück“ zu bekommen.

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Wie kam es zur Gründung, wessen Idee war es, ein Kollektiv zu gründen und welchen Zweck bedient das?

C. L.: Wir haben eh schon die ganze Zeit zusammen Musik und Kunst gemacht. Die Gründe hängen auch damit zusammen, als Kollektiv größere Handlungsspielräume öffnen zu können. Kunst wirft für uns auch immer wieder die Frage auf: Wie wollen wir leben? Was können wir tun? Das ist ein Suchen nach neuen Anfängen. Und da stellt sich auch die Frage nach der Gemeinschaft, wir haben also beschlossen das Künstler-Ego einzudampfen, zu durchlöchern und einzuschmelzen. Das ist ein Versuch, Kontrolle abzugeben und Dinge passieren zu lassen. Das entspricht einer Form von kollektiver Weisheit. Zusammenarbeiten ist eine wunderbare Sache, wenn es funktioniert.

A. K.: Das ist auf Christophs und meinem Mist gewachsen, vermutlich im Proberaum; da haben wir die besten Ideen. „Rhizom Halle-Leipzig“ ist im Grunde nur eine nachträgliche Taufe für die gegenseitige Inspiration zwischen Leuten, die es schon zuvor gab. Wenn so etwas dann einen Namen bekommt, wird es plötzlich greifbar, lässt sich in der Welt verorten. Das erschien uns sinnvoll.
Rhizom musste ich erst recherchieren und fand schnell heraus, dass der Begriff aus der Biologie stammt. Als ich weiter suchte, stellte ich fest, dass es doch einige Vereine und Kollektive allein in Deutschland gibt, die sich diesen Namen gegeben haben. Ward ihr euch dessen bewusst?

Rhizom musste ich erst recherchieren und fand schnell heraus, dass der Begriff aus der Biologie stammt. Als ich weiter suchte, stellte ich fest, dass es doch einige Vereine und Kollektive allein in Deutschland gibt, die sich diesen Namen gegeben haben. Ward ihr euch dessen bewusst?

C. L.: Das war mir gar nicht so klar, obwohl ich es mir hätte denken können. Hat uns eigentlich auch nicht interessiert. Die Idee des Rhizoms ist einfach sehr überzeugend. Ich bin während des Studiums darauf gestoßen, als ich mich mit Gilles Deleuze beschäftigt habe. Er und Felix Guattari haben diesen Begriff philosophisch vertieft und als Idee sehr interessant beleuchtet. Das sich davon Menschen inspirieren lassen, kann ich sehr gut nachvollziehen, hat aber nichts damit zu tun, was Menschen damit anfangen. Aber es ist wohl ein gutes Zeichen dafür, dass auf einer gewissen Ebene Menschen gleiche Ideen befürworten.

Wie seht ihr das? Meint ihr, das ist ein Risiko oder seht ihr darin vielleicht sogar einen Vorteil?

C. L.: Risiko, vielleicht insoweit, dass man uns im Internet schwerer findet, aber daran soll die Unternehmung nicht scheitern. Ein Vorteil könnte darin liegen, dass ähnliche Ideen natürlich verbinden, aber ich hab mich bisher noch nicht mit anderen Kollektiven beschäftigt, das könnte man durchaus in Betracht ziehen.

Wer waren Deleuze und Guattari und wo seht ihr euren Verknüpfungspunkt zu den beiden?

C. L.: Deleuze und Guattari, Philosoph und Psychoanalytiker, haben in einer Co-Autorenschaft über diese Idee geschrieben. Der wichtigste Gedanke für uns daran war, Leben und Denken als etwas Labyrinthisches zu verstehen, ohne Anfang, ohne Ende und ohne Ariadnefaden, aber auch als einen Raum der Vernetzung und zufälligen Begegnungen, in dem Ereignisse aufeinandertreffen können. Eine Art Generator, der die Karten neu mischt.

Genug des Theoretischen. Was wollt ihr erreichen, habt ihr Ziele und Strategien, diese zu erreichen? Was genau steht hinter Rhizom Halle-Leipzig? Gibt es kurz-, mittel- und langfristige Pläne?

C. L.: Wir verstehen uns als Plattform für künstlerisches Handeln. Wir verstehen künstlerisches Handeln ganz allgemein als Vorschläge, mit dem was da ist umzugehen. Der Künstler ist für mich jemand, der das Nichtkönnen kann und dafür nach neuen Ansätzen sucht, wie man das anstellt. Da draußen ist Chaos und Absurdität, der Künstler geht raus und macht was draus. Jenseits von „Ismen“, Gott und Utopie. Unsere Strategie: Alles was nützt, im Rahmen unserer Werte und Fähigkeiten Menschen zu mobilisieren, ihr gestalterisches Potenzial zu vergegenwärtigen, dass es besser wird, als es ist. Ich denke, alle Kunst zielt darauf ab, den Menschen zu erheben.

A. K.: Hinter allem steht im Grunde der Wunsch nach Verknüpfung. Rhizom soll möglichst interdisziplinär werden und wir stehen noch am Anfang der Reise. Im Videoformat lassen sich Arbeiten bestens dokumentieren bzw. präsentieren – deshalb der Youtube-Kanal. Wir haben mit den musikalischen und literarischen Projekten begonnen. Das muss wachsen. Verbissenheit ist uns jedoch fremd – es geschieht oder geschieht nicht. Wir experimentieren intuitiv und schauen, was sich auf der Bühne miteinander verbinden lässt.

Wie viele KünstlerInnen sind derzeit im Kollektiv aktiv, was machen sie, woher kennt ihr sie?

C. L.: Wir stecken in den Kinderschuhen und haben Frauenmangel. Es gibt einen organisatorischen Stamm und dann alle die bei Veranstaltungen auf der Bühne stehen. Du hast ja auch schon dazugehört (lacht).

Wieso Halle-Leipzig? Was ist der Beweggrund, Leipzig mit einzubeziehen, dass ja in Sachen Kunst schon ein bisschen overdosed ist? Also ich hoffe, man versteht mich nicht falsch, aber die zunehmende Gentrifizierung hat in Leipzig ja nun schon erschreckende Ausmaße angenommen, was in Halle glücklicherweise (noch) nicht der Fall ist.

C. L.: Das ist lediglich eine lokale Verortung. Ein paar von uns kommen aus Leipzig. Was die da mit den Mietpreisen machen ist blöd, soll uns aber jetzt nicht davon abhalten. Uns interessieren da die Menschen.

A. K.: Diese Region ist sehr speziell und voller querschießender Energien, wie ich finde. Beide Städte liegen so dicht beieinander, dass sie in subkultureller Hinsicht gewisse Symbiosen bilden – spannende Wechselwirkungen, die man nur selten findet. Es gibt in unserem Umfeld etliche Leute, die sowohl hier, als auch dort aktiv sind. Da öffnen sich interessante Aktionsradien.

Seht ihr die Gefahr der Gentrifizierung auch für Halle und wenn ja, was meint ihr, wann es so schlimm sein wird wie in Leipzig? Und habt ihr vor, dem entgegenzuwirken? Wenn ja, wie?

C. L.: Das überschreitet meine Kapazität. Bevor ich mich direkt gegen Gentrifizierung engagiere, setzte ich mich in ein Schlauchboot und versuche damit, Öltanker zum Kentern zu bringen. Vielleicht gebe ich mal ein illegales Konzert auf ´nem Dach, aber dann würde ich auch eher Freedom und Peace von den Dächern schreien, als „Stoppt die Gentrifizierung“ (lacht). Bevor die Probleme nicht real sind, mache ich da wenig, es gibt einfach zu viele Probleme, für deren Lösung man sich einsetzen könnte.

A. K.: Gentrifizierung ist auch hier in vollem Gange. Ich will jetzt nicht zur umfassenden Kapitalismuskritik ausholen; aber die Raffgier hat sich an Allgemeingütern, zu der bezahlbarer Wohnraum definitiv gehört, einfach nicht zu vergreifen! Wenn wieder mal ein Hausprojekt platt gemacht wird, müssen alle loslegen, um das zu verhindern.

Halle ist das neue Leipzig. Würdet ihr dem zustimmen?

C. L.: Ich vergleiche diese zwei Städte ungern. Beide haben ihre Vorzüge und ich glaube nicht, dass Halle sich so urbanisiert wie Leipzig. Braucht es auch nicht, denn die Städte sind auch nur ´ne halbe Stunde voneinander entfernt und da ist es auch gut, dass sie verschieden sind.

A. K.: Ich halte wenig von solchen Vergleichen. Der Halle´sche Blick auf Leipzig ist häufig ein defätistischer; und ich frage mich stets: Warum? Man schwirrt doch eh in der halben Welt rum und erkennt überall Vielfalt. Wenn es jetzt heißt: Halle ist im Kommen. Umso besser! Hier geht auf jeden Fall was. Das ist allerdings schon seit Jahren so.

Allgemein gefragt: Kunst ist ein wirtschaftlich schwieriges Metier. Könnt ihr von eurer Kunst und dem, was ihr tut, leben?

C. L.: 2016 hab ich mein Studium beendet, vieles beginnt gerade anzulaufen. Davon richtig leben kann ich noch nicht. Viele Sachen die ich mache haben auch nichts mit „Schöner wohnen“ zu tun, da muss ich einfach durchhalten.

A. K.: Vom Grafik-Design kann ich leben. Vielleicht kommt in Sachen Literatur und Musik langfristig mal was rum. Aber was soll´s? Man fällt eh irgendwann einfach um, und das wird vermutlich deutlich vor ´m Renteneintrittsalter sein, gell. (lacht)

Wer oder was inspiriert euch?

C. L.: Das Geräusch von klappernden Pflastersteinen, wenn man mit dem Fahrrad darüber fährt.

A. K.: Brillanter Humor, der das Leid auffrisst.

Ich hörte, dass eure Band Klinke seit einigen Monaten immer erfolgreicher wird. Wie würdet ihr eure Musik beschreiben und was meint der Begriff Erfolg in eurem Sinne?

C. L.: Axel hat das notiert: Irgendwas mit „Tataminimo mit autistischer Stimme und Hang zur Manie und Repetition“. Erfolg wie wir ihn verstehen, ich sag mal … Anerkennung und Moneten dafür was wir tun, ohne dabei unsere Seele an Dieter Bohlen zu verscherbeln.

A. K.: Christoph hat´s schon angedeutet. Ich konkretisiere: Klinke ist Post-Voodoo-Kraut mit autistisch beseelter Stimme und gesunder Aversion gegenüber Hörgewohnheiten – dekonstruktivistisches Tata-Minimo mit Hang zum Zwang. Erfolg ist, wenn man den ganzen Saal zum Explodieren bringt und das schon als Vorband.

Abschließend: Kann man Mitglied bei Rhizom Halle-Leipzig werden und wenn ja, was setzt das voraus? Was muss ich mitbringen, können und wollen, um mich dem Kollektiv anzuschließen?

C. L.: Er, Sie, Es sollte Telefonbücher zerreißen können, wir nehmen aber auch Leute auf, mit denen wir gerne Ideen aushecken und verrückt genug sein können, „es“ durchzuziehen. Ich glaube, das ergibt sich, wenn man aufeinander zukommt und wächst wie ein Rhizom.

Ich danke euch für das Interview und freue mich auf weitere Kooperationen.

Das Interview führte M. Kruppe.

Bildnachweise: Privat.
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[ Lyrik ] Christoph Liedtke „Phänomene auf Zeit“

Am Rand der Galaxie
steht unser Zelt gebaut.
Wir bündeln hier das Licht zu Pfeilen
gegen Zerfall in Asche und Staub.
Zu zweit, zu dritt, zu viert
bilden wir eine Bastion,
gewinnen wir die Oberhand
nur eine Weltsekunde lang.

In der Wanne versunken,
von Wasser und Wärme
pränatal umschlossen,
tauche ich auf,
durchstreife deine Scham.
Meine Finger wollen wissen:
Woher kommen sie.

Unsere Körper bilden Puzzelteile.
Gemeinsam bilden sie Pangäa:
Meine Leiste an deinem Arsch,
Deine Kniekehlen und meine Knie.

Von der Erde geschnitten
blühst du weiter am Hoffnungsfaden.
Für den Bruchteil eines Momentes
ziehen meine Blicke an dir vorüber,
bitte glaube mir, wenn ich dir sage,
ich sehe dich.

Ich sehe deine Wunde,
bekam eine Ahnung
vom Hunger der Zellen.
Wir sind fein entworfen,
kosmische Phänomene auf Zeit,
Täglich kommen wir neu zur Welt,
Aus dem Schlaf zur Deponie.

Ich rasiere dir den Kopf.
Entdecke deinen Haarwirbel,
das Mal unserer Milchstraße,
Ein Abfluss, der goldenen Schnittes Spiralen zieht.

Buchzitat aus „Symmetrie der Risse“ (erscheint im 2. Quartal 2018 in der „Edition Outbird„)
Aquarell: Christoph Liedtke
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