„Sexualität ist so vielfältig und wandelbar wie die Menschen selbst.“ – Interview mit F. Appel & B. Schmidt zu „Fuck[dis]Ability“

Zum Ende des turbulenten Jahres 2019 erschien druckfrisch Benjamin Schmidts und Franziska Appels neues Buch „Fuck[dis]Ability“. Ein Stück freie Literatur in Form eines Erzählbandes über die Vielfalt körperlicher Beziehungsformen, Gleichberechtigung und Individualität. Als erotische Unterhaltungsliteratur über Sexualität und verschiedene Behinderungen, die dabei aber ganz ohne Moralpredigten oder verstümmelte Aufklärungsversuche auskommt, betritt „Fuck[dis]Ability“ eine längst überfällige Nische auf dem Buchmarkt.

Buch im Verlagsshop: Bitte Cover anklicken.

Beide, Benjamin Schmidt wie auch Franziska Appel, traten schon bei anderen Buchprojekten der „Edition Outbird“ in Erscheinung: Benjamin Schmidt gemeinsam mit dem „Umbra et Imago“-Sänger Mozart im Erwachsenenmärchen „Seelenübertritt“ sowie mit seinem Lyrikband „Fick die Musen“, Franziska Appel als Illustratorin von Jennifer SonntagsSeroquälmärchen“ und damit einer ins Märchenhafte transformierten Erlebenswelt doppelter Ausgrenzung einer blinden Frau in einer psychiatrischen Einrichtung.

Hallo Ihr beiden. Ihr beide engagiert Euch seit Langem in künstlerischen Projekten, die sich Themen wie Inklusion und dem Aufbrechen überholter Denk- und Wahrnehmungsgewohnheiten widmen. Welche Erfahrungen im Leben haben diese hohe Begeisterung in Euch für diese Arbeit entstehen lassen?

Benjamin: Mein Bezug zu dem Thema ist klar. Seit meinem Selbstmordversuch vor etwa 11 Jahren sitze ich selbst im Rollstuhl, wodurch sich mir gewisse Problematiken ja geradezu aufdrängten. Ich durfte aber auch daran wachsen und habe viele beeindruckende und interessante Menschen kennenlernen dürfen, die eben zu einer Gruppe gehören, die in unserer Gesellschaft doch eher ausgegrenzt werden. Nicht überall, aber es gibt großen Aufklärungsbedarf und warum sich nicht dafür einsetzen? Berührungsängste überwinden und Denkbarrieren abtragen ist immer eine gute Sache.

Franziska: In meiner Verwandtschaft gibt es verschiedene Behinderungen. Beispielsweise haben zwei meiner Cousins Glasknochen und ein Onkel ist Stomaträger. Damit bin ich aufgewachsen und das hat vermutlich einige Berührungsängste bei mir erst gar nicht entstehen lassen. Mein Lebensgefährte ist sehbehindert und durch diese Beziehung, aber auch den gemeinsamen Freundeskreis, bekomme ich viele der Barrieren und Probleme durch überholte Denk- und Wahrnehmungsmuster mit. Über einige Ecken lernte ich dann auch Jennifer Sonntag kennen. Sie war es, die mir irgendwann Benjamins Buch „Schon immer ein Krüppel“ in die Hand gedrückt hat. Und dieses Buch hat mich unwahrscheinlich bewegt. Ich habe mich selber vor ein paar Jahren bei einem Reitunfall an der Wirbelsäule verletzt. Diese sind glücklicherweise weitgehend folgenlos verheilt, aber vermutlich ist mir dadurch sehr stark bewusst, wie schmal dieser Grad zwischen „normal“ und behindert sein kann. Es ist sehr wahrscheinlich, dass uns alle Themen wie gesellschaftliche Teilhabe und Barrierefreiheit irgendwann im Leben mal sehr direkt betreffen können.

Wie findet man wieder Lebensmut und die Kraft, das Leben wieder anzupacken, wenn man einen solchen Schicksalsschlag erlebt hat?

Benjamin: Ich denke, diese Frage stellt sich jedem von uns jeden Tag nach dem erwachen, auch ohne Schicksalsschlag. Aber darauf jetzt wirklich fundiert zu antworten, würde den Rahmen sprengen. Ich hänge aber gerne einen Link zu dem Podcast „UNTENDURCH“ von Dirk Bernemann und Fabio La Delia an. Die beiden haben mich im November zu einem Gespräch eingeladen, in dem wir dieses spezielle Thema sehr eingehend diskutieren. Die Folge ist unter diesem Link zu finden.

Im Bild mit Frank Jänsch.

Ach und wenn ich schon mal dabei bin: Der Podcast ist sehr zu empfehlen! Wie gute Gespräche mit Freunden, sehr sympathisch, sehr inspirierend.

Franziska, Du entwickelst Deine künstlerischen Arbeiten beständig weiter und betreust – beispielsweise – Ausstellungsprojekte zum Thema Inklusion, Benjamin, Du schreibst und bist in musikalische Projekte involviert. Wer sind Eure wichtigsten musikalischen, literarischen und künstlerischen EinflussgeberInnen?

Franziska: Auch wenn man das bei den aktuellen Illustrationen wohl eher nicht vermutet, mag ich vor allem die Farbigkeit der expressionistischen Malerei. Allen voran Franz Mark und seine ausdrucksstarken Tiermotive. Ebenso haben mich die weniger bekannten Bilder von Ringelnatz beeindruckt, da sie eine spannende Mischung zwischen expressionistisch und surreal bieten, wenn ich da mal nicht die Stilrichtungen durcheinanderbringe. Aber ebenso schaue ich mir sehr gerne Fotografien an oder beobachte Menschen. Und dabei faszinieren mich oft gerade die Details, die eine Person erst spannend machen: Ein besonders ausdrucksstarker Blick, eine sehr dynamische Art zu gestikulieren oder eben auch ein auffälliges Gangbild. Dabei sind für mich Kategorien wie „schön“, „ästhetisch“ oder „erotisch“ oder deren Gegenteile erstmal nebensächlich. Und irgendwann kann ich dann die ein oder andere dieser Beobachtungen in ein Bild einfließen lassen…

Benjamin: Ach herrje, der wichtigste Einflussgeber ist wohl das Leben in all seinen Facetten und wenn es in einsameren Momenten nachwirkt. Inspiration findet sich aber natürlich auch in Kunst aller Art. Und um dir dann doch ein paar Namen zu nennen: Ich denke da an die Bilder von Leo Rumerstorfer, der sich nicht hinter seinem unglaublichen Talent versteckt und immer wieder Experimente wagt. Ich denke an Brita, meine Bandkollegin, die unserer Musik fernab der genretypischen Paradigmen ihren eigenwilligen Charme verleiht. Ich denke an Ingo Munz, der in seinen Büchern so couragiert Stellung bezieht und unseren Zeitgeist reflektiert. Du siehst, natürlich gibt es Einflüsse, in meinem Falle ganz offensichtlich Hieronymus Bosch, H. P. Lovecraft, Bauhaus und Joy Division, ich könnte unzählige Künstler aufzählen, die mich auf verschiedenste Art begeistern. Aber mehr über meine Kunst habe ich in einer Woche Tour mit M. Kruppe und Michael Schweßinger lernen können oder während der Arbeit an „Fuck[dis]Ability“ mit Franzi.

Apropos, was hat euch beide bewogen, ein gemeinsames Werk zu veröffentlichen? War der Schwerpunkt „Erotik“ von Anfang an da oder kam diese Entscheidung mit der Zeit?

Benjamin: Zunächst gab es da ein gemeinsames Interesse an erotischer Kunst, insbesondere Literatur in Verbindung mit Illustrationen. Ich hatte da noch zwei Geschichten in der Schublade – dass Franzi Bilder malt, war mir bekannt – also dachte ich: Warum nicht mal versuchen? Unsere Vision war es, Diversität in sexuellen Beziehungen abzubilden und auch in den verschiedensten Vorlieben, Körperformen und Persönlichkeiten darzustellen. Alles Stereotypische langweilte uns. Auch mit der Gestaltung wollten wir andere Wege gehen. Auf dem Cover sieht man zum Beispiel Franzis Arbeitstisch und eine halbfertige Zeichnung. Das finde ich sehr spannend und ist für mich ein Sinnbild der Erotik, die eben nicht als perfekte Büste auf einem Sockel steht und die man dann bewundern kann. Das Cover ist eine Andeutung, das Bild entsteht erst noch, manches im Augenblick nur als Kontur wahrnehmbar, hie und da gibt es ein paar Flecken, Unsauberkeiten und egal wie oft man ein Bild malt, es wird nie dasselbe werden…

Franziska: …und meiner Ungeduld war es dann geschuldet, dass es nicht nur beim Malen blieb. Statt weiterhin Ewigkeiten zu warten, bis Benjamin endlich mit der nächsten Kurzgeschichte fertig war, kamen mir selber Ideen, die ich Benjamin vorschlug. „Schreib doch einfach auf“, war seine Antwort und das tat ich dann auch.

Benjamin: Ich brauche manchmal etwas länger für alles und als Franzi dann mit einer Story kam, gefiel mir der Gedanke auch eine weibliche Erlebniswelt mit in das Buch einfließen zu lassen. Natürlich schlüpft man beim Schreiben auch in die ein oder andere Rolle, aber so ist es natürlich viel authentischer, abwechslungsreicher und mir gefallen Franzis Texte ausgesprochen gut. Wir wollten zuerst gar nicht unsere Namen unter die Texte setzen, um offen zu lassen, welcher von einer Frau, welcher von einem Mann geschrieben wurde, aber kann es sein, dass ich abschweife?

Franziska: Nein, eigentlich schweifst du nicht ab, denn die Diversität von Sexualität und die Vielfalt von Körpern darzustellen war ja von Anfang an unser Ansinnen. Da ist so ein Austausch von verschiedenen Perspektiven enorm bereichernd. Uns unterscheidet nicht nur das Geschlecht. Wir sind zwei unterschiedliche Menschen mit ganz unterschiedlichen Wahrnehmungen und Vorlieben. Was uns bei diesem Projekt vereint ist die Neugier am Erleben von Erotik und Sexualität bei ganz unterschiedlichen Voraussetzungen. Vor allem eben bei ganz unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen. Wir wollten beide diesen Schritt weiter gehen: Über die Funktionalität eines Körpers hinaus hin zum Erleben, hin zur Phantasie, zum Experimentieren mit den gegebenen Möglichkeiten. Denn genau da, wo man sich einfach drauf einlässt, verliert die körperliche Funktionsfähigkeit ihre Relevanz; eine Behinderung wird zur Randnotiz.

Wie wichtig ist euch Erotik in der Kunst? Ist dieses Thema nicht in letzter Zeit etwas überstrapaziert worden oder habt ihr das Gefühl, „Sexualität“ ist immer noch ein Tabuthema in unserer Gesellschaft?

Franziska: Es gibt noch immer Bereiche die wenig wahrgenommen werden. Andere wiederum erfahren eine völlige Überzeichnung. Ich denke, da würde ein bisschen Ausgleich guttun. Davon abgesehen sind Sexualität und Erotik eine so essentielle Triebfeder der Menschen, dass dieses Thema wohl nie an Spannung verlieren wird – weder auf individueller noch auf gesellschaftlicher Ebene. Sexualität ist so vielfältig und wandelbar wie die Menschen selbst. Wenn dabei dann noch verschiedene Personen zusammenkommen – was beim Sex ja durchaus nicht ungewöhnlich ist – potenzieren sich diese Möglichkeiten nochmals.

Benjamin: Überzeichnet trifft es ganz gut, denke ich. Ein Tabuthema ist es natürlich nicht, aber es wird meiner Ansicht nach sehr unilateral behandelt, zu plastisch. Und diese Überstrapazierung des Körperlichen beeinflusst uns natürlich, formt unsere sexuelle Wahrnehmung. Es ist schwer, sie selbst zu entdecken und unbefangen zu erkunden, wenn wir von allen Seiten, sei es durch Medien oder Mitmenschen, nur ein sehr engstirniges Bild von Sexualität suggeriert bekommen. Es ist eben sehr oberflächlich und das empfinde ich schon als Verlust im menschlichen Miteinander.

Bei welchen Projekten habt Ihr bislang mitgewirkt bzw. wirkt Ihr mit, wer sind Eure PartnerInnen?

Franziska: Mit den Ausstellungsprojekten kommt da eine ganze Menge zusammen. Darum beschränke ich mich hier mal auf die Bücher. Wie du anfangs schon erwähnt hast, habe ich die Illustrationen für das „Seroquälmärchen“ von Jennifer Sonntag angefertigt. Ebenfalls aus einer Kooperation mit Jennifer und ihren Partner Dirk Rotzsch ist ein Beitrag entstanden, bei dem es darum geht, wie blinde und sehbehinderte Menschen erotische Bilderwelten wahrnehmen. Dieser ist im Oktober letzten Jahres im erotischen Jahrbuch „Mein heimliches Auge“ beim konkursbuch-Verlag erschienen. Im Frühsommer 2020 erscheint zudem bei Springer der Erfahrungsband „Mutterschaft und Wissenschaft. – Die (Un)Vereinbarkeit von Mutterbild und wissenschaftlicher Tätigkeit“, wo ich als Autorin und diesmal sogar ganz ohne Illustrationen beteiligt bin. Es geht dabei um Rollenbilder und den wissenschaftlich-gesellschaftlichen Diskurs zur Pränataldiagnostik, bzw. genetischer Optimierung, der mich stark beschäftigt hat, da die Behinderung meines Partners erblich ist.

Benjamin: An Jennifers „Seroquälmärchen“ habe ich ebenfalls als Grafiker mitgewirkt, wie ich auch einige Cover der Edition Outbird entworfen habe, aber es geht hier sicherlich um ein künstlerisches Wirken? Puh, hier muss ich wirklich mal eine Antwort verweigern, zu viele Projekte, immer viel zu viele…

In euren Notizen zum Interview habt ihr beide Ursula Egglis „Herz im Korsett“. Seht ihr in diesem Themenfeld literarischer Aufarbeitung psychischer oder physischer Behinderung ein bisheriges Brachland?

Benjamin: Es kommt eben immer darauf an, wie. Aufarbeitungen gibt es ziemlich viele, aber wenig überzeugende. An Ursula Eggli gefiel mir die ungehemmte Ehrlichkeit, die so natürlich rüberkommt. Ihre Schreibe ist einfach so bescheiden offenherzig, das finde ich gut.

Franziska: Neben Literatur gibt es noch einige gute andere Formate wie Blogs, Podcasts etc. Es gibt da eine ganze Reihe an spannenden Menschen und Formaten, die in diesem Themenbereich sehr aktiv sind: Raul Krauthausen, Kübra Sekin, Ypsilon, 100percentme, PsychCast, sexabled, … Solche Formate bieten vor allem in Bezug auf Barrierefreiheit einige Vorteile gegenüber einem gedruckten Buch und sind so für Menschen mit den verschiedensten Behinderungen zugänglich. Sie sind aber auch Leuten zu empfehlen, die sich mit dieser Thematik bisher noch nicht intensiver auseinandergesetzt haben, da viele grundlegende Fragen aufgegriffen werden.

Ihr erlebt den Alltag mit Behinderung aus verschiedenen Perspektiven. Was ist gut und woran mangelt es? Und vor allem: Wo seht Ihr die Möglichkeiten, die Mängel zu überwinden?

Franziska: Mir werden am häufigsten die Barrieren in den Köpfen bewusst. Sobald Menschen erfahren, dass ich eine Beziehung mit einem schwerbehinderten Partner führe, werden sie mir und uns sehr deutlich. Oft wird davon ausgegangen, dass ich ihm sehr viel helfen und unterstützen muss und er ohne meine Hilfe im Alltag und mit den Kindern nicht zurechtkommen würde. Das es auch genau anders herum sein kann, nämlich dass ich meine wissenschaftliche Karriere und meine künstlerischen Projekte ohne seine Unterstützung gar nicht in diesem Maße verfolgen könnte, das ist für einige wohl unvorstellbar. Aber genau das bedeutet doch Inklusion. Ein Miteinander auf Augenhöhe, von dem alle Beteiligten etwas haben. Ich denke, essentiell sind dafür gegenseitige Toleranz und Achtung, ergänzt um das notwendige Maß an Gelassenheit und Friedfertigkeit, die allerdings nicht Gleichgültigkeit oder Ignoranz bedeuten. Außerdem mehr aufrichtige (An)Teilnahme und Interesse, die allerdings nicht Voyeurismus und Mitleid sind. Vielleicht lässt sich so ein größeres Maß an Nähe, Menschlichkeit und Zuneigung, fernab von Egoismus, Eifersucht und Instrumentalisierung erreichen. Und bei Diskursen würde uns allen wohl etwas mehr Reflektiertheit und außerdem ein Humor, der auch Selbstironie umfasst, guttun.

Benjamin: In Bezug auf Behinderung kann ich diese Frage gar nicht beantworten. Die Behinderung als solche hat Vor- und Nachteile im Alltag. Aber es mangelt definitiv an Selbstreflektion und das obwohl wir alle so in unseren Ich-Welten gefangen sind. Daran kann man wirklich verzweifeln, diese schon physisch wahrnehmbare Unzufriedenheit überall, gepaart mit dem Unmut, einmal seinen Kokon zu durchbrechen und etwas Neues zuzulassen. Das geht auch auf den Sex… von Liebe will ich gar nicht erst anfangen. Ach, man müsste einfach lieben können, aber wer kommt damit noch zurecht? Fuck, so können wir nicht enden, oder? Franzi, noch ein paar Schlussworte? Es ist noch früh am Morgen, da brauche ich immer ein paar Stunden, um mich mit der Welt zu versöhnen.

Franziska: Das liegt einfach daran, dass du Kaffee verabscheust… Ich fand eigentlich „man müsste einfach lieben können“ ein sehr schönes Schlusswort. Denn darum geht es doch am Ende: Wenn wir unseren Mitmenschen, aber auch uns selbst einfach mit ein bisschen mehr aufrichtiger Liebe begegnen, dann wird das schon…

Vielen Dank für das Interview.

Danke auch!

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweis: Edition Outbird, Matthias Raasch, Stef Schmidt, Franziska Appel
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