„Eine gewisse Romantik im Herzen zu halten ist Voraussetzung dafür, sein Leben nicht völlig an Dinge zu verschwenden, die nie wirklich wichtig waren“ – David Gray im Interview

David Gray, erfolgreicher Leipziger Krimiautor und eng mit einigen AutorInnen der „Edition Outbird“ befreundet, im Interview:

Moin Dave. Endlich haben wir die Gelegenheit, uns für das Outscapes Magazin zu unterhalten. Und ich würde auch gar nicht groß drum herumreden und direkt mit der ersten Frage beginnen…

Ich hab mich neulich belehren lassen, dass man Künstler mit einem Pseudonym nicht nach ihrem Pseudonym fragt. Ich frage mich: Wer sagt das? – und mache es jetzt erst recht. Wie also kam es, dass aus Ulf Torrek David Gray wurde und warum dieser Name, der ja nun oft mit dem singenden David Grey verwechselt wird? Steckt da vielleicht sogar ein bisschen Kalkül dahinter?

Mein Agent war schuld an meinem pseudonym. einer muss ja immer schuld sein und Agenten sind Leute, denen man alles mögliche in die Schuhe schieben kann. Ich habe ja eigentlich als Filmkritiker angefangen und daneben immer Shortstorys oder Romane geschrieben. Außerdem habe ich schon mal die ein oder andere Drehbuchbearbeitung gemacht, weil das gut bezahlt wurde damals. Aber ich habe mehrere Agenturen verschlissen, bis ich zu meiner ersten Romanveröffentlichung kam. Das einzige, was von denen bis dahin mal wer unterbringen konnte, war eine pornöse Story im „Penthouse Magazine“. Keiner wartet ja im Verlagsgeschäft auf noch einen Autor mehr. Aber als 2011 dann Amazon.de auch hier begann einen Markt für eBooks zu schaffen, habe ich die drei fertigen Romane aus meiner Schublade gezogen und dort hoch geladen. Weil aber mein damaliger (und heutiger!) Agent meinte: „Wenn’s schief geht, dann haben Sie bei den überängstlichen Verlagsgranden Ihren Namen verbrannt, also schreiben Sie gefälligst ein Pseudonym drüber!“, tat ich das und schrieb statt Ulf Torreck, David Gray in das Kästchen für den Verfassernamen. Woher der Name kam, weiß ich heute nicht mehr. Vielleicht tatsächlich von dem britischen Sänger David Gray. Vielleicht war’s aber auch ein halb postmodernes Spielchen mit Oscar Wildes Dorian Gray Figur, wer weiß? Von einem gewissen Frauen verhauenden Milliardär namens Christian Grey war damals jedenfalls noch nichts zu ahnen. Ich finde den auch gar nicht lustig. Denn seit der in aller Munde ist (bzw. inzwischen zum Glück eher war) durfte ich mir entweder anhören, ich reite mit meinem Pseudonym die Shades-of-Grey-Welle (LANGWEILIG!) oder ich hatte zu tun mein Pseudonym bei Journalisten und Bloggern zu verbessern, die ständig Grey statt Gray schrieben. Daher: Danke für nichts Misses E L James! Ein paar meiner eBooks waren ziemlich erfolgreich. Weswegen die Verhandlungsposition meines Agenten gegenüber den Verlagen sich verbesserte. Aber trotzdem war zunächst nur ein kleiner unabhängiger Verlag, nämlich Pendragon in Bielefeld, bereit das Risiko einzugehen eines davon auch für die Buchhandlungen in Papierform herauszubringen. Die kleineren Verlage sind diejenigen, die die Risiken mit neuen Autoren eingehen.

Wie und wann hast du das Schreiben für dich entdeckt? Was war und ist dein Beweggrund, überhaupt zu schreiben?

Ich schreibe, weil ich für alle anderen Arten des Geldverdienens, die ich daneben bisher bereits versucht habe, eindeutig entweder zu doof oder motorisch zu ungeschickt bin. Außerdem hab ich ein leicht cholerisches Temperament und schreiben ist die einzige Tätigkeit, mit deren Hilfe ich meine Aggressionen für längere Perioden am Stück zügeln kann. Außerdem hatte ich schon immer ein seltsames Faible für gut gebaute Sätze und Formeln. Das könnte sogar genetisch bedingt sein. Keine Ahnung.

Wie ist das bei dir, das Schreiben, ist das für dich ein eher strukturierter Prozess bei dem du von bis, also zu festen Zeiten am Rechner sitzt, oder geschieht das bei dir eher intuitiv?

Das ist wie bei jedem anderen professionell betriebenen Geschäft auch: Du stehst auf, gehst ins Bad, putzt dir die Zähne, wäschst dich, trinkst den ersten Kaffee, setzt dich an dein Arbeitsgerät und fängst an. Das ziehst du Tag für Tag um die 360 Tage pro Jahr durch. Je nachdem, bearbeitest du dein Produkt eben solange, bis du es nicht mehr erträgst oder dein Produkt dich und deine Arbeit an ihm nicht mehr länger erträgt. Was das Produkt in meinem Falle dadurch zum Ausdruck bringt, dass mir die Figuren, die ich darin gerade bearbeite, reihenweise die Zusammenarbeit aufkündigen oder mir den Finger schnippen.

Woher kommen die Ideen für deine Storys? Wer oder was inspiriert dich?

Da existiert keine Regel. Ideen sind Einfälle, die fallen einem eben ein. Oder hin und wieder auch mal nicht. Aber das kann immer und überall geschehen.

Du bist ja ein durchaus erfolgreicher Autor, so dass man weniger Autor, als eher schon Schriftsteller sagen kann. Du lebst, wenn ich richtig informiert bist, vom Schreiben. Da liegt die Frage auf der Hand: Ist Schreiben für dich immer noch Kreativität, ein Ausdruck des Ichs oder würdest du das als (deine) Arbeit bezeichnen, bzw. gibt es hierbei für dich einen Unterschied?

Schreiben ist immer Ausdruck von Persönlichkeit. Selbst die Wetternachrichten in der Tageszeitung oder die in aller Regel von einem Volontär verfassten Tageshoroskope in der Presse spiegeln zu einem gewissen Grad die Erfahrungen und Erwartungen der Verfasser bzw. Verfasserinnen wieder. Diesem unwillkürlichen Anteil der eigenen Persönlichkeit in Texten kann keiner, der irgendwie schreiberisch kreativ ist, entgehen. Wer trotzdem behauptet, dass er es könne, lügt. Ich habe aber auch gar nichts gegen den Begriff Arbeit in Zusammenhang mit meinem Job. Amateure erkennt man immer daran, dass sie ihre Schreibarbeit romantisch überhöhen. Es gibt ja gute Amateure und sogar ein paar talentierte. Aber solange man nicht begreift, dass Schreiben auch Arbeit ist und Arbeit sein sollte – zumindest solange das Ergebnis der Schreibtätigkeit ein gewisses Niveau halten soll – dann bleibt man eben Amateur. Eine ganze Menge Erfolgsautoren sind Amateure. Die Regale der Regiokrimis und Lebens- bzw. Beziehungsratgeber sind voller Titel, die von Amateuren verfasst wurden. Und auch ein paar der Titel in den Regalen für sogenannte „Literatur“ wurden von zumindest stilistisch talentierten Amateuren verfasst. Ich konnte mir in den letzten Jahren in aller Regel aussuchen worüber ich schreibe, daher hatte ich nie das Gefühl mich kreativ verrenken zu müssen. Das ist durchaus auch eine Form von Glück.

Du hast einen unheimlichen Output. In den letzen 15 Jahren sieben Romane, diverse Short-Storys in Anthologien, Filmkritiken, Drehbücher… schläfst du auch irgendwann? Woher kommt deiner Meinung nach die Energie?

Sobald mein Konto leer ist, bestehen eine Menge Leute unverschämterweise darauf, dass es entweder wieder gefüllt wird oder sie erwarten eben, dass ich auf gewisse Dienstleistungen und Produkte, die sie vertreiben, zu verzichten hätte. Das ist zwar ein sehr profaner Antrieb, aber auch ein verdammt effektiver.

Wie empfindest du, der du ja schon „professioneller“ Schreiber bist, das Literaturgeschäft, das Business? Es gibt ja nun Autoren, die sich im Lichte der Bestseller Listen sonnen und es scheint ihnen nichts auszumachen, dass doch durch Verträge durchaus ein enormer Druck herrscht. Ist das Klischee oder ist da was dran? Und wie gehst du damit um?

Ich habe diesen Erfolgsdruck so bisher nur einmal gespürt. Als meinen dritten Roman kein Mensch gut fand und ich verzweifelt versuchte zu erklären, weshalb ich ihn verfasst habe und ihn trotz der von überall her einprasselnden Kritik weiterhin mag. Das war ein Fehler. Never explain, never complain ist das Motto, an das man sich in der Kunstbranche halten sollte. Auf einer Bestsellerliste sind bisher auch nur meine selbst veröffentlichten eBooks gelandet. Den Verlagstiteln blieb das bislang erspart. Die fand auch das Feuilleton nur sehr selten einer Erwähnung wert. Immerhin hat eine große Tageszeitung mal vor einem meiner Bücher, nämlich „Kanaken Blues“, gewarnt. Das war eine Leistung, die mich heute noch ein wenig stolz macht.

Hast du einen Tipp für nicht so erfolgreiche Kollegen, was man wie tun muss, um vom Schreiben leben zu können? Muss man – verzeih mir die Frage – (viele) Ärsche lecken und für die Verleger schreiben, oder gibt’s durchaus die Möglichkeit, das Ich zu wahren und trotzdem erfolgreich zu sein?

Wenn ich vor dieser Frage nachlese, wie ich die vorangegangenen beantwortet habe, dann fürchte ich, könnten Leser den Eindruck gewinnen, dass der Gray ein arroganter Arsch ist, der an der (angeblich so) edlen Schreiberprofession, dem (Verlags-)Kulturbetrieb und den darin arbeitenden Menschen kein gutes Haar lässt. Ohne von dem oben gesagten irgendetwas zurücknehmen zu wollen, aber Wunder geschehen. Und immer wieder sind mir in der Verlags- und Filmbranche Menschen begegnet, die wirklich für ihre Aufgabe und ihre Träume brannten und große Risiken dafür eingingen einem Text oder einer Idee, die zuvor dutzende ihrer Kollegen für völlig bescheuert hielten, dennoch zur Realisierung verholfen haben. Die Kunst besteht darin solche Menschen zu finden. Für Kunst gibt’s aber nun mal keine echten Regeln. Außer vielleicht der, dass jeder, der den Hauch einer Chance auf Erfolg erwartet, besser vorher sein Handwerk gelernt hat. Zukünftige Kollegen, die ihr Handwerk nicht beherrschen, haben also schlechte Karten. Alle anderen verfügen immerhin über diesen einen Hauch einer Chance, es irgendwann mal soweit zu bringen mehr als nur den Preis eines Kaffees in einem Bahnhofsrestaurant mit ihren Texten zu verdienen. Ihre Chancen erhöhen sich noch einmal um einige Punkte, sollte sich zum Handwerk auch Talent hinzugesellen. Aber das ist selten. Und Talent allein kann in einem auf Marktanteile und Gewinn getrimmten Gewerbe zuweilen sogar eher abschreckend als einladend wirken. Ich hatte mal einen Mathelehrer, der mich in seiner Stunde beim Gedichte lesen ertappte. Er sagte daraufhin: „Klar, wer so schlecht in Mathe ist wie sie, muss ja Romantiker sein.“ Der Mann hatte recht. Deswegen noch eine letzte Besserwisserwurst an alle Verrückten hier, die es als Schreiber oder Künstler zu irgendetwas bringen wollen: Eine gewisse Romantik im Herzen zu halten ist Voraussetzung dafür, sein Leben nicht völlig an Dinge zu verschwenden, die nie wirklich wichtig waren. Niemand streicht zwar den Himmel je wirklich noch einmal blau an. Trotzdem gibt es genug Menschen, die weiter davon träumen es eines Tages zu tun. Es kann sein, dass es heutzutage mehr Idioten gibt, die solche Menschen für Freaks halten. Aber das Zeitalter der Plastiktittenkunst geht gerade allmählich seinem Ende zu. Vielleicht verabschiedet es sich mit einem Bang, in dem wir alle untergehen. Aber auch genauso gut möglich, dass es seine letzte Verbeugung auf der ganz großen Bühne mit einem Wimmern zelebriert, über dessen Echo wir Freaks nur lauter lachen werden als alle anderen. Fest steht: The beautiful losers are not dead. They are just sleeping. Some even in their own beds.

Mit Kanaken Blues und Sarajevo Disco hast du zwei wundervolle hardboiled Krimis vorgelegt, in denen Boyle, der schwarze Kommissar, die Hauptfigur ist. Es wird doch hoffentlich einen dritten Teil geben?

Den wird es geben. Aber ich habe nicht die geringste Ahnung, worum es da gehen wird. Vielleicht um religiöse Ritualmorde? Einen alternden Schlagerstar á la Dieter Bohlen, der sich als Puffbetreiber versucht? Oder womöglich um einen Innenminister, der zuviel gekokst hat? In letzter Zeit hast du ja wirklich nach dem Blick in die Zeitung das Gefühl, die Satire hinke der Realität hoffnungslos hinterher und selbst als Hardboiled-Autor musst du immer noch tiefer in die Kiste mit den ganz bösen Facetten der Realität greifen, um am Ende des Schreibprozesses deines Buches nicht schon rechts von der Wirklichkeit überholt worden zu sein.

Wann dürfen wir mit der Veröffentlichung rechnen?

Vor dem nächsten Lewis Boyle-Roman hat auch noch ein gewisser SS-Offizier bei einem Herrn Torreck seinen Auftritt. Dieser Offizier hat aus Scham und Reue über die Grausamkeiten des Regimes, dem er dient, beschlossen sich vor der großen Nazi-Götterdämmerung in aller Ruhe in Paris tot zu saufen. Woran ihn jedoch ein historisch belegter Killer und eine Gang von abgehalfterten Ex-Gangstern und Resistancekämpfern hindern wird. Klingt strange, oder? Stimmt. Soll es auch. Ich meine, the beautiful losers are not dead. Das Buch kommt bei Heyne im Frühjahr 2019. Aber Lewis Boyle bei Pendragon wird gleich danach auch zu seinem Recht kommen. Und vielleicht erscheint der nächste Boyle sogar noch früher…

Mit den Boyle-Büchern bist du beim Pendragon Verlag. Wer war eher da, die beiden ebenfalls recht hart und düster schreibenden James Lee Burke und Wallace Stroby oder du?

Das ist keine Frage, die ich ernsthaft beantworten könnte oder dürfte. James Lee Burke ist – zusammen mit James Ellroy – einer der lebenden Götter des Kriminalromans. Und Wallace Stroby befindet sich gerade auf dem direkten Weg dorthin, wo die beiden Gentlemen gerade sind…

Da ihr drei euch wunderbar ergänzt, dürfte doch die Zukunft des Verlages gerettet sein, da deine Kollegen ja auch einen guten Output haben.

Die beiden berühmten Kollegen sind jedenfalls voll dran. Der neue Burke und der nächste Stroby werden fantastisch. Außerdem warten bei Pendragon noch einige andere, nicht weniger coole Damen und Herren, in der Pipeline, auf deren Visitenkarten eigentlich Profikiller stehen sollte, weil sie die (eben gar nicht so simple) Kunst des (rein literarischen) Mordes wie ganz wenige sonst beherrschen und deswegen bei dem kleinen, aber feinen Verlag in Bielefeld veröffentlichen.

Woran arbeitest du aktuell sonst noch? Du bist auch nicht selten an Drehbüchern für Filme und Serien dran. Gibt es da was, was du nennen kannst, das bekannt ist und deiner Mitwirkung entspringt? Wird es bald dahingehend etwas zu sehen geben?

Ach dieses TV-Serienzeugs ist doch immer völlig unvorhersehbar. Und um einen Freund zu zitieren: „Es gibt ein paar gute Leute, die immer noch an mich glauben. Aber es gibt noch deutlich mehr Arschlöcher in der Branche, die es nicht tun. Beiden bin ich es schuldig zu beweisen, dass ich noch lange nicht tot bin“ Man wird also sehen. Bisher klingelt mein Telefon jedenfalls noch ab und zu…

Ich danke dir für das Interview.“

Das Interview führte M. Kruppe.

Bildnachweis: Erik Weiss / Heyne Verlag.
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