„„Dilemma Nullzone“ ist die symbolische Darstellung meiner inneren Wirklichkeit: die noch immer zerbombten Häuser, Horden von Ratten…“ – Gerry X im Interview zu „Dilemma Nullzone“

Im Mai 2020 veröffentlichte Gerry X, nach einer selbst für Edition Outbird ungewöhnlich langen Reifephase, seine Novelle „Dilemma Nullzone“, ein Stück Erzählkunst, das herkömmliche Genres sprengt bzw. außer Acht lässt. Ein kleiner Haufen abseitiger Charaktere macht sich auf den Weg, den von Rosa Luxemburg definierten Freiheitsbegriff zu erkunden. Die Erde, wie wir sie kennen, existiert nicht mehr. Folglich rasen sie mit ihrem Gefährt über stinkende Hügel zivilisatorischen Restmülls, im Buch auch „planetarische Restmülldeponie“ genannt.

Gerry, entspricht die von dir beschriebene dystopische und charakterliche Welt in „Dilemma Nullzone“ deiner Innenwelt? Oder einer Vision?

Zunächst … innere Welt? Ich bevorzuge von der „inneren Wirklichkeit“ zu reden. Das Wort Welt, oder genauer: der Begriff Welt impliziert eine Totalität, ein Ganzes, das wir nicht erfahren können. Wir begegnen unserer zerrissenen inneren Wirklichkeit, zugleich von Erfahrungen geschaffen und zugleich diese Erfahrungen formend, gestaltend… Wir sind nur Fetzen der Welt… Lass mich Rimbaud zitieren: „Was kann das Blech dafür, wenn es als Trompete erwacht? Und ICH ist immer ein anderer.“ Insofern ist die je eigene Wirklichkeit dystopisch – ein surrealer Dadaismus. Also … sagen wir… „Dilemma Nullzone“ ist die symbolische Darstellung meiner inneren Wirklichkeit: Köln in meiner Kindheit, die auch noch Ende der sechziger Jahre immer noch vorhandenen zerbombten Häuser – unsere Spielplätze. Und Ratten … Horden von Ratten … das prägt und wirkt prägend… Ach ja! Vision! Da lass ich doch mal Jean Genet zu Wort kommen: „Dichtung ist eine Vision der Welt, die erreicht wird durch eine manchmal erschöpfende Anstrengung des gespannten Willens.“ Also … ich bin das Dilemma…

Ist diese Welt die zwangsläufige Konsequenz der unsrigen oder gibt es noch Hoffnung?

Hoffnung!? Ha! Ich beschäftige mich nicht mit Hoffnungen. Und das Szenario von „Dilemma Nullzone“ ist nicht zwangsläufig… Es könnte schlimmer kommen. Der Kampf des Menschen gegen den Menschen für den Menschen um den Sinn von Freiheit ist noch nicht entschieden. Daher verhalte ich mich hoffnungslos solidarisch, um den Verheerungen des Kapitalismus – die permanente Entwertung von allen und allem – entgegen zu wirken. Vermutlich eine Sisyphos-Aufgabe…

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Du vermagst mit wenigen Worten die eigenwilligsten Figuren zu skizzieren: der grobschlächtige, Helligkeit verachtende, Rattenblut saufende Big Sure, der auf technisches, philosophisches und psychologisches Weltverständnis ausgerichtete Arthur, der versoffene Mojo, der hinter allem und jedem eine Sinfonie zu verstehen sucht, die abgehärmte, resignierte Sonia Raskolnikov auf der Suche nach Godot… Woher nahmst du die Inspiration für diese Figuren?

Hm… Ich mache nie vorweg einen Plan für einen Text – sofern er nicht politischer Art ist. Ich denke es geschieht einfach. Gewiss spielen da viele Faktoren eine Rolle: die permanente Auseinandersetzung mit Literatur und Philosophie, aber auch Politik. Und nach und nach verdichtet sich einfach all das, was man erlebt hat, sei es draußen auf den Straßen, bei der Lektüre bestimmter Texte – sie werden zu Bildern und dann zu Figuren, die dann letztlich die symbolische Reproduktion all dessen darstellen, was die eigene Existenz ausmacht. Es geschieht … und man setzt sich an den Schreibtisch… Es muss raus!

Dein Stoff spielt mit Dostojewskis Sonia ebenso wie mit Godot, um letztlich in den Landwehrkanal und die Ermordung Rosa Luxemburgs, Karl Liebknechts und zahlreicher anderer Widerstandskämpfer zu münden. Wo schließt sich in dieser hoffnungslos verlorenen Welt der Kreis? Was ist die Aussage dahinter?

Ho! Ho! Ho! Ich wollte dem Leser keine ausdrückliche Botschaft vermitteln. Es ist doch so: Erst der Leser vervollständigt den Text … Roman, Prosa usw. Er macht sich ein Bild davon. Ich wollte lediglich daran erinnern, dass auch noch eine andere Freiheit möglich ist, als bloß die hedonistische… Nein! Welche Aussage, Botschaft übermittelte uns James Joyces „Ulysses“?

Du selbst bist ja auch politisch engagiert, sitzt im Stadtrat von Meerbusch. Siehst du deine Arbeit dort als das Erbe Luxemburgs und Liebknechts? Was sind deine politischen Schwerpunktinteressen?

Erbe…? Oh, das würde ich mir nicht anmaßen… Gewiss, ich liebe Rosa. Und daher bedeutet sie auch für mich eine Verpflichtung. Und ich verehre Liebknecht. Nun ja … Meerbusch ist die zweitreichste Stadt von NRW – was die Einkommensverhältnisse der Einwohner betrifft. Insofern war es auch schon eine Leistung der Partei „Die Linke“ Meerbusch, überhaupt in den Stadtrat zu kommen. Es ist auch in dieser Stadt nicht alles Gold, was glänzt… Schwerpunkte sind selbstredend sozialer Wohnungsbau – da haperts ungemein -, städtische Maßnahmen zur Eindämmung der heraufziehenden Klimakatastrophe … Integration usw.… Aber zu meinen wesentlichen politischen Punkten zählt: Die simple Koordinate von Oben und Unten, der Herrschenden und Beherrschten aus den Köpfen zu treiben. Also … die X-Achse deutlich zu machen. Das bedeutet: Demokratie beginnt und endet nicht an der Wahlurne. Demokratie ist ein permanenter Diskurs: Was wollen wir und wie gestalten wir sie, wie lassen wir unseren Willen wirkmächtig werden? Dazu muss man keine Parteimitgliedschaft eingehen. Demokratie … der Wille dazu, was soll sie uns bedeuten, wie wollen wir sie gestalten? Demokratie sollten wir alle sein … und nicht nur an Wahltagen. Ansonsten werden wir die genannten Verwerfungen nicht beseitigen können… Du hast ja gefragt… Ich weiß, ich existiere in Widersprüchen. Ein Nihilist… der für die Demokratie in die Bresche springt…

Deinem Sprachbild kann man sich kaum entziehen. Es wirkt bisweilen, als hätte man die Stimmung einer Hollywooddystopie in Worte gegossen und verweist auf einen Autoren, der nie konform ging mit einer Welt des Mainstreams. Welche Filme, Musikstücke oder Bücher waren für dich oder insbesondere für „Dilemma Nullzone“ Einflussgeber? Was hat dich literarisch inspiriert?

Oh, das ist eine lange Liste… Da wären zu nennen William S. Burroughs, Naked Lunch, Soft Machine, Jean Genet, Notre Dame de Fleur, Alfred Döblin, Berlin Alexanderplatz und James Joyce, die Lyrik von Dylan Thomas. Nur um diese zu nennen… Und Musik? Ja. Frank Zappa, Neil Young, Charly Parker, Miles Davis, und natürlich die Doors, Jim Morrison. Und was Filme betrifft … ich gehe gerne ins Kino, wenn ich es mir leisten kann… Aber besonders beindruckt war ich von dem Film „Dead Man“ von Jim Jarmusch. Den dürfte ich an die hundertmal gesehen haben. Ha … Augenblick! Ich möchte etwas über Sprache sagen. Also Sprache spricht über Sprache, über sich selbst. Wir existieren nur in und durch die Sprache, die Vielzahl der symbolischen Zeichen, deren Bedeutung sich jeweils kontextual verändern, unendlich… Ich wurde oft belächelt wegen meiner Behauptung, die Lyrische Sprache sei exakter als die mathematische Sprache der Naturwissenschaften. …Ein Taubenschwarm im Ellenbogen seiner Verzweiflung nistete… Das nenne ich exakt. Das ist die Realität, die wir in und durch die Sprache erleben. Oh, ich höre besser auf, sonst sitzen wir hier noch stundenlang… „Dilemma Nullzone“ bedeutet die Befürchtung, ja, die ANGST, dass die Zeichen verblassen und letztlich vollends verschwinden. Der Tod der Dichter ist gleichbedeutend mit dem Tod des Universums. Übersteigert!? Was soll’s … es ist so für mich.

Vor einigen Jahren standest du in Jena mit M. Kruppe und Uli Linberg auf der Bühne, M. Kruppe und du mit Headset, Linberg mit Saxophon. Was sich da entfaltete, sprengte alsbald den Begriff Lesung, weil sich eure erschütternden, mahnenden und fesselnden Worte zunehmend in einem surrealen, Burroughs´schen Tosen verloren, einem Teppich aus Klängen, der unter Zuhilfenahme von euch ebenso wie vom Publikum greifbarer Gegenstände anschwoll. Die Veranstaltung war Namensgeber für dein Buch. Könnte man sagen, deine Kunst entwickelt sich weiter, sucht sich neue Kanäle?

Bei dem bisher Geschaffenen stehenzubleiben oder irgendwie fortzuführen ist keine Option. Alles muss anders werden, gestalten und umgestalten, immer neue Ausdrucks- und Darstellungsformen finden, schaffen… Literarisch in Sprache und Stil, Erzählweise und auf der Bühne muss die innere Wirklichkeit greifbar werden. Die Leibseele muss tanzen.

Wann bist Du live zu erleben, gibt es schon geplante Lesungen? Und wird es eine Wiederholung eures Bühnenprogramms „Dilemma Nullzone“ geben?

Gegen Ende August wird die Auftaktlesung in Meerbusch-Osterath in der Kneipe Savanne stattfinden. Zuvor werden wir – Uli und ich – eine Generalprobe auf dem Sommerfest „Die Linke Meerbusch“ auf dem Gehöft eines Genossen und Freundes machen. Aber eine wiedergleiche Tour von „Dilemma Nullzone“ wie 2017 wird es nicht mehr geben. Wir werden unnachgiebiger sein… Danach geht es dann in die Region: Krefeld, Duisburg, Düsseldorf und Köln. Genaue Termine gebe ich dann bekannt… Es ist halt schwierig in pandemischen Zeiten. Ein Video ist derzeit in Arbeit. Aber gewiss ist, dass ich mit meinem Kumpel und Kollege Kruppe wieder auf der Bühne stehen werde. Ich campiere immer noch in Kruppes „Weizenfelder“.

Gerry, ich danke dir für dieses Gespräch.

Null Problemo.

Das Interview führte Tristan Rosenkranz.

Bildnachweise: Edition Outbird, Lisa Ginty
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